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Monatsarchiv für Februar 2016

23. Februar 2016 12:57:14

…immer noch da: Peter Handke

„Alles schon gesagt, bloß noch nicht von allen“, eine alte Weisheit, die man müde und ernüchtert aus vielen Elternabenden mitnimmt und die sicher auch gelten wird, so sollte man meinen, für ein spätes Bändchen über die Gruppe 47, und eigentlich auch bloß über eine der zwanzig Tagungen zwischen 1947 und 1967, die berühmteste allerdings, vor 50 Jahren, 1966 in den USA: Jörg Magenaus „Princeton 66 – Die abenteuerliche Reise der Gruppe 47“ (Klett-Cotta, 223 S., €19,95). Von wegen, das Buch ist exzellent, weil Magenau das Fragliche perfekt auf den Punkt bringt, weil alle – auch und vor allen die Könige – ihr Fett wegkriegen, und weil es einen wundervoll feinen ironischen Ton hat.

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Berühmt wurde die Tagung ja nicht, weil sie das einzige „Auswärtsspiel der deutschsprachigen Literatur“ blieb, sondern weil am abschließenden Sonntag dieser schüchterne Österreicher mit der „schmächtigen Statur eines Kleiderbügels“, Peter Handke, der zuvor schon aus seinem ersten Roman „Die Hornissen“ gelesen hatte, dieser Vierundzwanzigjährige, der die Alten bislang etwas enttäuscht hatte, weil man sich dieses neue kulturelle Ding, über das alle redeten und das er doch verkörperte, wie man gehört hatte, diesen „Pop“, etwas anders vorgestellt hatte, aufrührerischer, markanter, lebendiger, weil dieser Handke also am Sonntag nochmal aufstand und der Gruppe und gleich der ganzen deutschen Literatur schnell und zack die Leviten las: „Ich bemerke, dass in der gegenwärtigen deutschen Prosa eine Art Beschreibungsimpotenz vorherrscht“ – ein unglücklich gewählter Begriff, wenn man seine analytische Seite nimmt, denn Handke meinte eigentlich das Gegenteil: nicht dass keiner mehr beschreiben könne, sondern dass alle nur noch beschrieben! Perfekt gewählt allerdings dann doch, denn der schreibenden Elite (außer Böll, Walser und Koeppen waren alle da) mit dem Vorwurf der, räusper, Impotenz zu kommen, holla! – „Man sucht sein Heil in einer bloßen Beschreibung, was von Natur aus schon das Billigste ist, womit man überhaupt nur Literatur machen kann. Wenn man nichts mehr weiß, dann kann man immer noch Einzelheiten beschreiben.“ Und dann: „Es ist eine ganz, ganz unschöpferische Periode in der deutschen Literatur doch hier angebrochen.“ Vorne erstarrten Grass, Enzensberger, Weiss, Johnson, Lettau, Handkes späterer Erzfeind Reich-Ranicki, Jens, und wie sie alle hießen.

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Was wollte der Schnösel eigentlich? Das sollte sich anderthalb Monate später in Frankfurt zeigen, als sein neues Stück „Publikumsbeschimpfung“ am 8. Juni im Theater am Turm Premiere hatte. Regie: Claus Peymann [hier eine Fernsehaufzeichnung der Inszenierung]. Da lag es dann auf der Hand: Er wollte eine „Hinwendung zur Sprache und ihren Bedingungen“, wollte „Ideologiekritik betreiben, lange bevor dies … zur Großdisziplin werden würde“, denn wie Handke selber gleich in der Zeitschrift konkret dazu schrieb, „Es wird vernachlässigt, wie sehr die Sprache manipulierbar ist, für alle gesellschaftlichen und individuellen Zwecke“.
Fünfzig Jahre später ist er immer noch da, Peter Handke, sein neuestes Stück „Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße“ hat am Samstag im Wiener Burgtheater Premiere; Regie: wieder Claus Peymann.
Und derzeit kann sich, wer will, an den Berliner Theatern sein eigenes Handke-Festival zusammenstellen: „Kaspar“, sein Spiel über die Zurichtung des Menschen per Sprache, hat das Berliner Ensemble im Repertoire, sein später Geniestreich „Immer noch Sturm“ ist immer mal wieder auf der Hinterbühne der Kammerspiele des Deutschen Theaters zu sehen, „Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße“ dann als Gastspiel im Mai am Berliner Ensemble. (Im Spielzeitheft 2015/16 des DT ist für den 24. März die Premiere einer Inszenierung der „Publikumsbeschimpfung“ in der Regie von Jette Steckel verzeichnet – auf der Homepage nicht mehr. Schade.)
Und vorher natürlich unbedingt Jörg Magenaus exzellentes Buch lesen!

 
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