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Monatsarchiv für Januar 2017

2. Januar 2017 21:03:32

… intra-national: Ästhetik der Opfersolidarisierung

In den Nachrichten und in Facebook oder anderen Sozialen Medien werden nach jedem fürchterlichen terroristischen Anschlag irgendwo in der Welt Bilder der Wahrzeichen der Hauptstädte gezeigt und geteilt, die mit Nationalsymbolen beleuchtet werden. Nach dem Anschlag in Nizza erscheint das Brandenburger Tor in der französischen Trikolore, jetzt nach dem Anschlag in Istanbul, wird die türkische Fahne unter die goldene Quadriga gestrahlt. Ebenso verfährt Paris mit dem Eifelturm und London mit der Tower Bridge.

Ich verstehe natürlich den Impuls zur Solidarisierung mit den Opfern von Terrorakten und begrüße das selbstverständlich und bin auch gewillt, darin eine Äußerung des empathischen Humanismus zu sehen. Aber warum werden dazu weltweit die Nationalsymbole der Staaten/Länder benutzt, in denen die Anschläge stattfinden?

Manchmal mag die Nationalsymbolik ja noch ganz gut funktionieren. Beispielsweise steht die französische Trikolore nach früheren anderen Farbsymbolik-Zuschreibungen heute als Symbol für die Revolution mit dem Leitspruch „Liberté, Égalité, Fraternité“, die immerhin im Zeichen grundlegender Werte und Ideen der Aufklärung geführt wurde. Bei der türkischen Flagge, die in direkter Folge der Flagge des osmanischen Reichs Verwendung fand, kann über die moderne türkische Nationalhymne noch ein Bezug zur freiheitlichen Menschlichkeit hergestellt werden. Dort heißt es:
„O Halbmond, ewig sieggewohnt // Scheine uns freundlich // Und schenke Frieden uns und Glück, // Dem Heldenvolk, das dir sein Blut geweiht. // Wahre die Freiheit uns, für die wir glühn, // Höchstes Gut dem Volk, das sich einst selbst befreit.“

Aber dennoch möchte ich mir die Nationalsymbole nicht als Automatismus zur Soli-Bekundung aufdrängen und unterschieben lassen. Die Frage ist doch, warum sollten die Nationalstaaten als die Angegriffenen gelten, denen andere beistehen möchten? Die Symbolik legt jedenfalls nahe, dass Deutsche Türken beistehen, doch ist nicht vielmehr die liberal-freiheitliche Gesellschaft angegriffen, die eben gerade supra-national humanistische Standards setzt und international zusammenhalten muss gegen die Ideologie des fanatischen Hasses? Mir wäre lieber der Symbolgehalt würde transportieren, dass Berliner/innen, egal woher sie kommen, Menschen in Istanbul beistehen, egal woher diese kommen.

Mir ist bewusst, dass damit zu viel von einfacher Symbolik gefordert wird, aber wir müssen dennoch aufpassen, dass nicht die Nationalisten als legitimierte Gegner zum religiös-ideologisierten Terror angesehen werden. Wäre es so, hätten die Terroristen mal wieder erreicht, was sie wollen: Sie wollen Menschen spalten verunsichern und in Gruppen teilen, die sich alle gegenseitig hassen und bekriegen. Nationalismen wirken dabei wenig versöhnlich.

Dennoch: Ich gebe mir Mühe und ich versuche beim Gedanken an die Opfer nicht nationale Unterströmungen zu fühlen, sondern menschlich. Und ich erkenne, dass Berlin das eigene Stadtwahrzeichen türkisch kleidet, was zumindest ein eindeutiges Zeichen gegen die eigene Überhöhung des Wahrzeichens als deutsches Nationalismus spricht.

 
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