Lesezeichen setzen: RSS Feed abonnieren  Zu del.icio.us hinzufügen Zu Technorati Favoriten hinzufügen Diese Seite zu Mister Wong hinzufügen

Archiv der Kategorie ‘Charlottenburg-Wilmersdorf‘

24. Februar 2011 23:43:53

… für Gerechtigkeit. Berliner Lektion mit Baltasar Garzón

Baltazar Garzón. (c) Instituto Cervantes. Madrid 2007

Universelle Jurisdiktion ist der Rechtsgrundsatz, für den der spanische Untersuchungsrichter an der Audiencia Nacional Baltasar Garzón Real so leidenschaftlich eintrat, dass es ihn sein Amt kostete. 2009 reichte die ultrarechte Beamtengewerkschaft Manos Limpias Klage wegen angeblicher Rechtsbeugung ein, im April 2010 wurde das Hauptverfahren eröffnet, seit Mai 2010 ist Garzón von seinem Richteramt suspendiert. Für den 56jährigen dürfte das das Ende seiner Karriere in der spanischen Justizverwaltung sein. Doch jedes Ding hat zwei Seiten, erklärt Garzón geradezu launig vor dem ausverkauften Saal des Renaissance-Theaters am vergangenen Sonntag. So habe er nun Zeit, seine Beratertätigkeit am Internationalen Strafgerichtshof auszuüben, zu der ihn Luis Moreno Ocampo, der Leiter der Anklagebehörde des IStGH einlud.

Gerechtigkeit und der Appell an die Verantwortung der internationalen Gemeinschaft sind die Mission des Richters, der in seinem eigenen Engagement nie zimperlich war. Wenn es um die Menschenrechte geht, kennt er, der 1993 selbst ein politisches Intermezzo als Staatssekretär der PSOE in der Regierung Felipe González einschob, weder parteiliche noch ideologische Loyalitäten. Er ermittelte gegen die Todesschwadrone der spanischen Untergrundeinheit GAL ebenso, wie gegen die baskische ETA, gegen Pinochet wie gegen die US-Sonderjustiz in Guantanamo, überzeugt, dass internationale Rechtssprechung greifen muss, wenn die nationale Justiz versagt oder untätig ist, oder, wie in Argentinien, Schlussstrichgesetze verhindern, dass die Folter und das Verschwindenlassen der Militärjuntas nach 1976 ungesühnt bleiben. Garzón tritt kompromisslos für die Pflicht zum globalen Handeln ein. Die drei Säulen der institutionalisierten Gerechtigkeit, so erläutert er in Berlin, seien: 1. die Tatsache, dass es für die Verfolgung von Verbrechen gegen die Menschlichkeit – wie übrigens bei der Bekämpfung von Terrorismus und Drogenhandel praktiziert – keine territorialen Grenzen geben darf; 2. die Anerkennung des Prinzips des universellen Opfers, d.h. dass Straftaten dieser Dimension grundsätzlich zu ahnden sind, unabhängig von der Staatsangehörigkeit der Betroffenen und unabhängig davon, wo das Verbrechen geschieht; was 3. impliziert, dass gemäß dem Grundsatz der universalen Jurisdiktion die Strafverfolgung international – durch Ad-hoc Tribunale, Sondertribunale oder den IStGH – erfolgen muss, wenn die lokale Gerichtsbarkeit nicht greift oder nicht greifen will.

Mit der diplomatischen Unruhe, die Garzóns juristische Interventionen in aller Welt mit sich brachten, hätte Spanien vermutlich leben können. Am Ende musste er gehen, weil er es wagte, im eigenen Land das Tuch zu lüpfen, mit dem seit dem Amnestiegesetz des Jahres 1977 die Zeit der Franco-Diktatur bedeckt worden war. Zwar hatte man akzeptiert, dass der umtriebige Richter die Aufhebung der Immunität Silvio Berlusconis beantragte und den Tod des spanischen Reporters Couso durch US-amerikanische Schüsse auf das Hotel Palestine in Badgad untersuchte, doch den Blick auf das eigene Land und dessen frankistische Vergangenheit wollte man nicht mehr goutieren.

Vergessen ist jedoch keine Option, wenn die Menschenrechte auf dem Spiel stehen, wenn Kriegsverbrechen, Genozid und Verbrechen gegen die Menschlichkeit verübt werden. Davon ist Baltasar Garzón überzeugt, und dafür wird er sich weiter streitbar und unermüdlich weit aus dem Fenster lehnen. Wenn nicht als Beamter eines spanischen Gerichts, dann als Berater am Internationalen Strafgerichtshof, als Manuel Rivas Interviewpartner in Isabel Coixets Dokumentarfilm Escuchando al Juez Garzón oder als eloquenter Redner bei den Berliner Lektionen. Es geschieht zu viel Unrecht in der Welt. Einmischung ist unerlässlich!

Zum Videostream der Berliner Lektionen vom 20. Februar 2011

 

 

1. Februar 2011 18:11:07

… drei: Tom Tykwer gibt Nachhilfe zur Auflösung des deterministischen Biologieverständnises

(Entweder JavaScript ist nicht aktiviert, oder Sie benutzen eine alte Version von Adobe Flash Player. Installieren Sie bitte den aktuellsten Flash Player. )

Der ideale Ort, um den neuen Film von Tom Tykwer Drei anzusehen, ist natürlich das Eiszeit Kino. Dort hat man fast das Gefühl, die Geschichte würde live über einige Außenkameras ins Kinoinnere übertragen, da eine ganze Reihe der wichtigsten Filmsets in direkter Nachbarschaft liegen: Das Badeschiff, das Jolesch, das Prinzenbad, die Hochbahn, die Bürgermeister-Imbissbude, usw. Dennoch ist es weniger ein Kiez-Film, als vielmehr ein Milieu-Film. Einigermaßen gut situiert und arriviert im Bereich der Berliner Creative-Industries tummelt sich in großer Gewohnheit ein langjährig zusammenlebendes Pärchen. Sie ist Redakteurin und Moderatorin in einem TV-Kulturjournal, das eine Kopie der 3sat-Kulturzeit zu sein scheint, er leitet ein etwas dümpelndes Unternehmen, in dem er für Künstler deren Entwürfe für Skulpturen oder Installationen umsetzt. Man ist liberal, debattiert ähnlich angeregt über Kopftuchverbote wie Begräbniskulturen, hat eine schöne aber mit Büchern und Bildern vollgestopfte Wohnung, liebt gutes Essen beim Österreicher, aber genehmigt sich auch mal ein bisschen kiezigen Fastfood, besucht Ausstellungen und Theater und versucht sich dabei totzdem ein bisschen körperlich fit zu halten. Mit anderen Worten das dargestellte Pärchen ist genauso alt wie ich, lebt ganz genau so – theoretisch freizüg und praktisch kleinbürgerlich – wie ich und mein ganzes Umfeld. Ich hatte wirklich das Gefühl, die Lebensgeschichte eines Freundes erzählt zu bekommen, zumal auch noch reihenweise Bekannte im Film erschienen, die einfach als sie selbst auftauchten. So wie sonst Stars kleine Gastauftritte als sie selbst bekommen, kommen in Drei die Normalos von nebenan vor die Kamera. Die Milieustudie trifft also ziemlich genau.

Und dann, im einem Moment, in das gezeigte Paar, allerdings jeder für sich, in eine mehr oder weniger bedrohliche Lebenskrise kommt, tritt da einer in das Leben der beiden, der ganz anders ist: … Weiterlesen

 

Autor:

 

28. Januar 2011 19:39:17

… aufgestoßen: Grüne Woche – ein deutsches Völlegefühl

Jedes Jahr im Januar:
Menschen durch die Hallen schieben,
ob’s ein einzelner nur war,
wird als Masse doch getrieben.
Passt in diesen Bauch noch etwas rein? Ja oder nein?!

Wurst, Fleisch, Fisch, Lärm ohne Ende,
Verkäufer mit Hallotria,
Bier, Wein, Werbung, Zwischenwände,
hoch die Gläser, ist doch klar!
Passt in deinen Kopf noch etwas rein? Ja oder nein?!

Schwere Beutel, rote Köpfe,
lachen, tanzen, bisschen snacken;
guck dem Chefkoch in die Töpfe.
Her den Schnaps und Kopp in Nacken.
Kann das gut für deine Leber sein? Ja oder nein?!

Hochgezüchtet, kann kaum laufen,
und die Super-Zeugungs-Hoden -
hörst du dort den Bullen schnaufen -
hängen beinah bis zum Boden.
Passt dies Tier noch in die Tierwelt rein? Ja oder nein?!

Pfeif auf alle Dioxine!
Kauf nur billig – spar Prozente.
Jedes Tier wird zur Maschine,
kriegt auch Öl; Medikamente.
Welcher Dreck soll noch hinein? Armes Schwein!

Nahrungsqualität wird sinken.
Geschmacksverstärker-Batterie,
Konservierungsstoffe winken,
es grüßt dich: Deine Allergie.
Aus welchem Stoff wird mal dein Körper sein? Oh, nein.

Irgendwann wird man uns testen,
Mensch, dann sperrt man dich in Boxen,
pumpt dich voll und wird dich mästen,
wird dich halten wie den Ochsen.
Alptraum, Alptraum, halte ein. Lass mich sein.

 

Autor:

 

27. September 2010 15:43:52

… voller Tasten: Piano City lädt zu Pianisten nach Hause

(Entweder JavaScript ist nicht aktiviert, oder Sie benutzen eine alte Version von Adobe Flash Player. Installieren Sie bitte den aktuellsten Flash Player. )

Die Idee ist einfach und genial: Fast jeder Pianist hat zuhause einen Flügel oder mindestens ein Klavier stehen und es wäre doch super, wenn überall dort in den Wohnzimmern kleine Hauskonzerte stattfänden, mit Programmen, die die Pianisten am liebsten spielen. Gedacht getan – Piano City ins Leben gerufen. Inzwischen ist die Bewerbungsfrist abgelaufen (>Übersicht aller Bewerbungsvideos) und das Programm mit über 70 Hauskonzerten ist online. Am Samstag, 23. und Sonntag, 24. Oktober ist es soweit, aber Achtung: Man muss vorher die Tickets über die Website kaufen.

Es gibt Selbstkomponiertes, Klassik, Jazz und alles andere. Mir scheint darunter sind einige Perlen, aber sicher auch ein paar Spinner – also sehr interessant!

Übrigens: Mein Bruder Roman Hengge ist auch dabei.

 

Autor:

 

5. Januar 2009 01:36:24

… all zu nett: Dieter Landuris in den Wühlmäusen

(Entweder JavaScript ist nicht aktiviert, oder Sie benutzen eine alte Version von Adobe Flash Player. Installieren Sie bitte den aktuellsten Flash Player. )
Diesen Song „Marlene“ performt Dieter Landuris deutlich flotter, in einer Pappschachtel stehend, mit nichts als einem Stringtanga und einer Perücke begleidet. Echt pfiffig.

Dieter Landuris ist so einer, dessen Namen man nicht kennt, aber dessen Gesicht wohl fast jedem und jeder bekannt sein dürfte. Man hat ihn schon in gefühlten 128 deutschen Fernsehfilmen als verführerischen Latin-Lover, als Schönling, als sexy Hippie, als lieben Schwiegersohn und ähnliches gesehen. Er ist einer, der auf die Rolle des kleinen Mannes mit einfühlsamem Blick und Macho-Alluren abonniert ist.

Dieses Rollen-Klischee persifliert er nun mit einem kaberettistischen Soloprogramm, das er hauptsächlich mit schmissigen Songs bestreitet. Er tritt als sieben (oder mehr?) verschiedene Typen auf, darunter ein Zigeuner, ein Italiener, ein Russe, ein Franke, ein Passauer, ein Franzose, ein Zahntechnikassistent, die alle mit unterschiedlichen Akzenten und ein paar wenigen typischen Attributen gekenntzeichnet werden – also wie bei Comedy-Veranstaltungen üblich: ein Klischee toppt das nächste. Dieter Landuris bleibt in allen Rollen immer ein charmanter Unterhalter mit reichlich Selbstironie und einer Spur gebremster Frivolität. Es geht irgendwie immer um Affären und … Weiterlesen

 

Autor:

 

31. Oktober 2008 02:04:08

… dicht: gedrängte Kunst als Berliner Liste

Eric Parnes, Sex Drugs and Rock‘n'Roll
Eric Parnes, Sex Drugs and Rock‘n'Roll

Es ist ja so irre viel Kunst in der Stadt, dass langsam der Platz auszugehen scheint. Der Auftakt zum Kunstmessen Wochenende machte die Berliner Liste, diesmal im Haus Cumberland am Kurfürstendamm 193-194. Das alte Grand Hotel mit seiner verflossenen Eleganz bietet eine malerische Kulisse, die gegenüber der ausgestellten Kunst manchmal etwas überpräsent ist. Viele Galerien kommen mit den zum Teil sehr kleinen Räumen, die sie zur Präsentation nutzen, nicht wirklich gut zurecht. Da werden schon mal große, grob gemalte Bilder in einem 10 Quadratmeterraum in annähernd Petersburger Hängung präsentiert, und man kann die Bilder nur noch auf der Ebene des Duktus betrachten. Das ist nicht nur für Besucher, sondern insbesondere auch für die Künstler manchmal eine gewisse … … Weiterlesen

 

Autor:

 

1. September 2008 10:09:08

… erpressbar: Alfred Hellmann zockt überzeugend Kaufhäuser ab

Alfed Hellmann Vor den Hymnen Berlin Krimi

Kaufhauserpressung scheint sich wirklich zu lohnen! Glaubt man Alfred Hellmanns neuem Berlin-Krimi VOR DEN HYMNEN, so fließen Milllionenbeträge, die von den Unternehmen gezahlt werden – denn es gibt Versicherungen dagegen, und der Rufschaden kann enorm sein.
Um den Verlust der Berliner Sontexa-Versicherung in Grenzen zu halten und vor allen Dingen seine Stellung im Unternehmen zu festigen, hat sich der ehrgeizige Johann Widera etwas besonderes einfallen lassen: Er heuert eine Söldnertruppe an, die Erpressern auf die Finger klopft. Dass die Aktion aus dem Ruder läuft, ein Mann erschossen wird und die Polizei auf merkwürdige Zusammenhänge stößt, macht dem Maseratifahrer Widera das Leben schwer. Besonders unangenehm wird es, als Kriminalhauptkommisar Viktor Land von der 9. Mordkommission auf die Sache angesetzt wird, denn Land denkt über den Tellerrand hinaus, wittert Zusammenhänge, wo andere gar nichts sehen, scheut nicht vor Konfrontationen mit Vorgesetzten zurück, und bleibt auch an einem Ball, der ins Abseits zu kullern scheint. So stößt er etwa … … Weiterlesen

 

 

15. August 2008 18:06:35

… beschwimmbar: Das Projekt 2011 macht die Spree sauber

Still aus dem gezeigten Video

Es ist eine Idee, die so zwingend ist, dass man sie einfach umsetzen muss. Als mir Ralf Steeg, der Initiator und Vordenker des Projektes Spree2011, vor einigen Jahren von seinen Ideen erzählt hat, hatte er mich nach 20 Sekunden überzeugt. Es ist genial einfach, löst viele Probleme, ist billig und wird das Leben der Berliner im Umgang mit ihrem Fluß verändern.

Das Problem:
Die Spree kommt als sehr sauberer Fluß in Berlin an, denn im Oberlauf gibt es keinerlei schwerwiegende Verschmutzer. Die Wasserqualität wird innerhalb Berlins eigentlich nur dadurch beeinträchtigt, dass bei starken Regenfällen, die Kanalisation, die das Wasser von den Straßen in die Kläranlagen leiten soll, kurzfristig überfordert ist und dann das überschüssige Schmutzwasser direkt in die Spree abgeleitet wird. Was die Spree also dreckig macht, ist Schmutz von den Straßen Berlins.

Die Lösung:
Man legt an den Stellen, an denen das Schmutzwasser in die Spree eingeleitet wird, Auffangtanks ins Flussbett, … … Weiterlesen

 

Autor:

 

27. April 2008 19:12:52

… zyklisch moderner Jazz: [EM] im A-Trane

(Entweder JavaScript ist nicht aktiviert, oder Sie benutzen eine alte Version von Adobe Flash Player. Installieren Sie bitte den aktuellsten Flash Player. )

[EM]: Was für ein Name? Zumal für ein Trio. Doch man erkennt daran gleich, dieses Trio versteht sich konzeptionell als Band. Überhaupt wird in dieser Band vieles konzeptioniert: Die drei Musiker, Michael Wollny (Piano), Eva Kruse (Bass) und Eric Schaefer (Drums) sind alle nicht nur hervoragende Musiker, sondern auch Komponisten, die in der Regel gleich ganze Werkzyklen erarbeiten. Zyklen z.B. zur Frühromantik oder zum japanischen Horrorfilm, die auf durchnummerierten Konzeptalben ([EM] 1, [EM] 2, [EM] 3) veröffentlicht werden. Auch daran erkennt man wie geordnet und planvoll hier modern Jazz gebaut, gelebt, improvisiert und inszeniert wird. Wirklich verblüffend ist dann aber, dass bei so viel intellektuellem Zugang kein verkopftes Gefrickel entsteht, sondern ganz im Gegenteil, sehr gefühlvoll und zugänglich musiziert wird. Neben experimentellen und geräuschvollen (oder besser geräuschreichen) Passagen erklingen ganz einfache sparsame Melodien und wunderbar strahlende Harmonien. Zusammen wird das wirklich schön: emotional, melancholisch, interessant, impulsiv, verträumt und nie langweilig. Das Konzert im A-Trane war (besonders im ersten Set) ein sehr eindrucksvoller Abend.

 

Autor: