Lesezeichen setzen: RSS Feed abonnieren  Zu del.icio.us hinzufügen Zu Technorati Favoriten hinzufügen Diese Seite zu Mister Wong hinzufügen

Archiv der Kategorie ‘Friedrichshain-Kreuzberg‘

22. Dezember 2011 14:12:25

… drauf: Glücksstück von Helena Waldmann im Radialsystem

Man wird vorweihnachtlich empfangen: der Blick fällt in eine Art Manege überstanden von einem gold glitzernden Beduinenzelt, ein fröhlich gepfiffener Loop aus dem Intro von Mr. Bojangles ertönt. Es ist ein Ort zum glücklich sein. Die Tänzer treten auf, lächeln charmant, alles swingt verführerisch, alles ist ganz leicht. Doch irgendwann wird dieses Glück doch ein bisschen langweilig, man fragt sich, ob das schon alles war, was an Glück möglich ist und so allmählich verändert sich die Wahrnehmung des Angenehmen in eine Endtäuschung. Wut kommt auf, darüber, dass andere vielleicht noch glücklicher sind, dass man das eigene Glück nicht halten kann, oder auch darüber, dass man es sich selbst durch Zweifel, Ehrgeiz oder Neid zerstört. Diese gesellschaftlich verordnete Pflicht zum Glücklich-sein kann schön richtig nerven. Überall diese Ratgeber und das allgemeine Streben nach Glück, koste es was und schade es wem es wolle. Man kann wahnsinnig werden darüber …

Besonders gefallen hat mir die Musikauswahl und die Interpretationen von einzelnen Stimmen oder Stimmsätzen: da wird eine Trompete zum Weinen eines Babys, um das sich ein Vater fürsorglich kümmert, ein Bläsersatz zur wütenden Publikumsbeschimpfung und ein Gesang zu gnadenlosen Befehlen von erbarmungslos glücklichen Nussknackern. Auch die Einzelleistungen des vier Tänzer (André Soares, Brit Rodemund, Moo Kim und Tobias M. Draeger) waren ebenso mitreißend dynamisch wie sinnlich gefühlvoll, wobei besonders Moo Kim nicht von dieser Welt zu sein scheint: er tanzt einfach grandios energetische Solos.

Es war ein großes Glück, dieses Stück zu sehen und es bleibt zu wünschen, dass es wieder mal zu sehen sein wird.

 

Autor:

 

30. November 2011 10:09:13

… Filmsalat: Libido im Bratenrock

(Entweder JavaScript ist nicht aktiviert, oder Sie benutzen eine alte Version von Adobe Flash Player. Installieren Sie bitte den aktuellsten Flash Player. )

Obwohl (oder gerade weil?) es sich hierbei um „die wahre Geschichte einer Begegnung“ zweier bedeutender Männer und einer ebenfalls bekannten Frau handelt, spielt dieser Film quasi in einem Reinraum: Staubfreie Luft, gerade Wege, beschnittene Sträucher, schneeweiße Kragen, trockene Dialoge und garantiert erotikfrei. Keira Knightley müht sich als Sabina Spielrein wirklich redlich, die hysterischen, epileptischen Anfälle einer seelisch Kranken nachvollziehbar zu machen. Allein man sieht es, dass sie schauspielt. Michael Fassbender als (Carl) Gustav Jung und Viggo Mortensen als Sigmund Freud führen über einen Zeitraum von gefühlten zehn Stunden Dialoge und Briefwechsel zu psychoanalytische Themen, insbesondere über die Rolle der Sexualität und deren Folgen für die Welt. Es wird aber nicht nur analysiert, sondern mit Sabina auch praktiziert - ohne dass Gustav seine Gamaschen ablegt.

Besonders bizarr verläuft ein Gespräch - die übrige, große, Freudsche Familie hört de facto hypnotisiert mit und verputzt dabei ihr sonntägliches Bratenstück – über Libido und andere Herausforderungen, derweil der allgegenwärtige Zigarrenqualm den Durchblick zusätzlich vernebelt. Ich frage mich – und der andere Zuschauer im Saal vielleicht nun auch – ob David Cronenberg in diesem Film dem Klischee vom Psychoanalytiker entgehen wollte, in dem er es haarklein und stinklangweilig genau so vorführt, wie man meint, dass es wäre. Ich habe versucht aus den hochgestochenen Dialogen etwas zu lernen oder Ironie zu extrahieren, wo doch keine war. Schade, denn alle drei waren interessante, tragische Persönlichkeiten. Das Film-Wirken der beiden Männer erinnert mich jedoch fatal an einen auch heute zu beobachtenden Trend: Wenn ich von einer Sache schon nicht viel verstehe, kann ich aber immer noch Ratgeber werden und Leute coachen. Übrigens heißt der Streifen: „Eine dunkle Begierde“.

Dieses Kinoerlebnis fand übrigens im „Moviemento“ statt, dem – laut Eigenwerbung - ältesten (gegründet 1907) Kino Deutschlands. In dem Haus am Kottbusser Damm 22 ist immer was los. Vorgestern z. B. strömten einige Schulklassen mit angeregten Gesichtern aus der Vorstellung, nachdem sie sich vorher den, 2010 herausgekommenen, Streifen „The Social Network„ angesehen hatten. Im dem Kino, dass ja eigentlich aus mehreren kleineren Sälen besteht, herrscht Arbeitsatmosphäre und Improvisationsgeist. Von letzterem kündet u.a. der über dem Empfangstresen hängende Lampenschirm: Er war in seinem früheren Leben mal eine Waschmaschinentrommel.

Noch älter als das „Moviemento“ ist auf jeden Fall Max. Nachname Skladanowsky. Geboren 1863 in Pankow, gestorben am 30.11.1939, also heute vor 72 Jahren, in Berlin. Max Skladanowsky war mit seinem Bioscop einer der Wegbereiter des Films!

 

Autor:

 

8. November 2011 17:04:29

… Krautrock: Jaki Liebezeit im Festsaal Kreuzberg und Can im Künstlerhaus Bethanien

Als mir vor drei Jahren der Schauspielintendant der Wuppertaler Bühnen Christian von Treskow erzählt hat, dass er sich derzeit sehr für alles Kraurrockige interessiere, war mir dieses Interesse noch sehr fremd. Kraurock ist was für Ü50 Menschen dachte ich, doch als dann Jaki Liebezeit in Wuppertal spielte, hörte ich mich in dessen heutige Musik ein und wurde im Handumdrehen zum „Fan“. Als Ex-Drummer liegen die verdrehten und ungeraden Rhythmen des ehemaligen Can-Schlagzeugers natürlich voll auf meiner Wellenlänge und der in den 60er-Jahren geschulte Elektromusiker Burnt Friedmann bringt so viel Ideenreichtum mit, dass es gegenüber seinen technoiden 90er-Jahre Nachfolgern eine wahre Wonne ist.

Das Duo spielt am 15. Dezember wieder mal in Berlin im Festsaal Kreuzberg. Schon letztes Jahr traten sie in der Volksbühne auf. Damals war es doch sehr meditativ und ruhig, wenn nicht schon einschläfernd. Besonders auch, weil die dazu gebeamten Videobilder so mitreißend waren, wie das ausgedehnte Betrachten einer blubbernden Lavalampe. Ich hoffe das wird diesmal etwas lebhafter visualisiert (oder gar nicht).

Ebenfalls dem Krautrock verpflichtet ist die kommende Ausstellung (ab 24. November) über die Band „Can“ im Künstlerhaus Bethanien. Wahrscheinlich ist die 50+ Generation inzwischen einfach als bestimmende Kuratoren-Generation angekommen und beschäftigt sich nun öffentlich mit der Aufarbeitung ihres jugendlichen Musikgeschmaks. Da sich dies derzeit gut mit  gewissen, nerdigen Jugendvorlieben verbindet, scheint die Zeit reif dafür.

Im Allgemeinen empfehle ich zur gesamtgesellschaftlichen Krautrock-Einfinung diesen BBC-Film (auf englisch). Da lässt sich nachvollziehen, wie eine ganze Musikergeneration nach eigenständig deutschen, von der Vergangenheit unbelasteten Ansätzen suchte.

(Entweder JavaScript ist nicht aktiviert, oder Sie benutzen eine alte Version von Adobe Flash Player. Installieren Sie bitte den aktuellsten Flash Player. )

 

Autor:

 

30. Oktober 2011 21:01:37

… Zeit(en)umstellung: Knopfler, Dylan und Richards

Gestern brachten Mark Knopfler und Bob Dylan ihr groß angekündigtes Konzert in der O2-Halle Berlins über die Bühne. Manche werden dies später vielleicht einmal als legendäres Treffen stilisieren. Für mich passt es jedoch haargenau zu diesem Wochenende: Zeit(en)umstellung. Man hörte bei diesem Musikereignis, das faktisch ein Doppelkonzert war, keine Tageshits, sondern Jahre überdauerndes.

In der nahezu ausverkauften Mehrzweckhalle begann Knopfler pünktlich auf die Minute seine wunderbaren Gitarrensoli zu zelebrieren und – gemeinsam mit seiner Band – satten Klangteppiche auszubreiten. Während die ersten drei Titel rythmisch-rockig mit Blues-Elementen daherkamen – es ist einfach ein prägendes Bild und ein wunderbarer Klang, wenn fünf Gitarren zugleich auf der Bühne tätig sind – wurden anschließend einige Songs mit Folkklängen gespielt. Die Zuhörer, insbesondere die Dire Straits-Fans, waren aber doch beglückt, dass dann „Brothers in Arms“ zu hören war. Knopfler, die ganze Zeit sanft und freundlich, spendierte am Ende eine Zugabe.

Nach der Pause erschien Dylan, seine Bandmitglieder mit dunklen, er mit einem hellen Hut und legten sofort los. Mark Knopfler spielte während der ersten vier Titel mit, u.a. bei „It’s all over now, Baby Blue“. Beide agierten zusammen, vermieden es aber, nach vorn an die Rampe zu gehen. Der Abgang Knopflers von der Bühne war dann ein kurzer, davon huschender Schatten. Dylan und seine Band spielten einfach nur großartigen Rock‘n Roll. Daran änderte auch seine krächzende Stimme und der abgehackte Bellgesang, der an einen gereizten, wütenden Dorfköter erinnerte, nichts. Vielleicht wollte er damit nur jene hinausbegleiten, die das Konzert vorzeitig verließen. Fast am Ende gab Dylan dem Publikum mal wieder eine neue Version von „Like a Rolling Stone“ zu Gehör. Warum gefällt mir die ursprüngliche Fassung immer noch am besten? Zum Abschluss stellte Bob Dylan seine Band vor, verbeugte sich mit ihr vor dem jubelnden Publikum und verließ, ohne eine Zugabe zu gewähren, die Bühne.

Die Zeit(en) nagt an den Menschen und ihrem Tun - obwohl man es bei manchen nicht glauben mag. Neben Bob Dylan könnte man dafür auch die Rolling Stones nennen. Im Grunde ist man jedoch dankbar, dass die alten Helden immer noch spielen. Was bleibt? Keith Richards unterschrieb auf dem Bucheinband zu seiner Autobiografie „LIFE“ diesen Satz: „This is the life. Believe it or not. I haven’t forgotten any of it. Thanks+Praises.“ Manchmal muss man nicht glauben, sondern kann sehen oder hören.

 

Autor:

 

7. September 2011 15:07:20

… verhauen: Latschenklatscha für fast alles

<br />

Seit einigen Tagen finden sich in Kreuzberg kleine Plakate (schwarz/weiß-Kopien), die hauptsächlich auf den Wahlplakaten von allen Parteien kleben. Überall sind Slogans in der Form „Latschklatscha für …“ zu lesen, die sich vordergründig gegen Gentrifizierungsphänomene wenden (auf einem Plakat steht auch ausdrücklich „Latschenklatscha für Gentrifizierung“). Auf den Bildern sieht man lauter hippe, junge Leute, die mit einem Latschen oder einem Schuh bewaffnet dem Betrachter drohen.

Das Ganze ist doch ziemlich unausgegoren und ich verstehe nicht so recht was es soll. Gestern Abend sah ich einen Rastafari-Typen, der das Plakat „Latschenklatscher für Gentrifizierung“ fotografiert und zu mir sagte „recht so!“, eine Freundin dachte es sei bestimmt eine geschickte Werbung für eine Schuhmarke, und da die Abgebildeten doch eher nach kreativer Mittelschicht aussehen, kommen die Prekariatsgesten doch eher karikaturesk oder sarkastisch rüber. Auch die Formulierung mit dem „für“ ist missverständlich. Meint „Latschenklatscha für Mauerpark“ nun, dass man den Mauerpark mit einem Latschenklatscha unterstützt oder ablehnt? Irgendwie habe ich den Eindruck, dass sich das Projekt eher über die Echauffiertheit der Gentrifizierungsgegner lustig macht, als dass es auf deren Seite steht.

Wahrscheinlich mochte irgendein Fotograf einfach das Wort „Latschenklatscha“, hat einige seiner Freundinnen und Freunde zusammengetrommelt, um bei einer Party ein paar grelle Fotos zu schießen, die ja wirklich ganz lustig sind. Jetzt klebt die Schnapsidee halt als irgendwie politische Wall-Art in den Straßen und ist was es ist: eine Schnapsidee. Immerhin besser als Schnaps zu saufen, und keine Ideen dabei zu entwickeln!

latschenklatscha_3

Auch andere berichteten …

 

Autor:

 

3. September 2011 12:15:34

… local: Hero – Fotoausstellung der Bildagentur ShotShop

<br />
Das Zögern des Helden: „Soll ich es wirklich angehen?“

Es ist eine Heldenaufgabe, diese Ausstellung zu betrachten. Über 11 Stationen begibt man sich von einem Zustand des Heldendaseins zum nächsten, von der Ruhe (CALM) vor dem Ruf (CALL) des Abenteuers, und dem Zögern (REFUSAL) vor dem Aufbruch (DEPARTURE), stellt man sich nach dem Überschreiten des Punktes, an dem es kein zurück mehr gibt (CROSSING), der Herausforderung (Contest), nach deren siegreichem Bestreiten man belohnt wird (REWARD) und zurückkommt (RETURNING), um nun in Form einer Geschichte als Kern einer Saga wiedergeboren zu werden (RESURRECTION), wodurch man die Unsterblichkeit erlangt (TRANSFORMATION).

Zu diesem Schnellabriss einer Heldengeschichte sind Bildgruppen assoziativ zusammengestellt, mit denen die jeweilige Begrifflichkeit ganz unterschiedlich visuell bespielt und ausgeweitet werden. Die hier zu sehenden „lokalen Helden“ brauchen weder Superkräfte noch Kostüme und stellen sich dennoch im richtigen Augenblick ihrer Aufgabe und Bestimmung.

„LOCAL: HERO“ ist die Jubiläumsausstellung zum 5-jährigen Bestehen der Bildagentur ShotShop, die im Tagesgeschäft als MidStockAgentur fest in der Werbewelt verankert ist. Mit der schlüssig kuratierten Zusammenstellung (48 Bilder, 24 Fotografen, viele aus Berlin) bewegen sich die Macher aber bewusst aus dem normalen Kontext der Hochglanzmagazine mit ihren stereotypen Klischeebildern heraus. Hier werden spontane, persönliche und geradezu antiwerbliche Bilder gezeigt, wodurch die Frage nach der Wertigkeit der Fotografien aufgeworfen wird. Es ist ein offenes Geheimnis, dass die gleichen Fotografen mit ihrem echten Namen Fotos über Galerien im Kunstmarkt verkaufen (wenn es gut läuft zu Preisen im vierstelligen Bereich) und über Pseudonym im StockMarkt anbieten (dann zu Preisen im ein- bis zweistelligen Bereich). Die Bilder dieser Ausstellung fragen laut „warum?“. Warum ist das eine Bild nur 30 Euro wert und ein anderes vom gleichen Fotografen, vielleicht sogar aus der gleichen Serie, 3000? Jedenfalls halten alle ausgestellten Arbeiten der Herausforderung stand, sich im Rahmen dieser „Fotokunst“-Ausstellung zu behaupten.

Esmod Haus, Görlitzer Straße 51, Berlin-Kreuzberg
Öffnungszeiten:
03.-04. September 2011, 16-22 Uhr
09.-11. September 2011, 16-22 Uhr

<br />
Kurator Stephan Krömer bei der Führung durch die Ausstellung
 

Autor:

 

8. Juli 2011 19:23:37

… bein dran: Zwei Künstler viele Extremitäten


Tension Watercolour Series

Weil ich mir ein 8 ins Hinterrad meines Farrads gefahren habe, ging ich heute mal zu Fuß die Köpenicker Straße entlang, nachdem ich das Rad beim Fahrradladen zur Reparatur aufgegeben habe. In der dort angesiedelten Galerie ZERO sind gerade Arbeiten von Timothy Kebdall Edser ausgestellt, der sich (wie schon so viele vor ihm) mit dem eigenen künstlerischen Körper, seinen Reglementierungen, Abhängigkeiten und Begrenztheiten auseinandersetzt. Irgendwie bin ich seither auf dem Anatomie-Trip, den seine Arbeit erinnerte mich sofort an die extremitätisch verschlungenen Street Art oder Graffiti-Werke von IRGH.

Um das abzurunden fehlt eigentlich nur noch der Dry Bones Song 😉

(Entweder JavaScript ist nicht aktiviert, oder Sie benutzen eine alte Version von Adobe Flash Player. Installieren Sie bitte den aktuellsten Flash Player. )

Was für ein Durcheinander!

 

Autor:

 

8. Juli 2011 13:25:06

… trendy: Fashion Week 2011

elisabethondanieltorresshow
Fashion Show von Daniel Torres Berlin

Aus familiären Gründen war ich auf einer Fashion Show, auf der drei Designer/innen ihre Kollektionen vorstellten. Die Show simulierte große Geschäftigkeit und Angesagtheit, doch bei den Gesprächen, die ich mit verschiedenen Leuten führte, hatte ich das Gefühl, dass eigentlich nur Freunde, andere Modedesigner und Eltern der Models herumsaßen und sich gegenseitig beklatschten. Ich frage mich, was so eine Fashion Show den Designern im Vertrieb wirklich bringt? Vermutlich ist der einzige Sinn darin begründet, dass dabei ein Video entsteht, das die Vorstellung von großer Mode mit Bildern unterfüttern kann, um die Idee von Trend, Sexiness und Erfolg für sich selbst und die Kunden aufrecht zu erhalten.

Die größte Sehnsucht nach Schönheit und Popularität schienen mir einige Model-Eltern zu haben. Mit ihren kleinen Knipsen sitzen sie in der ersten Reihe und fotografieren ihre Töchter beim Catwalk, nachdem sie sich ein Gratis-Piccolöchen eingepfiffen haben, um die lange Wartezeit totzuschlagen. Vollgestopft mit der Hoffnung auf den großen Durchbruch und den besten Wünschen für ihre Schützlinge. Die Models reagieren größtenteils mit abgeklärter Langeweile und sind kaum gelaufen auch schon wieder weg zur nächsten Show, für die sie dann vielleicht auch mal ein paar Euro bekommen. Ansonsten alles für die Mappe, Ruhm und Ehre. Sehr merkwürdige Szene.

 

Autor:

 

29. Juni 2011 16:49:50

… Filmkritik: „Beginners“

(Entweder JavaScript ist nicht aktiviert, oder Sie benutzen eine alte Version von Adobe Flash Player. Installieren Sie bitte den aktuellsten Flash Player. )

Bei diesem sonnigen Wetter sitzen viele lieber im Park, als ins Kino zu gehen. Einige haben sich aber gestern im Filmtheater am Friedrichshain dennoch den Streifen „Beginners“ – Regie Mike Mills – angesehen. Um es vorweg zu nehmen: Dieser Streifen ist unpathetisch, unspektakulär, ohne vordergründige Botschaft - durchaus untypisch für amerikanische Filme - und dennoch sehenswert.

Erst nach dem Tod der Mutter erfährt Oliver (Ewan McGregor) von seinem Vater Hal (Christopher Plummer), dass dieser schwul ist. Für den Sohn, der als Kind unter der ständigen Abwesenheit seines Vaters gelitten hat, was auch die liebende, unkonventionelle Mutter nicht ausgleichen konnte, ist das ein später Mosaikstein, der zu seinen bisherigen, unverarbeiteten Erlebnissen hinzukommt. Der Vater will in seinem weiteren Leben - nun als geouteter - neu durchstarten und lässt sich dabei auch von der Nachricht der Ärzte, dass er Krebs habe, nicht aus der Bahn werfen. Der Sohn lernt in dieser Zeit die junge Französin Anne kennen (Melanie Laurent), die bezaubernd aussieht, aber auch etwas aus einer ungeklärten Vater-Tochter-Beziehung mit sich herumschleppt. Das leise Tasten der beiden Menschen, die Annäherung auf einander zu, aber immer wieder auch die Hilflosigkeit, mit der Leere und Last umzugehen, wird in diesem Film von beiden Schauspielern glaubhaft dargestellt. Die berührenste Szene erlebt der Zuschauer jedoch, als der Vater, kurz vor seinem Tod, dem Sohn das Kennenlernen und die Heirat mit der Mutter schildert.

„Beginners“, den die Kamera in ruhigen Bildern vorführt, hat etwas sperriges, manchmal trostloses und selten hoffnungsvolles – darüber kann auch der Filmtitel nicht hinwegtäuschen. Er hinterlässt dem Zuschauer nicht nur Sichten auf die Homosexualität, ihre Eigenheiten, Beklemmungen im Zusammenleben , alles bezogen auf die letzten 40 Jahre des 20. Jahrhunderts, sondern vor allem Fragen zum Verhältnis von Eltern zu ihren Kindern. Es gibt auch heute noch tausende, die, selbst wenn sie darüber kaum sprechen und inzwischen schon erwachsen, davon – im doppelten Sinne des Wortes – betroffen sind.

 

Autor:

 

13. Juni 2011 21:35:56

… zu Pfingsten: Originales und Originelles

Es ist immer interessant, nach dem Denken, Fühlen und Handeln der Menschen zu fragen. Was bewog zum Beispiel den Hauseigentümer in der Revaler Straße, an seine Hauswand den, aus einem Ovid-Zitat herrührenden, Spruch „Tempora si fuerint Nubila solus eris“ (Wikipedia: „Im Unglück wirst du allein sein“) anbringen zu lassen? Hatte er, um nur zwei Möglichkeiten anzuführen, bereits beim Kauf die Vorahnung, dass er seinen Kredit nie würde zurückzahlen können oder schwante ihm bereits zu diesem Zeitpunkt, dass seine Frau ihn verlassen würde?

Ebenso unbekannt sind die Motive jenes Sprayers, in erwähnter Straße auf einem Hausdach, dass von der Fussgängerüberführung am S-Bahnhof Warschauer Straße gut sichtbar ist, den Spruch „DEUTSCHLAND VERRECKE!!! KOPI BLEIBT!“ für die lesende Nachwelt zu hinterlassen. Vielleicht hat der Mann weder Arbeit noch Wohnung und seine Wut ist groß. Möglicherweise führt er aber auch ein ganz zufriedenes Leben und zieht mit seinen Spraydosen durch’s Land.

Auf dem vormaligen RAW-Gelände, südlich der Revaler Straße, welches den Eindruck eines in Auflösung befindlichen Lagerplatzes macht, scheint es überwiegend glückliche Menschen zu geben. Während sich am gestrigen, frühen Abend einige gutgelaunte Bewohner, mit einer Flasche Bier in der Hand, von der Sonne den Nebel des Vorabends aus den Köpfen vertreiben ließ, gingen andere ihrem Beruf nach und bedienten Gäste. Dass auf dieser besonderen friedrichshainischen Enklave deutsche Edelautos u.a. mit den Kenzeichen WI… und ERH… herumstanden, irritierte nicht nur auf den ersten Blick.

Beeindruckend war der Menschenstrom, der sich – ameisenkolonnengleich – vom S-Bahnhof Warschauer Straße hin zum gleichnamigen U-Bahnhof, weiter über die Oberbaumbrücke nach Kreuzberg und andererseits die Warschauer hoch bewegte, wobei  ein kleiner Teil der Menge auch in die touristisch überfrequentierte Simon-Dach-Straße abbog. Nur vereinzelt waren Pfingstausflügler hingegen in der Oberbaumcity vertreten. Hier, an der leider geschlossenen Zwinglikirche und den historisch interessanten, sanierten Industriebauten (heute BASF, früher NARVA, ganz früher Osram und Wasserwerke) mit dem ersten Hochhaus Berlins in der Rotherstraße, waren die Bewohner des Viertels überwiegend unter sich.

Sehr eng unter sich war man am Sonnabend im Schienenersatzverkehr von Storkower Straße Richtung Schönhauser. Der Busfahrer gab sich große Mühe, mitfahrende Touristen, vielleicht auch ein paar neue Zuzügler zu erschrecken. Er fuhr schnell, bremste scharf und brachte seine Durchsagen mit Grabesstimme und ohne jede Emotion über das Mikrofon. Busfahrer und Politessen sorgen ja ab und zu dafür, dass die Begeisterung der Einheimischen und Besucher für Berlin auch mal abgekühlt wird. Zu Stadt-Originalen werden beide Berufsgruppen damit aber noch lange nicht.

 

Autor: