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Archiv der Kategorie ‘Deutschland‘

21. November 2016 15:43:39

… noch demokratisch: Das Ergebnis des globalen Wahljahrs 2016

Persönlichkeit entscheidet

„Wahlkampf“ – dieser Begriff steht seit dem Jahr 2016 für etwas anderes als zuvor. Bislang ging die Gesellschaft davon aus, dass wahlkämpfende Politiker/innen von Dingen reden, die sich auf ihr politisches Handeln beziehen, oder zumindest auf das ihrer Gegner/innen. Das ist vorbei. Ab jetzt ist Wahlkampf einfach die Zeit, in der manche alles tun, um zu gewinnen. Inhalte, Fakten, Programme sind unwichtig geworden, es geht nur noch um Übereinstimmung von Form und Mensch. Wer Dinge so sagt, dass man das Gefühl hat, der meint das so wie er/sie es sagt, ist im Vorteil. Dabei ist vollkommen gleichgültig was gesagt wird. Egal ob absurder Blödsinn, ausgrenzende Ideologie oder groteske Vorhaben – Glaubwürdigkeit hat sich von Vernunft gelöst.

donald-trump_doubble-speaking
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18. September 2016 19:05:33

… politisch: die linke Mehrheit in der Hauptstadt

Die Wahl in Berlin 2016 ging genau so aus, wie erwartet und genauso erwartbar sind die Fehler, die nun bundespolitisch gemacht werden – besonders bei den Parteien der C-Union.

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Alles auf Grün? – Nicht ganz. Aber alle wollen: Alles auf menschlich und alles fair und vor allem, endlich alles besser machen!

Die Berliner*innen waren – bis auf die kleine Gruppe der verwirrten AfD-Wähler*innen – durchaus in der Lage die politischen Felder zwischen der Bundes- und Landesebene zu trennen. Eine übergroße Mehrheit wollte ein Ende des rot-schwarzen Koalitionsfilzes und vor allem wollten nicht mal mehr CDU-Wähler*innen Frank Henkel im Senat haben. Das bestimmende Thema war eben nicht die Innere Sicherheit, sondern das Interesse der Menschen, ihre Stadt menschlich zu gestalten. Darum haben jetzt folgerichtig SPD, Grüne und Linke den gemeinsamen Regierungsauftrag für unsere Stadt.

Die Gegner von Angela Merkel in der Union werden jetzt bundesweit alles falsch machen.

Sie werden sagen, dass das Abstrafen der Berliner CDU als Folge der Flüchtlingspolitik zu lesen sei, doch als jemand mit dem Ohr am politschen Puls dieser Stadt, kann ich sagen, das ist eine grobe Fehleinschätzung. In Berlin wurde vor allem die katastrophal provinzielle und intellektuell völlig unterbemittelte Henkelpartei abgewählt. Die einzige Chance, von den eigenen Fehlern in Senatsverantwortung abzulenken, wäre es gewesen, sich demonstrativ hinter Merkel zu stellen. Doch für Haltung war die Großstadt-CDU noch nie bekannt. Genau der Versuch den rechtspopolistischen Schwachsinn (Stichworte „Burkaverbot“ und „Doppelpass“) zu übertreffen, wollen auch Konservative in Berlin nicht mitmachen.

Wie kann sich Merkel nun vor der eigen Partei retten?

Wahrscheinlich gar nicht. Leider ist damit aber auch dem Land nicht geholfen, denn sowohl eine innerhalb der eigenen Partei total geschwächte Kanzlerin, wie ein tumb-dummer Horst aus Bayern, führen zur Aufwertung von AfD und FDP – schlimmer kann es nicht kommen.

Darum hier von mir exklusiv die Lösung für die Kanzlerin und Deutschland: Frau Merkel möge in die SPD eintreten, alle progressiven Teile der CDU-Wählerschaft mitnehmen, die K-Frage für die SPD klären und nach der Wahl, nach dem Vorbild des Wahlergebnis aus Berlin, mit einer Rot-Grün-Roten Koalition dieses Land so gestalten, wie es die existierende Mehrheit der linken Mitte möchte. Nur Mut. Das Volk hat ihn ganz sicher!

 
 

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Deutschland | Politik

 

30. Dezember 2014 22:43:17

… West:Berlin. Eine Insel auf der Suche nach Festland

<p>Bierlokal in der Lehrter Straße, Moabit</p>

Eine Insel. So kam sie einem vor. Mauerstadt. Frontstadt. Stadt der Bewegungen, Stadt in Bewegung. “Keine Atempause, Geschichte wird gemacht” sangen die Fehlfarben in den frühen 1980er Jahren. Da hatte West-Berlin schon einige Jahre Geschichte hinter sich. Und dieser widmet das Stadtmuseum aktuell im Ephraim-Palais eine bunte, informative Ausstellung, die trotz zahlreicher Exponate – vom Amphibienfahrzeug bis zur Bahlsen-Keksschachtel – nur kleine Schlaglichter auf 40 Jahre Leben der knapp 2 Millionen Menschen am Ostrand des geteilten Deutschland werfen kann. Das Konzept der von Thomas Beutelschmidt und Julia M. Novak kuratierten Schau ist sympathisch: „Es gibt keine festgelegte Reihenfolge“, lautet die Einweisung am Eingang. „Sie können die Ausstellung von oben nach unten oder von unten nach oben besichtigen.“
Wir beginnen oben, im 3. OG, wo die Nachkriegsjahre mit Ruinen und Wiederaufbau sich mit Bildern von Blockade und Luftbrücke mischen, und wandern bis ins Erdgeschoss, wo aus privaten Fotografien von Berliner_innen eine eigene kleine Diashow den Parcours durch die Geschichte beendet.
Erinnert wird an Unternehmen, die in der 1961 bis 1989 eingemauerten Stadt blieben oder von den Subventionen der Berlinförderung angelockt in die Stadt kamen: Schering, IBM, AEG, Brinkmann … Modestadt war West-Berlin, Film- und Festivalstadt seit der ersten Berlinale, Ort architektonischer Ikonen: Nationalgalerie, Philharmonie, Hansaviertel … Sie war Metropole des Fortschritts, in der die Straßenbahn visionären und glücklicherweise nie ganz realisierten Autobahnplanungen weichen musste. Die Idee, den Kreuzberger Oranienplatz in ein Autobahnkreuz zu verwandeln, verschwand ebenso in den Schubladen, wie die ehrgeizigen Sanierungspläne geldgieriger und nicht selten korrupter Baulöwen. Nicht zuletzt dank des massiven Widerstands der wachsenden Jugend- und Bürgerinitiativen. Die Abschottung half der Alternativbewegung, eigene Biotope zu entwickeln: Auf TUNIX folgte TUWAT, die taz, die erfolgreichen Instandbesetzungen und die legendären 1. Mai-Demos. Gleichzeitig lebte im Vakuum des Kalten Krieges West-Berlins aber auch der Schwarze und Rote Filz der Regierenden. Die „Stadt am Tropf“ sorgte für erfolgreiche Reisemodelle. Wer die Transitstrecke mit den behäbigen und zeitraubenden Kontrollen in Dreilinden, Drewitz, Helmstedt usw. meiden wollte, flog mit BEA, PanAM oder Air France über den realsozialistischen Gürtel – erst die „Zone“, dann die DDR – hinweg. Busreisen waren populär, wie heute wieder.
Das Meer – die Ostsee – war nah und doch so fern, aber eigentlich genügte man sich hier selbst.
All das und mehr lässt West:Berlin in Bild, Ton und Dokumentation wieder lebendig werden. Es ist vergnüglich, zu erinnern, wie es einst hier war. Für diejenigen, die – weil zu jung oder zu weit weg – jene Jahre nicht selbst erlebt haben. Und für nostalgische West-Berliner_innen sowieso. West:Berlin. Eine Insel auf der Suche nach Festland. Noch bis zum 28. Juni 2015 im Ephraim-Palais am Nikolaiviertel. Eintritt: € 7,00.

 
 

 

5. Januar 2014 01:27:42

… schwarzweißbunt. Barbara Klemm. Fotografien 1968-2013

<br />Brandt, Bonn, 1973  © Barbara Klemm

Bonn, 1973  © Barbara Klemm

Sie fotografiere nicht in Farbe, und nur analog, sagte sie einmal in einem Interview, das das fotoforum 6/2013 in einem Sonderdruck dokumentiert. Doch ihre Bilder sind von einer so unglaublichen Intensität, dass sie trotz ihres eleganten Schwarzweiß bunt wirken. Lebendig. Bewegt. Mit über 300 Aufnahmen aus fünf Jahrzehnten und zahlreichen Zeitungsseiten widmet der Martin-Gropius-Bau der 1939 in Münster geborenen Fotografin Barbara Klemm eine große Retrospektive, die mehr als einen Besuch lohnt.

Barbara Klemm. Fotografien 1968-2013 zeigt historische (politische) Momente – vom Gespräch Brandt/Breschnew beim Aushandeln der Ostverträge über Heinrich Böll bei Friedensaktionen in Mutlangen bis zum Mauerfall, präsentiert Künstlerportraits und Reisebilder. Auf faszinierende Weise verdeutlicht die Schau die Kunst der Pressefotografie. Es heißt, viele Originale von Klemms Bildern seien Zeitungsdrucke. Seit 1959 arbeitete sie für die FAZ, von 1970 bis 2004 war sie Bildreporterin des Blattes.

<br />Joseph Beuys im Martin-Gropius-Bau  Berlin, 1982  © Barbara Klemm

Joseph Beuys im Martin-Gropius-Bau, Berlin, 1982
© Barbara Klemm

Barbara Klemms Arbeiten wirken nicht wie Elemente kunstvoller Fotoreportagekompositionen, sondern jedes Bild erzählt eine eigene Geschichte, ist ein vollkommenes Werk. Fast magisch zieht es die Betrachterin in seinen Bann, wirft Fragen auf, lädt zum Verweilen und Weiterdenken ein: Was geht in Joseph Beuys’ Kopf vor, während er zwischen den Artefakten seiner Installationen im Lichthof des Martin-Gropius-Baus steht (1982)? Oder sind es schon vollendete Exponate, die im Hintergrund zu sehen sind? Wie kommt der (Beuys-)Schatten auf das Glasdach? Erinnere ich mich an seine Ausstellung? Erinnere ich mich überhaupt an den Wiederaufbau und die Eröffnung des MGB als Ausstellungshalle für Kunst und Fotografie Anfang der 1980er Jahre? Da lebte ich doch schon in Berlin …

<br />Gregor Gysi, Bärbel Bohley, Ulrich Mühe, Heiner Müller  Demonstration Berlin-Ost, 4. November 1989  © Barbara Klemm

Gregor Gysi, Bärbel Bohley, Ulrich Mühe, Heiner Müller.
Demonstration Berlin-Ost, 4. November 1989
© Barbara Klemm

Bilder als Einladung, die nicht nur Staunen hervorrufen (sollen), oder Überraschung und Bewunderung, sondern Mitfühlen, Miterleben. Bilder als Memoiren. Bilder als Zeugen der Vergänglichkeit: Von den vier Protagonisten des Fotos von der berühmten Großdemo auf dem Alexanderplatz am 4. November 1989 – Ulrich Mühe, Bärbel Bohley, Heiner Müller, Gregor Gysi – lebt nur noch letzterer. Und was wurde aus dem Ende eines ganzen Landes und dem Aufbruch in ein neues?

Das Reizvolle an der Retrospektive, die noch bis zum 9. März 2014 zu sehen ist, ist auch die Hängung. Fast scheint sie aleatorisch. Außer einem groben Raster – in den vorderen Räumen Fotografien aus Deutschland, dann Reiseaufnahmen, dann die Künstlerportraits – scheint es kein vorgegebenes Muster zu geben. Ähnlich wie eine Zeitung, die man in beliebiger Reihenfolge durchblättern (und lesen) kann, erlaubt auch die Schau den Blick ohne aufgezwungene Chronologie. Was an publikumsreichen Tagen nebenbei ein enormer logistischer Vorteil ist.

Fotografieren, insbesondere Pressefotografieren, war lange eine fast reine Männerdomäne. Barbara Klemms Alleinstellungsmerkmal geht jedoch weit über den Gender-Aspekt hinaus. Die Ausstellung mit einer „kleinen“ Auswahl aus ihrem vieljährigen Schaffen ist überdies eine feine Gelegenheit, noch einmal Arbeiten zu sehen, die entstanden, als medientypisches Bildschaffen schnell gehen musste und dennoch Intensität und Langlebigkeit generierte. Nicht verpassen!

16. November 2013 bis 9. März 2014
Öffnungszeiten
MI bis MO 10:00–19:00
Eintritt
Einzelticket € 9 / ermäßigt € 6
Eintritt frei bis 16 Jahre
 
 

 

21. September 2013 10:57:38

… verwirrt: was wählt man denn nun bei #btw13?

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Wer heute überhaupt noch wählen geht, hat verstanden, dass er/sie als Wähler/in niemals in Deckungsgleichheit mit der gewählten Partei kommen wird. Man wählt eine Partei weil man glaubt, dass sich mit ihr am ehesten das eigene gesellschaftliche Gefühl Richtung politisches Handeln herausbildet. Wahlkampf darf sich darum nicht auf Details kapriziert, sondern die Grundhaltung der politischen Richtung muss verdeutlicht werden. Das haben aber nur die wenigsten Parteien drauf.

„Fahren auf Sicht“ ist guter Konservatismus

Die CDU und die Kanzlerin macht im Wahlkampf sehr viel richtig. Es geht den meisten Menschen in diesem Land recht gut und es ist klug, dies zu betonen. Besonders wenn die eigene Klientel auf der Gewinnerseite steht, macht es keinen Sinn, die Lage schlecht zu reden. Denn man wählt am liebsten diejenigen, von denen man sich erkannt fühlt, die Partei, deren Lebensgefühl der eigenen Realität am nächsten kommt. Die CDU hat unter Angela Merkel in der letzten Legislaturperiode die Grundfundamente des CDU-Selbstverständnisses eingerissen und ideologisch aufgeladene Eckpunkte des Konservatismus in Schmusethemen abgerundet: Atompolitik jetzt Atomausstieg, Wehrpflicht aus innenpolitischen Gründen abgeschafft, sowas ähnliches wie ein Mindestlohn beschlossen. Übrig geblieben ist die wichtigste aller konservativen Prämissen: Erfolg haben. Damit ist die einzige wahrnehmbare Regierungspartei dem Lebensgefühl der Mehrheit der deutschen Wahlbürger sehr nahe gekommen. Dies schafft sie bekennend durch (Zitat) „eine Fahrt auf Sicht“. D.h. es gibt weder einen Plan oder eine Strategie, noch Haltung oder Überzeugung, sondern nur taktische Reaktion. Und wenn wir ehrlich sind ist das genau so, wie wir uns alle durchs Leben mogeln.

Es ist darum konsequent im Wahlkampf einfach zu sagen: „Sie kennen mich“ – es hat doch eigentlich ganz gut geklappt, fahren wir doch einfach weiter auf Sicht. Handeln, Gefühl und Wahlkampf der CDU passen zusammen, weil die Kampagne vollkommen überzeugungsfrei ist. Wähler werden als Angela Merkel Wahlverein zusammengefasst. Wer ihr vertraut, wählt CDU. Ich kann darum diesmal zum ersten Mal CDU Wähler verstehen.

Grün ist kein Programm, sondern ein Gefühl

Ganz anders machen es die Grünen. In der Opposition zu klaren Überzeugung gelangt, stellen Sie nun ein tatsächlich außergewöhnlich durchdachtes und umfassendes Programm in den Mittelpunkt des Wahlkampfes. Diese Partei glaubt Antworten auf die zentralen Fragen der Gesellschaft und der Zukunft zu haben. Außerdem fühlen sie sich schuldig, mit der Unterstützung der Schröderschen Agenda 2010, einige soziale Ungerechtigkeiten befördert zu haben. Sie fahren darum einen intellektuellen Wahlkampf, der vom Wollen geprägt ist, und natürlich entspricht dieser Ansatz kaum dem Lebensgefühl der grünen Klientel. Grüne Wähler sind zwar besser situiert und besser ausgebildet als der Durchschnitt, aber dennoch erreichen die kleinteiligen grünen Wahlkampfthemen sie nicht. Auch Grünen-Wählern geht es eher gut und sie wollen Deutschland und ihre Lebensrealität nicht schlecht-geredet haben. Natürlich ist es richtig, dass es im Arbeitsmarkt große Ungerechtigkeiten gibt, aber näher am Lebensgefühl der Mehrheit wäre es, zu sagen, „wir können es uns jetzt leisten“, diese Ungerechtigkeiten abzumildern. Wir können uns auch die konsequente Umsetzung der Energiewende leisten, wir können es uns leisten noch viel mehr Flüchtlinge aufzunehmen usw. Ich wünsche mir von den Grünen eine ganz andere Grundhaltung: Jetzt, zu einem Zeitpunkt, an dem die Agendapolitik so viele Menschen in den Arbeitsmarkt gebracht hat, wie noch nie, und Merkles Fahrt auf Sicht durch die Eurokrise sich für Deutschland auszahlt, können wir unser Leben und Handeln ökologisieren. Ich will keine konkreten Prozentzahlen und ausgeklügelte Steuersysteme von den Grünen hören. Als kleine Partei können sie das doch sowieso nie 1 zu 1 umsetzen. Ich will öko-soziale Haltung und grünes Gefühl spüren.

Die FDP ist schlicht indiskutabel

Eine Partei, die sich nach 4 Jahren Regierungsbeteiligung darauf reduziert, Steigbügelhalterin der amtieren Bundeskanzlerin sein zu wollen, ist nicht wählbar. Sich selbst in der Endphase dieses Wahlkampfes zur rein funktionellen Machterhaltungspartei heruntergeschraubt, hat sie jetzt gar kein inhaltliches Thema mehr. So kennen wir sie. Konsequent FDP-typisch. So verhält sich eben eine Lobbyismus-Partei: extrem durchlässig macht sie, was andere ihr sagen. Darum glaubt man auch nicht mehr, dass die FDP tatsächlich freiheitliche Bürgerrechte vertreten könnte. Diese Partei muss endgültig beerdigt werden, damit ein neuer Liberalismus in neuem Gewand auferstehen kann. Die ansonsten chaotischen Piraten zeigen in diesem Feld, wie es gehen kann.

Wie soll man nun zur SPD stehen?

Steinbrück war echt knackig in diesem Wahlkampf. Mit Stinkefinger und Klartext hat er jedenfalls eine Zuspitzung in die Themen gebracht, die im Angesicht der müden Gesichtszüge der Kanzlerin recht belebend wirkte. Schade nur, dass die SPD nicht voll auf den Protz-Peer gesetzt hat und sich verunsichern ließ von den sogenannten Fettnäpfchen. Ich fand seine Auslassungen zu Pinot Grigio und den italienischen Clowns sehr realitätsnah. Da fühlte ich wie er. Programmatisch haben die Sozen mit Sigmar Gabriel an der Spitze in den Oppositionsjahren auf das Volk gehört, nachgedacht und ihre Ideen so deutlich korrigiert formuliert, dass die CDU einfach die Hälfte davon abschreiben konnte. Ich sehe die SPD tatsächlich als bessere CDU.

Wie wählen angesichts der Koalitionswahrscheinlichkeiten?

Mach ich doch mal Kunstbetrachtung und schaue auf das Bild, wie es nun mal ist: Für rot/grün reicht es nicht. Die nervige FDP wird reinkommen – die Lobbygruppen sind stark genug, um sie über die 5%-Hürde zu heben. Nicht so die AfP – es gibt nicht genug revisionistische Rentner. Auch die Piraten sind wieder weg vom Fenster. Frau Merkel bekommt einen dicken Prozentanteil, der für die CDU gewertet wird. Grün schwächelt mit knapp 10% und so könnte es rechnerisch allenfalls für schwarz/grün reichen. Aber so weit sind die beiden Parteien noch nicht. Steinbrück wird höchst zufrieden baldmöglichst die Spitzenposition der SPD verlassen. Seine Partei will trotzdem nicht in die große Koalition. Sie fürchtet nichts mehr, als dass bei den nächsten Wahlen noch mehr Überzeugungswähler davonlaufen. Die Linke kommt ins Parlament und bleibt Außenseiterin ohne Koalitionsoption. Und die Deutschen wollen das scheinbar unmögliche: Kanzlerin Merkel in einer große Koalition.

In dieser Lage hat Die Zeit schön vier Faustregeln für taktische Wähler herausgearbeitet:
Wer die große Koalition will, muss SPD wählen.
Wer schwarz/grün will, muss Grün wählen.
Wer schwarz/gelb will, muss FDP wählen – bitte nicht!
Wem alles egal ist Hauptsache Merkel, wählt CDU.

Wer eine klare innere Überzeugung zu einer Partei hat, sollte sich aber von solchen Überlegungen nicht leiten lassen.

 
 

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2. September 2012 15:25:49

… 775: Das Mittelalter ist unter uns

Spuren des Mittelalters zur 775 Jahrfeier in Berlin

Eher zufällig entdecke ich die Bodenbeschriftung mitten auf dem Gehweg: „Hier lag im 13. Jahrhundert der Hafen von Berlin.“ Sieh an, denke ich mir da. Ein paar Meter weiter auf dem Mühlendamm ist zu lesen: „Heute haben etwa 27 % der Berliner einen Migrationshintergrund. Vor 775 Jahren waren es 100 %.“ Holla, so viele. Na dann gehnwer doch ma ins Internet und schaunwer nach, watn dit nu wieder allet is, wa:

Web App Spuren des Mittelalters

Zum 775 Jahre Geburtstag Berlins wurden zahlreiche Botschaften im Zentrum der Stadt versprüht, die mal einfach nur informativ sind und mal die Auflösung einer Schitzeljagdt darstellen, die man mittels Web-App beim Stadtspaziergang bepirschen kann. Auf der Website „Spuren des Mittelalters“ bekommt man eine Vorstellung davon, wie Berlin einmal ausgesehen haben muss, denn in der heutigen Stadt lassen sich tatsächlich nur noch minimale Überbleibsel erkennen.

Alles sehr informativ, geschickt verschränkt zwischen realer Welt und Info aus dem Web und nett zusammengestellt. Mir gefällt’s!

 
 

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27. August 2012 10:43:43

… am Meer: am Kolumbiadamm liegt der Strand

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Ach, wer hat nicht schon davon geträumt? Die beste Stadt der Welt ergänzt durch einen herrlichen Strand.
Nun kann man tatsächlich traumwandlerisch, zumindest mit dem Finger auf der Landkarte, über phantastische Uferpromenaden gehen – von der Treptower Insel bis zum Schöneberger Strand – und dabei so schöne Sachen besuchen wie das 3D-Alpenpanorama, den Buckminster-Fuller-Dom, die Ägyptische Pyramide oder das Aufstiegsfeld der Mongolfiere (die meisten Sehenswürdigkeiten als gewünschte Überbleibsel der Berliner Gewerbeausstellung 1896 in Treptow). Die Neuköllner Oper steht vor einem Opernplatz, wo man abends die Sonne im Meer versinken sieht (Sidney lässt grüßen), und die romantische Rixburg lockt verliebte Pärchen in die verwinkelten, mittelalterlichen Festungsmauern. Wie schön könnte es sein …

Jetzt zu haben bei Berlin am Meer.

 
 

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19. Juli 2012 15:24:17

… nüchtern strahlend: Atomkraft Fotografien von Thorsten Klapsch

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Heute Abend ist die Finissage einer bemerkenswerten Ausstellung in der Einsenbahnstraße, die im Wesentlichen aus einer Buchpräsentation besteht. Thorsten Klapsch hat über Jahre mit enormem Aufwand und beinahe erschreckender Genauigkeit alle deutschen Atomkraftwerke fotografiert. Das Buch, in dem diese Arbeit zusammengefasst ist, zeigt seine Annäherung aus dem Alltagsleben der Umgebung, über das Gelände in die inneren Flure bis hin zum Kraftzentrum, dem Reaktor mit seinen Schwerwasserbecken. Von dort führt der Weg über die Turbinenhalle und die Kühlanlagen wieder nach draußen in die Welt. Menschen sieht man in den Bildern nur außerhalb der Anlagen – drinnen ist nur Technik. Im Buch gibt es im Bilderteil keine weiteren Informationen zu den Bildern und die Fotografien aus den verschiedenen Kraftwerken stehen unkommentiert nebeneinander. So werden all die Anlagen zu einem symbolischen deutschen Meiler.

Es ist eine neutrale, wertungsfreie Fotografie, die den Blick freigibt für das Außerzeitliche der menschlichen Idee, auch extreme physikalische Energien technisch beherrschen zu können. Die deutschen Kernkraftwerke, allesamt zwischen dem Ende der 1950er und dem Anfang der 1980er gebaut, zeigen sich genau auf der Kippe zwischen Futurismus und beginnendem Verfall. Der kühle Blick durch die Kamera nimmt vorweg, wie künftige Generationen auf diese Technik schauen werden: Verwundert, neugierig, verwirrt und beängstigt.

Ein besonderes Erlebnis ist es außerdem, mit Thorsten Klapsch über seine Erlebnisse in den Atomanlagen zu sprechen. So wird die Neutralität der Fotos noch durch das persönliche Erzählen bereichert: Er wurde permanent und in allen Kraftwerken von zwei Aufpassern begleitet, einem Strahlenschützer und einem Menschen von der Öffentlichkeitsarbeit. In heiklen Momenten gingen die aber auch schon mal raus oder um die Ecke, damit sie nicht so viel Strahlung abbekamen. Ein anderes Mal wurde ihm trotz Foto-Erlaubnis von der Polizei das Auto auseinandergenommen – den Beamten kam die große Kamera zu verdächtig vor. Oder er erzählt von einer Anwohnerin, die beim Location Scouting auf die Frage ob man aus ihrem Garten die Kühltürme sehen würde sagte, sie müsse erst mal kurz rausgehen und nachschauen. Dabei merkt man wie ambivalent das Leben mit Kernkraft ist: Es schwankt permanent zwischen gewöhnlicher Normalität und dem totalen Ausnahmezustand menschlicher Bedrohung.

Absolut empfehlenswert:
Stage Brother’s Inn, Eisenbahnstraße 12, 10997 Berlin
17:00 – 20:00 Uhr

 
 

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22. März 2012 11:23:14

… übersetzt und andere Worte

Eine Ausstellung in der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst und im Kunstraum Kreuzberg
Noch bis zum 15. April präsentieren die NGBK und der Kunstraum Kreuzberg im Bethanien In anderen Worten, ein Schwarzmarkt der Übersetzungen mit Arbeiten von 44 teils in Berlin lebenden internationalen Künstler_innen. Sie thematisieren kulturelle Isolation und Sprache als Herrschaftsinstrument, die sichtbaren und weniger sichtbaren Dimensionen der Vermittlung von sprach- und kulturübergreifenden Botschaften. Dabei macht die Vielfalt der gewählten Medien den performativen Reiz der Schau aus, die sich selbst wiederum im spezifischen Umfeld von Berlin-Kreuzberg als Bühne multikulturell gelebter Begegnung verortet. Den Kurator_innen geht es um Sprache – und Übersetzung – mit Blick auf Dominanz und „Minderheiten“ ebenso wie als schlicht hingenommene Gewohnheit (James Webb, Know Thy Worth), als stilprägende Microsoft-Ikone (Detanico Lain, New Roman Times), als Pseudoidentität (Graciela Guerrero Weisson, Karaoke) oder professionelle Konfusion, deren Zweck darin liegt, Klarheit zu schaffen (Christoph Keller, Interpreters, und Ofir Feldman, WordBank). 7500 Steine, die Paolo W. Tamburella für World Languages im Raum auslegt, stehen für alle lebenden Sprachen, die jeweils für sich existieren, und doch Berührungspunkte haben. Sie kontrastieren mit Miguel Monroys Installation Equivalente – Belege aus Wechselstuben, in denen der Künstler so lange Pesos gegen Euros tauschte, bis die Provision, die dafür zu zahlen war, sein Geld aufzehrt.

Doch Sprache ist mehr als Worte, wie Maria Teresa Sartori in The Sound of Language akustisch belegt: Elf Enzyklopädien und Kopfhörer vermitteln den Klang verschiedener Sprachen, ohne dass man die Worte entschlüsseln könnte.

Im Verweis auf die Produktion neuer Sprachen und neues Schreiben inszeniert In anderen Worten Sprache schließlich auch als subversiven Gegenpol zum Bestehenden oder Gesehenen. Das scheinbar Simple – automatisiertes, maschinengeneriertes Schreiben oder Übersetzungen made by Google – erweist sich in Demian Schopfs Máquina Cóndor und Lorenzo Scotto Di Luzios Babbling Google als sinnlos. Der Übersetzer wird zum Retter (toter Sprachen), der er allein kann sie noch verstehen. Und so widmet Braco Dimitrijevic (1994) ihm ein Tafelbild aus Lettern: „Es lebte einst ein Übersetzer, der keine Fremdsprache beherrschte. … Er übersetzte nicht von einer Sprache in eine andere, sondern von einer in eine andere Zeit.“

Zu dieser inspirierenden Schau erschien ein zweisprachiger Katalog (deutsch/englisch). Mehr unter: www.ngbk.de.

 
 

 
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