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Archiv der Kategorie ‘Geschichte‘

2. April 2012 00:12:42

… Pacific Standard Time

Jedenfalls gilt diese für die großen, bunten Bilder und Mixed Media Arbeiten, die amerikanische Künstler_innen zwischen 1950 und 1980 in, für oder inspiriert von Los Angeles schufen, und die noch bis zum 10. Juni im Martin-Gropius-Bau zu sehen sind. Es ist eine beeindruckende und vielfältige Schau des Getty Research Institute und des J. Paul Getty Museum, deren einzige europäische Station Berlin ist. Präsentiert werden über 70 Werke von 40 namhaften und – hier jedenfalls – weniger bekannten Kreativen, darunter Klassiker wie John Baldessari, David Hockney, Edward Kienholz, Bruce Nauman und Ed Ruscha. Sorgfältig thematisch sortiert nach Stil, Medium oder Trend. Konzeptkunst, Pop Art, Installation, Fotografie und mehr. Viel Sonne im Golden State an der US-amerikanischen Westküste inspiriert zu farbenfroher und variantenreicher Kunst. Dabei kommen die politische Kunst und die künstlerische Auseinandersetzung mit sozialen Fragen keineswegs zu kurz. In einem eigenen Raum finden sich Berliner Visionen von Sam Francis und Edward Kienholz, die auch in und für Berlin Kunst gestalteten.

In einer Ausstellung in der Ausstellung thematisieren die Grüße aus LA mit weiteren 200 Exponaten die Beziehung zwischen Kunst und Gesellschaft: Gezeigt werden Kataloge, Postkarten, Briefe und weiteres Dokumentarisches. In einem weiteren Addendum sind die schönen S/W- Aufnahmen des Architekturfotografen Julius Shulman zu sehen.

Pacific Standard Time. Kunst in Los Angeles 1950-1980 schafft es tatsächlich, an einem von Graupelschauern durchsetzten Vorfrühlingsnachmittag etwas Licht, Sonne und Palmenrauschen aus Kalifornien nach Berlin zu bringen. Die lichte Leichtigkeit, die die Arbeiten transportieren, weckt zugleich (mindestens) einen Tick Fernweh. Während ich mich darüber freue, nächste Woche selbst in Kalifornien zu sein, setzt ein kleines Mädchen mit einem roten Anorak die Inspiration durch Lebensfreude selbst kreativ um: Sie nutzt Mary Corses Untitled (White Light Grid Series VI) als reflektierende Kulisse für Schattenspiele. Mixed Media of the coming generation!

 

 

6. Dezember 2011 21:47:15

… Kaleidoskop des Lebens: „The Family of Man“

Gruppenbildnisse sind insofern etwas besonderes in der Malerei, da sie meist nach Auftrag entstanden und oft Repräsentationszwecken dienen sollten. Die Gemälde geben etwas vom sozialen Status der Dargestellten preis, sind aber auch Hinweis auf die Stellung des Malers und seines Verhältnisses zum Auftraggeber. Manchmal ist jedoch noch mehr zu sehen: So ist RembrandtsDie Anatomie des Dr. Tulp“ eines der interessantesten Gruppendarstellungen in der Malerei überhaupt, denn selten wird der Mensch so anschaulich wie hier zwischen Erkenntnis und Endlichkeit gezeigt. Ein anderes, ebenfalls bekanntes Gruppenbildnis stellt Goyas  - Die Familie Karls des IV“ dar. Der spanische Maler erfasste mit dem Bild offenbar nicht nur den Geschmack, sondern sogar das Wesen dieser damals Mächtigen. Goya hat weder das Imponiergehabe des Königspaares, noch, im besonderen, das Misstrauen, die Eitelkeit, ja Hässlichkeit auf dem Antlitz der Königin und das Kaulquappengesicht des Königs unterschlagen, so dass man sich fragt, wie er mit diesem Gemälde überhaupt die Akzeptanz seiner Auftraggeber erlangen konnte.

Bei Gruppenfotos geht es zunächst einmal um einen Moment, der aber auch wesentliches offenbaren kann. Zwei Beispiele: Das Foto (S. 109) von Arthur Witmann, einem US-amerikanischen Fotografen, zeigt eine Gruppe Menschen in einer offensichtlich unterhaltsamen Veranstaltung. Es bereitet große Freude, auf dieses lebensbejahende Bild zu blicken. Ein zweites Foto sei hier genannt: Vito Fiorenza hat vermutlich (S. 56) eine sizilianische Landarbeiterfamilie abgebildet – zwei Erwachsene und vier Kinder. Die Gesichter des Mannes und der Frau spiegeln große Wahrhaftigkeit und Offenheit wieder, in der Bescheidenheit und zugleich Zuversicht deutlich werden, obwohl die ebenfalls fotografierte Zimmereinrichtung auf ein eher einfaches, karges Leben schließen lässt. Diese Abbildungen und 500 weitere von berühmten, aber auch von weniger bekannten, Fotografen wurden aus tausenden weltweit ausgewählt und in die einmalige Sammlung von Edward Steichen aufgenommen, die er 1955 für eine Ausstellung im The Museum of Modern Art, New York, zusammenstellte. Die Exposition ging danach auf Reisen und ist seit 1994 als Dauerausstellung im Schloss Clervaux (Luxemburg) zu sehen.

Diese Fotos sind aber auch als Bildband (obige Seitenangaben beziehen sich darauf) “The Family of Man“ (zwölfter Nachdruck 2010) erhältlich. Es ist ein großartiges Buch, als Geschenk eine bleibende Erinnerung und seinen Preis von 18,00 € allemal wert! Vielleicht noch erhältlich in der Buchhandlung im Martin-Gropius-Bau bzw. auf Bestellung.

 

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1. Dezember 2011 22:45:02

… zu Ende gegangen: Christa Wolf

„Die Stadt, kurz vor Herbst noch in Glut getaucht nach dem kühlen Regensommer dieses Jahres, atmete heftiger als sonst. Ihr Atem fuhr als geballter Rauch aus hundert Fabrikschornsteinen in den reinen Himmel, aber dann verließ ihn die Kraft, weiterzuziehen. Die Leute, seit langem an diesen verschleierten Himmel gewöhnt, fanden ihn auf einmal ungewöhnlich und schwer zu ertragen, wie sie überhaupt ihre plötzliche Unrast zuerst an den entlegensten Dingen ausließen. Die Luft legte sich schwer auf sie, und das Wasser – dieses verfluchte Wasser, das nach Chemie stank, seit sie denken konnten - schmeckte ihnen bitter.
Aber die Erde trug sie noch und würde sie tragen, solange es sie gab …“

„… Der Tag, der erste Tag ihrer neuen Freiheit, ist fast zu Ende. Die Dämmerung hängt tief in den Straßen. Die Leute kommen von der Arbeit nach Hause. In den dunklen Häuserwänden springen die Lichtvierecke auf. Nun beginnen die privaten und öffentlichen Zeremonien des Abends – tausend Handgriffe, die getan werden, auch wenn sie am Ende nichts anderes bewirken als einen Teller Suppe, einen warmen Ofen, ein kleines Lied für die Kinder. Manchmal blickt ein Mann seiner Frau nach, die mit dem Geschirr aus dem Zimmer geht, und sie hat nicht gemerkt, wie überrascht und dankbar sein Blick ist. Manchmal streicht eine Frau einem Mann über die Schulter. Das hat sie lange nicht getan, aber im rechten Moment fühlt sie: Er braucht es.
Rita macht einen großen Umweg durch die Straßen und blickt in viele Fenster. Sie sieht, wie jeden Abend eine unendliche Menge an Freundlichkeit, die tagsüber verbraucht wurde, immer neu hervorgebracht wird. Sie hat keine Angst, daß sie leer ausgehen könnte beim Verteilen der Freundlichkeit. Sie weiß, daß sie manchmal müde sein wird, manchmal zornig und böse.
Aber sie hat keine Angst.
Das wiegt alles auf: Daß wir uns gewöhnen, ruhig zu schlafen. Daß wir aus dem vollen leben, als gäbe es übergenug von diesem seltsamen Stoff Leben.
Als könnte er nie zu Ende gehen.“

(Erster und letzter Abschnitt aus dem Roman „Der geteilte Himmel“ von Christa Wolf – Aufbau-Verlag, Berlin und Weimar, 1975)

 

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30. November 2011 10:09:13

… Filmsalat: Libido im Bratenrock

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Obwohl (oder gerade weil?) es sich hierbei um „die wahre Geschichte einer Begegnung“ zweier bedeutender Männer und einer ebenfalls bekannten Frau handelt, spielt dieser Film quasi in einem Reinraum: Staubfreie Luft, gerade Wege, beschnittene Sträucher, schneeweiße Kragen, trockene Dialoge und garantiert erotikfrei. Keira Knightley müht sich als Sabina Spielrein wirklich redlich, die hysterischen, epileptischen Anfälle einer seelisch Kranken nachvollziehbar zu machen. Allein man sieht es, dass sie schauspielt. Michael Fassbender als (Carl) Gustav Jung und Viggo Mortensen als Sigmund Freud führen über einen Zeitraum von gefühlten zehn Stunden Dialoge und Briefwechsel zu psychoanalytische Themen, insbesondere über die Rolle der Sexualität und deren Folgen für die Welt. Es wird aber nicht nur analysiert, sondern mit Sabina auch praktiziert - ohne dass Gustav seine Gamaschen ablegt.

Besonders bizarr verläuft ein Gespräch - die übrige, große, Freudsche Familie hört de facto hypnotisiert mit und verputzt dabei ihr sonntägliches Bratenstück – über Libido und andere Herausforderungen, derweil der allgegenwärtige Zigarrenqualm den Durchblick zusätzlich vernebelt. Ich frage mich – und der andere Zuschauer im Saal vielleicht nun auch – ob David Cronenberg in diesem Film dem Klischee vom Psychoanalytiker entgehen wollte, in dem er es haarklein und stinklangweilig genau so vorführt, wie man meint, dass es wäre. Ich habe versucht aus den hochgestochenen Dialogen etwas zu lernen oder Ironie zu extrahieren, wo doch keine war. Schade, denn alle drei waren interessante, tragische Persönlichkeiten. Das Film-Wirken der beiden Männer erinnert mich jedoch fatal an einen auch heute zu beobachtenden Trend: Wenn ich von einer Sache schon nicht viel verstehe, kann ich aber immer noch Ratgeber werden und Leute coachen. Übrigens heißt der Streifen: „Eine dunkle Begierde“.

Dieses Kinoerlebnis fand übrigens im „Moviemento“ statt, dem – laut Eigenwerbung - ältesten (gegründet 1907) Kino Deutschlands. In dem Haus am Kottbusser Damm 22 ist immer was los. Vorgestern z. B. strömten einige Schulklassen mit angeregten Gesichtern aus der Vorstellung, nachdem sie sich vorher den, 2010 herausgekommenen, Streifen „The Social Network„ angesehen hatten. Im dem Kino, dass ja eigentlich aus mehreren kleineren Sälen besteht, herrscht Arbeitsatmosphäre und Improvisationsgeist. Von letzterem kündet u.a. der über dem Empfangstresen hängende Lampenschirm: Er war in seinem früheren Leben mal eine Waschmaschinentrommel.

Noch älter als das „Moviemento“ ist auf jeden Fall Max. Nachname Skladanowsky. Geboren 1863 in Pankow, gestorben am 30.11.1939, also heute vor 72 Jahren, in Berlin. Max Skladanowsky war mit seinem Bioscop einer der Wegbereiter des Films!

 

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22. November 2011 21:58:56

… janz weit draußen: Brunow aus Tejel

Jestatten: Brunow mein Name. Ludwig Brunow. Vawechseln Se mir, deshalb lass ick hier mal die Amtssprache, aba nich mit Ludwig Brunow, Bildhauer und Jroßherzoglicher Professor in Berlin. Der is schon 1913 hinüber, ick aba erst 1929. Vorher war ick in Tejel jahrelang Amtsvorsteher jewesen. Wennset janz jenau wissen woll‘n, von 1874-1903, een halbet Menschenleben. Die heutijen Amtsträjer halten ja nich so lange aus, die meisten wern nach vier Jahre schon wieda rausjekegelt. Dat Schlimme is bloß: Die schielen erst uff det Amt und denn uff die Uffjabe.

Int Jahr 1898 wurde dat Jefängnis fertichjestellt, det wird ja heute noch jebraucht. Zwee Jahre nach meine Ausmusterung als Beamta, also 1905, wurde die Kirche am Platz jebaut. Allet Klinker und heute frisch saniert. Die eene Straße zum Platz heeßt jetz Medebacher Weg, die andre, na wie sollse heeßen, Brunowstraße. Und inne Mitte is son Rondell, also een runder Platz, dessen Name lautet jetz Brunowplatz. Und uff den Platz is een Jedenkstein für mir. Mehr Brunow jeht nich.

Nochmal zu die Kirche. Anne Seite is da jetzt son Jlaskasten für Neuichkeiten aller Art. Da jehts um Jottesdienst, aba ooch um die Sprechstunde für Anonyme Alkoholiker. Also in meene Amtszeit, da kannt ick meene Pappenheimer. Aba heute ham se zwar alle Fernsehen, aba kenn sich trotzdem nich. Besonders freu ick mir aba über det Koppsteinflaster. Alle Straßen, die uff den Platz führ‘n, sind Koppsteine. Da würd ick heute jern mal mit meine Droschke lang holpern, denn viel Vakehr is ja hier nich.

Wer mir uff den Platz besucht, der hat aba janz wat andret vor. Der will eijentlich zu Fränkel inne Schlieperstraße, die is jleich umme Ecke. Der hat ne Wurstfabrikation und die Leute vonne Friedrichstraße komm hierher und koofen die Dinger. Janz erstaunlich. Sonst is hier nur ne Tortenstube und ne Jaststätte, sonst nüscht. Ansonsten jibts ja Stücke weiter noch den Flugplatz. Aber der wird ja nu ooch jeschlossen. Nur der See wird ja bleiben, also wenner nich austrocknet bei die Klimaerwärmung. Ick jloobe, ick hab mir rechtzeitig davonjemacht. Aber nüscht für unjut.

 

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18. November 2011 19:45:42

… Kurzkritik: „Poll“

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Die Schwiegermutter meines Onkels war Bäuerin und stammte aus Ostpreußen. Von ihr hörte ich, wenn es z. B. um die nie endende, öde Arbeit des Rübenverziehens ging, des öfteren das heute fast ausgestorbene Wort „marachen“ (schwer und schnell arbeiten). Sie sprach auch diesen so sehr gemütlich klingenden Dialekt, der dem Baltendeutsch ähnelt, das in dem Film „Poll“ immer wieder zu hören ist.

Die Handlung des Streifens, auf wahren Begebenheiten fußend, führt in das Estland des Jahres 1914 zurück – am Ende des Films hört der Zuschauer die Nachricht vom Ausbruch des 1. Weltkrieges. Regisseur Chris Kraus verknüpft in dieser Produktion familiäre Erkundungen – eine Hommage an Oda Schaefer (eine Großtante von Kraus und heute völlig vergessene Lyrikerin) – mit einem historischen Exkurs in das bis 1918 zu Russland gehörende Estland (Baltikum). Beides wird mit einer ungewöhnlichen Liebesgeschichte zwischen der blutjungen, aus besserem - zudem deutsch sprechendem - Hause stammenden, Oda und einem baltischen Anarchisten (Tambet Tuisk), der gegen die Russen kämpft, angereichert.

Edgar Selge spielt den Vater von Oda, der als abgeschobener Pathologie-Professor einen feinfühligen, aber auch ambivalenten Charakter (Selge spielt nicht zum ersten Mal einen solchen Typ) verkörpert. Jeanette Hain tritt als dessen Ehegattin, die ein leidenschaftliches Verhältnis mit dem Hofverwalter (Richy Müller – sehr einprägsam) pflegt und Oda’s Mutter, in Erscheinung. Die wirklichen Entdeckungen dieses Films, der auch auf kleine Schock- und Horroreinlagen (wozu die Pathologie geradezu einlädt) nicht verzichtet, sind jedoch das wunderbar kraftvolle und gleichzeitig sensible Spiel der Laiendarstellerin Paula Beer als junge Oda, zweitens der Drehort, mit dem ins Wasser gebauten, wunderlichen und unheimlichen Schlosshaus und schließlich die lichtvollen Bilder dieser Landschaft am Meer, welche uns die Kamera immer wieder vor Augen führt.

Der Film lief bereits im Februar 2011 in den Berliner Kinos, leider habe ich den Streifen seinerzeit verpasst. Wem es ebenso erging, kann sich die, seit einigen Tagen angebotene, DVD ausleihen. Unbefriedigend, zumindest auf meiner Film-Konserve, ist die teilweise schlechte Tonqualität. Man hört z. B. von den Dialogen am Beginn nur Genuschel. Also, entweder vorher mal reinhören oder bis zu einer TV-Ausstrahlung warten.

 

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15. November 2011 19:32:59

… seltene Momente: Klassentreffen

Das Abitur liegt viele Jahre zurück, nun kam ein Jubiläum. Treffen im Audi Max. Die Lehrer sitzen auf der Bühne, die Schülerjahrgänge ihnen zu Füßen. Jeder der einstmals Lehrenden erzählt etwas über seine Zeit mit uns, nach uns. Offen berichten sie, einige so ehrlich, dass ich betroffen bin. Denn: Manchmal waren sie Leuchttürme für uns und dann doch selbst Schiffe in Not.

Mit einem von ihnen, nicht viel älter als wir, auch Klassenlehrer, sitzen wir anschließend zusammen. Die Zeit hat die einst noch sichtbaren Altersunterschiede beinahe nivelliert, geglättet wie ein gebügeltes Hemd. So duzt man sich nun und hört trotzdem mit Achtung zu. Er erzählt - mit einem Selbstvorwurf - von einem unserer Mitschüler, dem er mal eine innige Bitte und gute Idee abgeschlagen hat, was ihn heute noch beschäftigt. - Nein, es sind nicht alle gekommen. Einige von den Fernbleibern hätte ich auch gern wieder gesehen. Aber unterschlagen wir nichts: In der Zwischenzeit ist den hier Versammelten ein Staat abhanden gekommen und ein neuer kam mit wuchtigen Veränderungen. Alles wurde umhergewirbelt, wie Laub im November. Aber mehr noch: Manchem ist in dieser Zeit auch eine Liebe gestorben, so wie es Tom Petty sehr lakonisch in „To Find A Friend“ besingt: „In the Middle of his life - he left his wife.“ Wobei es im Osten eher die Frauen waren, die gingen.

So wird erzählt, zugehört und in die Gesichter geschaut. Der damals Pfiffige ist genau so erfolgreich durch’s Leben gekommen. Die Lachende, Strebsame wurde zur vielfliegendenden Managerin, die hier aufmerksam zuhört. Der Ungelenke ist überraschend zum Sportler mutiert. Aus dem Vor-dem-Abitur-Abgänger ist nun ein abgeklärt wirkender Niederlassungsleiter geworden. Aber auch Unerwartetes ist erkennbar: Bei einem sieht man Bitterkeit im Gesicht, ein anderer ist offensichtlich gesundheitlich beeinträchtigt. Jeder hat seine Geschichte. Aber alle sind offen, unverstellt; horchen in gemeinsam Erlebtes hinein, einige berührt, manche sogar erstaunt über ihre Emotionen.

Die Hahnenkämpfe sind vorbei. Niemand muss sich mehr Sporen verdienen, manche haben sie vielleicht abgelegt, andere maßen ihnen nie eine Bedeutung zu. Das Leben hat Spuren hinterlassen, die Gesichter blieben jedoch neugierig; gleichen jetzt rohem, unbearbeitetem, länger gelagertem und trotzdem in sich arbeitendem Holz. Gleichmäßige Ringe, schöne Maserung, aber auch Streifen, Äste, dunkle Stellen. Ohne Farbanstrich. Ohne Lack.

 

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8. November 2011 23:51:45

… schön. Der Berliner Flaneur Franz Hessel

Flughafen Tempelhof 2009 @LiAGeese

Ein „Memorieren im Schlendern“ nennt Walter Benjamin, der Autor des Passagenwerks, Franz Hessels 1929 erschienenes Buch Spazieren in Berlin. Wie Benjamin ist Hessel ein Flaneur und feinsinniger Beobachter, der kompromisslos subjektiv eine Stadt beschreibt, die nicht mehr und zugleich doch immer ist. Faszinierend, und selbst für intime Kenner der Berliner Stadtgeschichte lehrreich, sind dabei nicht nur seine liebevollen Beschreibungen des Alltags – Märkte, Mode, Manufakturen – und touristischer Highlights – Dom, Schloss, Dampferfahrt –, sondern die Parallelen, die sich, zwanzig Jahre nach dem Mauerfall, zum heutigen Berlingefühl ergeben.

Hessel erzählt von einer Stadt im Aufbruch, in der der Erste Weltkrieg Erinnerung zu werden beginnt, die boomt, die geprägt wird vom architektonischen Übergang von der Gründerzeit zur Moderne, in der „Groß-Cafés“ entstehen, und in der er Heldendenkmäler nur noch als hässliche Anachronismen wahrnehmen möchte. Zentrale Plätze ändern ihr Gesicht, das Scheunenviertel verschwindet, der Alexanderplatz entsteht, neben den Bauten Schinkels manifestieren die prächtigen „Tempel der Arbeit“, die Peter Behrens für Borsig und Siemens errichtet, die Metropole im Werden. Hessels Begeisterung für die urbane Dynamik und den Nonkonformismus, die auch das heutige Berlin wieder auszeichnen, stecken an. Gleichgültig ob man mit ihm über „die weite Fläche“ des Flughafens Tempelhof spaziert, den „alten Westen“ der Maaßen-, Derfflinger- und Kurfürstenstraße besucht, der „aus der Mode gekommen ist“, weil die Wohlhabenden „jetzt“ am Ku’damm und im Westend leben, oder „die Budenstadt eines Marktes“ ansteuert, „der das ganze Maybacher Ufer bedeckt“: Man kann sich der unbändigen Sehnsucht des Autors nach dem Bestehenden nicht entziehen.

Und doch sieht die Leserin heute natürlich auch die Vorboten des Grauens, das nur vier Jahre nach dem Erscheinen des Buches die Gesellschaft zu durchdringen begann und vor dem der Romancier, Lyriker und Rowohlt-Lektor Hessel am Ende selbst fliehen musste. Im Rückblick erschauert man, wenn man seinen Bericht über den Schöneberger Sportpalast liest: „Mit unparteiischem Echo dröhnen seine Wände ‚Hakenkreuz am Stahlhelm’ und ‚Auf zum letzten Gefechte’ wider wie die Zurufe der Sportfreunde. Es ist ja alles Überschwang derselben ungebrochenen Lebenslust.“

Wie rasch diese „Lebenslust“ bei den Nazis zur Mordlust wurde, spürte der 1880 geborene Sohn eines jüdischen Bankiers bald am eigenen Leib. Bis kurz vor den Novemberpogromen 1938 blieb er trotz Berufsverbots in Deutschland. Dann kehrte er – widerwillig – nach Paris zurück, wo er bereits während des Ersten Weltkriegs gelebt hatte. 1940 flieht er von dort vor der vorrückenden deutschen Wehrmacht ins südfranzösische Sanary-sur-Mer, wo er bald nach seiner Freilassung aus dem berüchtigten Internierungslager Les Milles, 1941 stirbt.

Im Geleitwort zur 2010 erschienenen Neuauflage des Buches seines Vaters schreibt Stéphane Hessel (Indignez-vous!): „Heute bin ich viele Jahre älter, als mein Vater gelebt hat. Mehr denn je scheint es mir nun notwendig, seine Botschaft weiter zu tragen. Jahr um Jahr kommt sie mir näher. Ohne sie, so erscheint es mir heute, können wir die bedrohliche, gefährliche, zerbrechliche Gesellschaft unserer Zeit nicht bewältigen. Aus der Erschütterung, die er nicht überlebte, trifft sein Lächeln mich tiefer als jeder Schrei.“

Franz Hessel formulierte eine eigene Botschaft speziell für die Berliner, denen er das Nachwort widmet: „Bisher wurde Berlin vielleicht wirklich nicht genug geliebt.“ Und er fordert seine Mitbürger auf: „Wir Berliner müssen unsere Stadt noch viel mehr – bewohnen“, was gar nicht so leicht sei „bei einer Stadt, die immerzu unterwegs, immer im Begriff ist, anders zu werden und nie in ihrem Gestern ausruht. … Wir wollen es [Berlin] … so lange anschauen, liebgewinnen und schön finden, bis es schön ist.“ Vielleicht wäre der Versuch, sich dieser Aufgabe anzunehmen, auch eine Form, das Gedenken an einen der vielen, die der Nationalsozialismus ins Exil und in den Tod trieb, wachzuhalten. Inspiriert von einem zauberhaften Buch, dessen Lektüre Vergänglichkeit ebenso wie die schönen Seiten vergangener Welten evoziert. Die Gegenwart birgt schließlich die Vergangenheit ebenso wie die Zukunft.

 

 

6. November 2011 19:35:36

… dramatisch: Selbstmord eines Dichters

Es war heute beinahe schon unheimlich still im Zuschauerraum. Sekunden vergingen, ehe sich der Bühnenvorhang hob und die Grande Dame des Deutschen Theaters, Inge Keller, mit der Lesung begann. Darin ging es, kurz gesagt, um eine alleinstehende Frau mit zwei Kindern, die nun zum dritten Mal schwanger wird, jedoch den Vater nicht kennt. Um ihn zu ermitteln, setzt sie eine Annonce in die Zeitung und fordert ihn auf, sich bei ihr zu melden, um ihn zu heiraten. Die Erzählung beginnt wie folgt:

In M…, einer bedeutenden Stadt im oberen Italien, ließ die verwitwete Marquise von O…., eine Dame von vortrefflichem Ruf, und Mutter von mehreren wohlerzogenen Kindern, durch die Zeitungen bekannt machen: daß sie, ohne ihr Wissen, in andre Umstände gekommen sei, daß der Vater zu dem Kinde, das sie gebären würde, sich melden solle, und daß sie aus Familien-Rücksichten, entschlossen wäre, ihn zu heiraten …“

Inge Keller weiß, wie nur wenige deutsche Schauspieler, ihre Worte, Pausen, Gesten und Mimik wohl zu setzen. Trotz des anspruchsvollen Textes ist es ein Genuss, ihr zu lauschen. Natürlich ist auch der Autor der Erzählung, der präzise Sprache mit komplizierten Satzkonstruktionen bewundernswert unfallfrei verbindet, daran nicht unbeteiligt. Er erzeugt Spannung, obwohl die Handlung Jahrhunderte zurück liegt, wie auch bei dieser Erzählung, die wie folgt beginnt:

An den Ufern der Havel lebte, um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts, ein Roßhändler, Namens Michael Kohlhaas*, Sohn eines Schulmeisters, einer der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit …“ (Hier geht es im folgenden um das Recht des Einzelnen im Staat und seine schließliche Durchsetzung durch Selbstjustiz)

Beide Erzählungen – „Die Marquise von O….“ und „Michael Kohlhaas“ – stammen aus der Feder von Heinrich von Kleist (1777-1811), deutscher Dramatiker (u.a. „Der zerbrochne Krug“) und Erzähler. Die in jenen beiden gewählten Sujets lassen bereits erahnen, dass er ein „Außenseiter im literarischen Leben seiner Zeit“ war. Immer wieder setzte sich Kleist künstlerisch mit dem Verhältnis von Bürger, Obrigkeit, Recht und Moral auseinander, doch scheiterte er immer wieder am Staat, u.a. durch Aufführungsverbot für „Der Prinz von Homburg“. Dieses, Krankheit und materielle Not führten schließlich zu dem verhängnisvollen Ende. Am 21.11.1811, also vor fast genau 200 Jahren, schied Heinrich von Keist, gemeinsam mit einer Freundin, am Kleinen Wannsee aus dem Leben. Ob der dort befindliche kleine Gedenkstein inzwischen restauriert wurde, ist mir nicht bekannt.

* An die historische Figur des Michael Kohlhase oder Michael Kohlhaas erinnert der kleine Ort Kohlhasenbrück am südwestlichen Zipfel Berlins gelegen.

Nachtrag 19.11.11: Lt. Berliner Zeitung von gestern wurde die Grabstätte am Kleinen Wannsee erneuert und wird am 21.11.11 übergeben.

 

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4. November 2011 21:22:38

… never for money: Indie-Kino mit Sean Penn und David Byrne

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Sean Penn in Cheyenne. This must be the place. [© Delphi Filmverleih]

Never for money. Always for love! So lautet das Motto des neuen Films des italienischen Filmemachers Paolo Sorrentino, der 2008 mit Il divo in Cannes den Jurypreis gewann. Nie für Geld – aber Geld hilft. Und Geld hat Cheyenne, der gealterte Rockstar der 1980er Jahre - genial zottelig, drömelig und slow gespielt von Sean Penn – dessen beste Jahre als Musiker, Junkie und Alk hinter ihm liegen. Heute residiert er im Vakuum seiner Erinnerungen, glücklich verheiratet mit Jane (Frances McDormand) in einer prächtigen Villa im ewig grünen Irland. Mit wasserlosem Swimmingpool („Hier spielen wir Pelota …“) und Designerküche, an deren Wand in großen Lettern CUISINE steht, in der Cheyenne Tiefkühlpizza im Backofen aufwärmt. Opulenz, Dekadenz – und Langeweile, gepaart mit Zynismus, Selbstironie und wilder Entschlossenheit, das alte Leben auf der Überholspur mit dem Phlegma der zugedrönten Schnecke zu konterkarieren. Vom einstigen Ich geblieben sind Schminktipps („Ein Hauch Puder auf die Lippen, und dein Lippenstift hält den ganzen Tag.“) und ein Rollkoffer, der farblich abgestimmt auf den jeweiligen Zweck zum Einkaufen ebenso mitgenommen wird, wie zum Briefkasten, auf den Friedhof oder zur Schiffspassage auf der Queen Mary nach New York („Ich bin 30 Jahre nicht in ein Flugzeug gestiegen.“).

Dreißig Jahre ist es her, dass Cheyenne zum letzten Mal mit seinem Vater sprach, der sich als Ausschwitzüberlebender in Amerika ganz der Verfolgung seines Peinigers im KZ verschrieben hatte, und ohne ihn zu finden starb. Wie das Verschwinden des Sohnes seiner Nachbarin (Olwen Fouéré) und die Bindungsunfähigkeit deren Tochter Mary (Eve Hewson) lässt Cheyenne das Leiden der anderen scheinbar unberührt. Zunächst jedenfalls. In seinem Mikrokosmos herrscht die Gleichgültigkeit des ein für alle Mal Übersättigten. Kenn ich, war da, alles schon gehabt. Cheyenne ist Nabel der Welt, und sich selbst genug („Ich weiß nicht, ob ich die Tesco-Aktien verkaufen soll …?“). Und doch treffen der Tod des Vaters und dessen nie vollzogene Rache am Agenten des Holocaust einen Nerv beim Sohn. Fern vom irischen Idyll macht sich Cheyenne mit Hilfe des Nazijägers Mordecai Miller (Judd Hirsch) auf die Suche nach dem KZ-Wächter Alois Lange (Heinz Lieven) – via Michigan und New Mexico bis Utah. Den bizarr schönen Stadtansichten aus Dublin folgt das Roadmovie im Pick-up durch grandiose amerikanische Landschaft. Und weil die 1980er auch New Age und Esoterik waren, findet Cheyenne am Ende … auch sich selbst. Nicht da, wo er sich irgendwann einmal verloren hatte, und doch authentisch.

Cheyenne. This must be the place ist ein sympathischer Film, der vom Charisma seiner bis in die kleinste Nebenrolle optimal gecasteten Darsteller und dem Soundtrack von David Byrne und Will Oldham ebenso lebt, wie von seinen zahlreichen zarten Ideen, untergründigem Humor, minimalistischen Dialogen und exquisiten Bildern (Kamera: Luca Bigazzi). 118 Minuten voll Witz und Tragik, Wehmut und Optimismus, und sehr viel Gefühl. Am 10. November kommt die irisch-französisch-italienische Koproduktion ins Kino. Gerade rechtzeitig, um uns unterlegt von sonnigem Postpunk und New Wave Klängen den beginnenden Winter in Deutschland zu versüßen.

 

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