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Archiv der Kategorie ‘Politik‘

3. April 2011 14:44:01

… ein geeigneter Ort, um nationale Psychosen zu diskutieren: Wende in der arabischen Welt?

wendeinarabien

Schon letzten Sonntag war ich im Haus der Kulturen der Welt zum Podiumsgespräch: „Wende in der arabischen Welt? Arabische und europäische Blicke auf die aktuelle Situation in Nordafrika“. Eingeladen waren viele Gesprächspartner aus ganz verschiedenen Ländern, die durchaus unterschiedliche Lageberichte abgaben, und denen auch sehr verschiedene Themen und Sichtweisen wichtig waren. Allen gemeinsam war allerdings ein realistischer und zuversichtlicher Optimismus, dass es im arabischen Teil der Welt zu einer nachhaltigen Veränderung Richtung Wahrung der Menschenrechte kommen wird. Alle glaubten, dass es zwar viel Zeit brauchen wird, da die Regime in den verschiedenen arabisch geprägten Ländern das „Konzept des Staatsbürgers“ seit Generationen bewusst hintertrieben hätten, und die Menschen deshalb kaum Erfahrung mit dem entsprechenden Gefühlszustand hätten, über den sie auf die Idee kommen könnten, die nationale Regierung für die eigene Miserie verantworlich zu machen, oder etwa zu verlangen, dass innerhalb der Staatsgrenzen Bürgerrechte umgesetzt werden müssten. Aber sie waren sich einig, dass die Mehrheiten nicht hinter die alten Standards zurückfallen wolle, dass es bei aller Verunsicherung in den Ländern auch ein motivierendes Gefühl der Befreiung gäbe.

Interessant war ein Statement von Hisham Matar, der sagte, dass er glaube gerade Berlin sei ein geeigneter Ort, um über die Gefühlslagen in der arabischen Welt zu sprechen. Die Deutschen hätten viel Erfahrung beim Bearbeiten von nationalen Psychosen und wären immer wieder zu ermutigenden Ergebnissen gekommen. Das könne den Arabern nur helfen. Dies quasi bestätigend meldete sich ein Zuhörer aus dem Plenum zu Wort und beschrieb seine persönlichen Empfindungen als arabischer Auswanderer, der schon seit Jahrzehnten in Deutschland lebt, als er wie gebannt vor den Fernsehnachrichten saß und sah, wie sich die Menschen in Tunesien und Ägypten gegen die korrupten Machthaber erhebten. Er sagte, er hätte zum ersten Mal so etwas wie Stolz darauf verspürt, ein Araber zu sein, nachdem es ihm in seinem ganzen bisherigen Leben immer eher peinlich gewesen war, wenngleich er sich bewusst war, dass er als Exilant aus der Ferne nicht mehr als ein Zuschauer war. – Eine Mischung aus Peinlichkeit und Stolz: Vielleicht wirklich gute Arbeitsbedingungen für Deutsche.

 

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3. April 2011 13:49:26

… ein Schmuckstück: Bei Francois Ozon ist Catherine Deneuve mal wieder wunderbar

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Ach was für ein Fest der zu dick aufgetragenen 70er Jahre Klischees. Thematisch wie stylistisch so frisch wie damals: mit grandioser Ausstattung, grell schattierter Typografie, kitschigen Überblendungen, aufgedonnerten Frisuren und wunderbaren Stoffen. Und singen darf natürlich nicht fehlen. Am Schluss nimmt  Madamme ganz Frankreich mit einem ach so schönen Chanson in ihre matriachale Gebärmutter auf: „Ihr seit alle meine Kinder!“ Da schmelzen sogar hartgesottene Kommunisten.

… gesehen im International.

 

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Kino | Mode | Politik | Soziales

 

19. März 2011 13:42:13

… in Bewegung: Natur und Mensch

Vorgestern nachmittag – ein besonders feiner Nieselregen ging über der Stadt nieder – standen sechs junge Frauen und Männer neben dem Haupteingang zu den Schönhauser Arcaden und baten um Spenden für die Opfer der Katastrophe in Japan. Man sah ihnen die Überwindung an, hier in der Öffentlichkeit lautstark um Hilfe zu bitten, denn die Japaner haben ein anderes Naturell als wir Deutschen. Jeder, der ein paar Euro in ihren Pappkarton warf, bekam einen kleinen, aus rotem Papier gefalteten Kranich, ein dankbares Lächeln und eine Verbeugung geschenkt.

Der Kranich ist auch das Zeichen der Lufthansa, die aufgrund der Nuklearkatastrophe vor einigen Tagen ihren Flugverkehr nach Tokio eingestellt hat. Die vom THW entsandten technischen Spezialisten für Erdbebenhilfe wurden aus demselben Grund nach wenigen Tagen wieder nach Deutschland zurückgeholt. Die US-amerikanische Flotte, die ihren Kurs zwecks Hilfe für die Tsunamigebiete geändert hatte, drehte wegen der Strahlungsgefahr des AKW Fukushima wieder ab. Werden die Japaner in ihrem Unglück allein gelassen oder ist die Angst vor der Atomkatastrophe so groß, dass man keine weiteren Menschen in dieses Gebiet schicken kann? Zweifellos ist die Gefahr riesengroß, unkalkulierbar und dennoch müssen Menschen, wie in Tschernobyl, diesem Gefahrenmoloch zu Leibe rücken. Der Mensch hier will wissen, was 9000 Kilometer weiter geschieht und schaltet deshalb morgens, wenn sich in Japan der Tag dem Ende neigt, den Fernseher an. Aber manchmal will man auch nicht die ganze Wahrheit erfahren.

Homo Sapiens hat mit dem Gebrauch des Feuers, dem Buchdruck, der Dampfmaschine, dem Auto, Flugzeug und Computer immer wieder Erfindungen gemacht oder Fertigkeiten erlernt, die ihm das Überleben und den Fortschritt ermöglichten. Der Mensch hat aber gleichzeitig die Erde so verändert, dass Leben auf ihr vernichtet, Umwelt beeinträchtigt und seine Zukunft fragiler geworden ist. Mit der Kernspaltung und ihrer Anwendung hat er schließlich eine Entdeckung gemacht, die ihn um seine Existenz bringen kann. Obwohl es kaum noch Atomwaffentests gibt, existieren doch noch Unmengen solcher Waffen. Auf der Jagd nach Energiequellen hat aber der Mensch auch der sogenannten friedlichen Nutzung der Atomkraft Raum gegeben und Atomkraftwerke gebaut, obwohl die hier ablaufenden – gegebenenfalls hunderte von Jahren dauernden – Prozesse, einschließlich der Entsorgung, nicht beherrscht werden. Es ist mir gleich, wer in Deutschland die Atomkraftwerke abschaltet, wenn es nur geschieht. Aber man sollte jene im Auge behalten, die – uns für dumm verkaufen wollen – jetzt immer noch oder irgendwann wieder davon sprechen wollen, dass die Atomkraft beherrschbar sei. Die menschliche Hybris stößt an eine Grenze, die man nicht überschreiten darf. Wird der Mensch sich jetzt, angesichts der Ereignisse in Fukushima, dessen endlich bewusst?

Die japanische Botschaft liegt am heutigen Morgen in mildem Sonnenschein. Der Gebäudekomplex in der Hiroshimastraße Nr. 6 macht einen architektonisch strengen, ja fast preußischen, Eindruck. Die mächtige, noch blätterlose, Platane auf dem Botschaftsgelände erscheint wie ein riesiger, stummer Wächter. Neben dem Eingang zur Botschaft befindet sich, auf einem sauber begrenzten Viereck, ein Meer von Blumen, Kerzen und anteilnehmenden Karten und Briefen. Die Straße ist menschenleer, aber ein paar Meter weiter im Tiergarten bewegen sich ein paar Jogger in den frühlingshaften Tag.

 

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24. Februar 2011 23:43:53

… für Gerechtigkeit. Berliner Lektion mit Baltasar Garzón

Baltazar Garzón. (c) Instituto Cervantes. Madrid 2007

Universelle Jurisdiktion ist der Rechtsgrundsatz, für den der spanische Untersuchungsrichter an der Audiencia Nacional Baltasar Garzón Real so leidenschaftlich eintrat, dass es ihn sein Amt kostete. 2009 reichte die ultrarechte Beamtengewerkschaft Manos Limpias Klage wegen angeblicher Rechtsbeugung ein, im April 2010 wurde das Hauptverfahren eröffnet, seit Mai 2010 ist Garzón von seinem Richteramt suspendiert. Für den 56jährigen dürfte das das Ende seiner Karriere in der spanischen Justizverwaltung sein. Doch jedes Ding hat zwei Seiten, erklärt Garzón geradezu launig vor dem ausverkauften Saal des Renaissance-Theaters am vergangenen Sonntag. So habe er nun Zeit, seine Beratertätigkeit am Internationalen Strafgerichtshof auszuüben, zu der ihn Luis Moreno Ocampo, der Leiter der Anklagebehörde des IStGH einlud.

Gerechtigkeit und der Appell an die Verantwortung der internationalen Gemeinschaft sind die Mission des Richters, der in seinem eigenen Engagement nie zimperlich war. Wenn es um die Menschenrechte geht, kennt er, der 1993 selbst ein politisches Intermezzo als Staatssekretär der PSOE in der Regierung Felipe González einschob, weder parteiliche noch ideologische Loyalitäten. Er ermittelte gegen die Todesschwadrone der spanischen Untergrundeinheit GAL ebenso, wie gegen die baskische ETA, gegen Pinochet wie gegen die US-Sonderjustiz in Guantanamo, überzeugt, dass internationale Rechtssprechung greifen muss, wenn die nationale Justiz versagt oder untätig ist, oder, wie in Argentinien, Schlussstrichgesetze verhindern, dass die Folter und das Verschwindenlassen der Militärjuntas nach 1976 ungesühnt bleiben. Garzón tritt kompromisslos für die Pflicht zum globalen Handeln ein. Die drei Säulen der institutionalisierten Gerechtigkeit, so erläutert er in Berlin, seien: 1. die Tatsache, dass es für die Verfolgung von Verbrechen gegen die Menschlichkeit – wie übrigens bei der Bekämpfung von Terrorismus und Drogenhandel praktiziert – keine territorialen Grenzen geben darf; 2. die Anerkennung des Prinzips des universellen Opfers, d.h. dass Straftaten dieser Dimension grundsätzlich zu ahnden sind, unabhängig von der Staatsangehörigkeit der Betroffenen und unabhängig davon, wo das Verbrechen geschieht; was 3. impliziert, dass gemäß dem Grundsatz der universalen Jurisdiktion die Strafverfolgung international – durch Ad-hoc Tribunale, Sondertribunale oder den IStGH – erfolgen muss, wenn die lokale Gerichtsbarkeit nicht greift oder nicht greifen will.

Mit der diplomatischen Unruhe, die Garzóns juristische Interventionen in aller Welt mit sich brachten, hätte Spanien vermutlich leben können. Am Ende musste er gehen, weil er es wagte, im eigenen Land das Tuch zu lüpfen, mit dem seit dem Amnestiegesetz des Jahres 1977 die Zeit der Franco-Diktatur bedeckt worden war. Zwar hatte man akzeptiert, dass der umtriebige Richter die Aufhebung der Immunität Silvio Berlusconis beantragte und den Tod des spanischen Reporters Couso durch US-amerikanische Schüsse auf das Hotel Palestine in Badgad untersuchte, doch den Blick auf das eigene Land und dessen frankistische Vergangenheit wollte man nicht mehr goutieren.

Vergessen ist jedoch keine Option, wenn die Menschenrechte auf dem Spiel stehen, wenn Kriegsverbrechen, Genozid und Verbrechen gegen die Menschlichkeit verübt werden. Davon ist Baltasar Garzón überzeugt, und dafür wird er sich weiter streitbar und unermüdlich weit aus dem Fenster lehnen. Wenn nicht als Beamter eines spanischen Gerichts, dann als Berater am Internationalen Strafgerichtshof, als Manuel Rivas Interviewpartner in Isabel Coixets Dokumentarfilm Escuchando al Juez Garzón oder als eloquenter Redner bei den Berliner Lektionen. Es geschieht zu viel Unrecht in der Welt. Einmischung ist unerlässlich!

Zum Videostream der Berliner Lektionen vom 20. Februar 2011

 

 

2. Februar 2011 19:24:46

… Bitte: Journalisten voran!

Die Medienlandschaft in Berlin und Deutschland befindet sich zweifellos im Umbruch. Die Zeitungen kämpfen um Auflage und manchmal um’s Überleben. Das Internet eröffnet völlig neue Möglichkeiten der Kommunikation, erfasst abwandernde traditionelle, aber auch neue Leserschichten, ermöglicht eine bisher nicht gekannte Geschwindigkeit in der Berichterstattung, hat aber auch Schattenseiten hervorgebracht. Diese äußern sich z.B. darin, dass manche Leser glauben, sich im Dunkel der Anonymität ihrer Kopfgeburten und Aggressionen entledigen zu können, während andererseits Anbieter von Internetseiten mit der Begründung, ein gutes soziales Werk zu tun, das exzessive Sammeln persönlicher Daten mit einem geschäftlichen Ziel verbinden wollen. Hier sind Änderungen im System(?) unausweichlich und die Meinung der Experten gefragt. Wer aber ist ein Experte, wer ein guter Journalist?

Die Berliner Blätter berichten in diesen Tagen – um nur zwei Beispiele zu nennen – über die Räumung in der Liebigstraße 14 und die geplante Umgestaltung der Kastanienallee. Der TAZ von heute war die Entwicklung in der Liebig sogar einen Life-Ticker wert, der einen gemischten Eindruck aus Tagebuch, Kriegsberichterstattung und politischem Dschungelcamp vermittelt. Schlagzeilen kann man mit den beiden genannten Ereignissen zweifellos machen – mit Besetzung, Protest, Gewalt, Gentrifizierung jederzeit – weil es auch wichtige, exemplarische Themen für die Großstadt Berlin sind, die sozial immer gespaltener wird.

Zeitungsjournalisten verfertigen wunderbare Analysen über die Lage der Welt im allgemeinen und die Berlins im besonderen. Jedoch: Was ist aber mit den konkreten Themen, die jedem Berliner täglich auf den Nägeln brennen, ihn beschäftigen und beeinträchtigen. Warum geht nicht mal einer von den Zeitungsprofis bei so einem Thema richtig konkret in die Tiefe?
Beispiel Nr. 1: Kosten im Gesundheitswesen. Eine Packung Neo Angin Halstabletten kosteten Mitte Januar 2011 in meiner Apotheke 8,10 € (das sind 15,85 DM!!). Wie kann es sein, dass 24 Stück dieser Tabletten so teuer sind? Hat sich schon einmal ein Jounalist mit der Frage beschäftigt, wie hoch die Herstellungskosten für Medikamente sind und wieviel der Hersteller, der Großhändler bzw. Lieferant und die Apotheke dabei verdienen? Millionen Deutsche werden durch ein kostenmäßig ausuferndes Gesundheitssystem täglich und über Gebühr zur Kasse gebeten. Wäre das nicht mal eine knallharte und konkrete Recherche wert?
Beispiel Nr. 2: Versicherungen und Banken. Millionen Deutsche haben Lebensversicherungen abgeschlossen, viele mit Auszahlungen am Laufzeitende. Wieso ist es den Versicherungsunternehmen immer noch möglich, ihre Verträge bzw. Policen so schwammig zu lassen und dem Kunden keine klaren Aussagen zu liefern. Einfache Fragen: Betrag X wird eingezahlt. Wieviel Provision/Kosten nimmt sich die Versicherung? Wieviel bleibt für den Kunden? Wo ist die Transparenz?! Vor kurzem lief in den Medien eine Werbung mit einem DT-Schauspieler, der im Spot sinngemäß meinte: Sie sollen mich nicht verunsichern, sondern versichern. Was nützt ein Ombudsmann, der, wenn man später unzufrieden ist, nur punktuell helfen kann. Warum klemmt sich nicht mal ein Wirtschaftsjournalist dahinter und geht in medias res.
Beispiel Nr. 3: Die Verträge des Landes Berlin mit der S-Bahn und im Zusammenhang mit der Privatisierung der Wasserbetriebe haben ständigen und zum Teil gravierenden Einfluss auf das Alltagsleben der Berliner, aber auch für ihr Familienbudget. Berlin hat mit die höchsten Wasserpreise in Deutschland und was die S-Bahn und den Winterbetrieb 2009 und 2010/11 betrifft, erübrigt sich jede weitere Ausführung. Es wäre vom Grundsatz her nicht vorstellbar, das durch das Land Verträge abgeschlossen wurden, die zu Lasten der Allgemeinheit, das heißt der Bürger dieser Stadt gehen würden. Der S-Bahn-Vertrag ist vor einiger Zeit neu verhandelt worden, nur: Auch dieser Winter war ein Drama für die Berliner. Insofern besteht schon ein Interesse daran, was denn nun in diesem Vertrag drinsteht und was vielleicht geändert werden müsste. Welcher Journalist beschäftigt sich mal mit diesem Thema?

Fazit: Man hat in Deutschland oft den Eindruck, dass über das Spektakuläre, Abnorme, Glänzende, Oberflächliche besonders gern und viel geredet und geschrieben wird. Die lebenswichtigen Dinge werden aber oft in aller Stille und möglichst ohne große Öffentlichkeit abgehandelt. Insofern dienen Demokratie und Medien – ob sie das wollen oder nicht – mit ihren bisher praktizierten Riten und Instrumenten auch dem Wunsch einiger, bestimmte Dinge im dunklen zu lassen. Letzteres kann aber nicht im Interesse der Mehrheit sein. Es wäre Aufgabe von Berufsjournalisten, auch in komplizierte, ökonomische Fragen und Themen stärker hinein zu leuchten, oder?

 

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26. Dezember 2010 02:01:40

… nicht Sarrazinland: Genetik, Religion und Teihabegerechtigkeit

jon beckwith about sarrazin

Vorhin sah ich die Weihnachtsansprache des Bundespräsidenten zwischen all den staatstragenden „Ehrenamtlichen“ und da fühlte auch ich mich von den warmen Worten angesprochen, ein paar abschließende Gedanken zusammenzufassen.

Der folgende Text bezieht sich auf verschiedene Gegebenheiten, Sendungen und Events, die alle schon ein bisschen länger zurückliegen, doch deren thematischer Zusammenhang am Ende dieses Jahres so aktuell ist wie nie. Bei den Veranstaltungen in Berlin war ich selbst in geringem Umfang beteiligt, oder zumindest anwesend, so dass ich mir erlaube aus eigener Sicht einen Beitrag zum großen Debattenthema des Jahres 2010 zu leisten. Das Thema könnte lauten: „Was wird aus dem unbestreitbaren Multikulti-Staat Deutschland?“ oder provozierend in sarrazinscher Manier: „Lassen sich Muslime in einen demokratischen Staat (wie die Bundesrepublik) integrieren?“ … Weiterlesen

 

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9. Oktober 2010 11:07:05

… Kunst und Macht: Kommentar von Bazon Brock

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Interview (nur Ton!) auf Radio Eins anlässlich des Art Forums vom 8. Oktober 2010.

Er hat nicht nur einen der besten Vornamen der Welt, sondern auch die feinsten Kommentare. Prof. Brock spricht über Kunst und das Verhältnis zur Macht. Besser geht es kaum: „Das Vorstellen des Unvorstellbaren aber vorstellen und das Denken des Undenkbaren aber denken.“

 

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Kategorie:

Kunst | Politik

 

30. Juni 2010 15:29:56

… zählbar: Fraktionsspiele bei der Bundespräsidentenwahl

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Oben und unten: Ausschnitte aus der Rede Joachim Gaucks am Abend im Radialsystem.

Vor ein paar Tagen war ich bei dem Unterstützerfest für Joachim Gauck im Radialsystem. Es war ein Fest von Demokraten, die gemeinsam ein Zeichen setzen wollten, dass Deutschland ein Bundespräsidenten verdient hat, der jenseits der parteipolitischen Ränkespiele Respekt, Würde und Haltung hat und genießt. Herr Gauck wäre in diesem Sinne natürlich zweifellos ein hervorragend geeigneter Kandidat, der auf diesem Fest von vielen Künstlern mit höchst unterschiedlichen Beiträgen gefeiert wurde.

Sehr gefallen hat mir bei der Veranstaltung, dass nicht am grundsätzlichen Wahlsystem gerüttelt wurde, denn tatsächlich wäre das jetzt wieder Mal diskutierte Direktwahlverfahren für den Bundespräsidenten, eine ganz schiefe Regelung. Wir bekämen ein laut Satzung praktisch machtlosen Bundespräsidenten gestützt durch ein extrem starkes Plebiszit. Das Resultat wäre eine Art lebender Volkskummerkasten auf Präsidentialniveau. Das kann nur zu großer Frustration führen, denn entweder müsste der Präsident als Volkes Stimme permanent gegen die Regierung oppunieren, was er laut unserer Verfassung überhaupt nicht darf, oder seine Aufgabe wäre es, das Volk ruhig zu halten, indem er zwischen Politikern und Wahlvolk als Stimmungspuffer abfedert. Beides wäre für alle Seiten sehr unbefriedigend.

Den einzigen Aussetzer des Abends leistete sich Jochen Sandig (Mitbegründer des Radialsystems), der „zwanzig Jahre danach“ eine Art neue Revolution witterte und sich diebisch freute, selbst das von ihm ausgemachten Epizentrum einer Bürgerbewegung zu bilden. Genau das war es eben nicht!

Nun heute wird tatsächlich wie gehabt indirekt gewählt und im ersten Wahlgang hat Wulf gerade mal 600 Stimmen bekommen. Das heiß 44 Stimmen aus dem Koalitionslager stehen nicht hinter ihrem Kandidaten. Noch ist es eigentlich undenkbar, dass Gauck tatsächlich im dritten Wahlgang gewählt würde, denn die Linke kann und will sich nicht mit dem Kandidaten Joachim Gauck anfreunden. Sie halten den Kandidaten für unwählbar und stehen kadermäßig geschlossen hinter Lukretia Jochimsen.

Als die Kandidaten aufgestellt wurden, habe ich mich gefragt, wie ein unumstritten honoriger Mann wie Joachim Gauck eine solche Kandidatur überhaupt annehmen kann. Ich habe erwartet, dass er als Kandidat, (ebenso wie vorher Gesine Schwan) ohne viel Rauch zu machen, verbrannt würde. Doch diese Einschätzung habe ich in den letzten Wochen deutlich revidiert. Man kann feststellen, dass die Kandidatur und die breite Unterstützung in der Bevölkerung für Herrn Gauck, seine Reputation enorm gesteigert hat und fast noch wichtiger, die Kandidatur hat tatsächlich die Achtung vor dem Amt des Bundespräsidenten gestärkt, wenn nicht überhaupt erst wieder hergestellt (nach dem kläglichen Abtreten des letzten). Dies zeigt wie Amt und Person sich gegenseitig bestärken könnten, wenn die richtige Person ins Amt käme.

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31. Mai 2010 18:30:55

… heldenhaft: Horst Köhler tritt zurück

Da ich es derzeit nur in gerigem Maße schaffe, am kulturellen Leben der Stadt teilzunehmen, und schon gar nicht mehr, darüber zu schreiben, versuche ich es mal wieder mit einem politischen Beitrag.

Horst Köhler tritt als Präsident der Bundesrepublik Deutschland zurück, weil er, wie er selbst sagt, mit seinem Amt nicht ernst genommen würde. Das ist gerade insofern erstaunlich, weil er mit einem einzigen (zugegeben sehr langen) Satz, richtig Feuer in die politische Diskussion rund um die Auslandseinsätze der Bundeswehr gebracht hat. Wenn man von anderen nicht ernst genommen wird, ist denen doch meist auch egal, was man erzählt. Das kann nicht der wahre Grund für seine Entscheidung sein.

Horst Köhler sagte: „In meiner Einschätzung sind wir insgesamt auf dem Wege, in der Breite der Gesellschaft zu verstehen, dass ein Land unserer Größe, mit dieser Außenhandelsabhängigkeit, auch wissen muss, dass im Zweifel, im Notfall auch militärischer Einsatz notwendig ist, um unsere Interessen zu wahren – zum Beispiel freie Handelswege, zum Beispiel ganze regionale Instabilitäten zu verhindern, die mit Sicherheit dann auch negativ auf unsere Chancen zurückschlagen, bei uns durch Handel Arbeitsplätze und Einkommen zu sichern. Alles das soll diskutiert werden – und ich glaube wir sind auf einem nicht so schlechten Weg.“ (Quelle: Bundespräsident Köhler auf dem Rückflug von Afghanistan nach Berlin gegenüber dem Deutschlandradio, 21.05.2010)

Nun wurde vielerorts mit Unverständnis reagiert, die Wortwahl wäre unglücklich, er müsse sich entschuldigen usw. Doch was soll an seiner Aussage denn falsch oder unzumutbar oder gar gefährlich sein? Tatsächlich ist doch weder neu noch geheim, dass die Bundeswehr unsere deutschen Interessen verteidigt. Jeder weiß es, dafür haben wir sie. Und vermutlich weiß auch jeder, was unsere Interessen sind. Man muss nur kurz ins Grundgesetz blicken und erkennt alsbald ein paar zentrale Zielnennungen: Rechtstaatlichkeit, Freiheit, Wohlstand unter der Prämisse der sozialen Markwirtschaft. Was die Bundeswehr verteidigt ist also natürlich auch unsere Handelsfähigkeit. Soweit alles bekannt – kein Grund für ein Rücktritt! Der Mann hätte einfach genau so weiter machen können, sein Ansehen in der Bevölkerung hätte er auf diesem Kurs eher gestärkt.

Nein, Köhler scheint zutiefst beleidigt, dass überhaupt Kritik gegenüber seinen Äußerungen aufkommt. Er sieht keinen Unterschied mehr zwischen sich und seinem Amt. Wenn eine seiner Aussagen kritisiert wird, hält er das für eine Art Hochverrat, mit dem sein Amt und damit er selbst beschädigt wird. Für ihn gibt es nur noch eine in sich geschlossene Entität: er als Mensch, seine Worte, sein Amt, die präsidialen Botschaft, sein Geist, seine Fürsorge. Er ist kurz davor, sich als gottähnlichen Präsidenten zu verstehen, bemerkt aber gerade noch beschämt, dass ihm die allgewaltige Macht fehlt, (die sich altertümliche Herrscher von Gottes Gnaden noch autosuggestiv beschaffen konnten) um die schwatzenden Nebengottheiten in den politischen Kreisen zum Schweigen zu bringen. Ihm bleibt nur der Weg der Autoaggression. Köhler legt nicht nur ein Amt nieder, und kündigt damit nichts weiter als einen Job – nein, er zerstört sich selbst. Er will den Heldentod, öffentlich, empört und schmerzerfüllt. Ich hoffe nur, er hat nicht die geheime Vorstellung, uns damit von irgendetwas zu erlösen.

Man kann nur hoffen, dass er einen guten Therapeuten findet.

Tagesschau zum heutigen Geschehen

 

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Deutschland | Politik

 

23. Februar 2010 23:31:21

… wo man berlinert: Boxhagener Platz im Kino

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Der Film Boxhagener Platz von Matti Geschonneck wird auf den Plakaten als „Heimatfilm“ vermarktet und auf den ersten Blick könnte man denken, das hätte so seine Richtigkeit. Es wird richtig schön ostig berlinert, es gibt eine Liebesgeschichte, man isst deftig und mault ordentlich. Also allet jut, wa – trinkwa noch een. Aba nee, haltma: Dit is ja der Osten! Und ooch noch 1968. Dit macht die Jeschichte nu nich einfacher.

Ich habe den gleichnamigen und autobiografisch beeinflussten Roman von Torsten Schulz nicht gelesen, aber da er selbst auch das Drehbuch zum Film geschrieben hat und mit Matti Geschonneck einen sensiblen Regisseur gefunden hat, der ungefähr auf der gleichen Wellenlänge schwingt, nehme ich an, der Film ist so, wie es sich die Macher gewünscht haben. Ich glaube es geht ihnen um die Darstellung des lebendigen Kontrastes zwischen Privatheit und Öffentlichkeit (bzw. Staatlichkeit) – ein großes Thema all derer, die gerne über 1968 schreiben und reden.

In jenem Jahr wurden die politischen bzw. gesellschaftlichen Systeme in Ost und West in Frage gestellt, Kommunismus und Kapitalismus stehen in unterschiedlichen revolutionären Prüfungen, aber die beiden Seiten werden doch vom selben Beben erschüttert. Der Film schaut dabei konsequent aus dem Privaten ins Öffentliche, in dem er beobachtend an der Seite des jüngsten Mitglieds der Familie bleibt: Der Enkel „Holger“ begleitet seine Oma „Otti“ (großartig gespielt von Gudrun Ritter), die sich noch vor dem Ableben ihres fünften Mannes, den sie in einem Nebenzimmer verstaut hat, in den alten Spartakusbund-Kämpfer „Karl Wegener“ (ungewöhnlich konzentriert gespielt von Michael Gwisdek) verliebt. Je oller, je doller sagt ihre Tochter (Meret Becker) und alle fragen sich, wie die Oma das macht, dass sie immer neue Männer bekommt, die dann auch noch so praktisch versterben, wenn man sie los haben will, oder die Liebe eben wieder verflogen ist. Doch obwohl im Laufe des Films zwei alte Männer sterben (einer wird sogar ermordet), ist es kein Krimi. Es ist eher ein Gesellschaftsbild, das in Sepia gefärbt und als Komödie getönt, zeigen will, wie die DDR durch seine Organe (Stasi, Schule, Polizei) als Staatsmacht in das Leben seiner Bewohner einwirkte. Die Menschen mussten sich allein durch den Einordnungsdruck irgendwie zum „System“ positionieren. Wobei in der DDR leben zu lernen bedeutete, allzeit und überall zwischen privater und öffentlicher Einstellung unterscheiden zu lernen. Das legt zumindest der Film nahe und der aufwachsende Holger hat so seine Probleme mit den allgegenwärtigen Halblügen. Die einzige, die von all dem unbeschadet und quasi völlig unberührt von irgendwelchen staatlichen Ordnungsprinzipien ihr Leben eigenmächtig führt, ist Oma Otti. Darum ist die Frage, wie sie das mit den Männern macht, eigentlich die Frage nach dem Geheimnis, wie sie es macht, sich nicht gegenüber der Staatlichkeit zu positionieren, und mit diesem Kunststück auch nicht von deren Organen berührt zu werden.

Leider sind die Außenaufnahmen zum Teil im Studio Babelsberg in der völlig abgenudelten „Berliner Straße“ gedreht, die einfach nie authentisch wirkt. Langsam verschwimmen die vielen hier gedrehten Szenen der verschiedenen Filme zu einem allgemeinen psydo-städtischen Idyll, das gegen jegliche Speilfilmhandlung gefeit zu sein scheint. Es zwängt sich der Eindruck auf, dass das alte Berlin von ca. 1900 bis 1970 nur aus zwei Straßenecken bestand, in denen sämtliche geschichtlichen Tragödien der Deutschen stattfanden ohne nur die geringsten Spuren zu hinterlassen. So intensiv die Schauspieler diesen Ensemble-Film prägen, so lau sind die (zum Glück nicht all zu häufigen) Außenaufnahmen im Studio. Darum: Bitte liebes Studio Babelsberg: Baut endlich eine neue Berliner Straße mit mindestens 3 neuen Ecken, die nicht in diesem unverwechselbaren schrägen Winkel in die Tiefe fluchtet, den wirklich jeder mit ein bisschen räumlichem Vorstellungsvermögen wiedererkennt! Erlöst uns von der Geschichts- und Geschichten-resistenten Berliner Straße! Filme wie dieser hätten es verdeint.

Boxhagener Platz ist ab Anfang März in den Kinos. Ich durfte den Film schon im Rahmen der Reihe „Berlinale goes Kiez“ im Union in Friedrichshagen nebst eingeladener Filmprominenz sehen. Die Veranstaltung und das schöne alte Kino haben mir sehr gefallen. Bei Nacht sah es da draußen aus, als hätte man den Film auch dort drehen können.

 

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Deutschland | Geschichte | Kino | Politik