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19. März 2011 13:42:13

… in Bewegung: Natur und Mensch

Vorgestern nachmittag – ein besonders feiner Nieselregen ging über der Stadt nieder – standen sechs junge Frauen und Männer neben dem Haupteingang zu den Schönhauser Arcaden und baten um Spenden für die Opfer der Katastrophe in Japan. Man sah ihnen die Überwindung an, hier in der Öffentlichkeit lautstark um Hilfe zu bitten, denn die Japaner haben ein anderes Naturell als wir Deutschen. Jeder, der ein paar Euro in ihren Pappkarton warf, bekam einen kleinen, aus rotem Papier gefalteten Kranich, ein dankbares Lächeln und eine Verbeugung geschenkt.

Der Kranich ist auch das Zeichen der Lufthansa, die aufgrund der Nuklearkatastrophe vor einigen Tagen ihren Flugverkehr nach Tokio eingestellt hat. Die vom THW entsandten technischen Spezialisten für Erdbebenhilfe wurden aus demselben Grund nach wenigen Tagen wieder nach Deutschland zurückgeholt. Die US-amerikanische Flotte, die ihren Kurs zwecks Hilfe für die Tsunamigebiete geändert hatte, drehte wegen der Strahlungsgefahr des AKW Fukushima wieder ab. Werden die Japaner in ihrem Unglück allein gelassen oder ist die Angst vor der Atomkatastrophe so groß, dass man keine weiteren Menschen in dieses Gebiet schicken kann? Zweifellos ist die Gefahr riesengroß, unkalkulierbar und dennoch müssen Menschen, wie in Tschernobyl, diesem Gefahrenmoloch zu Leibe rücken. Der Mensch hier will wissen, was 9000 Kilometer weiter geschieht und schaltet deshalb morgens, wenn sich in Japan der Tag dem Ende neigt, den Fernseher an. Aber manchmal will man auch nicht die ganze Wahrheit erfahren.

Homo Sapiens hat mit dem Gebrauch des Feuers, dem Buchdruck, der Dampfmaschine, dem Auto, Flugzeug und Computer immer wieder Erfindungen gemacht oder Fertigkeiten erlernt, die ihm das Überleben und den Fortschritt ermöglichten. Der Mensch hat aber gleichzeitig die Erde so verändert, dass Leben auf ihr vernichtet, Umwelt beeinträchtigt und seine Zukunft fragiler geworden ist. Mit der Kernspaltung und ihrer Anwendung hat er schließlich eine Entdeckung gemacht, die ihn um seine Existenz bringen kann. Obwohl es kaum noch Atomwaffentests gibt, existieren doch noch Unmengen solcher Waffen. Auf der Jagd nach Energiequellen hat aber der Mensch auch der sogenannten friedlichen Nutzung der Atomkraft Raum gegeben und Atomkraftwerke gebaut, obwohl die hier ablaufenden – gegebenenfalls hunderte von Jahren dauernden – Prozesse, einschließlich der Entsorgung, nicht beherrscht werden. Es ist mir gleich, wer in Deutschland die Atomkraftwerke abschaltet, wenn es nur geschieht. Aber man sollte jene im Auge behalten, die – uns für dumm verkaufen wollen – jetzt immer noch oder irgendwann wieder davon sprechen wollen, dass die Atomkraft beherrschbar sei. Die menschliche Hybris stößt an eine Grenze, die man nicht überschreiten darf. Wird der Mensch sich jetzt, angesichts der Ereignisse in Fukushima, dessen endlich bewusst?

Die japanische Botschaft liegt am heutigen Morgen in mildem Sonnenschein. Der Gebäudekomplex in der Hiroshimastraße Nr. 6 macht einen architektonisch strengen, ja fast preußischen, Eindruck. Die mächtige, noch blätterlose, Platane auf dem Botschaftsgelände erscheint wie ein riesiger, stummer Wächter. Neben dem Eingang zur Botschaft befindet sich, auf einem sauber begrenzten Viereck, ein Meer von Blumen, Kerzen und anteilnehmenden Karten und Briefen. Die Straße ist menschenleer, aber ein paar Meter weiter im Tiergarten bewegen sich ein paar Jogger in den frühlingshaften Tag.

 

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