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22. Februar 2008 11:38:25

… introspektiv: Das Treiben der Volksvertreter

Roman: Nicht die ganze Wahrheit von Dirk Kurbjuweit

SPIEGEL-Redakteur Dirk Kurbjuweit lässt in seinem neuen Roman Nicht die ganze Wahrheit einen Detektiv los, Arthur Koenen, „spezialisiert auf Ehebruch und den Zoo am Bahnhof Zoo“. Wir dürfen also einen Kriminalroman vermuten, sind auch nicht weiter verblüfft – im Krimi geht heutzutage viel –, als Koenen uns erst einmal unschöne Wahrheiten unterjubelt wie „Die Zivilisierung des Menschen ist nicht abgeschlossen, solange es den Trieb gibt. Der Trieb macht uns irgendwann zu Barbaren, mehr oder weniger“. Dann kommt aber doch alles ganz anders. Wir werden sozusagen aus dem Tiergarten des gemeinen Verbrechens – das einzige verübt auch noch der Detektiv – auf die Wiese vor den Reichstag mit Blick auf das Treiben der Volksvertreter geführt, wo Arthur Koenen all unser schabloniertes Denken über Detektive über den Haufen wirft und im Gegenzug unsere Vorurteile über Politiker (männlich) und die dahingeschiedene Rot-Grüne-Koalition um ihre Häuptlinge Schröder und Fischer bestätigt.

Koenen übernimmt nämlich den Auftrag, den sozialdemokratischen Fraktionsvorsitzenden Leo Schilf auf eine mögliche Affäre hin zu beobachten. Die hat Schilf tatsächlich und zwar mit der jungen rebellischen Abgeordneten Anna Tauert; die Affäre ist schön, sie ist intensiv, sie könnte zur echten Liebe werden, aber da sind Tradition, Karrieredenken und Parteiräson vor, und Anna muss sich eins ums andere mal fragen, warum sie im Leben Leo Schilfs nicht vorkommen soll und darf. Wir wissen all das, weil unser Detektiv sich die E-Mail-Korrespondenz der beiden erschlichen hat, obwohl er sich „in fremden Wohnungen nicht mag“. Nun rafft er sich zu einer unerhörten Tat auf, wie wir sie …

von Detektiven, auch den besten, nicht gewohnt sind.
Die Größe dieses Romans macht nun allerdings nicht das sozusagen Kriminalromanhafte, der Plot aus, sondern wie Kurbjuweit es versteht, beide Seiten der politischen Kultur, das Private und das Öffentliche, in einem Soziogramm der politischen Führungselite plausibel zu machen, einem Schaubild, das als Roman und als Analyse in seiner Intensität weit über das hinausgehnt, was wir sonst über die politische Szenerie Berlins erzählt bekommen, sei es als Krimi, als Liebesroman oder als Verschwörungsklamotte. Im E-Mail-Verkehr der beiden Politiker offenbart sich die ganze emotionale Nacktheit einerseits und die gnadenlose Unterworfenheit unter die Bedingungen des Politischen andererseits – obwohl gerade in dieser Korrespondenz für uns Leser die ganze Hoffnung liegt, denn wenn unsere Politiker in der Lage sind, auf solch hohem Niveau zu kommunizieren, müssen wir uns noch nicht allzu große Sorgen machen, und Kurbjuweit als langjähriger Insider der neuen Berliner Republik weiß bestimmt, wovon er redet.
Noch besser Bescheid weiß er, wenn er über Wahlkampfreisen, Staatsbesuche, Parteitage, Verzerrungen und Verrenkungen schreibt, über das Mackertum und vor allem und immer wieder über den Kanzler, den Ex-Kanzler, den Kotzbrocken Schröder, der für Anna Tauert dabei ist, „den Sozialstaat abzuwracken“, für seinen alten Weggefährten Leo Schilf, diesen wackeren Partei-Arbeiter mit der geforderten Nibelungentreue aber wenig Fortüne, der Weg zur Macht ist. Oder wenn er Schilf vom großen Aufstieg der Truppe erzählen läßt und dabei aus dem berühmt-berüchtigten Andenpakt der CDU eine Art Südafrikapakt der SPD macht. Oder wenn er die Feierabendrituale der Herrenriegen schildert. Oder, oder, oder…
„Nicht die ganze Wahrheit“ wird als Roman verkauft – man darf es getrost als Sachbuch lesen.
Dirk Kurbjuweit: Nicht die ganze Wahrheit; Roman; Nagel & Kimche, Zürich 2008; 220 S.; 19,90 Euro

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