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18. April 2008 09:50:59

… Kampagnen-Startplatz: Biosprit macht Hunger

Biosprit macht Hunger
Kampagnenstart vor der Haustür

Überall sind die 68er das große Thema: Die Akademie der Künste macht eine ausgedehnte Reihe zu der Zeit, in der so viele ihrer Mitglieder sozialisiert wurden, das arte-TV-Programm quillt über mit Berichten von jedem, der damals eine Kamera halten konnte und die überigen Sender treten die sogenannte damalige „sexuelle Revolution“ platt. Sex sells. Eine zentrale Frage von allen Strömungen und Bewegungen damals: Lässt sich das Politische mit dem Privaten verbinden? Eine Frage, an der seit den Sechzigern immernoch herumlaboriert wird. Wenn jetzt so oft die Frage nach den Folgen und der Relevanz der 68er gefragt wird, dann sehe ich ihre Einflüsse besonders in der Selbstverständlichkeit der Forderung nach Selbstbestimmung und der Haltung des zivilen Ungehorsams gegenüber gesellschaftlichen Zuständen, die der Einzelne nicht hinnehmen möchte. Beides spielt sich in unserer inzwischen sehr individualisierten Gesellschaft vor allem im Privaten ab, doch gerade die vielen, zum Teil sehr spezialisierten, Bürger- und Menschenrechtsbewegungen verbinden das Politische und Private ganz bewusst öffentlich. Eine Bewegung, die sich sogar aus einem hedonistischen Impuls heraus unterstützen lässt, ist die Fair Trade Bewegung. Hier fließt Shopping-Lust und reines Gewissen …

… wunderbar zusammen – zum Wohle der Bauern in der dritten Welt und aller Zwischenhändler in der Kette bis zum Verbraucher. Man ist sich bewusst, mit der eigenen Kaufkraft politisch etwas bewegen zu können. (Dass Menschen ohne relevante Kaufkraft von dieser politischen Meinungsäußerung ausgeschlossen sind, scheint niemanden zu stören und sollte es vielleicht auch nicht.)

Aus dieser Ecke kommen auch die Aktivisten für die Kampagne „Biosprit macht Hunger“, die gestern an der Ecke vor unserem Haus direkt vor der Shell-Tankstelle ein bisschen Rabatz gemacht haben. (>Kampagnen-Zeitung downloaden.) Sie wollen gegen die Pläne von Umweltminister Gabriel mobil machen, dem Benzin an deutschen Tankstellen per Gesetz einen höheren Anteil an Biokraftstoff beizumischen. Natürlich ist die Idee zur Beimischungserhöhung inzwischen faktisch vom hierzulande deutlich potenteren Autolobby-Verband ADAC gekippt worden, doch die haben ganz andere (niedere) Motive. Die „gesamtgesellschaftlich“ (um ein 68er-Wort zu bemühen) relevanten Hinweise geben natürlich die Leute von der „Biosprit macht Hunger“-Kampagne. Allerdings ist auch das Wissen über den Zusammenhang zwischen der Bio-Spriterzeugung und den weltweiten Lebensmittelpreisen inzwischen weit in die Gesellschaft eingedrungen. Mehr dazu gibt es bei den großen Sendern ARD, ZDF, und z.B. Die Zeit hat längst ein umfangreiches Dossier angefertigt. Trotzdem es lohnt sich dafür zu demonstrieren, denn es ist natürlich vollkommener Unsinn die Nährstoffproduktion auf den Feldern, in den Motoren zu verfeuern. Es ist ein klassischens Beispiel, wie der Kapitalismus sich tatsächlich selbst auffrisst. Verdienen die Bauern (und die Zwischenhändler) mehr Geld mit der Produktion von Pflanzen, die sich zu Sprit (im wesentlichen Alkohol) umwandeln lassen, dann produzieren sie eben Sprit statt Nahrung. Dass es dann eventuell zu wenig Nahrung gibt, macht ja aus Produzenten- und Händlersicht eigentlich nichts aus, denn in der Folge steigt der Preis für Lebensmittel und schon rentiert sich auch die Produktion von Nahrungspflanzen wieder. Das regelt alles Angebot und Nachfrage. Auf der Strecke bleiben nur diejenigen, die auch bei der Fair Trade-Bewegung ausgeschlossen werden: Alle, die sich ihre Selbstbestimmung in diesen Marktkräften nicht leisten (oder erkaufen) können.

Nochmal zurück zu den 68er-Ausstellungen in der Akademie der Künste. In der großartigen Michael Ruetz‘ Fotoausstellung „Die unbequeme Zeit“ hängen zwei Bilder aufgenommen auf dem Berliner FU-Kampus, auf denen eine Demo nach den tötlichen Schüssen auf Benno Ohnesorg zu sehen sind: Bild 1 – die Demo in Aktion; Bild 2 – der Moment 20 Minuten danach. Auf zweiterem steht das säuberlich gepflegte Rasenstück im Mittelpunkt, das eben noch Schauplatz der Demo war – im Hintergrund wurden ein paar Transparente zurückgelassen. Man sieht, wie sich die „Revolte“ dann doch mit der ordentlichen Spießigkeit der Hausmeister und Gartenpfleger arrangierte. Ähnliches passierte auch jetzt hier vor dem Haus. Zwei Tage vor der Demo wurde von den Aktivisten die kleine Rasenfläche vor der Shell-Tankstelle gemäht, das Gras eingesammelt und die Hundescheiße abgeräumt. Ganz ordentlich, damit keiner der Aktivisten zu schaden kommt und auch der Grasnarbe nichts geschieht. Die ganze Aktion dauerte dann ungefähr eine halbe Stunde. Einige Journalisten und ein Reuters-Kamerateam waren zur Stelle. Kurz danach gab es schon keinerlei Spuren mehr, bis auf das seltsam gepflegte Rasenstückchen. Eine solche Aktion hat eben nicht die Aufgabe, direkt vor Ort in der Bevölkerung einen Nachhall zu erzeugen, sondern es geht nur um die mediale Verbreitung der Botschaft. Das hat man vom Ober-68er Rudi Dutschke gelernt. Darum auch die Verkürzung und Verdichtung der Kampagneninhalte auf einen Slogan wie „Biosprit macht Hunger“, denn dieser ist tatsächlich dann doch unwahr.

Es gibt natürlich Verfahren, bei denen der Sprit nicht in Konkurrenz mit Lebensmitteln produziert wird. Genannt sei nur Chorens „SunDiesel“. Das ist auch Biosprit, der aber aus unspezifischer Biomasse bzw. Bio-Abfällen erzeugt wird. Dafür muss keine hochnährstoffreiche Pflanze dem Lebensmittelmarkt entnommen werden, sondern vielmehr muss sich die Automobilindustrie ein bisschen anpassen. Da aber die deutschen Automobilkonzerne bei der Erzeugung von SunDiesel dick eingestiegen sind, bin ich da recht zuversichtlich. Trotzdem: Die Erhöhung der Beimischungsquote muss weg!

biosprit2.jpg
Aktivisten und die medialen Verwerter aus dem Fenster betrachtet
 

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