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9. Oktober 2008 19:39:21

… kultisch geopfert: Joseph Beuys, Andy Warhol und wie man den Künstlermythos dekonstruiert

Beuys Multiple überwindet endlich die Parteiendiktatur
Joseph Beuys, Multiple Überwindet endlich die Parteiendiktatur, 1972, Foto der Aktion im Grafenberger Wald, Düsseldorf

Gottchen war der Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin, Prof. Dr. Peter-Klaus Schuster, stolz bei seiner Rede zur Eröffnung der neu inszenierten Ausstellungen im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart. „Die größte Beuys-Ausstellung, ävaehr“ säuselte er verzückt. Und in der Tat, der Hamburger Bahnhof erscheint auf den ersten Blick wie ausgetauscht, denn neben den Räumen in den oberen Stockwerken wurde endlich auch mal die zentrale Halle für die Präsentation Beuysscher Relikte komplett von den jahrelang hier stehenden Objekten von Anselm Kiefer und anderen befreit. Auch Andy Warhol wird in einer auf sein Verhältnis zum Starsystem fokussierten kompletten Ausstellungshalle gefeiert. In den Rieckhallen wird der kultischen Künstlerüberhöhung dann ein Kontrapunkt entgegengesetzt, indem Arbeiten vereint wurden, deren Produzenten sich ausdrücklich in ihren Werken mit den stereotypen Erwartungen an Kunstschaffende auseinandersetzen und diese bewusst negieren.

Aber zunächst zu Beuys‘ mythomanischem Ansatz, der als … … kunsttherapeutische Hinwendung zum autonom Menschlichen in uns allen Konjunktur machte. Sein messianischer Satz „Plastik ist ein evolutionärer Prozess, jeder Mensch ein Künstler.“ rückte ihn in den Mittelpunkt einer Bewegung zur mentalen Aufrüstung des Einzelnen in Abwehr gegen allerlei gesellschaftsnormative (politische oder wirtschaftliche) Ideologien. Beuys wollte uns Gutes tun, sich gegen die allgegenwärtige Entfremdung stellen, indem er alle Arbeit als Kunstproduktion aufwertete und so setzte er sich ein für Unverstelltheit, Sensibilität, Anderssein, Humanismus und sah sich selbst als eine Art Hirte einer unsichtbaren Herde von lehrsamen Schafen. Er war ein Seelenbefreier, der enthusiastisch wie ein Prophet (einerseits als Heilsbringer, andererseits als Gotteslästerer) gefeiert und bekämpft wurde. Seine Arbeit als Plastiker war immer auf bestimmte Gegebenheiten fokussiert, er kämpfte immer konkret für oder gegen etwas und mit oder gegen jemanden. Insofern ist die Anhäufung der Exponate in einer so überwältigenden Zahl, wie sie in dieser Ausstellung präsentiert werden, kaum erfassbar. Will man an der Kunst teilhaben – etwas das Beuys zentral wichtig war, sogar konstitutiv für seine Kunst anzusehen ist – müsste man sich in dieser Ausstellung auf unzählige konkrete Problemstellungen der jeweiligen Aktion einlassen. Es fällt aus heutiger Sicht ohnehin schwer, die Echauffiertheit der 60er- und 70er-Jahre Debatten zu erfassen, aber im Museum, fern der Auslöser, auf die sich die jeweiligen Werke bezogen, verkommen die Arbeiten leider zu Überbleibseln. Man rezipiert den liegengebliebenen Rest einer Sozialphilosophie. Wenn der Aspekt der Kunsttherapie dann besonders in den oberen Stockwerken der Ausstellung auch noch all zu vordergründig wird, oder gar ins religiös Tröstende abdriftet, können heute wohl nur noch esotherisch Verwirrte oder anderen Glaubenslehren Anheimgefallene folgen. Konsequent beginnt die Ausstellung deshalb auch mit dem Grab des Künstlers. Damit wird unmissverständlich klar gemacht, Beuys ist zwar ungemein wichtig, als Denker und Transformierer der Kunst des Zwanzigsten Jahrhunderts, aber Beuys ist eben auch ganz und gar vorbei. Nur seine explizite Artikulation der Problembezogenheit in seinen Werken ist für heutige Künstler eine Herausforderung, die sich meist nicht über ein irgendwie im Werk implizites Thematisieren heraus trauen.

(Seltsam, dass ich mal so hart über das Werk dieses Mannes schreiben werde, das hätte ich nie gedacht. Eine Entwicklung über die Jahre, die ich vermutlich direkt auch der Beschäftigung mit seinem Werk verdanke. Dies sei dringend angemerkt! Und damit keine Missverständnisse auftreten: Die Ausstellung ist natürlich unglaublich vollständig und allumfassend. Am besten man sucht sich drei bis vier zusammenhängende Aufbauten heraus, beschäftigt sich intensiv damit und kommt für den Rest noch einige Male wieder. Der zugehörige Katalogs soll ein neues Standardwerk sein.)
Bis 25. Januar 2009.

Blick in die Andy Warhol Ausstellung
Celebrities. Andy Warhol und die Stars, Blick in die Ausstellung

Einige Schritte weiter betritt man die glamouröse Welt des Andy Warhol, für deren Rezeption ein Besuch ausreichen sollte. Auf dem roten Teppich, dem geläufigen Untergrund der Stars, schreitet man durch die Ausstellung. Wirklich viel Neues sieht man natürlich nicht, aber die monothematische Aufbereitung seines Verhältnisses zum und seiner Erkenntnisse über das Starsystem ist sehr sehenswert. Eine kuratorische Großtat ist die Integration eines Merchandising-Shops mitten zwischen den Bildern. Hier entsteht eine enorme Spannung zwischen den high-und low-preisigen Kunst-Objekten, die strukturell gleichwertige Bestandteile ein und derselben Warenwelt sind. Die mit einem Warhol Motiv bedruckte Tasse für ein paar Euro steht nur zwei Meter neben einer mit Marilyn bedruckten Leinwand, die vermutlich mehrere Huntertausend Euro wert ist. Ich freue mich schon auf den Moment, wenn ein Besucher ein Bild von der Wand nimmt und an die Kasse trägt, um sich dort brav in die Schlange zu stellen, in der Erwartung, es mit nach Hause nehmen zu können. Hier werden räumlich konzentriert Fragen der Bewertung aufgeworfen: Wer oder was verdient Aufmerksamkeit? Warum ist etwas wieviel wert? Warum bin ich ein Star und du nicht? Alles droht sofort in die Normalität und Banalität eines Kaufhauses abzurutschen und genau deshalb ist es so unglaublich spannend und glamourös. Im Gegensatz zu Beuys ist Warhol eben auch thematisch noch sehr aktuell.
Bis 11. Januar 2009.

Bruce Nauman, My Name as Thougt It Were Written on the Surface of the Moon, 1968
Bruce Nauman, My Name as Thougt It Were Written on the Surface of the Moon, 1968

Anschluss an die Gegenwartsdiskussion findet man im dritten Teil des Ausstellungskomplexes „Kult des Künstlers“ unter dem Stichwort „Dekonstruktion“ des selbigen. Es beginnt mit einem Martin Kippenberger Zitat: „Ich kann mir nicht jeden Tag ein Ohr abschneiden.“ Es geht also um Verneinung des typischen Künstler-Images, das auch heute noch als Schablone zur genialischen Selbsterschaffung dienen kann, etwa bei Künstlertypen wie Markus Lüpertz. Nun kann man konstatieren, dass aus dieser Ecke in den letzten Jahren nicht mehr viel gekommen ist und, dass Sätze, wie der folgende von Pipilotti Rist eher den Weg weisen: „Der Geniekult ist glücklicherweise am Absterben. Die Vorstellung vom Künstler, der ganz aus sich heraus arbeitet, ist ein Witz. Künstlerische Produkte sind oft Gruppenarbeiten, Massenprodukte immer.“ Da ist man ganz nah bei Warhol. Bruce Naumann ergänzt bei der auf sich selbstbezogenen Frage, was er da in seinem Atelier eigentlich macht: „Was tatsächlich ablief, war, dass ich Kaffee trank und hin- und herging. Die Frage kam auf, wie ich diese Tätigkeiten strukturieren konnte, so dass sie Kunst werden oder zu einer anderen Art von geschlossener Einheit, die anderen Menschen zugänglich gemacht werden konnte. An diesem Punkt rückt die Kunst als Tätigkeit gegenüber der Kunst als Produkt in den Vordergrund.“ Da sind wir wieder bei Beuys, der prinzipiell jede menschliche Tätigkeit als Kunstproduktion begriff. Die Ausstellung geht in der Dekonstruktion systematisch vor: Zunächst wird das Prinzip der Autorenschaft zerlegt, dann werden die typischen Erwartungen an weibliche und männliche Kreativität verneint, anschließend die Erklärungsmöglichkeit eines Werkes über eine Kontextbezogenheit abgeleht, und schließlich die Originalität und Identität der Kunstproduktion in die Tonne getreten bzw. mit einer Maskerade überzogen. Trotz all dieser Zerstörungswut der Moderne (ein ödipaler und immanenter Trieb zum Ikonoklasmus in der Kunst) gibt es ein paar wirklich konstituierende Werke in der Ausstellung. Erwähnt sei zwischen den ganzen großen Namen Antje Schiffers mit der Videoarbeit „Wunderbar, sagt Vladimir“. Die Künstlerin ging ein Tauschgeschäft mit der kroatischen Abteilung der Firma Roland Berger Strategy Consultans ein: Ein Bild gegen eine Unternehmensberatung. Der Künstlerin wurde nach allen Regeln der betriebswirtschaftlichen Kunst geraten, weiniger mit Museen zu arbeiten, die Komplexität ihrer Werke abzubauen und deutlich die Preise anzuheben. Die Bilder, die sie im Gegenzug für Roland Berger zu machen habe, sollten sich direkt mit der Arbeit des Unternehmens in Zagreb befassen. Besser kann man den Künstlermythos nicht dekonstruieren und in gleichzeitig wieder stützen.

Diese Ausstellung ist ein Lehrpfad für jeden werdenden Künstler und es war bei der Eröffnung äußerst belustigend zu sehen, wie eine ganze Gilde an ach so individuellen Jungkünstlern in Mitten der ruinierten Selbsterschaffungsherrlichkeit ihre Autonomiebehauptung auf dem gut rezipierbaren Berlin-Style versucht aufzubauen. Aber die Lehre der Ausstellung ist ja auch, dass es unter den Gegebenheiten der Kulturindustrie gar keine Alternative zur Unterwerfung unter die Gesetze des Marketings gibt, denn bei aller Dekonstruktion des Mythos des Künstlers führt auch die konsquente Verneinung aller Erwartungsmuster im Falle des Erfolgs zwangsläufig zur mythischen Überhöhung. Es ist darum folgerichtig, die eigene Mythisierung stetig zu befeuern.

Bis 22. Februar 2009.
Alles im
Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin
Invalidenstraße 50-51
10557 Berlin

 

Autor:

 

6 Reaktionen

  1. Joachim

    Also ich werde, bevor ich zur besprochenen Ausstellung gehe, mir erstmal die Nofretete (»die Schöne ist gekommen«) wieder ansehen. Ich glaube, dass ich dann insgesamt gut vorbereitet bin, Werke fern ihrer Auslöser anzusehen. Erstmal wieder »in-Gefühl-kommen« also.

  2. Magnus Hengge

    Irgendwie denkt man aus heutiger Sicht, dass die ägyptischen Plastiken (man fand ja meistens Grabbeigaben) für eine ganz ferne Rezeption gedacht waren. Vielleicht können wir uns darum heute so leicht gemeint finden, z.B. beim Anblick der Nofretete. Wobei gerade sie ja nicht aus einem Grab geholt wurde, sondern aus einer verlassenen Werkstatt. Drum wer weiß, vielleicht war die schöne Nofretete-Büste auch als „soziale Plastik“ gedacht? Heute mit all den Rangeleien um Echtheit, Zuständigkeit und Heimatstatus der Büste ist sie mit Sicherheit etwas in dieser Art und ganz wie bei Beuys entzieht sich (oder besser erhebt sich) ihre ästhetische Gestalt mühelos, wie von Zauberhand (=Künstlerhand), der Diskussion.

  3. Kai von Kröcher

    Hallo Steffi & Magnus, hier schon mal ein kurzer Rückblick auf gestern Abend: http://club49-berlin.blogspot.com/2008/10/song-for-lovers.html
    Kai

  4. Walter Gerhard Grimbs

    Hommage von Walter Gerhard Grimbs an Joseph Beuys zum 25. Todestag am 23. Januar 2011

    Ich bin als Aktionskünstler & Kunstpädagoge seit über 40 Jahren auf den Spuren von Joseph Beuys. Der Weg ist steinig aber das Ziel rückt näher.

    Ich verfüge mittlerweile über eine Vielzahl von Dokumenten (Relikte meiner öffentlichen Kunstaktionen), die den Bezug zu der Beuysschen Kunstintention widerspiegeln.

    siehe im Internet unter:
    http://www.walter-grimbs.de/Hommage%20von%20Grimbs%20an%20Beuys.pdf
    http://www.walter-grimbs.de/Hommage von Grimbs an Beuys.pdf
    (siehe auch in den Internet-Suchmaschinen unter dem Stichwort „Walter Grimbs“)

    Glück Auf
    Walter Gerhard Grimbs
    Raunheimer, Frankfurter, Zwickauer und Berliner
    Aktionskünstler und Kunstpädagoge
    Homepage: http://www.walter-grimbs.de/
    Email: walter@grimbs.com

  5. Magnus Hengge

    Die Links zu Herrn Grimbs’ Klimbim sind wirklich ganz weit vorne! 😉

  6. Cecil Lemming

    Ich hoffe, Du bleibst am Ball mit Deinem Blog. Es stehen gute Artikel hier sowie eine rege Beteiligung der Leser. Wäre bedauerlich, wenn das wieder einschläft, wie bei den vielen anderen Blogs. Blogs haben in Deutschland bedauerlicherweise nicht so eine Kultur wie in den USA, um so besser, dass es so etwas im deutschen Netz gibt.