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9. September 2010 22:13:02

… recomposed: Matthew Herbert zerquetscht Mahlers Zehnte

matthewherbert_yellowlaunch

Immer wieder das Problem mit den Erwartungen: Geht man mit schlechter Meinung zu einem Konzert, kann das tatsächliche Erleben fast nur besser werden als man vorher dachte und man genießt den Abend, geht man voller Vorfreude zu einem Konzert, …

Matthew Herbert hat manches gemacht, das mir wirklich außerordentlich gefällt. Z.B. seine Platten „Plat de Jour“ von 2006 oder die neue „One One“ sind Scheiben, die richtig glücklich machen können. Auch wenn er als Produzent aufgetreten ist, wie bei Roisín Murphy für „Ruby Blue“, entstand besondere Popkultur. Sein Ansatz Geräusche, die direkt aus der Umgebung der Künstler oder des Produktionsstandortes stammen, direkt als musikalisches Material zu verarbeiten, ist spannend, zumal er sich eine Art Kompositions-ethisches Manifest verordnet hat, das ihn dazu zwingt absolut alles originär neu zu generieren. Es gelingt ihm mit Field Recordings, neuartigen Programmierungen und Arrangements, die auch mal Big Bands und Orchester einschließen, Klangcollagen zu verdichten, die manchmal zu eingängiger Musik werden und vereinzelt beinahe Hit-tauglich scheinen.

Matthew Herbert sollte also ein hervorragender Kandidat für die Recomposed Reihe der  Yellow-Launch bei der Deutschen Grammophon sein, wo … schon Jimi Tenor, Rufus Wainwright und viele andere klassische Musik neu und meist elektronisch arrangiert haben mit zum Teil höchst erstaunlichen Ergebnissen. Matthew Herbert nahm sich Mahlers 10. Sinfonie vor, die unvollendete, letzte Sinfonie, über die Gustav Mahler den Weg in den Tod fand.

Ich entwickelte gegenüber diesem Vorhaben die Vorstellung, dass der avangardistischer Elektroromantiker Herbert, den Spätromatiker Mahler versuchen würde zu ergänzen, das er die fragmentarische Sinfonie mit jetztzeitlichen neuen Fragmenten auffüllen würde, erweiterte oder irgendwie extrapolierte. Was weiß ich – irgendwas Großes passieren würde. So viel zu den Erwartungen.

Bei der konzertanten Aufführung, die am 7. September im Admiralspalast stattfand, stand Matthew Herbert neben Roland Kluttig dem Konzerthausorchester Berlin vor, das, lange nur hinter dem Vorhang sitzend, auf seinen Einsatz wartete. Das Spiel begann mit Herbert-typischem Knistern und Rascheln, das im extrem nervösen Publikumsgeraschel allerdings weitgehend unterging. Es folgten einige Streichereinsätze, die merkwürdig gequält und dünn klangen, um dann von Vogelgefipse und deutschem Wald im Videobild (wie originell!) überstrahlt zu werden. Nach langen und öden Minuten, die dadurch interessant gemacht werden sollten, dass ein Sologeiger auf dem ersten Rang einen kurzen Auftritt hatte, ging der bisher verschlossene Vorhang auf und der Blick auf das tatsächlich spielende Orchester wurde frei. Echte Musiker mit hölzernen Instrumenten und richtigen Noten auf ihren Pulten. Dass es sowas noch geben kann?! Aber warum nur klingen die so matt? Ach ja, der Matthew Herbert macht ja ihren warmen Klang kaputt, indem er eine Aufnahme desselben Stücks dazumischt, die er in einem Krematorium aufgenommen hat, als er die Sinfonie über die dortigen Schrottlautsprecher abspielte. Schnell den Vorhang wieder zu machen …

Zitat Plattentext: [Matthew Herbert] baute ein Autoradio in einen Sarg ein, ließ die Zehnte darauf abspielen und nahm das Ergebnis wieder auf. Das Bratschensolo aus der Einleitung ließ er am Grab des Meisters in Wien neu einspielen. Über die Lautsprecher in einem Krematorium spielte er das Adagio ab und platzierte ein Aufnahmegerät hinter dem Vorhang. Es ging ihm darum, das Nebeneinander des Banalen und Erhabenen in Mahlers Werk, die ständige Reibung von Leben und Tod, Liebe und Verzweiflung, Größe und Vergänglichkeit sozusagen zu seinem Arbeitsmaterial zu machen. „Meine Fassung soll keineswegs nur die Faszination des Todes darstellen, sondern eine Übersteigerung der unbequemen Balance, die Mahler zwischen Licht und Dunkel herstellte. Es ist die Lust am Konflikt zwischen der Furcht und der Herrlichkeit“, so Matthew Herbert.“

Diese Arbeitsweise mit der Herbert die Sinfonie verfremdete ist ja wirlich sehr interessant und ich kann mir das Ganze auch sehr gut als Werksausstellung vorstellen, in der Originalmaterial, Videodokumentationen des Aufnahmegeschehens, Interviews usw. vereint würden. Dazu würde von mehreren Stellen Klänge eingespielt und man könnte sich selbst einen Weg durch die Fragmente und reorganisierten Schnippsel suchen, könnte reinhören und an der faszinierenden Arbeit des Künstlers teilhaben, könnte selbst entscheiden wie lange man sich mit bestimmten Abschnitten beschäftigen möchte. Das wäre dem Ergebnis sicher angemessen. Doch als Konzert vor einem lärmenden Publikum misslang es gründlich. Man hatte den Eindruck als würde ein Kind bei offenem Fenster an Papas Stereoanlage mit den verbotenen Reglern des Equalizers herumspielen, dabei ab und zu aus Versehen auf den Tonarm des sündhaft teuren Vinylplattenspielers kommen, nur um dann am Schluss, als die Platte in die Leerrille läuft, einfach alles wieder aufzuräumen. Es soll ja keiner merken, was es da gerade getrieben hat. Ich spürte leider überhaupt keine Doppelbödigkeit und verstand in keinem Moment, warum die Musik gerade so verändert wurde, wie sie da gerade verändert wurde. Ich fand das Ergebnis gegenüber dem betriebenen enormen Aufwand so verschwindent klein, dass es mir richtig leid tat.

Das Verblüffendste war allerdings, der frenetische Applaus, mit dem die halbe Stunde vom Publikum beehrt wurde. Wahrscheinlich habe ich an diesem Abend wirklich nicht viel verstanden.

arte.tv ist z.B. weniger kritisch.

 

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Eine Reaktion

  1. steff

    Obwohl nur kurz ca. 40 Minuten, war das Konzert oder was das war, keinesfalls kurzweilig. Die Lichteffekte wirkten ein wenig wie Kasperletheater – Vorhang auf Vorhang zu kein Licht aus Licht an Licht aus. Die oben schon erwähnte, unbeabsichtigte Klangkulisse aus dem Publikum lenkte dann die Aufmerksamkeit auch eher auf die klirrenden Getränkekisten vor der Tür, die quitschenden Türen durch die – sehr um Stille bemüht – immer mal wieder jemand eingelassen wurde. Da lob ich mir doch das Stubenhockerdasein mit wundervoll gestalteten M.H.-CDs und einem Knistern in der Luft, das zwischen »Was ist das denn« und »OH« und »Ah« liegt.