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21. November 2010 22:20:45

… schlank und brilliant: mini-Mahler im Kammermusiksaal der Philharmonie

minimahler

Vor einiger Zeit war ich in einem verblüffenden und großartigen Konzert. Unter dem Namen „mini-Mahler“ findet derzeit im kleinen Saal der Philharmonie eine dreiteilige Konzertreihe statt, die sich auf den „Verein für private Musikaufführungen“ bezieht, der von 1918 bis 1921 in Wien von Arnold Schönberg und seinen Schülern gegründet wurde. Damals veranstalteten die Protagonisten einer neuen experimentelleren Generation Konzerte im geschlossenen Kreis, für die oft extra neue Kammerorchesterfassungen von Sinfonien oder anderen großorchestralen Werken zeitgenössischer und in der Presse geschmähter Komponisten geschrieben wurden. Die Konzerte hatten ausdrücklich didaktisches Format, wodurch die neuartige Musik begreiflich gemacht werden sollte. So wurden hochkonzentrierte Versionen der Werke vieler Komponisten geschaffen, und die damals teils spektakulär neue Musik bekam auf diese Weise überhaupt eine Chance zur Aufführung. Die missmutige Presse musste übrigens draußen bleiben.
Das ist heute anders, denn zumindest ich als Blogger wurde ausdrücklich eingeladen, das zweite Konzert der mini-Mahler-Reihe zu hören, und so kam ich in der ersten Reihe in den Genuss zwei sehr bekannte Stücke zu hören: Zunächst Schönbergs Streichsextett „Verklärte Nacht“ aus dem Jahr 1899 und nach der Pause Mahlers Sinfonie Nr. 1 von 1889. Es spielten das Ensembles MINI in Ergänzung durch Berlin Conterpoint, so dass ausschließlich junge Musiker auf die Bühne kamen, die allesamt hervorragende Solisten sind.

Schönbergs programmatisches Sextett, das seinen Ruhm begründete und bis heute vermutlich das meistgespielte seiner Werke ist, begann so unglaublich zart und warm, dass ich von der ersten Sekunde an vollkommen aufmerksam lauschte und bis zur Pause mit einem breiten glückseeligen Grinsen dasaß. Und noch viel bezaubernder wurde Mahlers Sinfonie dargeboten. Das für großes Orchester geschriebene Werk, das gerne auch mal mit einem 100stimmigen Klangkörper auf die Bühne kommt, wurde mit 17 solirenden Instrumenten aufgeführt, wodurch es natürlich viel weniger wuchtig daherkam als üblich, durch das neue Arrangement von Klaus Simon aber in den einzelnen Klangfarben sehr bunt. Alles bekam eine feine Transparenz und Akkuratheit, in der Mahlers Sinfonie ganz neu erstrahlte. Besonders im zweiten Satz, dieser romantisch verrückten Mischung aus Erinnerungen an Alpenländler-Tänze und jiddischer Schtetlmusik hüpfte der Dreivierteltakt derart vergnügt, wie es im großen Orchester nie hinzubekommen ist. Am Schluss hatten sich dann alle in den Armen und der Applaus feierte die Musiker und den superjungen Dirigenten Joolz Gale, dessen zunächst wilde Strubbelfrisur bis zum Ende doch ziemlich an Leichtigkeit verlor, anhaltend.

Trauriger Weise fand das Ganze in einem skandalös mager besetzen Kammermusiksaal statt, der allerhöchstens zu einem Drittel gefüllt war. Vielleicht liegt es am unglücklichen Namen der Reihe, denn was soll man sich schon unter „mini-Mahler“ vorstellen? Der Titel hört sich irgendwie nach Mini-Playback-Show, Kinder-Orchester oder so was an und die Gestaltung der Programmhefte kommt auch sehr jugendlich rüber, so dass man nicht so leicht auf den wörtlichen Zusammenhang von Mahler in der minimal Version kommt.

Ich kann nur allen raten, hört und schaut euch den dritten und letzten Teil am 16. Januar 2011 an, dann mit der Mezzosopranistin Eva Nagel und einem Programm zusammengesetzt aus Debussy, Schönberg und Mahler.

 

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