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30. Januar 2011 15:34:18

… wiederholt: Total Recall das wichtigste Festival des nacherzählten Films im HAU1

Alle Jahre wieder im Januar im HAU1: Das zweitägige Festival TOTAL RECALL, zu dem sich Filmfreaks aller Generationen und Genre vereinen, um sich gemeinsam mittels freier Erzählung, an filmische Momente zu erinnern, egal ob bekannt oder unbekannt, Hauptsache der Film, von dem erzählt wird, existiert. Eine/r steht vorne am Pult, hat 10 Minuten Zeit, und erzählt: mal gut und schnell zusammengefasst, mal wild zwischen Filmstory und der eigenen Geschichte, die in mehr oder weniger konkretem Zusammenhang zum ausgesuchten Film steht, meandernd. Besonders überraschend sind dabei oft die Erzähler/innen, die sich kurzentschlossen auf die Bühne trauen, sich aus dem Stegreif versuchen, um das meist zunächst noch lückenhafte Programm zu komplettieren.

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In den letzten Jahren waren es mehrheitlich Männer, die sich auf der Bühne produzierten, oft Typen, denen man den Film-Nerd schon von Weitem ansah, und die dann von höchst schrägen iranischen Kung-Fu-Softpornos aus den 1970ern (gefühltes Genre) erzählten. In dieser Kategorie trat diesmal Andre Wentzel an, der von dem extrem billig produzierten, türkischen Superheldenepos „3 Dev Adam“ berichtete, in dem unter anderem relativ zusammenhangslos ein grün gekleideter, gewaltbereiter Spiderman und ein kleptomanisch veranlagter Captain America ihr Unwesen treiben.

Auffällig aber war diesmal die Dominanz von Frauen, die eindeutig die Führung im Bereich des nacherzählten Films übernommen haben. Und ebenso wie früher die Männer neigten einige dazu, tiefe Einblicke in ihre sexuellen Neigungen und Phantasien zu offerieren. So eine üppige Blondine, die nur am Rande von „Invictus“ erzählte, dem Film über das südafrikanische Rugby-Team, das überraschend über die neuseeländischen All-Blacks gewann, dafür aber ausschweifend berichtete, wie umwerfend erotisierend reale, dreckverschmierte Muskelmänner auf Rugby-Plätzen auf sie wirkten, besonders wenn sie sich mal wieder so richtig undersexed fühlte.

Ganz besonders gefallen hat mir auch die Erzählung einer spontan entschlossenen Frau mit südländischem Akzent, die von der Literatur Verfilmung „Cold Mountain“ erzählte. Sie machte sich gar nicht erst die Mühe die dargestellten Charaktere mit ihren Filmnamen vorzustellen, sondern beschrieb ganz plausibel, wie sich Nicole Kidman auf den ersten Blick in Jud Law verliebt kurz bevor dieser in den Krieg zieht, durch welchen Nicole alsbald ihren Vater verliert, einen Hof erbt, den sie nicht bewirtschaften kann, weil sie viel zu kulturell ist, worauf die patente Renée Zellweger bei ihr einzieht und tut was getan werden muss, worauf der Sänger von den White Stripes vorbeikommt, während Jud Law im amerikanischen Bürgerkrieg vor Liebe zu Nicole verzweifelt, desertiert und eine lange Odyssee antritt, um zu ihr zurück zu kommen. Es hörte sich an, als hätten die Hollywoodstars ein echt schweres Leben.

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Noch schwerer und ergreifender allerdings, die Erzählung über den Film „von Göttern und Menschen“. Es war der Erzählerin, Marina E. Kern, ein starkes Anliegen, von den Gefühlen der Ohnmacht und Demut zu erzählen, die eine bestimmte Szene in diesem Film bei ihr ausgelöst hatte. Das letzte Abendmahl, aufgenommen in zwei langen Kamerafahrten, in denen sich zwei ganz unterschiedliche und widersprüchliche Gefühle in den Gesichtern der gezeigten Mönche spiegelten: Einmal große Freude und Freiheit, das andere Mal das Wissen um den eigenen Tod – alles zur Musik von Schwanensee. Es wurde eine Erzählung ohne einen einzigen Lacher, dafür aber mit herz- und augenanrührender Intensität. (Ich bin jetzt beim Darüberschreiben, schon wieder kurz davor zu flennen.)

Doch, die Dramaturgie hätte nicht besser geplant sein können, kam der Höhepunkt des Freitag Abend zum Schluss: Nach einigen Minuten des allgemeinen Wartens, da noch kein abschließender Redner für den zweiten Block gefunden war, melde sich eine kratzige Frauenstimme aus dem zweiten Rang: „Ich kann einen Film erzählen!“ Jubelnder Applaus – juchhei es geht weiter. Auf der Bühne angekommen, ließ uns die Erzählerin am bisher einzigen Filmdreh ihres Lebens teilhaben, bei dem sie als Darstellerin vor der Kamera stand. Es war die filmische Untermalung eines Berichts über Steuertipps, der vor Jahren auf n-tv lief. Sie war damals redaktionell beteiligt, in Ermangelung einer Schauspielerin trat sie aber nun als steuersparende Protagonistin auf. Schon während der ersten Einstellung britzelte es heftig zwischen ihr und dem Kameraassistenten und noch bevor die Steuertipps im Fernsehn liefen, waren die beiden ein Liebespaar. Doch was sich für die charmante Erzählerin wie die Liebe ihres Lebens anfühlte, brach schon nach wenigen Monaten auseinander und so wechselte die Erzählung drastisch und meisterhaft das Genre, von der romantischen Komödie zur tragischen Komödie. Für mich war das ganz klar der Gewinnervortrag zur silbernen Linde, dem wichtigsten Preis im Bereich des nacherzählten Films.

Leider konnte ich auf der Website des Fesitvals nicht erkennen, wer denn nun gewonnen hat.

 

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