Lassen Sie sich nicht kirre machen!
Selbst mein im Allgemeinen sehr lebenskompetenter Nachbar, war von der Flut der freiheitlichen Plakatbotschaften im Berliner Stadtbild verwirrt. Was ist denn nun freiwillig, oder soll freiwillig werden? Was bedeutet freie Wahl? Was meinen die mit Pflicht, Wahlpflicht oder freiwilligem nebeneinander? Wer ist eigentlich wer und will was genau? Was bedeutet es mit Ja zu stimmen und was mit Nein?
Die Initiative Pro Reli hat es wirklich geschafft, die Stadt und ihre Bürger/innen mit einem Thema den Kopf zu verdrehen, das zum Glück bisher eher randständig war und es sicher nach dem 26. April auch wieder sein wird. Sie haben es fertig gebracht, genug Unterschriften zu sammeln, um die Berliner Gesamtgesellschaft zu einem Volksentscheid an die Urnen zu nötigen, um darüber abzustimmen, wie genau eine Detailregelung im Lehrplan der Berliner Schulen gestaltet werden soll.
Also, worum geht es eigentlich: Bisher wird in Berlin (anders und fortschrittlicher als in anderen Bundesländern) für alle Schulkinder ein Fach „Ethik“ gegeben, in dem die für alle Bürger gemeinsam geltenden Werte ihres Gemeinwesens gelehrt werden. In diesem Fach findet eine „Werteerziehung“ statt, die dazu führen soll, das alle zu mündigen und partizipierenden Mitgliedern der demokratischen Gesellschaft werden (können). Wie sollte man etwas dagegen haben (können)? (Siehe Artikel in der Süddeutschen Zeitung.)
Weil dieser Ethikunterricht für alle Kinder ein Pflichtfach ist und der konfessionelle Religionsunterricht an Berliner Schulen hingegen nur freiwillig und zusätzlich besucht werden kann, versuchen nun einige religiöse Gruppen (nicht alle!) den Religionsunterricht als gleichwertige Alternative zum Ethikunterricht zu positionieren. Die von ihnen gewünschte Regelung sieht die sogenannte „Wahlpflicht“ vor, wobei sich dann jedes Kind entscheiden müsste, ob es Ethik oder einen konfessionellen Religionsunterricht besuchen will. Tatsächlich werden natürlich die Eltern für die Kinder entscheiden, weshalb der Begriff „freie Wahl“, der nun überall auf den Plakaten von Pro Reli zu lesen ist, den Kindern wie Hohn in den Ohren klingen muss. „Freie Wahl“ im Sinne von Pro Reli bedeutet also, dass Eltern ihren Kindern vorschreiben werden, dass sie gefälligst den Glaubensunterricht über sich ergehen lassen, der den Glauben der Eltern lehrt. Das nennt Pro Reli dann Wertevermittlung und Klärung der eigenen Wurzeln.
Es ist das Ziel der religiösen Lobbyarbeit, uns allen einzureden, dass der Ethikunterricht in Opposition zum Religionsunterricht stehe. Ethikunterricht soll als Unterricht gegen Religionszugehörigkeit positioniert werden und man will uns glauben machen, dass sich darin eine intolerante Haltung des Staates gegenüber Religionen vermittle. Das ist natürlich gänzlich unwahr und genau das Gegenteil ist der richtig. Im Fach Ethik werden die demokratischen Grundwerte des Zusammenlebens vermittelt, so dass ein Tolerantes und respektables Miteinander und interkulturelles Verständnis möglich wird.
Man gehe also bitte den Konfessionellen mit ihrem „freie-Wahl-Gequatsche“ nicht auf den Leim:
Mit Ja stimmen bedeutet, man ist auf der Seite der Religiösen und will die Wahlpflicht zwischen konfessionellem Unterricht und Ethik einführen, was dazu führt, dass nicht mehr alle Kinder die für alle Staatsbürger gemeinsam geltenden Werte ihres Gemeinwesens gelehrt bekommen.
Mit Nein stimmen bedeutet, man ist auf der Seite der Demokraten und will an der bestehenden Regelung des Ethikunterichts für alle Kinder plus freiwilligem, zusätzlichen Kofessionsunterricht festhalten.
Die Ja-Stimme führt also dazu, dass der auch jetzt schon stattfindende Bekenntnisunterricht … Weiterlesen