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Monatsarchiv für April 2011

21. April 2011 19:19:18

… Augenblicke: Laufkundschaft

Nett sehen sie aus. Fünf Mädchen nebeneinander. Aufgereiht, wie Hühner auf der Stange, sitzen sie im Cafe Einstein in der Kronenstraße/Ecke Friedrichstraße. Drei sind beschäftigt (natürlich mit Telefonieren). Die anderen zwei blicken nach draußen und freuen sich über die Aussicht durch die große Scheibe. Schon lange ist es Mode, dass sich der Gast in einem Cafe , manchmal drin, manchmal im Freiluftbereich, so setzen kann, dass er nach außen, zum Bürgersteig schaut. Nicht mehr der Besucher einer Lokalität, vielleicht in intimer Runde oder in geschäftlicher Anbahnung, kann durch vorbeischlendernde Passanten beobachtet, vielleicht sogar erkannt werden. Nein, jetzt wird der Gast – bei Bedarf – zusätzlich selbst zum Beobachter, Voyeur der vorbeiströmenden Menge. Nicht mehr Objekt, sondern Subjekt, selbstbewusster Darsteller im öffentlichen Zirkus. Ein kleines Alltags-DSDS-Casting für die Eitelkeit zwischendurch. – Andererseits sitzt man wie auf dem Präsentierteller. Die Leute sehen sofort, was ich mache. Mein Gesicht verrät ihnen, ob ich mich freue oder Kummer habe, vielleicht erahnen sie sogar, woran ich denke. Unheimlich.

Wenige Schritte weiter, in der Mohrenstraße vor dem Hilton-Hotel, bewegt sich eine zwanzigjährige Blondine mit Querstreifen-T-Shirt unruhig auf dem Bürgersteig hin und her, spricht Passanten an. Sie sammelt für die Kinder-Krebshilfe – der Ausweis baumelt ihr am Hals. Aufgetakelte Damen, ältere Touristen-Ehepaare, junge Männer mit (und ohne) gegeltem Haar, manche mit dienstreisendem Rollkoffer; Ausländer, die beim Anblick der Spendenbüchse keine Sprache mehr verstehen. Die Einnahmen einer halben Stunde fallen mager aus. Eine Erfolgsquote von 10% läßt bei der Sammlerin langsam die Schultern sinken. Und das an einem Apriltag wie heute, der die stechende Sonne eines noch verborgenen Sommers bereits vorweggenommen hat.

 
 

Autor:

Jürgen Pahl

 

15. April 2011 20:59:52

… rausgeplatzt: Stimme oder Rente oder Gesundheit!

Gestern lag meiner Tageszeitung eine ganzseitige Anzeige bei. Ich erwähne sie deshalb, weil ich bis jetzt erfolglos der Frage nachgehe: Was soll uns das?

Es geht um die Sozialwahl 2011. Die Anzeigenüberschrift lautet: „Ihre Stimme für Rente und Gesundheit“. Besser würde natürlich klingen: Ihre Rente für Gesundheit und Stimme – oder so. Wobei, man weiß ja nicht, ob überhaupt … Also: „Rund 48 Millionen Versicherte und Rentner bestimmen bei der Sozialwahl darüber, wer bei der Deutschen Rentenversicherung Bund und bei den Ersatzkassen der gesetzlichen Krankenversicherung die wichtigen Entscheidungen trifft“. Aha.

Apropos Krankenversicherung. Einmal abgesehen von der Frage, ob es in Deutschland mehr Krankenkassen als, sagen wir, Bischöfe im Vatikan gibt (oder umgekehrt), hält mich die meinige – es war mal eine kleine, jetzt ist sie gewachsen – immer auf dem laufenden. Wenn ich sie vor Jahren mal ab und an brauchte, rief ich irgendwo in Westdeutschland an – denn in Berlin (warum auch) war diese Kasse nicht vertreten – und hatte sogleich jemanden am Ohr, der mir in der Regel schon deshalb nicht helfen konnte, weil ich seinen babbelnden Dialekt nicht verstand. Das war auch nicht weiter schlimm, denn Post bekam ich regelmäßig und keine Beitragserhöhung ging an mir vorüber. Mindestens alle sechs Wochen kam auch ein Hochglanzprospekt mit allerlei auserlesenen Informationen, die sich allerdings für das praktische Leben als unbrauchbar erwiesen. Was nützt mir z. B. der Hinweis, dass der Dichterbarde X oder der gewesene Leistungssportler Y gleichfalls Mitglied meiner Provinzkasse sind. Ich habe auch nicht allzu viel davon, wenn mir der, auf dem unvermeidlichen Foto, entgegengrinsende Vorstandsvorsitzende meiner Kasse salbungsvolle Worte für den Tag und möglichst noch die ganze Woche mitgibt. Auch ist mein Interesse gering ausgeprägt, in einem speziell präparierten Bergbauerndorf in den Karpaten eine Heukur zu absolvieren, nur weil meine Kasse dort so einen vorzüglichen Kontrakt abgeschlossen hat.

Seit wenigen Jahren hat meine Krankenversicherung nun eine Filiale in Berlin, zuerst jwd, dann aber in Mitte. Wenn ich dieses Büro besuche, breitet sich Frieden in meinem Herzen aus, denn hier finde ich Ruhe, Freundlichkeit, wenn auch nicht immer Antwort bzw. Entscheidung zu meinen Anliegen. Aber der Mensch kann nicht alles haben und so muss ich manchmal noch auf die Antwort der babbelnden Kollegen aus der Ferne warten.

Vor einigen Monaten hat meine Krankenkasse nun Hochzeit gefeiert, d.h. mit einer anderen fusioniert. Jetzt haben wir also zwei Vorstandsvorsitzende. Das ist doch ein Fortschritt, denn vier Ohren hören mehr als zwei und wenn der eine Manager sich mal irrt, dann gibt’s ja immer noch den anderen. Das die Kasse, ach Entschuldigung, wir, die Mitglieder, nun zwei Vorsitzende bezahlen, ist ja nur eine Petitesse angesichts der Tatsache, dass die Vierfaltigkeit von Krankenkassen-Ärzten-Apotheken-Pharmafirmen auch zukünftig so ertragreich funktionieren wird. Dem Wähler zur Sozialwahl 2011 – und natürlich auch mir -wünsche ich an dieser Stelle für die Zukunft vorsichtshalber Gesundheit und eine gute Zeit.

 
 

Autor:

Jürgen Pahl

 

13. April 2011 19:54:03

… zurück zu home

Schon wieder heute
Kein Klick zurück

Vorsicht schwenkt aus
Nur die Spitzen schneiden

Ich bin atmungsaktiv
Alle Entwicklungen im Live-Ticker

Bitte leer zurück
Jedoch nicht heute

 
 

Autor:

Joachim Buroh

Kategorie:

Text ohne Takt

 

12. April 2011 17:59:58

… nochmal Touristen: Ein andalusischer Hund* – Reisemomente

Touristen – eine Unterart der Fremden – stören immer, werden aber gebraucht. Ob in Berlin oder anderswo werden sie als das wahrgenommen, was sie sind: Mal Sand, aber natürlich oft auch Öl im Alltagsgetriebe der Einheimischen. Wer jedoch als Besucher eine fremde Gegend, ihre Menschen (manchmal auch sich selbst) etwas näher kennenlernen will, muss die ausgetretenen Pfade verlassen.

Tief im Tal und 30 Wanderminuten entfernt von dem landschaftlich außerordentlich beeindruckenden Hochplateau, auf dem die Stadt Ronda liegt, kauerte der Schäferhund im Gras und ließ keinen Zweifel daran, die Fremden nicht ungeschoren an seinem Territorium vorbeiziehen zu lassen. Da blieb nur der Rückweg in die Stadt auf dem Felsen, die von ihrer Lage, aber auch von den Geschehnissen und Legenden ihrer Geschichte und des Stierkampfes lebt und deren einst berühmten Gästen, wie Hemingway, Rilke, Orson Welles – und ihren Spuren – heute noch das Interesse von Touristen-Legionen gilt, denen man hier nur entfliehen kann, wenn man, abseits der Saison und abends, wenn die meisten wieder auf dem Weg in ihre auswärtigen Hotels sind, durch die kleine Stadt streift.

Der fünfzigjährige, nur ca. 1,65 m hohe Mann mit dem noch vollen, schwarzen Haar, welches ungebändigt oberhalb seines verwitterten Gesichts begann, trug den förstergrünen Pullunder und Schlips seiner Firma. Erst in letzter Minute enterte er den Fahrersitz des Busses von Ronda nach El Puerto de Santa Maria (Kolumbus brach von hier zu seiner zweiten Amerika-Reise auf), um dann sogleich loszufahren. Zwanzig Minuten später stieg ein etwa gleichaltriger Fahrgast ein, der sich auf dem fahrernächsten Sitzplatz niederließ, um dann mit dem Busfahrer ein langandauerndes, lautes Gespräch zu beginnen, welches man auch als Duell bezeichnen kann. Sobald der eine – beider Laune verbesserte sich während der Unterhaltung ständig und sichtbar – seine Worte dem anderen entgegengebellt hatte, kam die Antwort wie eine kurze Salve aus einem Maschinengewehr zurück. Zwischenzeitlich hatte der Bus, es wurde langsam wärmer, den Nationalpark Grazalema hinter sich gelassen und steuerte ein Bergdorf an, das nur über Serpentinen erreichbar war, um dort zwei Fahrgäste aufzunehmen. Anschließend wendete der Fahrer das Gefährt, fuhr dabei bis auf einen Meter an den Abgrund heran und beorderte einen der neu eingestiegenen zum Richten des Außenspiegels nach draußen. Nach diesem kleinen Manöver, welches dem Mann sichtliches Vergnügen bereitete, wurde der Dialog mit dem Fahrgast fortgesetzt. Der Innenraum des Busses verwandelte sich aber mit der Zeit durch zunehmende Hitze (die Klimaanlage wurde erst kurz vor dem Ziel eingeschaltet), eine üppige Geräuschkulisse – zusätzlich durch das eingeschaltete, laut dudelnde, meist Werbung herausbrüllende, Busradio und laufendes Klingeln auf den Mobiltelefonen der Mitreisenden befördert – in ein akustisch suboptimales Milieu. Das wurde schließlich per Radioeinspiel durch den wehklagenden Singsang von Bob Dylan gekrönt, der eigentlich nicht so ganz in diese karge, aber schöne, andalusische Bergwelt, deren ausgedehnte Olivenbaumplantagen von weitem wie durch eine braune Decke mit grünen Noppen bedeckt aussah, hineinpasste.

Plötzlich, nach der Kurve, kamen die Madonna und ihr, sie auf dem Podest anbetender, ebenso lebloser Heiliger, direkt auf den Beobachter zu. Wenn die menschliche Karawane, die sich an diesem Freitag durch das abendliche Cadiz bewegte, einmal zum Stillstand kam, weil der das Mikrofon tragende Priester ein Gebet sprach, blieben auch die eng an eng hintereinander gereihten Männer, die das Podest trugen, stehen und gingen vom raumgreifenden Vorwärtsschritt in die schaukelnde Seitwärtsbewegung über, die zwar dem Ziel nicht näher führte, aber dem entfernt stehenden Beobachter die Illusion gab, die Madonna bewege sich. Vor ihr wurden auf langstieligen Silberständern rohrdicke Kerzen hochgehalten, denen, wiederum von einer Kohorte in schwarzen Anzügen steckender Männer getragen, der in Holz geschnitzte, gekreuzigte Jesus folgte. Die weihrauchqualmende Prozession führte durch enge Gassen, an Bars und Restaurants vorbei, aus denen Lärm von trinkenden und Fernsehfußball konsumierenden Männern drang. Der Menschenzug endete in der Alten Kathedrale, die vor Gold, Silber und Monstranzen förmlich überladen wirkte. Einheimische und Touristen füllten die Kirche, viele hatten ihre Handys und Fotoapparate gezückt oder machten sich auf andere Weise ihr Bild.

Die Maschine von Air Berlin schwebte im nächtlichen Himmel auf die Stadt hinunter. Unter dem Flugzeug leuchteten – wie Glühwürmchen – unzählige Lichter, die mal geordnet, meist jedoch chaotisch erschienen und doch nichts anderes bedeuteten, als der Ort, an den man nach einer Reise wieder zurückkehrt.

* Nicht der von Luis Bunuel.

 
 

Autor:

Jürgen Pahl

 

3. April 2011 14:44:01

… ein geeigneter Ort, um nationale Psychosen zu diskutieren: Wende in der arabischen Welt?

wendeinarabien

Schon letzten Sonntag war ich im Haus der Kulturen der Welt zum Podiumsgespräch: „Wende in der arabischen Welt? Arabische und europäische Blicke auf die aktuelle Situation in Nordafrika“. Eingeladen waren viele Gesprächspartner aus ganz verschiedenen Ländern, die durchaus unterschiedliche Lageberichte abgaben, und denen auch sehr verschiedene Themen und Sichtweisen wichtig waren. Allen gemeinsam war allerdings ein realistischer und zuversichtlicher Optimismus, dass es im arabischen Teil der Welt zu einer nachhaltigen Veränderung Richtung Wahrung der Menschenrechte kommen wird. Alle glaubten, dass es zwar viel Zeit brauchen wird, da die Regime in den verschiedenen arabisch geprägten Ländern das „Konzept des Staatsbürgers“ seit Generationen bewusst hintertrieben hätten, und die Menschen deshalb kaum Erfahrung mit dem entsprechenden Gefühlszustand hätten, über den sie auf die Idee kommen könnten, die nationale Regierung für die eigene Miserie verantworlich zu machen, oder etwa zu verlangen, dass innerhalb der Staatsgrenzen Bürgerrechte umgesetzt werden müssten. Aber sie waren sich einig, dass die Mehrheiten nicht hinter die alten Standards zurückfallen wolle, dass es bei aller Verunsicherung in den Ländern auch ein motivierendes Gefühl der Befreiung gäbe.

Interessant war ein Statement von Hisham Matar, der sagte, dass er glaube gerade Berlin sei ein geeigneter Ort, um über die Gefühlslagen in der arabischen Welt zu sprechen. Die Deutschen hätten viel Erfahrung beim Bearbeiten von nationalen Psychosen und wären immer wieder zu ermutigenden Ergebnissen gekommen. Das könne den Arabern nur helfen. Dies quasi bestätigend meldete sich ein Zuhörer aus dem Plenum zu Wort und beschrieb seine persönlichen Empfindungen als arabischer Auswanderer, der schon seit Jahrzehnten in Deutschland lebt, als er wie gebannt vor den Fernsehnachrichten saß und sah, wie sich die Menschen in Tunesien und Ägypten gegen die korrupten Machthaber erhebten. Er sagte, er hätte zum ersten Mal so etwas wie Stolz darauf verspürt, ein Araber zu sein, nachdem es ihm in seinem ganzen bisherigen Leben immer eher peinlich gewesen war, wenngleich er sich bewusst war, dass er als Exilant aus der Ferne nicht mehr als ein Zuschauer war. – Eine Mischung aus Peinlichkeit und Stolz: Vielleicht wirklich gute Arbeitsbedingungen für Deutsche.

 
 

Autor:

Magnus Hengge

 

3. April 2011 14:07:33

… zum Einschlafen: Snoring in the USA in der NGBK


Was soll schon dabei rauskommen, wenn zwei Künstler (Kristina Leko und David Smithson) eine typische Touristenreise durch die USA machen und dabei jeden Tag und jede Nacht zu einem Video-Loop zusammenschneiden? Eine ermüdend uninspirierte 14 Kanal Video Installation. Ja ich kann erkennen, dass die angesteuerten Orte besucht werden, weil an ihnen Aufnahmen gemacht wurden, die in der amerikanischen Kinogeschichte einen gewissen Stellenwert haben, ich kann auch erkennen, dass man versucht den „American Dream“ und den „Mythos Roadmovie“ in die Realität zu holen, aber es ist halt einfach nur ganz furchtbar langweilig. Von „ironischer Verkehrung, zur poetischen Wirklichkeit“ keine Spur.

Den Busuch von „Snoring in the USA“ in der NGBK kann man sich sparen.

 
 

Autor:

Magnus Hengge

 

3. April 2011 13:49:26

… ein Schmuckstück: Bei Francois Ozon ist Catherine Deneuve mal wieder wunderbar

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Ach was für ein Fest der zu dick aufgetragenen 70er Jahre Klischees. Thematisch wie stylistisch so frisch wie damals: mit grandioser Ausstattung, grell schattierter Typografie, kitschigen Überblendungen, aufgedonnerten Frisuren und wunderbaren Stoffen. Und singen darf natürlich nicht fehlen. Am Schluss nimmt  Madamme ganz Frankreich mit einem ach so schönen Chanson in ihre matriachale Gebärmutter auf: „Ihr seit alle meine Kinder!“ Da schmelzen sogar hartgesottene Kommunisten.

… gesehen im International.

 
 

Autor:

Magnus Hengge

Kategorie:

Kino | Mode | Politik | Soziales

 

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