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Monatsarchiv für Oktober 2011

30. Oktober 2011 21:01:37

… Zeit(en)umstellung: Knopfler, Dylan und Richards

Gestern brachten Mark Knopfler und Bob Dylan ihr groß angekündigtes Konzert in der O2-Halle Berlins über die Bühne. Manche werden dies später vielleicht einmal als legendäres Treffen stilisieren. Für mich passt es jedoch haargenau zu diesem Wochenende: Zeit(en)umstellung. Man hörte bei diesem Musikereignis, das faktisch ein Doppelkonzert war, keine Tageshits, sondern Jahre überdauerndes.

In der nahezu ausverkauften Mehrzweckhalle begann Knopfler pünktlich auf die Minute seine wunderbaren Gitarrensoli zu zelebrieren und – gemeinsam mit seiner Band – satten Klangteppiche auszubreiten. Während die ersten drei Titel rythmisch-rockig mit Blues-Elementen daherkamen – es ist einfach ein prägendes Bild und ein wunderbarer Klang, wenn fünf Gitarren zugleich auf der Bühne tätig sind – wurden anschließend einige Songs mit Folkklängen gespielt. Die Zuhörer, insbesondere die Dire Straits-Fans, waren aber doch beglückt, dass dann „Brothers in Arms“ zu hören war. Knopfler, die ganze Zeit sanft und freundlich, spendierte am Ende eine Zugabe.

Nach der Pause erschien Dylan, seine Bandmitglieder mit dunklen, er mit einem hellen Hut und legten sofort los. Mark Knopfler spielte während der ersten vier Titel mit, u.a. bei „It’s all over now, Baby Blue“. Beide agierten zusammen, vermieden es aber, nach vorn an die Rampe zu gehen. Der Abgang Knopflers von der Bühne war dann ein kurzer, davon huschender Schatten. Dylan und seine Band spielten einfach nur großartigen Rock‘n Roll. Daran änderte auch seine krächzende Stimme und der abgehackte Bellgesang, der an einen gereizten, wütenden Dorfköter erinnerte, nichts. Vielleicht wollte er damit nur jene hinausbegleiten, die das Konzert vorzeitig verließen. Fast am Ende gab Dylan dem Publikum mal wieder eine neue Version von „Like a Rolling Stone“ zu Gehör. Warum gefällt mir die ursprüngliche Fassung immer noch am besten? Zum Abschluss stellte Bob Dylan seine Band vor, verbeugte sich mit ihr vor dem jubelnden Publikum und verließ, ohne eine Zugabe zu gewähren, die Bühne.

Die Zeit(en) nagt an den Menschen und ihrem Tun - obwohl man es bei manchen nicht glauben mag. Neben Bob Dylan könnte man dafür auch die Rolling Stones nennen. Im Grunde ist man jedoch dankbar, dass die alten Helden immer noch spielen. Was bleibt? Keith Richards unterschrieb auf dem Bucheinband zu seiner Autobiografie „LIFE“ diesen Satz: „This is the life. Believe it or not. I haven’t forgotten any of it. Thanks+Praises.“ Manchmal muss man nicht glauben, sondern kann sehen oder hören.

 
 

Autor:

Jürgen Pahl

 

23. Oktober 2011 13:34:34

… Man in Black: Der Geselle

Der Mann hatte Ähnlichkeit mit Matt Damon und er trug komplett Schwarz. Nach der Farbe hätte es auch Johnny Cash sein können, aber die Gitarre fehlte. Die goldglänzenden Knöpfe seiner Kluft trugen das alte Innungswappen. Auch der Spruch „EINER FÜR ALLE-ALLE FÜR EINEN“ (bisher dachte ich dabei immer an die Musketiere) ist nicht mehr aktuell. Nun prüfte er die Heizungsanlage, von der er bis zu diesem Tag nicht wusste, dass es sie überhaupt gab. Er war der Geselle – aber wann trifft man in Berlin schon noch auf einen; das ist so selten wie eine Erdölquelle in Brandenburg - aber sein Chef, der Schornsteinfegermeister, wusste auch nichts von dieser Heizung.

Im Jahr 1935 wurde die deutsche Gewerbeordnung, § 39, geändert und erhielt eine neue Fassung, wonach im Deutschen Reich Kehrbezirke für Schornsteinfeger einzurichten seien. Fortan sollten Kehrarbeiten nur von Bezirksschornsteinfegermeistern oder deren Gesellen ausgeführt werden. Nach 1945 gab es in der BRD und DDR neue Gesetze über das Schornsteinfegerwesen, das Monopol blieb. Einige Leute, speziell Hausbesitzer, waren, bis in die heutige Zeit, sauer auf die Männer in Schwarz, die regelmäßig kamen, prüften, kassierten. Manche meinten, so oft müsse man doch nicht fegen und andere, dass wäre wie eine Lizenz zum Gelddrucken.

Mit dem Jahr 1990 wurden auch die Karten in der Schornsteinfegerbranche neu gemischt. Man begann im Ostteil Berlins Häuser zu sanieren, alte Kohle-Kachelöfen abzureißen und neue Heizungen – auch Etagenheizungen in Miethäusern – auf Basis Öl oder Gas zu installieren. Dafür gab es anfangs sogar Investitionszuschüsse des Landes Berlin. Die Schornsteinfeger mussten diese neuen Feuerstätten prüfen und abnehmen. Es gab aber auch Wechsel der Hauseigentümer und der Kehrprofis und bei letzteren verschwand der eine oder andere Kunde – Karteikarten und PC waren nicht immer kompatibel – aus den Listen, wie der Rauch aus dem Schornstein. Dann wurde 2008 das Schornsteinfegerrecht geändert, das Kehrmonopol wackelte – der Tag X für die Men in Black. Ab 1.1.2013 gilt nun Niederlassungs- und Dienstleistungsfreiheit.

Matt Damon war freundlich und hat seine Arbeit ordentlich gemacht – die Heizungsanlage funktioniert einwandfrei - und er hat das mit einem Protokoll bestätigt. Nebenbei ging’s noch um die ausländischen Schornsteinfeger, die jetzt in Berlin eingekehrt sind. Die Rechnung für die Prüfung kommt per Post, aber vielleicht ist sie ja nicht so hoch, wie angekündigt. Denn: Wer einen Schornsteinfeger sieht – und sei es ein Geselle – der hat bekanntlich Glück!

 
 

Autor:

Jürgen Pahl

 

19. Oktober 2011 18:42:43

… im Vorübergehen: Das Elend der Welt

Ja, die Menschen bleiben stehen; manche schauen mit erstarrten Gesichtern auf die Fotos, andere kauen weiter an ihrem Döner. Hier legt der Mann seiner Frau die Hand auf die Schulter, dort kichern Mädchen über irgendein fotografisches Detail. WORLD PRESS PHOTO 11 zeigt im Bahnhof Friedrichstraße ausgewählte und mit Preisen ausgezeichnete Fotografien über uns und unser Elend.

Die Foto-Auswahl würde ich so kategorisieren – Tierwelt, Mensch und Natur, Sport, Mensch und Politik. Was auch immer für diese Wanderausstellung ausgewählt wurde, ergibt es doch ein überwiegend trauriges, zweifelndes und pessimistisches Bild. Selbst bei den Sportfotos, wie den Aufnahmen von Chris Keulen über das, in unwirtlicher Gegend stattfindende, Eritrea-Radrennen, sieht man zwar die große Begeisterung der Einheimischen und das Nebeneinander von Tradition und Moderne, aber man ahnt auch, wohin alles einmal führen wird.

Die Ohnmacht des Menschen gegenüber der Natur und dem Wüten der Elemente nimmt in dieser Ausstellung breiten Raum ein. Da sind z. B. die Arbeiten von Kemal Jufri über den Vulkan-Ausbruch auf Java, die jene von der Katastrophe getöteten Menschen als ascheüberzogene, plötzlich erstarrte Figuren zeigen, die wie Plastiken eins werden mit dem Gestein um sie herum. Man mag es nicht aussprechen, aber hier gebärt sogar der Tod Schönheit. Ein weiteres Beispiel sind die apokalypsehaften Fotos von Olivier Laban-Mattei und Daniel Morel über das Erdbeben in Haiti, dass uns Mitteleuropäern keinen Vergleich mit dem erlaubt, was wir hier an Naturkatastrophen schon erlebt haben.

Besonders trostlos sind die Aufnahmen, in denen es um das Wirken des Menschen gegenüber seinesgleichen geht. Beim Betrachten der Fotos von Fernando Brito, der in Mexiko die Opfer von Bandenkriegen zwischen den Drogenkartellen festhielt – Tote liegen wie vergessene Feldsteine in der Landschaft - kommen einem die einfachen Worte Menschenrecht und -würde in den Sinn.

Abschließend sei auf zwei, bemerkenswerte und dennoch unterschiedliche, Aufnahmen verwiesen. Einmal das Foto von Vincent Yu, dass den nordkoreanischen Staatschef mit seinem jüngsten Sohn in der Öffentlichkeit zeigt. Hier ist, abseits alles Politischen, ein Foto gelungen, dass den Vater mit Verschlossenheit, Misstrauen und sogar Trauer auf seinen hochmütigen Sohn blicken lässt. Und schließlich nenne ich noch das bekannte, geradezu hypnotisierende Foto von Gustavo Cuevas, der den Moment des Kampfes festhält, als der Stier dem Matador das Gehörn durch den Kopf schlägt.

Die Ausstellung ist noch bis 24.10.11 im Bahnhof-Friedrichstraße zu sehen.

 
 

Autor:

Jürgen Pahl

 

16. Oktober 2011 21:08:58

… weiße Welt: Im Wartezimmer

Sie hantieren an und in Körperteilen, sowie mit Substanzen, über die Mann (und Frau) nicht mehr wissen wollen als unbedingt nötig, es sei denn, sie wären eine Romanfigur von Charlotte Roche. Aber es passiert eben manchmal, so wie der penetrant riechende Kollege, der über den Durst trinkende und dann ausfallend werdende Nachbar, die Läuse in der Kita oder der unbotmäßige, am falschen Ort entweichende, Furz.

Im Wartezimmer eines jener Ärzte saßen an diesem Tag einige ältere Frauen und Männer. Auch ein etwa Vierzigjähriger hoffte - sein abwehrendes Gesicht schien zu sagen: Ich gehöre hier definitiv (noch) nicht her – darauf, möglichst schnell aufgerufen zu werden. Ältere Ehepaare kommen häufig zusammen, wobei die Frau ihren Mann oft nur begleitet um ihn seelisch zu unterstützen, denn sie ist fast immer der tapferere Teil eines alten Ehegespanns. Es geschieht daher - wie auch hier – dass der Mann ihr die Hand hält, damit der Mut zu ihm hinüberströme. Aber nicht nur das; die Frauen sind auch praktischer. Während er sich im Geiste vielleicht schon ausmalte, wie ihm der Arzt bug- und heckseitig auf den Grund geht, unterbreitete sie, noch im Wartezimmer, vielfältige Ideen und Vorschläge für den folgenden Einkauf und das anschließende Mittagessen. Anwesende hörten so ungewollt mit und konnten die eine oder andere Idee für den eigenen Speiseplan übernehmen.

Die meisten Männer kommen jedoch allein hierher, weil sie diesen Moment und Ort aus vielerlei Gründen mit niemandem teilen wollen. Betreten sie den Warteraum, wird ein Platz eingenommen, die Zeitung hervorgeholt und in stummer Würde des Aufrufs geharrt. Es gibt Männer, die nach der Untersuchung, sofern problemlos, ihre Streitlust wiedergewonnen haben und dann gegenüber der Schwester - die stets darauf hinweist, dass sie nichts dafür kann – auf die Bürokratie und die langen Wartezeiten im Gesundheitswesen schimpfen. Andere hingegen tauen erst in diesem Moment auf und zeigen ein entspanntes, lächelndes Gesicht. Zu welcher Liebenswürdigkeit sie fähig sind, wird sichtbar, wenn sie der Schwester Komplimente machen und mit einem Scherz, der nicht immer verstanden wird, die Arztpraxis verlassen. Das Lob haben sich die jungen Damen hier auch deshalb verdient, weil sie einerseits mit robuster Freundlichkeit agieren, andererseits notwendige, technische Anweisungen mit nonchalanter Diskretion geben, was den Herrn, sofern er nicht schwerhörig ist, erfreut.

Dass es auch schneller und weniger diplomatisch geht, hörte ich gestern beim Überholen einer Mittdreißigerin. Sie kam mit der, lautstark in ein Mobiltelefon gerufenen Frage „Wie jeht et nu dir und deiner Kackerei“ sehr direkt auf den Punkt. Was ist die rot-schwarze Regierungsbildung in Berlin und die Krise des Euro schon gegen eine solch elementare Frage?

 
 

Autor:

Jürgen Pahl

 

12. Oktober 2011 18:11:11

… Flughäfen: Ruhe sanft?!

Auszüge aus dem FTD-Artikel „Flugverbot erschüttert Airlines“ von heute: „Kurz vor Beginn des Weihnachtsgeschäfts hat ein Gerichtsurteil Deutschlands Fluglinien in Planungsnot gestürzt. Der Hessische Verwaltungsgerichtshof (VGH) entschied gestern, dass ab dem 21.Oktober am größten deutschen Flughafen in Frankfurt vorerst keine Nachtstarts und -landungen mehr erlaubt sind. Das Gericht urteilte zugunsten von Anwohnern, die wegen einer neuen Landebahn geklagt hatten, die an diesem Tag in Betrieb geht. Sie fürchten um ihre Nachtruhe.“ 

Weiter die FTD an anderer Stelle: Der Vorsitzende Richter Günter Apell: „Es ist nicht nachvollziehbar, warum es diese Flüge in der Nacht geben muss und sie nicht auf den Tag verlegt werden können.“ Eine Grundsatzentscheidung zum Flugverbot, so die FTD, fällt das Bundesverwaltungsgericht frühestens im Frühjahr 2012. Das Urteil des VGH gilt bis dahin.

Berlin hat in den vergangenen Wochen und Monaten große Diskussionen und Unruhe zum Thema Fluglärm (Nachtfluglärm) erlebt. Die Frage erhebt sich, ob und inwieweit sich diese Gerichtsentscheidung auf die Planung und den vorgesehenen Betrieb des 2012 zu eröffnenden neuen Berliner Flughafens auswirkt?!

 
 

Autor:

Jürgen Pahl

 

6. Oktober 2011 21:29:42

… Augenblicke: Friedrichstraße 6.10.11

Nochmal begleitet uns ein freundlicher Oktobernachmittag. Vor dem „Hilton“ kommt mir ein Mann in abgerissener Kleidung mit allerlei Gepäck entgegen. Er spricht mich nach Geld an und ich gebe ihm, gleichzeitig danach fragend, wo er herkomme. „Aus Paris“, antwortet er mit zitternder Stimme, „um hier Deutsch zu lernen“. Als ich wissen will, wie es mit unserer Sprache klappt, schaut er verständnislos.

Gegen 16:30 seh ich eine Demonstration in der Friedrichstraße, die sich nordwärts bewegt. Es geht gegen Nazis, Immobilienhaie, Mietwucher, vor allem aber gegen die Diskriminierung von Minderheiten, insbesondere der Roma in benachbarten Staaten. Der lautstarke, ca. 300 Menschen umfassende, Zug zieht an den Filialen großer deutscher Banken vorbei, die, so konnte man vor einiger Zeit lesen, Geschäfte mit Streubombenproduzenten machen. Andere verhökern der Oma ihr klein Häuschen, verbraten Steuergelder und manche verdienen auch noch am Tod. Passt alles nicht zur Corporate Identity, die in den Hochglanzprospekten dieser Institute immer wieder beschworen wird!

Die Polizei sperrt für den überschaubaren Marschblock die Straßen ab, herrscht ab und zu ein paar Passanten an, welche die Kreuzung Unter den Linden - es hat begonnen zu nieseln – schnell überqueren wollen und macht mit ihrem flackernden Blaulicht die flanierenden Touristen neugierig. Nervös werden einige dann durch die Lautsprecher der Demonstranten und die leidenschaftlichen, mit oft gehörten Begriffen gespickten, Aufrufe der Sprecher. Der Zug biegt schließlich in die Dorotheenstraße ein.

Hinter der Weidendammer Brücke hat linkerhand ein Feinkostgeschäft seinen Geist aufgegeben – der Laden ist ausgeräumt. Der nördliche Teil der Friedrichstraße hat eben nicht die Kaufkraft des Kudamms oder der Schlossstraße in Steglitz. Dennoch hat sich ein Bio-Geschäft – adrett, bunt, hell - hier neu etabliert. Wenige Käufer halten sich zwischen den Regalen auf – die Hälfte schwangere Frauen, die andere Hälfte 60-Jährige aus der „For ever young“-Fraktion. Alles läuft freundlich, gelassen und niemand kauft hier ein, um gesehen zu werden oder eine Botschaft zu vermitteln. Man ist dankbar.

Einige Meter weiter staune ich über die Auslage in einem Büchergeschäft. Drucke des großen französischen Grafikers und Karikaturisten Honore Daumier - branchengetrennt – werden in Kalenderform angeboten. Einer zeigt - für die Mediziner - einen Arzt, der mit Riesenspritze zustechen will, koste es (für den Patienten), was es wolle. Hat sich in diesem Punkt in fast zwei Jahrhunderten viel geändert?

 
 

Autor:

Jürgen Pahl

 

4. Oktober 2011 22:39:48

… Es war einmal: „Le Havre“

Es passte zeitlich und so bin ich zur Nachmittagsvorstellung gegangen. Dann, wenn auch Kinder ins Kino kommen. Aber es erschienen nur noch zwei ältere Ehepaare. Vielleicht lieben auch sie Märchen, so wie sie uns Aki Kaurismäki vorführt.

Es waren einmal ein Mann und eine Frau. Beide lebten bescheiden, in Eintracht und zufrieden. Sie wohnten in dieser französischen Hafenstadt, deren Name so luftig klingt wie eine leichte Brise auf See und dennoch sah man beide nie lachen. Eines Tages begab es sich, dass im Hafen der Stadt ein großes Behältnis auftauchte, in dem Menschen aus Afrika bis nach Frankreich gekommen waren. Einer von ihnen, ein 15-jähriger Junge floh, wurde dann von dem guten Mann und seiner Frau versorgt und schließlich sogar für viel Geld, welches sich der Mann mit Unterstützung anderer, die auch ein gutes Herz hatten, besorgte, zu seiner Mutter nach England verschifft.

Die Handlung des Films ist in seiner Realitätsfremdheit kaum noch nachvollziehbar. Das beginnt damit, dass der Hauptdarsteller weder ein Schuhputzer ist, noch sich so benimmt. Die Handlung wird fortgeführt durch irreale Aufnahmen von der Öffnung des seit zwei Wochen unterwegs befindlichen Containers, die Flucht des Jungen vor den Augen der Polizei, dem Verhalten des Kriminalkommissars – man könnte das fortsetzen. Bauten, Ausstattung und Interieurs des Films – man schaue sich allein die Wohnungseinrichtung und die mit Ölfarbe angepinselten Krankenhauswände an – erwecken den Eindruck, als spiele die Handlung vor 30-40 Jahren, dabei wird laufend mit Euro-Scheinen hantiert.

Aber: Aki Kaurismäki ist der Filmemacher langdauernder Momente und er hält an Dingen fest, die altmodisch wirken und langsam aussterben. Seine Aufnahmen der Menschen und Dinge sind Stillleben, die in einigen Situationen an holländische Malerei des 17. Jahrhunderts erinnern, so bei Wiedergabe der Gläser in der Kneipe, des Hundes und der Zimmereinrichtung. Die Musik des Films wechselt von melancholischer Musette bis zu handgemachtem Rock‘n Roll. Der grauhaarige Little Bob mit der roten Lederjacke singt im Refrain das exemplarische „Long time ago …“. Besonders viel Zeit widmet der Kameramann den Gesichtern beider Helden des Films, gespielt von Andre Wilms und Kati Outinen. Diese werden oft in Nahaufnahmen gezeigt, aber sie sind meist unbewegt, ruhen in sich. Nur selten sind stärkere Regungen erkennbar, so als die Frau in stummer Verzweiflung ins Krankenhaus muss. Kaurismäki führt uns das einfache Leben, Nächstenliebe und Solidarität unter Menschen vor. In diesem Film gibt es zusätzlich auch ein paar ironische Untertöne (z.B.: Der Filmname des Haupthelden ist Marx, der sich im Restaurant gerade mal ein Omelette, aber nur aus einem Ei leisten kann). Für all das schätze ich diesen großen Filmemacher.

 
 

Autor:

Jürgen Pahl

 

3. Oktober 2011 09:48:50

… ein Ereignis: „Das weiße Band“ *

Der Film „Das weiße Band“ lief im Januar 2010 in den Berliner Kinos und wurde seither auch im Fernsehen gezeigt.

Die Handlung spielt in einem norddeutschen Dorf in den Jahren unmittelbar vor dem 1. Weltkrieg. Hauptfiguren in dieser beinahe archaischen Umgebung sind ein überaus sitten- und glaubensstrenger, evangelischer Pastor mitsamt seiner großen Familie; ein Hausarzt, dem die Frau gestorben ist und der nun mit der Hebamme, die ihm das Haus besorgt, zusammenlebt; ein Baron, der als Gutsbesitzer Herr über alles und jeden ist und ein junger Lehrer, der versucht, in der dörflichen Mischung aus Dumpfheit, Elend, Neid, Intoleranz, Gnadenlosigkeit und sehr bescheidenen Freuden zu bestehen.

Der Film von Michael Haneke bietet eine Reihe hochkarätiger, schauspielerischer Leistungen, eine ruhige und sorgfältige Kamera, einen Erzähler, der den Zuschauern den Ablauf des Geschehens in einer einfachen, wie klaren Sprache ergänzt und verbindet dies alles zu einem künstlerischen Ereignis, wie man es nur selten auf der Leinwand erleben kann. Der Streifen – in schwarz/weiß gedreht – ist spannender als ein Kriminalfilm und in vielen Einstellungen präzise wie ein Kammerspiel. Insbesondere dann, wenn die Kamera dicht am Schauspieler agiert, gelingen beeindruckende Szenen, wie zwischen Dorfarzt und seiner Haushälterin (Hebamme) oder der Besuch des Lehrers bei den Eltern seiner Freundin.

Das Wunderbarste an diesem Film ist jedoch das Spiel der Kinder, die hier in großer Zahl das familiäre, schulische und dörfliche Leben dieser Zeit nachempfindbar machen. Manche Szenen, wie das Verhör eines Mädchens durch die Polizei oder wie der „Herr Vater“ von seinem jüngsten Sohn einen Vogel geschenkt bekommt, vergisst man nicht so schnell. Wer es auch schaffte, die Kinder (fünf bis sechzehn Jahre) zu diesem Spiel vor der Kamera zu inspirieren, dem ist etwas Großes gelungen.

Wir erleben mit diesem Film ein Kunstwerk herausragender Qualität! Wer möchte, heute abend 20:15 in der ARD erstmals oder nochmal.

* Dieser Text erschien, hier nur leicht verändert bzw. aktualisiert, bereits am 21.1.2010 im Hauptstadtblog.

 
 

Autor:

Jürgen Pahl

Kategorie:

Alltägliches | Geschichte | Kino | Kunst

 

1. Oktober 2011 22:00:28

… zwei Welten: Mit Mao wieder daheim

Eigentlich habe ich am 27.9.11 nach dem elfstündigen Flug schon bei der Sicherheitskontrolle in Frankfurt/Main gemerkt, dass ich wieder zu Hause bin. Das Personal war nur halb so freundlich, zuvorkommend und schnell (man könnte auch professionell sagen), wie beim Abflug in Shanghai das chinesische. Mit geradezu beamtenhafter Lahmarschigkeit und Langeweile wurde die kofferbewehrte Menschenschlange im Flughafen von F. bearbeitet. Weil ich dann – jeder musste seinen Kunststoffkasten zur Ablage der persönlichen Sachen vor dem Scannen selbstverständlich selbst aufs Laufband stellen – den meinigen mit ein wenig Betonung aufs Band krachen liess, war ich selbstredend beim Köfferchenaufmachen mit dabei, denn: Strafe muss sein!

Der kurze Flug von F. nach Berlin eröffnete aber dann von oben ein lange vermisstes Bild: Ein klarer Himmel und ein weithin leuchtendes, nur von vereinzelt aufragenden Hochhäusern gestörtes Bild eines großen Gemeinwesens. Die vergleichsweise geradezu einsamen Hallen von Tegel entließen die Ankömmlinge in eine klare, etwas kühle, aber reine, deutsche Nachtluft. Die chinesische Luft (ob tags, ob nachts) empfindet man weniger sauber, sondern eher angefüllt mit Produkten, die vor allem aus menschlichem Tun stammen. Aber auch dort, wie in Deutschland, gibt es ein Nord-Süd-Gefälle. In Peking, Xian, Chongqing ist anscheinend mehr drin, in Suzhou, Hangzhou, Nanjing und Shanghai weniger.

Zum Beispiel Chongqing, größte Stadt Chinas - ein Wald von Hochhäusern, nur wenige Deutsche kennen überhaupt ihren Namen. Hat ja auch nur 30 Millionen Einwohner. Der Straßenverkehr – ich würde ihn nicht mit Berlin vergleichen. Ganz andere Liga. Aber auch deshalb nicht, weil sich Autoinsassen nach einem Verkehrsunfall gern mal in die Wolle kriegen, also mit blutiger Nase und so. Passiert in Berlin eher nicht. Hier ist große Ruhe, Grün und Langsamkeit angesagt, also relativ gesehen. Aber auch langweilige, eintönige Architektur. Hätte nie geglaubt, dass Wolkenkratzer eine architektonische Schönheit aufweisen könnten. In Shanghai/Pudong ist es so. Wohnen möcht ich trotzdem dort nicht. Abends drei Stunden durch Shanghai gelaufen und in Nordchina den Drei-Schluchten-Staudamm besucht. Was man da sieht und erfährt, passt nicht mehr in einen kurzen Bericht.

Zurückgekommen in eine Stadt, die gerade gewählt hat. Natürlich richtig. Jeder bekommt das, was er braucht. Der Regierende wird weiterhin zufrieden aussehen – jedenfalls auf Fotos - und ab und zu mal eine Kulturidee haben. Die Grünen wollen jetzt - ganz unbedingt - regieren. Nur zu. Die Linke vielleicht richtige Opposition, das ist was für`s Herz. Und die CDU hat bis zum nächsten Jahr – Bundestagswahl - viel Zeit zu überlegen, was aus ihr wird, wenn sie 2013 auch im  Bund verliert - Der letzte Anhänger dieser Partei wird spätestens dann gemerkt haben, dass seine Währung nichts mehr taugt und sein Erspartes vielleicht auch weniger wert ist.

Zurückgekommen in eine Stadt, wo Freitag abends in Mitte Vernissagen-Gäste mit einem Glas Hochgeistigem die Bürgersteige verstopfen, wo vorwiegend junge Männer und Frauen Sonnenbrillen tragen, obwohl gar keine Sonne scheint, wo man ab und zu sogar schon mal ein E-Moped sieht und wo der schnorrende, polnische Punker am Bahnhof immer noch fidel aussieht, verglichen mit dem Bettler vor dem chinesischen Buddha-Tempel.  In Chinas Großstädten ist auch dies etwas anders: Abends treffen sich in den Parks der Stadt die 50-70 Jährigen zum gemeinschaftlichen Singen von Volksliedern und Liedern aus der Mao-Zeit. Die 30-50 Jährigen, vorwiegend Frauen, tanzen gemeinsam in  großen Pulks zu modernen oder weniger zeitgemäßen chinesischen Pop-Rhytmen. Meister des Thai-Chi üben selbstvergessen oder unterrichten Schüler. Und das E-Moped ist Massenverkehrsmittel.

Kleinkinder sieht man meist von vielen Erwachsenen umringt – die kleinen Buddhas werden verwöhnt.(Kleines Detail: In den Hosen der Sprösslinge ist vorn und hinten ein kleines Loch, für das schnelle Geschäft). In China gilt seit 1976 die sogenannte Ein-Kind-Politik – das Land hat aber, mit 1,3 Milliarden Einwohnern, schon jetzt zu tun. Wer mehr als ein Kind hat, muss zahlen. In Deutschland muss niemand zahlen, wenn in der Familie mehr als ein Kind heranwächst. Trotzdem entscheiden sich viele Deutsche auch nur für ein Kind. Letztlich eine kleine deutsch-chinesische Gemeinsamkeit.

Mao ist in China noch gegenwärtig, nicht nur als Mao-Bibel für die Touristen. Auch auf den Geldscheinen ist er präsent. Einer davon (10 Yuan=1,20 €) ist mit nach Berlin geflogen. Seit Monaten sinkt der Wert des Euro gegenüber dem Yuan. Apropos Geld. Die Chinesen, also der Staat, haben genug davon. Dollar, Euro. Um die drei Billionen Devisenreserven. China kauft seit Jahren US-amerikanische Staatsanleihen, seit kurzem auch europäische, stützt somit unseren Euro. (Viele Chinesen würden das Geld lieber im eigenen Land angelegt sehen, z.B. für Soziales und Umwelt). Außerdem sorgt der chinesische Markt dafür, dass der Absatz (u.a.) der deutschen Autoindustrie brummt und dort mehr verkauft wird als anderswo. Da aber Dankbarkeit eine sehr unökonomische Kategorie ist, werden die Amerikaner und Europäer etwas dafür geben müssen. Nicht nur Absatzmöglichkeiten für chinesische Produkte. Ein teures, technisches Museum haben wir auch noch besucht. Die deutsche Magnetschwebebahn (21 km) fährt mit 430 km/h zum Flughafen Shanghai. Keiner braucht sie, keiner kauft sie. Die Chinesen bauen von Peking nach Shanghai aber ihren eigenen, schnellen Zug. Quo Vadis Europa?

 
 

Autor:

Jürgen Pahl

 

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