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Monatsarchiv für April 2012

24. April 2012 13:53:34

… verbindend: Großer Abend mit Jordi Savall im Konzerthaus Berlin

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Am Sonntag war ich seit Langem mal wieder im Konzerthaus Berlin in dem Konzert Mare Nostrum das unter der Leitung und Mitwirkung des bekannten Multiinstrumentalisten Jordi Savall im Rahmen des des Festivals „zeitfenster, VI. Biennale Alter Musik“ stattfand. Der Abend war als Dialog der christlichen, sephardischen, ottomanischen und arabo-andalusischen Musik im Mittelmeerraum angelegt, und wurde zu einer musikalischen Rundreise ums Mittelmeer, das die Römer zur Zeit ihres „Weltreiches“ Mare Nostrum nannten. Tatsächlich fühlte ich mich zeit- und räumlich in eine andere, entfernte und doch ganz nahe Welt entführt. Die vorwiegend modal aufgebaute Musik, gespielt von einem hervorragenden Ensemble, hatte zumindest auf mich einen ähnlichen Effekt wie das Reisen selbst, bei dem man auch oft zwischen aufregenden Erlebnissen (neue Eindrücke, Sehenswürdigkeiten, fremde Bekanntschaften) und schläfrigem Halbbewusstsein (monotones Fahren, verarbeiten der Eindrücke) hin- und herschwankt.

Drei Musiker aus dem Ensemble möchte ich besonders hervorheben: Natürlich Jordi Savall selbst, der auf verschiedenen Geigen-artigen altertümlichen Instrumenten die führende Melodiestimmen spielte, mit viel Wärme, instrumentalen Nebengeräuschen und klarer Leitung für das Ensemble. Der Sänger Lior Elmaleh gab besonders den sephardischen Liedern mit wunderbar modulierender Stimme, mit der er mühelos ebenso reich schmerzliche wie heitere Lieder interpretierte, große Präsenz, und der Kaval-Spieler Nedyalko Nedyalkov, der ein wirklicher Meister dieser Flöte ist, und die Schnittstelle zwischen der Alten Musik und modernem Jazz gekonnt und rhythmisch raffiniert bespielte.

Ein gelungener Abend mit großartiger Musik, der nur an einer Stelle merkwürdig gebrochen wurde: Kurz vor Schluss des regulären Programms ging die Musik in eine Einspielung der im letzten Jahr verstorbenen Frau von Jordi Savall über, die über lange Zeit als Sängerin prägend für den bekannten Klang verantwortlich war, für den Jordi Savall berühmt geworden ist. Doch die Stimme der erst vor wenigen Monaten Verstorbenen inmitten der bis zu diesem Zeitpunkt höchst lebendigen Veranstaltung, mutete doch etwas befremdlich an. Savall rahmte diese Einspielung mit dem bekannten Sprichwort ein, dass jemand erst dann wirklich gestorben ist, wenn keiner mehr an ihn/sie denkt. „An jemanden denken“ umschließt allerdings nicht unbedingt die Art von Auftritt, die hier ins Konzert eingefügt wurde.

 
 

Autor:

Magnus Hengge

 

2. April 2012 00:52:05

… Kunst. Wahrheit. Wirklichkeit.

Art and Press. Internationale Künstler beziehen Position lautet der Titel einer der interessantesten Ausstellungen, die Berlin aktuell zu bieten hat. Als gelungenes Edutainment goes Art konzipiert, bietet die Schau viel Spannendes, Aufrüttelndes und Neugierigmachendes aus den Ateliers internationaler Künstler_innen, die sich, in 56 Stellungnahmen zur Zeitung als Medium der Aufklärung wie der Manipulation, als Inspiration und Denkraum, mit ihr als Material und Gegenstand der Kunst auseinandersetzen.

Ai Weiweis Rauminstallation aus einer erdbebenzerstörten Schule, in der 1000 junge Menschen starben, verweist auf eine Tragödie, über die die Presse Chinas nicht berichten durfte. Annette Messager montiert eine Le Monde Diplomatique über einem Ventilator: Dancing Newspaper steht für die Volatilität der Worte. Barbara Kruger füllt in Untitled einen ganzen Raum mit überdimensionalen Zeitungsartikeln zum Thema Migration. Gustav Metzger präsentiert in Eichmann and the angel die schusssichere Box, in der Adolf Eichmann während seines Prozesses in Israel saß, davor eine Wand aus Zeitungen. Faszinierend allein schon auf Grund von Größe und Positionierung im monumentalen Lichthof des Martin-Gropius-Baus ist Anselm Kiefers Kommentar zum Medienwandel, Die Buchstaben.

Die für mich gelungenste Kombination aus bezaubernder Ästhetik und politischem Statement ist William Kentridges Tide Table, ein wunderbares Bühnenbildtableau mit Licht- und Puppenspielen, die das mystische Afrika ebenso evozieren wie die Brutalität des Kolonialismus.

Teil 2 der von der Stiftung für Kunst und Kultur e.V. Bonn mit dem Medienpartner BILD präsentierten, und von RWE gesponserten Ausstellung ist der Historie gewidmet. Auf der Empore über dem Patio des MGB hängen jedoch nicht die Originale der Klassiker, die sich dem Thema Zeitung und Medien künstlerisch näherten – Cézannes Vater des Künstlers, Juan Gris’ Frühstück, Max Beckmanns Bildnis Minna Beckmann u.a.m. – sondern iPads, auf denen die Bilder und ergänzende Informationen zu Werk und Autor abrufbar sind. Überdies hat man von oben noch einmal einen schönen Blick auf Anselm Kiefers raumfüllende Arbeit, die es mir – Sie merken es – besonders angetan hat.

Statistisch, so lernte ich kürzlich auf einer Tagung, verbringt der/die Museumsbesucher_in im Durchschnitt zwei Stunden in einer Ausstellung. Wenn man Art and Press so richtig genießen möchte – und die Schau ist es wert! – sollte man mehr Zeit einplanen. Zu sehen ist übrigens auch Gerhard Richters Acht Lernschwestern. Falls jemand das alberne Schlangestehen rund um die Nationalgalerie gegen einen relaxten Besuch im Martin-Gropius-Bau aufgeben mag … Wobei man in der Schlange natürlich selbst zum Teil des manchmal seltsamen Verhältnisses von Presse und Kunst wird. Schließlich stehen die Massen immer vor der Ausstellung Schlange, um die die Medien den größten Hype generieren.

Art and Press. Internationale Künstler beziehen Position ist noch bis zum 24. Juni im Martin-Gropius-Bau zu sehen. Zur Ausstellung erscheint ein Katalog im Wienand Verlag.

 
 

 

2. April 2012 00:12:42

… Pacific Standard Time

Jedenfalls gilt diese für die großen, bunten Bilder und Mixed Media Arbeiten, die amerikanische Künstler_innen zwischen 1950 und 1980 in, für oder inspiriert von Los Angeles schufen, und die noch bis zum 10. Juni im Martin-Gropius-Bau zu sehen sind. Es ist eine beeindruckende und vielfältige Schau des Getty Research Institute und des J. Paul Getty Museum, deren einzige europäische Station Berlin ist. Präsentiert werden über 70 Werke von 40 namhaften und – hier jedenfalls – weniger bekannten Kreativen, darunter Klassiker wie John Baldessari, David Hockney, Edward Kienholz, Bruce Nauman und Ed Ruscha. Sorgfältig thematisch sortiert nach Stil, Medium oder Trend. Konzeptkunst, Pop Art, Installation, Fotografie und mehr. Viel Sonne im Golden State an der US-amerikanischen Westküste inspiriert zu farbenfroher und variantenreicher Kunst. Dabei kommen die politische Kunst und die künstlerische Auseinandersetzung mit sozialen Fragen keineswegs zu kurz. In einem eigenen Raum finden sich Berliner Visionen von Sam Francis und Edward Kienholz, die auch in und für Berlin Kunst gestalteten.

In einer Ausstellung in der Ausstellung thematisieren die Grüße aus LA mit weiteren 200 Exponaten die Beziehung zwischen Kunst und Gesellschaft: Gezeigt werden Kataloge, Postkarten, Briefe und weiteres Dokumentarisches. In einem weiteren Addendum sind die schönen S/W- Aufnahmen des Architekturfotografen Julius Shulman zu sehen.

Pacific Standard Time. Kunst in Los Angeles 1950-1980 schafft es tatsächlich, an einem von Graupelschauern durchsetzten Vorfrühlingsnachmittag etwas Licht, Sonne und Palmenrauschen aus Kalifornien nach Berlin zu bringen. Die lichte Leichtigkeit, die die Arbeiten transportieren, weckt zugleich (mindestens) einen Tick Fernweh. Während ich mich darüber freue, nächste Woche selbst in Kalifornien zu sein, setzt ein kleines Mädchen mit einem roten Anorak die Inspiration durch Lebensfreude selbst kreativ um: Sie nutzt Mary Corses Untitled (White Light Grid Series VI) als reflektierende Kulisse für Schattenspiele. Mixed Media of the coming generation!

 
 

 

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