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Archiv der Kategorie ‘Mitte-Tiergarten-Wedding‘

16. Januar 2012 13:37:50

… Ort der Umwandlung: Sarrazins Buch wird abgeschafft

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Das in voller Gesellschaftsbreite durchdiskutierte und trotzdem wenig gelesene Buch (auch von mir nicht) von Thilo Sarrazin „Deutschland schafft sich ab“ ist inzwischen das meiste verkaufte Sachbuch eines deutschen Autors in der Nachkriegszeit. Rund 1,3 Millionen Exemplare haben es in die deutschen Buchregale geschafft, wo sie nun vermutlich neben anderen ungemein sachdienlichen Büchern von Hans-Olaf Henkel oder Karl Theodor zu Guttenberg stehen. Weil derartige Belastungskörper natürlich besser schnellst möglich anderen Nutzungen als der allgemeinen Volksverblödung zugeführt werden sollten, hat nun anlässlich der kommenden siebten Berlin Biennale der tschechische Künstler Martin Zet die Buchsammel-Aktion „Deutschland schafft es ab“ gestartet, deren Ziel es ist, möglichst viele der Sarrazinischen Schriften zusammenzubringen, um sich so davon zu entledigen. Die Berlin Biennale wird in dieser Angelegenheit organisatorisch unterstützend tätig und wird deutschlandweit den Büchertransport übernehmen.

Die Aktion wurde am 12. Januar veröffentlicht und bereits jetzt gibt es einen erwartungsgemäßen Aufschrei von Menschen, die eine zentrale, politisch motivierte Büchervernichtung erwarten. Das seien „Nazimethoden“ ist als einhellige Meinung zu hören und alle befürchten eine Bücherverbrennung, als könnte ein zeitgenössischer Künstler keine kreativere Strategie entwickeln, als alle Bücher auf einen Haufen zu werfen und ein bisschen mit dem Feuer zu spielen.

Ich finde die Aktion sehr spannend, gerade weil die politischen Lager so wunderbar aufgemischt werden:
Heftige Sarrazingegner werden zu Gegnern einer Gegen-Sarrazin-Aktion. Sarrazinbefürworter, die vermutlich auch schon mal den Koran einer organisierten Verbrennung zuführen würden (böses Vorurteil!), dürfen sich als Opfer einer politischen Säuberungsaktion begreifen. Und die ganze Aufregung schon im Vorfeld, bevor überhaupt irgendjemand weiß, was aus den hoffentlich vielen Büchern entstehen wird, die Martin Zet einsammeln kann. Vielleicht baut der Künstler ja ein Haus der Verständigung daraus, oder er lässt sie in einem Meer der Tränen schwimmen – wer weiß …

Die Berlin Biennale hat jedenfalls schon drei Tage nach der Erstveröffentlichung der Aktion folgende Klarstellung verbreitet:
„Martin Zet ruft Personen, die sich aus unterschiedlichsten Gründen von dem Buch „Deutschland schafft sich ab“ von Thilo Sarrazin trennen möchten, auf, es einer künstlerischen Aktion zu spenden. Entstehen soll eine Installation, deren Größe und Ausdruck abhängig ist von der Anzahl der gespendeten Bücher. Während der 7. Berlin Biennale für zeitgenössischen Kunst wird Martin Zet gemeinsam mit dem Publikum an der Frage arbeiten, welchem Zweck die Bücher anschließend zugeführt werden. Das Kunstprojekt hat nicht eine Büchervernichtung zum Ziel, sondern der Künstler verbindet mit der Spende und der Transformation der Bücher einen Akt des Widerstandes gegen den anti-migrantischen und polarisierenden Inhalt des Buches mit künstlerischen Mitteln.“

Das ist leider enttäuschend: Muss wirklich das Publikum in einer Basisdiskussion über den Verbleib der Bücher entscheiden? Warum dieses Einknicken? Ich wünschte mir stattdessen einen wirklich selbstbestimmten, künstlerischen Akt. Martin Zet soll einfach bestimmen, was mit den Büchern zu passieren hat und dann auch persönlich dafür grade stehen. Aber wie es aussieht wird man an einem kleindiskutierterten Konsens mit womöglich paritätischer Aufteilung nicht vorbeikommen. Doch dafür hätte ich natürlich auch gleich eine Lösung parrat: 98 % der Bücher werden dem Wertstoff-Recycling zugeführt und der Erlös dafür einer Vielzahl von Organisationen zur Förderung von Kindern mit Migrationshintergrund gespendet (ein Bewerbungsverfahren für die Organisationen kann unverzüglich eingeleitet werden) und 2 % dürfen von einer radikalen Minderheit öffentlich und fröhlich verbrannt werden.

Übrigens: Das private und einzelne Buchverbrennen ist im Gegensatz zur politisch motivierten, öffentlichen Autodafé ein Akt der inneren Reinigung und im Falle der Verbrennung im heimischen Ofen auch noch eine relativ nützliche Angelegenheit, sofern es im Winter geschieht. Das kann ich aus eigener Erfahrung sehr empfehlen.
Die reguläre und täglich praktizierte Art des massenhaften Bücher-Recylings ist hingegen ein sehr unterkühltes Verfahren: kleinhäckseln, einweichen, vermengen und zu minderwertigem Papier verarbeiten. Mit solchem kann man sich dann entweder den Hintern abwischen oder Paperback-Auflagen drucken. Ob es zwischen diesen möglichen Nutzungen eine moralische Wertigkeit gibt, sein dahingestellt.

 
 

Autor:

Magnus Hengge

 

23. Dezember 2011 00:20:54

… Friedrichstraße: Halblange Anbahnung

Der heutige Donnerstag, tagsüber ein nichtwinterlicher, mutierte zum Abend hin in einen beinahe frühlingshaften, nieselregnerischen. Die Bürgersteige entlang der Friedrichstraße sind dennoch leidlich ausgelastet und – um den Bahnhof herum – sieht man auch heute wieder die Anbahner. Sie bringen Protest, Mitleid, Interesse und anderes vor und an den Vorbeigehenden. Sie machen auf die geschundene Natur aufmerksam oder zeigen mit Fotos auf Unrecht und Unmenschlickeit. Die Anbahner werben um die Aufmerksamkeit der Passanten und ihr Geld.

Unmittelbar am U-Bahn-Eingang steht ein baumlanger, junger Mann, der die Berliner Zeitung anpreist. Vor ihm, sie reicht ihm nicht mal bis zur Brust, eine junge Frau, modern gekleidet, Typ Annett Louisan. Sie muss den Kopf mächtig in den Nacken legen, um zu dem Anbahner aufzublicken. Er kann, so ich ihn von weitem sehe, unmöglich von einem Zeitungs-Abo reden, dazu schaut sie viel zu verzückt nach oben. Irgendetwas Nettes süßholzraspelt ihr der Dirk Nowitzki unter den Abo-Werbern vor. Erst als ich – auf Höhe der beiden – an ihnen vorbeimarschiere, kommt die entscheidende Frage: „Na, was hälts Du denn nun von einem Probe-Abo der Berliner Zeitung?“

Da ich hinten keine Augen habe und meine Ohren mit denen der Fledermäuse nicht konkurrieren können, bleibt das Ende dieser Anbahnung leider offen.

 
 

Autor:

Jürgen Pahl

 

14. Dezember 2011 19:04:13

… dezemberlich: Bekennerschreiben

Leute, schaut auf diese Stadt! Der Berliner Senat, mühelos in verborgener Kleinarbeit vorbereitet, nach außen hin aber gewohnt lässig – proudly presents: Eine neue Maßeinheit – das Braun. Ein Braun (in Zahlen: 1) ist die Zeit zwischen der Ernennung und dem Ausscheiden eines Senators und wurde nach dem Eichometer, das im Keller des Roten Rathauses installiert wurde, auf genau elf (in Zahlen: 11) Tage festgelegt. Wie wegweisend und kooperativ Berlin wieder arbeitet, zeigt sich daran, dass diese neue Einheit auch für Minister, Parteivorsitzende und Generalsekretäre, Trainer aller Art, Intendanten, vor allem aber für die Bearbeitungszeit in der Verwaltung genutzt werden kann. Für die Prüfung einer Steuererklärung (also, wenn der Bürger ein Rückzahlung erwartet) könnte man zehn Braun in Ansatz bringen. Ja, hier wurde know how kreiert, dass andere Bundesländer übernehmen könnten, wenn sie  nicht selbst schon genug Ärger haben. Wie geht es nun, dezemberlich gefragt, in unserer Stadt weiter: Rot (+Purpur!)/Schwarz oder sexy?

Keine Ahnung, denn Berlin ist ja vor allem die Stadt der Touristen. Wir anderen leben hier nur und schätzen die alltäglichen Abläufe und Höhepunkte. So gefallen mir z. B. die DPD-Fahrer ausnehmend gut. Die klingeln eine Nanosekunde an der Haustür, aber noch vor Ablauf dieser Zeitspanne sind sie wieder weg, drücken einem Kioskbesitzer die Sendung in die Hand und vergessen dabei, den Zettel im Briefkasten des eigentlichen Empfängers anzubringen. Denn: Die Bewegung ist alles, das Ziel nichts. Oder unsere Politessen mit ihren schmucken Uniformen und adretten Frisuren: Sie machen einen großen Bogen um Firmenfahrzeuge, die Eingänge blockieren und um Kampfhundebesitzer, deren Lieblinge ihre Beißerchen maulkorbfrei zeigen. Nur der private Falschparker steht auf ihrer cash-Liste und hat eine reale Chance für die Aufnahme in eine Sünderdatei.

Ich bekenne weiterhin: In dieser Stadt der Kreativen und Think Tanks soll der Teufel all jene holen, ob Firma oder Behörde, die – obwohl sie es sich leisten könnten - junge Leute und Absolventen für Praktika, Wochenendarbeit und Überstunden gar nicht oder nur erbärmlich bezahlen, ihnen nicht mal einen Arbeitsvertrag geben. Weiter: Sollen doch Hauseigentümer und Vermieter auf ihren notdürftig sanierten Wohnungen, die sie von Auszug zu Auszug immer teurer vermieten, sitzenbleiben. Und: Ich wünsche allen ein nachdenkliches Weihnachtsfest, die ihre Kunden betrügen, ob sie Banker, Arzt oder Gemüsehändler sind oder jene, die, national berauscht, vermeintlich Schuldige bei Minderheiten suchen und die wirklichen Übeltäter nicht sehen wollen.

Schließlich: Welcher Stellenwert für diesen Senat, mit dem wir noch viel erleben werden, und seinen Kultursenator große deutsche Literatur und das deutsch-deutsche Kulturerbe besitzt, zeigt die Nichtanwesenheit offizieller Vertreter bei der Beerdigung von Christa Wolf. - Für Ignoranten hilft vom Weihnachtsmann nur noch die Rute und am besten für 2012 vorsorglich gleich mit!

 
 

Autor:

Jürgen Pahl

 

6. Dezember 2011 21:47:15

… Kaleidoskop des Lebens: „The Family of Man“

Gruppenbildnisse sind insofern etwas besonderes in der Malerei, da sie meist nach Auftrag entstanden und oft Repräsentationszwecken dienen sollten. Die Gemälde geben etwas vom sozialen Status der Dargestellten preis, sind aber auch Hinweis auf die Stellung des Malers und seines Verhältnisses zum Auftraggeber. Manchmal ist jedoch noch mehr zu sehen: So ist RembrandtsDie Anatomie des Dr. Tulp“ eines der interessantesten Gruppendarstellungen in der Malerei überhaupt, denn selten wird der Mensch so anschaulich wie hier zwischen Erkenntnis und Endlichkeit gezeigt. Ein anderes, ebenfalls bekanntes Gruppenbildnis stellt Goyas  - Die Familie Karls des IV“ dar. Der spanische Maler erfasste mit dem Bild offenbar nicht nur den Geschmack, sondern sogar das Wesen dieser damals Mächtigen. Goya hat weder das Imponiergehabe des Königspaares, noch, im besonderen, das Misstrauen, die Eitelkeit, ja Hässlichkeit auf dem Antlitz der Königin und das Kaulquappengesicht des Königs unterschlagen, so dass man sich fragt, wie er mit diesem Gemälde überhaupt die Akzeptanz seiner Auftraggeber erlangen konnte.

Bei Gruppenfotos geht es zunächst einmal um einen Moment, der aber auch wesentliches offenbaren kann. Zwei Beispiele: Das Foto (S. 109) von Arthur Witmann, einem US-amerikanischen Fotografen, zeigt eine Gruppe Menschen in einer offensichtlich unterhaltsamen Veranstaltung. Es bereitet große Freude, auf dieses lebensbejahende Bild zu blicken. Ein zweites Foto sei hier genannt: Vito Fiorenza hat vermutlich (S. 56) eine sizilianische Landarbeiterfamilie abgebildet – zwei Erwachsene und vier Kinder. Die Gesichter des Mannes und der Frau spiegeln große Wahrhaftigkeit und Offenheit wieder, in der Bescheidenheit und zugleich Zuversicht deutlich werden, obwohl die ebenfalls fotografierte Zimmereinrichtung auf ein eher einfaches, karges Leben schließen lässt. Diese Abbildungen und 500 weitere von berühmten, aber auch von weniger bekannten, Fotografen wurden aus tausenden weltweit ausgewählt und in die einmalige Sammlung von Edward Steichen aufgenommen, die er 1955 für eine Ausstellung im The Museum of Modern Art, New York, zusammenstellte. Die Exposition ging danach auf Reisen und ist seit 1994 als Dauerausstellung im Schloss Clervaux (Luxemburg) zu sehen.

Diese Fotos sind aber auch als Bildband (obige Seitenangaben beziehen sich darauf) „The Family of Man“ (zwölfter Nachdruck 2010) erhältlich. Es ist ein großartiges Buch, als Geschenk eine bleibende Erinnerung und seinen Preis von 18,00 € allemal wert! Vielleicht noch erhältlich in der Buchhandlung im Martin-Gropius-Bau bzw. auf Bestellung.

 
 

Autor:

Jürgen Pahl

 

26. November 2011 13:34:49

… Unterschied: Bond, und dann auch James

Am Eingang der Köpenicker Straße 95 in Berlin hängt eine Granittafel mit folgender Inschrift: 

LUISENSTÄDTISCHE BANK   EINGETRAGENE GENOSSENSCHAFT MIT BESCHRÄNKTER HAFTPFLICHT: GEGRÜNDET 1863   DISKONTIERUNG VON WECHSELN   AN- UND VERKAUF  SOWIE BELEIHUNG VON EFFEKTEN   ANNAHME VON DEPOSITENGELDERN   CHECK-VERKEHR   SPARKASSE   VERMIETUNG VON TRESORFÄCHERN

Diese Luisenstädtische Bank war nichts anderes als ein Vorläufer der heutigen Berliner Volksbank. Sie handelte also bereits zu jener Zeit mit Effekten, was nichts anderes sind als Wertpapiere, also z. B. Aktien oder Anleihen (Bonds), über die heute in den Nachrichten – „Frau Merkel lehnt Eurobonds ab“ - jeden Tag gesprochen wird.

Mit einer Staatsanleihe leiht sich der Staat Geld bei anderen, z.B. Staaten, Banken oder bei Privatpersonen. Dafür zahlt er dem Käufer in der Laufzeit der Anleihe einen Zins und am Ende die Anleihe zurück. Der Staat haftet also für die Anleihe. Wenn die Bonität des Staates gut ist bzw. so bewertet wird, ist das Risiko für den Anleihekäufer niedriger, aber auch der Zins. Ist die Bonität schlecht bzw. wird so beurteilt, steigt das Risiko für den Käufer, aber der Staat muss auch höhere Zinsen geben. Wenn der Staat seine Anleihen nicht mehr bedienen kann, muss man ihm die Rückzahlung verlängern, wenn auch das nicht hilft, die Schulden erlassen oder er müsste „Pleite“ gehen. Soweit die Theorie.

Und die Praxis? Beispiel: Deutschland zahlt für seine Bundesanleihe WPKN 114157, Laufzeit bis 10.4.15 einen Zins von 2,25% p.a. Die Rendite (nach Abzug Kosten, unter Berücksichtigung des Kurses) dieser Anleihe liegt bei äußerst mageren 0,78%. Der Zins, den ein Anleihekäufer bekommt, liegt also in etwa genau so hoch, wie die Teuerungsrate in Deutschland Januar bis Oktober 2011 (2-2,5%). Nimmt man aber die Rendite als entscheidendes Kriterium, dann bedeutet es, dass ein deutscher Anleihekäufer sehenden Auges den Wert des eigenen Ersparten reduziert. Wenn er es als Festgeld anlegt, kann er die Teuerung gerade mal ausgleichen. Mehr wird’s jedenfalls nicht.

Die Türkei z. B. begibt ebenfalls Staatsanleihen, so z.B. die WPKN A0DDXD, Laufzeit bis 15.3.15, Zins von 7,25%. Nach Abzug der Kosten und unter Berücksichtigung des Kurses wird eine Rendite von 4,46% angegeben. (Quelle: www.finanzen.net) Die Türkei zahlt ihren Anleihekäufern (man kann sie auch als Deutscher erwerben) also deutlich mehr Zinsen, o b w o h l die Staatsverschuldung der Türkei niedriger liegt als bei Deutschland. (41,2% zu 83,2% jeweils bezogen auf BIP – Quelle: FOCUS 40/11). Sicher spielen noch andere Faktoren hinein. Dennoch:

Nicht jeder, der ein ernstes Gesicht macht, ist ein Gauner. Und nicht jeder, der in eine Kamera strahlt, ist ohne Probleme. James Bond jedenfalls weiß das.

 
 

Autor:

Jürgen Pahl

 

9. November 2011 19:01:12

… nachgefragt: Der öffentliche Raum I

Es ist Zufall, aber ich greife ihn gern auf: Im vorhergehenden Beitrag  war u.a. von den Berlinern die Rede, die ihre Stadt noch mehr bewohnen müssen. Ich greife mal einen speziellen Aspekt dazu heraus.

Wer hat es nicht selbst schon x-mal erlebt! Da wird an einem historisches Gebäude ein hässliches oder/und kommerzielles Riesenplakat aufgehängt; da besetzen Gastwirte mit ihren Tisch- und Stuhlbatterien die Bürgersteige, so dass niemand mehr vorbeikommt; da reserviert sich ein Unternehmen Parkplätze im öffentlichen Raum; da sperrt eine Baufirma die Straße ab, okkupiert Flächen und macht die Anwohner faktisch zu Geiseln, weil die nicht mehr wissen, wo sie entlang laufen, wie sie mit ihrem Auto aus der Straße herauskommen und wo sie schließlich parken sollen. Was passiert in Berlin eigentlich so mit öffentlichen Stadträumen und -flächen und wie verhält sich dazu die Verwaltung?

Ich habe mir mal drei Beispiele aus dem Stadtbezirk Mitte herausgesucht und am 26.10.11 per Mail beim Bürgeramt Mitte folgende Fragen gestellt:
1. Haben die genannten Betreiber bzw. Investoren eine Genehmigung vom Bezirksamt Mitte, öffentlichen Raum für ihre eigenen, privaten, geschäftlichen Zwecke teilweise oder auf Dauer zu nutzen?
2. Bezahlen die genannten Betreiber/Investoren dafür eine Gebühr an den Stadtbezirk und wenn ja, in welcher Höhe?
3. Welche gesetzlichen Grundlagen werden für die private Nutzung von öffentlichem Raum zugrunde gelegt und sollen diese beibehalten werden?

Am 8.11.11 kam die Antwort-Mail aus dem Büro des Bezirksbürgermeisters mit der Information, dass meine Anfrage an den Bezirkstadtrat für Stadtentwicklung und Ordnungsamt zur Beantwortung weitergeleitet wurde. Fortsetzung folgt.

 
 

Autor:

Jürgen Pahl

 

6. November 2011 19:35:36

… dramatisch: Selbstmord eines Dichters

Es war heute beinahe schon unheimlich still im Zuschauerraum. Sekunden vergingen, ehe sich der Bühnenvorhang hob und die Grande Dame des Deutschen Theaters, Inge Keller, mit der Lesung begann. Darin ging es, kurz gesagt, um eine alleinstehende Frau mit zwei Kindern, die nun zum dritten Mal schwanger wird, jedoch den Vater nicht kennt. Um ihn zu ermitteln, setzt sie eine Annonce in die Zeitung und fordert ihn auf, sich bei ihr zu melden, um ihn zu heiraten. Die Erzählung beginnt wie folgt:

In M…, einer bedeutenden Stadt im oberen Italien, ließ die verwitwete Marquise von O…., eine Dame von vortrefflichem Ruf, und Mutter von mehreren wohlerzogenen Kindern, durch die Zeitungen bekannt machen: daß sie, ohne ihr Wissen, in andre Umstände gekommen sei, daß der Vater zu dem Kinde, das sie gebären würde, sich melden solle, und daß sie aus Familien-Rücksichten, entschlossen wäre, ihn zu heiraten …“

Inge Keller weiß, wie nur wenige deutsche Schauspieler, ihre Worte, Pausen, Gesten und Mimik wohl zu setzen. Trotz des anspruchsvollen Textes ist es ein Genuss, ihr zu lauschen. Natürlich ist auch der Autor der Erzählung, der präzise Sprache mit komplizierten Satzkonstruktionen bewundernswert unfallfrei verbindet, daran nicht unbeteiligt. Er erzeugt Spannung, obwohl die Handlung Jahrhunderte zurück liegt, wie auch bei dieser Erzählung, die wie folgt beginnt:

An den Ufern der Havel lebte, um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts, ein Roßhändler, Namens Michael Kohlhaas*, Sohn eines Schulmeisters, einer der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit …“ (Hier geht es im folgenden um das Recht des Einzelnen im Staat und seine schließliche Durchsetzung durch Selbstjustiz)

Beide Erzählungen – „Die Marquise von O….“ und „Michael Kohlhaas“ – stammen aus der Feder von Heinrich von Kleist (1777-1811), deutscher Dramatiker (u.a. „Der zerbrochne Krug“) und Erzähler. Die in jenen beiden gewählten Sujets lassen bereits erahnen, dass er ein „Außenseiter im literarischen Leben seiner Zeit“ war. Immer wieder setzte sich Kleist künstlerisch mit dem Verhältnis von Bürger, Obrigkeit, Recht und Moral auseinander, doch scheiterte er immer wieder am Staat, u.a. durch Aufführungsverbot für „Der Prinz von Homburg“. Dieses, Krankheit und materielle Not führten schließlich zu dem verhängnisvollen Ende. Am 21.11.1811, also vor fast genau 200 Jahren, schied Heinrich von Keist, gemeinsam mit einer Freundin, am Kleinen Wannsee aus dem Leben. Ob der dort befindliche kleine Gedenkstein inzwischen restauriert wurde, ist mir nicht bekannt.

* An die historische Figur des Michael Kohlhase oder Michael Kohlhaas erinnert der kleine Ort Kohlhasenbrück am südwestlichen Zipfel Berlins gelegen.

Nachtrag 19.11.11: Lt. Berliner Zeitung von gestern wurde die Grabstätte am Kleinen Wannsee erneuert und wird am 21.11.11 übergeben.

 
 

Autor:

Jürgen Pahl

 

4. November 2011 20:23:18

… und transparent: Der kleine Luther

Immer wieder wird über mangelnde Transparenz geklagt: In der Politik, in der Wirtschaft, ja selbst im Sport und in der Kultur. Ex-Parteivorsitzender K. ließ darüber im unklaren, woher das Spendengeld kam. Minister G. wollte nicht erkennen, wen er in seiner Doktorarbeit verarbeitet hat. Manager H.v.P. war zwar immer für Transparenz, aber in seinem Konzern wurde bestochen, dass die Heide wackelte. Baufirma D. klagt gegen eine undurchsichtige Auftragsvergabe. Kollegin K. kann nicht begreifen, warum er nun Abteilungsleiter geworden ist und nicht sie. Dichter Z. verliert seine letzten Haare, weil die Jury wiederum nicht ihm den lange ersehnten und verdienten Preis zuerkannt hat. Chefredakteur H., siegesgewiss, wird nicht Indendant, sondern die Frau W., dazu noch Ostdeutsche! Bewährter, harter Polizeiführer muss vorerst weiter von seinem neuen Posten träumen. Ergo: Wie viele liegen vor einem Pöstchen auf der Lauer; dann kommt plötzlich ein Dritter aus dem Gebüsch und ist Sieger. Wo liegt die Ursache für all den Gram? Nun: Keiner kennt die Spielregeln richtig, insbesondere aber nicht ihre Auslegung. Das muss nicht sein.

Ganz anders dagegen mein Hausmitbewohner R. Er nimmt das große Eingangstor unseres Mietshauses, in dem eine Menge Leute wohnen, sozusagen als Kirchentür von Wittenberg und schlägt dort, nein Thesen sind’s nicht, sein Vergabepersonaltableau an. Der Herr R. hat wirklich was zu vergeben, nämlich die Leitung von Weihnachtsmärkten in brandenburgischen Städten. Dazu lädt er die Bewerber – einer von ihnen wird dann der Glückliche – zu Personalgesprächen ein. Also 14.00 – Herr B., 14.30 – Frau C., das geht bis abends durch. All das ist fein säuberlich mit Klarnamen auf eine DIN-A4-Seite geschrieben und auf das Eingangstor zur Straße hin geklebt. Seien wir ehrlich: So transparent haben wir uns die Demokratie und die Marktwirtschaft immer erträumt.

Ich gehe nun davon aus, dass R. das Ergebnis seiner umfangreichen Gespräche morgen früh am Tor aushängen wird. Ob die unterlegenen Kandidaten mit einem (öffentlichen) Frühschoppen abgefunden werden, ist noch nicht bekannt.

* Auf evtl. Nachfragen gebe ich vorab bekannt: Selbstverständlich existiert von diesem Aufruf ein Foto. Dieses kann aber leider aus Geheimhaltungsgründen nicht veröffentlicht werden.

 
 

Autor:

Jürgen Pahl

 

23. Oktober 2011 13:34:34

… Man in Black: Der Geselle

Der Mann hatte Ähnlichkeit mit Matt Damon und er trug komplett Schwarz. Nach der Farbe hätte es auch Johnny Cash sein können, aber die Gitarre fehlte. Die goldglänzenden Knöpfe seiner Kluft trugen das alte Innungswappen. Auch der Spruch „EINER FÜR ALLE-ALLE FÜR EINEN“ (bisher dachte ich dabei immer an die Musketiere) ist nicht mehr aktuell. Nun prüfte er die Heizungsanlage, von der er bis zu diesem Tag nicht wusste, dass es sie überhaupt gab. Er war der Geselle – aber wann trifft man in Berlin schon noch auf einen; das ist so selten wie eine Erdölquelle in Brandenburg - aber sein Chef, der Schornsteinfegermeister, wusste auch nichts von dieser Heizung.

Im Jahr 1935 wurde die deutsche Gewerbeordnung, § 39, geändert und erhielt eine neue Fassung, wonach im Deutschen Reich Kehrbezirke für Schornsteinfeger einzurichten seien. Fortan sollten Kehrarbeiten nur von Bezirksschornsteinfegermeistern oder deren Gesellen ausgeführt werden. Nach 1945 gab es in der BRD und DDR neue Gesetze über das Schornsteinfegerwesen, das Monopol blieb. Einige Leute, speziell Hausbesitzer, waren, bis in die heutige Zeit, sauer auf die Männer in Schwarz, die regelmäßig kamen, prüften, kassierten. Manche meinten, so oft müsse man doch nicht fegen und andere, dass wäre wie eine Lizenz zum Gelddrucken.

Mit dem Jahr 1990 wurden auch die Karten in der Schornsteinfegerbranche neu gemischt. Man begann im Ostteil Berlins Häuser zu sanieren, alte Kohle-Kachelöfen abzureißen und neue Heizungen – auch Etagenheizungen in Miethäusern – auf Basis Öl oder Gas zu installieren. Dafür gab es anfangs sogar Investitionszuschüsse des Landes Berlin. Die Schornsteinfeger mussten diese neuen Feuerstätten prüfen und abnehmen. Es gab aber auch Wechsel der Hauseigentümer und der Kehrprofis und bei letzteren verschwand der eine oder andere Kunde – Karteikarten und PC waren nicht immer kompatibel – aus den Listen, wie der Rauch aus dem Schornstein. Dann wurde 2008 das Schornsteinfegerrecht geändert, das Kehrmonopol wackelte – der Tag X für die Men in Black. Ab 1.1.2013 gilt nun Niederlassungs- und Dienstleistungsfreiheit.

Matt Damon war freundlich und hat seine Arbeit ordentlich gemacht – die Heizungsanlage funktioniert einwandfrei - und er hat das mit einem Protokoll bestätigt. Nebenbei ging’s noch um die ausländischen Schornsteinfeger, die jetzt in Berlin eingekehrt sind. Die Rechnung für die Prüfung kommt per Post, aber vielleicht ist sie ja nicht so hoch, wie angekündigt. Denn: Wer einen Schornsteinfeger sieht – und sei es ein Geselle – der hat bekanntlich Glück!

 
 

Autor:

Jürgen Pahl

 

19. Oktober 2011 18:42:43

… im Vorübergehen: Das Elend der Welt

Ja, die Menschen bleiben stehen; manche schauen mit erstarrten Gesichtern auf die Fotos, andere kauen weiter an ihrem Döner. Hier legt der Mann seiner Frau die Hand auf die Schulter, dort kichern Mädchen über irgendein fotografisches Detail. WORLD PRESS PHOTO 11 zeigt im Bahnhof Friedrichstraße ausgewählte und mit Preisen ausgezeichnete Fotografien über uns und unser Elend.

Die Foto-Auswahl würde ich so kategorisieren – Tierwelt, Mensch und Natur, Sport, Mensch und Politik. Was auch immer für diese Wanderausstellung ausgewählt wurde, ergibt es doch ein überwiegend trauriges, zweifelndes und pessimistisches Bild. Selbst bei den Sportfotos, wie den Aufnahmen von Chris Keulen über das, in unwirtlicher Gegend stattfindende, Eritrea-Radrennen, sieht man zwar die große Begeisterung der Einheimischen und das Nebeneinander von Tradition und Moderne, aber man ahnt auch, wohin alles einmal führen wird.

Die Ohnmacht des Menschen gegenüber der Natur und dem Wüten der Elemente nimmt in dieser Ausstellung breiten Raum ein. Da sind z. B. die Arbeiten von Kemal Jufri über den Vulkan-Ausbruch auf Java, die jene von der Katastrophe getöteten Menschen als ascheüberzogene, plötzlich erstarrte Figuren zeigen, die wie Plastiken eins werden mit dem Gestein um sie herum. Man mag es nicht aussprechen, aber hier gebärt sogar der Tod Schönheit. Ein weiteres Beispiel sind die apokalypsehaften Fotos von Olivier Laban-Mattei und Daniel Morel über das Erdbeben in Haiti, dass uns Mitteleuropäern keinen Vergleich mit dem erlaubt, was wir hier an Naturkatastrophen schon erlebt haben.

Besonders trostlos sind die Aufnahmen, in denen es um das Wirken des Menschen gegenüber seinesgleichen geht. Beim Betrachten der Fotos von Fernando Brito, der in Mexiko die Opfer von Bandenkriegen zwischen den Drogenkartellen festhielt – Tote liegen wie vergessene Feldsteine in der Landschaft - kommen einem die einfachen Worte Menschenrecht und -würde in den Sinn.

Abschließend sei auf zwei, bemerkenswerte und dennoch unterschiedliche, Aufnahmen verwiesen. Einmal das Foto von Vincent Yu, dass den nordkoreanischen Staatschef mit seinem jüngsten Sohn in der Öffentlichkeit zeigt. Hier ist, abseits alles Politischen, ein Foto gelungen, dass den Vater mit Verschlossenheit, Misstrauen und sogar Trauer auf seinen hochmütigen Sohn blicken lässt. Und schließlich nenne ich noch das bekannte, geradezu hypnotisierende Foto von Gustavo Cuevas, der den Moment des Kampfes festhält, als der Stier dem Matador das Gehörn durch den Kopf schlägt.

Die Ausstellung ist noch bis 24.10.11 im Bahnhof-Friedrichstraße zu sehen.

 
 

Autor:

Jürgen Pahl

 
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