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Archiv der Kategorie ‘Mitte-Tiergarten-Wedding‘

14. April 2013 21:52:23

… Normal. Eine Buchvorstellung.

Manchmal lästern meine Schwestern und ich über diese 150%-Mütter (und Väter), die so unglaublich viel Bohei um ihre Sprößlinge machen. Vor zwanzig Jahren, als unsere Kinder klein waren, war vieles noch banaler – und unser Nachwuchs scheinbar auch gesünder. Allerdings sind das gesamtgesellschaftliche Wissen und der kollektive Druck auf die Eltern 2013 ungleich größer. Der Sohn, der „damals“ als „etwas aufgedrehter Wildfang“ nervte, wird heute heute vom Arzt oder alternativ von der Nachbarin mit einer Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) diagnostiziert. Die Tochter, die mal euphorisch, mal tiefbetrübt, also „ganz normal“ pubertierte, landet mittlerweile schnell in der Schublade „bipolar“. Gegen beides gibt es –Merck/Pfizer/BASF sei es „gedankt“ – mehr als genug Medikamente. Und gegen die anderen Syndrome unserer Zeit – Asperger, Fressattacken, disruptive Launenfehlregulation … – glücklicherweise auch.
Verstehen wir uns nicht falsch: Es gibt natürlich reale Geisteskrankheiten. Doch um diese geht es hier nicht. Es geht um die Modediagnosen, um die katastrophalen – ärztlich und selbst diagnostizierten – Symptome, die eigentlich gesunde Menschen leiden lassen und die Pharmaindustrie reich machen. Was sie für die Betroffenen und die Gesellschaft bedeuten hat nun einer aufgeschrieben, der weiß, wovon er spricht: ein Psychiater, der, wenn auch sehr spät in seiner Karriere, die Seiten gewechselt hat.

Allen Frances, selbst einer der Herausgeber des DSM-4, nutzt die anstehende Veröffentlichung des DSM-5 für eine Abrechnung mit dem Trend zur Erfindung immer neuer psychischer Leiden und zur kollektiven Krankschreibung ganzer sozialer Gruppen. Normal. Gegen die Inflation psychiatrischer Diagnosen ist sein Appell an die Branche, auf den Boden der Tatsachen zurückzufinden und zu differenzieren. Denn Ärzte sollen heilen, und wer Gesunde als Kranke behandelt, übersieht am Ende jene, die wirklich krank sind und tatsächlich einer Behandlung bedürfen.

Was ist das DSM?

Das DSM (Diagnostische und statistische Handbuch psychischer Störungen) wird von der APA (Verband der amerikanischen Psychiater) herausgegeben. Es katalogisiert und kategorisiert psychische Erkrankungen, damit deren Behandlung entsprechend abgerechnet werden kann. Alle paar Jahre erscheint eine aktuelle Auflage des DSM. Ein Kreis eingeladener Experten diskutiert und entscheidet, welche Krankheiten neu aufgenommen oder gestrichen werden sollen. Die „Entdeckung“ eines neuen Syndroms ist für die beteiligten Psychiater natürlich ungemein prestigeträchtig, erläutert Frances. Und nebenbei ist sie lukrativ für die pharmazeutische Industrie.

Moderne Medikamente und modische Diagnosen

Ebenso wie alle paar Jahre neue Krankheiten entdeckt bzw. erfunden werden, haben auch Medikamente stets ihre Zeit. Die Psychiatrie als eher junge Disziplin setzte die Menschen in den 1950er Jahren gern unter Bromide, verabreichte in den 1960ern Lithium, sorgte für die massenhafte Verbreitung von Librium und Valium in den 1970ern und trug dazu bei, dass seit den 1980ern zumindest in den USA der Griff zu Prozac mindestens ebenso populär ist, wie das Lutschen eines Wick-Bonbons bei Kratzen im Hals. Problematisch ist dabei nicht nur die Entstehung von Medikamentenabhängigkeit, und bereits heute sind in den USA mehr Menschen von legalen Drogen abhängig als von illegalen. Problematisch sind ebenfalls die körperlichen Nebenwirkungen – Apathie, Lethargie, Übergewicht etc. – und die soziale Stigmatisierung. Und schließlich leiden nicht nur die Angehörigen eines mit einer psychischen Erkrankung diagnostizierten Patienten, sondern auch er/sie selbst. Selbst wenn die Zeitungen voll sind mit Berichten über „multiple Persönlichkeiten“ (die in den 1990er Jahren enorm „verbreitet“ waren, bis sie von der nächsten Diagnose abgelöst wurden): die Folgen der Krankheit oder Diagnose spürt jede/r, die/der sie als Etikett tragen muss. Doch nicht nur die Diagnosen steigen sprunghaft an. Auch die Zahl der Verschreibungen erreicht schwindelerregende Höhen: Jährlich werden allein in den USA 300 Millionen Rezepte über Psychopharmaka ausgestellt. Antipsychotika gehen im Wert von 18 Milliarden US Dollar über die Ladentheke, für Antidepressiva werden 12 Milliarden US Dollar jährlich bezahlt. Pharmakonzerne dürfen in den USA direkt bei den Patienten werben. Nicht wenige sterben an der versehentlichen Überdosierung der legalen Drogen, die sie sich selbst verschreiben. Und selbst wer zum Arzt geht, kann nicht sicher sein, einen kompetenten Diagnostiker an seiner Seite zu wissen: Neunzig Prozent der Angstlöser, achtzig Prozent der Antidepressiva, 65 Prozent der Aufputschmittel werden von Hausärzten verschrieben. Die wenigsten von ihnen sind psychiatrisch geschult. Von der Pharmaindustrie werden sie verständlicherweise gehätschelt.
Ein Umdenken tut Not. Es ist allerhöchste Zeit für mündige Patienten!

Allen Frances, Normal. Gegen die Inflation psychiatrischer Diagnosen,
ist 2013 im Dumont Buchverlag, Köln erschienen.
Es hat 430 Seiten und kostet € 22,–.

Deutschlandpremiere Buchvorstellung am 16. April im Großen Saal der Berliner Zeitung, Karl, Liebknecht-Str. 29,.10178 Berlin
Einlass: 18 Uhr, Beginn: 19 Uhr
Eintritt: 7 €, ermäßigt für Abonnenten der Berliner Zeitung 5 €
Tel.: 030- 23 27 63 41. Mail: kundencenter@berliner-verlag.de

 
 

 

28. Februar 2013 17:36:00

… Kriegsgebiet: Mazeppa an der Komischen Oper

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Am 24. Februar wurde erstmals in Berlin die Tschaikowski Oper Mazeppa in russischer Sprache aufgeführt.
Das Kriegsepos ist musikalisch extrem dynamisch, facettenreich und umwerfend emotional. Henrik Nánási treib das Orchester schnell und präzise durch die Partitur, wobei auch räumliche Effekte (Bläser hinter dem 2. Rang, oder seitlich im Zuschauerraum) überzeugend genutzt werden. Glänzende Sänger und Sängerinnen mit riesigen Stimmen, die einen in Massenszenen geradezu in Sitze drücken ohne dabei das Gespür für sanfte Zwischentöne zu verlieren. Einzig die Hauptfigur Hauptmann Mazeppa verkörpert von Robert Hayward tritt etwas zu gleichbleibend polternd auf, wodurch sein langer Monolog nach der Pause leider merkwürdig hohl wirkt. Dagegen brilliert Asmik Grigorian als Maria vom höchsten Abstahlen bis zum innigsten Pianissimo. Die Hoffnungslosigkeit ihres Wiegenlieds am Ende des Stücks rührt fast zu Tränen.

Die Inszenierung, des erstmals eine Oper gestaltenden Ivo van Hove, ist eher sparsam, was aber im Kontrast zur beinnahe übervollen Komposition den richtigen Raum erzeugt, um das eigentlich recht wirre Libetto vollkommen klar und logisch erscheinen zu lassen. Die Geschichte aus der Zarenzeit wird so, ohne sie krampfhaft modernisieren zu wollen, mühelos ins Allgemeingültige aktualisiert. Weil die Oper streckenweise doch eher wie eine russische Glorifizierung des Krieges klingt, setzt Tal Yarden mit seinen kaum auszuhaltenden Videos eine unmissverständliche Haltung entgegen. Reale Szenen, gefilmt mit den Handy-Cams aktiver Soldaten aus kämpfenden Truppen auf der ganzen Welt, werden zu einem auf die Musik geschnittenen Reigen des Grauens zusammengefügt: Folter, Hass, Erniedrigung, Gedankenlosigkeit, Übersprungshandlungen, Sadismus – es könnte nicht drastischer und brutaler sein. So sehr, dass man kaum hinsehen kann. Und doch notwendig, um nicht dem teils ins Kitschige abtriftenden Heldenaufspiel Tschaikowski zu verfallen.

Kritik auf Deutschlandradio Kultur, der ich mich (bis auf die Kritik an den Videos) anschließen kann: drk_20130224_2306_48922d1e.mp3

 
 

Autor:

Magnus Hengge

 

28. Februar 2013 14:02:27

… unerhört: unmenschliche Musik im HKW

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Kann es überhaupt Musik geben, die nicht menschlich ist? Nach landläufiger Meinung ist Musik das kulturell geprägte, menschliche Spiel mit Tönen, Klängen, Rhythmen, Harmonien und Melodien. Wenn dagegen in der Natur Schwingungen auftreten, die zueinander Intervalle, Interfrenzen oder sonstige Strukturen aufweisen, halten wir es für interessante Geräusche. Wir weigern uns, den Gesang einer Amsel als Musik zu begreifen, denn logischer Weise müssten wir dann auch Amseln als Musiker ansehen. Anders, wenn ein Musiker, den Gesang einer Amsel sampelt, mit einigen physikalischen Parametern (rück)koppelt und im Kontext einer Ausstellung oder eines Konzerts abspielt. Hier lassen wir die Technik oder Technologie die menschliche Rolle des Musikers oder Komponisten spielen, da wir grundsätzlich alle technischen Phänomene der kulturellen Sphäre zurechnen. Kommt Geräusch und Technologie im Spiel zusammen, sind wir geneigt, es Musik zu nennen: Kunst-Musik oder zumindest Kultur-Musik.

Das Festival „Unmenschliche Musik – Kompositionen von Maschinen, Tieren und Zufällen“ balancierte genau auf den Grenzen zwischen Technologie, Natur und Kultur und stellt sich in der Form zwischen Ausstellung und Konzert dar. Es bieten sich Begriffspaare wie „performative Installation“ oder „interaktiver Klangraum“ an, um zu beschreiben, was da im Haus der Kulturen der Welt vor sich ging. Klänge auf der Suche nach den Anfängen und Enden der Musik.

Ich habe die Eröffnungsveranstaltung besucht und das Konzert von und mit Nobukazu Tekemura und dabei höchst unterschiedliche Eindrücke gewonnen. Zur Eröffnung ließ …
… Weiterlesen

 
 

Autor:

Magnus Hengge

 

30. Januar 2013 14:38:24

… retrograd: transmediale BWPWAP

transmediale2013_bwpwap_abstimmung
Mit gelben Karten gegen Pluto abstimmen.

Das Akronym BWPWAP (back when pluto was a planet) bezeichnet die Kurzform des diesjährigen, kuratorischen Konzeptes der transmediale 2013. Das Kürzel bildete sich in der Web-Sprache und bezieht sich auf den Statusverlust des Ex-Planeten Pluto, der 2006 demokratisch von offizieller Stelle, der Internationalen Astronomischen Union, zum Zwergplaneten herabgestuft wurde. Eine solche Rekategorisierung geschah übrigens schon öfters in der Geschichte der Astronomie und immer begründet durch neue Erkenntnisse, die alte Annahmen ablösten: Bis ins Jahr 1846 wurden insgesamt 13 Objekte als Planeten bezeichnet. Weil dann aber ab 1847 laufend neue Objekte zwischen Mars und Jupiter entdeckt wurden, führten Astronomen 1851 eine neue Kategorie ein: Die der Asteroiden (Planetoiden). Die Zahl der großen Planeten belief sich danach somit wieder auf acht. Plutos Schicksal ist also kein Einzelfall, was aber neu war 2006 ist, dass es das Internet gab. Global vernetzt und mit sentimentalem Hang erhob sich eine Welle des Mitgefühls für den kleinen verstoßenen Pluto, der in der solaren Großfamilie entrechtet wurde – wo der arme doch eh schon so weit weg von allen ist. Schnief.
Allerdings wurde ihm eine Ersatzfamilie angeboten, deren Chef er nun ist. Zusammengefasst wurden die „Plutoiden“ als Gruppe von trans-neptunischen Zwergplaneten, die jenseits von Neptun, dem
letzten Riesen im Sonnensystem, auf vereierten Bahnen umherschwirren.

Nun warum taugt diese Geschichte als Background für die transmediale 2013? Weil es im Kern um die Änderung der Perspektive geht, von der aus man etwas betrachtet und kategorisiert. Außerdem ist die Gesellschaft darauf angewiesen, sich den wertenden Blick von Experten ausrichten zu lassen, die den nicht-Experten sagen, wie ein Objekt oder ein Konzept einzuordnen und zu begreifen ist. In der Welt der Kunst leicht nachzuvollziehen durch die beliebte Frage „Ist das Kunst oder kann das weg?“, die nur von Sachverständigen, oder besser noch vom Erzeuger/Künstler selbst, zweifelsfrei geklärt werden kann. Und wo ein Experte eine Meinung vertritt, findet sich garantiert ein anderer Experte, der das genaue Gegenteil vertritt. In der Kunst wie in der Wissenschaft ist das der Normalfall, und in beiden Welten entscheidet mittelfristig die Zeit darüber, wer Recht hat. Landet ein umstrittenes Kunstwerk im Museum, weil es z.B. einen nachhaltigen Einfluss auf andere Künstler hatte, und bestätigt sich eine wissenschaftliche These durch die Forschungen nachfolgender Experimente? Beides kann der Fall sein und beides kann später widerlegt werden. In vielen Museen wird irgendwann aussortiert und weggeworfen, weil die zeitgenössische Kultur nichts mehr mit dem vormals gesammelten anfangen kann, und viele als gefestigt geltende wissenschaftliche Thesen wurden nach Jahrzehnten falsifiziert.

Dies alles wäre eine wunderbare kulturwissenschaftliche Basis, um darüber eine fantastische Ausstellung zu organisieren, doch leider erfüllt die transmediale 2013 BWPWAP diese Erwartung in keinster Weise. Es werden keine Perspektivwechsel erlebbar, keine Neuordnungen vorgenommen und keine inhaltlichen Diskussionen geführt, sondern es wird eine sentimentale und belanglose Sammlung von Retro-Kunst gezeigt. Kopierer, Kassettenrecorder und Fax-Geräte dürfen noch mal reüssieren, wobei man sagen muss, dass die Projekte in Form und Inhalt lange nicht an diejenigen herankommen, die zu Zeiten gemacht wurden, als die Apparate erfunden wurden und neue Möglichkeiten boten. Es scheint, dass der Blick nach vorn in einer zunehmend komplexen Welt immer weniger attraktiv ist und Künstler statt dessen lieber zurück zum analogen Low-Tech flüchten. Es ist eine mitfühlende Hinwendung zum alten Gerümpel, das nutzlos geworden scheint, aber im Blick der Künstler doch noch zu so vielem taugt. Natürlich ist auch das in gewisser Weise ein Perspektivwechsel, doch erfolgt dies spürbar im Gefühl, selbst in der rasenden technologischen Entwicklung der Welt zu unwichtigem Staub zermahlen zu werden. Genau wie das weltweit geäußerte Mitgefühl für den herabgestuften Pluto, entsteht beim Besuch der Ausstellung eher Mitleid für die Künstler, die sich quasi selber degradieren. Das Abwenden vom Neuen, könnte man allenfalls als anti-konsumistische Haltung verstehen, um aus dem Vorhandenen im Sinne der Ressourcenschonung zu schöpfen, doch auch davon ist nicht zu sehen.

In der Eröffnungsveranstaltung hingegen wurde von den Vortragenden ein ganz wunderbarer Moment der kulturellen Umdeutung inszeniert. Das Für und Wider der neuen oder alten Plutobetrachtung wurde exemplarisch durchexerziert und am Schluss durfte das Auditorium über den stellaren Status Plutos abstimmen (quasi in einer Art Reenactment zur IAU-Abstimmung von 2006): Die vorbereitete Resulotion zielte auf die Wiederherstellung des Planetenstauts für Pluto und der künstlerische Leiter der transmediale Kristoffer Gansing schien sich siegessicher. Doch es kam anders: Mit klarer Mehrheit wurde die Resolution abgelehnt. Das Publikum will nicht zurück, es will voran!

Bisher war ich manchmal der Meinung, der kuratorische Überbau zu transmedialischen Unternehmungen irrlichtere im Abwegigen, wobei sich die Kunst davon nicht all zu sehr verleiten ließ. Diesmal scheint es anders herum: Die Konzeption eröffnet einen höchst interessanten Raum, den die Kunst nicht zu bespielen vermag.

Website der transmediale 2013 BWPWAP

 
 

Autor:

Magnus Hengge

 

8. Oktober 2012 11:06:49

… uked: The United Kingdom Ukulele Orchestra im Tipi


Für einen Ukulelen-Fan kann’s kaum besser kommen: Sieben Ukulelen und ein Bass vor singenden Briten. Da kommt im Tipi zusammen, was zusammen gehört. Ein fröhlicher Mix an Songs, von J.S. Bach über The Beatles und The Queen zu Heidi aus den Bergen, wird in ein sehr unterhaltsames Gesamtprogramm eingebaut, das mit dem Klischee des biederen Briten mit ausgeflipptem Hobby spielt. Der Abend hält genau, was er verspricht und passt hervorragend ins Tipi.

Mehr Infos zu The United Kingdom Ukulele Orchestra im Tipi.
Noch bis 14. Oktober.
Mehr zum Orchester

 
 

Autor:

Magnus Hengge

 

2. September 2012 15:25:49

… 775: Das Mittelalter ist unter uns

Spuren des Mittelalters zur 775 Jahrfeier in Berlin

Eher zufällig entdecke ich die Bodenbeschriftung mitten auf dem Gehweg: „Hier lag im 13. Jahrhundert der Hafen von Berlin.“ Sieh an, denke ich mir da. Ein paar Meter weiter auf dem Mühlendamm ist zu lesen: „Heute haben etwa 27 % der Berliner einen Migrationshintergrund. Vor 775 Jahren waren es 100 %.“ Holla, so viele. Na dann gehnwer doch ma ins Internet und schaunwer nach, watn dit nu wieder allet is, wa:

Web App Spuren des Mittelalters

Zum 775 Jahre Geburtstag Berlins wurden zahlreiche Botschaften im Zentrum der Stadt versprüht, die mal einfach nur informativ sind und mal die Auflösung einer Schitzeljagdt darstellen, die man mittels Web-App beim Stadtspaziergang bepirschen kann. Auf der Website „Spuren des Mittelalters“ bekommt man eine Vorstellung davon, wie Berlin einmal ausgesehen haben muss, denn in der heutigen Stadt lassen sich tatsächlich nur noch minimale Überbleibsel erkennen.

Alles sehr informativ, geschickt verschränkt zwischen realer Welt und Info aus dem Web und nett zusammengestellt. Mir gefällt’s!

 
 

Autor:

Magnus Hengge

 

24. April 2012 13:53:34

… verbindend: Großer Abend mit Jordi Savall im Konzerthaus Berlin

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Am Sonntag war ich seit Langem mal wieder im Konzerthaus Berlin in dem Konzert Mare Nostrum das unter der Leitung und Mitwirkung des bekannten Multiinstrumentalisten Jordi Savall im Rahmen des des Festivals „zeitfenster, VI. Biennale Alter Musik“ stattfand. Der Abend war als Dialog der christlichen, sephardischen, ottomanischen und arabo-andalusischen Musik im Mittelmeerraum angelegt, und wurde zu einer musikalischen Rundreise ums Mittelmeer, das die Römer zur Zeit ihres „Weltreiches“ Mare Nostrum nannten. Tatsächlich fühlte ich mich zeit- und räumlich in eine andere, entfernte und doch ganz nahe Welt entführt. Die vorwiegend modal aufgebaute Musik, gespielt von einem hervorragenden Ensemble, hatte zumindest auf mich einen ähnlichen Effekt wie das Reisen selbst, bei dem man auch oft zwischen aufregenden Erlebnissen (neue Eindrücke, Sehenswürdigkeiten, fremde Bekanntschaften) und schläfrigem Halbbewusstsein (monotones Fahren, verarbeiten der Eindrücke) hin- und herschwankt.

Drei Musiker aus dem Ensemble möchte ich besonders hervorheben: Natürlich Jordi Savall selbst, der auf verschiedenen Geigen-artigen altertümlichen Instrumenten die führende Melodiestimmen spielte, mit viel Wärme, instrumentalen Nebengeräuschen und klarer Leitung für das Ensemble. Der Sänger Lior Elmaleh gab besonders den sephardischen Liedern mit wunderbar modulierender Stimme, mit der er mühelos ebenso reich schmerzliche wie heitere Lieder interpretierte, große Präsenz, und der Kaval-Spieler Nedyalko Nedyalkov, der ein wirklicher Meister dieser Flöte ist, und die Schnittstelle zwischen der Alten Musik und modernem Jazz gekonnt und rhythmisch raffiniert bespielte.

Ein gelungener Abend mit großartiger Musik, der nur an einer Stelle merkwürdig gebrochen wurde: Kurz vor Schluss des regulären Programms ging die Musik in eine Einspielung der im letzten Jahr verstorbenen Frau von Jordi Savall über, die über lange Zeit als Sängerin prägend für den bekannten Klang verantwortlich war, für den Jordi Savall berühmt geworden ist. Doch die Stimme der erst vor wenigen Monaten Verstorbenen inmitten der bis zu diesem Zeitpunkt höchst lebendigen Veranstaltung, mutete doch etwas befremdlich an. Savall rahmte diese Einspielung mit dem bekannten Sprichwort ein, dass jemand erst dann wirklich gestorben ist, wenn keiner mehr an ihn/sie denkt. „An jemanden denken“ umschließt allerdings nicht unbedingt die Art von Auftritt, die hier ins Konzert eingefügt wurde.

 
 

Autor:

Magnus Hengge

 

18. Februar 2012 00:19:48

… ein Entwurf: Anna Huber und Yves Netzhammer – Aufräumarbeiten im Wasserfall

Geometrie, Orthogonalität, Radien, Gelenkverkettungen in großer Präzision, Quadrate, Kugeln, Flächen, Räume.
Alles ist mit grundlegenden 3D Körpern bespielt, alles hat seine Ordnung, scheint in Ordnung. Kitschige Projektionen machen den Anfang: Eine große Sonne über einer heilen Welt – Kraniche fliegen über Berge, Dörfer, Einfamilienhäuser. Aber es ist eine kalte Konzeptwelt des Scheins, in der keine echten Menschen leben, sondern Gliederpuppen eingesetzt wurden, überwacht von Hubschraubern, umstellt von Gerüsten und Zäunen, die die Kulissen zusammenhalten. Hier ist nichts gewachsen, sondern alles gemacht und manches dabei nichts geworden. Diese Welt muss im Detail nachgearbeitet werden, mit riesigen Zahnbürsten geschrubbt werden, als wäre ihr Schöpfer unzufrieden mit dem gegenwärtigen Stand der Dinge. Und dann plötzlich ist da in mitten der Kunstwelt-Projektion ein Schatten von etwas Lebendigem, ein Mensch dringt darin ein, oder taucht vielmehr aus ihr auf, tritt in Kontakt und in den Dialog mit einer der Gliederpuppen. Diese zeigt voller Übermut gleich ein Kunststückchen, lässt ein paar ihrer Gliedmaßen fernab ihres Körpers durch den Raum tanzen, und doch ist gleich zu spüren, dass die echte Lebendigkeit der Tänzerin so viel mehr zu bieten hat. Die Tänzerin übernimmt nun die Eckigkeit der Gliederpuppe erkundet den Konzeptraum, als wolle sie ihn vermessen und austesten. Es wird eine Art Belastungsprobe für Mensch und Material, die so anstrengend ist, dass die lebende Tanzpuppe zwischendurch doch ganz aus der Rolle fällt, Pause machen muss, um sich um die körperlichen Bedürfnisse zu kümmern. Sie muss essen, trinken und darf dabei ganz Mensch sein. Die 3D-Puppe sieht in einer Mischung aus Irritiertheit und Neid dabei zu. Letztlich verliert die menschliche Tänzerin auch die Nerven, rafft die gesamte Geometrie der Bühneninstallation zusammen und gibt der Gliederpuppe den ganzen Konzeptmüll wie ein getragenes Kleid zur Wäsche zurück.

Die Zusammenarbeit der Tänzerin und Choreografin Anna Huber und des Bildenden Künstlers Yves Netzhammer erwies sich als sehr ergänzend und ungemein fruchtbar. Beide künstlerischen Handschriften sind deutlich und unverfälscht sichtbar und wirken zusammen gegenseitig erhellend. Das Tanzstück „Aufräumarbeiten im Wasserfall“ ist eine intensive Performance auf der Schnittstelle zwischen darstellender und bildender Kunst, mit reichlich Zitaten aus der Kunstgeschichte. Für Momente scheinen Oskar Schlemmers Figurinen, Luise Bourgeois Spinnen und Alexander Calders Kinetische Objekte mit in dieser verdrehten M. C. Escher-Welt zu sein, doch die formale Sprache der beiden Zeit- und Eidgenössischen Künstler ist immer stark genug, um die Performance zu einem eigenständigen Ästhetischen Erlebnis zu machen.

Sehenswert: in den Uferstudios im Wedding

 
 

Autor:

Magnus Hengge

 

16. Januar 2012 13:37:50

… Ort der Umwandlung: Sarrazins Buch wird abgeschafft

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Das in voller Gesellschaftsbreite durchdiskutierte und trotzdem wenig gelesene Buch (auch von mir nicht) von Thilo Sarrazin „Deutschland schafft sich ab“ ist inzwischen das meiste verkaufte Sachbuch eines deutschen Autors in der Nachkriegszeit. Rund 1,3 Millionen Exemplare haben es in die deutschen Buchregale geschafft, wo sie nun vermutlich neben anderen ungemein sachdienlichen Büchern von Hans-Olaf Henkel oder Karl Theodor zu Guttenberg stehen. Weil derartige Belastungskörper natürlich besser schnellst möglich anderen Nutzungen als der allgemeinen Volksverblödung zugeführt werden sollten, hat nun anlässlich der kommenden siebten Berlin Biennale der tschechische Künstler Martin Zet die Buchsammel-Aktion „Deutschland schafft es ab“ gestartet, deren Ziel es ist, möglichst viele der Sarrazinischen Schriften zusammenzubringen, um sich so davon zu entledigen. Die Berlin Biennale wird in dieser Angelegenheit organisatorisch unterstützend tätig und wird deutschlandweit den Büchertransport übernehmen.

Die Aktion wurde am 12. Januar veröffentlicht und bereits jetzt gibt es einen erwartungsgemäßen Aufschrei von Menschen, die eine zentrale, politisch motivierte Büchervernichtung erwarten. Das seien „Nazimethoden“ ist als einhellige Meinung zu hören und alle befürchten eine Bücherverbrennung, als könnte ein zeitgenössischer Künstler keine kreativere Strategie entwickeln, als alle Bücher auf einen Haufen zu werfen und ein bisschen mit dem Feuer zu spielen.

Ich finde die Aktion sehr spannend, gerade weil die politischen Lager so wunderbar aufgemischt werden:
Heftige Sarrazingegner werden zu Gegnern einer Gegen-Sarrazin-Aktion. Sarrazinbefürworter, die vermutlich auch schon mal den Koran einer organisierten Verbrennung zuführen würden (böses Vorurteil!), dürfen sich als Opfer einer politischen Säuberungsaktion begreifen. Und die ganze Aufregung schon im Vorfeld, bevor überhaupt irgendjemand weiß, was aus den hoffentlich vielen Büchern entstehen wird, die Martin Zet einsammeln kann. Vielleicht baut der Künstler ja ein Haus der Verständigung daraus, oder er lässt sie in einem Meer der Tränen schwimmen – wer weiß …

Die Berlin Biennale hat jedenfalls schon drei Tage nach der Erstveröffentlichung der Aktion folgende Klarstellung verbreitet:
„Martin Zet ruft Personen, die sich aus unterschiedlichsten Gründen von dem Buch „Deutschland schafft sich ab“ von Thilo Sarrazin trennen möchten, auf, es einer künstlerischen Aktion zu spenden. Entstehen soll eine Installation, deren Größe und Ausdruck abhängig ist von der Anzahl der gespendeten Bücher. Während der 7. Berlin Biennale für zeitgenössischen Kunst wird Martin Zet gemeinsam mit dem Publikum an der Frage arbeiten, welchem Zweck die Bücher anschließend zugeführt werden. Das Kunstprojekt hat nicht eine Büchervernichtung zum Ziel, sondern der Künstler verbindet mit der Spende und der Transformation der Bücher einen Akt des Widerstandes gegen den anti-migrantischen und polarisierenden Inhalt des Buches mit künstlerischen Mitteln.“

Das ist leider enttäuschend: Muss wirklich das Publikum in einer Basisdiskussion über den Verbleib der Bücher entscheiden? Warum dieses Einknicken? Ich wünschte mir stattdessen einen wirklich selbstbestimmten, künstlerischen Akt. Martin Zet soll einfach bestimmen, was mit den Büchern zu passieren hat und dann auch persönlich dafür grade stehen. Aber wie es aussieht wird man an einem kleindiskutierterten Konsens mit womöglich paritätischer Aufteilung nicht vorbeikommen. Doch dafür hätte ich natürlich auch gleich eine Lösung parrat: 98 % der Bücher werden dem Wertstoff-Recycling zugeführt und der Erlös dafür einer Vielzahl von Organisationen zur Förderung von Kindern mit Migrationshintergrund gespendet (ein Bewerbungsverfahren für die Organisationen kann unverzüglich eingeleitet werden) und 2 % dürfen von einer radikalen Minderheit öffentlich und fröhlich verbrannt werden.

Übrigens: Das private und einzelne Buchverbrennen ist im Gegensatz zur politisch motivierten, öffentlichen Autodafé ein Akt der inneren Reinigung und im Falle der Verbrennung im heimischen Ofen auch noch eine relativ nützliche Angelegenheit, sofern es im Winter geschieht. Das kann ich aus eigener Erfahrung sehr empfehlen.
Die reguläre und täglich praktizierte Art des massenhaften Bücher-Recylings ist hingegen ein sehr unterkühltes Verfahren: kleinhäckseln, einweichen, vermengen und zu minderwertigem Papier verarbeiten. Mit solchem kann man sich dann entweder den Hintern abwischen oder Paperback-Auflagen drucken. Ob es zwischen diesen möglichen Nutzungen eine moralische Wertigkeit gibt, sein dahingestellt.

 
 

Autor:

Magnus Hengge

 

23. Dezember 2011 00:20:54

… Friedrichstraße: Halblange Anbahnung

Der heutige Donnerstag, tagsüber ein nichtwinterlicher, mutierte zum Abend hin in einen beinahe frühlingshaften, nieselregnerischen. Die Bürgersteige entlang der Friedrichstraße sind dennoch leidlich ausgelastet und – um den Bahnhof herum – sieht man auch heute wieder die Anbahner. Sie bringen Protest, Mitleid, Interesse und anderes vor und an den Vorbeigehenden. Sie machen auf die geschundene Natur aufmerksam oder zeigen mit Fotos auf Unrecht und Unmenschlickeit. Die Anbahner werben um die Aufmerksamkeit der Passanten und ihr Geld.

Unmittelbar am U-Bahn-Eingang steht ein baumlanger, junger Mann, der die Berliner Zeitung anpreist. Vor ihm, sie reicht ihm nicht mal bis zur Brust, eine junge Frau, modern gekleidet, Typ Annett Louisan. Sie muss den Kopf mächtig in den Nacken legen, um zu dem Anbahner aufzublicken. Er kann, so ich ihn von weitem sehe, unmöglich von einem Zeitungs-Abo reden, dazu schaut sie viel zu verzückt nach oben. Irgendetwas Nettes süßholzraspelt ihr der Dirk Nowitzki unter den Abo-Werbern vor. Erst als ich – auf Höhe der beiden – an ihnen vorbeimarschiere, kommt die entscheidende Frage: „Na, was hälts Du denn nun von einem Probe-Abo der Berliner Zeitung?“

Da ich hinten keine Augen habe und meine Ohren mit denen der Fledermäuse nicht konkurrieren können, bleibt das Ende dieser Anbahnung leider offen.

 
 

Autor:

Jürgen Pahl

 
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