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Archiv der Kategorie ‘Themen‘

6. Juli 2015 22:29:20

… zum Einschlafen: Montiverdis »Orfeo« von Sasha Waltz

Ich wollte ja eigentlich keine schlechte Kritiken mehr schreiben, weil irgendwie immer Beziehungen damit gefährdet werden. Aber in diesem Fall bin ich so enttäuscht, dass ich andere warnen möchte.

<br />
Foto: Monika Ritterhaus

Wer nichts dafür kann:
Das Freiburger Barockkonsor ist ein sehr authentisch klingendes Orchester, das meisterhaft auf historischen Instrumenten spielt. Wenn man schon hermetische und geradezu banal unterkomplexe Barockmusik mit der harmonischen Raffinesse von öden Weihnachtsliedern hören möchte, dann am besten so.
Den Sängern ist nichts vorzuwerfen und die arabesken Koloraturen des Orfeo (Georg Nigl) ließen einen kurzzeitig mal aufwachen.
Der Plot des Stücks ist so zäh wie er halt ist – über Stunden gibt es nur eine minimale Handlung: Orfeo verliebt sich in Euridice und diese wird alsbald von einer Schlange gebissen, woran sie stirbt. Orfeo will ihr in die Unterwelt folgen, singt den Wächter in den Schlaf, geht ins Totenreich, bekommt sie aber nicht zu sehen. Er sieht ein, dass es eine schlechte Idee war, geht wieder zu den Lebenden und lässt sich preisen. Also typischer Opern-Quatsch auf Kindergarten-Niveau – wär ja nicht schlimm, wenn die Inszenierung was draus machen würde.

Was wirklich schlimm ist:
Sasha Waltz fällt nichts mehr ein und sie wagt nichts mehr. Wer ihre Stücke kennt, braucht dieses nicht anzusehen, denn man hat alles schon früher besser gesehen. Die Art der Bewegungen, die Kostüme, das Spiel mit den Zweigen, die Wasserpfützen … es ist halt Sasha-Waltz-like – nur auf Sparflamme.
Der Tanz bleibt die ganze Zeit nur Illustration einer total langweiligen Story. Wenn Euridice Blumen pflückt, werden ihr Blumen gereicht, wenn sie von einer Schlange gebissen wird, bewegen sich einige schlangenartig. Wäre die Musik wenigstens metaphorisch oder anstrengend oder irgendwie anspruchsvoll, dann würde man die banale, bestenfalls kitschige, Interpretation ja noch akzeptieren, aber es gibt einfach keine Kraft und Kontraste in dieser Inszenierung.
Nur einmal nach der Pause gibt es eine Szene, die nicht völlig einschläfernd ist: Es wird getanzt ohne Musik. Wenigstens einmal – ein Einfall, doch auch diese Szene bleibt beliebig und geht einfach wieder über ins gleiche ermüdende Allerlei wie zuvor und danach.
Das Drolligste ist das Finale: Mehr oder weniger unbewegliche Musiker versuchen zwischen den umher hüpfenden Tänzern und Sängern ein bisschen lauter aufzuspielen. Leider verliert dadurch das Spiel auch noch die Konzentriertheit und es verkommt zur blöden Hopserei, die versucht ein Finale zu simulieren.

Sasha Waltz hat sich mit ihrem Orfeo zu einer Helene Fischer des Tanztheaters entwickelt. Nett und vollkommen langweilig. Inhaltslos und gefeiert von einem bräsigen Publikum, das sich in einer anspruchslosen Schönheit ergötzt.
Helene Fischer wäre übrigens parallel bei ihrem Konzert im Olympia Stadion fast vom Blitz erschlagen worden. Donnerwetter!

Das einzige was überraschend war:
Der Chor der Tänzer/innen. Es ist ungemein erfrischend mal Stimmen zu hören, die nicht total geglättet in möglichst reinen Intervallen barockes Heißa von sich geben. Plötzlich bekommt das ganze Kraft und Authentizität, die man ansonsten in allem vermisst.

Wirklich sehr schade das alles.
Aber zum Glück kann man in dieser Spielzeit auch nicht mehr hingehen.

Gesehen:
ORFEO – Favola in Musica in einem Prolog und fünf Akten von Claudio Monteverdi
Libretto von Alessandro Striggio, eine Choreographie von Sasha Waltz,
in der Staatsoper im Schiller Theater

 
 

Autor:

Magnus Hengge

Kategorie:

Musik | Oper | Tanz

 

1. Juni 2015 12:27:53

… kein Luxus-Sanierungsgebiet: Bizim Bakkal muss bleiben

<br />

Seit ich die Wrangelstraße kennengelernt habe, fühle ich mich der Familie Çalışkan verbunden, die ich liebevoll und politisch unkorrekt „meine Gemüsetürken“ nenne. Im Frühsommer 1992 bin ich zum ersten Mal morgens bei herrlichem Sonnenschein durch ihre Ladentür gegangen und habe eine Netzmelone gekauft, die ich einige Häuser weiter zu einer Frühstückseinladung mitbrachte. Bei meiner Freundin kam die Melone zwar nicht gut an, weil Melonen grundsätzlich bei ihr nicht gut ankamen, aber ich war vollkommen begeistert: diese Frucht war tatsächlich reif und super aromatisch!

Heute, viele Jahre später, bin ich mit der Freundin von früher verheiratet und wohne, nach einigen Umzügen, gleich um die Ecke von eben diesem Gemüseladen „Bizim Bakkal“, was übersetzt „Unser Lebensmittelgeschäft“ heißt. In den 24 Jahren, in denen ich immer am liebsten mein Gemüse hier gekauft habe, habe ich mehr oder weniger die ganze Großfamilie kennengelernt – 4 Generationen. Sie alle haben mit und über diesen Laden ihr Leben in Berlin aufgebaut. Sie wohnen zum Teil in der Nähe oder haben benachbarte andere kleine Geschäfte eröffnet, die ihrerseits den Kiez gestalten und liebenswert machen.

Jetzt nach 28 Jahren hat der Gemüseladen die Kündigung bekommen! Das Haus wurde an einen Investor verkauft und der will Kasse machen. Es soll saniert und schöner werden und da ist kein Platz mehr für einen netten, kleinen Gemüseladen. Da es ein normaler Gewerbemietvertrag ist, kann fristlos gekündigt werden, und deshalb wird die Familie zum 1. 30. September rausgeworfen.

Als der Chef (2. Generation) mir das im Laden erzählt hat, war ich wirklich schockiert, denn an diesem Laden mache ich einen beträchtlichen Teil meines Heimatgefühls als Kreuzberger fest. Der Laden speist einen wesentlichen Teil des Wir-Gefühls hier im Kiez und deshalb geht es hier ums Grundsätzliche! Wird Bizim Bakkal verdrängt, werden wir verdrängt!

Dieser Kiez rund um die Wrangelstraße ist nicht einfach irgendein Investitionsgebiet, dessen Existenz der Bereicherung von Immobilienfirmen dient. Wenn die Gegend hier langsam prosperiert, dann entstand dieser Wertzuwachs durch unser Zusammenleben. Wir alle haben diesen Kiez aktiv gestaltet und deshalb haben wir den Mehrwert geschaffen, den wir nun als Rendite in Form von Menschlichkeit ausgezahlt bekommen wollen. Wir geben unsere Nachbarschaft nicht für Investoreninteressen preis. Wir lassen uns die Rendite nicht von jetzt aufspringenden Immobilienfirmen wegschnappen, sondern diese Rendite muss der Gemeinschaft derjenigen zu Gute kommen, die hier leben. Und zu Gute kommt es uns, wenn wir weiter hier leben können.

Zur Erklärung, was ich damit meine: Kurz nach der Einführung des Euro, haben wir von studio adhoc als Anwohner gemeinsam mit den Gewerbetreibenden des Wrangelkiez’ und dem gerade erst gegründeten Quartiersmanagement eine Werbeaktion gemacht, die unter anderem zum Ziel hatte, gegen den Verfall und den Leerstand von vielen Läden in der Gegend anzugehen. Wir wollten verhindern, dass die Straße immer weiter herunterkommt, und wollten die einzigartige, kleinteilige und multikulturelle Ladensituation und das damit verknüpfte Wesen der Straße erhalten. Auch „Bizim Bakkal“ war mit dabei. Es war in dieser Zeit noch nichts davon zu spüren, dass nur wenige Jahre später plötzlich alles irre hipp sein könnte. Damals ging es darum, sich gegen den Verfall zu stellen. Das haben wir alle gemeinsam geschafft – auch mit den Vermietern und Besitzern an unserer Seite.

Heute geht es darum, sich gegen den Ausverkauf zu stellen. Es darf nicht sein, dass auf Kosten der Gemeinschaft Kasse gemacht wird und dabei Familien, die hier Jahrzehnte lang wesentliche Säulen des Zusammenhalts waren, auf der Strecke bleiben!

Der Kiez ist jetzt extremem Gentrifizierungsdruck ausgesetzt. Die Mieten sind hier innerhalb weniger Jahre so stark gestiegen wie nirgendwo sonst in Berlin und viele Läden haben schon mehrfach den Besitzer gewechselt. Die Lebensmittelgeschäfte, über die sich die Einheimischen versorgen, verschwinden und alle Arten von Geschäften, die im weitesten Sinne auf Tourismus ausgelegt sind, kommen. Außerdem wurde und wird überall saniert – immer mit vollem Programm, denn nur dann kann man hinterher Phantasie-Mieten verlangen: Das Zauberwort heißt „Energetische Vollsanierung“. Darüber können geldgeile Investoren am besten alle Mieter rausekeln um dann die Wohnungen neu zu schneiden. Die neue, solvente Zielgruppe hat andere Ansprüche: schöne offene Küchen und große Bäder. Nur so können die Wohnungen dann meistbietend verkaufen oder vermietet werden.

Wir müssen uns jetzt wieder als Anwohner gemeinschaftlich dagegenstellen!
Seid dabei: Mittwoch den 3.6. auf der Wrangelstraße 77 bei Bizim Bakkal um 19 Uhr. Wir müssen zeigen, dass wir weiterhin Bizim Bakkal bei uns haben wollen!

bizimbakkal-wrangelstr-zettel1

Der Fall findet nun ein Echo in den Medien:

> Berliner Zeitung (online)

Nachtrag am 10. Juni:

Inzwischen hat sich die Nachbarschaftsinitiative > BİZİM KIEZ < gegründet, die versucht Bizim Bakkal zu retten. Jeden Mittwoch um 19:00 Uhr ist bis auf weiteres eine spontane Kundgebung und Informationsaustausch vor dem Laden in der Wrangelstraße 77. Weiteres auf der Website www.bizim-kiez.de

 
 

Autor:

Magnus Hengge

 

26. Januar 2015 00:33:20

… ein Klangkörper: Monsterfrau und Fritz Bornstück in der Zwitschermaschine

Die Performer bauen auf …

MF: Schickst du was?
FB: Ja permanent ungefähr 6 Dezibel
MF: Ja schön – jetzt …
FB: Was? ich kann dich nicht verstehen.

Nein, währenddessen miteinander sprechen geht nicht. Zu laut. Oder zumindest laut genug für eine andere Art der Kommunikation: Die eine – Monsterfrau alias Lena Wicke-Aengenheyster – spricht mit dem Körper, der andere – Fritz Bornstück – mit ein paar kleinen Potentiometern. Gemeinsam am Jammen. Zum ersten Mal seit sie keine Kinder mehr sind.

Mit dem Körper im Raum auf den Klang einwirken, den Körper dem Klang aussetzen, im Körper nach Resonanzen suchen, nachspüren und diese wieder in Bewegung fließen lassen. Dabei geben einige Sensoren Koordinaten und Bewegungsimpulse als Signale in einen mehr oder weniger steuerbaren elektronischen Aufbau, der fiepend, kratzend, blubbernd Töne produziert. Die getanzte Interaktion mit der Technik ist nicht direkt wie das Spielen eines Instruments zu verstehen, sondern eher wie ein verzweifelter Versuch dem Körperlichen durch die technischen Fortsätze eine weitere Ausdruckssphäre zu geben, die über Sprache und Gesang hinausgeht. Der verbogene Körper und der verzerrte Ton. Beides wirkt gegenseitig aufeinander ein. Stimme, Signal, Interferenz, Modulation, Effekt. Mal mit Beat und dem Gestus des DJs der seine Tänzerin in Bewegung bringt, mal die Sängerin die sich selbst experimentell (aus)steuert. Natürlich spielt Monsterfrau mit der stereotypen Körperlichkeit der Frau in der Pop-Musik: Der Spaß am Sich-Produzieren, an der sexualisierten Verrenkung, vom körperlichen Blödsinn, über die Bewegungszeichen-Kommunikation mit Außerirdischen bis zu einer Art Tempeltanz zur Huldigung des Lärms. Und nebenbei entsteht so was wie Musik.

Miterlebt: 25.1.2015 – Zwitschermaschine, Potsdamer Str. 161, 10783 Berlin

 
 

Autor:

Magnus Hengge

 

15. Januar 2015 11:32:03

…düster: unsere Zukunft

<p></p>

Gestern Abend im Ersten der Thriller Tag der Wahrheit: Florian Lukas als verbitterter Vater einer an Leukämie verstorbenen Tochter dringt in das Kernkraftwerk Haut-Rhin – also Fessenheim bei Colmar im Elsass – ein, verschanzt sich dort, platziert Bomben und fordert ein öffentliches Statement des französischen Ministers und der AKW-Betreiberfirma zu vertuschten Störfällen. Routiniert inszeniert, Gut und Böse klar geschieden, sehr gute Schauspielerarbeit, mäßig spannend, da wir ja wissen, wo´s hinläuft … ähmm, Moment …. Am Ende geht das AKW hoch, jedenfalls gerät alles außer Kontrolle, eine der Bomben explodiert, als die Polizei stürmt und um sich schießt, und bei der Flucht und Evakuierung aller Beteiligten friert das Bild ein: Wir dürfen also annehmen, dass es passiert ist…
Das hätte es vor Jahren noch nicht gegeben. Es wäre gut ausgegangen. Wir hätten uns darauf verlassen können, dass die Verantwortlichen die Sache hinkriegen und dass die Künstler – Filmemacher in diesem Fall – hier zwar warnend den Finger heben und kritisch aufzeigen, wo´s im Argen liegt, aber es wäre gut ausgegangen. Jetzt nicht mehr. Auch in Hollywood geht es nicht mehr immer gut aus, dort hat man ja bereits – sehr beunruhigend – den Planeten Erde aufgegeben (Interstellar) und kaum ein Science-Fiction-Film von The Road bis zu The Surrogates, Hell oder Oblivion zeichnet noch ein positives Bild der Zukunft – die als Untergangszenario im Übrigen nicht mehr im tiefen Futur sondern irgendwo direkt hinter 2050 angesiedelt ist, in Reichweite unserer Kinder also.
Was ist aus der Zukunft geworden?

 
 

Kategorie:

Alltägliches

 

30. Dezember 2014 22:43:17

… West:Berlin. Eine Insel auf der Suche nach Festland

<p>Bierlokal in der Lehrter Straße, Moabit</p>

Eine Insel. So kam sie einem vor. Mauerstadt. Frontstadt. Stadt der Bewegungen, Stadt in Bewegung. “Keine Atempause, Geschichte wird gemacht” sangen die Fehlfarben in den frühen 1980er Jahren. Da hatte West-Berlin schon einige Jahre Geschichte hinter sich. Und dieser widmet das Stadtmuseum aktuell im Ephraim-Palais eine bunte, informative Ausstellung, die trotz zahlreicher Exponate – vom Amphibienfahrzeug bis zur Bahlsen-Keksschachtel – nur kleine Schlaglichter auf 40 Jahre Leben der knapp 2 Millionen Menschen am Ostrand des geteilten Deutschland werfen kann. Das Konzept der von Thomas Beutelschmidt und Julia M. Novak kuratierten Schau ist sympathisch: „Es gibt keine festgelegte Reihenfolge“, lautet die Einweisung am Eingang. „Sie können die Ausstellung von oben nach unten oder von unten nach oben besichtigen.“
Wir beginnen oben, im 3. OG, wo die Nachkriegsjahre mit Ruinen und Wiederaufbau sich mit Bildern von Blockade und Luftbrücke mischen, und wandern bis ins Erdgeschoss, wo aus privaten Fotografien von Berliner_innen eine eigene kleine Diashow den Parcours durch die Geschichte beendet.
Erinnert wird an Unternehmen, die in der 1961 bis 1989 eingemauerten Stadt blieben oder von den Subventionen der Berlinförderung angelockt in die Stadt kamen: Schering, IBM, AEG, Brinkmann … Modestadt war West-Berlin, Film- und Festivalstadt seit der ersten Berlinale, Ort architektonischer Ikonen: Nationalgalerie, Philharmonie, Hansaviertel … Sie war Metropole des Fortschritts, in der die Straßenbahn visionären und glücklicherweise nie ganz realisierten Autobahnplanungen weichen musste. Die Idee, den Kreuzberger Oranienplatz in ein Autobahnkreuz zu verwandeln, verschwand ebenso in den Schubladen, wie die ehrgeizigen Sanierungspläne geldgieriger und nicht selten korrupter Baulöwen. Nicht zuletzt dank des massiven Widerstands der wachsenden Jugend- und Bürgerinitiativen. Die Abschottung half der Alternativbewegung, eigene Biotope zu entwickeln: Auf TUNIX folgte TUWAT, die taz, die erfolgreichen Instandbesetzungen und die legendären 1. Mai-Demos. Gleichzeitig lebte im Vakuum des Kalten Krieges West-Berlins aber auch der Schwarze und Rote Filz der Regierenden. Die „Stadt am Tropf“ sorgte für erfolgreiche Reisemodelle. Wer die Transitstrecke mit den behäbigen und zeitraubenden Kontrollen in Dreilinden, Drewitz, Helmstedt usw. meiden wollte, flog mit BEA, PanAM oder Air France über den realsozialistischen Gürtel – erst die „Zone“, dann die DDR – hinweg. Busreisen waren populär, wie heute wieder.
Das Meer – die Ostsee – war nah und doch so fern, aber eigentlich genügte man sich hier selbst.
All das und mehr lässt West:Berlin in Bild, Ton und Dokumentation wieder lebendig werden. Es ist vergnüglich, zu erinnern, wie es einst hier war. Für diejenigen, die – weil zu jung oder zu weit weg – jene Jahre nicht selbst erlebt haben. Und für nostalgische West-Berliner_innen sowieso. West:Berlin. Eine Insel auf der Suche nach Festland. Noch bis zum 28. Juni 2015 im Ephraim-Palais am Nikolaiviertel. Eintritt: € 7,00.

 
 

 

25. Dezember 2014 13:33:52

… elektrisierend: als Düsseldorf einmal Welthauptstadt war

<br />Sie hießen Kraftwerk, Neu!, La Düsseldorf, Rheingold, Michael Rother, DAF, Liaisons Dangereuses, Die Krupps sowie, als Abgesang, Belfegore und Propaganda. Sie alle kamen aus Düsseldorf und gelten als Begründer und Wegbereiter der elektronischen Musik in ihrer Pop-, also nicht-donaueschingen-affinen Variante. Rüdiger Esch, Bassist der Stahlwerksymphoniker Die Krupps, hat über zwei Jahre Interviews geführt mit vielen der Macher. Sein Buch Electri_city ist die faszinierende Ausleuchtung einer kleinen Szene in der „bundesrepublikanischen Provinz-Weltstadt der 1970er und 80er Jahre“ einerseits, aber vor allem anderen die detaillierte Nacherzählung jener fabelhaften Zwischenwelt des nahtlosen Übergangs vom Analogen zum Digitalen, als Sequenzer, Moogs, Korgs, Casios und elektronische Drumkits zu Instrumenten wurden.
Wie Kraftwerk vom Krautrock zur Elektronikszene wechselte; wie der Produzent, Studiobetreiber und Althippie Conny Plank einige der einflussreichsten Platten der Zeit aufnahm; wie Do-It-Yourself-Freaks und Soundtüftler aus ihren Bastelwerkstätten in die Profistudios zogen; wie die damals bereits weltberühmte Kraftwerk-Truppe … Weiterlesen

 
 

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Alltägliches

 

15. Dezember 2014 10:51:55

… souverän: Corinna Kirchhoff im Polizeiruf 110


Gestern war es Corinna Kirchhoff im Polizeiruf 110 „Hexenjagd“, die aus der Schulleiterin Bärbel Strasser ein schauspielerisches Ereignis machte. „Du musst ihnen die Stirn bieten, sonst fressen die Schüler dich bei lebendigem Leib“ sagt sie an einer Stelle (sinngemäß), und das spielt sie dann. Allen bietet sie die Stirn, steht ihre Frau, und die kleine Verfehlung mit dem jungen Hausmeister – der über das Böse promoviert: na ja, sehen wir über blödsinnige Ideen hinweg – diese kleine Verfehlung gönnt sie sich. So spielt man Souveränität.

Lange war sie an der Schaubühne, jetzt ist sie ab und an in Yasmina Rezas Der Gott des Gemetzels in der legendären – doch schon wieder acht Jahre alten – Inszenierung von Jürgen Gosch am Berliner Ensemble zu sehen, am Donnerstag z. B., dann wieder im Januar.

 
 

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Alltägliches | Fernsehen

 

8. Dezember 2014 13:57:08

…leider vermasselt: Life of Crime

Ganz anders, ja das Gegenteil von Sybille Canonica ist Jennifer Aniston in Life of Crime, der Verfilmung von Elmore Leonards Roman Switch (bei uns nur als DVD oder bluray).
Aniston soll eine frustrierte amerikanische Ehefrau spielen, die entführt wird, an der Situation wächst und damit ein neues Leben entdeckt. Aniston allerdings ist keine Schauspielerin, sie ist ein Star. Sie bekam mit Elmore Leonards Mickey Dawson die Steilvorlage für die Rolle einer Frau, die durch widrige Umstände ihre eigentliche Stärke entdeckt und mit neuem Elan aus dem Film herausgeht: Bei Aniston passiert nichts derartiges, sie kreischt ein bisschen herum, ist eigentlich die ganze Zeit um den Sitz ihrer Frisur besorgt und lotet rein gar nichts an dieser Figur aus.
Auch Regisseur Daniel Schechter hat eine große Chance vertan: Mit Elmore Leonards Switch aus dem Jahr 1977 war ihm eine Perle, ein Meisterwerk des Krimigenres in die Hände gefallen, dann allerdings fehlte ihm der Mut, Leonards bissige und anarchische Ironie umzusetzen. In Leonards Romanen ist immer eine Reihe von Figuren damit beschäftigt, dem Leben einen Mehrwert abzuluchsen, indem sie die (vermeintliche oder tatsächliche) Dummheit ihrer Mitmenschen auszunutzen und zu Geld zu machen versucht. Diese Aufgabe lässt sie nun jedoch selber dumm oder klug aussehen, je nachdem, und in dieser doppelten Spiegelung, diesem dialektischen Sprung zeigt sich so etwas wie die Sozialtauglichkeit der Figuren. Leonard hatte schon früh begriffen, dass die berühmte soziale Durchlässigkeit der amerikanischen Gesellschaft – vom Tellerwäscher zum Millionär – sehr viel mit ebendieser Fähigkeit und viel weniger mit der Jahrelang-hart-gearbeitet-Ideologie zu tun hat. Hier liegt für Leonard die eigentliche soziale Scheidelinie – und darin steckt natürlich jede Menge ironisches Potential. Hollywood hat fünfzehn seiner Romane verfilmt, und lediglich Quentin Tarantino mit Jackie Brown und Barry Sonnenfeld mit Schnappt Shorty! hatten den Blick und das Gespür für diese anarchische Subversivität, die Leonard der amerikanischen Gesellschaft attestiert. Schechter hat eine entfernte Ahnung davon bekommen, seine Schauspieler allerdings nicht davon überzeugen können (lediglich Tim Robbins nähert sich der Sache), sauber alle Hollywoodregeln eingehalten und alles mit Musiksoße übertüncht. Wie man´s halt immer macht.
Mit dem blödsinnigen Titel Wer hat nun wen aufs Kreuz gelegt? erschien die deutsche Übersetzung von Switch 1981 in der Reihe der berühmten schwarzen rororo-Krimis, ist allerdings längst nur noch antiquarisch zu haben – wenn überhaupt.

 
 

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Alltägliches

 

6. Dezember 2014 18:03:47

…immer wieder gern: große Schauspielkunst

Manchmal stößt man nachts auf TV-Perlen. Gestern war es ein älterer Tatort, Borowski und die Frau am Fenster, mit der brillanten Sibylle Canonica als Nachbarin, als Getriebene, als Schlaumeierin, als Lügnerin, als Mörderin, als Liebessüchtige letztendlich, die für die Erfüllung ihrer Sehnsucht über Leichen geht – und jeden Rollenaspekt der Tierärztin Charlotte Delius nimmt Sibylle Canonica mit dem Willen zur vollen Ausformung aller Facetten an. Jede Geste, jede Bewegung, jeder Blick – nichts ist eitel, Selbstdarstellung, das gesamte schauspielerische Können steht im Dienst dieser Figur. Damit steckt sie das gesamte Ensemble an: Dirk Borchardt, Sibel Kekilli, Axel Milberg (wie immer gedämpft) sind in Hochform.

Das ist große Schauspielkunst, die sogar den Hang von Drehbuch und Regie zur Tatort-üblichen ironischen Brechung in die Schranken weist – wenn Dr. Charlotte Delius auftaucht, gibt es nichts mehr zu lachen.

Die Tatort-Krimis werden ja ständig irgendwo in Wiederholungen gezeigt: Folge 812 gehört zu den Highlights der Reihe.

Seit Jahrzehnten arbeitet Sibylle Canonica an Münchner Theatern und ist leider nur sehr selten in Berlin zu sehen – kurz vor Weihnachten, am 21. Dezember allerdings doch, und zwar am Berliner Ensemble im Rahmen eines Gastspiels des Münchner Residenztheaters: als Ann in David Mamets Die Anarchistin neben Cornelia Froboess.

 
 

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Alltägliches

 

7. September 2014 21:08:11

… herrausragend: Bilderbuch und Mikky Blanko beim Berlin Festival

Bilderbuch klingen wie der junge Prince auf zu viel Mozartkugeln. Leider sehen die Jungs nach 9 Jahren Band-Karriere auch ein bisschen sehr nach Intensivgebrauch von diversen Substanzen aus (es gibt aber keine Beweise für diese These!). Die Mukke ist jedenfalls vom feinsten, was man im deutschsprachigen Raum derzeit hören kann: einzigartige Sprache grandios gekreischt mit Wiener Schmäh und nervigem Gezappel, kombiniert mit super geilen, von grandiosen Pausen durchsetzten Gitarrensoli. Ich finz supah – Feiste Seide.

 
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Autor:

Magnus Hengge

 
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