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Archiv der Kategorie ‘Alltägliches‘

8. April 2014 11:03:02

… zuviel: vom Gleichen

Ich habe neulich meinen Fernseher aus dem Fenster geworfen, weil nur noch Barbara Schöneberger drin war. Immer wenn ich das Gerät anmachte, kam Brarabra Schöneberger raus. Damit wir uns nicht missverstehen, ich habe nichts gegen Barbara Schröneberger, aber was zu viel ist, ist zu viel. Manchmal gönne ich mir zum Beispiel die Sportschau, um meiner masochistischen Ader nachzugeben und die Frankfurter Eintracht verlieren zu sehen. Es wollte mir dann allerdings Barbara Schönebreger einen Kleinwagen verkaufen, indem sie schlecht angezogen einen merkwürdigen Ball durch die Gegend kickte. Der Kleinwagen, der Ball und die Kleidung von Barbarar Schöneberger sagten mir nicht zu. Dann später am selben Abend – meine Frau hatte die Opernkarten an arbeitslose spanische Jugendliche verschenkt – gerieten wir beim Herumzappen in eine Talkshow, bei der Barbara Schönebergrer in einer leitenden Funktion auf dem Sofa saß, jedenfalls nehme ich das an, denn lange blieben wir nicht. Und so ging mir das häufig, sehr häufig, wenn ich wieder einmal erschöpft vor dem Fernsehgerät landete, dass Barbara Schönerberger entweder in einer Sendung Leute bei Laune hielt oder bei Jauch herumzappelte oder bei Gottschalk oder bei beiden oder Preise vergab und sich zwischen den einzelnen Preisübergaben im humorigen Bereich versuchte.

Ich freue mich sehr darüber, wenn Menschen Arbeit haben, aber es gibt viele Jobs und viele Menschen und so muss ich an dieser Stelle vorsichtig fragen, warum Barbara Schönebreger im Fernsehen alle Jobs hat. Jedenfalls bei den Weibchen, bei den Männchen sind sie zwischen Jauch, Hirschhausen und Lanz etwas gleichmäßiger verteilt. Wäre es nicht besser, wenn andere Leute auch welche hätten? Ich weiß, Barbarar Schöneberger hat zwei hervorstechende Merkmale – Bühnenpräsenz und blaue Augen – aber trotzdem …?

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Als ich vor einigen Wochen frühmorgens die `Aktuelle Türkei Rundschau´ und `Jagen weltweit´ kaufen wollte, musste ich plötzlich von der Verkäuferin vor dem Zeitschriftenregal gestützt werden, weil Rarbara Schöneberger mir sowohl vom Titelbild der HörZu als auch der Emma auflauerte. Und dann kam es später am Tag zur Beinah-Katastrophe, als ich, auf dem Fahrrad unterwegs, an der Kreuzung Monumenten- und Kreuzbergstraße fast einen mittelgroßen Laster der naheliegenden BSR-Sammelstelle gerammt hätte, weil mich Barbara Schönererger von einem Plakat am Straßenrand herunter anfiel. Ich hatte kurz den Eindruck, dass sie ein Saiteninstrument auf dem Schoß hatte und mich mit stechend blauen Augen dazu aufforderte, Mitte April an irgendetwas teilzunehmen oder allermindestens eine Eintrittskarte zu kaufen, womit natürlich sofort der Verdacht aufkam, dass Barbara Schöreberger ab und an auch im musikalisch-performativen Bereich tätig sein könnte. Der Fahrer des BSR-Lasters erkannte mein Entsetzen und lächelte milde, oder grinste mitleidig, ich bin mir nicht sicher, jedenfalls fuhr ich erschüttert und ernüchtert nach hause und warf meinen Fernseher – ein altes Modell, zugegeben – aus dem Fenster. Ich glaube unten stand Barbara Schöneberger und fing ihn auf, aber es kann auch der Fahrer des BSR-Lasters oder meine Frau oder ein spanischer Arbeitsloser gewesen sein. Jedenfalls fühle ich mich nun freier.

 
 

 

24. November 2013 18:31:21

…neugierig auf: Epochenwende

Zwei Tendenzen markieren das Ende einer kulturellen Epoche: einsetzende Historisierung und das Auftauchen des Eklektizismus als kultureller Leitstil. Nicht von ungefähr läutete Lady Gaga neulich das Ende einer solchen Epoche in Berlin ein, und zwar mit ihrem lächerlichen Feuerwerk unterschiedlichster Stile gekoppelt an ein tiefsitzendes Bedürfnis nach Anerkennung als Künstlerin, und schlau wie sie zu sein glaubt, meint sie zu wissen, dass sie nicht in New York, wo Geld und Kunst auf ewig untrennbar verwoben sind, sondern in Berlin, wo der Künstler noch als solcher reüssieren kann, geadelt werden würde. Da war sie zu spät dran, haucht jedoch ihren Odem über eine Szene, die mehr und mehr von dem lebt, was vor 20 Jahren als Menetekel an der Wand stand: anything goes. Hier in Berlin geht zur Zeit alles, und Hauptsache du bist dabei. Kein Fokus, keine gebündelte Energie, viel Spaß bei der Abendgestaltung entweder im abgefucktesten oder dem teuersten Loch der Stadt – das scheint die einzige verbliebene kulturelle Entscheidung.

Dazu erfährt das Nachtleben der Vor- und Nachwendezeit Berlins seine gründliche Historisierung, denn nichts hat hier offenbar so viel Eindruck hinterlassen, so viele Geschichten, Anekdoten und Histörchen produziert, Wunden geschlagen und Promis produziert wie die endlose Party Berlins. Keine Literaturgeschichte, keine Theatergeschichte, keine Baugeschichte, noch nicht einmal eine politische oder Sozialgeschichte Berlins der letzten 40, 50 Jahre liegt vor – aber eine detaillierte Historie von Sex,Drugs and Rock´n´Roll in der Mauerstadt vom ersten Westberliner Bundeswehrflüchtling bis zum jüngsten australischen Partymacher. Von Felix Denk / Sven von Thülen: Der Klang der Familie – Berlin, Techno und die Wende (Suhrkamp 2012) über Ulrich Gutmair: Die ersten Tage von Berlin – Der Sound der Wende (Tropen 2013) bis hin zu Wolfgang Müllers kompendiumhaft daherkommendem und schlitzohrig wegschleichendem Wälzer Subkultur Westberlin 1979-1989 (Philo Fine Arts 2013), (zu schweigen von Ulrike Sterblichs Kleinmädchen-Pipifax Die halbe Stadt, die es nicht mehr gibt – eine Kindheit in Berlin (West) (Rowohlt, 2012) – allesamt wuchten sie mehr oder weniger schwer wiegende Denkmäler der Berliner Feierkultur zwischen die Buchdeckel.

So könnte eine Geschichte Berlins in jeweils „angesagten Szene- Örtlichkeiten“ von 1974 bis heute aussehen: Chez Romy Haag -> Dschungel -> Cafe M -> Exil -> SO36 -> Fabrikneu -> Paris Bar -> Kumpelnest -> Ex´n´Pop -> Rumbalotte -> Kaffee Burger -> Risiko -> Penny Lane´s -> Metropol -> Eimer -> Tresor -> Bunker -> 90 Grad -> berlintokyo -> Cookie -> E Werk -> Sniper -> WMF -> Berghain -> WestGermany -> White Trash -> ://about blank -> King Size Bar ::: natürlich fehlen die und der und das, klar.

Das nagelneue Bilderbuch dazu fackelt nicht lange mit dem Titel: Nachtleben Berlin 1974 bis heute (hg. von Wolfgang Farkas, Stefanie Seidl und Heiko Zwirner |Metrolit 2013). Vierzig kurze Statements – mehr oder weniger launische Interviews, irrlichternde Essays, flackernde Auslassungen über Macher, Trends und Orte; von Romy Haags erstem Club in der Schöneberger Fuggerstraße bis zur King Size Bar in der Friedrichstrasse und alle legendären Etablissements dazwischen – und natürlich viele Photos, die zum größten Teil, der Sache und ihrer Dokumentation angemessen, mehr mit gelegentlichem Knipsen als mit Fotokunst zu haben. Wer sich allzu gut erinnert, war bekanntlich nicht dabei – dieser Band ist die Hilfestellung.
Es hat etwas Deprimierendes, die Macher der Szene(n) vor allem der letzten zehn Jahre in diesem Buch zu vernehmen: Entweder man ist stolz darauf, in heroisch-antibürgerlicher Attitüde das Abgefuckteste vom Dreckigsten als Ambiente anbieten zu können – oder umgekehrt, man kam im und mit dem Nightlife zu Karriere, Geld und Ruhm. Und im Zuge dieser Entwicklung hat das Partyleben Berlins einen entscheidenden Schritt gemacht – es ist vom Nebensächlichen zum Wesentlichen geworden: die Party dehnt sich über nahezu die gesamten 24 Stunden des Tages aus, sie hält so viele Leute wie nie zuvor in Brot, sie ist der Verkaufsschlager der Stadt, sie erobert endlos und krakenhaft einen Ort nach dem anderen, und nicht von ungefähr dämmert dabei einigen, dass eben dieses Nachtleben der vielbeschworenen und –verfluchten Gentrifizierung mehr als nur Vorschub leistet.
Eine Epochenwende vollzieht sich allerdings nur in den seltensten Fällen mit schlagartiger Radikalität wie etwa 1945; Überschneidungen sind die Regel, aufblitzende Zeichen, lesbare Signaturen. Wo zeigt sich also heute das Neue Berlin, wie könnte es aussehen? Man darf gespannt sein, wozu die mächtige Internationalisierung der Kulturszene im Verbund mit einer starken Segmentierung der Subkulturen – kleine Jazzclubs, Hauskonzerte, winzige Bars und Kaschemmen für eine Handvoll Leute, improvisierte Orte für Comedy oder Burleske oder Punk oder Bildende Kunst oder Kochkurse oder oder oder – führen werden. Wir bleiben am Ball!

 
 

 

21. November 2013 10:37:08

… in Topform

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Autor:

Joachim Buroh

 

3. November 2013 23:42:02

… dreimal im Leben. Arturo Pérez-Reverte präsentiert seinen neuen Roman

Zur ersten Begegnung kommt es 1928 auf einem Kreuzfahrtschiff, der Cap Polonio, auf dem der umtriebige Argentinier Max Costa als Eintänzer arbeitet. Eigentlich hat er es auf den Schmuck der reichen Damen an Bord abgesehen. Doch bei der jungen und schönen Musikergattin Mercedes (Mecha) Inzunza ist es mehr als das Perlencollier, das ihn reizt. Sie ist unwiderstehlich, und er lässt sich bei der Ankunft in Buenos Aires nur allzu gern darauf ein, ihr und ihrem Mann, dem spanischen Komponisten Armando de Troeye, zu zeigen, wo der echte Tango, El tango de la Guardia Vieja (wie das Buch im spanischen Original heißt)  gespielt und getanzt wird. Für De Troeye geht es um eine Wette mit Maurice Ravel, der erklärte, er würde einen Bolero schreiben, wenn es dem Kollegen aus dem klassischen Fach gelänge, einen Tango zu komponieren. Während der Musiker sich der Musik hingibt, sinkt Mecha in die Arme des armen Tänzers Max, der sich am Ende – Liebe hin, Leidenschaft her – trotzdem mit den Juwelen aus dem Staub macht.
Ende der 1930er Jahre begegnen Max und Mecha sich wieder. Armando sitzt in Spanien im Gefängnis, ein Opfer der Faschisten, es ist die Zeit des Bürgerkriegs. Mecha wartet in Nizza auf ihn. Max, der sich mittlerweile hauptsächlich als Kleinganove in Italien verdingt, wird vom Geheimdienst Mussolinis angeheuert, ein wichtiges Dokument aus einem Safe an der Côte d’Azur zu stehlen. Viel Geld wird ihm geboten, und er kann, wie meist, nicht nein sagen. Auch der faszinierenden Mecha kann er ein weiteres Mal nicht widerstehen. Vielleicht ist sie die Liebe seines Lebens? Doch wieder trennen sich ihre Wege. Mecha wird, nach dem Tod Armandos, den chilenischen Diplomaten Ernesto Keller heiraten. Ihr Sohn, Jorge Keller, macht sich schon bald als Schachgenie einen Namen. Die dritte Begegnung ist Sorrento in Italien. Es sind die 1960er Jahre, und Jorge bestreitet die Vorwettkämpfe der Schachweltmeisterschaft gegen den russischen Großmeister Mijail Sokolov. Gekämpft wird jedoch nicht nur mit sauberen Mitteln. Was Max Costa zunächst ziemlich egal ist: Er hat sich zur Ruhe gesetzt und verdient sich seine Rente als Chauffeur des renommierten Schweizer Psychiaters Dr. Hugentobler. Doch Mecha etwas abschlagen? Max kann es nicht. Zumal ihr Leben durch mehr als unerfüllte Leidenschaft ganz eng miteinander verwoben ist.

Arturo Pérez-Reverte, ehemaliger Kriegsberichterstatter und einer der bekanntesten spanischen Schriftsteller, präsentiert mit diesem großen Roman ein Alterswerk im besten Sinn. Er habe, so sagt er in einem Interview, die Idee zu dieser bewegten und bewegenden Geschichte schon seit über zwanzig Jahren im Kopf. Doch erst mit sechzig konnte er sie wirklich schreiben. Wie wird man alt und dennoch nicht traurig? Wie lebt man konsequent genau so, wie man es möchte? Wir gelingt es, die Leidenschaft eines wahren Tangos und einer echten Liebe, nie zu vergessen, selbst wenn Jahrzehnte die Begegnungen trennen? Ein schönes, romantisches, humorvolles, figuren- und action-reiches Buch, das sich, und auch das muss gesagt werden, in der gelungenen deutschen Übersetzung von Petra Zickmann (mit einem bezaubernden Cover unter dem Titel Dreimal im Leben bei Suhrkamp erschienen) fast noch schöner liest, als im Original.

Am Montag, den 4. November präsentiert Arturo Pérez-Reverte seinen Roman im Babylon. Die deutschen Passagen liest Boris Aljinovic. Mit dem Autor spricht Frank Wegner.

 
 

 

21. September 2013 10:57:38

… verwirrt: was wählt man denn nun bei #btw13?

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Wer heute überhaupt noch wählen geht, hat verstanden, dass er/sie als Wähler/in niemals in Deckungsgleichheit mit der gewählten Partei kommen wird. Man wählt eine Partei weil man glaubt, dass sich mit ihr am ehesten das eigene gesellschaftliche Gefühl Richtung politisches Handeln herausbildet. Wahlkampf darf sich darum nicht auf Details kapriziert, sondern die Grundhaltung der politischen Richtung muss verdeutlicht werden. Das haben aber nur die wenigsten Parteien drauf.

„Fahren auf Sicht“ ist guter Konservatismus

Die CDU und die Kanzlerin macht im Wahlkampf sehr viel richtig. Es geht den meisten Menschen in diesem Land recht gut und es ist klug, dies zu betonen. Besonders wenn die eigene Klientel auf der Gewinnerseite steht, macht es keinen Sinn, die Lage schlecht zu reden. Denn man wählt am liebsten diejenigen, von denen man sich erkannt fühlt, die Partei, deren Lebensgefühl der eigenen Realität am nächsten kommt. Die CDU hat unter Angela Merkel in der letzten Legislaturperiode die Grundfundamente des CDU-Selbstverständnisses eingerissen und ideologisch aufgeladene Eckpunkte des Konservatismus in Schmusethemen abgerundet: Atompolitik jetzt Atomausstieg, Wehrpflicht aus innenpolitischen Gründen abgeschafft, sowas ähnliches wie ein Mindestlohn beschlossen. Übrig geblieben ist die wichtigste aller konservativen Prämissen: Erfolg haben. Damit ist die einzige wahrnehmbare Regierungspartei dem Lebensgefühl der Mehrheit der deutschen Wahlbürger sehr nahe gekommen. Dies schafft sie bekennend durch (Zitat) „eine Fahrt auf Sicht“. D.h. es gibt weder einen Plan oder eine Strategie, noch Haltung oder Überzeugung, sondern nur taktische Reaktion. Und wenn wir ehrlich sind ist das genau so, wie wir uns alle durchs Leben mogeln.

Es ist darum konsequent im Wahlkampf einfach zu sagen: „Sie kennen mich“ – es hat doch eigentlich ganz gut geklappt, fahren wir doch einfach weiter auf Sicht. Handeln, Gefühl und Wahlkampf der CDU passen zusammen, weil die Kampagne vollkommen überzeugungsfrei ist. Wähler werden als Angela Merkel Wahlverein zusammengefasst. Wer ihr vertraut, wählt CDU. Ich kann darum diesmal zum ersten Mal CDU Wähler verstehen.

Grün ist kein Programm, sondern ein Gefühl

Ganz anders machen es die Grünen. In der Opposition zu klaren Überzeugung gelangt, stellen Sie nun ein tatsächlich außergewöhnlich durchdachtes und umfassendes Programm in den Mittelpunkt des Wahlkampfes. Diese Partei glaubt Antworten auf die zentralen Fragen der Gesellschaft und der Zukunft zu haben. Außerdem fühlen sie sich schuldig, mit der Unterstützung der Schröderschen Agenda 2010, einige soziale Ungerechtigkeiten befördert zu haben. Sie fahren darum einen intellektuellen Wahlkampf, der vom Wollen geprägt ist, und natürlich entspricht dieser Ansatz kaum dem Lebensgefühl der grünen Klientel. Grüne Wähler sind zwar besser situiert und besser ausgebildet als der Durchschnitt, aber dennoch erreichen die kleinteiligen grünen Wahlkampfthemen sie nicht. Auch Grünen-Wählern geht es eher gut und sie wollen Deutschland und ihre Lebensrealität nicht schlecht-geredet haben. Natürlich ist es richtig, dass es im Arbeitsmarkt große Ungerechtigkeiten gibt, aber näher am Lebensgefühl der Mehrheit wäre es, zu sagen, „wir können es uns jetzt leisten“, diese Ungerechtigkeiten abzumildern. Wir können uns auch die konsequente Umsetzung der Energiewende leisten, wir können es uns leisten noch viel mehr Flüchtlinge aufzunehmen usw. Ich wünsche mir von den Grünen eine ganz andere Grundhaltung: Jetzt, zu einem Zeitpunkt, an dem die Agendapolitik so viele Menschen in den Arbeitsmarkt gebracht hat, wie noch nie, und Merkles Fahrt auf Sicht durch die Eurokrise sich für Deutschland auszahlt, können wir unser Leben und Handeln ökologisieren. Ich will keine konkreten Prozentzahlen und ausgeklügelte Steuersysteme von den Grünen hören. Als kleine Partei können sie das doch sowieso nie 1 zu 1 umsetzen. Ich will öko-soziale Haltung und grünes Gefühl spüren.

Die FDP ist schlicht indiskutabel

Eine Partei, die sich nach 4 Jahren Regierungsbeteiligung darauf reduziert, Steigbügelhalterin der amtieren Bundeskanzlerin sein zu wollen, ist nicht wählbar. Sich selbst in der Endphase dieses Wahlkampfes zur rein funktionellen Machterhaltungspartei heruntergeschraubt, hat sie jetzt gar kein inhaltliches Thema mehr. So kennen wir sie. Konsequent FDP-typisch. So verhält sich eben eine Lobbyismus-Partei: extrem durchlässig macht sie, was andere ihr sagen. Darum glaubt man auch nicht mehr, dass die FDP tatsächlich freiheitliche Bürgerrechte vertreten könnte. Diese Partei muss endgültig beerdigt werden, damit ein neuer Liberalismus in neuem Gewand auferstehen kann. Die ansonsten chaotischen Piraten zeigen in diesem Feld, wie es gehen kann.

Wie soll man nun zur SPD stehen?

Steinbrück war echt knackig in diesem Wahlkampf. Mit Stinkefinger und Klartext hat er jedenfalls eine Zuspitzung in die Themen gebracht, die im Angesicht der müden Gesichtszüge der Kanzlerin recht belebend wirkte. Schade nur, dass die SPD nicht voll auf den Protz-Peer gesetzt hat und sich verunsichern ließ von den sogenannten Fettnäpfchen. Ich fand seine Auslassungen zu Pinot Grigio und den italienischen Clowns sehr realitätsnah. Da fühlte ich wie er. Programmatisch haben die Sozen mit Sigmar Gabriel an der Spitze in den Oppositionsjahren auf das Volk gehört, nachgedacht und ihre Ideen so deutlich korrigiert formuliert, dass die CDU einfach die Hälfte davon abschreiben konnte. Ich sehe die SPD tatsächlich als bessere CDU.

Wie wählen angesichts der Koalitionswahrscheinlichkeiten?

Mach ich doch mal Kunstbetrachtung und schaue auf das Bild, wie es nun mal ist: Für rot/grün reicht es nicht. Die nervige FDP wird reinkommen – die Lobbygruppen sind stark genug, um sie über die 5%-Hürde zu heben. Nicht so die AfP – es gibt nicht genug revisionistische Rentner. Auch die Piraten sind wieder weg vom Fenster. Frau Merkel bekommt einen dicken Prozentanteil, der für die CDU gewertet wird. Grün schwächelt mit knapp 10% und so könnte es rechnerisch allenfalls für schwarz/grün reichen. Aber so weit sind die beiden Parteien noch nicht. Steinbrück wird höchst zufrieden baldmöglichst die Spitzenposition der SPD verlassen. Seine Partei will trotzdem nicht in die große Koalition. Sie fürchtet nichts mehr, als dass bei den nächsten Wahlen noch mehr Überzeugungswähler davonlaufen. Die Linke kommt ins Parlament und bleibt Außenseiterin ohne Koalitionsoption. Und die Deutschen wollen das scheinbar unmögliche: Kanzlerin Merkel in einer große Koalition.

In dieser Lage hat Die Zeit schön vier Faustregeln für taktische Wähler herausgearbeitet:
Wer die große Koalition will, muss SPD wählen.
Wer schwarz/grün will, muss Grün wählen.
Wer schwarz/gelb will, muss FDP wählen – bitte nicht!
Wem alles egal ist Hauptsache Merkel, wählt CDU.

Wer eine klare innere Überzeugung zu einer Partei hat, sollte sich aber von solchen Überlegungen nicht leiten lassen.

 
 

Autor:

Magnus Hengge

 

7. September 2013 18:41:35

… eine Perle: Kurt Tucholsky »Zwischen gestern und heute«

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Auf dem Demeter Hof Klostersee am Ostseestrand, auf dem ich gerade ein wunderbares Wochenende verbringe, gibt es auch eine Bibliothek. Bücher, von mindestens zwei Generationen zusammengetragen. Reichlich anthroposophisch verbrämter Unrat, der gesammelte Schund aus drei Jahrzehnten Krimi-Belletristik und ein paar olle Klassiker. Aber – oh Wunder – dazwischen ganz unscheinbar, ein Band mit einer Sammlung an Prosa und Lyrik Tucholskys. Genau die richtige Urlaubslektüre für den Berliner in der Provinz, denn hier wird die Metropole aus der Innensicht aufs Korn genommen und ebenso klug wie treffend aber immer friedliebend geschossen.
Jeder einzelne Text könnte unverändert in heutigen Feuilletons abgedruckt werden – als hätte sich in der Zeit von den 20er-Jahren bis heute nichts verändert. Die Abhängigkeit vom Telephon (heute SmartPhone), Unschlüssigkeit vor der Wahl (heute Politikverdrossenheit), das ständige Anpreisen von viel versprechenden Projekten (heute CrowdFounding) – alles wie gehabt. In diesem Buch kann man sich selbst in der Geschichte erkennen und dann – vielleicht – was daraus lernen.

 
 

Autor:

Magnus Hengge

Kategorie:

Alltägliches | Literatur

 

26. Dezember 2012 13:58:14

… exzellent: Killer Country von Mike Nicol

<;br />;An einer Stelle des neuen Thrillers „Killer Country“ von Mike Nicol muss Mace Bishop, Security Guard in Kapstadt, für ein paar Tage nach Berlin, es ist natürlich kalt und regnerisch, und dieses miese Wetter wird auch im weiteren Verlauf des Romans zum Synonym für Berlin: Ein harter Wind weht durch Kapstadt, ganz so schlimm wie in Berlin wird’s aber nicht kommen.

Nicol war 1997 ein Jahr lang als DAAD-Fellow in der Stadt, er weiß, wovon er redet, und das glauben viele andere auch zu wissen, die jetzt anderswo vom neuen Berlin erzählen, der australische Musiker Robert F. Coleman z. B. neulich in der New York Times , für den die Kreativhauptstadt zum Desaster wurde, weil er und seine Jungs vor lauter Sex and Drugs and Parties keinen Rock´n´Roll mehr hinkriegten und nach einem Jahr frustiert die Stadt wieder verließen. Jetzt schiebt Coleman es auf das hedonistische Berlin. Man muss den Kopf schütteln über so viel Naivität, manche tun das ernsthaft, andere mit einem Augenzwinkern.
Schaut man aus dem Fenster oder geht vor die Tür, muss man sogar über das Wetter des neuen Berlins den Kopf schütteln: Weihnachten und 10 Grad plus.

„Killer Country“ ist übrigens ein exzellenter Thriller, es ist Nicols Versuch, die katastrophale Situation der Post-Apartheid-Gesellschaft Südafrikas, die aus einem Strudel von Korruption und Gewalt, von Vorurteilen und fataler sozialer Ungleichheit nicht wieder herausfindet, über die Geschichte von Mace Bishop und seinem schwarzen Partner Pylon Buso zu erzählen, zweier ehemaliger Waffenhändler, die den Versuch unternehmen, im bürgerlichen Leben anzukommen und dabei immer wieder mit den offenen Wunden der Vergangenheit konfrontiert werden.
Mike Nicol ist nicht ganz so brutal und skeptisch wie sein südafrikanischer Kollege Roger Smith, für dessen bislang vier Kriminalromane das gilt, was man früher von der BILD-Zeitung sagte: Hält man sie hoch, läuft unten Blut heraus. Smiths Realismus ist schonungslos und drastisch, Nicols Hang zum Radikalen hält sich in Grenzen – Skeptiker allerdings sind sie beide, nicht nur was das Berliner Wetter angeht (Smith war Mitte Oktober auf Lesereise in Deutschland: Berlin 10 Grad, leichter Regen…)

Mike Nicol: Killer Country / Thriller / dt. Von Mechthild Barth / btb-Verlag München 2012 / 510 S. / €14,99
Alle Romane von Roger Smith beim Tropen Verlag bzw im Taschenbuch bei Heyne

 
 

Kategorie:

Alltägliches | Literatur

 

1. Dezember 2012 11:45:12

…flächendeckend: Die Nackten und die Stadt

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Kaum haben wir Vorweihnachtszeit und es ist kalt genug, schon sind sie da – die Nackten. Bevölkern Bushaltestellen, Litfaßsäulen, Plakatwände. Sie kommen jährlich um diese Zeit, sie kommen massiv und sie kommen in Schüben – zuerst waren es die C&A-Flittchen, jetzt lungern die H&M-Miezen überall herum, demnächst kommen dann die Dessous-Damen der Wäschemarken. Sie frieren nicht wie wir, sie müssen nicht zur Arbeit, sie machen lediglich ein unzweideutiges Angebot – sie offerieren eine Geschenkidee, denn sie wissen, wir haben keine Zeit, über Weihnachtsgeschenke nachzudenken, und werden diese dann wieder einmal kurz vor Heiligabend mit all den anderen zusammen von den Stapeln reißen, verpacken lassen und ab damit unter den Weihnachtbaum.

Warum also, mein Süßer, nicht mal einen BH samt Höschen für die Dame deines Herzens – nein, vom Leib reißen kannst du mir´s nicht, also ab in den Laden …

Sie sind hässlich. Sie erschrecken mich mit ihrem Überfleisch, Übersex, sie sind die drei Meter hohe Verkörperung jener doppelten Pornographisierung unserer Zeit – der Erotik und der sogenannten „Märkte“ – , die grimmig und ungehemmt versucht, alles aber auch wirklich alles dem Diktat des Konsumismus zu unterwerfen. Und ich will auch das nicht verschweigen: Mit den Kosten für die Körbchenkampagne könnte man locker zwei Jahre lang das Krankenhaus in Ierapetra auf Kreta finanzieren, das neulich wegen flächendeckender Krise geschlossen wurde. Aber das ist die bekannte Milchmädchenrechnung .

Oder?

 
 

 

13. September 2012 09:08:08

… kantig: Genau wie Josef Joffe

Will mal schreiben wie der Joffe. Das Orakel der Zeit. Sätze, die stehen bleiben. Wie eingemeißelt. Geschrieben wie geschrieen. Gespickt mit einem „Bonmot“ hier und einem Präsidentenzitat da. „Yes we can“.
Denn es ist Krise. Da braucht es klare Aussagen. Das Volk will wissen woran es ist. Wir haben keine Zeit mehr. Andere ziehen vorbei und wir warten auf Karlsruhe. Dabei ist alles wie immer. Alle haben es gewusst und keiner hat was getan. Auch Angela Merkel nicht. Dabei stand es doch schon lange in der Zeit. Immer wieder in jedem Artikel von Joffe konnte und kann man es lesen.
So viel zum Theoretischen, jetzt mal konkret: So könnte es gehen: Erstens: Lesen muss sein. Man muss es nur wollen. Jetzt und in Zukunft. Und zweitens: Wer liest muss Joffe lesen. Da steht es. Steht alles – das Problem, die Wahrheit, die Lösung.
Komplexität ist überbewertet, wir brauchen was zum Festhalten. Einen Knüppel. Nur nicht in den Händen der EZB. Diese Bank, die vergessen muss, was ihre Aufgabe ist. Denn Aufgeben geht nicht. Dranbleiben ist das Motto. Frau Merkel weiß das.

Ach könnte ich doch nur so schreiben … Mein Blog würde bestimmt von irgendwem gelesen.

 
 

Autor:

Magnus Hengge

Kategorie:

Alltägliches | Politik

 
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