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Archiv der Kategorie ‘Alltägliches‘

24. März 2016 12:33:48

….kühl: Roland Schimmelpfennigs erster Roman

Man sagt, es gebe außer historischen Krimis keine guten neuen Berlin-Romane. Hier ist einer: Roland Schimmelpfennigs „An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts“ – ein Blitzlichtroman, der für einen kurzen Moment eine Luke aufmacht, durch die wir das Gewusel der großen Stadt sehen, bevor sie wieder zugleitet. Dahinter gehen, schlendern, laufen, schießen, stolpern vorbei: ein Junge und ein Mädchen auf der Flucht aus Brandenburg, Agnieszka und Tomasz aus Polen, Jacky und Charly aus dem Späti, die zornige Nadine, die Väter, die Mütter, und und und, allesamt Getriebene und Festgezurrte gleichermaßen, denn die Gegenwart pulsiert, während die Vergangenheit eine Last ist, von der sich niemand befreien kann. Nur der Wolf aus dem Osten schnürt frei.

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Der Zufall regiert, nur der Wille hat ihm etwas entgegenzusetzen. So ergeben sich Geschichten, wie sich in Schimmelpfennigs Stücken immer Geschichten erst langsam zusammenfügen, aus Hingetupftem, aus Begegnungen, aus dem Zusammenspiel von Zufall und Notwendigkeit, the possibilities are endless, wie Onkel Lou singt, hier herrscht die Demokratie der Möglichkeiten, bedroht nur – Schimmelpfennig ist nicht naiv – von Egoismus, Gier und den sozialen Fliehkräften. Der angemessene Stil ist ein kühler impressionistischer Realismus des Partikularen, seine Begleitmusik ein untergründiges Vibrieren. Man muss Geduld haben mit diesem Schreiben, es ist nicht hektisch, es gleitet, es liest Dinge auf unterwegs, es verharrt – nichts ist endgültig, panta rhei, jemand macht kurz das Licht an, wir werfen einen Blick, machen uns ein Bild, dann wird es erneut dunkel.

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Von Roland Schimmelpfennig waren in Berlin seit der Uraufführung von „Vor langer Zeit im Mai“ im Jahr 2000 an der Schaubühne zahlreiche Stücke zu sehen, zur Zeit hat das Deutsche Theater noch „Wintersonnenwende“ und „Idomeneus“ im Repertoire. (Foto: Heike Steinweg)

 
 

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Alltägliches

 

23. Februar 2016 12:57:14

…immer noch da: Peter Handke

„Alles schon gesagt, bloß noch nicht von allen“, eine alte Weisheit, die man müde und ernüchtert aus vielen Elternabenden mitnimmt und die sicher auch gelten wird, so sollte man meinen, für ein spätes Bändchen über die Gruppe 47, und eigentlich auch bloß über eine der zwanzig Tagungen zwischen 1947 und 1967, die berühmteste allerdings, vor 50 Jahren, 1966 in den USA: Jörg Magenaus „Princeton 66 – Die abenteuerliche Reise der Gruppe 47“ (Klett-Cotta, 223 S., €19,95). Von wegen, das Buch ist exzellent, weil Magenau das Fragliche perfekt auf den Punkt bringt, weil alle – auch und vor allen die Könige – ihr Fett wegkriegen, und weil es einen wundervoll feinen ironischen Ton hat.

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Berühmt wurde die Tagung ja nicht, weil sie das einzige „Auswärtsspiel der deutschsprachigen Literatur“ blieb, sondern weil am abschließenden Sonntag dieser schüchterne Österreicher mit der „schmächtigen Statur eines Kleiderbügels“, Peter Handke, der zuvor schon aus seinem ersten Roman „Die Hornissen“ gelesen hatte, dieser Vierundzwanzigjährige, der die Alten bislang etwas enttäuscht hatte, weil man sich dieses neue kulturelle Ding, über das alle redeten und das er doch verkörperte, wie man gehört hatte, diesen „Pop“, etwas anders vorgestellt hatte, aufrührerischer, markanter, lebendiger, weil dieser Handke also am Sonntag nochmal aufstand und der Gruppe und gleich der ganzen deutschen Literatur schnell und zack die Leviten las: „Ich bemerke, dass in der gegenwärtigen deutschen Prosa eine Art Beschreibungsimpotenz vorherrscht“ – ein unglücklich gewählter Begriff, wenn man seine analytische Seite nimmt, denn Handke meinte eigentlich das Gegenteil: nicht dass keiner mehr beschreiben könne, sondern dass alle nur noch beschrieben! Perfekt gewählt allerdings dann doch, denn der schreibenden Elite (außer Böll, Walser und Koeppen waren alle da) mit dem Vorwurf der, räusper, Impotenz zu kommen, holla! – „Man sucht sein Heil in einer bloßen Beschreibung, was von Natur aus schon das Billigste ist, womit man überhaupt nur Literatur machen kann. Wenn man nichts mehr weiß, dann kann man immer noch Einzelheiten beschreiben.“ Und dann: „Es ist eine ganz, ganz unschöpferische Periode in der deutschen Literatur doch hier angebrochen.“ Vorne erstarrten Grass, Enzensberger, Weiss, Johnson, Lettau, Handkes späterer Erzfeind Reich-Ranicki, Jens, und wie sie alle hießen.

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Was wollte der Schnösel eigentlich? Das sollte sich anderthalb Monate später in Frankfurt zeigen, als sein neues Stück „Publikumsbeschimpfung“ am 8. Juni im Theater am Turm Premiere hatte. Regie: Claus Peymann [hier eine Fernsehaufzeichnung der Inszenierung]. Da lag es dann auf der Hand: Er wollte eine „Hinwendung zur Sprache und ihren Bedingungen“, wollte „Ideologiekritik betreiben, lange bevor dies … zur Großdisziplin werden würde“, denn wie Handke selber gleich in der Zeitschrift konkret dazu schrieb, „Es wird vernachlässigt, wie sehr die Sprache manipulierbar ist, für alle gesellschaftlichen und individuellen Zwecke“.
Fünfzig Jahre später ist er immer noch da, Peter Handke, sein neuestes Stück „Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße“ hat am Samstag im Wiener Burgtheater Premiere; Regie: wieder Claus Peymann.
Und derzeit kann sich, wer will, an den Berliner Theatern sein eigenes Handke-Festival zusammenstellen: „Kaspar“, sein Spiel über die Zurichtung des Menschen per Sprache, hat das Berliner Ensemble im Repertoire, sein später Geniestreich „Immer noch Sturm“ ist immer mal wieder auf der Hinterbühne der Kammerspiele des Deutschen Theaters zu sehen, „Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße“ dann als Gastspiel im Mai am Berliner Ensemble. (Im Spielzeitheft 2015/16 des DT ist für den 24. März die Premiere einer Inszenierung der „Publikumsbeschimpfung“ in der Regie von Jette Steckel verzeichnet – auf der Homepage nicht mehr. Schade.)
Und vorher natürlich unbedingt Jörg Magenaus exzellentes Buch lesen!

 
 

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Alltägliches

 

19. November 2015 14:37:06

… relativ: ”Transcendence“ im English Theatre Berlin über Albert Einstein, Max Planck und darüber wie der Nobel Preis verhandelt wird

Erschreckend wie viele gesellschaftliche Aspekte in den 1920er Jahren den heutigen Verhältnissen ähnlich sind: Die Zeiten scheinen im Umbruch zu sein, verlässliche Systeme brechen zusammen, die Finanzmärkte spielen verrückt, der Nationalismus erscheint vielen als Lösung der globalen Probleme. Dazwischen sind einige Forscher/innen, die in großen Schritten den technologischen Fortschritt begehen – heute spricht man vom Einsatz „disruptiver Technologien“. Erschreckend ist dieser Befund deshalb, weil wir wissen, dass nach der Zeit des Experimentierens im letzten Jahrhundert der europäische Faschismus die Oberhand gewann und die Nazis sich mit ihrer Schreckensherrschaft über alle andern erhoben.

Albert Einstein 1921Mit der Uraufführung „Transcendence“ im English Theatre Berlin bringt der Autor Robert Marc Friedman diese Zeit des Umbruchs mit vielen kurzen Szenen auf die Bühne. Albert Einstein arbeitet an seiner Allgemeinen Relativitätstheorie, Max Planck an der Quantentheorie und damit entsteht eine völlig neue Art des Denkens, die die Welt in den Grundwerten verändert erscheinen lässt. Das mathematisch-philosophische Spekulieren und Theoretisieren wird wissenschaftlich und löst das dagegen banal wirkende Messen und Überprüfen ab. Parallel explodiert das ästhetische Empfinden, was besonders in der Entstehung der „Neuen Musik“ ihren Widerhall findet. Autoren wie Franz Kafka gehen den Schritt vom Fabelhaften zum Psychodelischen, und Sigmund Freud fügt der Menschheit die dritte große Kränkung zu (nach 1. Kopernikus: Die Erde ist nicht der Mittelpunkt der Schöpfung – 2. Charles Darwin: Der Mensch ist nur ein weiterentwickelter Affe) nämlich in „Das Ich und das Es“, dass der Mensch noch nicht einmal Herr des eigenen Willens ist.

Gesucht wird also die Leitlinie, an der sich die Welt und jede/r Einzelne entlanghangeln könnte. Hilft der Rückgriff auf Kant noch? Was bedeutet relativ meine eigene Verantwortung? Gibt es eine gültige Ethik? Wer soll darüber verhandeln und wie soll man sich entscheiden, wenn man vor die Wahl gestellt wird: Mach mit und gestalte die Welt oder privatisiere als Gutmensch. Stellt man sich derzeit nicht genau diese Fragen wieder?

Im Stück werden solche Entscheidungsprozesse im Fokus der Vergabe des Nobel Preises verhandelt: Politische und strategische Interessen kämpfen im Nobel Komitee gegeneinander. Auch das kommt einem auch aus heutiger Sicht sehr bekannt vor, wenn man an die Vergabe des Friedens-Nobel-Preis für Obama und die EU denkt. Wer hatte da wohl mit welchem Interesse die Finger im Spiel? Und wie „neutral“ sind die Schweden da mit der Vergabepraxis?

Premiere von „Transcendence“: Freitag, 20. November 2015 im English Theatre Berlin (Sprache: englisch!)

Kleine Anmerkung: Günther Grosser, der auch Autor in diesem Blog ist, ist der Regisseur der Inszenierung. Ich bin bei der Produktion im Designteam beteiligt – alle Videoprojektionen und die Musikauswahl sind von mir.

 
 

Autor:

Magnus Hengge

 

4. Oktober 2015 09:56:57

…. immer noch!! : 50 Jahre „Satisfaction“

Anfang Mai 1965 hatte der 21jährige Musiker Keith Richards, Gitarrist bei der englischen Rhythm and Blues-Kapelle The Rolling Stones, während der zweiten Amerikatournee des Quintetts die Idee zu einem neuen Song, dessen einleitende Akkorde und die erste Textzeile er am nächsten Tag seinem Bandkollegen Mick Jagger vorspielte. Jagger schrieb den Song zu Ende, ein paar Tage später nahm man eine akustische Version in Chicago auf, die endgültige mit elektrisch verstärkter Gitarre dann am 12. Mai in Los Angeles. Die Plattenfirma warf den Song noch im selben Monat als Single auf den Markt, ohne dass man Richards oder Jagger dazu gefragt hätte. Das Lied wurde zum Hit, zur Hymne, zur musikalischen Ikone.

<br />The Rolling Stones 1965 in Oslo

Es war kohlschwarz: Eine rasiermesserscharfe Gitarre wiederholt ein simples Riff wieder und wieder, das Schlagzeug fällt ein und pumpt zusammen mit dem Bass den Rhythmus, bis der Sänger schließlich ohne um den heißen Brei herumzureden mit der Tür ins Haus fällt: „I can´t get no Satisfaction“. Das war eindeutig nicht mehr die musikalische Welt von Doris Day und auch nicht von Frank Sinatra, das war dieses rhythmusorientierte Zeugs aus den Schwarzenvierteln, das seit ein paar Jahren Furore machte. Die amerikanischen Plattenbosse und die Radioleute mochten es, wenn weiße Jungs schwarze Musik machten – das hielt die Schwarzen auf Distanz und füllte trotzdem mit ihrer Musik die Kassen. Elvis hatte es vorbildlich gemacht, Buddy Holly, Bill Haley, dann die englischen Jungs, die Beatles, die Kinks gerade mit „You Really Got Me“ und jetzt eben diese Rolling Stones. Der Civil Rights Act war erst ein paar Monate alt und heftig umstritten, Martin Luther King hatte einen Traum, klar, und in Selma, Alabama marschierten sie seit März diesen Jahres für ihr Wahlrecht, aber noch passten schwarze Hautfarbe und grüne Dollars nicht zusammen – allerdings ließ sich schwarze Musik sehr gut verkaufen, dieses frivole Gemisch aus Rhythmus, elektrisch verstärkten Instrumenten und doppeldeutigen Texten, das die Körper derer, die seit einiger Zeit Teenager hießen und einen sehr interessanten neuen Markt bildeten, in Schwung brachte, und so setzte man auf den Rhythm and Blues der weißen Jungs.
Der Song kletterte einen Monat nach seiner Veröffentlichung auf die Nummer 1 der US-amerikanischen Hitparaden, kurz darauf auch in England. In Deutschland dauerte es bis zum 15. Oktober, bis die Rolling Stones den knuddeligen italienischen Trompeter Nini Rosso mit „Il Silenzio“, seiner schwülstigen Version des Zapfenstreichs, von der Spitze der Hitparade verdrängten. Dort hielten sie sich sechs Wochen, bis sie dem ersten erfolgreichen Versuch weichen mussten, die neue sogenannte Beatmusik und den guten alten Schlager zu verbinden: Drafi Deutscher und seinem (grammatikalisch wackligen) „Marmor, Stein und Eisen bricht“.

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Alltägliches

 

1. Juni 2015 12:27:53

… kein Luxus-Sanierungsgebiet: Bizim Bakkal muss bleiben

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Seit ich die Wrangelstraße kennengelernt habe, fühle ich mich der Familie Çalışkan verbunden, die ich liebevoll und politisch unkorrekt „meine Gemüsetürken“ nenne. Im Frühsommer 1992 bin ich zum ersten Mal morgens bei herrlichem Sonnenschein durch ihre Ladentür gegangen und habe eine Netzmelone gekauft, die ich einige Häuser weiter zu einer Frühstückseinladung mitbrachte. Bei meiner Freundin kam die Melone zwar nicht gut an, weil Melonen grundsätzlich bei ihr nicht gut ankamen, aber ich war vollkommen begeistert: diese Frucht war tatsächlich reif und super aromatisch!

Heute, viele Jahre später, bin ich mit der Freundin von früher verheiratet und wohne, nach einigen Umzügen, gleich um die Ecke von eben diesem Gemüseladen „Bizim Bakkal“, was übersetzt „Unser Lebensmittelgeschäft“ heißt. In den 24 Jahren, in denen ich immer am liebsten mein Gemüse hier gekauft habe, habe ich mehr oder weniger die ganze Großfamilie kennengelernt – 4 Generationen. Sie alle haben mit und über diesen Laden ihr Leben in Berlin aufgebaut. Sie wohnen zum Teil in der Nähe oder haben benachbarte andere kleine Geschäfte eröffnet, die ihrerseits den Kiez gestalten und liebenswert machen.

Jetzt nach 28 Jahren hat der Gemüseladen die Kündigung bekommen! Das Haus wurde an einen Investor verkauft und der will Kasse machen. Es soll saniert und schöner werden und da ist kein Platz mehr für einen netten, kleinen Gemüseladen. Da es ein normaler Gewerbemietvertrag ist, kann fristlos gekündigt werden, und deshalb wird die Familie zum 1. 30. September rausgeworfen.

Als der Chef (2. Generation) mir das im Laden erzählt hat, war ich wirklich schockiert, denn an diesem Laden mache ich einen beträchtlichen Teil meines Heimatgefühls als Kreuzberger fest. Der Laden speist einen wesentlichen Teil des Wir-Gefühls hier im Kiez und deshalb geht es hier ums Grundsätzliche! Wird Bizim Bakkal verdrängt, werden wir verdrängt!

Dieser Kiez rund um die Wrangelstraße ist nicht einfach irgendein Investitionsgebiet, dessen Existenz der Bereicherung von Immobilienfirmen dient. Wenn die Gegend hier langsam prosperiert, dann entstand dieser Wertzuwachs durch unser Zusammenleben. Wir alle haben diesen Kiez aktiv gestaltet und deshalb haben wir den Mehrwert geschaffen, den wir nun als Rendite in Form von Menschlichkeit ausgezahlt bekommen wollen. Wir geben unsere Nachbarschaft nicht für Investoreninteressen preis. Wir lassen uns die Rendite nicht von jetzt aufspringenden Immobilienfirmen wegschnappen, sondern diese Rendite muss der Gemeinschaft derjenigen zu Gute kommen, die hier leben. Und zu Gute kommt es uns, wenn wir weiter hier leben können.

Zur Erklärung, was ich damit meine: Kurz nach der Einführung des Euro, haben wir von studio adhoc als Anwohner gemeinsam mit den Gewerbetreibenden des Wrangelkiez’ und dem gerade erst gegründeten Quartiersmanagement eine Werbeaktion gemacht, die unter anderem zum Ziel hatte, gegen den Verfall und den Leerstand von vielen Läden in der Gegend anzugehen. Wir wollten verhindern, dass die Straße immer weiter herunterkommt, und wollten die einzigartige, kleinteilige und multikulturelle Ladensituation und das damit verknüpfte Wesen der Straße erhalten. Auch „Bizim Bakkal“ war mit dabei. Es war in dieser Zeit noch nichts davon zu spüren, dass nur wenige Jahre später plötzlich alles irre hipp sein könnte. Damals ging es darum, sich gegen den Verfall zu stellen. Das haben wir alle gemeinsam geschafft – auch mit den Vermietern und Besitzern an unserer Seite.

Heute geht es darum, sich gegen den Ausverkauf zu stellen. Es darf nicht sein, dass auf Kosten der Gemeinschaft Kasse gemacht wird und dabei Familien, die hier Jahrzehnte lang wesentliche Säulen des Zusammenhalts waren, auf der Strecke bleiben!

Der Kiez ist jetzt extremem Gentrifizierungsdruck ausgesetzt. Die Mieten sind hier innerhalb weniger Jahre so stark gestiegen wie nirgendwo sonst in Berlin und viele Läden haben schon mehrfach den Besitzer gewechselt. Die Lebensmittelgeschäfte, über die sich die Einheimischen versorgen, verschwinden und alle Arten von Geschäften, die im weitesten Sinne auf Tourismus ausgelegt sind, kommen. Außerdem wurde und wird überall saniert – immer mit vollem Programm, denn nur dann kann man hinterher Phantasie-Mieten verlangen: Das Zauberwort heißt „Energetische Vollsanierung“. Darüber können geldgeile Investoren am besten alle Mieter rausekeln um dann die Wohnungen neu zu schneiden. Die neue, solvente Zielgruppe hat andere Ansprüche: schöne offene Küchen und große Bäder. Nur so können die Wohnungen dann meistbietend verkaufen oder vermietet werden.

Wir müssen uns jetzt wieder als Anwohner gemeinschaftlich dagegenstellen!
Seid dabei: Mittwoch den 3.6. auf der Wrangelstraße 77 bei Bizim Bakkal um 19 Uhr. Wir müssen zeigen, dass wir weiterhin Bizim Bakkal bei uns haben wollen!

bizimbakkal-wrangelstr-zettel1

Der Fall findet nun ein Echo in den Medien:

> Berliner Zeitung (online)

Nachtrag am 10. Juni:

Inzwischen hat sich die Nachbarschaftsinitiative > BİZİM KIEZ < gegründet, die versucht Bizim Bakkal zu retten. Jeden Mittwoch um 19:00 Uhr ist bis auf weiteres eine spontane Kundgebung und Informationsaustausch vor dem Laden in der Wrangelstraße 77. Weiteres auf der Website www.bizim-kiez.de

 
 

Autor:

Magnus Hengge

 

15. Januar 2015 11:32:03

…düster: unsere Zukunft

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Gestern Abend im Ersten der Thriller Tag der Wahrheit: Florian Lukas als verbitterter Vater einer an Leukämie verstorbenen Tochter dringt in das Kernkraftwerk Haut-Rhin – also Fessenheim bei Colmar im Elsass – ein, verschanzt sich dort, platziert Bomben und fordert ein öffentliches Statement des französischen Ministers und der AKW-Betreiberfirma zu vertuschten Störfällen. Routiniert inszeniert, Gut und Böse klar geschieden, sehr gute Schauspielerarbeit, mäßig spannend, da wir ja wissen, wo´s hinläuft … ähmm, Moment …. Am Ende geht das AKW hoch, jedenfalls gerät alles außer Kontrolle, eine der Bomben explodiert, als die Polizei stürmt und um sich schießt, und bei der Flucht und Evakuierung aller Beteiligten friert das Bild ein: Wir dürfen also annehmen, dass es passiert ist…
Das hätte es vor Jahren noch nicht gegeben. Es wäre gut ausgegangen. Wir hätten uns darauf verlassen können, dass die Verantwortlichen die Sache hinkriegen und dass die Künstler – Filmemacher in diesem Fall – hier zwar warnend den Finger heben und kritisch aufzeigen, wo´s im Argen liegt, aber es wäre gut ausgegangen. Jetzt nicht mehr. Auch in Hollywood geht es nicht mehr immer gut aus, dort hat man ja bereits – sehr beunruhigend – den Planeten Erde aufgegeben (Interstellar) und kaum ein Science-Fiction-Film von The Road bis zu The Surrogates, Hell oder Oblivion zeichnet noch ein positives Bild der Zukunft – die als Untergangszenario im Übrigen nicht mehr im tiefen Futur sondern irgendwo direkt hinter 2050 angesiedelt ist, in Reichweite unserer Kinder also.
Was ist aus der Zukunft geworden?

 
 

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Alltägliches

 

25. Dezember 2014 13:33:52

… elektrisierend: als Düsseldorf einmal Welthauptstadt war

<br />Sie hießen Kraftwerk, Neu!, La Düsseldorf, Rheingold, Michael Rother, DAF, Liaisons Dangereuses, Die Krupps sowie, als Abgesang, Belfegore und Propaganda. Sie alle kamen aus Düsseldorf und gelten als Begründer und Wegbereiter der elektronischen Musik in ihrer Pop-, also nicht-donaueschingen-affinen Variante. Rüdiger Esch, Bassist der Stahlwerksymphoniker Die Krupps, hat über zwei Jahre Interviews geführt mit vielen der Macher. Sein Buch Electri_city ist die faszinierende Ausleuchtung einer kleinen Szene in der „bundesrepublikanischen Provinz-Weltstadt der 1970er und 80er Jahre“ einerseits, aber vor allem anderen die detaillierte Nacherzählung jener fabelhaften Zwischenwelt des nahtlosen Übergangs vom Analogen zum Digitalen, als Sequenzer, Moogs, Korgs, Casios und elektronische Drumkits zu Instrumenten wurden.
Wie Kraftwerk vom Krautrock zur Elektronikszene wechselte; wie der Produzent, Studiobetreiber und Althippie Conny Plank einige der einflussreichsten Platten der Zeit aufnahm; wie Do-It-Yourself-Freaks und Soundtüftler aus ihren Bastelwerkstätten in die Profistudios zogen; wie die damals bereits weltberühmte Kraftwerk-Truppe … Weiterlesen

 
 

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Alltägliches

 

15. Dezember 2014 10:51:55

… souverän: Corinna Kirchhoff im Polizeiruf 110


Gestern war es Corinna Kirchhoff im Polizeiruf 110 „Hexenjagd“, die aus der Schulleiterin Bärbel Strasser ein schauspielerisches Ereignis machte. „Du musst ihnen die Stirn bieten, sonst fressen die Schüler dich bei lebendigem Leib“ sagt sie an einer Stelle (sinngemäß), und das spielt sie dann. Allen bietet sie die Stirn, steht ihre Frau, und die kleine Verfehlung mit dem jungen Hausmeister – der über das Böse promoviert: na ja, sehen wir über blödsinnige Ideen hinweg – diese kleine Verfehlung gönnt sie sich. So spielt man Souveränität.

Lange war sie an der Schaubühne, jetzt ist sie ab und an in Yasmina Rezas Der Gott des Gemetzels in der legendären – doch schon wieder acht Jahre alten – Inszenierung von Jürgen Gosch am Berliner Ensemble zu sehen, am Donnerstag z. B., dann wieder im Januar.

 
 

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Alltägliches | Fernsehen

 

8. Dezember 2014 13:57:08

…leider vermasselt: Life of Crime

Ganz anders, ja das Gegenteil von Sybille Canonica ist Jennifer Aniston in Life of Crime, der Verfilmung von Elmore Leonards Roman Switch (bei uns nur als DVD oder bluray).
Aniston soll eine frustrierte amerikanische Ehefrau spielen, die entführt wird, an der Situation wächst und damit ein neues Leben entdeckt. Aniston allerdings ist keine Schauspielerin, sie ist ein Star. Sie bekam mit Elmore Leonards Mickey Dawson die Steilvorlage für die Rolle einer Frau, die durch widrige Umstände ihre eigentliche Stärke entdeckt und mit neuem Elan aus dem Film herausgeht: Bei Aniston passiert nichts derartiges, sie kreischt ein bisschen herum, ist eigentlich die ganze Zeit um den Sitz ihrer Frisur besorgt und lotet rein gar nichts an dieser Figur aus.
Auch Regisseur Daniel Schechter hat eine große Chance vertan: Mit Elmore Leonards Switch aus dem Jahr 1977 war ihm eine Perle, ein Meisterwerk des Krimigenres in die Hände gefallen, dann allerdings fehlte ihm der Mut, Leonards bissige und anarchische Ironie umzusetzen. In Leonards Romanen ist immer eine Reihe von Figuren damit beschäftigt, dem Leben einen Mehrwert abzuluchsen, indem sie die (vermeintliche oder tatsächliche) Dummheit ihrer Mitmenschen auszunutzen und zu Geld zu machen versucht. Diese Aufgabe lässt sie nun jedoch selber dumm oder klug aussehen, je nachdem, und in dieser doppelten Spiegelung, diesem dialektischen Sprung zeigt sich so etwas wie die Sozialtauglichkeit der Figuren. Leonard hatte schon früh begriffen, dass die berühmte soziale Durchlässigkeit der amerikanischen Gesellschaft – vom Tellerwäscher zum Millionär – sehr viel mit ebendieser Fähigkeit und viel weniger mit der Jahrelang-hart-gearbeitet-Ideologie zu tun hat. Hier liegt für Leonard die eigentliche soziale Scheidelinie – und darin steckt natürlich jede Menge ironisches Potential. Hollywood hat fünfzehn seiner Romane verfilmt, und lediglich Quentin Tarantino mit Jackie Brown und Barry Sonnenfeld mit Schnappt Shorty! hatten den Blick und das Gespür für diese anarchische Subversivität, die Leonard der amerikanischen Gesellschaft attestiert. Schechter hat eine entfernte Ahnung davon bekommen, seine Schauspieler allerdings nicht davon überzeugen können (lediglich Tim Robbins nähert sich der Sache), sauber alle Hollywoodregeln eingehalten und alles mit Musiksoße übertüncht. Wie man´s halt immer macht.
Mit dem blödsinnigen Titel Wer hat nun wen aufs Kreuz gelegt? erschien die deutsche Übersetzung von Switch 1981 in der Reihe der berühmten schwarzen rororo-Krimis, ist allerdings längst nur noch antiquarisch zu haben – wenn überhaupt.

 
 

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Alltägliches

 

6. Dezember 2014 18:03:47

…immer wieder gern: große Schauspielkunst

Manchmal stößt man nachts auf TV-Perlen. Gestern war es ein älterer Tatort, Borowski und die Frau am Fenster, mit der brillanten Sibylle Canonica als Nachbarin, als Getriebene, als Schlaumeierin, als Lügnerin, als Mörderin, als Liebessüchtige letztendlich, die für die Erfüllung ihrer Sehnsucht über Leichen geht – und jeden Rollenaspekt der Tierärztin Charlotte Delius nimmt Sibylle Canonica mit dem Willen zur vollen Ausformung aller Facetten an. Jede Geste, jede Bewegung, jeder Blick – nichts ist eitel, Selbstdarstellung, das gesamte schauspielerische Können steht im Dienst dieser Figur. Damit steckt sie das gesamte Ensemble an: Dirk Borchardt, Sibel Kekilli, Axel Milberg (wie immer gedämpft) sind in Hochform.

Das ist große Schauspielkunst, die sogar den Hang von Drehbuch und Regie zur Tatort-üblichen ironischen Brechung in die Schranken weist – wenn Dr. Charlotte Delius auftaucht, gibt es nichts mehr zu lachen.

Die Tatort-Krimis werden ja ständig irgendwo in Wiederholungen gezeigt: Folge 812 gehört zu den Highlights der Reihe.

Seit Jahrzehnten arbeitet Sibylle Canonica an Münchner Theatern und ist leider nur sehr selten in Berlin zu sehen – kurz vor Weihnachten, am 21. Dezember allerdings doch, und zwar am Berliner Ensemble im Rahmen eines Gastspiels des Münchner Residenztheaters: als Ann in David Mamets Die Anarchistin neben Cornelia Froboess.

 
 

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