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Archiv der Kategorie ‘Alltägliches‘

15. Dezember 2014 10:51:55

… souverän: Corinna Kirchhoff im Polizeiruf 110


Gestern war es Corinna Kirchhoff im Polizeiruf 110 „Hexenjagd“, die aus der Schulleiterin Bärbel Strasser ein schauspielerisches Ereignis machte. „Du musst ihnen die Stirn bieten, sonst fressen die Schüler dich bei lebendigem Leib“ sagt sie an einer Stelle (sinngemäß), und das spielt sie dann. Allen bietet sie die Stirn, steht ihre Frau, und die kleine Verfehlung mit dem jungen Hausmeister – der über das Böse promoviert: na ja, sehen wir über blödsinnige Ideen hinweg – diese kleine Verfehlung gönnt sie sich. So spielt man Souveränität.

Lange war sie an der Schaubühne, jetzt ist sie ab und an in Yasmina Rezas Der Gott des Gemetzels in der legendären – doch schon wieder acht Jahre alten – Inszenierung von Jürgen Gosch am Berliner Ensemble zu sehen, am Donnerstag z. B., dann wieder im Januar.

 
 

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Alltägliches | Fernsehen

 

8. Dezember 2014 13:57:08

…leider vermasselt: Life of Crime

Ganz anders, ja das Gegenteil von Sybille Canonica ist Jennifer Aniston in Life of Crime, der Verfilmung von Elmore Leonards Roman Switch (bei uns nur als DVD oder bluray).
Aniston soll eine frustrierte amerikanische Ehefrau spielen, die entführt wird, an der Situation wächst und damit ein neues Leben entdeckt. Aniston allerdings ist keine Schauspielerin, sie ist ein Star. Sie bekam mit Elmore Leonards Mickey Dawson die Steilvorlage für die Rolle einer Frau, die durch widrige Umstände ihre eigentliche Stärke entdeckt und mit neuem Elan aus dem Film herausgeht: Bei Aniston passiert nichts derartiges, sie kreischt ein bisschen herum, ist eigentlich die ganze Zeit um den Sitz ihrer Frisur besorgt und lotet rein gar nichts an dieser Figur aus.
Auch Regisseur Daniel Schechter hat eine große Chance vertan: Mit Elmore Leonards Switch aus dem Jahr 1977 war ihm eine Perle, ein Meisterwerk des Krimigenres in die Hände gefallen, dann allerdings fehlte ihm der Mut, Leonards bissige und anarchische Ironie umzusetzen. In Leonards Romanen ist immer eine Reihe von Figuren damit beschäftigt, dem Leben einen Mehrwert abzuluchsen, indem sie die (vermeintliche oder tatsächliche) Dummheit ihrer Mitmenschen auszunutzen und zu Geld zu machen versucht. Diese Aufgabe lässt sie nun jedoch selber dumm oder klug aussehen, je nachdem, und in dieser doppelten Spiegelung, diesem dialektischen Sprung zeigt sich so etwas wie die Sozialtauglichkeit der Figuren. Leonard hatte schon früh begriffen, dass die berühmte soziale Durchlässigkeit der amerikanischen Gesellschaft – vom Tellerwäscher zum Millionär – sehr viel mit ebendieser Fähigkeit und viel weniger mit der Jahrelang-hart-gearbeitet-Ideologie zu tun hat. Hier liegt für Leonard die eigentliche soziale Scheidelinie – und darin steckt natürlich jede Menge ironisches Potential. Hollywood hat fünfzehn seiner Romane verfilmt, und lediglich Quentin Tarantino mit Jackie Brown und Barry Sonnenfeld mit Schnappt Shorty! hatten den Blick und das Gespür für diese anarchische Subversivität, die Leonard der amerikanischen Gesellschaft attestiert. Schechter hat eine entfernte Ahnung davon bekommen, seine Schauspieler allerdings nicht davon überzeugen können (lediglich Tim Robbins nähert sich der Sache), sauber alle Hollywoodregeln eingehalten und alles mit Musiksoße übertüncht. Wie man´s halt immer macht.
Mit dem blödsinnigen Titel Wer hat nun wen aufs Kreuz gelegt? erschien die deutsche Übersetzung von Switch 1981 in der Reihe der berühmten schwarzen rororo-Krimis, ist allerdings längst nur noch antiquarisch zu haben – wenn überhaupt.

 
 

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Alltägliches

 

6. Dezember 2014 18:03:47

…immer wieder gern: große Schauspielkunst

Manchmal stößt man nachts auf TV-Perlen. Gestern war es ein älterer Tatort, Borowski und die Frau am Fenster, mit der brillanten Sibylle Canonica als Nachbarin, als Getriebene, als Schlaumeierin, als Lügnerin, als Mörderin, als Liebessüchtige letztendlich, die für die Erfüllung ihrer Sehnsucht über Leichen geht – und jeden Rollenaspekt der Tierärztin Charlotte Delius nimmt Sibylle Canonica mit dem Willen zur vollen Ausformung aller Facetten an. Jede Geste, jede Bewegung, jeder Blick – nichts ist eitel, Selbstdarstellung, das gesamte schauspielerische Können steht im Dienst dieser Figur. Damit steckt sie das gesamte Ensemble an: Dirk Borchardt, Sibel Kekilli, Axel Milberg (wie immer gedämpft) sind in Hochform.

Das ist große Schauspielkunst, die sogar den Hang von Drehbuch und Regie zur Tatort-üblichen ironischen Brechung in die Schranken weist – wenn Dr. Charlotte Delius auftaucht, gibt es nichts mehr zu lachen.

Die Tatort-Krimis werden ja ständig irgendwo in Wiederholungen gezeigt: Folge 812 gehört zu den Highlights der Reihe.

Seit Jahrzehnten arbeitet Sibylle Canonica an Münchner Theatern und ist leider nur sehr selten in Berlin zu sehen – kurz vor Weihnachten, am 21. Dezember allerdings doch, und zwar am Berliner Ensemble im Rahmen eines Gastspiels des Münchner Residenztheaters: als Ann in David Mamets Die Anarchistin neben Cornelia Froboess.

 
 

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Alltägliches

 

7. September 2014 21:08:11

… herrausragend: Bilderbuch und Mikky Blanko beim Berlin Festival

Bilderbuch klingen wie der junge Prince auf zu viel Mozartkugeln. Leider sehen die Jungs nach 9 Jahren Band-Karriere auch ein bisschen sehr nach Intensivgebrauch von diversen Substanzen aus (es gibt aber keine Beweise für diese These!). Die Mukke ist jedenfalls vom feinsten, was man im deutschsprachigen Raum derzeit hören kann: einzigartige Sprache grandios gekreischt mit Wiener Schmäh und nervigem Gezappel, kombiniert mit super geilen, von grandiosen Pausen durchsetzten Gitarrensoli. Ich finz supah – Feiste Seide.

 
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Autor:

Magnus Hengge

 

19. Juli 2014 12:53:29

… zu kurz gedacht: zu „Ran an die Buletten“ von Elisabeth Raether

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Im Zeit Magazin vom 17. Juli schreibt die Berliner Autorin Elisabeth Raether über ihre Gedanken zum eigenen und globalen Fleischkonsum und steift dabei ein paar philosophische Ideen, die sich aufdrängen sobald man ethische Fragen zum Thema Tiertöten stellt.

Zuerst werden die ganz großen Geschütze aufgefahren – „Speziesismus“. Soll bedeuten: Darf der Mensch überhaupt eine ethische Grenze hinter sich ziehen und den Tieren Rechte absprechen, die er für sich selbst reklamiert. Zugegeben, das ist tatsächlich eine der letzten philosophischen Fragen, an der sich die Zunft die Zähne ausbeißt. Im Fall der Argumentation für die Rechtfertigung von Fleischkonsum ist es ein geschickter Schachzug, … Weiterlesen

 
 

Autor:

Magnus Hengge

 

3. Juli 2014 15:18:39

… ob man´s glaubt oder nicht: Lyrik-Diebstahl

Seit etwa 20 Jahren habe ich einen Lyrikkasten – THE POETRY CORNER – in der Durchfahrt des English Theatre Berlin in der Kreuzberger Fidicinstrasse, hege und pflege ihn, platziere Gedichte in diesem kleinen Glaskästchen, irgendwelche, die mir unterkommen, in Büchern, Zeitungen oder online, Gedichte, die mich ansprechen, immer nur eins, in Englisch, natürlich.

Ich lese gerne Gedichte, und so teile ich im Poetry-Kasten die, die mir etwas bedeuten, mit den Leuten, die vorbeikommen. Werke von Emily Dickinson, Auden, W. S. Merwin, um nur drei Meister zu nennen. Oder August Kleinzahler, Lucia Perillo, Matthew Sweeney – hunderte von Gedichten in den zwei Jahrzehnten, nehme ich an. Ganz unregelmäßig erneuert, mal nach drei Tagen, dann nach sechs Wochen.
Vorgestern wurde in den Kasten eingebrochen und das Gedicht gestohlen. Kein klassischer Kreuzberg-Vandalismus, nein: Der Kasten wurde etwas ramponiert, so dass man mit der Hand durchgreifen und das Gedicht stibitzen konnte.

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Gibt es etwas Bedeutenderes für einen Lyriker als dass jemand unbedingt ein Gedicht von ihm haben will und dafür die ruchlose Straftat des Lyrik-Diebstahls begeht?
Und hier muss ich leider gestehen, dass ich nicht mehr weiß, um welches Gedicht es sich handelte ….
Jetzt ist, natürlich, STEALING von Carol Ann Duffy drin.

English version of this blog entry HERE.

 
 

 

30. Mai 2014 10:10:05

… immer gerne: die Schweighöfers

Der kleine Schweighöfer trinkt jetzt mein Bier, jenes einfache legendäre untergärige Bier, das außerhalb Bayerns bislang nirgendwo Helles hieß, Export meistens oder Lager, wenn’s aus England kommt. Das Bier der einfachen Leute, in Halbliterflaschen; nicht diese kleinen Fläschchen mit dem Silberhalsband, früher, und dem bitteren gehopften Zeug, Pils. Da das Helle nun als Wegbier – für den Weg – den Berliner Nahverkehr inklusive der hin- und wegführenden Straßen sowie als Wegbier – das muss noch schnell weg, bevor ich gehe – die Bars der Stadt erobert hat, holten die Braugiganten fix ihre abgehefteten Export-Braurezepte wieder raus, und einer von ihnen hat gleich den kleinen Schweighöfer engagiert, damit er uns verschmitzt von großen Plakaten herunter anlächelt und die Flasche Helles hinhält. Verschmitzt, damit wir verstehen, dass das hintere Wort in dem Slogan „Die Nacht wird Hell“ natürlich englisch ausgesprochen werden muss, aber das haben die Werbefuzzis nicht gemerkt.

Der große Schweighöfer weiß, wie so was geht. Neulich hat er mich von der Bühne des Deutschen Theaters herunter immer wieder angebrüllt. Günther! Günther! Bis ich merkte, dass er Günter ohne h brüllt, er spielt dort nämlich in Demokratie, dem Stück über Willy Brandt und die Guillaume-Affäre, den Stasi-Führungsoffizier von eben jenem Guillaume, Günter; und so kommt er immer wieder angeschwebt – Drehbühne! – und brüllt mit diesem herrlichen sächsischen Einschlag eben „Günter!“ und gibt Instruktionen. Ich war sofort auf Alert, dieser mit sächsischem Zungenschlag veredelte Tonfall hat mich bei Passkontrollen an den Grenzkontrollstellen der Transitstrecke von und nach West-Berlin (Westberlin?) jedes mal auf dem Fahrersitz stramm stehen lassen. Das vergisst man nicht.

Während der große Schweighöfer bis vor kurzem wahnsinnig lange Haare, einen dicken Bart und einen kugelrunden Embonpoint hatte und damit auf der Bühne die verrücktesten Typen geben konnte, ist der kleine Schweighöfer immer ganz adrett und gibt damit den Heinz Rühmann seiner Generation. Der war auch immer bereit, mit unschuldigem Lächeln und Lied auf den Lippen für uns die härtesten Aufgaben zu übernehmen: das Mysterium Frau und die Tücken des Sozialen. Heute heißt das Sex und Konsum, und der kleine Schweighöfer bewältigt das ganz genauso bravourös und spielt dann zwischendurch den Schiller wie Rühmann den Willy Loman. Die große überzeugende Travestienummer hat er in Rubbeldiekatz auch bereits souverän absolviert; Rühmann musste dafür in den 1950er Jahren auf die gut abgehangene Klamotte Charleys Tante zurückgreifen. Im Übrigen trinkt er vermutlich gar kein Bier, eher Sauvignon Blanc wie der Rühmann früher Adenauers Möselchen.

 
 

 

8. April 2014 11:03:02

… zuviel: vom Gleichen

Ich habe neulich meinen Fernseher aus dem Fenster geworfen, weil nur noch Barbara Schöneberger drin war. Immer wenn ich das Gerät anmachte, kam Brarabra Schöneberger raus. Damit wir uns nicht missverstehen, ich habe nichts gegen Barbara Schröneberger, aber was zu viel ist, ist zu viel. Manchmal gönne ich mir zum Beispiel die Sportschau, um meiner masochistischen Ader nachzugeben und die Frankfurter Eintracht verlieren zu sehen. Es wollte mir dann allerdings Barbara Schönebreger einen Kleinwagen verkaufen, indem sie schlecht angezogen einen merkwürdigen Ball durch die Gegend kickte. Der Kleinwagen, der Ball und die Kleidung von Barbarar Schöneberger sagten mir nicht zu. Dann später am selben Abend – meine Frau hatte die Opernkarten an arbeitslose spanische Jugendliche verschenkt – gerieten wir beim Herumzappen in eine Talkshow, bei der Barbara Schönebergrer in einer leitenden Funktion auf dem Sofa saß, jedenfalls nehme ich das an, denn lange blieben wir nicht. Und so ging mir das häufig, sehr häufig, wenn ich wieder einmal erschöpft vor dem Fernsehgerät landete, dass Barbara Schönerberger entweder in einer Sendung Leute bei Laune hielt oder bei Jauch herumzappelte oder bei Gottschalk oder bei beiden oder Preise vergab und sich zwischen den einzelnen Preisübergaben im humorigen Bereich versuchte.

Ich freue mich sehr darüber, wenn Menschen Arbeit haben, aber es gibt viele Jobs und viele Menschen und so muss ich an dieser Stelle vorsichtig fragen, warum Barbara Schönebreger im Fernsehen alle Jobs hat. Jedenfalls bei den Weibchen, bei den Männchen sind sie zwischen Jauch, Hirschhausen und Lanz etwas gleichmäßiger verteilt. Wäre es nicht besser, wenn andere Leute auch welche hätten? Ich weiß, Barbarar Schöneberger hat zwei hervorstechende Merkmale – Bühnenpräsenz und blaue Augen – aber trotzdem …?

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Als ich vor einigen Wochen frühmorgens die `Aktuelle Türkei Rundschau´ und `Jagen weltweit´ kaufen wollte, musste ich plötzlich von der Verkäuferin vor dem Zeitschriftenregal gestützt werden, weil Rarbara Schöneberger mir sowohl vom Titelbild der HörZu als auch der Emma auflauerte. Und dann kam es später am Tag zur Beinah-Katastrophe, als ich, auf dem Fahrrad unterwegs, an der Kreuzung Monumenten- und Kreuzbergstraße fast einen mittelgroßen Laster der naheliegenden BSR-Sammelstelle gerammt hätte, weil mich Barbara Schönererger von einem Plakat am Straßenrand herunter anfiel. Ich hatte kurz den Eindruck, dass sie ein Saiteninstrument auf dem Schoß hatte und mich mit stechend blauen Augen dazu aufforderte, Mitte April an irgendetwas teilzunehmen oder allermindestens eine Eintrittskarte zu kaufen, womit natürlich sofort der Verdacht aufkam, dass Barbara Schöreberger ab und an auch im musikalisch-performativen Bereich tätig sein könnte. Der Fahrer des BSR-Lasters erkannte mein Entsetzen und lächelte milde, oder grinste mitleidig, ich bin mir nicht sicher, jedenfalls fuhr ich erschüttert und ernüchtert nach hause und warf meinen Fernseher – ein altes Modell, zugegeben – aus dem Fenster. Ich glaube unten stand Barbara Schöneberger und fing ihn auf, aber es kann auch der Fahrer des BSR-Lasters oder meine Frau oder ein spanischer Arbeitsloser gewesen sein. Jedenfalls fühle ich mich nun freier.

 
 

 

24. November 2013 18:31:21

…neugierig auf: Epochenwende

Zwei Tendenzen markieren das Ende einer kulturellen Epoche: einsetzende Historisierung und das Auftauchen des Eklektizismus als kultureller Leitstil. Nicht von ungefähr läutete Lady Gaga neulich das Ende einer solchen Epoche in Berlin ein, und zwar mit ihrem lächerlichen Feuerwerk unterschiedlichster Stile gekoppelt an ein tiefsitzendes Bedürfnis nach Anerkennung als Künstlerin, und schlau wie sie zu sein glaubt, meint sie zu wissen, dass sie nicht in New York, wo Geld und Kunst auf ewig untrennbar verwoben sind, sondern in Berlin, wo der Künstler noch als solcher reüssieren kann, geadelt werden würde. Da war sie zu spät dran, haucht jedoch ihren Odem über eine Szene, die mehr und mehr von dem lebt, was vor 20 Jahren als Menetekel an der Wand stand: anything goes. Hier in Berlin geht zur Zeit alles, und Hauptsache du bist dabei. Kein Fokus, keine gebündelte Energie, viel Spaß bei der Abendgestaltung entweder im abgefucktesten oder dem teuersten Loch der Stadt – das scheint die einzige verbliebene kulturelle Entscheidung.

Dazu erfährt das Nachtleben der Vor- und Nachwendezeit Berlins seine gründliche Historisierung, denn nichts hat hier offenbar so viel Eindruck hinterlassen, so viele Geschichten, Anekdoten und Histörchen produziert, Wunden geschlagen und Promis produziert wie die endlose Party Berlins. Keine Literaturgeschichte, keine Theatergeschichte, keine Baugeschichte, noch nicht einmal eine politische oder Sozialgeschichte Berlins der letzten 40, 50 Jahre liegt vor – aber eine detaillierte Historie von Sex,Drugs and Rock´n´Roll in der Mauerstadt vom ersten Westberliner Bundeswehrflüchtling bis zum jüngsten australischen Partymacher. Von Felix Denk / Sven von Thülen: Der Klang der Familie – Berlin, Techno und die Wende (Suhrkamp 2012) über Ulrich Gutmair: Die ersten Tage von Berlin – Der Sound der Wende (Tropen 2013) bis hin zu Wolfgang Müllers kompendiumhaft daherkommendem und schlitzohrig wegschleichendem Wälzer Subkultur Westberlin 1979-1989 (Philo Fine Arts 2013), (zu schweigen von Ulrike Sterblichs Kleinmädchen-Pipifax Die halbe Stadt, die es nicht mehr gibt – eine Kindheit in Berlin (West) (Rowohlt, 2012) – allesamt wuchten sie mehr oder weniger schwer wiegende Denkmäler der Berliner Feierkultur zwischen die Buchdeckel.

So könnte eine Geschichte Berlins in jeweils „angesagten Szene- Örtlichkeiten“ von 1974 bis heute aussehen: Chez Romy Haag -> Dschungel -> Cafe M -> Exil -> SO36 -> Fabrikneu -> Paris Bar -> Kumpelnest -> Ex´n´Pop -> Rumbalotte -> Kaffee Burger -> Risiko -> Penny Lane´s -> Metropol -> Eimer -> Tresor -> Bunker -> 90 Grad -> berlintokyo -> Cookie -> E Werk -> Sniper -> WMF -> Berghain -> WestGermany -> White Trash -> ://about blank -> King Size Bar ::: natürlich fehlen die und der und das, klar.

Das nagelneue Bilderbuch dazu fackelt nicht lange mit dem Titel: Nachtleben Berlin 1974 bis heute (hg. von Wolfgang Farkas, Stefanie Seidl und Heiko Zwirner |Metrolit 2013). Vierzig kurze Statements – mehr oder weniger launische Interviews, irrlichternde Essays, flackernde Auslassungen über Macher, Trends und Orte; von Romy Haags erstem Club in der Schöneberger Fuggerstraße bis zur King Size Bar in der Friedrichstrasse und alle legendären Etablissements dazwischen – und natürlich viele Photos, die zum größten Teil, der Sache und ihrer Dokumentation angemessen, mehr mit gelegentlichem Knipsen als mit Fotokunst zu haben. Wer sich allzu gut erinnert, war bekanntlich nicht dabei – dieser Band ist die Hilfestellung.
Es hat etwas Deprimierendes, die Macher der Szene(n) vor allem der letzten zehn Jahre in diesem Buch zu vernehmen: Entweder man ist stolz darauf, in heroisch-antibürgerlicher Attitüde das Abgefuckteste vom Dreckigsten als Ambiente anbieten zu können – oder umgekehrt, man kam im und mit dem Nightlife zu Karriere, Geld und Ruhm. Und im Zuge dieser Entwicklung hat das Partyleben Berlins einen entscheidenden Schritt gemacht – es ist vom Nebensächlichen zum Wesentlichen geworden: die Party dehnt sich über nahezu die gesamten 24 Stunden des Tages aus, sie hält so viele Leute wie nie zuvor in Brot, sie ist der Verkaufsschlager der Stadt, sie erobert endlos und krakenhaft einen Ort nach dem anderen, und nicht von ungefähr dämmert dabei einigen, dass eben dieses Nachtleben der vielbeschworenen und –verfluchten Gentrifizierung mehr als nur Vorschub leistet.
Eine Epochenwende vollzieht sich allerdings nur in den seltensten Fällen mit schlagartiger Radikalität wie etwa 1945; Überschneidungen sind die Regel, aufblitzende Zeichen, lesbare Signaturen. Wo zeigt sich also heute das Neue Berlin, wie könnte es aussehen? Man darf gespannt sein, wozu die mächtige Internationalisierung der Kulturszene im Verbund mit einer starken Segmentierung der Subkulturen – kleine Jazzclubs, Hauskonzerte, winzige Bars und Kaschemmen für eine Handvoll Leute, improvisierte Orte für Comedy oder Burleske oder Punk oder Bildende Kunst oder Kochkurse oder oder oder – führen werden. Wir bleiben am Ball!

 
 

 

21. November 2013 10:37:08

… in Topform

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Autor:

Joachim Buroh

 
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