Lesezeichen setzen: RSS Feed abonnieren  Zu del.icio.us hinzufügen Zu Technorati Favoriten hinzufügen Diese Seite zu Mister Wong hinzufügen
Seite 3 von 16«12345678910»...Letzte »

Archiv der Kategorie ‘Alltägliches‘

23. Dezember 2011 00:20:54

… Friedrichstraße: Halblange Anbahnung

Der heutige Donnerstag, tagsüber ein nichtwinterlicher, mutierte zum Abend hin in einen beinahe frühlingshaften, nieselregnerischen. Die Bürgersteige entlang der Friedrichstraße sind dennoch leidlich ausgelastet und – um den Bahnhof herum – sieht man auch heute wieder die Anbahner. Sie bringen Protest, Mitleid, Interesse und anderes vor und an den Vorbeigehenden. Sie machen auf die geschundene Natur aufmerksam oder zeigen mit Fotos auf Unrecht und Unmenschlickeit. Die Anbahner werben um die Aufmerksamkeit der Passanten und ihr Geld.

Unmittelbar am U-Bahn-Eingang steht ein baumlanger, junger Mann, der die Berliner Zeitung anpreist. Vor ihm, sie reicht ihm nicht mal bis zur Brust, eine junge Frau, modern gekleidet, Typ Annett Louisan. Sie muss den Kopf mächtig in den Nacken legen, um zu dem Anbahner aufzublicken. Er kann, so ich ihn von weitem sehe, unmöglich von einem Zeitungs-Abo reden, dazu schaut sie viel zu verzückt nach oben. Irgendetwas Nettes süßholzraspelt ihr der Dirk Nowitzki unter den Abo-Werbern vor. Erst als ich – auf Höhe der beiden – an ihnen vorbeimarschiere, kommt die entscheidende Frage: „Na, was hälts Du denn nun von einem Probe-Abo der Berliner Zeitung?“

Da ich hinten keine Augen habe und meine Ohren mit denen der Fledermäuse nicht konkurrieren können, bleibt das Ende dieser Anbahnung leider offen.

 
 

Autor:

Jürgen Pahl

 

17. Dezember 2011 22:05:51

… sakra: Der blaue August oder Bayern in Berlin

Bayern hatte bis vor noch gar nicht so langer Zeit den einzigen Ministerpräsidenten unter den Kabarettisten. Diese Auftritte sind leider vorbei, jetzt kommt nur noch Bierernstes von dort unten. Die heimatdurchtränkte CSU verlor über den rauchgeschwängerten Tischen der Bierzelte in den letzten Jahren die absolute Stimmenmehrheit (einzig vergleichbar mit dem Aussterben der Dinosaurier) und selbst der einst nach Berlin und in die weite Welt entsandte KT wirft nur noch undankbare Schatten auf seine bergige Heimat.

Des ungeachtet ist die bayrische Exportoffensive nach Berlin, befördert durch die bayrische Vertretung in der Hauptstadt, nie zum Stillstand gekommen. Dass auf der diesbezüglichen Website das Wort Botschaft in Anführungszeichen gesetzt wurde, soll Ironie vortäuschen, ist aber ein krachlederner Fehler. Denn: Nirgends ist das Selbstwertgefühl so ausgeprägt wie in Bayern und wo sonst noch kann man derart fein ziselierte Meinungsäußerungen hören, wie von bayrischen Politikern oder Funktionären des FC Bayern München. Dennoch: Was wäre Berlin ohne bayrische Küche, ohne den preußisch zurechtgestutzten Ableger des Oktoberfestes, was wird Hertha ohne den bayrischen Trainer (der Klubleitung stünde etwas mehr Selbstbewusstsein gut) und wie sähen die Berliner inbesondere ohne ihn aus – August?

Der blaue August, Nachname Lenz, ist so um die 1,70 m groß. Man findet ihn, obwohl er kaum auffällt, - gleichzeitig – zu Dutzenden in Berlin – auf Bahnsteigen, an Hausecken, in Warenhäusern oder Supermärkten. Neben dem Blau finden sich noch andere Farben in seinem roboterhaften Erscheinungsbild, manchmal leuchtet er wie ein durchgeknallter Spielautomat. Er ist der eigentliche bayrische Favorit in Berlin, ohne ihn geht vieles nicht, daher sollten wir – zumal er immer die Klappe hält - darüber nachdenken, ihm die Ehrenbürgerwürde anzutragen. Die Anfrage wäre zu richten an das Bankhaus August Lenz in München, dessen Geldautomaten dafür sorgen, dass wir flüssig bleiben.

 
 

Autor:

Jürgen Pahl

Kategorie:

Alltägliches | Freizeit

 

14. Dezember 2011 19:04:13

… dezemberlich: Bekennerschreiben

Leute, schaut auf diese Stadt! Der Berliner Senat, mühelos in verborgener Kleinarbeit vorbereitet, nach außen hin aber gewohnt lässig – proudly presents: Eine neue Maßeinheit – das Braun. Ein Braun (in Zahlen: 1) ist die Zeit zwischen der Ernennung und dem Ausscheiden eines Senators und wurde nach dem Eichometer, das im Keller des Roten Rathauses installiert wurde, auf genau elf (in Zahlen: 11) Tage festgelegt. Wie wegweisend und kooperativ Berlin wieder arbeitet, zeigt sich daran, dass diese neue Einheit auch für Minister, Parteivorsitzende und Generalsekretäre, Trainer aller Art, Intendanten, vor allem aber für die Bearbeitungszeit in der Verwaltung genutzt werden kann. Für die Prüfung einer Steuererklärung (also, wenn der Bürger ein Rückzahlung erwartet) könnte man zehn Braun in Ansatz bringen. Ja, hier wurde know how kreiert, dass andere Bundesländer übernehmen könnten, wenn sie  nicht selbst schon genug Ärger haben. Wie geht es nun, dezemberlich gefragt, in unserer Stadt weiter: Rot (+Purpur!)/Schwarz oder sexy?

Keine Ahnung, denn Berlin ist ja vor allem die Stadt der Touristen. Wir anderen leben hier nur und schätzen die alltäglichen Abläufe und Höhepunkte. So gefallen mir z. B. die DPD-Fahrer ausnehmend gut. Die klingeln eine Nanosekunde an der Haustür, aber noch vor Ablauf dieser Zeitspanne sind sie wieder weg, drücken einem Kioskbesitzer die Sendung in die Hand und vergessen dabei, den Zettel im Briefkasten des eigentlichen Empfängers anzubringen. Denn: Die Bewegung ist alles, das Ziel nichts. Oder unsere Politessen mit ihren schmucken Uniformen und adretten Frisuren: Sie machen einen großen Bogen um Firmenfahrzeuge, die Eingänge blockieren und um Kampfhundebesitzer, deren Lieblinge ihre Beißerchen maulkorbfrei zeigen. Nur der private Falschparker steht auf ihrer cash-Liste und hat eine reale Chance für die Aufnahme in eine Sünderdatei.

Ich bekenne weiterhin: In dieser Stadt der Kreativen und Think Tanks soll der Teufel all jene holen, ob Firma oder Behörde, die – obwohl sie es sich leisten könnten - junge Leute und Absolventen für Praktika, Wochenendarbeit und Überstunden gar nicht oder nur erbärmlich bezahlen, ihnen nicht mal einen Arbeitsvertrag geben. Weiter: Sollen doch Hauseigentümer und Vermieter auf ihren notdürftig sanierten Wohnungen, die sie von Auszug zu Auszug immer teurer vermieten, sitzenbleiben. Und: Ich wünsche allen ein nachdenkliches Weihnachtsfest, die ihre Kunden betrügen, ob sie Banker, Arzt oder Gemüsehändler sind oder jene, die, national berauscht, vermeintlich Schuldige bei Minderheiten suchen und die wirklichen Übeltäter nicht sehen wollen.

Schließlich: Welcher Stellenwert für diesen Senat, mit dem wir noch viel erleben werden, und seinen Kultursenator große deutsche Literatur und das deutsch-deutsche Kulturerbe besitzt, zeigt die Nichtanwesenheit offizieller Vertreter bei der Beerdigung von Christa Wolf. - Für Ignoranten hilft vom Weihnachtsmann nur noch die Rute und am besten für 2012 vorsorglich gleich mit!

 
 

Autor:

Jürgen Pahl

 

10. Dezember 2011 11:19:30

… letzte Runde: Heidekraut und Tannengrün

Ab und an haben wir uns beim Training im Jahn-Sportpark oder bei einem Wettkampf getroffen. Achim war aufgrund seiner Länge, seines großen, mit wenigen, hellen Haaren bedeckten Kopfes und des, durch den nach vorn gebeugten Körper, besonderen Laufstils schon von weitem zu erkennen. Irgendwann aber kam diese Krankheit und sprang ihn an wie ein wildes Tier. Aber er lief weiter, als wollte er es abschütteln. Als es nicht mehr ging, war auch kein Laufen mehr. Vor einigen Monaten ist Achim gestorben - lange vor der Zeit für Menschen seines Alter, für jemanden wie ihn. Der Tod hatte sich einen von denen geholt, die immer aktiv waren und ihren Körper stählten. Er wollte sich nicht nachsagen lassen, dass man ihm auf diese Art und Weise entkommen könne. Gerecht wollte er erscheinen, der doch immer Ungerechte. – Am Rand der Tartanbahn im Sportpark haben Lauffreunde für Achim einen kleinen Stein beschriftet, umgeben von Heidekraut und Tannengrün. Und Runde um Runde laufen wir nun daran vorbei, diejenigen, die ihn kannten und jene, für die er fremd bleiben wird.

 
 

Autor:

Jürgen Pahl

Kategorie:

Alltägliches

 

6. Dezember 2011 21:47:15

… Kaleidoskop des Lebens: „The Family of Man“

Gruppenbildnisse sind insofern etwas besonderes in der Malerei, da sie meist nach Auftrag entstanden und oft Repräsentationszwecken dienen sollten. Die Gemälde geben etwas vom sozialen Status der Dargestellten preis, sind aber auch Hinweis auf die Stellung des Malers und seines Verhältnisses zum Auftraggeber. Manchmal ist jedoch noch mehr zu sehen: So ist RembrandtsDie Anatomie des Dr. Tulp“ eines der interessantesten Gruppendarstellungen in der Malerei überhaupt, denn selten wird der Mensch so anschaulich wie hier zwischen Erkenntnis und Endlichkeit gezeigt. Ein anderes, ebenfalls bekanntes Gruppenbildnis stellt Goyas  - Die Familie Karls des IV“ dar. Der spanische Maler erfasste mit dem Bild offenbar nicht nur den Geschmack, sondern sogar das Wesen dieser damals Mächtigen. Goya hat weder das Imponiergehabe des Königspaares, noch, im besonderen, das Misstrauen, die Eitelkeit, ja Hässlichkeit auf dem Antlitz der Königin und das Kaulquappengesicht des Königs unterschlagen, so dass man sich fragt, wie er mit diesem Gemälde überhaupt die Akzeptanz seiner Auftraggeber erlangen konnte.

Bei Gruppenfotos geht es zunächst einmal um einen Moment, der aber auch wesentliches offenbaren kann. Zwei Beispiele: Das Foto (S. 109) von Arthur Witmann, einem US-amerikanischen Fotografen, zeigt eine Gruppe Menschen in einer offensichtlich unterhaltsamen Veranstaltung. Es bereitet große Freude, auf dieses lebensbejahende Bild zu blicken. Ein zweites Foto sei hier genannt: Vito Fiorenza hat vermutlich (S. 56) eine sizilianische Landarbeiterfamilie abgebildet – zwei Erwachsene und vier Kinder. Die Gesichter des Mannes und der Frau spiegeln große Wahrhaftigkeit und Offenheit wieder, in der Bescheidenheit und zugleich Zuversicht deutlich werden, obwohl die ebenfalls fotografierte Zimmereinrichtung auf ein eher einfaches, karges Leben schließen lässt. Diese Abbildungen und 500 weitere von berühmten, aber auch von weniger bekannten, Fotografen wurden aus tausenden weltweit ausgewählt und in die einmalige Sammlung von Edward Steichen aufgenommen, die er 1955 für eine Ausstellung im The Museum of Modern Art, New York, zusammenstellte. Die Exposition ging danach auf Reisen und ist seit 1994 als Dauerausstellung im Schloss Clervaux (Luxemburg) zu sehen.

Diese Fotos sind aber auch als Bildband (obige Seitenangaben beziehen sich darauf) „The Family of Man“ (zwölfter Nachdruck 2010) erhältlich. Es ist ein großartiges Buch, als Geschenk eine bleibende Erinnerung und seinen Preis von 18,00 € allemal wert! Vielleicht noch erhältlich in der Buchhandlung im Martin-Gropius-Bau bzw. auf Bestellung.

 
 

Autor:

Jürgen Pahl

 

1. Dezember 2011 22:45:02

… zu Ende gegangen: Christa Wolf

„Die Stadt, kurz vor Herbst noch in Glut getaucht nach dem kühlen Regensommer dieses Jahres, atmete heftiger als sonst. Ihr Atem fuhr als geballter Rauch aus hundert Fabrikschornsteinen in den reinen Himmel, aber dann verließ ihn die Kraft, weiterzuziehen. Die Leute, seit langem an diesen verschleierten Himmel gewöhnt, fanden ihn auf einmal ungewöhnlich und schwer zu ertragen, wie sie überhaupt ihre plötzliche Unrast zuerst an den entlegensten Dingen ausließen. Die Luft legte sich schwer auf sie, und das Wasser – dieses verfluchte Wasser, das nach Chemie stank, seit sie denken konnten - schmeckte ihnen bitter.
Aber die Erde trug sie noch und würde sie tragen, solange es sie gab …“

„… Der Tag, der erste Tag ihrer neuen Freiheit, ist fast zu Ende. Die Dämmerung hängt tief in den Straßen. Die Leute kommen von der Arbeit nach Hause. In den dunklen Häuserwänden springen die Lichtvierecke auf. Nun beginnen die privaten und öffentlichen Zeremonien des Abends – tausend Handgriffe, die getan werden, auch wenn sie am Ende nichts anderes bewirken als einen Teller Suppe, einen warmen Ofen, ein kleines Lied für die Kinder. Manchmal blickt ein Mann seiner Frau nach, die mit dem Geschirr aus dem Zimmer geht, und sie hat nicht gemerkt, wie überrascht und dankbar sein Blick ist. Manchmal streicht eine Frau einem Mann über die Schulter. Das hat sie lange nicht getan, aber im rechten Moment fühlt sie: Er braucht es.
Rita macht einen großen Umweg durch die Straßen und blickt in viele Fenster. Sie sieht, wie jeden Abend eine unendliche Menge an Freundlichkeit, die tagsüber verbraucht wurde, immer neu hervorgebracht wird. Sie hat keine Angst, daß sie leer ausgehen könnte beim Verteilen der Freundlichkeit. Sie weiß, daß sie manchmal müde sein wird, manchmal zornig und böse.
Aber sie hat keine Angst.
Das wiegt alles auf: Daß wir uns gewöhnen, ruhig zu schlafen. Daß wir aus dem vollen leben, als gäbe es übergenug von diesem seltsamen Stoff Leben.
Als könnte er nie zu Ende gehen.“

(Erster und letzter Abschnitt aus dem Roman „Der geteilte Himmel“ von Christa Wolf – Aufbau-Verlag, Berlin und Weimar, 1975)

 
 

Autor:

Jürgen Pahl

 

30. November 2011 10:09:13

… Filmsalat: Libido im Bratenrock

(Entweder JavaScript ist nicht aktiviert, oder Sie benutzen eine alte Version von Adobe Flash Player. Installieren Sie bitte den aktuellsten Flash Player. )

Obwohl (oder gerade weil?) es sich hierbei um „die wahre Geschichte einer Begegnung“ zweier bedeutender Männer und einer ebenfalls bekannten Frau handelt, spielt dieser Film quasi in einem Reinraum: Staubfreie Luft, gerade Wege, beschnittene Sträucher, schneeweiße Kragen, trockene Dialoge und garantiert erotikfrei. Keira Knightley müht sich als Sabina Spielrein wirklich redlich, die hysterischen, epileptischen Anfälle einer seelisch Kranken nachvollziehbar zu machen. Allein man sieht es, dass sie schauspielt. Michael Fassbender als (Carl) Gustav Jung und Viggo Mortensen als Sigmund Freud führen über einen Zeitraum von gefühlten zehn Stunden Dialoge und Briefwechsel zu psychoanalytische Themen, insbesondere über die Rolle der Sexualität und deren Folgen für die Welt. Es wird aber nicht nur analysiert, sondern mit Sabina auch praktiziert - ohne dass Gustav seine Gamaschen ablegt.

Besonders bizarr verläuft ein Gespräch - die übrige, große, Freudsche Familie hört de facto hypnotisiert mit und verputzt dabei ihr sonntägliches Bratenstück – über Libido und andere Herausforderungen, derweil der allgegenwärtige Zigarrenqualm den Durchblick zusätzlich vernebelt. Ich frage mich – und der andere Zuschauer im Saal vielleicht nun auch – ob David Cronenberg in diesem Film dem Klischee vom Psychoanalytiker entgehen wollte, in dem er es haarklein und stinklangweilig genau so vorführt, wie man meint, dass es wäre. Ich habe versucht aus den hochgestochenen Dialogen etwas zu lernen oder Ironie zu extrahieren, wo doch keine war. Schade, denn alle drei waren interessante, tragische Persönlichkeiten. Das Film-Wirken der beiden Männer erinnert mich jedoch fatal an einen auch heute zu beobachtenden Trend: Wenn ich von einer Sache schon nicht viel verstehe, kann ich aber immer noch Ratgeber werden und Leute coachen. Übrigens heißt der Streifen: „Eine dunkle Begierde“.

Dieses Kinoerlebnis fand übrigens im „Moviemento“ statt, dem – laut Eigenwerbung - ältesten (gegründet 1907) Kino Deutschlands. In dem Haus am Kottbusser Damm 22 ist immer was los. Vorgestern z. B. strömten einige Schulklassen mit angeregten Gesichtern aus der Vorstellung, nachdem sie sich vorher den, 2010 herausgekommenen, Streifen „The Social Network„ angesehen hatten. Im dem Kino, dass ja eigentlich aus mehreren kleineren Sälen besteht, herrscht Arbeitsatmosphäre und Improvisationsgeist. Von letzterem kündet u.a. der über dem Empfangstresen hängende Lampenschirm: Er war in seinem früheren Leben mal eine Waschmaschinentrommel.

Noch älter als das „Moviemento“ ist auf jeden Fall Max. Nachname Skladanowsky. Geboren 1863 in Pankow, gestorben am 30.11.1939, also heute vor 72 Jahren, in Berlin. Max Skladanowsky war mit seinem Bioscop einer der Wegbereiter des Films!

 
 

Autor:

Jürgen Pahl

 

26. November 2011 13:34:49

… Unterschied: Bond, und dann auch James

Am Eingang der Köpenicker Straße 95 in Berlin hängt eine Granittafel mit folgender Inschrift: 

LUISENSTÄDTISCHE BANK   EINGETRAGENE GENOSSENSCHAFT MIT BESCHRÄNKTER HAFTPFLICHT: GEGRÜNDET 1863   DISKONTIERUNG VON WECHSELN   AN- UND VERKAUF  SOWIE BELEIHUNG VON EFFEKTEN   ANNAHME VON DEPOSITENGELDERN   CHECK-VERKEHR   SPARKASSE   VERMIETUNG VON TRESORFÄCHERN

Diese Luisenstädtische Bank war nichts anderes als ein Vorläufer der heutigen Berliner Volksbank. Sie handelte also bereits zu jener Zeit mit Effekten, was nichts anderes sind als Wertpapiere, also z. B. Aktien oder Anleihen (Bonds), über die heute in den Nachrichten – „Frau Merkel lehnt Eurobonds ab“ - jeden Tag gesprochen wird.

Mit einer Staatsanleihe leiht sich der Staat Geld bei anderen, z.B. Staaten, Banken oder bei Privatpersonen. Dafür zahlt er dem Käufer in der Laufzeit der Anleihe einen Zins und am Ende die Anleihe zurück. Der Staat haftet also für die Anleihe. Wenn die Bonität des Staates gut ist bzw. so bewertet wird, ist das Risiko für den Anleihekäufer niedriger, aber auch der Zins. Ist die Bonität schlecht bzw. wird so beurteilt, steigt das Risiko für den Käufer, aber der Staat muss auch höhere Zinsen geben. Wenn der Staat seine Anleihen nicht mehr bedienen kann, muss man ihm die Rückzahlung verlängern, wenn auch das nicht hilft, die Schulden erlassen oder er müsste „Pleite“ gehen. Soweit die Theorie.

Und die Praxis? Beispiel: Deutschland zahlt für seine Bundesanleihe WPKN 114157, Laufzeit bis 10.4.15 einen Zins von 2,25% p.a. Die Rendite (nach Abzug Kosten, unter Berücksichtigung des Kurses) dieser Anleihe liegt bei äußerst mageren 0,78%. Der Zins, den ein Anleihekäufer bekommt, liegt also in etwa genau so hoch, wie die Teuerungsrate in Deutschland Januar bis Oktober 2011 (2-2,5%). Nimmt man aber die Rendite als entscheidendes Kriterium, dann bedeutet es, dass ein deutscher Anleihekäufer sehenden Auges den Wert des eigenen Ersparten reduziert. Wenn er es als Festgeld anlegt, kann er die Teuerung gerade mal ausgleichen. Mehr wird’s jedenfalls nicht.

Die Türkei z. B. begibt ebenfalls Staatsanleihen, so z.B. die WPKN A0DDXD, Laufzeit bis 15.3.15, Zins von 7,25%. Nach Abzug der Kosten und unter Berücksichtigung des Kurses wird eine Rendite von 4,46% angegeben. (Quelle: www.finanzen.net) Die Türkei zahlt ihren Anleihekäufern (man kann sie auch als Deutscher erwerben) also deutlich mehr Zinsen, o b w o h l die Staatsverschuldung der Türkei niedriger liegt als bei Deutschland. (41,2% zu 83,2% jeweils bezogen auf BIP – Quelle: FOCUS 40/11). Sicher spielen noch andere Faktoren hinein. Dennoch:

Nicht jeder, der ein ernstes Gesicht macht, ist ein Gauner. Und nicht jeder, der in eine Kamera strahlt, ist ohne Probleme. James Bond jedenfalls weiß das.

 
 

Autor:

Jürgen Pahl

 

22. November 2011 21:58:56

… janz weit draußen: Brunow aus Tejel

Jestatten: Brunow mein Name. Ludwig Brunow. Vawechseln Se mir, deshalb lass ick hier mal die Amtssprache, aba nich mit Ludwig Brunow, Bildhauer und Jroßherzoglicher Professor in Berlin. Der is schon 1913 hinüber, ick aba erst 1929. Vorher war ick in Tejel jahrelang Amtsvorsteher jewesen. Wennset janz jenau wissen woll‘n, von 1874-1903, een halbet Menschenleben. Die heutijen Amtsträjer halten ja nich so lange aus, die meisten wern nach vier Jahre schon wieda rausjekegelt. Dat Schlimme is bloß: Die schielen erst uff det Amt und denn uff die Uffjabe.

Int Jahr 1898 wurde dat Jefängnis fertichjestellt, det wird ja heute noch jebraucht. Zwee Jahre nach meine Ausmusterung als Beamta, also 1905, wurde die Kirche am Platz jebaut. Allet Klinker und heute frisch saniert. Die eene Straße zum Platz heeßt jetz Medebacher Weg, die andre, na wie sollse heeßen, Brunowstraße. Und inne Mitte is son Rondell, also een runder Platz, dessen Name lautet jetz Brunowplatz. Und uff den Platz is een Jedenkstein für mir. Mehr Brunow jeht nich.

Nochmal zu die Kirche. Anne Seite is da jetzt son Jlaskasten für Neuichkeiten aller Art. Da jehts um Jottesdienst, aba ooch um die Sprechstunde für Anonyme Alkoholiker. Also in meene Amtszeit, da kannt ick meene Pappenheimer. Aba heute ham se zwar alle Fernsehen, aba kenn sich trotzdem nich. Besonders freu ick mir aba über det Koppsteinflaster. Alle Straßen, die uff den Platz führ‘n, sind Koppsteine. Da würd ick heute jern mal mit meine Droschke lang holpern, denn viel Vakehr is ja hier nich.

Wer mir uff den Platz besucht, der hat aba janz wat andret vor. Der will eijentlich zu Fränkel inne Schlieperstraße, die is jleich umme Ecke. Der hat ne Wurstfabrikation und die Leute vonne Friedrichstraße komm hierher und koofen die Dinger. Janz erstaunlich. Sonst is hier nur ne Tortenstube und ne Jaststätte, sonst nüscht. Ansonsten jibts ja Stücke weiter noch den Flugplatz. Aber der wird ja nu ooch jeschlossen. Nur der See wird ja bleiben, also wenner nich austrocknet bei die Klimaerwärmung. Ick jloobe, ick hab mir rechtzeitig davonjemacht. Aber nüscht für unjut.

 
 

Autor:

Jürgen Pahl

 

18. November 2011 19:45:42

… Kurzkritik: „Poll“

(Entweder JavaScript ist nicht aktiviert, oder Sie benutzen eine alte Version von Adobe Flash Player. Installieren Sie bitte den aktuellsten Flash Player. )

Die Schwiegermutter meines Onkels war Bäuerin und stammte aus Ostpreußen. Von ihr hörte ich, wenn es z. B. um die nie endende, öde Arbeit des Rübenverziehens ging, des öfteren das heute fast ausgestorbene Wort „marachen“ (schwer und schnell arbeiten). Sie sprach auch diesen so sehr gemütlich klingenden Dialekt, der dem Baltendeutsch ähnelt, das in dem Film „Poll“ immer wieder zu hören ist.

Die Handlung des Streifens, auf wahren Begebenheiten fußend, führt in das Estland des Jahres 1914 zurück – am Ende des Films hört der Zuschauer die Nachricht vom Ausbruch des 1. Weltkrieges. Regisseur Chris Kraus verknüpft in dieser Produktion familiäre Erkundungen – eine Hommage an Oda Schaefer (eine Großtante von Kraus und heute völlig vergessene Lyrikerin) – mit einem historischen Exkurs in das bis 1918 zu Russland gehörende Estland (Baltikum). Beides wird mit einer ungewöhnlichen Liebesgeschichte zwischen der blutjungen, aus besserem - zudem deutsch sprechendem - Hause stammenden, Oda und einem baltischen Anarchisten (Tambet Tuisk), der gegen die Russen kämpft, angereichert.

Edgar Selge spielt den Vater von Oda, der als abgeschobener Pathologie-Professor einen feinfühligen, aber auch ambivalenten Charakter (Selge spielt nicht zum ersten Mal einen solchen Typ) verkörpert. Jeanette Hain tritt als dessen Ehegattin, die ein leidenschaftliches Verhältnis mit dem Hofverwalter (Richy Müller – sehr einprägsam) pflegt und Oda’s Mutter, in Erscheinung. Die wirklichen Entdeckungen dieses Films, der auch auf kleine Schock- und Horroreinlagen (wozu die Pathologie geradezu einlädt) nicht verzichtet, sind jedoch das wunderbar kraftvolle und gleichzeitig sensible Spiel der Laiendarstellerin Paula Beer als junge Oda, zweitens der Drehort, mit dem ins Wasser gebauten, wunderlichen und unheimlichen Schlosshaus und schließlich die lichtvollen Bilder dieser Landschaft am Meer, welche uns die Kamera immer wieder vor Augen führt.

Der Film lief bereits im Februar 2011 in den Berliner Kinos, leider habe ich den Streifen seinerzeit verpasst. Wem es ebenso erging, kann sich die, seit einigen Tagen angebotene, DVD ausleihen. Unbefriedigend, zumindest auf meiner Film-Konserve, ist die teilweise schlechte Tonqualität. Man hört z. B. von den Dialogen am Beginn nur Genuschel. Also, entweder vorher mal reinhören oder bis zu einer TV-Ausstrahlung warten.

 
 

Autor:

Jürgen Pahl

 
Seite 3 von 16«12345678910»...Letzte »

Letzte Beiträge

 

Themen

 

Berliner Bezirke

 

Beitragsarchiv

Suche

 

Text ohne Takt
von Joachim A. Buroh

4. Juli 2014

… unerhört

nicht in der Leitung
bleiben
durchs Bild
gehen und
lauter
schreiben

 
 

6. Januar 2014

… Tagesform

<br />

 
 

23. November 2013

… am Zug

U1 – U4

 
 
 
Berliner Ratschlag für Demokratie