Eher zufällig entdecke ich die Bodenbeschriftung mitten auf dem Gehweg: „Hier lag im 13. Jahrhundert der Hafen von Berlin.“ Sieh an, denke ich mir da. Ein paar Meter weiter auf dem Mühlendamm ist zu lesen: „Heute haben etwa 27 % der Berliner einen Migrationshintergrund. Vor 775 Jahren waren es 100 %.“ Holla, so viele. Na dann gehnwer doch ma ins Internet und schaunwer nach, watn dit nu wieder allet is, wa:
Zum 775 Jahre Geburtstag Berlins wurden zahlreiche Botschaften im Zentrum der Stadt versprüht, die mal einfach nur informativ sind und mal die Auflösung einer Schitzeljagdt darstellen, die man mittels Web-App beim Stadtspaziergang bepirschen kann. Auf der Website „Spuren des Mittelalters“ bekommt man eine Vorstellung davon, wie Berlin einmal ausgesehen haben muss, denn in der heutigen Stadt lassen sich tatsächlich nur noch minimale Überbleibsel erkennen.
Alles sehr informativ, geschickt verschränkt zwischen realer Welt und Info aus dem Web und nett zusammengestellt. Mir gefällt’s!
Der heutige Donnerstag, tagsüber ein nichtwinterlicher, mutierte zum Abend hin in einen beinahe frühlingshaften, nieselregnerischen. Die Bürgersteige entlang der Friedrichstraße sind dennoch leidlich ausgelastet und – um den Bahnhof herum – sieht man auch heute wieder die Anbahner. Sie bringen Protest, Mitleid, Interesse und anderes vor und an den Vorbeigehenden. Sie machen auf die geschundene Natur aufmerksam oder zeigen mit Fotos auf Unrecht und Unmenschlickeit. Die Anbahner werben um die Aufmerksamkeit der Passanten und ihr Geld.
Unmittelbar am U-Bahn-Eingang steht ein baumlanger, junger Mann, der die Berliner Zeitung anpreist. Vor ihm, sie reicht ihm nicht mal bis zur Brust, eine junge Frau, modern gekleidet, Typ Annett Louisan. Sie muss den Kopf mächtig in den Nacken legen, um zu dem Anbahner aufzublicken. Er kann, so ich ihn von weitem sehe, unmöglich von einem Zeitungs-Abo reden, dazu schaut sie viel zu verzückt nach oben. Irgendetwas Nettes süßholzraspelt ihr der Dirk Nowitzki unter den Abo-Werbern vor. Erst als ich – auf Höhe der beiden – an ihnen vorbeimarschiere, kommt die entscheidende Frage: „Na, was hälts Du denn nun von einem Probe-Abo der Berliner Zeitung?“
Da ich hinten keine Augen habe und meine Ohren mit denen der Fledermäuse nicht konkurrieren können, bleibt das Ende dieser Anbahnung leider offen.
Bayern hatte bis vor noch gar nicht so langer Zeit den einzigen Ministerpräsidenten unter den Kabarettisten. Diese Auftritte sind leider vorbei, jetzt kommt nur noch Bierernstes von dort unten. Die heimatdurchtränkte CSU verlor über den rauchgeschwängerten Tischen der Bierzelte in den letzten Jahren die absolute Stimmenmehrheit (einzig vergleichbar mit dem Aussterben der Dinosaurier) und selbst der einst nach Berlin und in die weite Welt entsandte KT wirft nur noch undankbare Schatten auf seine bergige Heimat.
Des ungeachtet ist die bayrische Exportoffensive nach Berlin, befördert durch die bayrische Vertretung in der Hauptstadt, nie zum Stillstand gekommen. Dass auf der diesbezüglichen Website das Wort Botschaft in Anführungszeichen gesetzt wurde, soll Ironie vortäuschen, ist aber ein krachlederner Fehler. Denn: Nirgends ist das Selbstwertgefühl so ausgeprägt wie in Bayern und wo sonst noch kann man derart fein ziselierte Meinungsäußerungen hören, wie von bayrischen Politikern oder Funktionären des FC Bayern München. Dennoch: Was wäre Berlin ohne bayrische Küche, ohne den preußisch zurechtgestutzten Ableger des Oktoberfestes, was wird Hertha ohne den bayrischen Trainer (der Klubleitung stünde etwas mehr Selbstbewusstsein gut) und wie sähen die Berliner inbesondere ohne ihn aus – August?
Der blaue August, Nachname Lenz, ist so um die 1,70 m groß. Man findet ihn, obwohl er kaum auffällt, - gleichzeitig – zu Dutzenden in Berlin – auf Bahnsteigen, an Hausecken, in Warenhäusern oder Supermärkten. Neben dem Blau finden sich noch andere Farben in seinem roboterhaften Erscheinungsbild, manchmal leuchtet er wie ein durchgeknallter Spielautomat. Er ist der eigentliche bayrische Favorit in Berlin, ohne ihn geht vieles nicht, daher sollten wir – zumal er immer die Klappe hält - darüber nachdenken, ihm die Ehrenbürgerwürde anzutragen. Die Anfrage wäre zu richten an das Bankhaus August Lenz in München, dessen Geldautomaten dafür sorgen, dass wir flüssig bleiben.
Obwohl (oder gerade weil?) es sich hierbei um „die wahre Geschichte einer Begegnung“ zweier bedeutender Männer und einer ebenfalls bekannten Frau handelt, spielt dieser Film quasi in einem Reinraum: Staubfreie Luft, gerade Wege, beschnittene Sträucher, schneeweiße Kragen, trockene Dialoge und garantiert erotikfrei. Keira Knightley müht sich als Sabina Spielrein wirklich redlich, die hysterischen, epileptischen Anfälle einer seelisch Kranken nachvollziehbar zu machen. Allein man sieht es, dass sie schauspielt. Michael Fassbender als (Carl) Gustav Jung und Viggo Mortensen als Sigmund Freud führenüber einen Zeitraum von gefühlten zehn Stunden Dialoge und Briefwechsel zu psychoanalytische Themen, insbesondere über die Rolle der Sexualität und deren Folgen für die Welt. Es wird aber nicht nur analysiert, sondern mit Sabina auch praktiziert - ohne dass Gustav seine Gamaschen ablegt.
Besonders bizarr verläuft ein Gespräch - die übrige, große, Freudsche Familie hört de facto hypnotisiert mit und verputzt dabei ihr sonntägliches Bratenstück – über Libido und andere Herausforderungen, derweil der allgegenwärtige Zigarrenqualm den Durchblick zusätzlich vernebelt. Ich frage mich – und der andere Zuschauer im Saal vielleicht nun auch – ob DavidCronenberg in diesem Film dem Klischee vom Psychoanalytiker entgehen wollte, in dem er es haarklein und stinklangweilig genau so vorführt, wie man meint, dass es wäre. Ich habe versucht aus den hochgestochenen Dialogen etwas zu lernen oder Ironie zu extrahieren, wo doch keine war. Schade, denn alle drei waren interessante, tragische Persönlichkeiten. Das Film-Wirken der beiden Männer erinnert mich jedoch fatal an einen auch heute zu beobachtenden Trend: Wenn ich von einer Sache schon nicht viel verstehe, kann ich aber immer noch Ratgeber werden und Leute coachen. Übrigens heißt der Streifen: „Eine dunkle Begierde“.
Dieses Kinoerlebnis fand übrigens im „Moviemento“ statt, dem – laut Eigenwerbung - ältesten (gegründet 1907) Kino Deutschlands. In dem Haus am Kottbusser Damm 22 ist immer was los. Vorgestern z. B. strömten einige Schulklassen mit angeregten Gesichtern aus der Vorstellung, nachdem sie sich vorher den, 2010 herausgekommenen, Streifen „The SocialNetwork„ angesehen hatten. Im dem Kino, dass ja eigentlich aus mehreren kleineren Sälen besteht, herrscht Arbeitsatmosphäre und Improvisationsgeist. Von letzterem kündet u.a. der über dem Empfangstresen hängende Lampenschirm: Er war in seinem früheren Leben mal eine Waschmaschinentrommel.
Noch älter als das „Moviemento“ ist auf jeden Fall Max. Nachname Skladanowsky. Geboren 1863 in Pankow, gestorben am 30.11.1939, also heute vor 72 Jahren, in Berlin. Max Skladanowsky war mit seinem Bioscop einer der Wegbereiter des Films!
Jestatten: Brunow mein Name. Ludwig Brunow. Vawechseln Se mir, deshalb lass ick hier mal die Amtssprache, aba nich mit Ludwig Brunow, Bildhauer und Jroßherzoglicher Professor in Berlin. Der is schon 1913 hinüber, ick aba erst 1929. Vorher war ick in Tejel jahrelang Amtsvorsteher jewesen. Wennset janz jenau wissen woll‘n, von 1874-1903, een halbet Menschenleben. Die heutijen Amtsträjer halten ja nich so lange aus, die meisten wern nach vier Jahre schon wieda rausjekegelt. Dat Schlimme is bloß: Die schielen erst uff det Amt und denn uff die Uffjabe.
Int Jahr 1898 wurde dat Jefängnis fertichjestellt, det wird ja heute noch jebraucht. Zwee Jahre nach meine Ausmusterung als Beamta, also 1905, wurde die Kirche am Platz jebaut. Allet Klinker und heute frisch saniert. Die eene Straße zum Platz heeßt jetz Medebacher Weg, die andre, na wie sollse heeßen, Brunowstraße. Und inne Mitte is son Rondell, also een runder Platz, dessen Name lautet jetz Brunowplatz. Und uff den Platz is een Jedenkstein für mir. Mehr Brunow jeht nich.
Nochmal zu die Kirche. Anne Seite is da jetzt son Jlaskasten für Neuichkeiten aller Art. Da jehts um Jottesdienst, aba ooch um die Sprechstunde für Anonyme Alkoholiker. Also in meene Amtszeit, da kannt ick meene Pappenheimer. Aba heute ham se zwar alle Fernsehen, aba kenn sich trotzdem nich. Besonders freu ick mir aba über det Koppsteinflaster. Alle Straßen, die uff den Platz führ‘n, sind Koppsteine. Da würd ick heute jern mal mit meine Droschke lang holpern, denn viel Vakehr is ja hier nich.
Wer mir uff den Platz besucht, der hat aba janz wat andret vor. Der will eijentlich zu Fränkel inne Schlieperstraße, die is jleich umme Ecke. Der hat ne Wurstfabrikation und die Leute vonne Friedrichstraße komm hierher und koofen die Dinger. Janz erstaunlich. Sonst is hier nur ne Tortenstube und ne Jaststätte, sonst nüscht. Ansonsten jibts ja Stücke weiter noch den Flugplatz. Aber der wird ja nu ooch jeschlossen. Nur der See wird ja bleiben, also wenner nich austrocknet bei die Klimaerwärmung. Ick jloobe, ick hab mir rechtzeitig davonjemacht. Aber nüscht für unjut.
Die Schwiegermutter meines Onkels war Bäuerin und stammte aus Ostpreußen. Von ihr hörte ich, wenn es z. B. um die nie endende, öde Arbeit des Rübenverziehens ging, des öfteren das heute fast ausgestorbene Wort „marachen“ (schwer und schnell arbeiten). Sie sprach auch diesen so sehr gemütlich klingenden Dialekt, der dem Baltendeutsch ähnelt, das in dem Film „Poll“ immer wieder zu hören ist.
Die Handlung des Streifens, auf wahren Begebenheiten fußend, führt in das Estland des Jahres 1914 zurück – am Ende des Films hört der Zuschauer die Nachricht vom Ausbruch des 1. Weltkrieges. RegisseurChris Kraus verknüpft in dieser Produktion familiäre Erkundungen – eine Hommage an Oda Schaefer (eine Großtante von Kraus und heute völlig vergessene Lyrikerin) – mit einem historischen Exkurs in das bis 1918 zu Russland gehörende Estland (Baltikum). Beides wird mit einer ungewöhnlichen Liebesgeschichte zwischen der blutjungen, aus besserem - zudem deutsch sprechendem - Hause stammenden, Oda und einem baltischen Anarchisten (Tambet Tuisk), der gegen die Russen kämpft, angereichert.
Edgar Selge spielt den Vater von Oda, der als abgeschobener Pathologie-Professor einen feinfühligen, aber auch ambivalenten Charakter (Selge spielt nicht zum ersten Mal einen solchen Typ) verkörpert. Jeanette Hain tritt als dessen Ehegattin, die ein leidenschaftliches Verhältnis mit dem Hofverwalter (Richy Müller – sehr einprägsam) pflegt und Oda’s Mutter, in Erscheinung. Die wirklichen Entdeckungen dieses Films, der auch auf kleine Schock- und Horroreinlagen (wozu die Pathologie geradezu einlädt) nicht verzichtet, sind jedoch das wunderbar kraftvolle und gleichzeitig sensible Spiel der Laiendarstellerin Paula Beer als junge Oda, zweitens der Drehort, mit dem ins Wasser gebauten, wunderlichen und unheimlichen Schlosshaus und schließlich die lichtvollen Bilder dieser Landschaft am Meer, welche uns die Kamera immer wieder vor Augen führt.
Der Film lief bereits im Februar 2011 in den Berliner Kinos, leider habe ich den Streifen seinerzeit verpasst. Wem es ebenso erging, kann sich die, seit einigen Tagen angebotene, DVD ausleihen. Unbefriedigend, zumindest auf meiner Film-Konserve, ist die teilweise schlechte Tonqualität. Man hört z. B. von den Dialogen am Beginn nur Genuschel. Also, entweder vorher mal reinhören oder bis zu einer TV-Ausstrahlung warten.
Das Abitur liegt viele Jahre zurück, nun kam ein Jubiläum. Treffen im Audi Max. Die Lehrer sitzen auf der Bühne, die Schülerjahrgänge ihnen zu Füßen. Jeder der einstmals Lehrenden erzählt etwas über seine Zeit mit uns, nach uns. Offen berichten sie, einige so ehrlich, dass ich betroffen bin. Denn: Manchmal waren sie Leuchttürme für uns und dann doch selbst Schiffe in Not.
Mit einem von ihnen, nicht viel älter als wir, auch Klassenlehrer, sitzen wir anschließend zusammen. Die Zeit hat die einst noch sichtbaren Altersunterschiede beinahe nivelliert, geglättet wie ein gebügeltes Hemd. So duzt man sich nun und hört trotzdem mit Achtung zu. Er erzählt - mit einem Selbstvorwurf - von einem unserer Mitschüler, dem er mal eine innige Bitte und gute Idee abgeschlagen hat, was ihn heute noch beschäftigt. - Nein, es sind nicht alle gekommen. Einige von den Fernbleibern hätte ich auch gern wieder gesehen. Aber unterschlagen wir nichts: In der Zwischenzeit ist den hier Versammelten ein Staat abhanden gekommen und ein neuer kam mit wuchtigen Veränderungen. Alles wurde umhergewirbelt, wie Laub im November. Aber mehr noch: Manchem ist in dieser Zeit auch eine Liebe gestorben, so wie es Tom Petty sehr lakonisch in „To Find A Friend“ besingt: „In the Middle of his life - he left his wife.“ Wobei es im Osten eher die Frauen waren, die gingen.
So wird erzählt, zugehört und in die Gesichter geschaut. Der damals Pfiffige ist genau so erfolgreich durch’s Leben gekommen. Die Lachende, Strebsame wurde zur vielfliegendenden Managerin, die hier aufmerksam zuhört. Der Ungelenke ist überraschend zum Sportler mutiert. Aus dem Vor-dem-Abitur-Abgänger ist nun ein abgeklärt wirkender Niederlassungsleiter geworden. Aber auch Unerwartetes ist erkennbar: Bei einem sieht man Bitterkeit im Gesicht, ein anderer ist offensichtlich gesundheitlich beeinträchtigt. Jeder hat seine Geschichte. Aber alle sind offen, unverstellt; horchen in gemeinsam Erlebtes hinein, einige berührt, manche sogar erstaunt über ihre Emotionen.
Die Hahnenkämpfe sind vorbei. Niemand muss sich mehr Sporen verdienen, manche haben sie vielleicht abgelegt, andere maßen ihnen nie eine Bedeutung zu. Das Leben hat Spuren hinterlassen, die Gesichter blieben jedoch neugierig; gleichen jetzt rohem, unbearbeitetem, länger gelagertem und trotzdem in sich arbeitendem Holz. Gleichmäßige Ringe, schöne Maserung, aber auch Streifen, Äste, dunkle Stellen. Ohne Farbanstrich. Ohne Lack.
Wie aus – gewöhnlich gut unterrichteten - Sicherheitskreisen verlautete, kam es am späten Nachmittag des heutigen Tages vor den Botschaften von Ghana und Eritrea in der Berliner Stavangerstraße zu einer nicht angemeldeten Demonstration. Wie sich aus der weiteren Marschroute des Trupps ergab, war auch die Botschaft der Republik Kuba – gleich um die Ecke - betroffen. Die Zahl der Schlendernden, einige mit Schals vermummt, soll bei etwa 40-50, beiderlei Geschlechts, darunter einige dunkelhäutige Personen, gelegen haben. Besonders auffällig aber war die große Anzahl von Kleinkindern, die mit Leuchtkörpern ausgestattet waren und, wohl nur scheinbar, harmlos und ziellos vor sich hin trottelten. Bei genauerem Hinhören sollen aus der sich bewegenden Menge Gesprächsfetzen, Lachen und sogar Singen an das Ohr des Lauschenden gedrungen sein. Besonders interessant für das weitere Profiling war die Tatsache, dass der Name Martin erwähnt wurde. Schließlich, es war nicht zu erkennen ob einer der Vermummten damit begann, war ein Lied zu hören, welches von vielen mitgesungen wurde. Nach Ansicht von Experten handelt es sich bei dem gesungenen Text jedoch um einen Code, denn wie anders lässt er sich sonst erklären: „Ich geh mit meiner Laterne und meine Laterne mit mir.“ Noch mysteriöser wurde die folgende Zeile: „Dort oben leuchten die Sterne, hier unten leuchten wir.“ Besonderes Kopfzerbrechen bereitet der Dechiffrierabteilung jedoch das refrainmäßig auftauchende „Rabimmel, Rabammel, Rabumm“. Nachdem die dubiose Gruppe an den Botschaften vorbei gezogen war, sammelte sich anschließend alles auf einem Spielplatz an einer Ecke der Bornholmer Straße. Während die Erwachsenen, meist 30-40-ig Jährige, munter miteinander plauderten und die Leuchtkörper in Sträucher und Bäume hängten, tollten die Kinder umher. Dabei soll sich dann die in jenen Kreisen so typische, chaotische Stimmung herausgebildet haben. Sicherheitsexperten untersuchen in jede Richtung, können aber zum jetzigen Zeitpunkt auch nicht ausschließen, dass es Kontakte von dieser Zelle, es wäre die erste in Prenzlauer Berg, bis in die Kreise von Al K… geben könnte.
Wie sich nun – bedauerlicherweise sind hier Sicherheitskreise durch einen übereifrigen Informanten auf eine falsche Fährte gelockt worden – im Laufe des Abends durch den, nicht zufällig, vor Ort befindlichen Berlin-Ist. de Reporter heraustellte, handelte es sich bei diesem Vorgang jedoch eindeutig um den fröhlichen Lampionumzug einer Kita-Gruppe am Martinstag.
Immer wieder wird über mangelnde Transparenz geklagt: In der Politik, in der Wirtschaft, ja selbst im Sport und in der Kultur. Ex-Parteivorsitzender K. ließ darüber im unklaren, woher das Spendengeld kam. Minister G. wollte nicht erkennen, wen er in seiner Doktorarbeit verarbeitet hat. Manager H.v.P. war zwar immer für Transparenz, aber in seinem Konzern wurde bestochen, dass die Heide wackelte. Baufirma D. klagt gegen eine undurchsichtige Auftragsvergabe. Kollegin K. kann nicht begreifen, warum er nun Abteilungsleiter geworden ist und nicht sie. Dichter Z. verliert seine letzten Haare, weil die Jury wiederum nicht ihm den lange ersehnten und verdienten Preis zuerkannt hat. Chefredakteur H., siegesgewiss, wird nicht Indendant, sondern die Frau W., dazu noch Ostdeutsche! Bewährter, harter Polizeiführer muss vorerst weiter von seinem neuen Posten träumen. Ergo: Wie viele liegen vor einem Pöstchen auf der Lauer; dann kommt plötzlich ein Dritter aus dem Gebüsch und ist Sieger. Wo liegt die Ursache für all den Gram? Nun: Keiner kennt die Spielregeln richtig, insbesondere aber nicht ihre Auslegung. Das muss nicht sein.
Ganz anders dagegen mein Hausmitbewohner R. Er nimmt das große Eingangstor unseres Mietshauses, in dem eine Menge Leute wohnen, sozusagen als Kirchentür von Wittenberg und schlägt dort, nein Thesen sind’s nicht, sein Vergabepersonaltableau an. Der Herr R. hat wirklich was zu vergeben, nämlich die Leitung von Weihnachtsmärkten in brandenburgischen Städten. Dazu lädt er die Bewerber – einer von ihnen wird dann der Glückliche – zu Personalgesprächen ein. Also 14.00 – Herr B., 14.30 – Frau C., das geht bis abends durch. All das ist fein säuberlich mit Klarnamen auf eine DIN-A4-Seite geschrieben und auf das Eingangstor zur Straße hin geklebt. Seien wir ehrlich: So transparent haben wir uns die Demokratie und die Marktwirtschaft immer erträumt.
Ich gehe nun davon aus, dass R. das Ergebnis seiner umfangreichen Gespräche morgen früh am Tor aushängen wird. Ob die unterlegenen Kandidaten mit einem (öffentlichen) Frühschoppen abgefunden werden, ist noch nicht bekannt.
* Auf evtl. Nachfragen gebe ich vorab bekannt: Selbstverständlich existiert von diesem Aufruf ein Foto. Dieses kann aber leider aus Geheimhaltungsgründen nicht veröffentlicht werden.
Gestern brachten Mark Knopfler und Bob Dylan ihr groß angekündigtes Konzert in der O2-Halle Berlins über die Bühne. Manche werden dies später vielleicht einmal als legendäres Treffen stilisieren. Für mich passt es jedoch haargenau zu diesem Wochenende: Zeit(en)umstellung. Man hörte bei diesem Musikereignis, das faktisch ein Doppelkonzert war, keine Tageshits, sondern Jahre überdauerndes.
In der nahezu ausverkauften Mehrzweckhalle begann Knopfler pünktlich auf die Minute seine wunderbaren Gitarrensoli zu zelebrieren und – gemeinsam mit seiner Band – satten Klangteppiche auszubreiten. Während die ersten drei Titel rythmisch-rockig mit Blues-Elementen daherkamen – es ist einfach ein prägendes Bild und ein wunderbarer Klang, wenn fünf Gitarren zugleich auf der Bühne tätig sind – wurden anschließend einige Songs mit Folkklängen gespielt. Die Zuhörer, insbesondere die Dire Straits-Fans, waren aber doch beglückt, dass dann „Brothers in Arms“ zu hören war. Knopfler, die ganze Zeit sanft und freundlich, spendierte am Ende eine Zugabe.
Nach der Pause erschien Dylan, seine Bandmitglieder mit dunklen, er mit einem hellen Hut und legten sofort los. Mark Knopfler spielte während der ersten vier Titel mit, u.a. bei „It’s all over now, Baby Blue“. Beide agierten zusammen, vermieden es aber, nach vorn an die Rampe zu gehen. Der Abgang Knopflers von der Bühne war dann ein kurzer, davon huschender Schatten. Dylan und seine Band spielten einfach nur großartigen Rock‘n Roll. Daran änderte auch seine krächzende Stimme und der abgehackte Bellgesang, der an einen gereizten, wütenden Dorfköter erinnerte, nichts. Vielleicht wollte er damit nur jene hinausbegleiten, die das Konzert vorzeitig verließen. Fast am Ende gab Dylan dem Publikum mal wieder eine neue Version von „Like a Rolling Stone“ zu Gehör. Warum gefällt mir die ursprüngliche Fassung immer noch am besten? Zum Abschluss stellte Bob Dylan seine Band vor, verbeugte sich mit ihr vor dem jubelnden Publikum und verließ, ohne eine Zugabe zu gewähren, die Bühne.
Die Zeit(en) nagt an den Menschen und ihrem Tun - obwohl man es bei manchen nicht glauben mag. Neben Bob Dylan könnte man dafür auch die Rolling Stones nennen. Im Grunde ist man jedoch dankbar, dass die alten Helden immer noch spielen. Was bleibt? Keith Richards unterschrieb auf dem Bucheinband zu seiner Autobiografie „LIFE“ diesen Satz: „This is the life. Believe it or not. I haven’t forgotten any of it. Thanks+Praises.“ Manchmal muss man nicht glauben, sondern kann sehen oder hören.