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Archiv der Kategorie ‘Gewalt‘

23. September 2013 23:11:51

…Gemeinschaft: Ummah, ein Film, der Spaß macht und für Toleranz wirbt

Der Anfang ist blutig und brutal. Aber es folgt kein schauerliches Gemetzel. Ummah – Unter Freunden ist eine liebenswerte, dramatische, schöne, sympathische Geschichte über Toleranz und Freundschaft.

Daniel Klemm (Frederick Lau) arbeitet als V-Mann für den Verfassungsschutz, als ihn ein Job in Sachsen aus der Bahn wirft. Statt weiter Neonazis zu jagen soll er sich ein paar Monate lang in einer Schutzwohnung in Neukölln regenerieren. Eine unrenovierte, vermüllte Bruchbude, aus der er auch bis zum Ende des Films nichts macht. Dafür erkundet er den Kiez und wird liebevoll in eine migrantische Clique um den umtriebigen Abbas (Kida Khodr Ramadan) und den aus einer eigenen eher düsteren Vergangenheit in die Legalität stolpernden Jamal (Burat Yigit) integriert. Sie nehmen ihn zu einer türkischen Hochzeit im Wedding mit, zum Islamunterricht, in die Teestube und zum Abholen der Kinder in den Kindergarten. Er wird Zeuge der handfesten Diskriminierung von Männern mit dunklen Haaren und dunklen Augen durch die Polizei. Wird irgendwo irgendwem etwas geklaut, ist jeder „Türke oder Araber“ verdächtig. Und die weiße Mehrheitsgesellschaft spart auch nicht mit subtilen Attacken: Genau gegenüber vom Kindergarten klebt ein riesiges Werbeplakat mit einer fast nackten Frau.

Cüneyt Kaya zeichnet in seinem Spielfilmdebüt mit viel Witz und Gefühl ein Portrait einer (oder zweier) Gesellschaft(en), die sich unausweichlich nah und oft doch so fern sind. Die Vorurteile der biodeutschen Beamten spiegeln sich im alten Mann der migrantischen Community, der die Jungen ebenso heftig vor „dem Deutschen“ warnt. Doch die next generation auf beiden Seiten lässt sich nicht davon abhalten, den Versuch friedlich-freundschaftlicher Koexistenz zu wagen. Das Happy End bleibt aus, und doch macht der Film Hoffnung, dass es ein solches geben kann. Wenn man denn nur will …

 
 

 

15. September 2013 10:30:21

… leselustig: Salman Rushdie beim 13. internationalen literaturfestival berlin

Rezensiert man das jüngste Buch von Salman Rushdie als Literatur? Oder als Dokumentation von über Jahre geführten Tagebuchnotizen, Erinnerungen, Groll, Ängsten, Wut, Verzweiflung des Mannes, der die Satanischen Verse schrieb und dafür von einem längst verstorbenen Ayatollah mit einer Fatwa belegt wurde? Schwierige Frage. Denn ist es natürlich verständlich, dass ein junger Schriftsteller, dessen möglicherweise grandiose Karriere mit all dem Glamour, den eine solche mit sich bringt – Einladungen, Preise, Starrummel, Festivals, Geld – massiv ausgebremst wird, verbittert erinnert, wer in all den Jahren sein Feind, und wer sein Freund war. Und dabei hier und da Kritik und Unentschlossenheit – oder auch die Angst – anderer nicht souverän ignoriert, sondern offenbar akribisch notiert, um sie eines Tages in eine Autobiografie einfließen zu lassen, die aber nicht als „Salman Rushdies Memoiren“ erscheint, sondern mit dem fiktionalisierten Titel „Joseph Anton“. Joseph Anton war der Name, den Rushdie wählte, um für seine Personenschützer und andere ansprechbar zu sein in der Zeit, in der er ohne Bodyguards keinen Schritt machen konnte. Konsequenterweise erzählt er nun 720 Seiten lang die Geschichte des Joseph Anton.

Ich muss zugeben, dass mich die Lektüre enttäuschte und ich das Buch über weite Strecken eher langweilig fand. Spannend ist in der Tat die Geschichte seiner Familie, die schwierige Beziehung zum Vater und auch zur Mutter. Öde allerdings sind endloses Names-Dropping – wer wo bei welchem Empfang war, wer welchen Preis bekam oder hätte bekommen oder auch nicht bekommen sollen. Und geradezu unangenehm die zahllosen Einsichten in Rushdies diverse Ehen und die Abrechnung mit all seinen Ehefrauen. Man müsste schon begeisterte Leserin von Bild der Frau oder ähnlicher Blättchen sein, um sich daran ergötzen zu können.

Nach all den schönen Erzählungen und Romanen, die Rushdie in diesen vielen Jahren geschrieben hat – und ich habe fast alle seine Bücher mit großer Begeisterung gelesen, die Mitternachtskinder, Harun und das Meer der Geschichten, Der Boden unter ihren Füßen, Des Mauren letzter Seufzer, Wut, Shalimar der Narr … – erscheint Joseph Anton mehr Pamphlet denn Kunst zu sein. Wie gesagt: Es ist verständlich, dass jemand ein solches Buch schreibt, und doch ist es bedauerlich. Andererseits hat Rushdies schonungslose Offenheit in einer Zeit, in der wir permanent von Blendern umgeben sind, und in der viele erst checken, was man von ihnen hören will, bevor sie etwas sagen, auch etwas Faszinierendes. Überdies wird uns die Absurdität der Geschichte um die Satanischen Verse selbst noch einmal brutal in Erinnerung gerufen.

Insofern ist Rushdies „Autobiografie“ auch ein politisches Signal und ein Aufruf an alle – Leser wie Schreibende – sich nicht einschüchtern zu lassen. Manchmal muss man sich vielleicht im Kleiderschrank verstecken. Wichtig ist aber, dass man auch wieder herauskommt. Dass Salman Rushdie nie aufgehört hat zu schreiben ist ihm unbedingt hoch anzurechnen.

Salman Rushdie, „Joseph Anton – Die Autobiografie in der Übersetzung von Bernhard Robben ist 2012 im C. Bertelsmann Verlag erschienen (720 S., 24,99 Euro). Der Autor ist Gast des internationalen literaturfestivals berlin 2013. Ein Gespräch mit Rushdie und seinem deutschen Übersetzer Bernhard Robben gibt es heute am 15.9. um 11.00 Uhr im Haus der Berliner Festspiele.

 
 

 

8. September 2013 11:33:23

… leselustig: Helon Habila beim 13. internationalen literaturfestival berlin

Nach Waiting for an angel und Measuring time legt der in den USA und Nigeria lebende Helon Habila (Jg. 1967) eine weitere ebenso spannende wie bewegende Geschichte vor. Oil on Water (Öl auf Wasser, Verlag Das Wunderhorn, 2012) handelt von den verheerenden Folgen der Erdölförderung für die Natur, für den Menschen, für die Gesellschaft, und steht als internationaler Bestseller auch hier bereits auf Platz 2 beim Deutschen Krimipreis.

Zusammen mit seinem Idol, dem vom Alkohol zermürbten ehemaligen Starreporter Zak, ist der auf eine Karriere als Journalist hoffende Fotograf (und Ich-Erzähler des Romans) Rufus einer der wenigen Pressevertreter, der der Bitte eines für die Ölindustrie arbeitenden Briten, mit den Kidnappern seiner Frau zu verhandeln, nachkommt. Exklusive Berichterstattung aus den Lagern der Rebellen interessieren die beiden dabei zunächst (scheinbar) mehr, als das Schicksal der entführten Gattin. Doch Zak war immer schon ein Einzelgänger und mutiger Kämpfer, wie wir in den Rückblenden im Lauf des Romans lernen, und Rufus’ Story entwickelt sich völlig anders, als er erwartet: Erst geraten sie in einen Hinterhalt und in die Gefangenschaft des Militärs, dann in den „Schrein“, ein Camp einer religiösen Sekte, die mit der Guerrilla sympathisiert; Zak erkrankt am Dengue-Fieber, Boma, Rufus’ entstellte Schwester – auch sie ein Opfer des Krieges – folgt dem Bruder auf die Insel, und statt Karriere zu machen verliert dieser seinen Job, und verliebt sich in die Krankenschwester Gloria … Derweil fressen die Flammen der Bohrtürme die letzten Wald- und Weideflächen, und lassen Geisterdörfer zurück.

Helon Habila inszeniert seine gesellschaftliche Parabel als Abenteuerroman und Politthriller. Hier und da erinnern die fesselnden Bilder und Beschreibungen an Lohn der Angst, und das ist als Kompliment gemeint! Damit sollte es dem brillanten Erzähler gelingen, ein großes Publikum zu erreichen. Es wäre ihm zu wünschen. Und es wäre wichtig. Das Thema der skrupellosen Ausbeutung der Naturressourcen der Ärmsten ist – im wahrsten Sinn des Wortes – ein brennendes. Nicht nur in Nigeria.

Helon Habila liest am 12.9. um 19.30 im Haus der Berliner Festspiele.

Video: Helon Habila bei den Heidelberger Lesetagen 2012

 
 

 

1. September 2013 12:18:16

… leselustig: Mathias Énard beim 13. internationalen literaturfestival berlin

Mut zum Experimentellen bewies Mathias Énard 2008 mit Zone. Für die sympathische Novelle Erzähl ihnen von Schlachten, Königen und Elefanten erhielt er 2010 den Prix Goncourt des lycéens. Sein Roman Remonter l’Orénoque aus dem Jahr 2005 wurde 2012 von Marion Laine mit Juliette Binouche und Edgar Ramirez unter dem Titel A coeur ouvert verfilmt.

Vielfalt ist also ein Kennzeichen des französischen Autors und aktuellen DAAD-Gastes, der 1972 in Niort/Frankreich geboren wurde und zurzeit in Berlin lebt. So wundert es nicht, dass sein jüngstes Buch eine sehr politische Geschichte um Flucht, Migration und Marginalisierung ist. Sie spielt in Tanger und Barcelona und erzählt von Träumen und Hoffnungen, die sich nie erfüllen werden. Dennoch ist Straße der Diebe kein deprimierendes Buch. Enard scheint existenzialistisch inspiriert: Seine Helden leben dennoch, trotz aller Schicksalsschläge, trotz absurder Verwicklungen, aus denen es kein Entrinnen zu geben scheint.

Sein Protagonist, Lakhdar, der wegen einer jugendlichen Affäre mit seiner Cousine Meryem von seiner Familie verstoßen wird, schließt sich, gemeinsam mit dem naiv-gemütlichen Nachbarssohn Bassam, Sheikh Nourredines „Gruppe für die Verbreitung koranischen Denkens“ an. Doch weitaus weniger radikal als der Jugendfreund, und entsetzt von der fundamentalistischen Gewalt, für die die islamistische Szene steht, wendet er sich bald wieder seinem eigentlichen Ziel zu: Krimis und Europa. Als er die spanische Studentin Judit aus Barcelona kennenlernt, scheint sein Traum wahr werden zu können. Doch illegal in Europa ist keine wirklich Perspektive. So verdingt sich Lakhdar zunächst bei einem französischen Raubkopierer, der seine Leidenschaft für das Genre Noir teilt; dann heuert er auf einer Fähre an, die täglich die Strecke Tanger-Tarifa fährt. Als die Reederei Konkurs anmeldet, und das Schiff den Hafen von Algeciras nicht mehr verlassen darf, wagt Lakhdar endlich den Schritt auf den nahen und doch so fernen Kontinent. Und landet schließlich – ohne Papiere und verfolgt von der Polizei – in Barcelona, in der „Straße der Diebe“. Ob Judit, die mittlerweile zur militanten Aktivistin der Indignados wurde, ihn noch liebt, ist ungewiss. Als Bassam und Sheikh Nourredine aus dem fern gewordenen Orient ebenfalls in Spanien eintreffen, scheint der Showdown fast unausweichlich …

Mathias Énard ist ein wunderbarer Erzähler. Seine Worte und Beschreibungen lassen Menschen, nicht Klischees, vor den Augen der Leserin entstehen. Und darum geht es auch. Straße der Diebe ist ein Appell, wenn es sein muss auch gegen Windmühlenflügel zu kämpfen, und sich dabei nicht zu verlieren. Während Bassam zur Marionette der Islamisten wird, geht Lakhdar einen anderen, besonnenen, ehrlicheren Weg: „Ich bin kein Mörder, ich bin mehr als das. Ich bin kein Marokkaner, kein Franzose, kein Spanier, ich bin mehr als das. Ich bin kein Muslim, ich bin mehr als das. Machen Sie mit mir, was Sie wollen.“

Énard hat eine kluge Parabel über die Kraft der Nachdenklichkeit und den aufrechten Gang geschrieben. Mehr davon , bitte schön.

Mathias Énard liest am 11.9. um 21.00 Uhr beim ilb 2013.

 
 

 

28. Februar 2013 17:36:00

… Kriegsgebiet: Mazeppa an der Komischen Oper

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Am 24. Februar wurde erstmals in Berlin die Tschaikowski Oper Mazeppa in russischer Sprache aufgeführt.
Das Kriegsepos ist musikalisch extrem dynamisch, facettenreich und umwerfend emotional. Henrik Nánási treib das Orchester schnell und präzise durch die Partitur, wobei auch räumliche Effekte (Bläser hinter dem 2. Rang, oder seitlich im Zuschauerraum) überzeugend genutzt werden. Glänzende Sänger und Sängerinnen mit riesigen Stimmen, die einen in Massenszenen geradezu in Sitze drücken ohne dabei das Gespür für sanfte Zwischentöne zu verlieren. Einzig die Hauptfigur Hauptmann Mazeppa verkörpert von Robert Hayward tritt etwas zu gleichbleibend polternd auf, wodurch sein langer Monolog nach der Pause leider merkwürdig hohl wirkt. Dagegen brilliert Asmik Grigorian als Maria vom höchsten Abstahlen bis zum innigsten Pianissimo. Die Hoffnungslosigkeit ihres Wiegenlieds am Ende des Stücks rührt fast zu Tränen.

Die Inszenierung, des erstmals eine Oper gestaltenden Ivo van Hove, ist eher sparsam, was aber im Kontrast zur beinahe übervollen Komposition den richtigen Raum erzeugt, um das eigentlich recht wirre Libetto vollkommen klar und logisch erscheinen zu lassen. Die Geschichte aus der Zarenzeit wird so, ohne sie krampfhaft modernisieren zu wollen, mühelos ins Allgemeingültige aktualisiert. Weil die Oper streckenweise doch eher wie eine russische Glorifizierung des Krieges klingt, setzt Tal Yarden mit seinen kaum auszuhaltenden Videos eine unmissverständliche Haltung entgegen. Reale Szenen, gefilmt mit den Handy-Cams aktiver Soldaten aus kämpfenden Truppen auf der ganzen Welt, werden zu einem auf die Musik geschnittenen Reigen des Grauens zusammengefügt: Folter, Hass, Erniedrigung, Gedankenlosigkeit, Übersprungshandlungen, Sadismus – es könnte nicht drastischer und brutaler sein. So sehr, dass man kaum hinsehen kann. Und doch notwendig, um nicht dem teils ins Kitschige abtriftenden Heldenaufspiel Tschaikowski zu verfallen.

Kritik auf Deutschlandradio Kultur, der ich mich (bis auf die Kritik an den Videos) anschließen kann: drk_20130224_2306_48922d1e.mp3

 
 

Autor:

Magnus Hengge

 

23. Dezember 2011 21:39:32

… ein Kurzkrimi: Lissy’s Sturz

Roy hatte etwas Jungenhaftes und Gutmütiges an sich. Beides war erkennbar in seinem Gesicht vereint. Er nahm das Leben (auch in seinem Beruf als Programmierer, in dem er sehr gut verdiente) so wie es kam. – Dieser Dezembersonntag ließ sich gut für ihn an, denn die Wege waren schneefrei, die Luft feucht, aber nicht kalt. Seiner üblichen Runde mit dem Mountainbike stand also nichts im Wege. Von der Invalidenstraße bog er hinter dem Bundeswirtschaftsministerium auf den Weg entlang des Berlin-Spandauer-Schifffahrts-Kanals ein und fuhr, vorbei an den westwärts der Wasserstraße gelegenen Lagerhallen - teilweise alten, dennoch schönen Klinkerbauten, zwischen denen das Unkraut seit Jahren wuchert – zügig Richtung Wedding. Roy passierte den Invalidenfriedhof und obwohl ihn Geschichte eigentlich kaum interessiert, wollte er sich schon längst einmal mit einigen der auf den Grabsteinen verewigten Namen, mit sehr unterschiedlicher Herkunft, beschäftigen. Dann radelte er an den Vierstöckern in der Kieler Straße vorbei, wo ihn die Drahtgitter der Balkone jedes Mal wieder an die Käfighaltung von Hühnern erinnerten. Schon kamen rechterhand die, selbst heute noch modern wirkenden, Bauten der ehemaligen Schering AG in den Blick. An der Stelle, wo der Weg die Brücke an der Sellerstraße unterquert und zum Wasser hin stark abschüssig wird, fuhr er langsamer. Unmittelbar hinter dem Brückenfundament sprang plötzlich ein vermummter Mann aus dem Gebüsch hervor, stieß ihn mit voller Wucht um, so dass er mit seinem Rad auf den Uferbeton stürzte und beinahe in den trüben Kanal gefallen wäre.

Lissy – Krankenschwester von Beruf – tastete mit beiden Händen vorsichtig Hals und Wirbelsäule des muskulösen Mannes ab. Ihre Hände gingen sehr sanft vor, was mit ihrem Gesichtsausdruck korrespondierte, der beinahe so etwas wie Erleichterung ausstrahlte.“Ich muss trotz des Helmes irgendwas abbekommen haben, kann den Kopf nicht mehr richtig heben“, flüsterte Roy und ein leises Stöhnen erfüllte den Raum, der von Kerzen erleuchtet war. „Wenn ich den Kerl nur erkannt hätte, aber als ich wieder zu mir kam, war er weg.“ Lissy küsste den Nacken des vor ihr liegenden Mannes an verschiedenen Stellen, als ob sie dadurch den Schmerz lokalisieren und lindern wollte. Roy liebte diese aparte Frau mit der sportlichen Gestalt und sie wusste es. Nur ihr deutliches Interesse für schönes Leben und Luxus verstörte ihn manchmal, genauso wie ihr zuweilen rätselhafter oder abwesender Blick. – „Du musst nochmal zum Arzt; wenn der Notarzt auch keine Gehirnerschütterung festgestellt hat – es ist zu riskant - man wird eine MRT-Untersuchung von Hals und Wirbelsäule machen müssen. Wir dürfen“, lächelte Lissy ihren Freund hingebungsvoll an, „unseren Urlaub nicht gefährden – es wird jetzt schwierig, noch einen Termin zu bekommen, aber ich rede mal mit Torsten.“ Roy zuckte bei diesem Namen zusammen. „Ausgerechnet dein Ex, dieser Besserwisser“, kam es aus ihm heraus. Lissy lachte jetzt laut auf. „Er weiß nichts von dir, aber es wird sein letzter Dienst für uns beide. Und vergiss nicht: Torsten ist ein guter Arzt.“ Roy wusste das, aber er ahnte auch, warum Lissy immer noch an diesem Mann hing.

Der Termin im Krankenhaus Friedrichshain kam erwartungsgemäß noch kurzfristig zustande. Die Schwester gab Roy einen Fragebogen zum Ausfüllen und wies anschließend darauf hin, dass die Untersuchung ca. 20 Minuten dauern würde. Außerdem: Da diese Technik - Roy war, immerhin war es neue Medizintechnik der Firma Siemens, über die Aussage der Schwester etwas erstaunt – nicht unerhebliche Geräusche produzieren würde, müsse er während der Untersuchung Ohrstopfen tragen, die ihm die Schwester aushändigte. Als er sich dann auf den Schlitten legte, wurde sein Kopf arretiert und trug nun eine Art Helm. In diesem Moment kam Torsten herein, begrüßte höflich den vor ihm liegenden Patienten und übernahm nun selbst das weitere, während sich die Schwester in das Wochenende verabschiedete. Kurz bevor der Schlitten  in die Anlage, die wie ein offener Rachen auf Nahrung zu warten schien, einfuhr, hörte Roy den Arzt noch fragen: „Haben Sie denn inzwischen etwas über diesen Mann erfahren, der Sie vom Fahrrad gestoßen hat?“ Obwohl Roy die Stimme von Torsten akustisch bereits leicht verzerrt wahrnahm, glaubte er einen ironischen Unterton heraus zu hören. Aber da war er bereits mit seinem Oberkörper in der Maschine.

In den ersten Sekunden war es totenstill. Roy konnte sich nicht bewegen. Es war extrem eng in dieser Röhre und der Abstand von seinem Gesicht bis zur oberen Wandrundung betrug höchstens zehn Zentimeter. Der Mann musste seinem Gehirn befehlen, Ruhe zu bewahren, um seine Platzangst zu überwinden. Dann setzte das rhythmische Klopfen der Maschine, verursacht durch elektromagnetische Wellen und Magnetfelder, ein – es war trotz der Ohrstopfen noch erschreckend laut. Dann änderte sich schlagartig die Frequenz der Klopftöne, aber die Lautstärke war nicht weniger unangenehm. Dann folgte erneut ein Wechsel der Klopfrhythmik.- Roy war angespannt, aber er konnte kein System heraushören und spürte, wie Beklemmung in ihm aufstieg. – Woher wusste dieser Torsten eigentlich von diesem Detail, er hatte in der ärztlichen Voruntersuchung doch einen ganz anderen Grund für den Sturz angegeben?? – Plötzlich hörte Roy die Geräusche kaum noch, etwas anderes, furchtbar Schreckliches erfasste ihn, trieb ihm den Schweiß aus allen Poren und lähmendes Entsetzen befiel ihn …

Torsten und Lissy waren auf dem Weg zum Flughafen Tegel. Sie war, was er natürlich sofort merkte, an diesem Tag in ambivalenter Stimmung. Um sie aufzumuntern, erzählte er ihr von dem Weihnachtsbaum-Kauf für seine Mutter: „Der hatte nur elende Krücken auf seinem Platz zu liegen. Dann hat mir der Verkäufer – ich glaube, ein Pole, während die Bäume aus Dänemark sein sollen, ich glaub’s nicht – einen brauchbaren gezeigt. Die Chefin wollte mir, da ich sie zappeln ließ, 15% Rabatt geben. Ich sag zu ihr, die nehm ich gern, aber der Verkäufer soll mir noch das Stammende dünner hacken, denn der Baumständer meiner Mutter ist ein uralter. Was meinst du, wie die Cheftanne geguckt hat.“ Das waren diese Geschichten, die Torsten liebte und manchmal auch Lissy. – „Hast du sein Konto abgeräumt“, fragte er nach kurzer Pause und sein ebenmäßiges, intelligentes Gesicht blieb völlig regungslos dabei. „Ja“, antwortete sie zögernd und schaute ihn dabei nachdenklich an, was ihrem schönen Gesicht etwas Klassisches verlieh. „Du brauchst keine Angst haben. Da, wo wir hinkommen, hab ich vorgesorgt.“ - „Er ist ein ehrlicher Mensch“, schob Lissy nach. „Und ein Dummkopf dazu“, trompetete ihr Ex-Freund nun plötzlich, sonst hätte er nicht auch noch seine Lebensversicherung zu deinen Gunsten ergänzt.“ Ich muss diese Frau halten, schwor er sich.

In Tegel hatten sie noch etwas Zeit und obwohl sie die Sicherheitskontrollen überzogen fanden und das Getue der dort Beschäftigten ihnen regelmäßig auf die Nerven ging, nahmen sie sich die Zeit, vor dem Abflug noch ein Bier zu trinken, denn die kostenfreie Bewirtung während der Flüge hatte inzwischen ein homöopathisches Niveau erreicht. Lissy schaute aus den Augenwinkeln in Torstens Gesicht. Sie hatte ihn, obgleich ihr nie der Gedanke an Heirat kam, immer bewundert ob seines Selbstbewusstseins, seiner Klugheit, seines sicheren Geschmacks und ein wenig auch wegen seiner Arroganz, die er immer dann zeigte, wenn etwas total von seinem Standard abwich. Dieser Mann, soviel war ihr klar, war rigoros, aber er könnte ihr auch für die Zukunft etwas bieten. Nun, sie hatte sich jetzt entschieden.

Als die Polizei beide am Check-in-Schalter festnahm, ging sein Blick sofort zu ihr. Der Gesichtsausdruck war der gleiche verächtliche wie damals, als ein erfahrener Kollege aus seinem Krankenhaus die einfache Operation verpfuscht hatte, was wirklich niemand für möglich gehalten hätte. „Ich war im Krankenhaus“, entgegnete Lissy fast tonlos. Das war’s dann für dich. Außerdem liebe ich Roy.“

Aufgrund Fluchtgefahr blieben jedoch beide in Untersuchungshaft. Torsten wegen Mordverdacht, zumindest schwerer Körperverletzung in zwei Fällen und Lissy wegen Beihilfe. Dass sich diese schöne Frau in letzter Minute für Roy entschieden und ihn aus dieser MRT-Anlage befreit hatte, belastete sie nun schwer. Der Mann, der sie einmal liebte, hatte sich entschlossen, bei der Polizei zu allen Punkten auszusagen und dabei auch erwähnt, wie sie sich seine finanziellen Ersparnisse erschlichen hatte. Für Lissy, deren gewollt flirrendes Doppelleben zwischen zwei Männern nun zu Ende ging, war all das zum Jahresende ein Sturz aus ungeahnter Höhe.

 
 

Autor:

Jürgen Pahl

 

6. Dezember 2011 21:47:15

… Kaleidoskop des Lebens: „The Family of Man“

Gruppenbildnisse sind insofern etwas besonderes in der Malerei, da sie meist nach Auftrag entstanden und oft Repräsentationszwecken dienen sollten. Die Gemälde geben etwas vom sozialen Status der Dargestellten preis, sind aber auch Hinweis auf die Stellung des Malers und seines Verhältnisses zum Auftraggeber. Manchmal ist jedoch noch mehr zu sehen: So ist RembrandtsDie Anatomie des Dr. Tulp“ eines der interessantesten Gruppendarstellungen in der Malerei überhaupt, denn selten wird der Mensch so anschaulich wie hier zwischen Erkenntnis und Endlichkeit gezeigt. Ein anderes, ebenfalls bekanntes Gruppenbildnis stellt Goyas  - Die Familie Karls des IV“ dar. Der spanische Maler erfasste mit dem Bild offenbar nicht nur den Geschmack, sondern sogar das Wesen dieser damals Mächtigen. Goya hat weder das Imponiergehabe des Königspaares, noch, im besonderen, das Misstrauen, die Eitelkeit, ja Hässlichkeit auf dem Antlitz der Königin und das Kaulquappengesicht des Königs unterschlagen, so dass man sich fragt, wie er mit diesem Gemälde überhaupt die Akzeptanz seiner Auftraggeber erlangen konnte.

Bei Gruppenfotos geht es zunächst einmal um einen Moment, der aber auch wesentliches offenbaren kann. Zwei Beispiele: Das Foto (S. 109) von Arthur Witmann, einem US-amerikanischen Fotografen, zeigt eine Gruppe Menschen in einer offensichtlich unterhaltsamen Veranstaltung. Es bereitet große Freude, auf dieses lebensbejahende Bild zu blicken. Ein zweites Foto sei hier genannt: Vito Fiorenza hat vermutlich (S. 56) eine sizilianische Landarbeiterfamilie abgebildet – zwei Erwachsene und vier Kinder. Die Gesichter des Mannes und der Frau spiegeln große Wahrhaftigkeit und Offenheit wieder, in der Bescheidenheit und zugleich Zuversicht deutlich werden, obwohl die ebenfalls fotografierte Zimmereinrichtung auf ein eher einfaches, karges Leben schließen lässt. Diese Abbildungen und 500 weitere von berühmten, aber auch von weniger bekannten, Fotografen wurden aus tausenden weltweit ausgewählt und in die einmalige Sammlung von Edward Steichen aufgenommen, die er 1955 für eine Ausstellung im The Museum of Modern Art, New York, zusammenstellte. Die Exposition ging danach auf Reisen und ist seit 1994 als Dauerausstellung im Schloss Clervaux (Luxemburg) zu sehen.

Diese Fotos sind aber auch als Bildband (obige Seitenangaben beziehen sich darauf) „The Family of Man“ (zwölfter Nachdruck 2010) erhältlich. Es ist ein großartiges Buch, als Geschenk eine bleibende Erinnerung und seinen Preis von 18,00 € allemal wert! Vielleicht noch erhältlich in der Buchhandlung im Martin-Gropius-Bau bzw. auf Bestellung.

 
 

Autor:

Jürgen Pahl

 

3. April 2011 14:44:01

… ein geeigneter Ort, um nationale Psychosen zu diskutieren: Wende in der arabischen Welt?

wendeinarabien

Schon letzten Sonntag war ich im Haus der Kulturen der Welt zum Podiumsgespräch: „Wende in der arabischen Welt? Arabische und europäische Blicke auf die aktuelle Situation in Nordafrika“. Eingeladen waren viele Gesprächspartner aus ganz verschiedenen Ländern, die durchaus unterschiedliche Lageberichte abgaben, und denen auch sehr verschiedene Themen und Sichtweisen wichtig waren. Allen gemeinsam war allerdings ein realistischer und zuversichtlicher Optimismus, dass es im arabischen Teil der Welt zu einer nachhaltigen Veränderung Richtung Wahrung der Menschenrechte kommen wird. Alle glaubten, dass es zwar viel Zeit brauchen wird, da die Regime in den verschiedenen arabisch geprägten Ländern das „Konzept des Staatsbürgers“ seit Generationen bewusst hintertrieben hätten, und die Menschen deshalb kaum Erfahrung mit dem entsprechenden Gefühlszustand hätten, über den sie auf die Idee kommen könnten, die nationale Regierung für die eigene Miserie verantworlich zu machen, oder etwa zu verlangen, dass innerhalb der Staatsgrenzen Bürgerrechte umgesetzt werden müssten. Aber sie waren sich einig, dass die Mehrheiten nicht hinter die alten Standards zurückfallen wolle, dass es bei aller Verunsicherung in den Ländern auch ein motivierendes Gefühl der Befreiung gäbe.

Interessant war ein Statement von Hisham Matar, der sagte, dass er glaube gerade Berlin sei ein geeigneter Ort, um über die Gefühlslagen in der arabischen Welt zu sprechen. Die Deutschen hätten viel Erfahrung beim Bearbeiten von nationalen Psychosen und wären immer wieder zu ermutigenden Ergebnissen gekommen. Das könne den Arabern nur helfen. Dies quasi bestätigend meldete sich ein Zuhörer aus dem Plenum zu Wort und beschrieb seine persönlichen Empfindungen als arabischer Auswanderer, der schon seit Jahrzehnten in Deutschland lebt, als er wie gebannt vor den Fernsehnachrichten saß und sah, wie sich die Menschen in Tunesien und Ägypten gegen die korrupten Machthaber erhebten. Er sagte, er hätte zum ersten Mal so etwas wie Stolz darauf verspürt, ein Araber zu sein, nachdem es ihm in seinem ganzen bisherigen Leben immer eher peinlich gewesen war, wenngleich er sich bewusst war, dass er als Exilant aus der Ferne nicht mehr als ein Zuschauer war. – Eine Mischung aus Peinlichkeit und Stolz: Vielleicht wirklich gute Arbeitsbedingungen für Deutsche.

 
 

Autor:

Magnus Hengge

 

12. Februar 2011 00:46:44

… Berlinale Panoramablick 3: The Devil’s Double

Filmstill11 Doubles habe Fidel Castro, erzählte mir vor etlichen Jahren ein Freund in Havanna. Keiner wisse, wann er vor dem echten Numero Uno stehe. Vielleicht war das übertrieben, doch vermutlich haben alle wichtigen Herrscher ihre Doppelgänger, und wenn diese Glück haben, bleiben sie am Ende des Regimes ihrer „Herren“ am Leben und können ihre Geschichte erzählen. Wie Latif Yahia, der „Fidai“ des degenerierten, exzessiv koksenden brutalen Sohnes eines brutalen Staatschefs. Yahia schrieb ein Buch über die Zeit, in der aus dem Golfkrieg zurückgekehrte Leutnant gezwungen wird, seine Identität aufzugeben und die des gnadenlos brutalen, egoistischen Uday Hussein zu werden. Uday mordet, vergewaltigt, raubt. Sein Leben dreht sich um schicke Autos, teure Uhren, Frauen … Uday kennt weder Grenzen noch Pardon. Latif hat keine Wahl, als sich mit dem Tyrannen zu arrangieren.
Der neuseeländische Regisseur Lee Tamahori (Die another day¸The Sopranos u.a.) hat mit The Devil’s Double aus dem in zahlreiche Sprachen übersetzten Bestseller einen actionreichen Politthriller gemacht. Grandios ist Dominic Cooper in der Doppelrolle als Uday Hussein und Latif Yahia, spannend das Spiel mit der Doppelidentität: Uday wird zu seinem Vater zitiert und schickt sein Double, das auf Husseins Double (Philip Quast als Sadam Hussein und sein Fidai Faoaz) trifft. Am Ende gibt es das nur in Spielfilmen denkbare Happy End: Alle von Uday gequälten und zur Grausamkeit gezwungenen Zuarbeiter, Helfer, Offiziere … tun sich zusammen und üben Rache. Schrill und psychotisch. Im echten Leben sah das nachher anders aus. Aber wer will schon immer das echte Leben sehen, wenn er/sie ins Kino geht? The Devil’s Double ist keine politische Abrechnung mit dem Regime. Allerdings eine gut gemachte Auseinandersetzung mit dem Schrecken der Macht und menschlichen Grenzen.

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20. März 2010 20:17:23

… bestialisch: Walton Ford im Hamburger Bahnhof – Museum für moderne Kunst


Bula Matari, 1998, Aquarell, Gouache, Tinte und Bleistift auf Papier, 153,7 x 304,5 cm

Wenn ich ein Bild von Walton Ford sehe, stellt sich sofort eine gewisse Irritation ein, weil die innere historische Uhr, die immer versucht das Gesehene in eine Epoche zu packen, auf zwei Jahrhunderte gleichzeitig zeigt. Sehe ich ein historisches Bild aus dem 19. Jahrundert oder ein modernes? Manierierten Historismus oder ein konzeptionelles Gesamtwerk?

Die Sujets des Amerikaners speisen sich aus alten Büchern, Berichten und Briefen, die allesamt das Verhältnis zwischen Mensch und Tier betreffen. Das heute so aktuelle Thema, der unter dem Einfluss des Menschen schwindenden Biodiversität, wird von Walton Ford aus historischer Perspektive erzählt. Er bezieht seine Bilder auf ganz konkrete Vorfälle, in denen (zumindest in der historischen Beschreibung) sehr oft ein Tier als ein individuelles Subjekt mit annähernd menschlichem Charakter auftritt. Die Rolle, die dem Tier zukommt, ist dabei immer eine, in die es vom Menschen gedrängt wurde. Walton Ford bleibt explizit konkret: Er zeigt ein einzelnes Tier, mit seiner Geschichte und seinem Bezug zum Verhalten eines bestimmten Menschen und weist so beispielhaft doch immer auf die Art, bzw. Gattung.

Heute denken wir (automatisch) bei einem Bildnis eines Eisbären an das Schicksal seiner Art in der abtauenden Arktis der Gegenwart. Walton Ford zeigt hingegen einen ganz bestimmten Bären, der in einem historisch dokumentierten Kampf gegen einige Expediteure, radikal und brutal deren Leben verzehrte. Der Bär steht mit bluttriefendem Maul auf den Insignien des Todes und der Vergänglichkeit (Schädel, Sanduhr, zerbrochenen Säbeln) und trotzdem ist es überdeutlich, dass der siegreiche Bär der Verlierer im Lauf der Zeit sein wird. Wir Menschen entziehen ihm die Lebensgrundlage, als hätten wir das Recht uns die Welt (samt Bären) Untertan zu machen.

Die Beziehungen zwischen Tieren und Menschen in Fords Bildern sind allesamt von ungeheurer Brutalität und Gewalt geprägt. Ein zunächst friedlich wirkendes Bild, wie „Bula Matari“ (am Kopf dieses Textes), zeigt bei genauerem Hinsehen ein Tier, im Moment seines bevorstehenden Tod. Es ist dem Menschen auf den Leim gegangen und schleckt nichts ahnend an einer Schussfalle, die zudem mit einer Fotoapparatur verbunden ist, so dass der Moment der Tötung im nächsten Augenblick auch noch dokumentiert sein wird. Hat man die Gerätschaften im Bild entdeckt, erweitert sich die Naturstudie schlagartig zu einem Abbild des (eigenen) menschenlichen Wesens. Man fragt sofort „Wer macht denn so was Abscheuliches?“ und erkennt sich selbst als Teil der Antwort: Menschen machen so was! So wie das Bild des Tieres immer auf seine Gattung verweist, verweisen die Artefakte auf uns Menschen.

So gesehen sind die Bilder altmeisterlich aquarellierte Parabeln auf das bestialische Wesen des Menschen, wobei uns der Spiegel nicht vordergründig moralisch, sondern eher sachlich, dokumentarisch vorgehalten wird. Zusätzlich erscheint eine merkwürdig aktuelle, textliche Ebene in den Bildern: Da sind z.B. in kleinen Kritzeleien an den Bildrändern Botschaften zum wirtschaftlichen Erfolg von Bill Gates zu lesen, als würde hier eine neue Geschichte angerissen, die in 150 Jahren ein anderer illustriert, um die dann zeitgenössische Kunst ebenso herauszufordern, wie es Walton Ford mit unserem ästhetischen Empfinden tut.

Ich stand der Ausstellung „Walton Fords Bestarium“ im Vorfeld eher skeptisch gegenüber, konnte dann aber schnell erkennen, welche enorme Wucht die Bild- und Geschichtenwelt des Walton Ford entwickelt, gerade weil er sich dem üblichen Gestus der Stilmittel der Avantgarde so radikal verwehrt. Auch die kollossale Größe der detaillierten Werke nimmt einen in den Bann, denn die Hingabe mit der sich Ford seiner langwierigen Arbeit widmet, verleit den Bildern in der Rezeption eine fast naive, reine Kraft. Als müsste er die menschliche Schuld, die wir uns in unserer phylogenetischen und stets gewalttätigen Geschichte gegenüber den Tieren aufgeladen haben, durch seinen malerischen „struggle for life“ abarbeiten, schafft er Bilder von mytisch symbolischem Gehalt.

Nur noch bis 25. Mai!!!

Hier noch ein Video-Portrait über das Arbeiten des Künstlers:

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Autor:

Magnus Hengge

 
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