Ach was für ein Fest der zu dick aufgetragenen 70er Jahre Klischees. Thematisch wie stylistisch so frisch wie damals: mit grandioser Ausstattung, grell schattierter Typografie, kitschigen Überblendungen, aufgedonnerten Frisuren und wunderbaren Stoffen. Und singen darf natürlich nicht fehlen. Am Schluss nimmt Madamme ganz Frankreich mit einem ach so schönen Chanson in ihre matriachale Gebärmutter auf: „Ihr seit alle meine Kinder!“ Da schmelzen sogar hartgesottene Kommunisten.
Der gleichnamige Streifen (Oscar für den besten fremdsprachigen Film 2011) läuft dieser Tage in den Berliner Kinos. Die dänische Regisseurin Susanne Bier hat damit einen bewegenden Teilausschnitt der Welt von heute abgeliefert.
Der Arzt Anton (Mikael Persbrandt) absolviert regelmäßig aktiven Dienst in Afrika. In einem Flüchtlingscamp irgendwo im Herzen des Kontinents behandelt er Menschen, die unter den Folgen von Unterernährung, Krankheiten, Folter und anderen Verbrechen leiden. Anton leistet keine Aufbauhilfe, sondern versucht lediglich die Symptome und Folgen dieser, immer mehr aus den Fugen geratenen, Welt für die Armen und Ärmsten in Afrika zu lindern. Parallel wird die Geschichte in Antons Heimat Dänemark erzählt, wohin er nach seinen Einsätzen immer wieder zurückkehrt. Der Arzt lebt getrennt von seiner Frau – ebenfalls Ärztin (Trine Dyrholm). Beide kümmern sich um ihren heranwachsenden, noch zahnspangentragenden Sohn Elias – der in der Schule mit Mobbing konfrontiert wird – ohne ihne wirklich zu erreichen. Dessen, ebenfalls vielleicht zwölfjähriger Freund Christian, hat seine Mutter durch Krebs verloren und wird dadurch in eine tiefe Krise gestürzt, die auch sein Vater (Ulrich Thomsen) anfangs nicht erkennt. Der Junge hat sich eine Schale aus Härte im Einstecken und Austeilen zugelegt, womit er zunächst gewinnt, dann aber beinahe tragisch scheitert. Mikael Persbrandt und Trine Dyrholm spielen mir ihre Rollen am Anfang (zu) glatt, (zu) sehr in sich selbst ruhend. Erst im Ablauf der Geschichte entfaltet sich die Wucht beider Figuren, aber auch der des Vaters von Christian, deutlicher.
Die Kamera führt uns nah an die Gesichter der Menschen, zeigt ihre Not, Hilflosigkeit und Versagen, aber auch das Beharren und den Mut, den jeder irgendwann aufbringen muss, um zu verändern. Die in Dänemark spielenden Szenen zeigen uns Gewalt, wie wir sie auch aus dem deutschen Alltag kennen, nur klingt der Hass (z.B. Hau ab, du schwule, schwedische Sau) dort etwas anders. Etwas arg klischeehaft und daher schwach sind einige Sequenzen aus dem Lehreralltag geraten.
Der pflichtbewusste Anton lebt in diesem Film das Bibelwort, wonach man auch die linke Wange hinhalten soll, wenn man auf die rechte geschlagen wird, vor. Aber im Angesicht des sadistischen Mörders und Bandenchefs, der mit großem Tross in das afrikanische Camp einfällt (erinnert an Szenen aus „Der letzte König von Schottland“ mit Forest Whitaker), weil er nun selbst dringend eine Operation benötigt, verändert sich einiges. Aber auch Antons Verhalten in seiner dänischen Heimat wird von den beiden Jungen und Freunden, die daraus ihre eigenen, dramatischen Schlüsse ziehen, bewertet. Mein Gesamtprädikat für diesen Streifen: Gut.
„Büyük“ heißt „groß“ auf Türkisch, im Gegensatz zu „kücük“, was „klein“ heißt. Ich stelle das voran, weil ich erstens beide Worte schön finde und zweitens nicht genau weiß, warum Seyfi Teomans Berlinale-Beitrag Our Grand Despair„Die große Verzweiflung“ heißt. Eigentlich verzweifelt niemand in diesem Film. Jedenfalls nicht mehr, als jede von uns am Leben verzweifeln kann. Andererseits: Hier stellt ein Eindringling eine eingespielte Situation drastisch auf den Kopf. In die zweisamen Idylle, die sich die nicht erwachsen werden wollenden Singles Ender (Ilker Aksum) und Cetin (Fatih Al) geschaffen haben, platzt die zwanzigjährige Nihal (Günes Sayin). Fikret (Baki Davrak), einst der Dritte im Männerbunde, jetzt in Berlin lebend, vertraut nach dem tragischen Unfalltod der Eltern den beiden (Ex-)Kumpels seine „kleine“ Schwester an. Cetin weiß, wie man sich fühlt, wenn man plötzlich Waise wird: er war acht Jahre, als seine Eltern ebenfalls bei einem Unfall starben. Viel weiter geht sein Einfühlungsvermögen jedoch nicht. Denn die Idee, nach dem Studium zusammenzuziehen und die Kinderfreundschaft weiter zu leben, bedeutet Cetin und Ender viel: hauptsächlich gemeinsames Einkaufen, Kochen und „Chillen“. Sie könnten ein ewig verheiratetes Heteropaar sein. Oder auch schwul. Mit eher gedämpfter Erotik im Alltag, wenngleich ihre Beziehung durchaus eine erotische Komponente hat. Sie haben sich eingerichtet, im tristen Ankara, das keiner von ihnen mehr verlassen möchte: Ankara im Winter, Ankara im Sommer. Die Uhr tickt, aber weder ändert sich der Musikgeschmack der beiden, noch ihre kulinarischen Präferenzen. Das Leben findet offenbar irgendwo anders statt, ohne dass sie das stören würde.
Und dann steht sie vor der Tür: Nihal. Traumatisiert nach dem abrupten Verlust der Kindheit, abgeschoben zu zwei schrulligen Enddreißigern, deren Erfahrungen mit Frauen sich auf kurze Intermezzi während des Studiums beschränken. Fast unnötig zu sagen, dass sie sich in der Schule geschworen haben, sich in die gleiche Frau zu verlieben. Bisher hat das nicht geklappt.
Nihal, die zarte, traurige und doch im richtigen Leben verankerte Zwanzigjährige, wirbelt den emotionalen Dämmstoff nun heftig auf. Nicht nur, dass sie für beide Männer eine große Versuchung darstellt: Sie selbst fühlt sich von ihren beiden neuen „Vätern“ angezogen. Sie sieht in ihnen nicht nur Ersatzbrüder sondern – wie beide überrascht feststellen – auch den Mann.
Ein spannender Film mit einer scheinbar banalen Geschichte. Denn so sensible und zugleich wahrhaftige Männerfiguren sieht man im Kino selten. Nicht, dass Ender und Cetin keine Wünsche hätten. Aber sie empfinden diese in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit, und vor der Realisierung bewahrt sie die Gewissheit, dass es gut ist, wie es ist. Den cineastischen Genuss stört auch nicht die auf halber Strecke dämmernde Erkenntnis, dass dieser Film keinen abrupten Bruch haben wird: Keiner wird den Freund für die Frau aufgeben, und diese wird nicht versuchen, einen von beiden – oder gar beide – zu verführen. Man schaut ihn gern, in all seiner Trivialität. Man fühlt mit der leisen Wehmut der Protagonisten, ihrer Sehnsucht nach den mit der Jugend vergangenen Träumen, dem Sichabfinden mit genau diesem Leben. Irgendwann im Film gibt es eine Studentendemo für bessere Bildung. Ender kommt vorbei und klatscht ein bisschen mit. Aber die Rebellion oder die laute Klage sind seine Sache nicht. Er braucht Cetin, dessen zärtlicher Optimismus ihn immer wieder vor der Verzweiflung bewahrt. Er braucht den Lieblingssessel und viele Bücher im Regal, Ankara im Winter, Ankara im Sommer. Auch Cetin braucht nicht mehr als das. Ein leiser Film, sagt man wohl. Der berührt, obwohl eigentlich nichts passiert.
Mixtapes sind Kult, Nostalgie, Souvenir. Als Mixtape inszeniert der Stockholmeer Journalist und Filmemacher Göran Hugo Olsson eine mitreißende Dokumentation aus Bildmaterial, das jahrzehntelang in den Archiven des schwedischen Fernsehens lagerte. In neun Kapiteln, hinterlegt mit O-Tönen wichtiger Protagonisten der Jahre 1967 – als Martin Luther King, Che Guevara, John F. Kennedy noch lebten – bis 1975, erzählt The Black Power Mixtapedie Geschichte der Black Power Bewegung in den USA. Originalbilder, Reportagen, Interviews und Nachrichtenmaterial komponiert Olsson zu einer spannenden cineastischen Geschichtsstunde vom Feinsten: Angela Davis, Stokely Carmichael, Malcolm X fügen sich in ein Panorama, das weder Anspruch auf Vollständigkeit, noch auf Ausgewogenheit erhebt. In Olssons Chronologie taucht ein Brooklyn der 1970er Jahre auf, das drastisch an das Nachkriegsdeutschland der 1950er erinnert. Martin Luther King hält seine letzte Rede. Bürgerrechts- und Antikriegsbewegung schwappen aus dem schwarzen Ghetto und dem Campus kalifornischer Universitäten in die Welt. 94 Minuten Hoffnung, Aufbruch, Angst, Mut. Vietnam, Rostock, Black Panther, Luis Farrakhans Nation of Islam. The History Channel für Aufgeklärte, Bewusste, Nichtvergessenwollende. Für alle, die politische Dokus lieben.
Eine Stimme zum Verlieben. Eine schöne, starke und unglaublich konsequente Frau. Ein tragisches, trauriges und zugleich viele Menschen glücklich machendes Leben. Miriam Makeba, die erste schwarze Künstlerin aus Südafrika, die internationalen Ruhm erlangte, starb im November 2008 nach einem Konzert in Italien. Mika Kaurismäki hat ihr in einer deutsch-südafrikanisch-finnischen Koproduktion ein würdiges Denkmal gesetzt. Sein neunzigminütiger Dokumentarfilm, den die Sektion Panorama der Berlinale 2011 als Weltpremiere zeigt und der für den diesjährigen Amnesty International Preis nominiert ist, erzählt die Geschichte dieser fantastischen Sängerin und Kämpferin: von den Jahren ihrer Kindheit in Südafrika, von den starken Frauenfiguren, die sie prägten, vom amerikanischen, später guineischen Exil, in dem sie seit 1959 lebte, von ihrer Zeit mit Harry Belafonte, ihren Ehen mit Hugh Masekela und Stokely Carmichael. Zeitzeugen kommen zu Wort, Makebas Lieder erklingen, Archivmaterial knüpft sich zu einer ungewöhnlichen Lebensgeschichte. Wer Miriam Makeba kennt, wird den Film lieben. Wer sie nicht kennt, wird viel über eine Ikone im noch heute aktuellen Kampf gegen Rassismus erfahren, und am Ende verstehen, warum ausgerechnet der Song, der zum Welthit wurde – Pata Pata – das Lied ist, das sie am wenigsten mochte. Mama Africa, einer meiner Favoriten im Panorama.
Mal kein Problemfilm, trotz eines schwierigen Sujets: Lukas (Rick Okon) ist F-to-M, eine Frau auf dem Weg zum Mann. Die Testosteronspritzen haben ihm schon ein Bärtchen produziert, und die Muckis für den virilen Body trainiert er mit Hanteln. Dennoch lebt er im wahrsten Sinn des Wortes zwischen den Geschlechtern: als Zivi im Krankenhaus wird er im Schwesternwohnheim untergebracht, die noch nicht wegoperierten Brüste versucht er mit einer Lederjacke zu tarnen. Ausflüge ins Schwimmbad sind ebenso kritisch, wie sich anbahnende heiße Nächte in Clubs. Seine beste Freundin, Ine (Liv Lisa Fries) ist die einzige, die weiß, was mit ihm geschieht. Als wäre der Alltag noch nicht kompliziert genug, verliebt sich Lukas in den jungen Italiener Fabio (Maximilian Befort), der wiederum sein Schwulsein vor Eltern und Umwelt hinter gekonntem Machogehabe verbirgt. Verwicklungen, Gefühle, Ängste und Spaß prägen Romeos über 94 durchaus tragikomische Filmminuten mit einem witzigen und schönen Ende. Ein gelungenes Spielfilmdebüt der Münchner Regisseurin Sabine Bernardi nach mehreren preisgekrönten Dokumentar- und Kurzfilmen. Eine fantasievolle und filmisch exquisit umgesetzte Art, mit dem immer wieder aktuellen Thema der Geschlechteridentitäten umzugehen.
11 Doubles habe Fidel Castro, erzählte mir vor etlichen Jahren ein Freund in Havanna. Keiner wisse, wann er vor dem echten Numero Uno stehe. Vielleicht war das übertrieben, doch vermutlich haben alle wichtigen Herrscher ihre Doppelgänger, und wenn diese Glück haben, bleiben sie am Ende des Regimes ihrer „Herren“ am Leben und können ihre Geschichte erzählen. Wie Latif Yahia, der „Fidai“ des degenerierten, exzessiv koksenden brutalen Sohnes eines brutalen Staatschefs. Yahia schrieb ein Buch über die Zeit, in der aus dem Golfkrieg zurückgekehrte Leutnant gezwungen wird, seine Identität aufzugeben und die des gnadenlos brutalen, egoistischen Uday Hussein zu werden. Uday mordet, vergewaltigt, raubt. Sein Leben dreht sich um schicke Autos, teure Uhren, Frauen … Uday kennt weder Grenzen noch Pardon. Latif hat keine Wahl, als sich mit dem Tyrannen zu arrangieren.
Der neuseeländische Regisseur Lee Tamahori (Die another day¸The Sopranos u.a.) hat mit The Devil’s Doubleaus dem in zahlreiche Sprachen übersetzten Bestseller einen actionreichen Politthriller gemacht. Grandios ist Dominic Cooper in der Doppelrolle als Uday Hussein und Latif Yahia, spannend das Spiel mit der Doppelidentität: Uday wird zu seinem Vater zitiert und schickt sein Double, das auf Husseins Double (Philip Quast als Sadam Hussein und sein Fidai Faoaz) trifft. Am Ende gibt es das nur in Spielfilmen denkbare Happy End: Alle von Uday gequälten und zur Grausamkeit gezwungenen Zuarbeiter, Helfer, Offiziere … tun sich zusammen und üben Rache. Schrill und psychotisch. Im echten Leben sah das nachher anders aus. Aber wer will schon immer das echte Leben sehen, wenn er/sie ins Kino geht? The Devil’s Double ist keine politische Abrechnung mit dem Regime. Allerdings eine gut gemachte Auseinandersetzung mit dem Schrecken der Macht und menschlichen Grenzen.
Alles ist möglich in Berlusconi-Land. Und so erscheint noch die absurdeste Situation in der kalabrischen Kleinstadt Marina di Sopra denkbar. Nicht zuletzt ein – nun ja, manipulierter – Wahlsieg des neuen Bürgermeisters Cetto La Qualunque (Antonio Albanese), kaum dass er nach vier Jahren „Auszeit“ in Brasilien mit einer schönen Frau, deren Namen er sich nicht merken kann und die er deshalb schlicht „Wiebitte“ (Veronica da Silva) nennt, zu seiner Frau Carmen (Lorenza Indovina) und seinem naiven Sohn Melo (Davide Giordano) zurückkehrt. Denn Gefahr droht von Giovanni de Santis (Salvatore Cantalupo), ein Bürgerrechtsaktivist, der ebenfalls Bürgermeister werden will. Mit ihm sollen Ehrlichkeit und Ordnung in die Stadt einziehen, die Bürger – und zwar alle – sollen Steuern zahlen. Schluss mit Korruption und laissez-faire. Cettos Freunde wollen sich damit nicht abfinden und heuern den „Guru“ Jerry (Sergio Rubini) an, der, unterstützt mit Schmiergeld für schmierige Journalisten und unwillige Wähler, den Heimkehrer zum Spitzenkandidaten und Sieger aufbauen soll. Mit dem Motto „Kümmer dich um deinen Scheiß“ und wirr-witzigen Kommentaren zu allem und nichts beginnt der Wahlkampf. Eine skurrile Posse des römischen Regisseurs Giulio Manfredonia (If I were you), mit viel Humor, netter Musik und schrillbunten Bildern erzählt. Die Figur des dreistdummen Frauenhelden und Geschäftsmanns Cetto La Qualunque schuf Antonio Albanese bereits 2003 für die RAI-Sendung Non c’è problema (Kein Problem). Qualunquemente (Whatsoeverly) ist ein kritisch-unterhaltsamer Kinofilm und eine mehr als sympathische Fortsetzung der TV-Serie auf großer Leinwand.
„Mikhael“, antwortet Laure (Zoé Heran), als die zehnjährige Lisa (Jeanne Disson) fragt, wie sie heiße.Laure möchte lieber Junge als Mädchen sein, und die Tatsache, dass sie mit ihren Eltern und der kleinen Schwester Jeanne (Malonn Lévana) mitten in den Sommerferien in eine neue Stadt zieht, ist ihre Chance. Lisa glaubt ihr – und verliebt sich prompt in Mikhael. Auch die anderen Kinder – Vince (Yohan Véru), Noah (Noah Véru), Cheyenne (Cheyenne Lainé) und Ryan (Ryan Boubekri) haben keine Zweifel. Obwohl das Leben als Junge nicht so simpel ist: Einfach in der Fußballspielpause am Spielfeldrand im Stehen pinkeln geht nicht, und der Besuch im Schwimmbad heißt nicht nur, den Badeanzug zerschneiden, damit er zur Badehose wird, sondern auch aus Knetgummi etwas basteln, das die Hose ausfüllt … Jeanne mit ihren großen Augen und den zauberhaften Locken kommt der großen Schwester auf die Schliche. Doch sie hält dicht. Raffiniert schlägt sie Laure einen Deal vor: sie hält die Klappe, dafür darf sie mit den „Großen“ spielen. Am Ende kommt Laures Scharade doch ans Licht. Céline Sciamma, die für ihr 2007 in Cannes präsentiertes Spielfilmdebüt Unter Wasser, über Kopfden französischen Louis Delluc Preis bekam, ist mit Tomboyein netter Film gelungen. Ein bisschen blass vielleicht, angesichts des durchaus heiklen Themas von Geschlecht und Identität, und irgendwie am Ende ohne Alternative – Mädchen sind Mädchen, Jungs sind Jungs. Doch den mangelnden Tiefgang machen die wunderbaren KinderschauspielerInnen, die für den Film gecastet wurden, mehr als wett. 84 schöne Kinominuten also.
Ein „Frauenfilm“ sei es, rechtfertigte Berlinale-Direktor Dieter Kosslick die Entscheidung, die Filmfestspiele mit einem Western zu eröffnen. Dass er die beiden Drehbuchautoren, das Erfolggespann Joel und Ethan Coen (No Country for Old Men; O Brother Where Art Thou?) gern ins ab heute bis zum 20. Februar festivalbewegte Berlin holen wollte, ist verständlich. Also True Grit, ein Frauenfilm, aber bestellt in der cineastischen Männerabteilung und, trotz einer begabten weiblichen Heldin (die 13jährige Hailee Steinfeld in der Rolle der verwöhnten aber auch mutigen Mattie Ross), beworben mit einem Plakat, das nur männliche Protagonisten kennt: Jeff Bridges (als Whiskey liebender Altersheld Rooster Cogburn), Matt Damon (als texanisches Plaudertäschchen LaBoeuf) und Josh Brolin (als tumb-brutaler Killer Tom Chaney).
„True Grit“ heißt übersetzt so viel wie „echter Schneid“ und ist damit eine originäre Ingredienz der amerikanischen Seele. Der Film – in diesem Jahr für diverse Ocars nominiert und ausdrücklich kein Remake der Produktion mit John Wayne von 1969 – basiert auf einem Fortsetzungsroman von Charles Portis, der 1968 in einer Zeitung namens Saturday Evening Post erschien. Er erzählt die Geschichte des Alpha-Girls Mattie, die loszieht, den Tod ihres Vaters zu rächen. Sie kennt den Mörder – Tom Chaney – und verfolgt ihn gemeinsam mit Marshall Cogburn und dem Texas Ranger LaBoeuf. Der Film hat, nach knapp zwei Stunden mit schönen Bildern und wildwesttauglicher Filmmusik, ein glückliches, und dann noch ein zweites indifferentes Finale. Natürlich endet die richtig gefährliche Jagd des nur unter großen Schwierigkeiten harmonisierenden Mann-Mann-Mädchen-Gespanns wie es sich für einen Hollywood-Western gehört: Die Guten siegen, die Bösen werden mit viel Knallerei erschossen. Und dann gibt es mit einem Fast-Forward von 25 Jahren noch einen Bonus-Track: Die mittlerweile erwachsene Mattie, jetzt eher verhärmt statt provozierend, und wie 59 wirkend obwohl sie rechnerisch erst 39 sein kann, erinnert sich anlässlich einer Rodeo-Roadshow in Memphis an Rooster, der aber leider gerade gestorben ist, und an LaBoeuf, von dem sie nie wieder gehört hat. Mattie ist ledig geblieben. Entweder weil sie zu selbstbewusst war, oder zu schwer, glücklich zu machen. Beides scheint möglich.
Der Eröffnungsfilm der Berlinale – wie bewertet frau ihn nun? Ein verspielter Film? Ein Film für Leute, die Abenteuer mögen und nicht so kritisch hinschauen? Ein Film, der visuell etwas Fantasy und inhaltlich auch Ironie ins Westerngenre holt? Treffende Charaktierisierungen. Es gibt auch ein paar ganz lustige Szenen und Dialoge. Und überflüssigerweise auch abgehackte Finger und andere brutale Nicht-Hingucker („Frauenfilm“?). Dann gibt es vermutlich Zuschauer, die nicht genervt sind, wenn ein Mädel, das nicht bekommt, was es sich gerade ins hübsche Köpfchen gesetzt hat, schmollt oder zickt und, wenn es denn gar nicht anders geht, ein bisschen weint. Ach so, ja: einmal nimmt sie auch die Pistole. Aber leider weiß sie nicht, was man damit so macht. Dafür kann sie Gruselgeschichten am Lagerfeuer erzählen, während der texanische Ranger traurig feststellt, dass es bei ihm zuhause nicht so viel Wasser gibt, wie in Arkansas, und der Marshall ein Seil um sein Waldbett legt, damit ihn die Schlangen nicht beißen.
Nein. Ich erwarte keinen Tiefgang von einem Western. Und da das Genre an sich ja politisch unkorrekt ist, kann ich auch damit leben, dass Mattie, weil sie schon wieder unartig ist, ganz „altmodisch“ mit dem Stock auf den Hintern eine Tracht Prügel bezieht(was die Schauspielerin, so erklärt sie in einem Interview, übrigens witzig fand). Schließlich spielt die Geschichte in der Zeit nach dem amerikanischen Bürgerkrieg. Da war das alles vermutlich so. Last but not least ist es bei Coen-Brürder-Filmen gewiss wie bei Tarantino: Man mag sie (ihn) oder eben nicht. Über all das will ich nicht schreiben. Nur noch so viel: Ich bin sicher, das Etikett Frauenfilm hat Kosslick nur in den Raum geschmissen, damit optimistisch-strahlende weibliche Schönheit mit großer Vorfreude auf einen Film ganz für sie heute Abend über den roten Teppich in den Berlinale-Palast am Potsdamer Platz strömt und die Show beginnen kann. So sei es!