Lesezeichen setzen: RSS Feed abonnieren  Zu del.icio.us hinzufügen Zu Technorati Favoriten hinzufügen Diese Seite zu Mister Wong hinzufügen
Seite 1 von 812345678»

Archiv der Kategorie ‘Kunst‘

9. Mai 2014 18:26:16

… im Licht: Miriam Vlaming mit „Muse“ in der Galerie Martin Mertens

Schon durchs Schaufenster strahlen zwei großformatige Arbeiten nach draußen. Auf beiden Bildern steht eine Gruppe Menschen in gemaltem Licht, doch die Farb- und Raumstimmungen könnten kaum unterschiedlicher sein.

miriam_vlaming_mvmm14_00_stepintothedesert_170x230_14m
Step into the desert (230 x 170 cm)

Die eine Gruppe – eine Familie über drei Generationen – steht im Freien, vielleicht irgendwo im mittleren Westen Amerikas, das Land ist staubig trocken und wie der Boden steht auch die Gruppe unter Spannung. Da ist der „alte Herr“ im Zentrum, links von ihm die Teile der Familie, die sich ihm zugehörig fühlen, seinen Schutz und seine Autorität anerkennen und rechts – etwas abseits – steht der Ausreißer. Ein halbstarker vom Typ James Dean oder Andy Warhol, der den Bruch mit den Traditionen herausfordert. Man spürt es zieht ihn weg vom Land, hinein ins Ungewisse. Seine kleine Schwester hält die Spannung nicht aus, verbirgt ihr vielleicht weinendes Gesicht in den eigenen Händen. Eine Momentaufnahme, die wie eine Familienaufstellung im gleißenden Sonnenlicht wirkt. Ein analysierender Blick durch ein Brennglas zum Thema Ablösung/Befreiung/Selbstwerdung.

miriam_vlaming_mvmm14_009_johnnyrememberme170x210_14m
Johnny remember me (210 x 170 cm)

Die andere Gruppe ist völlig anderer Gestalt. Menschenähnliche Wesen auf einer Bühne – ist das eine kostümverliebte Goth-Rock-Band oder eine Art Totentanz im Zirkuszelt? Im grün-blauen Hintergrund spielen zwei Figuren auf Trommel und Klarinette und von links defilieren zwei Gestalten in die Mitte der Manege, angestrahlte von Scheinwerfern, so dass die Konturen im überzogenen Kontrast verschwimmen. Um sie herum scheint dingliches Licht zu schweben, wie eine Aura durchsetzt mit Lichtflecken von riesigen Glühwürmchen. Diese Gruppe zeigt keinen Konflikt, sondern eine Inszenierung. Eine Art Ritual gemacht für ein Publikum, das der Szene beiwohnen darf.

Auch die anderen Bilder der Ausstellung erscheinen als Spiel mit Licht und Lichtern: Lichtstimmungen, -strahlen, -reflexionen, Überblendungen, Beleuchtungen. Die Farben sind oft strahlend, machmal grell, im Dunklen verschattet aber stets farbig. Sie beleuchten das Ausstellungsmotto „Muse“ mehr mit Blick auf „Liebesbeziehungen“. Paare genießen das Leben, rauchend, tanzend, sich küssend.

miriam_vlaming_mvmm14_005_smokegetsintoyoureyes_170x210m
Smoke gets into your eyes (210 x 170 cm)

Miriam Vlaming setzt oft Personen in ihre Bilder, die aus privaten oder gefundenen Fotos entnommen sind, setzt sie in neue Kontexte, Räume und Beziehungen. Sie spiegelt fremde Leben ins eigene oder andersherum, malt persönlich und doch symbolisierend. Es sieht aus wie zufällige Schnappschüsse und doch verweisen die vielschichtigen Bilder mit ihren gemalten Mehrfachbelichtungen auf wirkungsmächtige Sehnsuchtsmomente, die eine ganze Lebensgeschichte beeinflussen.

Die Ausstellung von Miriam Vlaming in der Galerie Martin Mertens läuft noch bis Ende Juni.

 
 

Autor:

Magnus Hengge

 

23. Februar 2014 19:27:42

… reinen Herzens: Sister Corita in der Circle Culture Gallery

sicter-corita-kent-circle-culture-gallery

Corita Kent war unter dem Namen „Sister Mary Corita“ eine Nonne der katholischen Immaculate Heart Community aus Los Angeles, die als Künstlerin und politische Aktivistin großen Einfluss auf eine bestimmte Richtung der Pop Art hatte. Sie kann als spirituelle Ahn-Herrin von heutigen Gestalter/innen und Künstlerinnen wie Candy Chang, oder – in Bezug auf seine bekehrerischen Arbeiten – auch Stefan Sagmeister gelten, die mit ihrer Arbeit ebenso, wie Sister Corita schon lang vor ihnen, immer wieder an die großen Fragen des Lebens rühren. Mit der Sozialisation als Nonne in einem Orden, der sich der Untadeligkeit verschrieben hat, ist es wenig verwunderlich, dass die missionarische Botschaft hinter allem immer ist: „Tue Gutes!“

Typisch amerikanisch wird das Handeln an sich schon als grundsätzlich positiv bewertet. Es geht vorrangig um die Verbreit(er)ung einer Idee – wenn man es nicht gleich Ideologie nennen will. Passivität als Möglichkeit kommt in dieser „Philosophie“ nicht vor. Die Frage danach, ob dualistisches Denken, das die Welt in Gut und Böse teilt, wirklich so gut ist, wird nicht gestellt.

Immerhin war Sister Corita so breit aktiv, dass ihr Leben, mit dem einer Nonne nicht mehr ganz zu harmonisieren war. Sie trat aus dem Orden aus und gründete eine weltliche Kunst Schule, tat gut daran, Leute wie Alfred Hitchcock, die Eames-Brüder, John Cage und Bucky Fuller einzuladen, und arbeitete im Zeichen der Liebe mit farbenfrohen, halbabstrakten Siebdrucken bis in die 1980er Jahre.

In der Circle Culture Gallery ist jetzt die Retrospektive „Let the sunshine in“ noch bis zum 10. Mai zu sehen.

 
 

Autor:

Magnus Hengge

 

15. Februar 2014 15:34:47

… zerschnitten: ACORN – A Tribute To Yoko Ono mit Performance von Lars Eidinger

lars-eidinger-performt-yoko-ono-cut-berlin

In der Ausstellung und Kunstaktion „ACORN – A Tribute to Yoko Ono“, die gestern Abend vom Projektraum Espace Surpus in der Wallstraße 85 veranstaltet wurde, versammelten sich einige Berliner Künstler/innen, um der großen Dame der Performancekunst eine Hommage zu bereiten. Denn es hat sich rumgesprochen, dass Yoko Ono eine der einflussreichsten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts ist. Viele Künstler/innen fühlen sich inspiriert von ihren oft aus Handlungsanweisungen bestehenden Werken, die die Chance eröffnen, die Welt anders zu erfahren, wenn man tut, wie Yoko es vorschlägt. Es sind Arbeiten mit einer gewissen Nähe zur heutigen Kunsttherapie, die Techniken der paradoxen Intervention und des Reframings einsetzt. Nicht zufällig befruchtet Yoko Onos Denken auch besonders solche Künstler/innen, die das Gefühl haben, die Welt verbessern zu müssen/können. „Zieh deine Hose aus bevor du tanzt“ rät Yoko, Peaches macht es nebst Slow Motion-Video-Dokumentation und das Publikum schaut sich das Filmchen dann an. Wenn es Menschen hilft, mehr sie selbst zu werden, ist das wunderbar – ob das Video spannend ist, ist eine andere Frage.

Schiebt sich hingegen kein weiterer künstlerischer Wille zwischen Yoko Onos Idee und die performative Umsetzung, dann ist plötzlich spürbar, warum Yoko Onos Werk so großer Stellenwert in der Kunstgeschichte zugeschrieben wird. Lars Eidinger, Schauspieler-Star der Schaubühne, bringt Yoko Onos Performance-Klassiker „Cut Piece“ (von 1965) in den Raum – genau so wie sie es selbst einst getan hat. Die Handlungsanweisung ist: „Jede/r im Publikum darf, mit der zur Verfügung gestellten Schere, ein Stück aus der Kleidung des Künstlers schneiden. Immer eine/r nach der/dem anderen.“
Sofort geht der gierige Run los, alle wollen schnell ein Stück an sich reißen, wollen Teil der Kunst werden, wollen den Spirit spüren und vergrößern, wollen etwas haben vom Star. Zunächst ist es ein Spiel mit der Idee des Talisman oder des Fetisch – so wie früher die Menschen eine Locke ihre-r/s geliebten Partner-s/in mitnahmen, wenn sie sich für länger trennen mussten. Vielleicht fragt man sich im Inneren, warum mach ich da eigentlich mit, welcher Trieb bringt mich dazu, einen Fetisch besitzen zu wollen?
Und schnell verändert sich die Situation: Je mehr die Kleidung des Performers zerfleddert wird, je mehr die Nacktheit des entblößten Menschen hervor tritt, desto mehr Voyeurismus macht sich breit, mehr Fotos und Videos werden gemacht und man hört das Getuschel: „Sieht man schon seinen Bauchnabel?“ „Der hat ja auch ein bisschen Wampe.“ „Wer traut sich die Hose aufzuschneiden?“ „Warum machen eigentlich nur Frauen mit?“ „Mal sehen wie weit es geht?“.
Zwischendurch beschleunigt sich die Performance, große Stücke werden eingepackt, und dann, als es an die Unterwäsche geht, wird es plötzlich ganz leise im Raum, die Handlungen kommen allmählich zum Erliegen und im Gegenzug werden die Gedanken angetrieben: „Was haben wir da nur getan?“ „Wir haben diesen Menschen aus unserer Gemeinschaft vertrieben und ihn geschändet.“ „Warum machen wir eigentlich, wie uns gesagt wurde?“ „Warum hilft ihm denn niemand?“
Erleichterung macht sich breit, als Lars Eidinger erkennt, dass wohl nichts weiter passieren wird, und er beschließt die Performance zu beenden. Applaus. „Wen beklatschen wir da eigentlich?“ „Uns in unserer Durchtriebenheit?“ „Lars Eidinger für seinen Mut?“

Der Applaus gilt Yoko Ono, dafür, dass sie uns mal wieder die Augen geöffnet hat – ganz ohne irgendetwas zu erklären und ohne Didaktik – im emotionalen Erleben, das den Geist befeuert.

Die übrigen Arbeiten und Performances, bei denen sich die Künstler/innen auf Yoko Onos Einfluss berufen, lass ich nach dieser Erfahrung lieber unerwähnt.

 
 

Autor:

Magnus Hengge

 

24. Januar 2014 18:22:57

… an der Schwelle zwischen Kunst und Wissenschaft: Pinar Yoldas in der Schering Stiftung

Pinar Yoldas An Ecosystem of Excess

Überall auf unserem Planeten findet sich Plastik. Alle wissen inzwischen von den großen Plastikmüllstrudeln in den Ozeanen, viele davon, dass man selbst in den entlegensten Winkeln der vereisten Hochgebirge Plastikteilchen findet, und manche, dass sogar in jeder menschlichen Zelle Plastiksubstanzen (chemisch erzeugte Polymere) nachweißlich sind. Plastik ist überall, um uns herum, in uns und in allen anderen Wesen dieser Welt. Archäologen werden in 10.000 Jahren das 20. Jahrhundert an einer dicken Plastiksedimentschicht erkennen und diese als Zeitmarker verwenden.

Kunststoffe üben also Evolutionsdruck (Selektionsdruck) auf alle Organismen auf der Erde aus. Mit anderen Worten: Diejenigen Lebensformen, denen es gelingen wird, die Plastikmoleküle zu ihrem Vorteil in ihre Organismen einzubauen, werden sich gegenüber anderen Spezies, die unter dem Plastik leiden, durchsetzen. Schon jetzt wird der Plastikmüll, egal wo er auftritt, von Bakterien besiedelt, die Kolonien und Biofilme darauf bilden. Manche Bakterien haben durch Mutationen auch Fähigkeiten erlangt, Polymere zu zersetzen und umzuwandeln.

Pinar Yoldas Kunst baut positivistisch auf der These auf, dass wir schon bald eine völlig veränderte Fauna auf unserem Planeten haben werden. Neuartige Organkonzepte werden als „Ecosystem of Excess“ auftreten: z.B. zur Verdauung von Plastik (=Plastivoren), zur Wahrnehmung von Plastik (=Plastosensorik) oder zur Reinigung des Plastiks von Schadstoffen (=Petronephros). Tiere werden Plastik „kreativ“ nutzen, vielleicht zur neuartigen Pigmentierung und Färbung des Gefieders oder zum Aufbau von elastischen Exoskeletten. Die in der Schering Stiftung ausgestellten Objekte bilden diese zukünftige Lebenswelt ab, wobei die Werke fast als logische Konsequenzen und nicht als Visionen erscheinen. Soll man davor erschrecken oder sich doch davon beruhigen lassen?

Am nachdenklichsten stimmte mich die quirlige „Plastiksuppe“. In einem Gefäß blubbert, als neuzeitliche Ursuppe, ein Gebräu vor sich hin, das genau in dieser Zusammensetzung als Nebenprodukt (= Abfall) eines ganz normalen Frühstücks entsteht: Der Rest eines Joghurtbechers, der Abrieb eines Schneidbretts, ein Teil einer Zeitungsverpackung, eine Borste einer Zahnbürste usw. – mit all diesem Zeug häufen wir täglich den Nährboden an, für Lebensformen, die uns verdrängen werden.

Pinar Yoldas: An Ecosystem of Excess, noch bis bis 4. Mai 2014
Schering Stiftung, Unter den Linden 32-34, 10117 Berlin, täglich (außer Di und So) 12–19 Uhr. Geöffnet am Sonntag, 4. Mai 2014! Eintritt frei
Eine Ausstellung in Kooperation mit der transmediale 2014 afterglow

 
 

Autor:

Magnus Hengge

 

18. September 2013 21:58:50

… BubeDameKönigAss: 4 Männer Egos in der Neuen Nationalgalerie

Direktor Udo Kittelmann der Neue Nationalgalerie trieb die vier im Projekt „Paintig Forever“ kooperierenden Institutionen zum Thema Malerei. Er wollte unbedingt in seinem Museum zeigen, welche in Berlin entstehende Malerei für aktuelle Großsammlungen angekauft wird. Die Marktdynamik fasziniert ihn und er willigt ein – bewusst oder unbewusst – die Definitionsmacht über die Qualität von Kunst, damit endgültig den Sammlern zu übertragen. Brauchen wir das Museum, um den Menschen zu zeigen, was in großen Sammlungen aufgehäuft wird? Kittelmann glaubt schon. Er meint die Kunstkritik kann nicht übersehen, dass es Künstler gibt, die alleine mehr Geld einspielen, als Staatsmuseen an Jahresetat zur Verfügung haben. Darum kommt man nun nicht daran vorbei im Mies van der Rohe Bau darüber zu staunen, welche Kunstwaren marktkonforme deutsche Maler erzeugen. Unter dem Titel „BubeDameKönigAss“ werden die Künstler-Egos wie Trümpfe ausgespielt: Martin Eder (*1968) Michael Kunze (*1961) Anselm Reyle (*1970) und Thomas Scheibitz (*1968). Diese Ausstellung kann man am besten mit Reizwörtern beschreiben: Es ist geil, schräg, krass, mega-groß, fett und knallig. GELD als Energiequelle für den HYPE, als konstituierendes Merkmal für Kunst. Und es ist tatsächlich mitreißend, wenn man den Ekel überwinden kann, den der Protz erzeugt. Wie wenn man beim Kartenzocken einen Lauf hat.

anselm-reyle-nationalgalerie-2013
Anselm Reyle weiß genau, wie man den Markt bedient und er ist schlau genug haufenweise, meist vermutlich ironisch gemeinte aber doch irgendwie sehr gewissenhaft abgehakte, kunstgeschichtliche Anleihen einzubauen, so dass Kunsthistoriker gleich zu fabulieren anfangen – Ives Klein, Jasper Johns, Jeff Koons, Robert Rauschenberg und natürlich die namensverwandte Bridget Riley – stimmt ja alles! Mit seinem vielköpfigen und arbeitsteiligen Team produziert er Werke in Dimensionen, die über alle Arbeiten der genannten herausragen. In dieser Ausstellung werden nur Bilder gezeigt, aber Reyle arbeitet auch gigantös skulptural und baut Hallen-füllende Environments. Je größer, je besser. Zwei der aktuell wichtigsten Praktiken der Kulturindustrie werden perfekt kombiniert: Remixing und Eventisierung. Ob das Bestand hat ist eigentlich total egal, denn es macht zumindest alle Beteiligten reich.

martin-eder-nationalgalerie
Martin Eder – mal dandyhaft, mal verlebt – ist ebenso geschickt im kombinieren von Reizthemen: völlig überzogen zuckersüßer Kitsch im Clash mit unterkühltem Sex, der wie in Frischhaltefolie abgepackt präsentiert wird. Eigentlich ist es eher beschädigte Geschlechtlichkeit als Sex. Und es wirkt irgendwie krank und fremd – als würde man Asiaten zugucken, die mit der Lupe im Anschlag in den Puff zum Tabledance gehen. Aber diese Bilder kitzeln einen schon im Inneren und sie werfen Fragen auf, die man nicht so leicht beantworten kann. Ist ein putziges Kätzchen nicht einfach unglaublich anziehend schön anzusehen, und noch schöner anzufassen? Will man es nicht sofort auf den Arm nehmen und lieb haben? Genau wie die Mädchen, die man da aus diesen schlimmen Bildern holen will, um sie mit aufgewärmten Frotteehandtüchern zu empfangen? Ist Schönheit noch mehr als ein globalisiertes Kulturgut? Massenkompatibel und kapitalistisch geprägt? Und kann oder soll man sich dem erwehren? Will man das überhaupt? Ich finde dieses Werk spannend!
thomas-scheibitz-nationalgalerie
Thomas Scheibitz ist der konventionellste, gerade noch abstrakt arbeitende Maler in diesem Quartett. Seine Bilder sehen aus, als gehörte er einer anderen – älteren – Generation an, die noch Interesse an in der Kunst selbst liegenden Themen hat. Aber sein Werk ist auch nur im Zusammenhang mit seinen Skulpturen zu verstehen. Die pure Präsentation seiner Malerei erscheint mir sinnlos. Das ist sehr schade, denn als Künstler, der die Spannung zwischen Bild und Skulptur zuspitzen kann, finde ich ihn hoch interessant.

michael-kunze-nationalgalerie

Das Werk von Michael Kunze ist das einzige in dieser Runde, zu dem ich keinen schnellen Zugang finde. Ich versteh diesen dunklen Wimmelkosmos (noch) nicht – aber er vermitteln schon ein starkes Kunstgefühl. An dem hier zu sehenden Bild „Vormittag“ arbeitet er seit den 1990er Jahren kontinuierlich. In solche Kunst muss man sich einarbeiten und nachlesen und die Zeit hab ich derzeit nicht. Jedenfalls macht des Motto „Painting forever“ hier wirklich Sinn.

 
 

Autor:

Magnus Hengge

 

18. September 2013 19:27:21

… unbeabsichtigt gegeneinander: Painting forever – To Paint Is To Love Again – 4 Frauen in der Kunsthalle Deutsche Bank

Im vom Land Berlin finanzierten Projekte „Painting forever“ arbeiten die vier wichtigsten Berliner Kunstinstitutionen zusammen. Das Motto zieht die Aktivitäten von der Berlinischen Galerie, der KunstHalle Deutsche Bank, des KW – Kunstwerke und der Neuen Nationalgalerie während der Berlin Art Week 2013 zusammen. Zwei der Ausstellungen sind zu Gegenpositionen geworden, ohne dass es recht geplant gewesen wäre.

In der Nationalgalerie gibt Direktor Udo Kittelmann Raum für vier äußerst marktkonforme deutsche Künstler. Unter dem genauso spielerischen, wie konsequent sinnlosen Ausstellungstitel „BubeDameKönigAss“ poltern vier konsequent konzeptionierte Monster-Egos einer Generation auf Großformaten: Martin Eder (*1968) Michael Kunze (*1961) Anselm Reyle (*1970) und Thomas Scheibitz (*1968). Natürlich war keiner der Typen bei der Pressekonferenz. (Mehr dazu in einem weiteren Artikel …)

In der KunstHalle Deutsche Bank lässt Kuratorin Eva Scharrer unter dem Titel „To Paint Is To Love Again“ vier Frauen unterschiedlicher Generationen säuseln: Jeanne Mammen, Antje Majewski, Katrin Plavčak und Giovanna Sarti. Sie malen Unsichtbares, Geheimnisvolles, Verborgenes und Ephemeres und standen alle (sofern noch lebend) den Journalisten für Fragen bereit. Man kann diese beiden Ausstellungskonzeptionen nur als Gegenpositionen sehen, die sich leider zuvorderst geschlechtlich verorten lassen, ohne dass sie sich so eigentlich positionieren wollten. Das ist besonders in Bezug auf die weibliche Zusammenstellung schade und ein Problem, denn es verstellt natürlich den Blick für die Kunst der bzw. des einzelnen.

jeannemammen_verheissungeineswinters1975
Jeanne Mammen, Verheißung eines Winters (1975)

Jeanne Mammen (1890–1976) – obwohl in der letzten Ecke der Schau – bildet mit bisher weitgehend unbekannten Arbeiten aus den 1950er – 7oer Jahren den Ausgangspunkt in der KunstHalle. Ihr Spätwerk steht stark in der Tradition von Klee einschließlich der verheißungsvollen Titel: „lyrische Abstraktion“ Symbolismus aus pasteuser Ölfarbe mit eingearbeiteten Glitzereffekten (Stanniolpappierchen von Bonbonverpackungen). Es ist ein trauriger Abgesang gegenüber den kraftvollen, vitalen und treffenden Zeichnungen, die sie in ihrer expressiven Phase z.B. im Simplizissimus veröffentlichen konnte.

Die anderen drei in Berlin lebenden Künstlerinnen haben sich nach eigenen Angaben bewusst auf den Dialog mit Mammens Werk eingelassen. Gefährlich bei einer so schwachen Vorlage.

<br />

Antje Majewski (*1968) spüren Texten des Museumskurators Sebastian Cichocki nach. Sie illustriert Literatur – konkretisiert und kategorisiert Imaginäres. Sie zeigt in ihren Bildern Objekte, die aus bestehenden Wertesystemen. Unter anderem eine Bildreihe mit merkwürdig geformten Hundekörpern. Es sind Miniskulpturen gefertigt aus aus den Resten von Plastikzahnbürsten, die Frauen im KZ Ravensbrück als Geschenke für andere gefertigt haben. Ich bin mir unsicher, ob dabei nicht mehr Zauber verloren geht als geschaffen wird.

katrin-plavcaks-topaintistoloveagain

Katrin Plavčaks (*1970) überträgt aktuelle Themen in den Bereich des leicht Surrealen. Sie arbeitet vielfältig mit Formaten und Materialien und deutlich aus weiblicher interpretativer Sicht.

giovannasarti_struktur

Giovanna Sarti (*1967) erarbeitet ihre Bilder kompositionslos. Im Ergebnis enttäuschend, geht es ihr ums Prozessuale, bei dem durch Handwerklichkeit und technisch bedingte Abfolgen Strukturen und Artefakte entstehen. Das hat man schon tausend Mal gesehen und hier wird leider nichts Interessantes hinzugefügt.

Leider gelang es mir nicht, dem Henry Miller entliehenen Motto der Ausstellung folgend, die Bilder mit dem Blick der Liebe zu betrachten. Ich empfehle die Ausstellung nur Menschen, die diese Fähigkeit besitzen.

(Entweder JavaScript ist nicht aktiviert, oder Sie benutzen eine alte Version von Adobe Flash Player. Installieren Sie bitte den aktuellsten Flash Player. )

 
 

Autor:

Magnus Hengge

 

18. September 2013 14:18:32

… leuchtend: Franz Ackermann – Einzelposition der Berlinischen Galerie zum Gemeinschaftsprojekt Painting Forever zur Berlin Art Week 2013

Franz Ackermann in der Berlinischen Galerie Painting Forever

Thomas Köhler, der Chef der Berlinischen Galerie ist ein Coup gelungen. Seine kuratorische Position „seht her – das findet im Markt statt und es lohnt sich, diese Kunst auch im Museum zu zeigen“ geht auf.

Die 40 Meter lange und 10 Meter hohe Eintrittshalle des Museums für moderne Kunst ist als Gesamtraum von Franz Ackermann zu einem Farbmeer umgestaltet worden, in dessen Leuchtkraft man beinahe zu ersaufen droht. Wäre der Boden der Ausstellung mit dem Titel „Hügel und Zweifel“ auch noch in die Gestaltung eingebunden, gäbe es kein Halten mehr – das Farb- und Formspiel würde einen im vollendeten Environment überfluten. Ackermann entgrenzt das Tafelbild nach allen Regeln der Kunst, in die Fläche und in die Tiefe: flexible Rahmenformen, gestalterische Einbeziehung der Wand rund ums Bild, Abheben des Bildes von der Wand, Schichtung im Bild. Er sucht und findet neue Dimensionen im Spiel zwischen Abstraktion und Figuration. Inhaltlich arbeitet er sich im Spannungsfeld globalisierter Einflussnahmen ab. Der kolonisierende Aspekt des Tourismus, die Spannung zwischen den aufeinandertreffenden armen und reichen Menschen aus kulturell unterschiedlich geprägten Ländern und die dabei auftretenden Schäden. Stilistisch, farblich und vom Materialeinsatz her könnte es kaum aktueller sein. Neonfarben, Foto-Collagen, Alu-Dibond-Konstruktionen um Innenwelten, die an aufgeschnittene Organe erinnern, mit Äußerlichkeiten, die mit architektonischen Elementen visualisiert werden, zu kombinieren. Ein bisschen Neo Rauch reloaded mit großer Nähe zum Design.

Bis bis 31.03.2014.

 
 

Autor:

Magnus Hengge

 

26. Mai 2013 15:19:18

…unbedingt: Martin Kippenberger

<br />

Hamburger Bahnhof. Weltstadt-Niveau? My ass. Bürokraten-Arschlochismus, klassische Variante. Man hat zwei große doppeflüglige Türen zur Verfügung, nutzt jedoch nur einen einzigen schmalen Flügel – sowohl für Ein-als auch Ausgang !! Lange Schlangen hinaus ins Freie und die Treppen hinunter? Auch bei Regen? Scheißegal, Hauptsache die zahlen und verschwinden wieder. Wie man so was professionell und besucher-orientiert macht: kurzer Besuch in London genügt. Man kann aber auch selber drauf kommen…

Hamburger Bahnhof, bis 18. August – MARTIN KIPPENBERGER :  SEHR GUT | VERY GOOD

www.hamburgerbahnhof.de

 
 

 

28. Februar 2013 14:02:27

… unerhört: unmenschliche Musik im HKW

(Entweder JavaScript ist nicht aktiviert, oder Sie benutzen eine alte Version von Adobe Flash Player. Installieren Sie bitte den aktuellsten Flash Player. )

Kann es überhaupt Musik geben, die nicht menschlich ist? Nach landläufiger Meinung ist Musik das kulturell geprägte, menschliche Spiel mit Tönen, Klängen, Rhythmen, Harmonien und Melodien. Wenn dagegen in der Natur Schwingungen auftreten, die zueinander Intervalle, Interfrenzen oder sonstige Strukturen aufweisen, halten wir es für interessante Geräusche. Wir weigern uns, den Gesang einer Amsel als Musik zu begreifen, denn logischer Weise müssten wir dann auch Amseln als Musiker ansehen. Anders, wenn ein Musiker, den Gesang einer Amsel sampelt, mit einigen physikalischen Parametern (rück)koppelt und im Kontext einer Ausstellung oder eines Konzerts abspielt. Hier lassen wir die Technik oder Technologie die menschliche Rolle des Musikers oder Komponisten spielen, da wir grundsätzlich alle technischen Phänomene der kulturellen Sphäre zurechnen. Kommt Geräusch und Technologie im Spiel zusammen, sind wir geneigt, es Musik zu nennen: Kunst-Musik oder zumindest Kultur-Musik.

Das Festival „Unmenschliche Musik – Kompositionen von Maschinen, Tieren und Zufällen“ balancierte genau auf den Grenzen zwischen Technologie, Natur und Kultur und stellt sich in der Form zwischen Ausstellung und Konzert dar. Es bieten sich Begriffspaare wie „performative Installation“ oder „interaktiver Klangraum“ an, um zu beschreiben, was da im Haus der Kulturen der Welt vor sich ging. Klänge auf der Suche nach den Anfängen und Enden der Musik.

Ich habe die Eröffnungsveranstaltung besucht und das Konzert von und mit Nobukazu Tekemura und dabei höchst unterschiedliche Eindrücke gewonnen. Zur Eröffnung ließ …
… Weiterlesen

 
 

Autor:

Magnus Hengge

 

30. Januar 2013 14:38:24

… retrograd: transmediale BWPWAP

transmediale2013_bwpwap_abstimmung
Mit gelben Karten gegen Pluto abstimmen.

Das Akronym BWPWAP (back when pluto was a planet) bezeichnet die Kurzform des diesjährigen, kuratorischen Konzeptes der transmediale 2013. Das Kürzel bildete sich in der Web-Sprache und bezieht sich auf den Statusverlust des Ex-Planeten Pluto, der 2006 demokratisch von offizieller Stelle, der Internationalen Astronomischen Union, zum Zwergplaneten herabgestuft wurde. Eine solche Rekategorisierung geschah übrigens schon öfters in der Geschichte der Astronomie und immer begründet durch neue Erkenntnisse, die alte Annahmen ablösten: Bis ins Jahr 1846 wurden insgesamt 13 Objekte als Planeten bezeichnet. Weil dann aber ab 1847 laufend neue Objekte zwischen Mars und Jupiter entdeckt wurden, führten Astronomen 1851 eine neue Kategorie ein: Die der Asteroiden (Planetoiden). Die Zahl der großen Planeten belief sich danach somit wieder auf acht. Plutos Schicksal ist also kein Einzelfall, was aber neu war 2006 ist, dass es das Internet gab. Global vernetzt und mit sentimentalem Hang erhob sich eine Welle des Mitgefühls für den kleinen verstoßenen Pluto, der in der solaren Großfamilie entrechtet wurde – wo der arme doch eh schon so weit weg von allen ist. Schnief.
Allerdings wurde ihm eine Ersatzfamilie angeboten, deren Chef er nun ist. Zusammengefasst wurden die „Plutoiden“ als Gruppe von trans-neptunischen Zwergplaneten, die jenseits von Neptun, dem
letzten Riesen im Sonnensystem, auf vereierten Bahnen umherschwirren.

Nun warum taugt diese Geschichte als Background für die transmediale 2013? Weil es im Kern um die Änderung der Perspektive geht, von der aus man etwas betrachtet und kategorisiert. Außerdem ist die Gesellschaft darauf angewiesen, sich den wertenden Blick von Experten ausrichten zu lassen, die den nicht-Experten sagen, wie ein Objekt oder ein Konzept einzuordnen und zu begreifen ist. In der Welt der Kunst leicht nachzuvollziehen durch die beliebte Frage „Ist das Kunst oder kann das weg?“, die nur von Sachverständigen, oder besser noch vom Erzeuger/Künstler selbst, zweifelsfrei geklärt werden kann. Und wo ein Experte eine Meinung vertritt, findet sich garantiert ein anderer Experte, der das genaue Gegenteil vertritt. In der Kunst wie in der Wissenschaft ist das der Normalfall, und in beiden Welten entscheidet mittelfristig die Zeit darüber, wer Recht hat. Landet ein umstrittenes Kunstwerk im Museum, weil es z.B. einen nachhaltigen Einfluss auf andere Künstler hatte, und bestätigt sich eine wissenschaftliche These durch die Forschungen nachfolgender Experimente? Beides kann der Fall sein und beides kann später widerlegt werden. In vielen Museen wird irgendwann aussortiert und weggeworfen, weil die zeitgenössische Kultur nichts mehr mit dem vormals gesammelten anfangen kann, und viele als gefestigt geltende wissenschaftliche Thesen wurden nach Jahrzehnten falsifiziert.

Dies alles wäre eine wunderbare kulturwissenschaftliche Basis, um darüber eine fantastische Ausstellung zu organisieren, doch leider erfüllt die transmediale 2013 BWPWAP diese Erwartung in keinster Weise. Es werden keine Perspektivwechsel erlebbar, keine Neuordnungen vorgenommen und keine inhaltlichen Diskussionen geführt, sondern es wird eine sentimentale und belanglose Sammlung von Retro-Kunst gezeigt. Kopierer, Kassettenrecorder und Fax-Geräte dürfen noch mal reüssieren, wobei man sagen muss, dass die Projekte in Form und Inhalt lange nicht an diejenigen herankommen, die zu Zeiten gemacht wurden, als die Apparate erfunden wurden und neue Möglichkeiten boten. Es scheint, dass der Blick nach vorn in einer zunehmend komplexen Welt immer weniger attraktiv ist und Künstler statt dessen lieber zurück zum analogen Low-Tech flüchten. Es ist eine mitfühlende Hinwendung zum alten Gerümpel, das nutzlos geworden scheint, aber im Blick der Künstler doch noch zu so vielem taugt. Natürlich ist auch das in gewisser Weise ein Perspektivwechsel, doch erfolgt dies spürbar im Gefühl, selbst in der rasenden technologischen Entwicklung der Welt zu unwichtigem Staub zermahlen zu werden. Genau wie das weltweit geäußerte Mitgefühl für den herabgestuften Pluto, entsteht beim Besuch der Ausstellung eher Mitleid für die Künstler, die sich quasi selber degradieren. Das Abwenden vom Neuen, könnte man allenfalls als anti-konsumistische Haltung verstehen, um aus dem Vorhandenen im Sinne der Ressourcenschonung zu schöpfen, doch auch davon ist nicht zu sehen.

In der Eröffnungsveranstaltung hingegen wurde von den Vortragenden ein ganz wunderbarer Moment der kulturellen Umdeutung inszeniert. Das Für und Wider der neuen oder alten Plutobetrachtung wurde exemplarisch durchexerziert und am Schluss durfte das Auditorium über den stellaren Status Plutos abstimmen (quasi in einer Art Reenactment zur IAU-Abstimmung von 2006): Die vorbereitete Resulotion zielte auf die Wiederherstellung des Planetenstauts für Pluto und der künstlerische Leiter der transmediale Kristoffer Gansing schien sich siegessicher. Doch es kam anders: Mit klarer Mehrheit wurde die Resolution abgelehnt. Das Publikum will nicht zurück, es will voran!

Bisher war ich manchmal der Meinung, der kuratorische Überbau zu transmedialischen Unternehmungen irrlichtere im Abwegigen, wobei sich die Kunst davon nicht all zu sehr verleiten ließ. Diesmal scheint es anders herum: Die Konzeption eröffnet einen höchst interessanten Raum, den die Kunst nicht zu bespielen vermag.

Website der transmediale 2013 BWPWAP

 
 

Autor:

Magnus Hengge

 
Seite 1 von 812345678»

Letzte Beiträge

 

Themen

 

Berliner Bezirke

 

Beitragsarchiv

Suche

 

Text ohne Takt
von Joachim A. Buroh

4. Juli 2014

… unerhört

nicht in der Leitung
bleiben
durchs Bild
gehen und
lauter
schreiben

 
 

6. Januar 2014

… Tagesform

<br />

 
 

23. November 2013

… am Zug

U1 – U4

 
 
 
Berliner Ratschlag für Demokratie