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Archiv der Kategorie ‘Literatur‘

21. September 2009 09:19:05

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Im neuen Brenner, dem siebten – und den sollte es eigentlich gar nicht geben, denn der Autor hatte angekündigt, nach dem sechsten, Das ewige Leben, sei Schluss und es gebe keine weiteren Brenners; wir dürfen aber annehmen, dass der Brenner ganz einfach von Wolf Haas, dem Autor, sozusagen Besitz ergriffen hat und der Haas anders gar nicht mehr konnte als weiterschreiben; und wenn man den siebten, Der Brenner und der Liebe Gott, gelesen hat, versteht man das sofort – im neuen Brenner also gibt es eine Menge Neues, zum Beispiel die der deutschen Sprache bisher nicht recht bekannten oder zumindest nicht bewussten Begriffe Aufwachdusel, Ewigkeitsmücke, Lebensrostschüssel, Stänkerlautstärke, Bierkistenintrige und – Achtung! – Testgauner !!! Testgauner ist auf Seite 78, und da steckt der Brenner – inzwischen Chauffeur beim Industriellen Kressdorf, dessen kleine Tochter er andauernd von Wien nach München bzw. zurück fahren muss; auf Seite 78 allerdings ist er dann schon nicht mehr Chauffeur, weil er da bereits gefeuert wurde, man hatte ihm nämlich die kleine Helena aus dem BMW entführt – also da steckt der Brenner in einem echten Schlamassel, aus dem er erst nach vielen Mühen und sieben Toten wieder herausfindet, frage nicht (wie der Wolf Haas, der Autor, das gerne hier und da dran setzt ans Satzende, damit wir nicht fragen; oder „Aber jetzt pass auf, weil das ist interessant!“, bevor was Interessantes kommt, obwohl eigentlich nie was nicht Interessantes kommt.
Natürlich hat’s auch Philosophisches wie immer beim Brenner, etwa da … Weiterlesen

 
 

Kategorie:

Gewalt | Literatur

 

12. März 2009 19:17:18

… Daniela Comani bei Laura Mars: Gender-Interventionen ganz ohne Geschlechterkampf

Das muss man gelesen haben: „Die Frau ohne Eigenschaften“ von Robert Musil.

Daniela Comani stellt in der Galerie Laura Mars „Neuerscheinungen“ aus. Zu sehen sind eine Menge Buchtitel, die alle einen winzigen Unterschied gegenüber den Originalen haben: Alle Angaben in den Buchtiteln, die sich auf das Geschlecht beziehen wurden umgedreht. Die technisch perfekten Manipulationen sind meist kaum zu bemerken, doch man hat immer das Gefühl, etwas stimmt nicht mit den abgebildeten Büchern, die zusammen so etwas wie den Kanon der Weltliteratur abgeben. Für mich erstaunlich ist, dass die zunächst banal erscheinende Umkehrung, doch eine sehr große Wirkung entfacht. Man fragt sich natürlich sofort, was Musil über „die Frau ohne Eigenschaften“ geschrieben hätte, was „Monsieur Bovary“ erlebt hätte, ob Hemingways Geschichte über die „Old Woman and the Sea“ auch eine Geschichte einer Anglerin geworden wäre, im Kampf um den Marlin und gegen die Kraft der Natur. Es ist nur der berühmte kleine Unterschied und schon steht die Weltliteratur kopf. Kleine Manipulation – große Wirkung.

Leider schon fast wieder vorbei: Noch bis 14. März 2009 bei LAURA MARS GRP.
Sorauer Str. 3, 10997 Berlin

 
 

Autor:

Magnus Hengge

 

5. Januar 2009 00:36:36

… zitiert: Sätze der Jahreswende

Zwei Sprüche, auf die ich in der letzten Zeit gestoßen bin, blieben mir im Sinn:

„Das sehe ich erst, wenn ich es glaube.“
Aus Brooklyn Revue von Paul Auster.

„Dass der Mensch nach dem Bilde Gottes geschaffen wurde, bedeutet in Wirklichkeit, dass Gott nach dem Bilde des Menschen geschaffen wurde“.
Sinngemäß ein Aphorismus von Georg Christoph Lichtenberg aus Marcel Reich-Ranickis Mein Leben.

Auch die letzte besinnliche Weihnachtszeit hat wohl keinen Gläubigen aus mir gemacht.

 
 

Autor:

Magnus Hengge

Kategorie:

Alltägliches | Literatur

 

12. Dezember 2008 15:24:55

… nicht respektabel: Jamie Oliver im Gespräch mit Denis Scheck über Vegetarismus

Jamie Oliver und Denis Scheck im Gespräch in der Sendung druckfrisch

Am Montag Abend zeigte Denis Scheck in seiner ARD Literatur-Sendung druckfrisch ein Bild (ein ausblutendes Wildschwein, das Oliver mit dem Papa des kleinen Mädchens geschossen hat, deren Planschbecken als Auffangwanne für das Blut genommen wird), aus dem neuen Jamie Oliver-Buch „Jamie’s Kochschule – Jeder kann kochen“ und sagt dazu: „Was mir an Ihren Kochbüchern so imponiert ist zum Beispiel auf diesem wunderbaren Foto zu sehen. Mit solchen Bildern stürmen Sie gegen unsere kulinarische Amnesie an, gegen die Entfremdung von unserem Essen, und holen es zurück ins wirkliche Leben.“

Diese Aussage ist schon recht merkwürdig, weil Scheck sagt, man müsse unser Essen zurück ins wirkliche Leben holen. Als ob man außerhalb des wirklichen Lebens essen könnte. Ich nehme an er will sagen, dass er es begrüßen würde, wenn wir (Menschen in den postindustrialisierten Ländern) die Essensproduktion (sähen, ernten, füttern, schlachten) in unser unmittelbares Erleben brächten, und somit eine wirkliche Beziehung zu dem hätten, was wir essen. Das ist ein Ansatz, der mir sehr nahe ist und auch ich habe diesen Wunsch.

Was Jamie Oliver dann antwortet ist allerdings genau das Gegenteil dessen, was ich mir unter einem Ansturm gegen die Amnesie vorstelle. Nachdem er erzählt hat, wie er diesen „Zurück zur Natur Ansatz“ versucht zu leben, erklärt er warum er nur vor HardCore-Vegetariern Respekt und Hochachtung habe, nämlich weil … Weiterlesen

 
 

Autor:

Magnus Hengge

 

1. September 2008 10:09:08

… erpressbar: Alfred Hellmann zockt überzeugend Kaufhäuser ab

Alfed Hellmann Vor den Hymnen Berlin Krimi

Kaufhauserpressung scheint sich wirklich zu lohnen! Glaubt man Alfred Hellmanns neuem Berlin-Krimi VOR DEN HYMNEN, so fließen Milllionenbeträge, die von den Unternehmen gezahlt werden – denn es gibt Versicherungen dagegen, und der Rufschaden kann enorm sein.
Um den Verlust der Berliner Sontexa-Versicherung in Grenzen zu halten und vor allen Dingen seine Stellung im Unternehmen zu festigen, hat sich der ehrgeizige Johann Widera etwas besonderes einfallen lassen: Er heuert eine Söldnertruppe an, die Erpressern auf die Finger klopft. Dass die Aktion aus dem Ruder läuft, ein Mann erschossen wird und die Polizei auf merkwürdige Zusammenhänge stößt, macht dem Maseratifahrer Widera das Leben schwer. Besonders unangenehm wird es, als Kriminalhauptkommisar Viktor Land von der 9. Mordkommission auf die Sache angesetzt wird, denn Land denkt über den Tellerrand hinaus, wittert Zusammenhänge, wo andere gar nichts sehen, scheut nicht vor Konfrontationen mit Vorgesetzten zurück, und bleibt auch an einem Ball, der ins Abseits zu kullern scheint. So stößt er etwa … … Weiterlesen

 
 

 

16. Juni 2008 18:39:24

… gar nicht weit fort: Cornelia Schleime lässt uns in die Psyche eines Stasi-Opfers eintauchen

Cornelia Schleime: Weit fort
Das pure Buch: Bucheinschläge werden von Frau Giersdorf ja sofort konfisziert und entsorgt.

Der Roman „Weit fort“ von Cornelia Schleime, bekannt als Malerin, ist das Buch einer in Bilder denkenden Frau, für die eine gefundene Metapher genauso real erlebbar ist, wie das Haptische, das Gefühlte oder das Gesprochene. Ihre überbordend bildhafte und symbolistische Sprache ist hemmungslos kitschig, weil es für sie keinen Grund gibt, warum man nicht zu kitschigen Gefühlen oder Bildern stehen sollte. Es ist dann halt so, wie es ist, wenn es einen mitreißt. Kennt man ja aus dem eigenen Leben.

Anfänglich tut man sich schwer mit diesem gefühlsechten Text, doch die Geschichte ist so gut, sensibel und zwischenmenschlich analytisch, dass sie einen … … Weiterlesen

 
 

Autor:

Magnus Hengge

 

30. März 2008 14:26:11

… kriminell satirisch: Rob Alef – Das magische Jahr

Rob Alef Das magische JahrDie Revolution hat gesiegt, es ist Sozialismus, im größten Kindertheater Berlins am Winterfeldtplatz geben sie „Kasperle und der Mehrwert“, an jeder Straßenecke der Stadt stehen lebende Wegweiser, die Informationen hinausposaunen, sobald sich Passanten nähern. So rückt man der Arbeitslosigkeit zu Leibe, und alles wäre gut, würde da nicht einer kurz vor der Feier zum Jubiläum der Revolte reihenweise Leute umbringen, die einstens, im magischen Jahr 1968 zum engen Kreis des Revolutionsführers Richard Dubinski gehörten. Hauptkommissar Pachulke macht sich an die Arbeit, seine Kollegin Zabriskie quält sich mit einer Wasserleiche aus dem Landwehrkanal herum. Es ist Juni, es schneit, der Müggelsee ist zugefroren.
Der Roman „Das magische Jahr“ von Rob Alef ist – man wird sich’s denken können – eine … … Weiterlesen

 
 

 

22. Februar 2008 11:38:25

… introspektiv: Das Treiben der Volksvertreter

Roman: Nicht die ganze Wahrheit von Dirk Kurbjuweit

SPIEGEL-Redakteur Dirk Kurbjuweit lässt in seinem neuen Roman Nicht die ganze Wahrheit einen Detektiv los, Arthur Koenen, „spezialisiert auf Ehebruch und den Zoo am Bahnhof Zoo“. Wir dürfen also einen Kriminalroman vermuten, sind auch nicht weiter verblüfft – im Krimi geht heutzutage viel –, als Koenen uns erst einmal unschöne Wahrheiten unterjubelt wie „Die Zivilisierung des Menschen ist nicht abgeschlossen, solange es den Trieb gibt. Der Trieb macht uns irgendwann zu Barbaren, mehr oder weniger“. Dann kommt aber doch alles ganz anders. Wir werden sozusagen aus dem Tiergarten des gemeinen Verbrechens – das einzige verübt auch noch der Detektiv – auf die Wiese vor den Reichstag mit Blick auf das Treiben der Volksvertreter geführt, wo Arthur Koenen all unser schabloniertes Denken über Detektive über den Haufen wirft und im Gegenzug unsere Vorurteile über Politiker (männlich) und die dahingeschiedene Rot-Grüne-Koalition um ihre Häuptlinge Schröder und Fischer bestätigt.

Koenen übernimmt nämlich den Auftrag, den sozialdemokratischen Fraktionsvorsitzenden Leo Schilf auf eine mögliche Affäre hin zu beobachten. Die hat Schilf tatsächlich und zwar mit der jungen rebellischen Abgeordneten Anna Tauert; die Affäre ist schön, sie ist intensiv, sie könnte zur echten Liebe werden, aber da sind Tradition, Karrieredenken und Parteiräson vor, und Anna muss sich eins ums andere mal fragen, warum sie im Leben Leo Schilfs nicht vorkommen soll und darf. Wir wissen all das, weil unser Detektiv sich die E-Mail-Korrespondenz der beiden erschlichen hat, obwohl er sich „in fremden Wohnungen nicht mag“. Nun rafft er sich zu einer unerhörten Tat auf, wie wir sie … … Weiterlesen

 
 

 

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