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Archiv der Kategorie ‘Performance‘

23. Februar 2014 19:27:42

… reinen Herzens: Sister Corita in der Circle Culture Gallery

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Corita Kent war unter dem Namen „Sister Mary Corita“ eine Nonne der katholischen Immaculate Heart Community aus Los Angeles, die als Künstlerin und politische Aktivistin großen Einfluss auf eine bestimmte Richtung der Pop Art hatte. Sie kann als spirituelle Ahn-Herrin von heutigen Gestalter/innen und Künstlerinnen wie Candy Chang, oder – in Bezug auf seine bekehrerischen Arbeiten – auch Stefan Sagmeister gelten, die mit ihrer Arbeit ebenso, wie Sister Corita schon lang vor ihnen, immer wieder an die großen Fragen des Lebens rühren. Mit der Sozialisation als Nonne in einem Orden, der sich der Untadeligkeit verschrieben hat, ist es wenig verwunderlich, dass die missionarische Botschaft hinter allem immer ist: „Tue Gutes!“

Typisch amerikanisch wird das Handeln an sich schon als grundsätzlich positiv bewertet. Es geht vorrangig um die Verbreit(er)ung einer Idee – wenn man es nicht gleich Ideologie nennen will. Passivität als Möglichkeit kommt in dieser „Philosophie“ nicht vor. Die Frage danach, ob dualistisches Denken, das die Welt in Gut und Böse teilt, wirklich so gut ist, wird nicht gestellt.

Immerhin war Sister Corita so breit aktiv, dass ihr Leben, mit dem einer Nonne nicht mehr ganz zu harmonisieren war. Sie trat aus dem Orden aus und gründete eine weltliche Kunst Schule, tat gut daran, Leute wie Alfred Hitchcock, die Eames-Brüder, John Cage und Bucky Fuller einzuladen, und arbeitete im Zeichen der Liebe mit farbenfrohen, halbabstrakten Siebdrucken bis in die 1980er Jahre.

In der Circle Culture Gallery ist jetzt die Retrospektive „Let the sunshine in“ noch bis zum 10. Mai zu sehen.

 
 

Autor:

Magnus Hengge

 

15. Februar 2014 15:34:47

… zerschnitten: ACORN – A Tribute To Yoko Ono mit Performance von Lars Eidinger

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In der Ausstellung und Kunstaktion „ACORN – A Tribute to Yoko Ono“, die gestern Abend vom Projektraum Espace Surpus in der Wallstraße 85 veranstaltet wurde, versammelten sich einige Berliner Künstler/innen, um der großen Dame der Performancekunst eine Hommage zu bereiten. Denn es hat sich rumgesprochen, dass Yoko Ono eine der einflussreichsten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts ist. Viele Künstler/innen fühlen sich inspiriert von ihren oft aus Handlungsanweisungen bestehenden Werken, die die Chance eröffnen, die Welt anders zu erfahren, wenn man tut, wie Yoko es vorschlägt. Es sind Arbeiten mit einer gewissen Nähe zur heutigen Kunsttherapie, die Techniken der paradoxen Intervention und des Reframings einsetzt. Nicht zufällig befruchtet Yoko Onos Denken auch besonders solche Künstler/innen, die das Gefühl haben, die Welt verbessern zu müssen/können. „Zieh deine Hose aus bevor du tanzt“ rät Yoko, Peaches macht es nebst Slow Motion-Video-Dokumentation und das Publikum schaut sich das Filmchen dann an. Wenn es Menschen hilft, mehr sie selbst zu werden, ist das wunderbar – ob das Video spannend ist, ist eine andere Frage.

Schiebt sich hingegen kein weiterer künstlerischer Wille zwischen Yoko Onos Idee und die performative Umsetzung, dann ist plötzlich spürbar, warum Yoko Onos Werk so großer Stellenwert in der Kunstgeschichte zugeschrieben wird. Lars Eidinger, Schauspieler-Star der Schaubühne, bringt Yoko Onos Performance-Klassiker „Cut Piece“ (von 1965) in den Raum – genau so wie sie es selbst einst getan hat. Die Handlungsanweisung ist: „Jede/r im Publikum darf, mit der zur Verfügung gestellten Schere, ein Stück aus der Kleidung des Künstlers schneiden. Immer eine/r nach der/dem anderen.“
Sofort geht der gierige Run los, alle wollen schnell ein Stück an sich reißen, wollen Teil der Kunst werden, wollen den Spirit spüren und vergrößern, wollen etwas haben vom Star. Zunächst ist es ein Spiel mit der Idee des Talisman oder des Fetisch – so wie früher die Menschen eine Locke ihre-r/s geliebten Partner-s/in mitnahmen, wenn sie sich für länger trennen mussten. Vielleicht fragt man sich im Inneren, warum mach ich da eigentlich mit, welcher Trieb bringt mich dazu, einen Fetisch besitzen zu wollen?
Und schnell verändert sich die Situation: Je mehr die Kleidung des Performers zerfleddert wird, je mehr die Nacktheit des entblößten Menschen hervor tritt, desto mehr Voyeurismus macht sich breit, mehr Fotos und Videos werden gemacht und man hört das Getuschel: „Sieht man schon seinen Bauchnabel?“ „Der hat ja auch ein bisschen Wampe.“ „Wer traut sich die Hose aufzuschneiden?“ „Warum machen eigentlich nur Frauen mit?“ „Mal sehen wie weit es geht?“.
Zwischendurch beschleunigt sich die Performance, große Stücke werden eingepackt, und dann, als es an die Unterwäsche geht, wird es plötzlich ganz leise im Raum, die Handlungen kommen allmählich zum Erliegen und im Gegenzug werden die Gedanken angetrieben: „Was haben wir da nur getan?“ „Wir haben diesen Menschen aus unserer Gemeinschaft vertrieben und ihn geschändet.“ „Warum machen wir eigentlich, wie uns gesagt wurde?“ „Warum hilft ihm denn niemand?“
Erleichterung macht sich breit, als Lars Eidinger erkennt, dass wohl nichts weiter passieren wird, und er beschließt die Performance zu beenden. Applaus. „Wen beklatschen wir da eigentlich?“ „Uns in unserer Durchtriebenheit?“ „Lars Eidinger für seinen Mut?“

Der Applaus gilt Yoko Ono, dafür, dass sie uns mal wieder die Augen geöffnet hat – ganz ohne irgendetwas zu erklären und ohne Didaktik – im emotionalen Erleben, das den Geist befeuert.

Die übrigen Arbeiten und Performances, bei denen sich die Künstler/innen auf Yoko Onos Einfluss berufen, lass ich nach dieser Erfahrung lieber unerwähnt.

 
 

Autor:

Magnus Hengge

 

24. September 2013 13:23:03

… eine Zumutung: Auf der Berlin Art Week kann man einfach alles machen

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Selbst üble Beleidigungen gehen auf der Berlin Art Week als Kunst durch. Mit dem leuchtend gelben Guerilla-Koffer für das English Theatre Berlin konnten wir auf der Preview kaum Anstoß erzeugen. Nur zwei Leute, eine Französin und eine Japanerin fühlten sich von dem Titel des Theaterstücks „ECHTER BERLINER !!!! IHR NICHT FUCK YOU“ mäßig herausgefordert. So konnten wir zumindest ein paar Mal unsere Botschaft bei der Zielgruppe loswerden: Jetzt läuft eine dokumentarische Theaterperformance, in der Originalzitate von 60 in Berlin lebenden „Expats“ und „Immigranten“ verarbeitet wurden. Es ist teils erschreckend aber auch merkwürdig anrührend, was der als „Ausländer“ zusammengefassten Gruppe hier an patzigem Lokalpatriotismus entgegenschlägt.

Ganz anders war dagegen die Reaktion auf der Straße: Wir waren keine 50 Meter vom Gelände der Preview runter, schon hatten wir muntere Diskussionen am Hals. „Seid ihr überhaupt echte Berliner, so wie ich?“ Da merkte dann sofort, dass das Thema britzelige Relevanz in unseren Kiezen hat.

 
 

Autor:

Magnus Hengge

 

31. Januar 2013 15:52:55

… klingelt: Pantha du Prince & The Bell Laboratory beim CTM im HAU 1


Foto von Diana Simon

Es ist eine ganz wunderbare Entwicklung, dass Konzerte im Programm des Club Transmediale (CTM) inzwischen auch im HAU 1 und 2 stattfinden. Der Theatersaal des Hebbel Theaters ist ohne Bestuhlung mit seiner sanften Neigung zur Bühne ein wunderbarer Raum für Konzerte, die auch ein bisschen auf ein Show-Erlebnis setzen. So ließ gestern im HAU 1 Pantha du Prince & The Bell Laboratory unter dem Titel Elements of Light die Glöcklein klingen. Die Truppe arbeitet wie Feinhandwerker mit Arztkitteln und grauen Schürzten in einem elektro-mechanischen Garten des Schalgwerks, in dem sich allerlei Glockenspiele, Chimes, Trommeln, Becken, Vibra- und Marimbaphone wie Silhouetten vor einer leuchtenen Rückwand abzeichnen. Von leisen, verträumten Phasen bis zu Beat-getriebenen Rhythmuskaskaden wird man von den strahlenden Glockenklängen mit elektronischer Grundierung ins goldene Licht mitgerissen.

Für mich ist diese Formation ein ganz heißer Anwerter für die Eröffnungsmusik zum nächsten globalen Mega-Event: Olympia wartet auf euch!

Pantha du Prince & the Bell Laboratory – Trailer 2 from Sandra Trostel on Vimeo.

 
 

Autor:

Magnus Hengge

 

30. Januar 2013 14:38:24

… retrograd: transmediale BWPWAP

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Mit gelben Karten gegen Pluto abstimmen.

Das Akronym BWPWAP (back when pluto was a planet) bezeichnet die Kurzform des diesjährigen, kuratorischen Konzeptes der transmediale 2013. Das Kürzel bildete sich in der Web-Sprache und bezieht sich auf den Statusverlust des Ex-Planeten Pluto, der 2006 demokratisch von offizieller Stelle, der Internationalen Astronomischen Union, zum Zwergplaneten herabgestuft wurde. Eine solche Rekategorisierung geschah übrigens schon öfters in der Geschichte der Astronomie und immer begründet durch neue Erkenntnisse, die alte Annahmen ablösten: Bis ins Jahr 1846 wurden insgesamt 13 Objekte als Planeten bezeichnet. Weil dann aber ab 1847 laufend neue Objekte zwischen Mars und Jupiter entdeckt wurden, führten Astronomen 1851 eine neue Kategorie ein: Die der Asteroiden (Planetoiden). Die Zahl der großen Planeten belief sich danach somit wieder auf acht. Plutos Schicksal ist also kein Einzelfall, was aber neu war 2006 ist, dass es das Internet gab. Global vernetzt und mit sentimentalem Hang erhob sich eine Welle des Mitgefühls für den kleinen verstoßenen Pluto, der in der solaren Großfamilie entrechtet wurde – wo der arme doch eh schon so weit weg von allen ist. Schnief.
Allerdings wurde ihm eine Ersatzfamilie angeboten, deren Chef er nun ist. Zusammengefasst wurden die „Plutoiden“ als Gruppe von trans-neptunischen Zwergplaneten, die jenseits von Neptun, dem
letzten Riesen im Sonnensystem, auf vereierten Bahnen umherschwirren.

Nun warum taugt diese Geschichte als Background für die transmediale 2013? Weil es im Kern um die Änderung der Perspektive geht, von der aus man etwas betrachtet und kategorisiert. Außerdem ist die Gesellschaft darauf angewiesen, sich den wertenden Blick von Experten ausrichten zu lassen, die den nicht-Experten sagen, wie ein Objekt oder ein Konzept einzuordnen und zu begreifen ist. In der Welt der Kunst leicht nachzuvollziehen durch die beliebte Frage „Ist das Kunst oder kann das weg?“, die nur von Sachverständigen, oder besser noch vom Erzeuger/Künstler selbst, zweifelsfrei geklärt werden kann. Und wo ein Experte eine Meinung vertritt, findet sich garantiert ein anderer Experte, der das genaue Gegenteil vertritt. In der Kunst wie in der Wissenschaft ist das der Normalfall, und in beiden Welten entscheidet mittelfristig die Zeit darüber, wer Recht hat. Landet ein umstrittenes Kunstwerk im Museum, weil es z.B. einen nachhaltigen Einfluss auf andere Künstler hatte, und bestätigt sich eine wissenschaftliche These durch die Forschungen nachfolgender Experimente? Beides kann der Fall sein und beides kann später widerlegt werden. In vielen Museen wird irgendwann aussortiert und weggeworfen, weil die zeitgenössische Kultur nichts mehr mit dem vormals gesammelten anfangen kann, und viele als gefestigt geltende wissenschaftliche Thesen wurden nach Jahrzehnten falsifiziert.

Dies alles wäre eine wunderbare kulturwissenschaftliche Basis, um darüber eine fantastische Ausstellung zu organisieren, doch leider erfüllt die transmediale 2013 BWPWAP diese Erwartung in keinster Weise. Es werden keine Perspektivwechsel erlebbar, keine Neuordnungen vorgenommen und keine inhaltlichen Diskussionen geführt, sondern es wird eine sentimentale und belanglose Sammlung von Retro-Kunst gezeigt. Kopierer, Kassettenrecorder und Fax-Geräte dürfen noch mal reüssieren, wobei man sagen muss, dass die Projekte in Form und Inhalt lange nicht an diejenigen herankommen, die zu Zeiten gemacht wurden, als die Apparate erfunden wurden und neue Möglichkeiten boten. Es scheint, dass der Blick nach vorn in einer zunehmend komplexen Welt immer weniger attraktiv ist und Künstler statt dessen lieber zurück zum analogen Low-Tech flüchten. Es ist eine mitfühlende Hinwendung zum alten Gerümpel, das nutzlos geworden scheint, aber im Blick der Künstler doch noch zu so vielem taugt. Natürlich ist auch das in gewisser Weise ein Perspektivwechsel, doch erfolgt dies spürbar im Gefühl, selbst in der rasenden technologischen Entwicklung der Welt zu unwichtigem Staub zermahlen zu werden. Genau wie das weltweit geäußerte Mitgefühl für den herabgestuften Pluto, entsteht beim Besuch der Ausstellung eher Mitleid für die Künstler, die sich quasi selber degradieren. Das Abwenden vom Neuen, könnte man allenfalls als anti-konsumistische Haltung verstehen, um aus dem Vorhandenen im Sinne der Ressourcenschonung zu schöpfen, doch auch davon ist nicht zu sehen.

In der Eröffnungsveranstaltung hingegen wurde von den Vortragenden ein ganz wunderbarer Moment der kulturellen Umdeutung inszeniert. Das Für und Wider der neuen oder alten Plutobetrachtung wurde exemplarisch durchexerziert und am Schluss durfte das Auditorium über den stellaren Status Plutos abstimmen (quasi in einer Art Reenactment zur IAU-Abstimmung von 2006): Die vorbereitete Resulotion zielte auf die Wiederherstellung des Planetenstauts für Pluto und der künstlerische Leiter der transmediale Kristoffer Gansing schien sich siegessicher. Doch es kam anders: Mit klarer Mehrheit wurde die Resolution abgelehnt. Das Publikum will nicht zurück, es will voran!

Bisher war ich manchmal der Meinung, der kuratorische Überbau zu transmedialischen Unternehmungen irrlichtere im Abwegigen, wobei sich die Kunst davon nicht all zu sehr verleiten ließ. Diesmal scheint es anders herum: Die Konzeption eröffnet einen höchst interessanten Raum, den die Kunst nicht zu bespielen vermag.

Website der transmediale 2013 BWPWAP

 
 

Autor:

Magnus Hengge

 

15. Dezember 2012 14:05:08

… grenzüberschreitend: „Marina Abramović – The Artist is Present“ im Kino

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Sie hat all das getan, wovor wir Angst haben, was uns zu lange dauert, wovor wir zurückschrecken, wovor wir die Augen verschließen – gerade dem setzte sie sich aus, nahm es an, blickte ihm ins Auge, hielt es aus: als Kunstprojekt, als Performance, als extremes Wagnis – die große Marina Abramović.

Man muss ihre Performances, die sie seit den frühen 1970er Jahren, ja was: präsentiert? zelebriert? durchlitten? hat, nicht aufzählen, hier oder hier sind sie alle gelistet.
Erstaunlich allerdings, dass all diese so stark lokal und zeitlich situierten Performances jetzt doch musealisierbar sind, und noch erstaunlicher, dass Marina Abramović im Zusammenhang mit ihrer großen New Yorker Retrospektive vor zwei Jahren wieder eine Form der Performance gefunden hatte, die Ort und Zeit perfekt entsprach, zu sehen im Doku-Film „Marina Abramović – The Artist is Present“.

Kern der Retrospektive war eine zweieinhalbmonatige Präsenzperformance, bei der sie vom 14. März bis 31. Mai 2010 während der Öffnungszeiten des Museums of Modern Art – insgesamt also 736 Stunden – auf einem Stuhl saß und den Besuchern als Gegenüber, als Spiegel, als Projektionsfläche aller denkbaren Gedanken – für viele jedoch, man merkt es ihnen sogar im Film an, als emotionales Minenfeld – zur Verfügung stand: Man setzte sich hin und blickte sie an. Solange man wollte, konnte. Am Ende waren es 1565 Leute.

Im Sommer hat Abramovic den Plan für ein Performance Center nördlich von New York bekanntgegeben, das von Rem Koolhas und Shohei Shigematsu gebaut wird. Einzige Bedingung für künftige Besucher: Sie müssen sich verpflichten, mindestens sechs Stunden zu bleiben. “I’m asking you to give me your time, and if you give me your time, I give you experience.”

Wer für Marina A. 100 Minuten im Kino übrig hat, wird reich belohnt.

„Marina Abramovic – The Artist is Present“ zur Zeit noch in diversen Arthouse-Kinos in Berlin, bald sicher als DVD.

 
 

Kategorie:

Kino | Kunst | Performance

 

1. September 2012 17:32:18

… Ackerland: „Hungry City“ im Kunstraum Kreuzberg – Landwirtschaft und Essen in der zeitgenössischen Kunst

soilkitchen

Unter dem Pflaster liegt leider nicht das Meer, sondern glücklicher Weise Ackerland!
Allerdings ist der Boden im urbanen Raum oftmals durch die Vorbelastung aus der Geschichte des Ortes schwer kontaminiert. Eines der sozialen Kunstprojekte, die in der Ausstellung „Hungry City“ gezeigt werden, geht dieses Problem direkt an und gibt der städtischen Bevölkerung in Philadephia ihren Boden zurück: „Soil Kitchen“ verkocht nicht etwa Dreck aus dem Hinterhof, sondern untersucht für Bürger kostenfrei Bodenproben. So wird transparent, wie verschmutzt oder sauber die verschiedenen Standorte sind und die Aktionskünstler thematisieren, bei Suppe aus Gemüse vom eigenen Acker, biologisch-ethische Ernährungsfragen, um so auf die amerikanische Nahrungskultur einzuwirken. In diese „Re-claim your city“-Richtung gehen noch weitere Projekte: Beispielsweise kann man bei „Kultivator“ Wurmbomben beziehen und mit den kleinen Viechern subversiv den Boden mittels „Guerilla composting“ rekultivieren.

Interessant und kuratorisch bemerkenswert ist, dass nicht nur auf die aktuelle Welle des „Urban Gardening“ eingegangen wird, sondern auch Pionierprojekte aus den 1970er und 80ern gezeigt werden – noch dazu diesseits und jenseits des eisernen Vorhangs. So wird inhaltlich wie ästhetisch eine große Breite an verschiedenen künstlerischen Positionen erlebbar.

Einige Arbeiten begnügen sich damit landwirtschaftliche Praktiken zu dokumentieren, was vielleicht im Sinne der Speicherung von Kulturgütern ein positiver Ansatz ist, allerdings im Ergebnis so einschläfernd, dass wohl diese Dokumentation der landwirtschaftlichen Kulturpraktiken schneller vergessen wird, als die Praktik selbst. Hier wurde leider das Problem der Weitergabe und des Zugangs zum angelegten Speicher an Wissen und Kulturgut nicht gelöst. Beispielhaft möchte ich hierfür das Projekt „WeFarm“ nennen, dass auf der TYPO Berlin 2012 von Nat Hunter vorgestellt wurde (im Video bei 21:36).

In den Gängen zur Ausstellung wurden von einer lokalen Aktionsgruppe, den „Gegnern des Hühneressens“ Plakate geklebt. Hier wird die Anschlussfähigkeit von moralisch-ethischen Essenstabus thematisiert, die üblicherweise religiös geprägt sind. Aber warum sollten die Menschen nicht genauso diskussionslos aus persönlichen, rein kulturell oder global-wirtschaftspolitisch motivierten Gründen mit dem Essen von Hühnern aufhören, und sich zu einer „Glaubensgemeinschaft“ zusammenfügen, die glaubt, dass es richtig ist, Hühner nicht zu essen? Ethisch überzeugend ist sicherlich einzig der Verzicht auf jegliches industriell produzierte Fleisch, uns sicherlich ist es einfacher die Menschen erst einmal Schritt für Schritt zum Verzicht zu bringen, der sich dann sehr schnell zu einem großem Gewinn für alle wandelt. Fangen wir also doch einfach mal mit Hühnern an!

Hungry City, 1. September bis 28. Oktober 2012, im Kunstraum Kreuzberg (Bethanienhaus), Mariannenplatz 2, 10997 berlin

Kuratiert von Anne Kersten in Zusammenarbeit mit Stéphane Bauer.
KünstlerInnen: Jekaterina Anzupowa (UA/DE), KP Brehmer (DE), Agnes Denes (US), Leticia El Halli Obeid (AR), Fallen Fruit (US), Fernando García-Dory (ES), Futurefarmers (Amy Franceschini, Dan Allende, Lode Vranken) (US), Tue Greenfort (DK/DE) Kultivator (SE), Kristina Leko (HR/DE), MyVillages.org (NL/DE/GB), Heinrich Riebesehl (DE), Antje Schiffers & Thomas Sprenger (DE), Bonnie Ora Sherk (US), Lukasz Skapski (PL), Åsa Sonjasdotter (SE/NO/DE), Daniel Spoerri/Tony Morgan (CH, GB), Ève K. Tremblay (CA/US/DE), Insa Winkler (DE)

Es gibt ein umfangreiches Aktionsprogramm rings um die Ausstellung.

 
 

Autor:

Magnus Hengge

 

18. Februar 2012 00:19:48

… ein Entwurf: Anna Huber und Yves Netzhammer – Aufräumarbeiten im Wasserfall

Geometrie, Orthogonalität, Radien, Gelenkverkettungen in großer Präzision, Quadrate, Kugeln, Flächen, Räume.
Alles ist mit grundlegenden 3D Körpern bespielt, alles hat seine Ordnung, scheint in Ordnung. Kitschige Projektionen machen den Anfang: Eine große Sonne über einer heilen Welt – Kraniche fliegen über Berge, Dörfer, Einfamilienhäuser. Aber es ist eine kalte Konzeptwelt des Scheins, in der keine echten Menschen leben, sondern Gliederpuppen eingesetzt wurden, überwacht von Hubschraubern, umstellt von Gerüsten und Zäunen, die die Kulissen zusammenhalten. Hier ist nichts gewachsen, sondern alles gemacht und manches dabei nichts geworden. Diese Welt muss im Detail nachgearbeitet werden, mit riesigen Zahnbürsten geschrubbt werden, als wäre ihr Schöpfer unzufrieden mit dem gegenwärtigen Stand der Dinge. Und dann plötzlich ist da in mitten der Kunstwelt-Projektion ein Schatten von etwas Lebendigem, ein Mensch dringt darin ein, oder taucht vielmehr aus ihr auf, tritt in Kontakt und in den Dialog mit einer der Gliederpuppen. Diese zeigt voller Übermut gleich ein Kunststückchen, lässt ein paar ihrer Gliedmaßen fernab ihres Körpers durch den Raum tanzen, und doch ist gleich zu spüren, dass die echte Lebendigkeit der Tänzerin so viel mehr zu bieten hat. Die Tänzerin übernimmt nun die Eckigkeit der Gliederpuppe erkundet den Konzeptraum, als wolle sie ihn vermessen und austesten. Es wird eine Art Belastungsprobe für Mensch und Material, die so anstrengend ist, dass die lebende Tanzpuppe zwischendurch doch ganz aus der Rolle fällt, Pause machen muss, um sich um die körperlichen Bedürfnisse zu kümmern. Sie muss essen, trinken und darf dabei ganz Mensch sein. Die 3D-Puppe sieht in einer Mischung aus Irritiertheit und Neid dabei zu. Letztlich verliert die menschliche Tänzerin auch die Nerven, rafft die gesamte Geometrie der Bühneninstallation zusammen und gibt der Gliederpuppe den ganzen Konzeptmüll wie ein getragenes Kleid zur Wäsche zurück.

Die Zusammenarbeit der Tänzerin und Choreografin Anna Huber und des Bildenden Künstlers Yves Netzhammer erwies sich als sehr ergänzend und ungemein fruchtbar. Beide künstlerischen Handschriften sind deutlich und unverfälscht sichtbar und wirken zusammen gegenseitig erhellend. Das Tanzstück „Aufräumarbeiten im Wasserfall“ ist eine intensive Performance auf der Schnittstelle zwischen darstellender und bildender Kunst, mit reichlich Zitaten aus der Kunstgeschichte. Für Momente scheinen Oskar Schlemmers Figurinen, Luise Bourgeois Spinnen und Alexander Calders Kinetische Objekte mit in dieser verdrehten M. C. Escher-Welt zu sein, doch die formale Sprache der beiden Zeit- und Eidgenössischen Künstler ist immer stark genug, um die Performance zu einem eigenständigen Ästhetischen Erlebnis zu machen.

Sehenswert: in den Uferstudios im Wedding

 
 

Autor:

Magnus Hengge

 

14. September 2011 19:13:21

… 3D-animiert: Intel Visibly Smart Experience

Im Zuge der Berliner Music Week, die ihren Höhepunkt am vergangenen Wochenende in Form einiger Festivals und vieler Konzerte erreicht hatte, wurde ich Zeuge eines ganz besonderen Spektakels:
Die Kunstfabrik am Flutgraben, die mir in erster Linie durch meinen morgendlichen Arbeitsweg bekannt ist, wurde vom Münchner Lichtkünstler Markos Aristides Kern zum Leben erweckt.

Zu dem eigens für diese Live-Performance vom DJ-Duo Moonbootica komponierten Sound geriet das Gebäude, das normalerweise durch seine Industrieoptik (und die von unserem Büro aus sichtbare Dachterasse) glänzt in stürmisch-lebendige Bewegung. Es tanzte, veränderte sich, fiel in sich zusammen, richtete sich wieder auf, um dann in seine Einzelteile zerlegt zu werden, welche sich so um ihre eigene Achse drehen konnten, zu vibrieren anfingen, sich wieder zusammen fügten und letztendlich weitertanzten.

(Entweder JavaScript ist nicht aktiviert, oder Sie benutzen eine alte Version von Adobe Flash Player. Installieren Sie bitte den aktuellsten Flash Player. )

Nach Ende der Lichtshow wollte ich der Sache natürlich auf den Grund gehen, zumal mir die ausgeklügelte optische Täuschung als äußerst aufwendig erschien. Ich wurde eines Besseren belehrt:
Mit Hilfe eines weltweit einzigartigen Projektionsfahrzeugs von intel, namens „Multi Media Offroad Vehicle“ (MMOV), war es möglich, die atemberaubende Lichtperformance unter dem Titel „Intel Visibly Smart Experience“ auf das alte Backsteingebäude zu mappen. In einem überschaubaren Kastenwagen, der seitlich mit einer Glaswand ausgestattet war, befanden sich acht verhältnismäßig große Beamer, die von dort aus ein vielfaches der üblichen HD-Auflösung projizieren konnten. Zudem war das Fahrzeug mit einem eigenen Serverpool ausgestattet. In einer halbstündigen Prozedur wurde der ehemalige Speicher mit einem Laser gescannt und der Aufbau war somit auch schon abgeschlossen. Nun war es für den Künstler möglich live und in Interaktion mit dem Publikum und dem DJ-Team das Gebäude zu bespielen.

Das eineinhalbstündige Event zog einige hundert Zuschauer auf das Gelände neben der Arena, welches schon Tage zuvor aufgeräumt wurde, um einen möglichst freien Blick auf das Gebäude zu ermöglichen. Bereits im August bereiste das mobile Projektionsfahrzeug die Stadt Dresden. So kann man nun hoffen, dass es sich nicht um ein einmaliges Event handelte und die Performance noch ein paar andere Städte bereist. Watch out for MMOV!

 
 

Autor:

Gloria

 

24. Juni 2011 07:50:07

… alarmierend: Chinesen im Monbi!

Jetzt ist es soweit. Die Chinesen sind im Monbijoupark eingefahren. Ihre Autos, glänzende Imitate deutscher Edel-Karossen, haben einen Platz hoch oben auf dem extra aufgebauten Gerüst neben dem Atelierhaus, welches den zentralen Ausstellungsort für „based in Berlin“ bildet. Das Thema ist die Berliner Gegenwartskunst, die an folgenden, weiteren Adressen und noch bis zum 24. Juli 2011 betrachtet werden kann: KW Institute for Contemporary Art (Auguststraße), Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof, Neuer Berliner Kunstverein (Chaussestraße 128/129) und Berlinische Galerie. Weitere Details siehe hier: http://www.basedinberlin.com/

Was mir – unvollständig - im Atelierhaus auffiel: Ralf Pflugfelders „Untitled“, eine interessante Holzkonstruktion, die an die ersten Flugapparate (Lilienthal) erinnert und eine vertrackte Situation darstellt: Das Gerüst passt gerade so in den Raum hinein. Bewegung ist nicht möglich und ein Scheitern jeder Absicht zwangsläufig. Warum auch nicht. - Befremdet war ich, in einer Fotoportraitreihe ein paar abgehalfterte Politiker zu sehen. Was sollen die in dieser Ausstellung? - Die gesammelten Intenet-Video-Mitschnitte der Tanzenden von Matthias Fritsch „We, Technoviking“, 2010, sind wenig berührend und nichts neues. – Was mich bei der Gegenwartskunst wundert: Warum setzt sich z.B. niemand mal mit der hohlen Penetranz dieser „sozialen Netzwerke“ des Internets auseinander, zum Beispiel in der Form eines öffentlichen „Freunde“-Löschens?

Auf der oberen Plattform des Gerüstes sind dann die drei chinesischen Autos aufgestellt, die wohl BMW-Marken nachgebaut wurden. Zunächst mal ganz nüchtern: In der Realwirtschaft wird China zum wichtigsten Markt für die deutschen Autobauer. Da wird der deutsche Autokäufer ja wohl irgendwann auch kein Extra-Design, vielleicht auch keine Extra-Technik, mehr erwarten können! Aber hier: Ist das Kopieren, der glänzende Nachbau des Originals, neue Kunst oder werden hier nur die alten, weiterentwickelten Warhol’schen Suppendosen vorgezeigt?

Das Podest befindet sich übrigens in nahezu ebenbürtiger Höhe mit dem Dach des kunstschweren Bode-Museums. Was für eine Ironie! Oder soll es gar keine sein?

 
 

Autor:

Jürgen Pahl

 
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