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Archiv der Kategorie ‘Politik‘

19. Juli 2014 12:53:29

… zu kurz gedacht: zu „Ran an die Buletten“ von Elisabeth Raether

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Im Zeit Magazin vom 17. Juli schreibt die Berliner Autorin Elisabeth Raether über ihre Gedanken zum eigenen und globalen Fleischkonsum und steift dabei ein paar philosophische Ideen, die sich aufdrängen sobald man ethische Fragen zum Thema Tiertöten stellt.

Zuerst werden die ganz großen Geschütze aufgefahren – „Speziesismus“. Soll bedeuten: Darf der Mensch überhaupt eine ethische Grenze hinter sich ziehen und den Tieren Rechte absprechen, die er für sich selbst reklamiert. Zugegeben, das ist tatsächlich eine der letzten philosophischen Fragen, an der sich die Zunft die Zähne ausbeißt. Im Fall der Argumentation für die Rechtfertigung von Fleischkonsum ist es ein geschickter Schachzug, … Weiterlesen

 
 

Autor:

Magnus Hengge

 

5. Januar 2014 01:27:42

… schwarzweißbunt. Barbara Klemm. Fotografien 1968-2013

<br />Brandt, Bonn, 1973  © Barbara Klemm

Bonn, 1973  © Barbara Klemm

Sie fotografiere nicht in Farbe, und nur analog, sagte sie einmal in einem Interview, das das fotoforum 6/2013 in einem Sonderdruck dokumentiert. Doch ihre Bilder sind von einer so unglaublichen Intensität, dass sie trotz ihres eleganten Schwarzweiß bunt wirken. Lebendig. Bewegt. Mit über 300 Aufnahmen aus fünf Jahrzehnten und zahlreichen Zeitungsseiten widmet der Martin-Gropius-Bau der 1939 in Münster geborenen Fotografin Barbara Klemm eine große Retrospektive, die mehr als einen Besuch lohnt.

Barbara Klemm. Fotografien 1968-2013 zeigt historische (politische) Momente – vom Gespräch Brandt/Breschnew beim Aushandeln der Ostverträge über Heinrich Böll bei Friedensaktionen in Mutlangen bis zum Mauerfall, präsentiert Künstlerportraits und Reisebilder. Auf faszinierende Weise verdeutlicht die Schau die Kunst der Pressefotografie. Es heißt, viele Originale von Klemms Bildern seien Zeitungsdrucke. Seit 1959 arbeitete sie für die FAZ, von 1970 bis 2004 war sie Bildreporterin des Blattes.

<br />Joseph Beuys im Martin-Gropius-Bau  Berlin, 1982  © Barbara Klemm

Joseph Beuys im Martin-Gropius-Bau, Berlin, 1982
© Barbara Klemm

Barbara Klemms Arbeiten wirken nicht wie Elemente kunstvoller Fotoreportagekompositionen, sondern jedes Bild erzählt eine eigene Geschichte, ist ein vollkommenes Werk. Fast magisch zieht es die Betrachterin in seinen Bann, wirft Fragen auf, lädt zum Verweilen und Weiterdenken ein: Was geht in Joseph Beuys’ Kopf vor, während er zwischen den Artefakten seiner Installationen im Lichthof des Martin-Gropius-Baus steht (1982)? Oder sind es schon vollendete Exponate, die im Hintergrund zu sehen sind? Wie kommt der (Beuys-)Schatten auf das Glasdach? Erinnere ich mich an seine Ausstellung? Erinnere ich mich überhaupt an den Wiederaufbau und die Eröffnung des MGB als Ausstellungshalle für Kunst und Fotografie Anfang der 1980er Jahre? Da lebte ich doch schon in Berlin …

<br />Gregor Gysi, Bärbel Bohley, Ulrich Mühe, Heiner Müller  Demonstration Berlin-Ost, 4. November 1989  © Barbara Klemm

Gregor Gysi, Bärbel Bohley, Ulrich Mühe, Heiner Müller.
Demonstration Berlin-Ost, 4. November 1989
© Barbara Klemm

Bilder als Einladung, die nicht nur Staunen hervorrufen (sollen), oder Überraschung und Bewunderung, sondern Mitfühlen, Miterleben. Bilder als Memoiren. Bilder als Zeugen der Vergänglichkeit: Von den vier Protagonisten des Fotos von der berühmten Großdemo auf dem Alexanderplatz am 4. November 1989 – Ulrich Mühe, Bärbel Bohley, Heiner Müller, Gregor Gysi – lebt nur noch letzterer. Und was wurde aus dem Ende eines ganzen Landes und dem Aufbruch in ein neues?

Das Reizvolle an der Retrospektive, die noch bis zum 9. März 2014 zu sehen ist, ist auch die Hängung. Fast scheint sie aleatorisch. Außer einem groben Raster – in den vorderen Räumen Fotografien aus Deutschland, dann Reiseaufnahmen, dann die Künstlerportraits – scheint es kein vorgegebenes Muster zu geben. Ähnlich wie eine Zeitung, die man in beliebiger Reihenfolge durchblättern (und lesen) kann, erlaubt auch die Schau den Blick ohne aufgezwungene Chronologie. Was an publikumsreichen Tagen nebenbei ein enormer logistischer Vorteil ist.

Fotografieren, insbesondere Pressefotografieren, war lange eine fast reine Männerdomäne. Barbara Klemms Alleinstellungsmerkmal geht jedoch weit über den Gender-Aspekt hinaus. Die Ausstellung mit einer „kleinen“ Auswahl aus ihrem vieljährigen Schaffen ist überdies eine feine Gelegenheit, noch einmal Arbeiten zu sehen, die entstanden, als medientypisches Bildschaffen schnell gehen musste und dennoch Intensität und Langlebigkeit generierte. Nicht verpassen!

16. November 2013 bis 9. März 2014
Öffnungszeiten
MI bis MO 10:00–19:00
Eintritt
Einzelticket € 9 / ermäßigt € 6
Eintritt frei bis 16 Jahre
 
 

 

23. September 2013 23:11:51

…Gemeinschaft: Ummah, ein Film, der Spaß macht und für Toleranz wirbt

Der Anfang ist blutig und brutal. Aber es folgt kein schauerliches Gemetzel. Ummah – Unter Freunden ist eine liebenswerte, dramatische, schöne, sympathische Geschichte über Toleranz und Freundschaft.

Daniel Klemm (Frederick Lau) arbeitet als V-Mann für den Verfassungsschutz, als ihn ein Job in Sachsen aus der Bahn wirft. Statt weiter Neonazis zu jagen soll er sich ein paar Monate lang in einer Schutzwohnung in Neukölln regenerieren. Eine unrenovierte, vermüllte Bruchbude, aus der er auch bis zum Ende des Films nichts macht. Dafür erkundet er den Kiez und wird liebevoll in eine migrantische Clique um den umtriebigen Abbas (Kida Khodr Ramadan) und den aus einer eigenen eher düsteren Vergangenheit in die Legalität stolpernden Jamal (Burat Yigit) integriert. Sie nehmen ihn zu einer türkischen Hochzeit im Wedding mit, zum Islamunterricht, in die Teestube und zum Abholen der Kinder in den Kindergarten. Er wird Zeuge der handfesten Diskriminierung von Männern mit dunklen Haaren und dunklen Augen durch die Polizei. Wird irgendwo irgendwem etwas geklaut, ist jeder „Türke oder Araber“ verdächtig. Und die weiße Mehrheitsgesellschaft spart auch nicht mit subtilen Attacken: Genau gegenüber vom Kindergarten klebt ein riesiges Werbeplakat mit einer fast nackten Frau.

Cüneyt Kaya zeichnet in seinem Spielfilmdebüt mit viel Witz und Gefühl ein Portrait einer (oder zweier) Gesellschaft(en), die sich unausweichlich nah und oft doch so fern sind. Die Vorurteile der biodeutschen Beamten spiegeln sich im alten Mann der migrantischen Community, der die Jungen ebenso heftig vor „dem Deutschen“ warnt. Doch die next generation auf beiden Seiten lässt sich nicht davon abhalten, den Versuch friedlich-freundschaftlicher Koexistenz zu wagen. Das Happy End bleibt aus, und doch macht der Film Hoffnung, dass es ein solches geben kann. Wenn man denn nur will …

 
 

 

21. September 2013 10:57:38

… verwirrt: was wählt man denn nun bei #btw13?

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Wer heute überhaupt noch wählen geht, hat verstanden, dass er/sie als Wähler/in niemals in Deckungsgleichheit mit der gewählten Partei kommen wird. Man wählt eine Partei weil man glaubt, dass sich mit ihr am ehesten das eigene gesellschaftliche Gefühl Richtung politisches Handeln herausbildet. Wahlkampf darf sich darum nicht auf Details kapriziert, sondern die Grundhaltung der politischen Richtung muss verdeutlicht werden. Das haben aber nur die wenigsten Parteien drauf.

„Fahren auf Sicht“ ist guter Konservatismus

Die CDU und die Kanzlerin macht im Wahlkampf sehr viel richtig. Es geht den meisten Menschen in diesem Land recht gut und es ist klug, dies zu betonen. Besonders wenn die eigene Klientel auf der Gewinnerseite steht, macht es keinen Sinn, die Lage schlecht zu reden. Denn man wählt am liebsten diejenigen, von denen man sich erkannt fühlt, die Partei, deren Lebensgefühl der eigenen Realität am nächsten kommt. Die CDU hat unter Angela Merkel in der letzten Legislaturperiode die Grundfundamente des CDU-Selbstverständnisses eingerissen und ideologisch aufgeladene Eckpunkte des Konservatismus in Schmusethemen abgerundet: Atompolitik jetzt Atomausstieg, Wehrpflicht aus innenpolitischen Gründen abgeschafft, sowas ähnliches wie ein Mindestlohn beschlossen. Übrig geblieben ist die wichtigste aller konservativen Prämissen: Erfolg haben. Damit ist die einzige wahrnehmbare Regierungspartei dem Lebensgefühl der Mehrheit der deutschen Wahlbürger sehr nahe gekommen. Dies schafft sie bekennend durch (Zitat) „eine Fahrt auf Sicht“. D.h. es gibt weder einen Plan oder eine Strategie, noch Haltung oder Überzeugung, sondern nur taktische Reaktion. Und wenn wir ehrlich sind ist das genau so, wie wir uns alle durchs Leben mogeln.

Es ist darum konsequent im Wahlkampf einfach zu sagen: „Sie kennen mich“ – es hat doch eigentlich ganz gut geklappt, fahren wir doch einfach weiter auf Sicht. Handeln, Gefühl und Wahlkampf der CDU passen zusammen, weil die Kampagne vollkommen überzeugungsfrei ist. Wähler werden als Angela Merkel Wahlverein zusammengefasst. Wer ihr vertraut, wählt CDU. Ich kann darum diesmal zum ersten Mal CDU Wähler verstehen.

Grün ist kein Programm, sondern ein Gefühl

Ganz anders machen es die Grünen. In der Opposition zu klaren Überzeugung gelangt, stellen Sie nun ein tatsächlich außergewöhnlich durchdachtes und umfassendes Programm in den Mittelpunkt des Wahlkampfes. Diese Partei glaubt Antworten auf die zentralen Fragen der Gesellschaft und der Zukunft zu haben. Außerdem fühlen sie sich schuldig, mit der Unterstützung der Schröderschen Agenda 2010, einige soziale Ungerechtigkeiten befördert zu haben. Sie fahren darum einen intellektuellen Wahlkampf, der vom Wollen geprägt ist, und natürlich entspricht dieser Ansatz kaum dem Lebensgefühl der grünen Klientel. Grüne Wähler sind zwar besser situiert und besser ausgebildet als der Durchschnitt, aber dennoch erreichen die kleinteiligen grünen Wahlkampfthemen sie nicht. Auch Grünen-Wählern geht es eher gut und sie wollen Deutschland und ihre Lebensrealität nicht schlecht-geredet haben. Natürlich ist es richtig, dass es im Arbeitsmarkt große Ungerechtigkeiten gibt, aber näher am Lebensgefühl der Mehrheit wäre es, zu sagen, „wir können es uns jetzt leisten“, diese Ungerechtigkeiten abzumildern. Wir können uns auch die konsequente Umsetzung der Energiewende leisten, wir können es uns leisten noch viel mehr Flüchtlinge aufzunehmen usw. Ich wünsche mir von den Grünen eine ganz andere Grundhaltung: Jetzt, zu einem Zeitpunkt, an dem die Agendapolitik so viele Menschen in den Arbeitsmarkt gebracht hat, wie noch nie, und Merkles Fahrt auf Sicht durch die Eurokrise sich für Deutschland auszahlt, können wir unser Leben und Handeln ökologisieren. Ich will keine konkreten Prozentzahlen und ausgeklügelte Steuersysteme von den Grünen hören. Als kleine Partei können sie das doch sowieso nie 1 zu 1 umsetzen. Ich will öko-soziale Haltung und grünes Gefühl spüren.

Die FDP ist schlicht indiskutabel

Eine Partei, die sich nach 4 Jahren Regierungsbeteiligung darauf reduziert, Steigbügelhalterin der amtieren Bundeskanzlerin sein zu wollen, ist nicht wählbar. Sich selbst in der Endphase dieses Wahlkampfes zur rein funktionellen Machterhaltungspartei heruntergeschraubt, hat sie jetzt gar kein inhaltliches Thema mehr. So kennen wir sie. Konsequent FDP-typisch. So verhält sich eben eine Lobbyismus-Partei: extrem durchlässig macht sie, was andere ihr sagen. Darum glaubt man auch nicht mehr, dass die FDP tatsächlich freiheitliche Bürgerrechte vertreten könnte. Diese Partei muss endgültig beerdigt werden, damit ein neuer Liberalismus in neuem Gewand auferstehen kann. Die ansonsten chaotischen Piraten zeigen in diesem Feld, wie es gehen kann.

Wie soll man nun zur SPD stehen?

Steinbrück war echt knackig in diesem Wahlkampf. Mit Stinkefinger und Klartext hat er jedenfalls eine Zuspitzung in die Themen gebracht, die im Angesicht der müden Gesichtszüge der Kanzlerin recht belebend wirkte. Schade nur, dass die SPD nicht voll auf den Protz-Peer gesetzt hat und sich verunsichern ließ von den sogenannten Fettnäpfchen. Ich fand seine Auslassungen zu Pinot Grigio und den italienischen Clowns sehr realitätsnah. Da fühlte ich wie er. Programmatisch haben die Sozen mit Sigmar Gabriel an der Spitze in den Oppositionsjahren auf das Volk gehört, nachgedacht und ihre Ideen so deutlich korrigiert formuliert, dass die CDU einfach die Hälfte davon abschreiben konnte. Ich sehe die SPD tatsächlich als bessere CDU.

Wie wählen angesichts der Koalitionswahrscheinlichkeiten?

Mach ich doch mal Kunstbetrachtung und schaue auf das Bild, wie es nun mal ist: Für rot/grün reicht es nicht. Die nervige FDP wird reinkommen – die Lobbygruppen sind stark genug, um sie über die 5%-Hürde zu heben. Nicht so die AfP – es gibt nicht genug revisionistische Rentner. Auch die Piraten sind wieder weg vom Fenster. Frau Merkel bekommt einen dicken Prozentanteil, der für die CDU gewertet wird. Grün schwächelt mit knapp 10% und so könnte es rechnerisch allenfalls für schwarz/grün reichen. Aber so weit sind die beiden Parteien noch nicht. Steinbrück wird höchst zufrieden baldmöglichst die Spitzenposition der SPD verlassen. Seine Partei will trotzdem nicht in die große Koalition. Sie fürchtet nichts mehr, als dass bei den nächsten Wahlen noch mehr Überzeugungswähler davonlaufen. Die Linke kommt ins Parlament und bleibt Außenseiterin ohne Koalitionsoption. Und die Deutschen wollen das scheinbar unmögliche: Kanzlerin Merkel in einer große Koalition.

In dieser Lage hat Die Zeit schön vier Faustregeln für taktische Wähler herausgearbeitet:
Wer die große Koalition will, muss SPD wählen.
Wer schwarz/grün will, muss Grün wählen.
Wer schwarz/gelb will, muss FDP wählen – bitte nicht!
Wem alles egal ist Hauptsache Merkel, wählt CDU.

Wer eine klare innere Überzeugung zu einer Partei hat, sollte sich aber von solchen Überlegungen nicht leiten lassen.

 
 

Autor:

Magnus Hengge

 

15. September 2013 10:30:21

… leselustig: Salman Rushdie beim 13. internationalen literaturfestival berlin

Rezensiert man das jüngste Buch von Salman Rushdie als Literatur? Oder als Dokumentation von über Jahre geführten Tagebuchnotizen, Erinnerungen, Groll, Ängsten, Wut, Verzweiflung des Mannes, der die Satanischen Verse schrieb und dafür von einem längst verstorbenen Ayatollah mit einer Fatwa belegt wurde? Schwierige Frage. Denn ist es natürlich verständlich, dass ein junger Schriftsteller, dessen möglicherweise grandiose Karriere mit all dem Glamour, den eine solche mit sich bringt – Einladungen, Preise, Starrummel, Festivals, Geld – massiv ausgebremst wird, verbittert erinnert, wer in all den Jahren sein Feind, und wer sein Freund war. Und dabei hier und da Kritik und Unentschlossenheit – oder auch die Angst – anderer nicht souverän ignoriert, sondern offenbar akribisch notiert, um sie eines Tages in eine Autobiografie einfließen zu lassen, die aber nicht als „Salman Rushdies Memoiren“ erscheint, sondern mit dem fiktionalisierten Titel „Joseph Anton“. Joseph Anton war der Name, den Rushdie wählte, um für seine Personenschützer und andere ansprechbar zu sein in der Zeit, in der er ohne Bodyguards keinen Schritt machen konnte. Konsequenterweise erzählt er nun 720 Seiten lang die Geschichte des Joseph Anton.

Ich muss zugeben, dass mich die Lektüre enttäuschte und ich das Buch über weite Strecken eher langweilig fand. Spannend ist in der Tat die Geschichte seiner Familie, die schwierige Beziehung zum Vater und auch zur Mutter. Öde allerdings sind endloses Names-Dropping – wer wo bei welchem Empfang war, wer welchen Preis bekam oder hätte bekommen oder auch nicht bekommen sollen. Und geradezu unangenehm die zahllosen Einsichten in Rushdies diverse Ehen und die Abrechnung mit all seinen Ehefrauen. Man müsste schon begeisterte Leserin von Bild der Frau oder ähnlicher Blättchen sein, um sich daran ergötzen zu können.

Nach all den schönen Erzählungen und Romanen, die Rushdie in diesen vielen Jahren geschrieben hat – und ich habe fast alle seine Bücher mit großer Begeisterung gelesen, die Mitternachtskinder, Harun und das Meer der Geschichten, Der Boden unter ihren Füßen, Des Mauren letzter Seufzer, Wut, Shalimar der Narr … – erscheint Joseph Anton mehr Pamphlet denn Kunst zu sein. Wie gesagt: Es ist verständlich, dass jemand ein solches Buch schreibt, und doch ist es bedauerlich. Andererseits hat Rushdies schonungslose Offenheit in einer Zeit, in der wir permanent von Blendern umgeben sind, und in der viele erst checken, was man von ihnen hören will, bevor sie etwas sagen, auch etwas Faszinierendes. Überdies wird uns die Absurdität der Geschichte um die Satanischen Verse selbst noch einmal brutal in Erinnerung gerufen.

Insofern ist Rushdies „Autobiografie“ auch ein politisches Signal und ein Aufruf an alle – Leser wie Schreibende – sich nicht einschüchtern zu lassen. Manchmal muss man sich vielleicht im Kleiderschrank verstecken. Wichtig ist aber, dass man auch wieder herauskommt. Dass Salman Rushdie nie aufgehört hat zu schreiben ist ihm unbedingt hoch anzurechnen.

Salman Rushdie, „Joseph Anton – Die Autobiografie in der Übersetzung von Bernhard Robben ist 2012 im C. Bertelsmann Verlag erschienen (720 S., 24,99 Euro). Der Autor ist Gast des internationalen literaturfestivals berlin 2013. Ein Gespräch mit Rushdie und seinem deutschen Übersetzer Bernhard Robben gibt es heute am 15.9. um 11.00 Uhr im Haus der Berliner Festspiele.

 
 

 

8. September 2013 11:33:23

… leselustig: Helon Habila beim 13. internationalen literaturfestival berlin

Nach Waiting for an angel und Measuring time legt der in den USA und Nigeria lebende Helon Habila (Jg. 1967) eine weitere ebenso spannende wie bewegende Geschichte vor. Oil on Water (Öl auf Wasser, Verlag Das Wunderhorn, 2012) handelt von den verheerenden Folgen der Erdölförderung für die Natur, für den Menschen, für die Gesellschaft, und steht als internationaler Bestseller auch hier bereits auf Platz 2 beim Deutschen Krimipreis.

Zusammen mit seinem Idol, dem vom Alkohol zermürbten ehemaligen Starreporter Zak, ist der auf eine Karriere als Journalist hoffende Fotograf (und Ich-Erzähler des Romans) Rufus einer der wenigen Pressevertreter, der der Bitte eines für die Ölindustrie arbeitenden Briten, mit den Kidnappern seiner Frau zu verhandeln, nachkommt. Exklusive Berichterstattung aus den Lagern der Rebellen interessieren die beiden dabei zunächst (scheinbar) mehr, als das Schicksal der entführten Gattin. Doch Zak war immer schon ein Einzelgänger und mutiger Kämpfer, wie wir in den Rückblenden im Lauf des Romans lernen, und Rufus’ Story entwickelt sich völlig anders, als er erwartet: Erst geraten sie in einen Hinterhalt und in die Gefangenschaft des Militärs, dann in den „Schrein“, ein Camp einer religiösen Sekte, die mit der Guerrilla sympathisiert; Zak erkrankt am Dengue-Fieber, Boma, Rufus’ entstellte Schwester – auch sie ein Opfer des Krieges – folgt dem Bruder auf die Insel, und statt Karriere zu machen verliert dieser seinen Job, und verliebt sich in die Krankenschwester Gloria … Derweil fressen die Flammen der Bohrtürme die letzten Wald- und Weideflächen, und lassen Geisterdörfer zurück.

Helon Habila inszeniert seine gesellschaftliche Parabel als Abenteuerroman und Politthriller. Hier und da erinnern die fesselnden Bilder und Beschreibungen an Lohn der Angst, und das ist als Kompliment gemeint! Damit sollte es dem brillanten Erzähler gelingen, ein großes Publikum zu erreichen. Es wäre ihm zu wünschen. Und es wäre wichtig. Das Thema der skrupellosen Ausbeutung der Naturressourcen der Ärmsten ist – im wahrsten Sinn des Wortes – ein brennendes. Nicht nur in Nigeria.

Helon Habila liest am 12.9. um 19.30 im Haus der Berliner Festspiele.

Video: Helon Habila bei den Heidelberger Lesetagen 2012

 
 

 

1. September 2013 12:18:16

… leselustig: Mathias Énard beim 13. internationalen literaturfestival berlin

Mut zum Experimentellen bewies Mathias Énard 2008 mit Zone. Für die sympathische Novelle Erzähl ihnen von Schlachten, Königen und Elefanten erhielt er 2010 den Prix Goncourt des lycéens. Sein Roman Remonter l’Orénoque aus dem Jahr 2005 wurde 2012 von Marion Laine mit Juliette Binouche und Edgar Ramirez unter dem Titel A coeur ouvert verfilmt.

Vielfalt ist also ein Kennzeichen des französischen Autors und aktuellen DAAD-Gastes, der 1972 in Niort/Frankreich geboren wurde und zurzeit in Berlin lebt. So wundert es nicht, dass sein jüngstes Buch eine sehr politische Geschichte um Flucht, Migration und Marginalisierung ist. Sie spielt in Tanger und Barcelona und erzählt von Träumen und Hoffnungen, die sich nie erfüllen werden. Dennoch ist Straße der Diebe kein deprimierendes Buch. Enard scheint existenzialistisch inspiriert: Seine Helden leben dennoch, trotz aller Schicksalsschläge, trotz absurder Verwicklungen, aus denen es kein Entrinnen zu geben scheint.

Sein Protagonist, Lakhdar, der wegen einer jugendlichen Affäre mit seiner Cousine Meryem von seiner Familie verstoßen wird, schließt sich, gemeinsam mit dem naiv-gemütlichen Nachbarssohn Bassam, Sheikh Nourredines „Gruppe für die Verbreitung koranischen Denkens“ an. Doch weitaus weniger radikal als der Jugendfreund, und entsetzt von der fundamentalistischen Gewalt, für die die islamistische Szene steht, wendet er sich bald wieder seinem eigentlichen Ziel zu: Krimis und Europa. Als er die spanische Studentin Judit aus Barcelona kennenlernt, scheint sein Traum wahr werden zu können. Doch illegal in Europa ist keine wirklich Perspektive. So verdingt sich Lakhdar zunächst bei einem französischen Raubkopierer, der seine Leidenschaft für das Genre Noir teilt; dann heuert er auf einer Fähre an, die täglich die Strecke Tanger-Tarifa fährt. Als die Reederei Konkurs anmeldet, und das Schiff den Hafen von Algeciras nicht mehr verlassen darf, wagt Lakhdar endlich den Schritt auf den nahen und doch so fernen Kontinent. Und landet schließlich – ohne Papiere und verfolgt von der Polizei – in Barcelona, in der „Straße der Diebe“. Ob Judit, die mittlerweile zur militanten Aktivistin der Indignados wurde, ihn noch liebt, ist ungewiss. Als Bassam und Sheikh Nourredine aus dem fern gewordenen Orient ebenfalls in Spanien eintreffen, scheint der Showdown fast unausweichlich …

Mathias Énard ist ein wunderbarer Erzähler. Seine Worte und Beschreibungen lassen Menschen, nicht Klischees, vor den Augen der Leserin entstehen. Und darum geht es auch. Straße der Diebe ist ein Appell, wenn es sein muss auch gegen Windmühlenflügel zu kämpfen, und sich dabei nicht zu verlieren. Während Bassam zur Marionette der Islamisten wird, geht Lakhdar einen anderen, besonnenen, ehrlicheren Weg: „Ich bin kein Mörder, ich bin mehr als das. Ich bin kein Marokkaner, kein Franzose, kein Spanier, ich bin mehr als das. Ich bin kein Muslim, ich bin mehr als das. Machen Sie mit mir, was Sie wollen.“

Énard hat eine kluge Parabel über die Kraft der Nachdenklichkeit und den aufrechten Gang geschrieben. Mehr davon , bitte schön.

Mathias Énard liest am 11.9. um 21.00 Uhr beim ilb 2013.

 
 

 

16. Oktober 2012 15:55:05

… philosophisch: Die erste Theoriekantine in der Vierten Welt mit uneingeschränktem Urteilsvermögen

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Am Kotti gibt es abgelegene Ecken, in denen sich theoretisierende Bürger zum angeregten Diskurs in der Theoriekantine treffen. Diese findet man natürlich in der Vierten Welt, einer performanten Parallelwelt, in der man sich einer so dringenden Fragen widmen kann, wie zum Beispiel: Wie schaffen wir es unserer Rechtsprechung mit den Anforderungen einer wirklichen (auch genannt „radikalen“) Demokratie zu verbinden?

Drei Philosophen sitzen da mit einem Theatermacher im freundschaftlich, zänkischen Gespräch, um ihre Positionen aneinander zu reiben. Ludger Schwarte veröffentlichte unlängst bei Merve das Buch Vom Urteilen, das Gegenstand der ersten öffentlichen Diskussion bildet. Dirk Setton stellt das Buch vor und kritisiert es gleichsam, unterstützt von einer hinterfragenden Maria Muhle. Ludger Schwarte gerät in eine Verteidigungshaltung, aus der er aber sogleich vom plenum-artig hinzugezogenen Publikum geogen wird. Schnell wird verhandelt, wie Praxis-tauglich oder zumindest theoretisch funktionierend die Ansätze sein oder werden könn(t)en. Dirk Cieslak (Macher der Vierten Welt) ordnet unschwer die Gesprächsströme.

Ich hab selten einen so interessanten Gesprächsabend erlebt, bei dem Podium und Publikum sich auf gegenseitig anregendem Niveau Bälle zuspielten.
Die nächste Theoriekantine findet am 15. Dezember statt.

 
 

Autor:

Magnus Hengge

 

13. September 2012 09:08:08

… kantig: Genau wie Josef Joffe

Will mal schreiben wie der Joffe. Das Orakel der Zeit. Sätze, die stehen bleiben. Wie eingemeißelt. Geschrieben wie geschrieen. Gespickt mit einem „Bonmot“ hier und einem Präsidentenzitat da. „Yes we can“.
Denn es ist Krise. Da braucht es klare Aussagen. Das Volk will wissen woran es ist. Wir haben keine Zeit mehr. Andere ziehen vorbei und wir warten auf Karlsruhe. Dabei ist alles wie immer. Alle haben es gewusst und keiner hat was getan. Auch Angela Merkel nicht. Dabei stand es doch schon lange in der Zeit. Immer wieder in jedem Artikel von Joffe konnte und kann man es lesen.
So viel zum Theoretischen, jetzt mal konkret: So könnte es gehen: Erstens: Lesen muss sein. Man muss es nur wollen. Jetzt und in Zukunft. Und zweitens: Wer liest muss Joffe lesen. Da steht es. Steht alles – das Problem, die Wahrheit, die Lösung.
Komplexität ist überbewertet, wir brauchen was zum Festhalten. Einen Knüppel. Nur nicht in den Händen der EZB. Diese Bank, die vergessen muss, was ihre Aufgabe ist. Denn Aufgeben geht nicht. Dranbleiben ist das Motto. Frau Merkel weiß das.

Ach könnte ich doch nur so schreiben … Mein Blog würde bestimmt von irgendwem gelesen.

 
 

Autor:

Magnus Hengge

Kategorie:

Alltägliches | Politik

 

1. September 2012 17:32:18

… Ackerland: „Hungry City“ im Kunstraum Kreuzberg – Landwirtschaft und Essen in der zeitgenössischen Kunst

soilkitchen

Unter dem Pflaster liegt leider nicht das Meer, sondern glücklicher Weise Ackerland!
Allerdings ist der Boden im urbanen Raum oftmals durch die Vorbelastung aus der Geschichte des Ortes schwer kontaminiert. Eines der sozialen Kunstprojekte, die in der Ausstellung „Hungry City“ gezeigt werden, geht dieses Problem direkt an und gibt der städtischen Bevölkerung in Philadephia ihren Boden zurück: „Soil Kitchen“ verkocht nicht etwa Dreck aus dem Hinterhof, sondern untersucht für Bürger kostenfrei Bodenproben. So wird transparent, wie verschmutzt oder sauber die verschiedenen Standorte sind und die Aktionskünstler thematisieren, bei Suppe aus Gemüse vom eigenen Acker, biologisch-ethische Ernährungsfragen, um so auf die amerikanische Nahrungskultur einzuwirken. In diese „Re-claim your city“-Richtung gehen noch weitere Projekte: Beispielsweise kann man bei „Kultivator“ Wurmbomben beziehen und mit den kleinen Viechern subversiv den Boden mittels „Guerilla composting“ rekultivieren.

Interessant und kuratorisch bemerkenswert ist, dass nicht nur auf die aktuelle Welle des „Urban Gardening“ eingegangen wird, sondern auch Pionierprojekte aus den 1970er und 80ern gezeigt werden – noch dazu diesseits und jenseits des eisernen Vorhangs. So wird inhaltlich wie ästhetisch eine große Breite an verschiedenen künstlerischen Positionen erlebbar.

Einige Arbeiten begnügen sich damit landwirtschaftliche Praktiken zu dokumentieren, was vielleicht im Sinne der Speicherung von Kulturgütern ein positiver Ansatz ist, allerdings im Ergebnis so einschläfernd, dass wohl diese Dokumentation der landwirtschaftlichen Kulturpraktiken schneller vergessen wird, als die Praktik selbst. Hier wurde leider das Problem der Weitergabe und des Zugangs zum angelegten Speicher an Wissen und Kulturgut nicht gelöst. Beispielhaft möchte ich hierfür das Projekt „WeFarm“ nennen, dass auf der TYPO Berlin 2012 von Nat Hunter vorgestellt wurde (im Video bei 21:36).

In den Gängen zur Ausstellung wurden von einer lokalen Aktionsgruppe, den „Gegnern des Hühneressens“ Plakate geklebt. Hier wird die Anschlussfähigkeit von moralisch-ethischen Essenstabus thematisiert, die üblicherweise religiös geprägt sind. Aber warum sollten die Menschen nicht genauso diskussionslos aus persönlichen, rein kulturell oder global-wirtschaftspolitisch motivierten Gründen mit dem Essen von Hühnern aufhören, und sich zu einer „Glaubensgemeinschaft“ zusammenfügen, die glaubt, dass es richtig ist, Hühner nicht zu essen? Ethisch überzeugend ist sicherlich einzig der Verzicht auf jegliches industriell produzierte Fleisch, uns sicherlich ist es einfacher die Menschen erst einmal Schritt für Schritt zum Verzicht zu bringen, der sich dann sehr schnell zu einem großem Gewinn für alle wandelt. Fangen wir also doch einfach mal mit Hühnern an!

Hungry City, 1. September bis 28. Oktober 2012, im Kunstraum Kreuzberg (Bethanienhaus), Mariannenplatz 2, 10997 berlin

Kuratiert von Anne Kersten in Zusammenarbeit mit Stéphane Bauer.
KünstlerInnen: Jekaterina Anzupowa (UA/DE), KP Brehmer (DE), Agnes Denes (US), Leticia El Halli Obeid (AR), Fallen Fruit (US), Fernando García-Dory (ES), Futurefarmers (Amy Franceschini, Dan Allende, Lode Vranken) (US), Tue Greenfort (DK/DE) Kultivator (SE), Kristina Leko (HR/DE), MyVillages.org (NL/DE/GB), Heinrich Riebesehl (DE), Antje Schiffers & Thomas Sprenger (DE), Bonnie Ora Sherk (US), Lukasz Skapski (PL), Åsa Sonjasdotter (SE/NO/DE), Daniel Spoerri/Tony Morgan (CH, GB), Ève K. Tremblay (CA/US/DE), Insa Winkler (DE)

Es gibt ein umfangreiches Aktionsprogramm rings um die Ausstellung.

 
 

Autor:

Magnus Hengge

 
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