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Archiv der Kategorie ‘Pop‘

14. Oktober 2013 16:08:59

… Blog-Marketing: Lady Gaga möchte mich bestechen

Die Bestecherlis, die uns Bloggern angeboten werden, damit wir Promo-Inhalte übernehmen, werden immer gewitzter. Z.B. soll ich jetzt einen Artikel darüber schreiben, dass Lady Gaga in Berlin mit einem kleinen Club-Konzert ihr neues Album vorstellt, und wenn ich es mache (und was ich hiermit wirklich mache), kann dieser Artikel damit belohnt werden, dass ich als Verfasser 2 Tickets zu dem Konzert gewinnen kann. (>Hier der genaue Wortlaut der Einladung.) Man soll seine Erwartungen an das neue Album „Artpop“ beschreiben. Na dann …

Tatsächlich interessiert mich Lady Gaga durchaus, allerdings nicht im Ansatz als Musikerin, als die sie nun in Bezug auf ein neues Album promotet wird. Nein, sie interessiert mich als künstlerisches Pop-Phänomen. Kein anderer Popstar sucht die Nähe zur zeitgenössischen Kunst so sehr wie sie, und bei keinem anderen Pop-Künstler tritt die Kunst so demütig zur Seite. Musikalisch sind ihre Alben vollständig innovationsfrei (das neue wird da nicht anders daher kommen), aber performatorisch agiert sie sich hübsch wild aus. Sie bedient allerlei IT-Girl-Posen und überzogen stereotype Sex-Klischees. Mal in schlampigen Strapsen und Zottelhaar, mal als kühl-technoide Roboterfrau, mal schutzlos-verletzlich quasi überhaupt nicht aufgemacht und seit neuestem in Verbindung mit hautfarbenen Protesen. Vermutlich soll letzteres an ein Tabu rühren, das aber freilich schon lange keins mehr ist. Der ganze Sex-Tools-SM-Quark hat eine historische Borg-Variante (siehe „Metropolis“), die schon ziemlich abgenudelt ist. Nach Tattoos und Piercing spielt Lady Gaga nun mit dem glücklicherweise noch nicht ge-mainstreamt-en subversiv Trend des Amputating. Sie hat auch hier wieder die Zeichen der Zeit erkannt. Denn seit der letzten Olympiade in London, als die Paralympics irgendwie noch viel cooler waren, als die Spiele der Unversehrten, öffnet sich die allgemeine Vorstellung langsam dahingehend, dass auch fuß- oder arm-lose Körper sexy sein können. Man könnte doch zumindest mal drüber nachdenken, ob es nicht vielleicht sogar irgendwie besser wäre, wenn anfällige Biologie durch artifizielle Technik ersetzt würde. Der eigene Körper als schickes neues Gadget. Zusätzlich zum Silikon-Dekolleté könnte doch ein künstlicher Finger noch mehr Eindruck machen. Bei Bedarf kann man sich dann noch coole Software dafür runterladen, so dass man mit seinem Borg-Finger ultraschnell auf dem neuesten SmartPhone tippen kann oder bei GuitarHero alle Rekorde bricht. Klingt doch nicht schlecht, mal schnell googlen was so was kosten würde – vielleicht gibt es schon einen entsprechenden Online-Shop oder ein Video

Meine Frage an Lady Gaga ist folgende: Du hast selbst einmal gesagt, dass du dich früher „wie ein Freak gefühlt“ hast, weil du so anders warst als alle anderen (z.B. in deiner Schule). Nun bist du die „Queen of Pop“ und die „Mama Monster“ – irgendwas zwischen Mainstream und Avantgarde – sagen wir „Kommerz-Avantgarde“. Gleichzeitig werden auch die echten Freaks (gemeint sind Menschen, die z.B. bei den Paralympics antreten) zu Vorbildern für die Gesamtgesellschaft, weil sie – wie kaum jemand anders, außer vielleicht den beiden Pop-Queens Lady Gaga und zuvor Madonna, bei denen es viele biografische Parallelen gibt – für den individualistischen Traum stehen, dass man es schaffen kann, wenn man es nur hart genug versucht. Aber natürlich weiß jeder, dass die Ausnahme nicht die Regel bestätigt. Es gibt eben nicht unzählige Lady Gagas und auch nicht viele Paralympic-Stars. Glaubst du dennoch, dass diese Ideologie des Arbeits-Ethos (nennen wir sie nun neo-liberal, kapitalistisch oder evangelikal) wirklich für den Einzelnen unter den Vielen auszahlt? Oder kann es sein, dass du dich schon bald neuen Ideen zuwendest, ähnlich wie es Madonna machte, promotest dann das gegenteilige „Sich-annehmen-können“ und drehst dich Richtung Buddhismus? Oder sind dir dahinterstehende pseudo-religöse und gesellschaftliche Ideen ohnehin egal und es geht dir darum einen neuen Bild-ästhetischen Trend zu setzen?

Sorry – die Frage ist vielleicht ein bisschen komplex geraten. Darf ich trotzdem zum Konzert in der Halle am Berghain?

Hier das neue „Applause“ Video – wie immer ein Feuerwerk der verschiedenen Stlyes:

 
 

Autor:

Magnus Hengge

 

27. September 2013 15:49:03

… 50 Shades of Grey: Eva Illouz über die neue Liebesordnung

„Erfolgreiche Bücher sind Barometer für die Normen und Ideale einer Gesellschaft“, postuliert Eva Illouz (Warum Liebe weh tut) und erläutert das in ihrem aktuellen Aufsatz Die neue Liebesordnung ausgerechnet am Beispiel von Erika Leonards alias E.L. James’ Bestsellertrilogie Shades of Grey. Sie hätte auch über Daniel Defoes Robinson Crusoe schreiben können, merkt die israelische Soziologin augenzwinkernd an. Aber „dass ein Softporno über zwei Menschen, die sich sadomasochistischen Praktiken hingeben, etwas über einhundert Jahre nach Kate Chopins Das Erwachen von 1899 zu einem weltweiten Bestseller werden kann, erlaubt uns einen Einblick in den gravierenden Wertewandel, der seitdem in der westlichen Kultur stattgefunden haben muss und der so einschneidend gewesen zu sein scheint wie die Einführung von Fließendwasser und Elektrizität in Privathaushalten.“

Ihren nicht ganz neuen aber wohlsortierten Betrachtungen zu der dreibändigen Liebesschmonzette – E.L. James nennt sie auf ihrer Website Provocative Romance – stellt Illouz zunächst einige allgemeine Überlegungen zur Frage „Was ist ein Bestseller“ voran. Sie erläutert, dass Bestseller „Werte und Einstellungen transportieren, die entweder bereits hegemonial und weithin institutionalisiert oder immerhin schon so weit verbreitet sind, dass sie mittels eines kulturellen Mediums in den Mainstream vordringen können.“, und betont, dass Bestseller „gemacht“ werden: Sie sind „das Ergebnis eines Prozesses, der im 16. Jahrhundert einsetzte und den wir als die Kommerzialisierung des Buches bezeichnen können…. Mit Hilfe der Marktforschung versucht man, den Publikumsgeschmack zu ermitteln, vorherzusagen und zu beeinflussen. Die Plots … folgen ausgeklügelten und standardisierten Formeln, die gehütet werden, wie die Rezepte von Coca Cola.“

Nun wissen wir seit Malcolm Gladwells Der Tipping-Point. Wie kleine Dinge Großes bewirken können, dass Trends nicht von allein entstehen: Es müssen die richtigen Leute an den richtigen Stellen für etwas werben. Laut dem amerikanischen Soziologen Michael Schudson bedingen fünf Faktoren den Erfolg einer Idee: Verfügbarkeit, rhetorische Kraft, Resonanz, institutionelle Speicherung, Bestimmtheit. Gladwell und Schudson allein erklären jedoch nicht das Phänomen der Shades of Grey. Wie also konnte es dazu kommen? In Die neue Liebesordnung. Frauen, Männer und Shades of Grey verspricht Eva Illouz eine Antwort auf die Frage. Ihre Argumente lassen sich in zehn Thesen zusammenfassen:

These 1: „Resonanz“. In Bestsellern erzählte Geschichten müssen etwas mit den Themen zu tun haben, die eine Gesellschaft beschäftigen: Zwischen dem Roman und „seiner“ Gesellschaft entsteht eine „Resonanzbeziehung“. Die Erzählung bietet einen passenden neuen Rahmen, der dem Publikum hilft, ein bestimmtes Phänomen zu verstehen. Das Shades of Grey bietet Rezepte an, die die Leser befolgen können. Texte werden populär, wenn sie (symbolische) Lösungen für soziale Widersprüche vorschlagen.

These 2: Shades of Grey erzählt eine Geschichte, die viele der unlösbaren Fragen vor Augen führt, die sexuelle Beziehungen zwischen Männern und Frauen in unserer Gegenwart kennzeichnen. Das sadomasochistische Verhältnis der Figuren bietet dabei einen Ausweg aus dem Dilemma (und ein Verfahren zur Überwindung der Hilflosigkeit angesichts der Unlösbarkeit der Lage).

These 3: Shades of Grey passt bestens zur Selbsthilfekultur der modernen Gesellschaft. Für Illouz ist die Trilogie „ein sexueller Selbsthilfeleitfaden“. Selbsthilfe wird dabei als kultureller Marker verstanden.

These 4: Shades of Grey ist ein Frauenroman, „von einer Frau geschrieben, als Frauenroman beworben und in erster Linie von Frauen gelesen.“. Er formuliert„eine zeitgenössische Liebesutopie, die sich wie Phönix aus der Asche der Konventionen romantischer Leidenschaft erhebt.“ Denn anders als in Pauline Réages Geschichte der O (1954) endet das sexuelle Drama nicht mit dem Tod oder der „Vernichtung der Frau als begehrenswertes Subjekt.“

These 5: Shades of Grey ist kein feministisches Buch, hat aber „feministische Codes in seine Erzählstruktur und in die Figuren eingearbeitet“. Illouz konstatiert die „Sehnsucht nach dem Patriarchat“ als „Gegenreaktion auf den Feminismus“, weil sich Frauen „nach den emotionalen Bindungen sehnen, die die männliche Vorherrschaft begleiten. … Dass der Roman so viele Handlungen schildert, die von Greys Wunsch motiviert sind, Ana zu beschützen und zu besitzen, spricht dafür, dass ihnen große Bedeutung zukommt. In ihnen spiegelt sich nämlich die Zwiespältigkeit vieler Frauen gegenüber der Art und Weise, wie der Feminismus traditionelle Männlichkeit und Weiblichkeit und damit die Geschlechterverhältnisse verändert hat – ein ambivalentes Ergebnis, das damit zu tun hat, dass die feministische Revolution weitgehend unvollendet geblieben ist.“ Natürlich merkt Illouz an, dass diese männliche Beschützerrolle nicht vom „feudalen Herrschaftssystem [getrennt werden kann], in dem der Mann solchen Schutz gewährt.“, und sie betont, dass die „Sehnsucht nach der sexuellen Dominanz der Männer keine Sehnsucht nach ihrer gesellschaftlichen Dominanz als solcher“ ist. Ihre Schlussfolgerung lautet: „So gesehen ist die Phantasie, die den Kern der Geschichte bildet, ein Musterbeispiel für ein ‚falsches Bewusstsein’.“

These 6: Auch in anderer Hinsicht bietet Shades of Grey eine Antwort auf ein zeitgenössisches Dilemma, das Illouz wie folgt beschreibt: „Moderne Gesellschaften produzieren ein chronisches Defizit an Anerkennung. … Die Anerkennung [hat sich] zu einer zentralen Problematik für moderne Liebesbeziehungen entwickelt (neue soziologische Qualität).“

These 7: Die zentrale von BDSM geprägte Beziehung zwischen (den Protagonisten der Geschichte) Christian Grey und Ana Steele spiegelt letztlich auch die Verlagerung der Sexualität auf das Feld der Identitätspolitik wider: „Die SM-Beziehung entwickelt sich parallel zur Entfaltung von Anas Subjektivität als gleichwertiges begehrendes Subjekt. BDSM bietet mithin eine Reihe von symbolischen Strategien, um die Dilemmata des heterosexuellen Kampfes zu überwinden.“ Illouz behauptet, BDSM bereichere den Kampf um Anerkennung zwischen den Geschlechtern in modernen Liebesbeziehungen um „eine interessante Wendung“, da es dem Schmerz eine Form verleihe, ihn also ästhetisiere. Gleichzeitig biete BDSM einen Ausweg angesichts des „Begehrens“, das, so Roger Scruton „freiwillig gegeben“ werden müsse und nicht Gegenstand einer konsensuellen Übereinkunft sein könne. BDSM beruhe zwar auf einem Konsens, erfordere aber kein „freiwillig gegebenes“ Begehren. „BDSM ist hochgradig formalisiert und daher angstfrei. … BDSM ist eine brillante Lösung für die strukturelle Instabilität von Liebesbeziehungen, gerade weil es sich um ein immanentes, in einer hedonistischen Definition des Subjekts verankertes Ritual handelt, das Gewissheit über Rollen, Schmerz und die Kontrolle des Schmerzes sowie die Grenzen des Konsenses verspricht.“

These 8: Das Feld der Sexualität ist soziologisch gesprochen unbestimmt geworden. Shades of Grey aber oszilliert zwischen der Unbestimmtheit der zeitgenössischen Liebesbeziehung und der Bestimmtheit der Rollen und Positionen beim SM-Sex.

These 9: Shades of Grey ist kein Porno: „Pornofilme lösen das sexuelle Problem durch die Darbietung von Sex.“ (Linda Williams). Shades of Grey ist dagegen „eher ein Ratgeber … Die Sexszenen zielen nicht darauf ab, die visuelle Vorstellung anzustacheln, sondern Leser und Leserinnen über einfallsreiche und effektive Möglichkeiten zur Steigerung ihres sexuellen Vergnügens zu belehren. Dass diese Selbsthilfe-Erotik („Erotik zum Selbermachen“) hier nicht nur als kultureller Modus sondern ganz real als Marketing-Motor funktioniert belegen übrigens eindrücklich die deutlich gestiegenen Absatzzahlen von Sexspielzeugen in den USA nach Erscheinen des Romans.

These 10: Shades of Grey bedient die (gender-typische) handlungsleitende Qualität von Literatur, denn, so Illouz: „Frauen lesen sozial, d.h. sie lesen zusammen mit anderen und lassen sich durch die Lektüre zum Nachdenken über ihre engen – sexuellen oder emotionalen – Bindungen inspirieren, was zu dem Wunsch führt, diese zu verändern.“

Ein wenig blass bleibt, nach den auf 88 Seiten formulierten Überlegungen zu Shades of Grey die Schlussfolgerung, die Eva Illouz zieht: Die Romantrilogie sei „schlechte Literatur“, schreibt sie. Und doch kreuze sie „die Unterscheidung zwischen Fiktion und Wahrheit“, weil sie uns vor Augen führe, wie es heute um unser Sexual- und Liebesleben bestellt ist. Vielleicht ist der abschließende Verweis auf „unser Sexual- und Liebesleben“ die ureigene Marketingstrategie der Autorin, die zuletzt umfänglicher zu Liebe, Männern und Frauen publiziert hat. Es mag also ihre Einladung an die interessierte Leserin sein, in ihren anderen Texten weitere Einsichten suchen. Alternativ möchte ich die Fortsetzung der Debatte vorschlagen. Beispielsweise über die Frage, was denn „gute“ von „schlechter“ Literatur unterscheidet, oder ob das Lesen an sich, in Zeiten überbordender und omnipräsenter elektronischer Medien (und sagenhaft niveauloser Reality Shows), nicht schon ein Wert an sich ist, gleichgültig ob Schmonzette oder Fantasy. Schließlich haben wir alle mal mit Comic-Heftchen angefangen. Oder?

Veranstaltungshinweis: Über die Politik der Gefühle diskutieren am Sonntag, 29.9. um 12.00 Uhr Carolin Emcke und Eva Illouz im Streitraum der Schaubühne am Lehniner Platz.

Postscriptum / Zum Weiterwissen:

Die Geschichte eines Bestsellers

Der Erfolg für Shades of Grey kam nicht über Nacht: 2009 veröffentlicht Erika Leonard ihr modernes Märchen von der Studentin und dem Millionär unter dem Pseudonym Snowqueens Icedragon auf Fanfiction-Seiten zu Stephenie Meyers Vampirromanen. Als kritische Kommentare zum sexuellen Gehalt ihrer Texte überhand nehmen, publiziert sie sie auf ihrer eigenen Website weiter. 2010 gründet der australische Verlag The Writer’s Coffee Shop dann einen Verlag, der Shades of Grey unter dem Pseudonym E.L. James als E-Book und Print-on-demand-Taschenbuch herausbringt. Soziale Medien und virales Marketing machen den Roman zum Hit: Innerhalb weniger Monate findet Shades of Grey 250.000 Käufer_innen. Im März 2012 erwirbt Random House angeblich für 1 Mio. US$ die Rechte, wirft die globale Marketingmaschine an, und macht das Werk zum Bestseller. Die in über 50 Sprachen übersetzten Bücher wurden mittlerweile über 70 Millionen Mal verkauft. 2014 soll Teil 1 der Trilogie Geheimes Verlangen mit Dakota Johnson und Charlie Hunnam ins Kino kommen.

Zahlen und Fakten

Romance novels (Liebesromane) stehen ganz oben auf der Liste der erfolgreich vermarkteten Werke. 2011 wurde mit ihnen in den USA ein Umsatz von 1,358 Mrd. US$ (14% des Buchmarktes) erzielt, 474 Titel aus diesem Genre schafften es auf die Bestsellerlisten von New York Times, USA Today und Publishers Weekly.

Der globale Branchenführer in diesem Genre ist Harlequin (aus Toronto), der deutsche Ableger heißt Cora. Der Tochterverlag mit Sitz in Hamburg veröffentlicht etwa 800 neue Titel pro Jahr und verkauft davon ca. 15 Millionen Exemplare. 91% der romance-Leserschaft ist weiblich; 31% davon bezeichnen sich als „Intensivleserinnen“, d.h. sie lesen täglich.

 
 

 

7. September 2013 18:37:25

… abgedreht: FWTB 2013 – Tag 2

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Der zweite Abend des Newcomer-Festivals First We Take Berlin (FWTB) fing auf hohem Indie Pop Niveau im Fluxbau. Sebastian Lind aus Dänemark kommt total sympathisch mit überzeugenden Melodien über sauber strukturierten Songs. Einfach gute, aktuelle Pop Mukke.

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Mein persönlicher Topact des Abends fand im Postbahnhof statt. Kranke Kostüme, überbordende Körperlichkeit und konsequent für den Schrägen Dance Floor. Man könnte meinen es geht um P-Funk, aber tatsächlich ist. Es die nächste Stufe des ElektroSwings. Dirty Honkers pusten einem mit 2 Saxophonen und ner Menge Spielkonsolen den letzten Rest kritisches Auffassungsvermögen aus dem Hirn. Eine steile Blondine in Kunstlederbandage, ein Psychobilly in Silbershorts und ein schwabbeliger, kreativ körperbehaarter Mann können richtig geile Musik machen, wenn sie mit  JoySticks vor viel zu engen goldenen Höschen rumspielen. „Yeah move your body and take your cloths off!“ Let’s do a little workout!“

Dann kurz rüber ins Lido zu Braids, aber die warn nach den Dirty Honkers nicht wahrnehmbar. Also schnell wieder zurück zum Postbahnhof:

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Yalta Club mit deutlich Anleihen bei Afrobeats und Straßenmusik sorgen für ordentlich gute Laune und flüssige Bewegung bei Menschen, die auf handgemachte Musik stehen. Und englische Texte mit leicht französischem Akzent sind ja ausgewiesenermaßen unwiderstehlich (siehe Phoenix). Besonders nett: Zum letzten Song sollten sich das ganze Publikum auf den Boden setzen und die Musiker/innen kamen mit handverlesenen Instrumenten mitten in den Raum und spielten wirklich unpluggt. Ich hatte das Glück genau in der Mitte des Raumes zu hocken und so kam es, dass alle Musiker sich im Kreis um mich einfanden – so wurde der letzte Song mein ganz persönliches Ständchen ;-)

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Danach fand ich alles andere langweilig und so soll der Rest unerwähnt bleiben.

 
 

Autor:

Magnus Hengge

 

5. September 2013 14:10:40

… Club crawling: FWTB 2013 – Tag 1

Dieses neue Festival „First we take Berlin“ (FWTB) macht wirklich Spaß: 80 Newcomer Bands verteilt über 8 Locations an 2 Tagen. Alle Konzerte verteilen sich auf die bekannten Clubs rund um die Oberbaumbrücke, so dass das Wechseln zu Fuß oder mit dem Fahrrad überhaupt kein Problem ist.

Am Mittwochabend sah ich:

Bipolar sunshine
Bipolar Sunshine hatte im Magnet leider ein paar technische Probleme, doch ihre Songs entlohnten mehrheitlich für die Wartezeiten. In guten Momenten klingt ein bisschen Bloc Party durch wobei sie nie deren Raffinesse erreichen, aber die Grundstimmung ist bei diesen nämlich manisch-depressiven, tendenziell Richtung Mittelgrau zu verorten.

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Nebenan beim Dänenfest im Comet geht es offensiv poppig zu. Vorsätzlich glatt aber mit (zumindest live) interessanter Stimme Kadie Elder in Hosenträgern. In ihrem flachen Halbinselstaat haben sie sogar schon einen kleinen erhebenden Hit mit „Simple Guy“ gelandet.

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Weiter ins Lido zu Thomas Azier: Experimentieren mit den Grundbegriffen des Synthie Pop mit einem expressiver Sänger, der kontrolliert trifft, was er wünscht.

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Ab in den PrivatclubDort ging’s mit unplugged Bargesang mitten im Publikum los – gefolgt  von der Ansage „we play no love songs tonight“. Dann zwischen unterdrückten Rülpsern und Akkordanschlägen auf der Gitarre mit Bierflasche in der Hand vor nacktem, verschwitztem Oberkörper, werden extrem verhallte langsame Melodien gegröhlt. Das ganze ist durchaus gelungene Kunst von  M O N E Y.

 
 

Autor:

Magnus Hengge

 

28. Februar 2013 14:32:19

… lockig: Darwin Deez mit neuer Platte im Bi Nuu

Darwin Deez im Bi Nuu

Seine erste Platte Darwin Deez und die dazugehörigen Videos war ebenso mellow-happy wie seine Frisur und dadurch sehr erfolgreich. Nun mit der Tournee zum neuen Album Songs for Imaginativ People scheint er sich seinen Kindertraum endlich mal richtige Rockgitarrensolos-spielen zu erfüllen. Leider macht es die Songs schwer verdaulich, doch die fröhlichen Tanzeinlagen zwischen den Stücken entschädigen gerade noch ausreichend. Aber der Junge ist jung und kreativ. Ich bin sicher es kommen wieder bessere Songs …

 
 

Autor:

Magnus Hengge

 

4. November 2011 21:22:38

… never for money: Indie-Kino mit Sean Penn und David Byrne

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Sean Penn in Cheyenne. This must be the place. [© Delphi Filmverleih]

Never for money. Always for love! So lautet das Motto des neuen Films des italienischen Filmemachers Paolo Sorrentino, der 2008 mit Il divo in Cannes den Jurypreis gewann. Nie für Geld – aber Geld hilft. Und Geld hat Cheyenne, der gealterte Rockstar der 1980er Jahre - genial zottelig, drömelig und slow gespielt von Sean Penn – dessen beste Jahre als Musiker, Junkie und Alk hinter ihm liegen. Heute residiert er im Vakuum seiner Erinnerungen, glücklich verheiratet mit Jane (Frances McDormand) in einer prächtigen Villa im ewig grünen Irland. Mit wasserlosem Swimmingpool („Hier spielen wir Pelota …“) und Designerküche, an deren Wand in großen Lettern CUISINE steht, in der Cheyenne Tiefkühlpizza im Backofen aufwärmt. Opulenz, Dekadenz – und Langeweile, gepaart mit Zynismus, Selbstironie und wilder Entschlossenheit, das alte Leben auf der Überholspur mit dem Phlegma der zugedrönten Schnecke zu konterkarieren. Vom einstigen Ich geblieben sind Schminktipps („Ein Hauch Puder auf die Lippen, und dein Lippenstift hält den ganzen Tag.“) und ein Rollkoffer, der farblich abgestimmt auf den jeweiligen Zweck zum Einkaufen ebenso mitgenommen wird, wie zum Briefkasten, auf den Friedhof oder zur Schiffspassage auf der Queen Mary nach New York („Ich bin 30 Jahre nicht in ein Flugzeug gestiegen.“).

Dreißig Jahre ist es her, dass Cheyenne zum letzten Mal mit seinem Vater sprach, der sich als Ausschwitzüberlebender in Amerika ganz der Verfolgung seines Peinigers im KZ verschrieben hatte, und ohne ihn zu finden starb. Wie das Verschwinden des Sohnes seiner Nachbarin (Olwen Fouéré) und die Bindungsunfähigkeit deren Tochter Mary (Eve Hewson) lässt Cheyenne das Leiden der anderen scheinbar unberührt. Zunächst jedenfalls. In seinem Mikrokosmos herrscht die Gleichgültigkeit des ein für alle Mal Übersättigten. Kenn ich, war da, alles schon gehabt. Cheyenne ist Nabel der Welt, und sich selbst genug („Ich weiß nicht, ob ich die Tesco-Aktien verkaufen soll …?“). Und doch treffen der Tod des Vaters und dessen nie vollzogene Rache am Agenten des Holocaust einen Nerv beim Sohn. Fern vom irischen Idyll macht sich Cheyenne mit Hilfe des Nazijägers Mordecai Miller (Judd Hirsch) auf die Suche nach dem KZ-Wächter Alois Lange (Heinz Lieven) – via Michigan und New Mexico bis Utah. Den bizarr schönen Stadtansichten aus Dublin folgt das Roadmovie im Pick-up durch grandiose amerikanische Landschaft. Und weil die 1980er auch New Age und Esoterik waren, findet Cheyenne am Ende … auch sich selbst. Nicht da, wo er sich irgendwann einmal verloren hatte, und doch authentisch.

Cheyenne. This must be the place ist ein sympathischer Film, der vom Charisma seiner bis in die kleinste Nebenrolle optimal gecasteten Darsteller und dem Soundtrack von David Byrne und Will Oldham ebenso lebt, wie von seinen zahlreichen zarten Ideen, untergründigem Humor, minimalistischen Dialogen und exquisiten Bildern (Kamera: Luca Bigazzi). 118 Minuten voll Witz und Tragik, Wehmut und Optimismus, und sehr viel Gefühl. Am 10. November kommt die irisch-französisch-italienische Koproduktion ins Kino. Gerade rechtzeitig, um uns unterlegt von sonnigem Postpunk und New Wave Klängen den beginnenden Winter in Deutschland zu versüßen.

 
 

Kategorie:

Geschichte | Kino | Musik | Pop

 

8. Juli 2011 19:23:37

… bein dran: Zwei Künstler viele Extremitäten


Tension Watercolour Series

Weil ich mir ein 8 ins Hinterrad meines Farrads gefahren habe, ging ich heute mal zu Fuß die Köpenicker Straße entlang, nachdem ich das Rad beim Fahrradladen zur Reparatur aufgegeben habe. In der dort angesiedelten Galerie ZERO sind gerade Arbeiten von Timothy Kebdall Edser ausgestellt, der sich (wie schon so viele vor ihm) mit dem eigenen künstlerischen Körper, seinen Reglementierungen, Abhängigkeiten und Begrenztheiten auseinandersetzt. Irgendwie bin ich seither auf dem Anatomie-Trip, den seine Arbeit erinnerte mich sofort an die extremitätisch verschlungenen Street Art oder Graffiti-Werke von IRGH.

Um das abzurunden fehlt eigentlich nur noch der Dry Bones Song ;-)

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Was für ein Durcheinander!

 
 

Autor:

Magnus Hengge

 

8. Juli 2011 13:25:06

… trendy: Fashion Week 2011

elisabethondanieltorresshow
Fashion Show von Daniel Torres Berlin

Aus familiären Gründen war ich auf einer Fashion Show, auf der drei Designer/innen ihre Kollektionen vorstellten. Die Show simulierte große Geschäftigkeit und Angesagtheit, doch bei den Gesprächen, die ich mit verschiedenen Leuten führte, hatte ich das Gefühl, dass eigentlich nur Freunde, andere Modedesigner und Eltern der Models herumsaßen und sich gegenseitig beklatschten. Ich frage mich, was so eine Fashion Show den Designern im Vertrieb wirklich bringt? Vermutlich ist der einzige Sinn darin begründet, dass dabei ein Video entsteht, das die Vorstellung von großer Mode mit Bildern unterfüttern kann, um die Idee von Trend, Sexiness und Erfolg für sich selbst und die Kunden aufrecht zu erhalten.

Die größte Sehnsucht nach Schönheit und Popularität schienen mir einige Model-Eltern zu haben. Mit ihren kleinen Knipsen sitzen sie in der ersten Reihe und fotografieren ihre Töchter beim Catwalk, nachdem sie sich ein Gratis-Piccolöchen eingepfiffen haben, um die lange Wartezeit totzuschlagen. Vollgestopft mit der Hoffnung auf den großen Durchbruch und den besten Wünschen für ihre Schützlinge. Die Models reagieren größtenteils mit abgeklärter Langeweile und sind kaum gelaufen auch schon wieder weg zur nächsten Show, für die sie dann vielleicht auch mal ein paar Euro bekommen. Ansonsten alles für die Mappe, Ruhm und Ehre. Sehr merkwürdige Szene.

 
 

Autor:

Magnus Hengge

 

12. Mai 2011 12:50:35

… sizilianisch: Etta Scollo im Tipi und auf neuer CD

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Es ist ein bisschen wie auf der Piazza in Sciacca oder Siracusa nach Einbruch der blauen Dunkelheit: Eine kleine Insulanerin mit rauher Stimme singt, röhrt und schreit ihre Gefühle in die Nacht, während sich die Sterne zur Illustration in immer neuen Bildern formieren. Es geht natürlich um Liebe, Liebe, die meistens ziemlich kompliziert, aber immer hoch emotional ist. Etta Scollo tourt mit ihrer neuen CD „cuore senza“ im Gepäck (Erscheinen Ende Mai) durch Deutschland und entführt die Zuhörer nach Arcadien, in ein Land der alten Poeme, die sie neu vertont hat. Mal klingt sie nach weiblichem Tom Waits, mal knistert ein bisschen kitschig der Schmelz in ihrer Stimme, mal hört man die rockige Gianna Nanini – absolut italienisch eben. Und wem das alles nicht genug ist – vaffanculo!

Gesehen im Tipi

 
 

Autor:

Magnus Hengge

 

5. Mai 2011 10:15:32

… stimmgewaltig: Janis und Adele

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Gemeint ist natürlich Janis Joplin, die unvergessene Sängerin mit der zerbrechlichen und aufwühlenden Stimme, die so sang, wie ein waidwundes Tier schreien würde, wenn es die Fähigkeit dazu besäße. Auf den Fotos, so auf denen, die Linda Mc Cartney von Joplin gemacht hat, erscheint sie derb, mit offensivem Lachen oder nachdenklich. Auf einigen sieht man aber auch die geradezu erschütternde Unsicherheit dieses Menschenkindes Janis, die mit nur 27 Jahren an der Einnahme (ich weigere mich, den üblichen Terminus „Überdosis“ zu verwenden, als ob es auch eine „vertretbare“ Dosis dieses Stoffes gäbe) von Heroin starb.

Keineswegs vergleichbar, aber in der wuchtigen Präsenz der Stimme ebenfalls erwähnenswert ist Adele, die bereits im März dieses Jahres auch schon im Berliner Huxley’s in der Hasenheide sang und heute (ebenso wie Karl Marx und mein Vater) Geburtstag hat und die mit „21″ ihre zweite CD veröffentlichte. Bereits der erste Titel dieser Scheibe bringt das, inzwischen oft zu hörende, rythmisch-stampfende „Rolling in the Deep“ zu Gehör. Erwähnenswert an dem zu diesem Titel laufenden Official Music Video ist natürlich der klassisch gestylte Haarschnitt (Dutt) mit dem Haarband. Mit dem Outfit könnte Adele glatt als mittelalterliches Burgfräulein durchgehen. Ich frag nicht, was sich der Vermarkter dabei gedacht hat – es sieht jedenfalls ganz putzig aus. Den zweiten Song „Rumour has it“ lege ich mal unter der Banderole „leicht nervig“ im Lagerraum ab. Wunderbar melodiös hingegen die Nr. 3 „Turning Tabels“.Wenn man etwas Janis Joplin heraushören möchte oder sich nur für einen Moment wünschen könnte, diesen Titel auch von Janis gesungen zu hören, dann ist es „Dont you remember“. Dieses Stück hat Hitqualität, was man von den folgenden „Set fire to the rain“ (starke Hymne) und „One and only“ ebenfalls sagen kann. Der letzte Titel der CD ist „Someone like you“, welcher Adele in der Stimmhöhe zwar an ihre Grenzen führt, dafür aber diese Zeile zu bieten hat: „Never mind I‘ll find someone like you“. Und wem wird sowas schon balladenhaft hinterhergesungen?

Diese CD hat Qualität. Dass sie in England bei den Albumcharts elf Wochen auf Platz eins lag, erwähne ich hiermit. Die Musik gefällt mir trotzdem. Wenn man sich die Scheibe anhört, sollte man nichts anderes nebenbei tun. Es lohnt sich durchaus.

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Autor:

Jürgen Pahl

Kategorie:

Musik | Pop

 
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