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Archiv der Kategorie ‘Skulptur/Plastik‘

16. Januar 2012 13:37:50

… Ort der Umwandlung: Sarrazins Buch wird abgeschafft

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Das in voller Gesellschaftsbreite durchdiskutierte und trotzdem wenig gelesene Buch (auch von mir nicht) von Thilo Sarrazin „Deutschland schafft sich ab“ ist inzwischen das meiste verkaufte Sachbuch eines deutschen Autors in der Nachkriegszeit. Rund 1,3 Millionen Exemplare haben es in die deutschen Buchregale geschafft, wo sie nun vermutlich neben anderen ungemein sachdienlichen Büchern von Hans-Olaf Henkel oder Karl Theodor zu Guttenberg stehen. Weil derartige Belastungskörper natürlich besser schnellst möglich anderen Nutzungen als der allgemeinen Volksverblödung zugeführt werden sollten, hat nun anlässlich der kommenden siebten Berlin Biennale der tschechische Künstler Martin Zet die Buchsammel-Aktion „Deutschland schafft es ab“ gestartet, deren Ziel es ist, möglichst viele der Sarrazinischen Schriften zusammenzubringen, um sich so davon zu entledigen. Die Berlin Biennale wird in dieser Angelegenheit organisatorisch unterstützend tätig und wird deutschlandweit den Büchertransport übernehmen.

Die Aktion wurde am 12. Januar veröffentlicht und bereits jetzt gibt es einen erwartungsgemäßen Aufschrei von Menschen, die eine zentrale, politisch motivierte Büchervernichtung erwarten. Das seien „Nazimethoden“ ist als einhellige Meinung zu hören und alle befürchten eine Bücherverbrennung, als könnte ein zeitgenössischer Künstler keine kreativere Strategie entwickeln, als alle Bücher auf einen Haufen zu werfen und ein bisschen mit dem Feuer zu spielen.

Ich finde die Aktion sehr spannend, gerade weil die politischen Lager so wunderbar aufgemischt werden:
Heftige Sarrazingegner werden zu Gegnern einer Gegen-Sarrazin-Aktion. Sarrazinbefürworter, die vermutlich auch schon mal den Koran einer organisierten Verbrennung zuführen würden (böses Vorurteil!), dürfen sich als Opfer einer politischen Säuberungsaktion begreifen. Und die ganze Aufregung schon im Vorfeld, bevor überhaupt irgendjemand weiß, was aus den hoffentlich vielen Büchern entstehen wird, die Martin Zet einsammeln kann. Vielleicht baut der Künstler ja ein Haus der Verständigung daraus, oder er lässt sie in einem Meer der Tränen schwimmen – wer weiß …

Die Berlin Biennale hat jedenfalls schon drei Tage nach der Erstveröffentlichung der Aktion folgende Klarstellung verbreitet:
„Martin Zet ruft Personen, die sich aus unterschiedlichsten Gründen von dem Buch „Deutschland schafft sich ab“ von Thilo Sarrazin trennen möchten, auf, es einer künstlerischen Aktion zu spenden. Entstehen soll eine Installation, deren Größe und Ausdruck abhängig ist von der Anzahl der gespendeten Bücher. Während der 7. Berlin Biennale für zeitgenössischen Kunst wird Martin Zet gemeinsam mit dem Publikum an der Frage arbeiten, welchem Zweck die Bücher anschließend zugeführt werden. Das Kunstprojekt hat nicht eine Büchervernichtung zum Ziel, sondern der Künstler verbindet mit der Spende und der Transformation der Bücher einen Akt des Widerstandes gegen den anti-migrantischen und polarisierenden Inhalt des Buches mit künstlerischen Mitteln.“

Das ist leider enttäuschend: Muss wirklich das Publikum in einer Basisdiskussion über den Verbleib der Bücher entscheiden? Warum dieses Einknicken? Ich wünschte mir stattdessen einen wirklich selbstbestimmten, künstlerischen Akt. Martin Zet soll einfach bestimmen, was mit den Büchern zu passieren hat und dann auch persönlich dafür grade stehen. Aber wie es aussieht wird man an einem kleindiskutierterten Konsens mit womöglich paritätischer Aufteilung nicht vorbeikommen. Doch dafür hätte ich natürlich auch gleich eine Lösung parrat: 98 % der Bücher werden dem Wertstoff-Recycling zugeführt und der Erlös dafür einer Vielzahl von Organisationen zur Förderung von Kindern mit Migrationshintergrund gespendet (ein Bewerbungsverfahren für die Organisationen kann unverzüglich eingeleitet werden) und 2 % dürfen von einer radikalen Minderheit öffentlich und fröhlich verbrannt werden.

Übrigens: Das private und einzelne Buchverbrennen ist im Gegensatz zur politisch motivierten, öffentlichen Autodafé ein Akt der inneren Reinigung und im Falle der Verbrennung im heimischen Ofen auch noch eine relativ nützliche Angelegenheit, sofern es im Winter geschieht. Das kann ich aus eigener Erfahrung sehr empfehlen.
Die reguläre und täglich praktizierte Art des massenhaften Bücher-Recylings ist hingegen ein sehr unterkühltes Verfahren: kleinhäckseln, einweichen, vermengen und zu minderwertigem Papier verarbeiten. Mit solchem kann man sich dann entweder den Hintern abwischen oder Paperback-Auflagen drucken. Ob es zwischen diesen möglichen Nutzungen eine moralische Wertigkeit gibt, sein dahingestellt.

 
 

Autor:

Magnus Hengge

 

8. Juli 2011 13:57:42

… danach: »Last Shelter of God« – Tobias Köbsch in der neuen maerzgalerie Berlin

Tal, Tobias Köbsch
Tal, Tobias Köbsch

Es sind archeologische Stücke aus der Zukunft. Wie werden die Wissenschaftler der Zukunft unsere heutige Zeit der modernen Zivilisationen in den Sedimentschichten der Äonen erkennen? Ganz klar: Am Zivilisationsmüll und an der selbstherbeigeführten Katastrophe.

Die Bilder und Plastiken von Tobias Köbsch zeigen die Welt danach – nach dem Zusammenbruch, nach dem Eintreten des Unwahrscheinlichen. Man sieht buchstäblich zerrissene Welten, mit tiefen Spalten ins Bodenlose. Zerstörte und verlassene Häuser, um die niemand mehr trauert, denn die Zeit des Menschen ist bereits vorbei. Diese Welt ist menschenleer und doch vollkommen menschlich geprägt. Die Hinterlassenschaften von ins Inhumane umgeschlagener menschlicher Gestaltungssucht (verschrottete Parkplätze, verschlammte Reihenhaussiedlungen, abgestorbener monokultureller Wald) liegen überflutet und zerrüttet vor uns. Das Merkwürdigste daran ist vielleicht, die beruhigende Ausstrahlung dieser Zeugnisse des bereits hinter uns liegenden Untergangs. Die Werke simulieren dem Betrachter, das Schlimmste überlebt zu haben, denn sonst (im Nicht-Sein) könnte er diese Welt ja nicht mehr sinnlich begreifen.

07.07. – 27.08. 2011 in der mærzgalerie Berlin

 
 

Autor:

Magnus Hengge

 

2. Februar 2011 14:01:19

… mediales Getue: transmediale 11 im Haus der Kulturen der Welt

paulvanouse_transmediale11

Es ist wiedereinmal eine Art Rummelplatz für arty nerds & geeks geworden. Überall werden große Datenmengen gesammelt, rekombiniert, visualisiert, verdampft, gelöscht oder auch mal mit Poesie und Tanz neu aufgeladen. Bücher, in denen endlose Datenbankinhalte gezeigt werden, Texte oder Bilder, machen die Runde. Und man gibt sich wissenschaftlich, sucht die Nähe zur Biologie und Genforschung, bleibt dabei aber auf einer rein phänomenologischen Ebene. D.h. man macht irgendwas, es passiert irgendwas, das visualisiert man irgendwie medial aufgebläht und dann schreibt man einen irrwitzig überbordenden Text zu den gewaltigen Möglichkeiten oder Erkenntnissen, die zumindest theoretisch mit der verwendeten Methode eröffnet wurden. „RESPONSE:ABILITY“. So geht heute Medienkunst und nebenbei verkommen wissenschaftliche Basismethoden (auf Schulniveau) zu Kunstevents. Als Paradebeispiel für solcherlei Vorgehen können die Arbeiten von Paul Vanouse gelten.

Am sympathischsten sind dabei noch die DIY-Stände, wo man aus Karotten Föten schnitzt, Lampen umstrickt oder eigene kleine Animationen improvisieren kann.

reynoldreynolds_transmediale11

Aber ich will nicht nur schlecht reden, es gibt auch sehr schöne, höchst artifizielle, letzlich nicht entschlüsselbare und vielleicht gerade dadurch stark anziehende Arbeiten zu sehen, und auch hier möchte ich exemplarisch eine Arbeit benennen. Wirklich wunderbaren Kunstgenuss bietet Reynold Reynolds im Studio 4, wo auf 8 Videoscreens die zusammenhängende „The Secret Trilogy“ zu sehen ist. Man erlebt den Gang der Zeit und den Lauf der Dinge, Leben und Tod, Selbsterkenntnis und Sexualität, fressen und gefressen werden, wachsen und sterben und es ist ein köstlicher Zeitvertreib. In Stop-Motion-Technik reihen sich symbolisch aufgeladene und poetische Bilder aneinenader, flimmern in künstlerischer Überhöhung und atemloser Geschwindigkeit.

Das Programm der transmediale 11 ist riesig und sicherlich gibt es ebenso viele interessante wie uninteressante Dinge zu sehen. Man muss es halt zu nehmen wissen.

 
 

Autor:

Magnus Hengge

 

30. Januar 2011 17:17:09

… Labor: Alles was Sie über Chemie wissen müssen im Bethanien

jelleferinga

Zur transmediale 11 gibt es diesmal einige „Satelliten“ in der Stadt, also Orte an denen sich das transmediale Programm in andere Locations als das angestammte Haus der Kulturen der Welt ausbreitet. Zusätzlich gibt es, wie immer, das breitgefächerte club transmediale Programm, in dem die musikalische Seite des Festivals zusammengefasst wird. Das hört sich geordnet an, doch tatsächlich ist die Ausstellung, um die es hier gehen soll, nur über Google auf der Website der Abteilung club transmediale zu finden. Aber solcherlei Unschärfen ist man von der transmediale ja gewohnt und es sollte nicht auf die Einschätzung der Ausstellung abfärben. Denn diese „Alles was Sie über Chemie wissen müssen“, präsentiert vom niederländischen Kunstraum TAG, sehr schlüssig kuratierte Ausstellung breitet sich gekonnt in 2 Studios des Bethanien aus. Es geht zwar eher um physikalische als um chemische Phänomene, aber sei’s drum. Besonders bemerkenswert fand ich einige kinetische Objekte. … Weiterlesen

 
 

Autor:

Magnus Hengge

 

18. Januar 2011 14:33:03

… geometrisch: ABSALON im KW

absalon_im_kw_2og

Irgenwie schafft es das KW immer wieder spannende Ausstellungen völlig langweilig zu kommunizieren. So jetzt wieder bei ABSALON. Eher zufällig bin ich in die Ausstellung geraten, weil ich mal wieder die Auguststraße der ganzen Länge nach abgeklappert habe. Den Pressetext hatte ich gelesen und dachte „na ja“. Dabei ist die Ausstellung wirklich schön, beeindruckend und hoch ästhetisch.

Absalon, ein für immer jung bleibender, israelischer Künstler, da er schon vor 18 Jahren im Alter von 28 verstorben ist, entwarf und baute minimalisierte Lebensräumen, kleinen Kammern und höhlenartige Bauten, die aus geometrischen Grundformen zusammengefügt sind. Was er damals penibel aus Karton, Gips, Holz und immer weißer Farbe zusammensetzte, wird heute mit ein paar Mausklicks über Boolesche Rechenoperationen in 3D-Programmen erzeugt. Doch welch ein Unterschied, haptisch wie körperlich, ist es doch, diese Zylinder, Kugeln und Kuben tatsächlich im Raum stehen zu haben, sie begehen und anfassen zu können.

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Autor:

Magnus Hengge

 

2. Oktober 2010 19:30:43

… Realstadt: wirkliche Modelle architekonischer Wünsche

darkschlossplatz

Es war einmal eine große Halle, die war einmal ein Heizkraftwerk, war einmal ein Technoclub, ist gerade eine Ausstellung über architektonische Wünsche. Realstadt im Kraftwerk Mitte. Die gigantische Halle an der Köpenicker Straße, die bis vor kurzem vom Tresor bespielt wurde, ist ein wunderbarer Ort für diese ausufernde Show von allerlei architektonischen Modellen.

Durch die groben Betonträger und offenen Wände hat der Raum selbst die Anmutung eines zu groß geratenen Modells. Er erscheint wie die Mutter aller Modelle und der Innenraum wird zum Bauch der Architekten, in dem nun massenhaft neue Modelle unter beängstigenden Wärmelampen ausgebrütet werden. Besucher haben nun quasi endoskopischen Zugang und können die vielen architektonischen Kopfgeburten modellhaft erleben. Die Bandbreite der Projekte aus ganz Deutschland könnte dabei kaum größer sein: Von Detail-Modellen, die zum Selbstzweck entstanden sind (z.B. ein Modell bzw. Nachbau von Jens Reinert eines existierenden Treppenhauses, das die Frage aufwirft, wozu um Himmelswillen nur ein Modell davon gebaut wurde), über den Normalfall der Entwurfsvisualisierungen, wahlweise von Einfamilienhäuser oder ganzen Städten, bis hin zu düsteren Scienc Fiction Visionen des inszenierten Stadtzerfalls ist hier alles in echten gebauten 3D-Modellen zu betrachten. Die Modelle, Ideen und Projekte stammen aus den letzten Jahrzehnten von ganz aktuell bis zurückgehend in die 80er Jahre. … Weiterlesen

 
 

Autor:

Magnus Hengge

 

26. September 2010 15:24:06

… hörbar: Urban Audio von Florian Tuercke auf Deutschland Tour

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Was steht denn da für ein seltsamer Apparat am Straßenrand? Ist die Stasi wieder aktiv, diesmal nur ohne Tarnung? Werden wir wieder abgehöhrt?

Tatsächlich, da richtet einer seine Instrumente auf den Verkehr, der als Abbild der Bewegung Ausdruck unserer Leben ist. Florian Tuercke hört der Großstadt den Puls ab und macht aus dem Rauschen des Lebens halb akkustisch, halb elektronisch so etwas wie Musik. Mit einem kleinen Bus ist er unterwegs und nimmt mit seiner Drone-Unit je eine Stunde Field Recording.

Jetzt ist der Stadtakustiker auf Deutschlandtour und kommt nach Berlin:
Am 1.10. am Potsdamer Platz und am Tag der deutschen Einheit (3.10.) am Alexanderplatz. Auf dass der nationale Verkehr in in D-Dur erklinge …

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Autor:

Magnus Hengge

 

9. August 2010 17:21:40

… jung: Everybody learns from disaster in der Villa Elisabeth

everybodylearnsfromdisaster

Zum Abschluss der diesjährigen berlin biennale wollen die Organisatorinnen von „everybody learns from disaster“ gegenüber der biennale noch eins drauf setzen. Sie positionieren sich ganz deutlich in der Gegenposition zum etablierten Kunstevent biennale: Auf die diesjährige Fragestellung der Biennale* antworten die disaster-Leute: „Wir machen Kunst trotz Krise, aber ohne Einschränkung des Blickfeldes. Für uns ist die kritische Auseinandersetzung mit der Welt nicht auf eine kleine Zahl künstlerischer Ansätze beschränkt, denn es gilt für alle Künstler: „Die Funktion von Kunst ist es, die Wirklichkeit unmöglich zu machen“ (Heiner Müller). Die Reflexion der Kunst über unsere Zeit befindet sich, wie die Zeit selbst, in ständigem Wandel. Diesen Wandel gilt es zu zeigen. Die Präsentation von Arbeiten ist dabei immer Teil des künstlerischen Prozesses, weil Kunst den Austausch braucht.

Auffällig ist jedenfalls, dass diese junge Künstlergeneration erstens in ihrer großen Mehrzahl klassische Malerei, Skulpturen und Zeichnungen anfertigen und sich zweitens thematisch um sich selbst und ihre jeweiligen Kunstkonzepte kümmern. Sie erschaffen ihre eigenen Kunsträume oder -phantasien und verabschieden sich möglichst an der nächsten Abzweigung aus der Realität. Insofern ist die Ausstellung durchaus schlüssig kuratiert und das bei einer sehr breit gefächerten Künster/innenauswahl. Von Leuten, die schon bei großen Agenturen vertreten werden z.B. Yehudit Sasportas bei Eigen und Art, Matthäus Thoma bei loop oder Mariele Neudecker bei Barbara Thumm bis zu welchen, von denen noch nie außerhalb der Kunsthochschulen UdK und KhB was zu sehen war. Die Liste aller wäre viel zu lang, aber um eine herauszugreifen, gefallen haben mir z.B. die Fensterinstallationen von Katharina Quecke.

Insgesamt eine deutlich erfrischenderer Ausstellung und mit experimenteller Musik abgerundete Veranstaltung als die diesjährige biennale.

–––

* Unter dem Ausstellungsmotto „was draußen wartet“ präsentierte die Ausstellung der berlin biennale Arbeiten, die sich den in der Kunst zunehmend beobachtbaren Tendenzen zur Abkehr von der Realität verweigern sollten und hin zu kunstimmanenten und formalen Fragestellungen kommen. Sie widersetzen sich diesen Tendenzen durch die Behauptung eines offenen Blicks auf unsere Gegenwart und ihre Wirklichkeit. Im Ergebnis sah man hauptsächlich Werke mit sozio-dokumentarischem Charakter.

 
 

Autor:

Magnus Hengge

 

8. November 2009 13:07:27

… am Grenzkontrollpunkt dadara: Einreise ins Traumland

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Das klingt nach einem verführerischen Ort der Freiheit und des Wohlbefindens: Dreamland, das Land in dem alle Träume wahr werden, an dem es keine Ungerechtigkeit, keine Angst und keine Ausgrenzung gibt. Glaube nur fest an deinen Traum, habe ihn klar vor Augen und er kann hier Realität werden.
Dieses Land zeigt sich beim Wunsch es zu betreten oder es zu bereisen schnell als wehrhafter Staat. Die Kunstaktion „CHECKPOINT DREAMYOURTOPIA“ – A Border Control Checkpoint to Enter Your Own Dreams – tritt erst einmal reserviert auf. Einreisende haben sich fast völlig zu entblättern und müssen nach den Regeln Border Patrol tanzen. In einem zweiseitigen Formular sind zum Teil intimste Angaben zu machen, zu denen man in einem langwierigen und höchst willkürlichen Prozess befragt wird. Da bei neigen die uniformierten Grenzposten zur Übergriffigkeit und Schikane, sie spielen konsequent die Macht aus, die ihnen von den Einreisenden zugestanden wird. Man wird von einer Wartereihe in die nächste bugsiert, muss zur Unterhaltung eines Grenzers Lieder singen, grade stehen ohne sich an die Wand anzulehnen, wird nochmals kontrolliert, bekommt Handy und Schlüssel abgenommen, wird wieder an den Anfang zurückgebracht, oder ganz im Gegenteil einfach vor allen anderen Wartenden drangenommen, zieht so die Verärgerung von anderen auf sich usw. In diesem irritierenden, teils sehr lustigen, teil aber auch etwas beängstigenden Verfahren werden Gruppen geteilt und Fremde einander näher gebracht. Man erlebt eine Grenzerfahrung im doppelten Sinne: Einmal weil sich das typische Gefühl der nervösen Ergebenheit einstellt, das auch an echten Grenzposten auftritt, sei es bei der Einreise in die ehemalige DDR oder heute beim Betreten der USA, und zum anderen, weil man mit lauter Unbekannten herausfordernde Aufgaben zu lösen hat. Das ganze hat den Charakter eines stressigen Accessment Centers. Man bewirbt sich und muss sich bewähren.
Wir gingen zu viert ins Stadtbad Wedding und jede/r von uns erlebte in den Grenzbaraken eine ganz unterschiedliche Geschichte. Es kommt darauf an, ob man bereit ist die Rolle anzunehmen, die einem in der Kunstaktion zugewiesen wird. Nimmt man den tatsächlichen Entzug des freien Willens persönlich und verweigert sich dem schikanösen Gebaren, eckt man sofort an und man braucht ewig im Abfertigungsprozess, (wenn man nicht gar gleich vorher aufgibt). So kam von uns vieren nur ich bis ins Ziel, bekam den hübschen Dreamland-Pass und durfte in die sagenhafte Lounge. Der Witz ist natürlich, dass hinter der Grenzanlage alles genauso ist wie davor. Es ist natürlich die reine Farce. Wo sollte das Traumland denn sein, wenn nicht in einem selbst und wie absurd zu glauben, man könnte dort, an einem realen Ort einreisen. Und doch zeigt sich hier, wie stark Menschen getrieben werden, allein durch die Hoffnung es könnte wo anders besser sein. Es ist der Glaube an Erlösung und der Wunsch bei denen zu sein, die alles haben, alles dürfen, alles können, der uns freiwillig zu schwachen Spielfiguren im Theater der Machtverteilung werden lässt. Man nimmt alles in Kauf, egal was passiert nur um hier raus zu kommen und dort rein zu gelangen.

Die Aktion könnte nicht besser terminiert sein, als jetzt am Wochenende vor den Feierlichkeiten zum 20. Jubiläum des Mauerfalls. Es ist eine großartige künstlerische Ergänzung und eine Erinnerung an die Teilung der Welt in Ost und West, und eine eindringliche Mahnung daran, dass noch längst nicht alle Mauern eingerissen sind. Natürlich sind die Ähnlichkeiten zu den Einreiseformalitäten der USA unverkennbar. Der amerikanische Traum und der inbegriffene Ethos des „sei dein eigener Herr“ mit seinen zwei widerstrebenden Ansätzen „setz dich durch“ und „pass dich an“, die beide konkurrenzorientiert sind, ist förmlich greifbar.


Tipp zur Einreise: Nehmen Sie allerlei Bestechungsmittel mit. Zigaretten, Bier, Süßigkeiten, kleine Püppchen oder sonstigen glitzernden Krimskrams. Das kann vor so mancher verschlossener Tür helfen. Und die Reflexe der Befehlskette funktionieren immer von oben nach unten. Ich habe mir z.B. eine halbe Stunde Wartezeit gespart, weil ich in einer unübersichtlichen Situation einfach zu der zentralen Gittertür ging und behauptet habe, dass ich 10 Meter weiter hinten von einem anderen Grenzer mit vielen Abzeichen gebeten wurde direkt in die Einlassbarake zu gehen und beherzt durchging.

Unbedingt hingehen!!! Nur noch heute am 8. November 2009, im Stadtbad Wedding, Gerichtsstraße.
Nicht vergessen: Vorher Einreisepapiere ausdrucken und ausfüllen!

 
 

Autor:

Magnus Hengge

 

10. September 2009 11:56:34

… enthüllt: Ein SOS im Themenpark in Oranienburg

Noch verhüllte große Buchstaben in der Freirauminszenierung "Krassin rettet Italia"

Heute wird in Oranienburg eine Freirauminszenierung enthüllt, eine installative Umsetzung des ältesten erhaltenen Hörspiels Deutschlands, geschrieben von Friedrich Wolf, der in der Nähe des Parks seine letzte Heimat fand. Die Handlung des Hörspiels wird von den dramatischen Ereignissen einer Nordpolarmeerexpedition des Jahres 1928 vorgegeben. Der Park nimmt diese Geschichte spielerisch auf und führt Sie hinaus ins Eismeer, wo die Besucher nun Teil einer in die Jetztzeit übertragenen spektakulären Rettung werden, die damals die Welt in Atem hielt.

Interessant ist die typografische Umsetzung der Geschichte, in der das Medium Radio – damals noch im Aufbruch begriffen – mit großer Technikbegeisterung selbst als Teil der Handlung inszeniert wird. Die wesentlichen Elemente der Geschichte finden sich in abstrahierter Form im Park wieder. So erscheinen z.B. lang gezogene Bankreihen in Form von lesbaren Morsecodes und Buchstaben in vielerlei Form, mit denen die wichtigsten Objekte der Geschichte dargestellt werden. Das Luftschiff ITALIA liegt zerschellt am Boden und der Eisbrecher KRASSIN kämpft sich in einer geraden Schneise zum Absturzort.

Der Park wurde im Büro Beissert und Hengge meiner Schwester Jutta Hengge entworfen. studio adhoc hat mit typografischer Beratung und der Erstellung der Website einen kleinen Beitrag geleistet.

Mehr Hintergründe und Bilder samt eines Videos unter: www.sos-rao-rao.net

 
 

Autor:

Magnus Hengge

 
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