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Archiv der Kategorie ‘Theater‘

5. September 2014 13:32:13

…intensiv: eine Theatergeschichte

Das Flüchtige des ganzen Unternehmens und das letztendliche Verschwinden seiner künstlerischen Produkte konfrontiert die Historiker des Theaters mit einem entscheidenden Hindernis: Sind die Stücke einmal abgespielt, bleiben nur noch Requisiten, Kostüme, Programmzettel, Kritiken und Anekdoten. Auch Heiner Müllers Arturo Ui-Inszenierung am Berliner Ensemble wird eines Tages – sie steht immerhin seit 1995 auf dem Spielplan – in der Versenkung verschwinden und auf solcherart Überreste reduziert sein. Wie also Theatergeschichte schreiben? Monographisch wie die akademische Theaterwissenschaft? Anekdotisch wie die Memoiren und Biografien der Schauspieler, Regisseure, Bühnenbildner? Weit ausholend und akribisch auflistend wie die großen Wälzer der „Geschichte des deutschen“ – wahlweise englischen, amerikanischen, französischen etc – Theaters?

Rüdiger Schaper, Feuilletonchef des Tagesspiegels, hat sich mit „Spektakel – Eine Geschichte des Theaters von Schlingensief bis Aischylos“ für die radikal subjektive und damit schwierigste, angreifbarste Variante entschieden, sein Durchgang durch zweieinhalb Jahrtausende Bühnengeschichte ist bewusst persönlich, gekonnt historisch und hartnäckig eklektisch. Er zieht Verbindungslinien, die auf den ersten Blick weit hergeholt scheinen – von den klassischen Marmorfiguren im Karyatidensaal des Louvre zur höfischen Gesellschaft des Sonnenkönigs, die sich 400 Jahre zuvor am gleichem Ort vor Molieres Truppe scheckig lacht; von Barnett Newman zu Schlingensief; von den Nabatäer-Ruinen im jordanischen Petra zu Antonin Artaud – und die doch genau das herstellen, was den Kern des zeitgenössischen Kulturbegriffs ausmacht: fruchtbare Verbindungen schaffen, Konfrontationen ermöglichen, nichts ausschließen.

Dazu braucht es Künstler, Orte und Gelegenheiten, und Schaper erzählt von denen, die er selber in den vergangenen dreieinhalb Jahrzehnten „bei zweieinhalbtausend Vorstellungen“, auf Festivals, Reisen erlebte, von Schlingensief im Rückwärtsgang über Wilson, Chéreau, Heiner Müller, „die großen Jahre der Volksbühne“, Schleef, viele andere, und dann hinein in die zeitgenössischen Erkundungsgänge durch Moliere und Shakespeare bis hin zu den Wiederbelebungs-, den Aktualisierungsversuchen der griechischen Anfänge Aischylos, Euripides, Sophokles mit dem Höhepunkt bei Gotscheffs Perser am DT.
Was er hierbei überall hin mitnimmt, ist „die Sehnsucht nach intelligenter Emotion“ – denn darum geht es im Wesentlichen: um Intensität. Ist es doch genau das, was die Halbgeneration der zwischen 1950 und 1970 Geborenen sich am sehnlichsten wünscht: intensives (Er)leben, das was ihre Väter und Mütter nicht kannten, nicht konnten oder nicht ausdrücken wollten. Und in den großen Momenten, den großen Aufführungen, den Inszenierungen, die dich in den Sessel drücken, kann das Theater dies bieten – jene Intensität, die dann abgelöst wurde von der Blechwährung Ironie, gespeist aus Orientierungslosigkeit und einem ständig vom Scheitern bedrohten Bedürfnis nach sozialer Fokussierung; Ironie, die bis heute hierzulande die kulturelle Produktpalette maßgeblich bestimmt (und leicht genießbar macht). Und so spart Schaper auch nicht mit wehmütiger Kritik am Theater unserer Gegenwart, es ist ihm zu beschränkt, nicht wagemutig genug, „weil es nicht mehr auf große Reise geht, sondern in bekannte Gefilde.“. Doch dann kommt hier und da die Ausnahme auf die Bühne, auf die Leinwand, in den Ausstellungsraum, zwischen die Buchseiten und entschädigt für vieles: davon und von den Zusammenhängen handelt Schapers exzellentes Theaterbuch – das beste des Jahres.

 
 

 

3. Juli 2014 15:18:39

… ob man´s glaubt oder nicht: Lyrik-Diebstahl

Seit etwa 20 Jahren habe ich einen Lyrikkasten – THE POETRY CORNER – in der Durchfahrt des English Theatre Berlin in der Kreuzberger Fidicinstrasse, hege und pflege ihn, platziere Gedichte in diesem kleinen Glaskästchen, irgendwelche, die mir unterkommen, in Büchern, Zeitungen oder online, Gedichte, die mich ansprechen, immer nur eins, in Englisch, natürlich.

Ich lese gerne Gedichte, und so teile ich im Poetry-Kasten die, die mir etwas bedeuten, mit den Leuten, die vorbeikommen. Werke von Emily Dickinson, Auden, W. S. Merwin, um nur drei Meister zu nennen. Oder August Kleinzahler, Lucia Perillo, Matthew Sweeney – hunderte von Gedichten in den zwei Jahrzehnten, nehme ich an. Ganz unregelmäßig erneuert, mal nach drei Tagen, dann nach sechs Wochen.
Vorgestern wurde in den Kasten eingebrochen und das Gedicht gestohlen. Kein klassischer Kreuzberg-Vandalismus, nein: Der Kasten wurde etwas ramponiert, so dass man mit der Hand durchgreifen und das Gedicht stibitzen konnte.

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Gibt es etwas Bedeutenderes für einen Lyriker als dass jemand unbedingt ein Gedicht von ihm haben will und dafür die ruchlose Straftat des Lyrik-Diebstahls begeht?
Und hier muss ich leider gestehen, dass ich nicht mehr weiß, um welches Gedicht es sich handelte ….
Jetzt ist, natürlich, STEALING von Carol Ann Duffy drin.

English version of this blog entry HERE.

 
 

 

30. Mai 2014 10:10:05

… immer gerne: die Schweighöfers

Der kleine Schweighöfer trinkt jetzt mein Bier, jenes einfache legendäre untergärige Bier, das außerhalb Bayerns bislang nirgendwo Helles hieß, Export meistens oder Lager, wenn’s aus England kommt. Das Bier der einfachen Leute, in Halbliterflaschen; nicht diese kleinen Fläschchen mit dem Silberhalsband, früher, und dem bitteren gehopften Zeug, Pils. Da das Helle nun als Wegbier – für den Weg – den Berliner Nahverkehr inklusive der hin- und wegführenden Straßen sowie als Wegbier – das muss noch schnell weg, bevor ich gehe – die Bars der Stadt erobert hat, holten die Braugiganten fix ihre abgehefteten Export-Braurezepte wieder raus, und einer von ihnen hat gleich den kleinen Schweighöfer engagiert, damit er uns verschmitzt von großen Plakaten herunter anlächelt und die Flasche Helles hinhält. Verschmitzt, damit wir verstehen, dass das hintere Wort in dem Slogan „Die Nacht wird Hell“ natürlich englisch ausgesprochen werden muss, aber das haben die Werbefuzzis nicht gemerkt.

Der große Schweighöfer weiß, wie so was geht. Neulich hat er mich von der Bühne des Deutschen Theaters herunter immer wieder angebrüllt. Günther! Günther! Bis ich merkte, dass er Günter ohne h brüllt, er spielt dort nämlich in Demokratie, dem Stück über Willy Brandt und die Guillaume-Affäre, den Stasi-Führungsoffizier von eben jenem Guillaume, Günter; und so kommt er immer wieder angeschwebt – Drehbühne! – und brüllt mit diesem herrlichen sächsischen Einschlag eben „Günter!“ und gibt Instruktionen. Ich war sofort auf Alert, dieser mit sächsischem Zungenschlag veredelte Tonfall hat mich bei Passkontrollen an den Grenzkontrollstellen der Transitstrecke von und nach West-Berlin (Westberlin?) jedes mal auf dem Fahrersitz stramm stehen lassen. Das vergisst man nicht.

Während der große Schweighöfer bis vor kurzem wahnsinnig lange Haare, einen dicken Bart und einen kugelrunden Embonpoint hatte und damit auf der Bühne die verrücktesten Typen geben konnte, ist der kleine Schweighöfer immer ganz adrett und gibt damit den Heinz Rühmann seiner Generation. Der war auch immer bereit, mit unschuldigem Lächeln und Lied auf den Lippen für uns die härtesten Aufgaben zu übernehmen: das Mysterium Frau und die Tücken des Sozialen. Heute heißt das Sex und Konsum, und der kleine Schweighöfer bewältigt das ganz genauso bravourös und spielt dann zwischendurch den Schiller wie Rühmann den Willy Loman. Die große überzeugende Travestienummer hat er in Rubbeldiekatz auch bereits souverän absolviert; Rühmann musste dafür in den 1950er Jahren auf die gut abgehangene Klamotte Charleys Tante zurückgreifen. Im Übrigen trinkt er vermutlich gar kein Bier, eher Sauvignon Blanc wie der Rühmann früher Adenauers Möselchen.

 
 

 

24. September 2013 13:23:03

… eine Zumutung: Auf der Berlin Art Week kann man einfach alles machen

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Selbst üble Beleidigungen gehen auf der Berlin Art Week als Kunst durch. Mit dem leuchtend gelben Guerilla-Koffer für das English Theatre Berlin konnten wir auf der Preview kaum Anstoß erzeugen. Nur zwei Leute, eine Französin und eine Japanerin fühlten sich von dem Titel des Theaterstücks „ECHTER BERLINER !!!! IHR NICHT FUCK YOU“ mäßig herausgefordert. So konnten wir zumindest ein paar Mal unsere Botschaft bei der Zielgruppe loswerden: Jetzt läuft eine dokumentarische Theaterperformance, in der Originalzitate von 60 in Berlin lebenden „Expats“ und „Immigranten“ verarbeitet wurden. Es ist teils erschreckend aber auch merkwürdig anrührend, was der als „Ausländer“ zusammengefassten Gruppe hier an patzigem Lokalpatriotismus entgegenschlägt.

Ganz anders war dagegen die Reaktion auf der Straße: Wir waren keine 50 Meter vom Gelände der Preview runter, schon hatten wir muntere Diskussionen am Hals. „Seid ihr überhaupt echte Berliner, so wie ich?“ Da merkte dann sofort, dass das Thema britzelige Relevanz in unseren Kiezen hat.

 
 

Autor:

Magnus Hengge

 

16. Oktober 2012 15:55:05

… philosophisch: Die erste Theoriekantine in der Vierten Welt mit uneingeschränktem Urteilsvermögen

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Am Kotti gibt es abgelegene Ecken, in denen sich theoretisierende Bürger zum angeregten Diskurs in der Theoriekantine treffen. Diese findet man natürlich in der Vierten Welt, einer performanten Parallelwelt, in der man sich einer so dringenden Fragen widmen kann, wie zum Beispiel: Wie schaffen wir es unserer Rechtsprechung mit den Anforderungen einer wirklichen (auch genannt „radikalen“) Demokratie zu verbinden?

Drei Philosophen sitzen da mit einem Theatermacher im freundschaftlich, zänkischen Gespräch, um ihre Positionen aneinander zu reiben. Ludger Schwarte veröffentlichte unlängst bei Merve das Buch Vom Urteilen, das Gegenstand der ersten öffentlichen Diskussion bildet. Dirk Setton stellt das Buch vor und kritisiert es gleichsam, unterstützt von einer hinterfragenden Maria Muhle. Ludger Schwarte gerät in eine Verteidigungshaltung, aus der er aber sogleich vom plenum-artig hinzugezogenen Publikum geogen wird. Schnell wird verhandelt, wie Praxis-tauglich oder zumindest theoretisch funktionierend die Ansätze sein oder werden könn(t)en. Dirk Cieslak (Macher der Vierten Welt) ordnet unschwer die Gesprächsströme.

Ich hab selten einen so interessanten Gesprächsabend erlebt, bei dem Podium und Publikum sich auf gegenseitig anregendem Niveau Bälle zuspielten.
Die nächste Theoriekantine findet am 15. Dezember statt.

 
 

Autor:

Magnus Hengge

 

26. Februar 2012 11:59:25

… ineinandergedreht: Ein Stück über das Rennen zur Entdeckung der DNA Stuktur. Photograph 51 am English Theatre Berlin


Eine Frau in einem wissenschaftlichen Labor, damals in den 1940ern und 50ern: Das war irgendwie immer noch ein Fremdkörper, etwas Ungeheures, etwas das nicht in die Männer-Clubs passte, das störte und alles verändern wollte. Es war eine Bedrohung der geordneten Welt, die durch die beiden Weltkriege ohnehin schon zu sehr aus den Fugen geraten war.

Heute weiß fast jeder, wie die DNA-Struktur aussieht, die typisch doppelt verdrehten Spiralkörper, auf denen die Basenpaare geordnet sind, aus denen der Code des Lebens geschrieben ist. Es sind die Datenträger der Gene, die Substanz des Genoms, das was alles was wächst zu dem macht, was es ist. Gleichartig für Mensch, wie Tier, wie Bakterie, wie Pflanze. Was heute Allgemeinwissen ist, war damals das ganz heiße Forschungsgebiet der Wissenschaft und mehrere Teams versuchten der DNA (auf deutsch DNS = Desoxiribonucleinsäure) auf die Pelle zu rücken. Ganz vorne mit dabei war die junge, aufstrebende Forscherin Rosalind Franklin, die mit Röntgenaufnahmen experimentierte und auf diese Weise sehr aufschlussreiche Schattenbilder der Helixstrukturen erzeugte. Vom Leiter des Londoner King’s College protegiert kam die bereits rennomierte Doktorin an das Institut, an dem auch Dr. Wilkins arbeitete, der seit seiner Mitarbeit an der Forschung zum Bau der Atombombe in einer heftigen Sinnkrise war. Die Beziehung der beiden „Kollegen“ lief von Anfang an schlecht, da es ein heftiges Kompetenzgerangel darum gab, wer für wen auf welchem Forschungsfeld tätig war. Außerdem passten ihre Gewohnheiten nicht zusammen, Rosalind Franklin war eher akribisch, eigenbrödlerisch, misstrauisch und wurde auch noch institutionell von gemeinsamen Essen und anderen Freizeitbeschäftigungen ausgeschlossen. Wilkins dagegen war in seinen Kreisen bestens etabliert und redete gerne und viel mit befreundeten Wissenschaftlern. Neben dem unkooperativen Team in London forschte noch das weit unkonventionellere Team, bestehend aus James Watson und Francis Crick, in Cambridge am selben Thema. Doch besonders der jüngere Watson erkannte schnell, dass sie mit einem Modell der DNA-Struktur weltberühmt werden konnten. Die beiden legeten los, machten „some sience“. Im Gegensatz zur durchleuchtenden und rechnenden Rosalind Franklin, bogen Watson und Crick mit Drähten, Klammern und Hölzchen wenig oder gar nicht funktionierende Molekülmodelle zusammen. Ein solches bekam auch Franklins Kollege Wilkins zu Gesicht, der die beiden Gegenspieler dann unvorsichtiger Weise, und aus für ihn selbst später beschämenden Motiven, mit den weiterführenden Röntgenaufnahmen aus der Hand von Rosalind Frankling versorgte. Nur so gelang es ihnen, ihr berühmtes Modell zu konstruieren, das bis heute als der Durchbruch zur Entdeckung der DNA-Doppelhelix gilt. Im Fachmagazin NATURE, in dem die Erstveröffentlichung geschah, wurden drei Artikel zusammenhängend gezeigt. Auch Rosalind Franklin hatte ihre Berechnungen soweit gebracht, dass sie mit ihrem Artikel das Watson-Crick-Modell „bestätigte“, wobei deren Modell ja tatsächlich eher darauf „basierte“. 1962 bekamen aber nur die Männer Watson, Crick und Wilkins den Nobelpreis dafür. Rosalind Franklin war zu diesem Zeitpunkt schon an Krebs verstorben.

Im English Theatre Berlin wird das verdrehte Stück, bei dem ständig Personen von ganz unterschiedlichen historischen Orten (London, Cambridge, Amerika, Paris, Schweiz) innerhalb von einzelnen Sätzen verschränkt auftreten, vor allem durch die Lichtinszenierung entwirrt. Dies ist eine grandiose Analogie zur auf der Bühne durchgeführten Forschung mit Röntgenaufnahmen, deren kristaline Fotoergebnisse fast wie die Grundskizzen zum Bühnenaufbau wirken. Ebenso verschränkt wie sich im Laufe des Stücks die DNA-Struktur zeigt, wird auch das Rennen darum, wer als erstes über das Thema publizieren kann, inszeniert. Die gesellschaftlichen Codes der 50er-Jahre-Forschergemeinde werden sichtbar. Es ist ein zügiger Einakter (erst 2008 von Anna Ziegler veröffentlicht), ein sich zuspitzendes Sprech-Stück, bei dem besonders über die Randfiguren amüsante Sidekicks eingeworfen werden.

Photograph 51 am English Theatre Berlin – noch bis zum 10 März (immer 20:00 Uhr außer sonntags und montags).

 
 

Autor:

Magnus Hengge

 

6. November 2011 19:35:36

… dramatisch: Selbstmord eines Dichters

Es war heute beinahe schon unheimlich still im Zuschauerraum. Sekunden vergingen, ehe sich der Bühnenvorhang hob und die Grande Dame des Deutschen Theaters, Inge Keller, mit der Lesung begann. Darin ging es, kurz gesagt, um eine alleinstehende Frau mit zwei Kindern, die nun zum dritten Mal schwanger wird, jedoch den Vater nicht kennt. Um ihn zu ermitteln, setzt sie eine Annonce in die Zeitung und fordert ihn auf, sich bei ihr zu melden, um ihn zu heiraten. Die Erzählung beginnt wie folgt:

In M…, einer bedeutenden Stadt im oberen Italien, ließ die verwitwete Marquise von O…., eine Dame von vortrefflichem Ruf, und Mutter von mehreren wohlerzogenen Kindern, durch die Zeitungen bekannt machen: daß sie, ohne ihr Wissen, in andre Umstände gekommen sei, daß der Vater zu dem Kinde, das sie gebären würde, sich melden solle, und daß sie aus Familien-Rücksichten, entschlossen wäre, ihn zu heiraten …“

Inge Keller weiß, wie nur wenige deutsche Schauspieler, ihre Worte, Pausen, Gesten und Mimik wohl zu setzen. Trotz des anspruchsvollen Textes ist es ein Genuss, ihr zu lauschen. Natürlich ist auch der Autor der Erzählung, der präzise Sprache mit komplizierten Satzkonstruktionen bewundernswert unfallfrei verbindet, daran nicht unbeteiligt. Er erzeugt Spannung, obwohl die Handlung Jahrhunderte zurück liegt, wie auch bei dieser Erzählung, die wie folgt beginnt:

An den Ufern der Havel lebte, um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts, ein Roßhändler, Namens Michael Kohlhaas*, Sohn eines Schulmeisters, einer der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit …“ (Hier geht es im folgenden um das Recht des Einzelnen im Staat und seine schließliche Durchsetzung durch Selbstjustiz)

Beide Erzählungen – „Die Marquise von O….“ und „Michael Kohlhaas“ – stammen aus der Feder von Heinrich von Kleist (1777-1811), deutscher Dramatiker (u.a. „Der zerbrochne Krug“) und Erzähler. Die in jenen beiden gewählten Sujets lassen bereits erahnen, dass er ein „Außenseiter im literarischen Leben seiner Zeit“ war. Immer wieder setzte sich Kleist künstlerisch mit dem Verhältnis von Bürger, Obrigkeit, Recht und Moral auseinander, doch scheiterte er immer wieder am Staat, u.a. durch Aufführungsverbot für „Der Prinz von Homburg“. Dieses, Krankheit und materielle Not führten schließlich zu dem verhängnisvollen Ende. Am 21.11.1811, also vor fast genau 200 Jahren, schied Heinrich von Keist, gemeinsam mit einer Freundin, am Kleinen Wannsee aus dem Leben. Ob der dort befindliche kleine Gedenkstein inzwischen restauriert wurde, ist mir nicht bekannt.

* An die historische Figur des Michael Kohlhase oder Michael Kohlhaas erinnert der kleine Ort Kohlhasenbrück am südwestlichen Zipfel Berlins gelegen.

Nachtrag 19.11.11: Lt. Berliner Zeitung von gestern wurde die Grabstätte am Kleinen Wannsee erneuert und wird am 21.11.11 übergeben.

 
 

Autor:

Jürgen Pahl

 

11. Mai 2011 20:01:11

… Vater mit Sohn: Don Burghart

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Junger Mann (Karl) liebt junge Frau (Elisabeth) und so schön auch umgekehrt. Aber es ist Karls Vater (Philipp), seinen Sohn verachtend und ihm nichts zutrauend, der sich Elisabeth zur Ehefrau nimmt. Diese erwartet alsbald ein Kind – nicht von Philipp, der keine Chancen bei der jungen Frau hat und sich deshalb eine Geliebte zuführen lässt. Die wiederum hat – richtig – ein Auge auf den schmucken Karl geworfen, der aber nur seiner Elisabeth gehört. Der junge Mann, mutig, entwicklungsfähig, freiheitsliebend und politisch netzwerkend, wie auch sein Freund (Posa), sehnen sich aber auch nach mehr Gerechtigkeit und einem besseren Land. Das bleibt dem mächtigen Vater, der seine Schnüffler überall hat, nicht lange verborgen. Als Philipp dann noch erfährt bzw. ahnt, dass er nicht der Vater von Elisabeths Kind sein kann, schlägt der Despot zu. Karl entgeht der Verhaftung und sofortigen Erschießung nur, weil sich Freund Posa für ihn opfert. Philipp schwankt noch, wie er mit Karl verfahren soll, wird aber dann durch seinen Charakter und Kräfte, die noch mächtiger erscheinen als er, zum Mörder seines Sohnes.

James Ellroy? Henning Mankell? Jussi Adler-Olsen?

Nein, der Autor heißt Friedrich Schiller – hier und heute mit „Don Carlos“ (nicht Don Karlos) seit vielen Monaten im Spielplan des Staatsschauspiels Dresden vertreten. Das Lob über diese gelungene und moderne Aufführung, die ich mir im September 2010 dort ansah, reichte durch den deutschen Blätterwald. Ich erwähne deshalb nur, was mir besonders gefiel: König Philipp von Spanien – gespielt von Burghart Klaußner! Er zeigt das Machtgebaren, Misstrauen, die Angst und Zerrissenheit eines (in diesem Fall emporgehobenen) Menschen auf großartige Weise. Die Inszenierung wurde – wie erfreulich – zum Berliner Theatertreffen 2011 eingeladen und ist am 12. und 13. Mai im Haus der Berliner Festspiele zu sehen.

 
 

Autor:

Jürgen Pahl

 

16. Februar 2011 09:49:15

… wörtlich: Gysi, Gast und Goldfisch

„Im Anfang war das Wort“. (Ein Satz wie ein Felsen). „Rede mit mir“, bittet der fremdgängerische Mann seine Ehefrau. „Der Worte sind genug gewechselt, lasst mich auch endlich Taten sehen!“, meint Goethes Direktor im „Faust I“. Widersprüchliches: Halte den Mund, aber gib mir Dein Wort. Thomas Gottschalk macht nun beides und beendet seine „Wetten das“-Laufbahn, die ja auch vor allem eine Lizenz zum Reden, zum Fragen enthielt.

Das Deutsche Theater veranstaltet seit geraumer Zeit die Gesprächsreihe „Gregor Gysi trifft Zeitgenossen“. Gysi und sein jeweiliger Gast präsentieren sich an ausgewählten Sonntagen um 11.00 auf der Bühne und reden miteinander. Zeugen dieses Gesprächs sind zwei, munter in einem Aquarium schwimmende, Goldfische und ein, in aller Regel, vollbesetzter Zuschauersaal. Gysi gibt hier nicht den Parteipolitiker, sondern nahezu ausschließlich den freundlichen, gut vorbereiteten Gastgeber, der sowohl dem Bühnenquartett, als auch dem Publikum das Gefühl vermittelt, einem besonderen Sonntagvormittag beizuwohnen. Auf der Bühne regiert die höfliche Distanz, die bohrende Frage, das nachdenkliche Gesicht, der übersprudelnde Mund, das phänomenale Gedächtnis, die überraschende Information, der gut erzählte Witz, die genuschelte Erklärung, die stumme Betroffenheit und manchmal ein reiches, im Zeitraffer erzähltes, Leben. Ein einziger Mensch steht hier im Mittelpunkt und ein anderer – jenseits aller Hektik – befragt ihn. Gysi hangelt sich mit seinen Fragen am Lebenslauf seines Partners entlang, besucht auch die Nebenstationen und hinterfragt Motive und Gefühle. Das ermöglicht Aufmerksamkeit, füllt die Bühne und beansprucht Kopf und Herz des Zuschauers hinreichend. Das Gespräch bringt ihn zum Staunen, Nachdenken, Lachen und entlässt ihn nach gut zwei Stunden verändert in den Tag.

Die Liste der bisher eingeladenen Gäste ist lang und vielsagend. Um nur einige zu nennen: Klaus Maria Brandauer, Kurt Maetzig, Peter Scholl-Latour, Wladimir Kaminer, Hape Kerkeling, Thomas Langhoff, Wolfgang Kohlhaase, Roger Willemsen und jüngst Mario Adorf. Besonders interessant war es immer dann, wenn dem Prominenten etwas entlockt werden konnte, was er nicht schon mal im Fernsehen von sich gegeben hat. Das gelingt oft gut, denn eine Kamera ist hier nicht dabei. Eine überproportionierte Selbstdarstellung musste man bei dieser Gesprächsreihe bisher selten erleben, aber auch sie gehöre dazu.

Die Veranstaltungen sind, wie nicht verwunderlich, lange vor dem Termin ausverkauft. Dass ich mit diesem Text die Karten-Chancen nicht gerade verbessere, liegt auf der Hand. Aber: Auf Qualität muss man hinweisen. Das nächste Gespräch findet am 27. März 2011 statt. (Eintritt: 8,- €uro) Gast ist der frühere sowjetische Botschafter (1971-78 in der BRD), Diplomat und jetzige Journalist Valentin Falin.

 
 

Autor:

Jürgen Pahl

 

15. Februar 2011 20:47:12

… auf der Höhe des Feuilleton: An Experiment With An Air Pump im English Theatre Berlin

Es geht um die ethischen Implikationen des Fortschritts in der Wissenschaft: Sollten wir das, was wir können auch anwenden, oder sollten wir es gerade lassen, weil wir es können? Das englischsprachige Stück, das nun am English Theatre Berlin in der Reihe „Theatre & Sience“ aufgeführt wird, nähert sich diesen Fragen auf zwei zeitlichen Ebenen, einmal historisch (vor ca. 200 Jahren) und einmal in der Gegenwart. Es werden parallel zwei Geschichten erzählt, wobei geschickt von einer Zeit in die nächste und wieder zurück gewechselt (fast alle Schauspieler sind doppelt in beiden Zeiten besetzt) und mit den Rollenbildern gespielt wird. Sehr pointiert wird die ethisch moralische Frage in der gegenwärtigen Geschichte aufgegriffen, in der eine Wissenschaftlerin einen finanziell wie perspektivisch interessanten Job im Umfeld der PID (Präimplantationsdiagnostik) angeboten bekommt. Wie soll sie sich entscheiden, was spricht dafür, was dagegen? Die Fragen, die sonst meist aus der Sicht der Eltern oder von Betroffenen gestellt werden (siehe Artikel in Die Zeit „Drum prüfe wer sich bindet“), liegen hier einmal unbeantwortet auf dem Tisch einer Wissenschaftlerin.

Rund um die Aufführungen von An Experiment With An Air Pump werden begleitende Diskussionsrunden und Vorträge veranstaltet, bei denen sich auch das Publikum zu genau diesen Themen äußerm kann.

Februar 2011: 8 – 11 | 15 – 19 | 22 – 27 (The performances on February 15th and 22nd start at 7pm and will be followed by a discussion with cast, director and Prof. Hengge. All other performances start at 8pm.)

Kleiner Mitschnitt der Premiere:
(Entweder JavaScript ist nicht aktiviert, oder Sie benutzen eine alte Version von Adobe Flash Player. Installieren Sie bitte den aktuellsten Flash Player. )

 
 

Autor:

Magnus Hengge

 
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