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Archiv der Kategorie ‘Theater‘

6. November 2011 19:35:36

… dramatisch: Selbstmord eines Dichters

Es war heute beinahe schon unheimlich still im Zuschauerraum. Sekunden vergingen, ehe sich der Bühnenvorhang hob und die Grande Dame des Deutschen Theaters, Inge Keller, mit der Lesung begann. Darin ging es, kurz gesagt, um eine alleinstehende Frau mit zwei Kindern, die nun zum dritten Mal schwanger wird, jedoch den Vater nicht kennt. Um ihn zu ermitteln, setzt sie eine Annonce in die Zeitung und fordert ihn auf, sich bei ihr zu melden, um ihn zu heiraten. Die Erzählung beginnt wie folgt:

In M…, einer bedeutenden Stadt im oberen Italien, ließ die verwitwete Marquise von O…., eine Dame von vortrefflichem Ruf, und Mutter von mehreren wohlerzogenen Kindern, durch die Zeitungen bekannt machen: daß sie, ohne ihr Wissen, in andre Umstände gekommen sei, daß der Vater zu dem Kinde, das sie gebären würde, sich melden solle, und daß sie aus Familien-Rücksichten, entschlossen wäre, ihn zu heiraten …“

Inge Keller weiß, wie nur wenige deutsche Schauspieler, ihre Worte, Pausen, Gesten und Mimik wohl zu setzen. Trotz des anspruchsvollen Textes ist es ein Genuss, ihr zu lauschen. Natürlich ist auch der Autor der Erzählung, der präzise Sprache mit komplizierten Satzkonstruktionen bewundernswert unfallfrei verbindet, daran nicht unbeteiligt. Er erzeugt Spannung, obwohl die Handlung Jahrhunderte zurück liegt, wie auch bei dieser Erzählung, die wie folgt beginnt:

An den Ufern der Havel lebte, um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts, ein Roßhändler, Namens Michael Kohlhaas*, Sohn eines Schulmeisters, einer der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit …“ (Hier geht es im folgenden um das Recht des Einzelnen im Staat und seine schließliche Durchsetzung durch Selbstjustiz)

Beide Erzählungen – „Die Marquise von O….“ und „Michael Kohlhaas“ – stammen aus der Feder von Heinrich von Kleist (1777-1811), deutscher Dramatiker (u.a. „Der zerbrochne Krug“) und Erzähler. Die in jenen beiden gewählten Sujets lassen bereits erahnen, dass er ein „Außenseiter im literarischen Leben seiner Zeit“ war. Immer wieder setzte sich Kleist künstlerisch mit dem Verhältnis von Bürger, Obrigkeit, Recht und Moral auseinander, doch scheiterte er immer wieder am Staat, u.a. durch Aufführungsverbot für „Der Prinz von Homburg“. Dieses, Krankheit und materielle Not führten schließlich zu dem verhängnisvollen Ende. Am 21.11.1811, also vor fast genau 200 Jahren, schied Heinrich von Keist, gemeinsam mit einer Freundin, am Kleinen Wannsee aus dem Leben. Ob der dort befindliche kleine Gedenkstein inzwischen restauriert wurde, ist mir nicht bekannt.

* An die historische Figur des Michael Kohlhase oder Michael Kohlhaas erinnert der kleine Ort Kohlhasenbrück am südwestlichen Zipfel Berlins gelegen.

Nachtrag 19.11.11: Lt. Berliner Zeitung von gestern wurde die Grabstätte am Kleinen Wannsee erneuert und wird am 21.11.11 übergeben.

 
 

Autor:

Jürgen Pahl

 

11. Mai 2011 20:01:11

… Vater mit Sohn: Don Burghart

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Junger Mann (Karl) liebt junge Frau (Elisabeth) und so schön auch umgekehrt. Aber es ist Karls Vater (Philipp), seinen Sohn verachtend und ihm nichts zutrauend, der sich Elisabeth zur Ehefrau nimmt. Diese erwartet alsbald ein Kind – nicht von Philipp, der keine Chancen bei der jungen Frau hat und sich deshalb eine Geliebte zuführen lässt. Die wiederum hat – richtig – ein Auge auf den schmucken Karl geworfen, der aber nur seiner Elisabeth gehört. Der junge Mann, mutig, entwicklungsfähig, freiheitsliebend und politisch netzwerkend, wie auch sein Freund (Posa), sehnen sich aber auch nach mehr Gerechtigkeit und einem besseren Land. Das bleibt dem mächtigen Vater, der seine Schnüffler überall hat, nicht lange verborgen. Als Philipp dann noch erfährt bzw. ahnt, dass er nicht der Vater von Elisabeths Kind sein kann, schlägt der Despot zu. Karl entgeht der Verhaftung und sofortigen Erschießung nur, weil sich Freund Posa für ihn opfert. Philipp schwankt noch, wie er mit Karl verfahren soll, wird aber dann durch seinen Charakter und Kräfte, die noch mächtiger erscheinen als er, zum Mörder seines Sohnes.

James Ellroy? Henning Mankell? Jussi Adler-Olsen?

Nein, der Autor heißt Friedrich Schiller – hier und heute mit „Don Carlos“ (nicht Don Karlos) seit vielen Monaten im Spielplan des Staatsschauspiels Dresden vertreten. Das Lob über diese gelungene und moderne Aufführung, die ich mir im September 2010 dort ansah, reichte durch den deutschen Blätterwald. Ich erwähne deshalb nur, was mir besonders gefiel: König Philipp von Spanien – gespielt von Burghart Klaußner! Er zeigt das Machtgebaren, Misstrauen, die Angst und Zerrissenheit eines (in diesem Fall emporgehobenen) Menschen auf großartige Weise. Die Inszenierung wurde – wie erfreulich – zum Berliner Theatertreffen 2011 eingeladen und ist am 12. und 13. Mai im Haus der Berliner Festspiele zu sehen.

 
 

Autor:

Jürgen Pahl

 

16. Februar 2011 09:49:15

… wörtlich: Gysi, Gast und Goldfisch

„Im Anfang war das Wort“. (Ein Satz wie ein Felsen). „Rede mit mir“, bittet der fremdgängerische Mann seine Ehefrau. „Der Worte sind genug gewechselt, lasst mich auch endlich Taten sehen!“, meint Goethes Direktor im „Faust I“. Widersprüchliches: Halte den Mund, aber gib mir Dein Wort. Thomas Gottschalk macht nun beides und beendet seine „Wetten das“-Laufbahn, die ja auch vor allem eine Lizenz zum Reden, zum Fragen enthielt.

Das Deutsche Theater veranstaltet seit geraumer Zeit die Gesprächsreihe „Gregor Gysi trifft Zeitgenossen“. Gysi und sein jeweiliger Gast präsentieren sich an ausgewählten Sonntagen um 11.00 auf der Bühne und reden miteinander. Zeugen dieses Gesprächs sind zwei, munter in einem Aquarium schwimmende, Goldfische und ein, in aller Regel, vollbesetzter Zuschauersaal. Gysi gibt hier nicht den Parteipolitiker, sondern nahezu ausschließlich den freundlichen, gut vorbereiteten Gastgeber, der sowohl dem Bühnenquartett, als auch dem Publikum das Gefühl vermittelt, einem besonderen Sonntagvormittag beizuwohnen. Auf der Bühne regiert die höfliche Distanz, die bohrende Frage, das nachdenkliche Gesicht, der übersprudelnde Mund, das phänomenale Gedächtnis, die überraschende Information, der gut erzählte Witz, die genuschelte Erklärung, die stumme Betroffenheit und manchmal ein reiches, im Zeitraffer erzähltes, Leben. Ein einziger Mensch steht hier im Mittelpunkt und ein anderer – jenseits aller Hektik – befragt ihn. Gysi hangelt sich mit seinen Fragen am Lebenslauf seines Partners entlang, besucht auch die Nebenstationen und hinterfragt Motive und Gefühle. Das ermöglicht Aufmerksamkeit, füllt die Bühne und beansprucht Kopf und Herz des Zuschauers hinreichend. Das Gespräch bringt ihn zum Staunen, Nachdenken, Lachen und entlässt ihn nach gut zwei Stunden verändert in den Tag.

Die Liste der bisher eingeladenen Gäste ist lang und vielsagend. Um nur einige zu nennen: Klaus Maria Brandauer, Kurt Maetzig, Peter Scholl-Latour, Wladimir Kaminer, Hape Kerkeling, Thomas Langhoff, Wolfgang Kohlhaase, Roger Willemsen und jüngst Mario Adorf. Besonders interessant war es immer dann, wenn dem Prominenten etwas entlockt werden konnte, was er nicht schon mal im Fernsehen von sich gegeben hat. Das gelingt oft gut, denn eine Kamera ist hier nicht dabei. Eine überproportionierte Selbstdarstellung musste man bei dieser Gesprächsreihe bisher selten erleben, aber auch sie gehöre dazu.

Die Veranstaltungen sind, wie nicht verwunderlich, lange vor dem Termin ausverkauft. Dass ich mit diesem Text die Karten-Chancen nicht gerade verbessere, liegt auf der Hand. Aber: Auf Qualität muss man hinweisen. Das nächste Gespräch findet am 27. März 2011 statt. (Eintritt: 8,- €uro) Gast ist der frühere sowjetische Botschafter (1971-78 in der BRD), Diplomat und jetzige Journalist Valentin Falin.

 
 

Autor:

Jürgen Pahl

 

15. Februar 2011 20:47:12

… auf der Höhe des Feuilleton: An Experiment With An Air Pump im English Theatre Berlin

Es geht um die ethischen Implikationen des Fortschritts in der Wissenschaft: Sollten wir das, was wir können auch anwenden, oder sollten wir es gerade lassen, weil wir es können? Das englischsprachige Stück, das nun am English Theatre Berlin in der Reihe „Theatre & Sience“ aufgeführt wird, nähert sich diesen Fragen auf zwei zeitlichen Ebenen, einmal historisch (vor ca. 200 Jahren) und einmal in der Gegenwart. Es werden parallel zwei Geschichten erzählt, wobei geschickt von einer Zeit in die nächste und wieder zurück gewechselt (fast alle Schauspieler sind doppelt in beiden Zeiten besetzt) und mit den Rollenbildern gespielt wird. Sehr pointiert wird die ethisch moralische Frage in der gegenwärtigen Geschichte aufgegriffen, in der eine Wissenschaftlerin einen finanziell wie perspektivisch interessanten Job im Umfeld der PID (Präimplantationsdiagnostik) angeboten bekommt. Wie soll sie sich entscheiden, was spricht dafür, was dagegen? Die Fragen, die sonst meist aus der Sicht der Eltern oder von Betroffenen gestellt werden (siehe Artikel in Die Zeit „Drum prüfe wer sich bindet“), liegen hier einmal unbeantwortet auf dem Tisch einer Wissenschaftlerin.

Rund um die Aufführungen von An Experiment With An Air Pump werden begleitende Diskussionsrunden und Vorträge veranstaltet, bei denen sich auch das Publikum zu genau diesen Themen äußerm kann.

Februar 2011: 8 – 11 | 15 – 19 | 22 – 27 (The performances on February 15th and 22nd start at 7pm and will be followed by a discussion with cast, director and Prof. Hengge. All other performances start at 8pm.)

Kleiner Mitschnitt der Premiere:
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Autor:

Magnus Hengge

 

30. Januar 2011 15:34:18

… wiederholt: Total Recall das wichtigste Festival des nacherzählten Films im HAU1

Alle Jahre wieder im Januar im HAU1: Das zweitägige Festival TOTAL RECALL, zu dem sich Filmfreaks aller Generationen und Genre vereinen, um sich gemeinsam mittels freier Erzählung, an filmische Momente zu erinnern, egal ob bekannt oder unbekannt, Hauptsache der Film, von dem erzählt wird, existiert. Eine/r steht vorne am Pult, hat 10 Minuten Zeit, und erzählt: mal gut und schnell zusammengefasst, mal wild zwischen Filmstory und der eigenen Geschichte, die in mehr oder weniger konkretem Zusammenhang zum ausgesuchten Film steht, meandernd. Besonders überraschend sind dabei oft die Erzähler/innen, die sich kurzentschlossen auf die Bühne trauen, sich aus dem Stegreif versuchen, um das meist zunächst noch lückenhafte Programm zu komplettieren.

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In den letzten Jahren waren es mehrheitlich Männer, die sich auf der Bühne produzierten, oft Typen, denen man den Film-Nerd schon von Weitem ansah, und die dann von höchst schrägen iranischen Kung-Fu-Softpornos aus den 1970ern (gefühltes Genre) erzählten. In dieser Kategorie trat diesmal Andre Wentzel an, der von dem extrem billig produzierten, türkischen Superheldenepos „3 Dev Adam“ berichtete, in dem unter anderem relativ zusammenhangslos ein grün gekleideter, gewaltbereiter Spiderman und ein kleptomanisch veranlagter Captain America ihr Unwesen treiben.

Auffällig aber war diesmal die Dominanz von Frauen, die eindeutig die Führung im Bereich des nacherzählten Films übernommen haben. Und ebenso wie früher die Männer neigten einige dazu, tiefe Einblicke in ihre sexuellen Neigungen und Phantasien zu offerieren. So eine üppige Blondine, … Weiterlesen

 
 

Autor:

Magnus Hengge

 

21. Januar 2011 10:10:15

… gestern: Gipfeltreffen im Berliner Ensemble

Den Großschauspieler Klaus Maria Brandauer kann man im Berliner Ensemble seit Monaten in Heinrich von Kleists „Der zerbrochene Krug“ (deftig, heftig) und neuerdings im „Ödipus von Kolonos“ in der Inszenierung von Peter Stein sehen und bewundern. Der andere große Schauspieler, Gert Voss, war nun gestern leibhaftig auf der Bühne des BE. Mit ihm gaben sich TV-Late-Night-Unterhalter, politischer Landschaftssezierer und gelernter Schauspieler Harald Schmidt, Claus Peymann und andere die Ehre. Es war ein richtiges Theater-Gipfeltreffen, denn nicht nur Peter Stein und Luc Bondy, sondern auch Thomas Bernhard, George Tabori, Peter Zadek und noch viele andere schwebten gewissermaßen durch den opulenten Theater-Saal des BE. … Weiterlesen

 
 

Autor:

Jürgen Pahl

Kategorie:

Theater

 

30. Dezember 2010 16:53:05

… Von oben: „Die Möwe“ im Deutschen Theater

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Die Möwe
von Anton Tschechow; Regie: Jürgen Gosch (Premiere 20.12.2008, Deutsches Theater Berlin); Foto: Matthias Horn; Auf dem Bild: Meike Droste (Mascha), Kathleen Morgeneyer (Nina Michailowna Saretschaja ), Christoph Franken (Semjon Semjonowitsch Medwedenko)

Immer wieder Tschechow. Die Berliner lieben ihn. Nach „Onkel Wanja“ (2009 mit kräftigem Spiel in den Sophiensaelen), dem umjubelten „Onkel Wanja“ im Deutschen Theater, dem sehr konzentriert aufgeführten „Krankenzimmer Nr. 6″ (erneut DT), nun „Die Möwe“ – wiederum in der Schumannstraße. Wenn ein Stück wie dieses – Regie Jürgen Gosch, der leider im Juni 2009 verstarb – schon ein längeres Weilchen vor vollem Haus gespielt wird, dann ist es gut geraten. Dennoch ist das nur bedingt tröstlich, wenn, wie jetzt, nur noch Plätze im zweiten Rang zu bekommen waren. Man schaut von ganz oben den Schauspielern auf die Köpfe, sieht die Mimik kaum und konzentriert sich – aus Not wird Tugend – auf die Stimmen, den Klang, die Sprache, die Bewegung.

Da fielen mir zuerst der Literat Trigorin (Alexander Khuon) und der Arzt Dorn (Peter Pagel) auf. Beide waren wohl zufrieden mit ihrem Dasein, ob quirlig, aufbrechend, von sich selbst angetan der eine oder praktisch, ländlich, unspektakulär handelnd der andere. … Weiterlesen

 
 

Autor:

Jürgen Pahl

 

5. November 2010 17:46:33

… Kunst des Lichts: László Moholy-Nagy im Martin-Gropius-Bau

Fotogramm Moholy-Nagy, ca. 1938. (c) VG Bildkunst, Bonn, 2010

Lange vor der multimedialen Postmoderne gab es die unbändige Vielfalt der Moderne, zu deren kreativsten Protagonisten der ungarische Künstler László Moholy-Nagy (geb. 1895) zu zählen ist. 1923 beruft Walter Gropius ihn an das Bauhaus, und Moholy-Nagy folgt dem Ruf, zunächst nach Weimar, dann nach Dessau. Moholy-Nagy ist Kunsttheoretiker, Maler, Filmemacher, Fotograf, Bühnenbildner, Typograf, Zeichner, Bildhauer. Als Industriedesigner schmiedet er das Band zwischen Kunst und Kommerz. Mit dem Fotogramm entwickelt er die Kunst des „Malens mit Licht“; es ist die „Lichtgrafik“, die ohne Kamera entsteht. Überhaupt Licht: Kunst muss Licht reflektieren, ist sein Prinzip, ja seine Mission. Malen mit Licht, nicht mit Farben ist seine Praxis. Diese weiterzugeben ist ihm Lebensaufgabe. Als engagierter Dozent unterrichtet er in Weimar und Dessau, später, nach der von den Nazis erzwungenen Emigration nach Amsterdam und London auch in Chicago, wo er die New Bauhaus – American School of Design gründet. Nach deren Schließung – Geldnot! – baut er 1939, ebenfalls in Chicago, das Institute of Design auf, wo er bis zu seinem Tod 1946 tätig ist. … Weiterlesen

 
 

 

28. September 2010 00:59:21

… putzig: Die Meistersinger von Nürnberg an der Komischen Oper

Die auf diesem Foto zu sehenden Meistersinger sind nicht nur meisterliche Sänger, sondern auch Meister in ihren Handwerksgilden. Allesamt kleine Männer in putzigen Kostümen, die ein bisschen wie typisch deutsche Gartenzwerge aussehen und auch ähnlich stilisiert agieren. Immer mit den Händen ihre dicken Bäuche streichelnd, treten sie als selbstgefälliger Haufen Spießbürger auf, die ihre Traditionen feiern und sich auf ihren Erfolgen ausruhen, nur um letztlich andere daran zu hindern, in ihren erlauchten Kreis aufgenommen zu werden. Es geht um nicht gewährte Teilhabe an der Gesellschaft oder (kapitalistisch gesprochen) um Markteintrittsbarrieren. Wer in diesem Nürnberg etwas werden will, muss sich mit den Meistern arrangieren, sich auf das Reglement des Singer-Clubs einlassen.

… Weiterlesen

 
 

Autor:

Magnus Hengge

 

4. Juni 2010 20:56:52

… geklont: Mit „A Number“ kommt im English Theatre Berlin die Welt des Theaters mit der Welt der Wissenschaft zusammen

<br />
Patrick Lanagan, Tomas S. Spencer (Foto: Heiko Orlowski)

Welches Selbstbewusstsein kann ein Klon entwickeln? Lassen sich die Begriffe Person, Persönlichkeit, Individuum in gewohnter Weise aufrecht erhalten, und welchen Einfluss hat Klonen auf das Wesen und Verhalten von Familien, wenn Vater- und Mutterschaft nicht mehr durch die „natürlichen“ Eigenschaften definiert sind und Geschwister genetisch identische Wesen sind?

Alles Fragen, die in dem Theaterstück „A Number“ von Caryl Churchill die Handlung bestimmen: Ein junger Mann entdeckt, dass er nicht einfach nur der Sohn seines Vaters, sondern vielmehr der Klon seines Bruders ist. Er stellt seinen Vater zur Rede und erfährt, dass es in der Familie leidvolle Brüche und Zerwürfnisse gab, noch bevor er als geklonter Sohn zur Welt kam. Der Vater wollte damals einfach eine zweite Chance, wollte das Beste (seinen Sohn) behalten und das Leben ansonsten von vorn beginnen. Durch quälendes Nachfragen entlockt der Sohn, seinem Vater nach und nach weitere familiäre Ungeheuerlichkeiten und die Situation wird immer verfahrener, da immer mehr Brüder ins Spiel kommen, zu denen der Vater teils Kontakt hatte, bzw. dann später, sucht. Tatsächlich wurden neben ihm noch 20 illegale Klone erzeugt, die von unterschiedlichen Müttern ausgetragen, sich in äußerst unterschiedliche Charaktere entwickelten.

Die zwei Schauspieler setzen ihre Akzente sehr unterschiedlich und zueinander spannungsreich. Tomas S. Spencer schlüpft in die Körper von insgesamt drei Klonen, ist als drei verschiedene Personen auf der Bühne. Die Uneinheitlichkeit der theoretisch identischen Menschen wird plausibel. Patrick Lanagan hingegen spielt einen Vater, der sich in seinem eigenen Leben nicht zuhause fühlt, der die Konsequenzen seiner eigenen Entscheidungen kaum begreifen kann.

Das Stück arbeitet gegen vorurteilsbehaftete und durch Science Fictions geprägt Vorstellungen und stellt klar, dass sich der Prozess zur Selbstfindung für einen Klon vermutlich nicht wesentlich anders darstellt, als für jeden anderen Menschen. Die ethisch moralischen Fragen, die das Klonen aufwirft sind eben vorgelagerter, theoretischer Art und nicht im Nachhinein praktisch aufzulösen. Ist der Klon erst einmal am Leben, ist sein Leben nicht von dem eines anderen strukturell unterscheidbar und ganz sicher nicht durch das Leben dessen vorgezeichnet, dessen Klon er ist.

Interessant werden sicher die nach der Aufführung stattfindenden Diskussionen, bei denen sowohl die beteiligten Forscher der FU Berlin unter Leitung von Prof. Regine Hengge wie die Theaterleute des English Theatre Berlin um Direktor und Regisseur Günther Grosser mit mit den Zuschauern ins Gespräch kommen werden.

Hören Sie den Radiobericht auf Deutschlandradio Kultur
Mehr dazu bei DIE ZEIT online …

 
 

Autor:

Magnus Hengge

 
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