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Archiv der Kategorie ‘Wissenschaft‘

24. Januar 2014 18:22:57

… an der Schwelle zwischen Kunst und Wissenschaft: Pinar Yoldas in der Schering Stiftung

Pinar Yoldas An Ecosystem of Excess

Überall auf unserem Planeten findet sich Plastik. Alle wissen inzwischen von den großen Plastikmüllstrudeln in den Ozeanen, viele davon, dass man selbst in den entlegensten Winkeln der vereisten Hochgebirge Plastikteilchen findet, und manche, dass sogar in jeder menschlichen Zelle Plastiksubstanzen (chemisch erzeugte Polymere) nachweißlich sind. Plastik ist überall, um uns herum, in uns und in allen anderen Wesen dieser Welt. Archäologen werden in 10.000 Jahren das 20. Jahrhundert an einer dicken Plastiksedimentschicht erkennen und diese als Zeitmarker verwenden.

Kunststoffe üben also Evolutionsdruck (Selektionsdruck) auf alle Organismen auf der Erde aus. Mit anderen Worten: Diejenigen Lebensformen, denen es gelingen wird, die Plastikmoleküle zu ihrem Vorteil in ihre Organismen einzubauen, werden sich gegenüber anderen Spezies, die unter dem Plastik leiden, durchsetzen. Schon jetzt wird der Plastikmüll, egal wo er auftritt, von Bakterien besiedelt, die Kolonien und Biofilme darauf bilden. Manche Bakterien haben durch Mutationen auch Fähigkeiten erlangt, Polymere zu zersetzen und umzuwandeln.

Pinar Yoldas Kunst baut positivistisch auf der These auf, dass wir schon bald eine völlig veränderte Fauna auf unserem Planeten haben werden. Neuartige Organkonzepte werden als „Ecosystem of Excess“ auftreten: z.B. zur Verdauung von Plastik (=Plastivoren), zur Wahrnehmung von Plastik (=Plastosensorik) oder zur Reinigung des Plastiks von Schadstoffen (=Petronephros). Tiere werden Plastik „kreativ“ nutzen, vielleicht zur neuartigen Pigmentierung und Färbung des Gefieders oder zum Aufbau von elastischen Exoskeletten. Die in der Schering Stiftung ausgestellten Objekte bilden diese zukünftige Lebenswelt ab, wobei die Werke fast als logische Konsequenzen und nicht als Visionen erscheinen. Soll man davor erschrecken oder sich doch davon beruhigen lassen?

Am nachdenklichsten stimmte mich die quirlige „Plastiksuppe“. In einem Gefäß blubbert, als neuzeitliche Ursuppe, ein Gebräu vor sich hin, das genau in dieser Zusammensetzung als Nebenprodukt (= Abfall) eines ganz normalen Frühstücks entsteht: Der Rest eines Joghurtbechers, der Abrieb eines Schneidbretts, ein Teil einer Zeitungsverpackung, eine Borste einer Zahnbürste usw. – mit all diesem Zeug häufen wir täglich den Nährboden an, für Lebensformen, die uns verdrängen werden.

Pinar Yoldas: An Ecosystem of Excess, noch bis bis 4. Mai 2014
Schering Stiftung, Unter den Linden 32-34, 10117 Berlin, täglich (außer Di und So) 12–19 Uhr. Geöffnet am Sonntag, 4. Mai 2014! Eintritt frei
Eine Ausstellung in Kooperation mit der transmediale 2014 afterglow

 
 

Autor:

Magnus Hengge

 

14. April 2013 21:52:23

… Normal. Eine Buchvorstellung.

Manchmal lästern meine Schwestern und ich über diese 150%-Mütter (und Väter), die so unglaublich viel Bohei um ihre Sprößlinge machen. Vor zwanzig Jahren, als unsere Kinder klein waren, war vieles noch banaler – und unser Nachwuchs scheinbar auch gesünder. Allerdings sind das gesamtgesellschaftliche Wissen und der kollektive Druck auf die Eltern 2013 ungleich größer. Der Sohn, der „damals“ als „etwas aufgedrehter Wildfang“ nervte, wird heute heute vom Arzt oder alternativ von der Nachbarin mit einer Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) diagnostiziert. Die Tochter, die mal euphorisch, mal tiefbetrübt, also „ganz normal“ pubertierte, landet mittlerweile schnell in der Schublade „bipolar“. Gegen beides gibt es –Merck/Pfizer/BASF sei es „gedankt“ – mehr als genug Medikamente. Und gegen die anderen Syndrome unserer Zeit – Asperger, Fressattacken, disruptive Launenfehlregulation … – glücklicherweise auch.
Verstehen wir uns nicht falsch: Es gibt natürlich reale Geisteskrankheiten. Doch um diese geht es hier nicht. Es geht um die Modediagnosen, um die katastrophalen – ärztlich und selbst diagnostizierten – Symptome, die eigentlich gesunde Menschen leiden lassen und die Pharmaindustrie reich machen. Was sie für die Betroffenen und die Gesellschaft bedeuten hat nun einer aufgeschrieben, der weiß, wovon er spricht: ein Psychiater, der, wenn auch sehr spät in seiner Karriere, die Seiten gewechselt hat.

Allen Frances, selbst einer der Herausgeber des DSM-4, nutzt die anstehende Veröffentlichung des DSM-5 für eine Abrechnung mit dem Trend zur Erfindung immer neuer psychischer Leiden und zur kollektiven Krankschreibung ganzer sozialer Gruppen. Normal. Gegen die Inflation psychiatrischer Diagnosen ist sein Appell an die Branche, auf den Boden der Tatsachen zurückzufinden und zu differenzieren. Denn Ärzte sollen heilen, und wer Gesunde als Kranke behandelt, übersieht am Ende jene, die wirklich krank sind und tatsächlich einer Behandlung bedürfen.

Was ist das DSM?

Das DSM (Diagnostische und statistische Handbuch psychischer Störungen) wird von der APA (Verband der amerikanischen Psychiater) herausgegeben. Es katalogisiert und kategorisiert psychische Erkrankungen, damit deren Behandlung entsprechend abgerechnet werden kann. Alle paar Jahre erscheint eine aktuelle Auflage des DSM. Ein Kreis eingeladener Experten diskutiert und entscheidet, welche Krankheiten neu aufgenommen oder gestrichen werden sollen. Die „Entdeckung“ eines neuen Syndroms ist für die beteiligten Psychiater natürlich ungemein prestigeträchtig, erläutert Frances. Und nebenbei ist sie lukrativ für die pharmazeutische Industrie.

Moderne Medikamente und modische Diagnosen

Ebenso wie alle paar Jahre neue Krankheiten entdeckt bzw. erfunden werden, haben auch Medikamente stets ihre Zeit. Die Psychiatrie als eher junge Disziplin setzte die Menschen in den 1950er Jahren gern unter Bromide, verabreichte in den 1960ern Lithium, sorgte für die massenhafte Verbreitung von Librium und Valium in den 1970ern und trug dazu bei, dass seit den 1980ern zumindest in den USA der Griff zu Prozac mindestens ebenso populär ist, wie das Lutschen eines Wick-Bonbons bei Kratzen im Hals. Problematisch ist dabei nicht nur die Entstehung von Medikamentenabhängigkeit, und bereits heute sind in den USA mehr Menschen von legalen Drogen abhängig als von illegalen. Problematisch sind ebenfalls die körperlichen Nebenwirkungen – Apathie, Lethargie, Übergewicht etc. – und die soziale Stigmatisierung. Und schließlich leiden nicht nur die Angehörigen eines mit einer psychischen Erkrankung diagnostizierten Patienten, sondern auch er/sie selbst. Selbst wenn die Zeitungen voll sind mit Berichten über „multiple Persönlichkeiten“ (die in den 1990er Jahren enorm „verbreitet“ waren, bis sie von der nächsten Diagnose abgelöst wurden): die Folgen der Krankheit oder Diagnose spürt jede/r, die/der sie als Etikett tragen muss. Doch nicht nur die Diagnosen steigen sprunghaft an. Auch die Zahl der Verschreibungen erreicht schwindelerregende Höhen: Jährlich werden allein in den USA 300 Millionen Rezepte über Psychopharmaka ausgestellt. Antipsychotika gehen im Wert von 18 Milliarden US Dollar über die Ladentheke, für Antidepressiva werden 12 Milliarden US Dollar jährlich bezahlt. Pharmakonzerne dürfen in den USA direkt bei den Patienten werben. Nicht wenige sterben an der versehentlichen Überdosierung der legalen Drogen, die sie sich selbst verschreiben. Und selbst wer zum Arzt geht, kann nicht sicher sein, einen kompetenten Diagnostiker an seiner Seite zu wissen: Neunzig Prozent der Angstlöser, achtzig Prozent der Antidepressiva, 65 Prozent der Aufputschmittel werden von Hausärzten verschrieben. Die wenigsten von ihnen sind psychiatrisch geschult. Von der Pharmaindustrie werden sie verständlicherweise gehätschelt.
Ein Umdenken tut Not. Es ist allerhöchste Zeit für mündige Patienten!

Allen Frances, Normal. Gegen die Inflation psychiatrischer Diagnosen,
ist 2013 im Dumont Buchverlag, Köln erschienen.
Es hat 430 Seiten und kostet € 22,–.

Deutschlandpremiere Buchvorstellung am 16. April im Großen Saal der Berliner Zeitung, Karl, Liebknecht-Str. 29,.10178 Berlin
Einlass: 18 Uhr, Beginn: 19 Uhr
Eintritt: 7 €, ermäßigt für Abonnenten der Berliner Zeitung 5 €
Tel.: 030- 23 27 63 41. Mail: kundencenter@berliner-verlag.de

 
 

 

30. Januar 2013 14:38:24

… retrograd: transmediale BWPWAP

transmediale2013_bwpwap_abstimmung
Mit gelben Karten gegen Pluto abstimmen.

Das Akronym BWPWAP (back when pluto was a planet) bezeichnet die Kurzform des diesjährigen, kuratorischen Konzeptes der transmediale 2013. Das Kürzel bildete sich in der Web-Sprache und bezieht sich auf den Statusverlust des Ex-Planeten Pluto, der 2006 demokratisch von offizieller Stelle, der Internationalen Astronomischen Union, zum Zwergplaneten herabgestuft wurde. Eine solche Rekategorisierung geschah übrigens schon öfters in der Geschichte der Astronomie und immer begründet durch neue Erkenntnisse, die alte Annahmen ablösten: Bis ins Jahr 1846 wurden insgesamt 13 Objekte als Planeten bezeichnet. Weil dann aber ab 1847 laufend neue Objekte zwischen Mars und Jupiter entdeckt wurden, führten Astronomen 1851 eine neue Kategorie ein: Die der Asteroiden (Planetoiden). Die Zahl der großen Planeten belief sich danach somit wieder auf acht. Plutos Schicksal ist also kein Einzelfall, was aber neu war 2006 ist, dass es das Internet gab. Global vernetzt und mit sentimentalem Hang erhob sich eine Welle des Mitgefühls für den kleinen verstoßenen Pluto, der in der solaren Großfamilie entrechtet wurde – wo der arme doch eh schon so weit weg von allen ist. Schnief.
Allerdings wurde ihm eine Ersatzfamilie angeboten, deren Chef er nun ist. Zusammengefasst wurden die „Plutoiden“ als Gruppe von trans-neptunischen Zwergplaneten, die jenseits von Neptun, dem
letzten Riesen im Sonnensystem, auf vereierten Bahnen umherschwirren.

Nun warum taugt diese Geschichte als Background für die transmediale 2013? Weil es im Kern um die Änderung der Perspektive geht, von der aus man etwas betrachtet und kategorisiert. Außerdem ist die Gesellschaft darauf angewiesen, sich den wertenden Blick von Experten ausrichten zu lassen, die den nicht-Experten sagen, wie ein Objekt oder ein Konzept einzuordnen und zu begreifen ist. In der Welt der Kunst leicht nachzuvollziehen durch die beliebte Frage „Ist das Kunst oder kann das weg?“, die nur von Sachverständigen, oder besser noch vom Erzeuger/Künstler selbst, zweifelsfrei geklärt werden kann. Und wo ein Experte eine Meinung vertritt, findet sich garantiert ein anderer Experte, der das genaue Gegenteil vertritt. In der Kunst wie in der Wissenschaft ist das der Normalfall, und in beiden Welten entscheidet mittelfristig die Zeit darüber, wer Recht hat. Landet ein umstrittenes Kunstwerk im Museum, weil es z.B. einen nachhaltigen Einfluss auf andere Künstler hatte, und bestätigt sich eine wissenschaftliche These durch die Forschungen nachfolgender Experimente? Beides kann der Fall sein und beides kann später widerlegt werden. In vielen Museen wird irgendwann aussortiert und weggeworfen, weil die zeitgenössische Kultur nichts mehr mit dem vormals gesammelten anfangen kann, und viele als gefestigt geltende wissenschaftliche Thesen wurden nach Jahrzehnten falsifiziert.

Dies alles wäre eine wunderbare kulturwissenschaftliche Basis, um darüber eine fantastische Ausstellung zu organisieren, doch leider erfüllt die transmediale 2013 BWPWAP diese Erwartung in keinster Weise. Es werden keine Perspektivwechsel erlebbar, keine Neuordnungen vorgenommen und keine inhaltlichen Diskussionen geführt, sondern es wird eine sentimentale und belanglose Sammlung von Retro-Kunst gezeigt. Kopierer, Kassettenrecorder und Fax-Geräte dürfen noch mal reüssieren, wobei man sagen muss, dass die Projekte in Form und Inhalt lange nicht an diejenigen herankommen, die zu Zeiten gemacht wurden, als die Apparate erfunden wurden und neue Möglichkeiten boten. Es scheint, dass der Blick nach vorn in einer zunehmend komplexen Welt immer weniger attraktiv ist und Künstler statt dessen lieber zurück zum analogen Low-Tech flüchten. Es ist eine mitfühlende Hinwendung zum alten Gerümpel, das nutzlos geworden scheint, aber im Blick der Künstler doch noch zu so vielem taugt. Natürlich ist auch das in gewisser Weise ein Perspektivwechsel, doch erfolgt dies spürbar im Gefühl, selbst in der rasenden technologischen Entwicklung der Welt zu unwichtigem Staub zermahlen zu werden. Genau wie das weltweit geäußerte Mitgefühl für den herabgestuften Pluto, entsteht beim Besuch der Ausstellung eher Mitleid für die Künstler, die sich quasi selber degradieren. Das Abwenden vom Neuen, könnte man allenfalls als anti-konsumistische Haltung verstehen, um aus dem Vorhandenen im Sinne der Ressourcenschonung zu schöpfen, doch auch davon ist nicht zu sehen.

In der Eröffnungsveranstaltung hingegen wurde von den Vortragenden ein ganz wunderbarer Moment der kulturellen Umdeutung inszeniert. Das Für und Wider der neuen oder alten Plutobetrachtung wurde exemplarisch durchexerziert und am Schluss durfte das Auditorium über den stellaren Status Plutos abstimmen (quasi in einer Art Reenactment zur IAU-Abstimmung von 2006): Die vorbereitete Resulotion zielte auf die Wiederherstellung des Planetenstauts für Pluto und der künstlerische Leiter der transmediale Kristoffer Gansing schien sich siegessicher. Doch es kam anders: Mit klarer Mehrheit wurde die Resolution abgelehnt. Das Publikum will nicht zurück, es will voran!

Bisher war ich manchmal der Meinung, der kuratorische Überbau zu transmedialischen Unternehmungen irrlichtere im Abwegigen, wobei sich die Kunst davon nicht all zu sehr verleiten ließ. Diesmal scheint es anders herum: Die Konzeption eröffnet einen höchst interessanten Raum, den die Kunst nicht zu bespielen vermag.

Website der transmediale 2013 BWPWAP

 
 

Autor:

Magnus Hengge

 

16. Oktober 2012 15:55:05

… philosophisch: Die erste Theoriekantine in der Vierten Welt mit uneingeschränktem Urteilsvermögen

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Am Kotti gibt es abgelegene Ecken, in denen sich theoretisierende Bürger zum angeregten Diskurs in der Theoriekantine treffen. Diese findet man natürlich in der Vierten Welt, einer performanten Parallelwelt, in der man sich einer so dringenden Fragen widmen kann, wie zum Beispiel: Wie schaffen wir es unserer Rechtsprechung mit den Anforderungen einer wirklichen (auch genannt „radikalen“) Demokratie zu verbinden?

Drei Philosophen sitzen da mit einem Theatermacher im freundschaftlich, zänkischen Gespräch, um ihre Positionen aneinander zu reiben. Ludger Schwarte veröffentlichte unlängst bei Merve das Buch Vom Urteilen, das Gegenstand der ersten öffentlichen Diskussion bildet. Dirk Setton stellt das Buch vor und kritisiert es gleichsam, unterstützt von einer hinterfragenden Maria Muhle. Ludger Schwarte gerät in eine Verteidigungshaltung, aus der er aber sogleich vom plenum-artig hinzugezogenen Publikum geogen wird. Schnell wird verhandelt, wie Praxis-tauglich oder zumindest theoretisch funktionierend die Ansätze sein oder werden könn(t)en. Dirk Cieslak (Macher der Vierten Welt) ordnet unschwer die Gesprächsströme.

Ich hab selten einen so interessanten Gesprächsabend erlebt, bei dem Podium und Publikum sich auf gegenseitig anregendem Niveau Bälle zuspielten.
Die nächste Theoriekantine findet am 15. Dezember statt.

 
 

Autor:

Magnus Hengge

 

26. Februar 2012 11:59:25

… ineinandergedreht: Ein Stück über das Rennen zur Entdeckung der DNA Stuktur. Photograph 51 am English Theatre Berlin


Eine Frau in einem wissenschaftlichen Labor, damals in den 1940ern und 50ern: Das war irgendwie immer noch ein Fremdkörper, etwas Ungeheures, etwas das nicht in die Männer-Clubs passte, das störte und alles verändern wollte. Es war eine Bedrohung der geordneten Welt, die durch die beiden Weltkriege ohnehin schon zu sehr aus den Fugen geraten war.

Heute weiß fast jeder, wie die DNA-Struktur aussieht, die typisch doppelt verdrehten Spiralkörper, auf denen die Basenpaare geordnet sind, aus denen der Code des Lebens geschrieben ist. Es sind die Datenträger der Gene, die Substanz des Genoms, das was alles was wächst zu dem macht, was es ist. Gleichartig für Mensch, wie Tier, wie Bakterie, wie Pflanze. Was heute Allgemeinwissen ist, war damals das ganz heiße Forschungsgebiet der Wissenschaft und mehrere Teams versuchten der DNA (auf deutsch DNS = Desoxiribonucleinsäure) auf die Pelle zu rücken. Ganz vorne mit dabei war die junge, aufstrebende Forscherin Rosalind Franklin, die mit Röntgenaufnahmen experimentierte und auf diese Weise sehr aufschlussreiche Schattenbilder der Helixstrukturen erzeugte. Vom Leiter des Londoner King’s College protegiert kam die bereits rennomierte Doktorin an das Institut, an dem auch Dr. Wilkins arbeitete, der seit seiner Mitarbeit an der Forschung zum Bau der Atombombe in einer heftigen Sinnkrise war. Die Beziehung der beiden „Kollegen“ lief von Anfang an schlecht, da es ein heftiges Kompetenzgerangel darum gab, wer für wen auf welchem Forschungsfeld tätig war. Außerdem passten ihre Gewohnheiten nicht zusammen, Rosalind Franklin war eher akribisch, eigenbrödlerisch, misstrauisch und wurde auch noch institutionell von gemeinsamen Essen und anderen Freizeitbeschäftigungen ausgeschlossen. Wilkins dagegen war in seinen Kreisen bestens etabliert und redete gerne und viel mit befreundeten Wissenschaftlern. Neben dem unkooperativen Team in London forschte noch das weit unkonventionellere Team, bestehend aus James Watson und Francis Crick, in Cambridge am selben Thema. Doch besonders der jüngere Watson erkannte schnell, dass sie mit einem Modell der DNA-Struktur weltberühmt werden konnten. Die beiden legeten los, machten „some sience“. Im Gegensatz zur durchleuchtenden und rechnenden Rosalind Franklin, bogen Watson und Crick mit Drähten, Klammern und Hölzchen wenig oder gar nicht funktionierende Molekülmodelle zusammen. Ein solches bekam auch Franklins Kollege Wilkins zu Gesicht, der die beiden Gegenspieler dann unvorsichtiger Weise, und aus für ihn selbst später beschämenden Motiven, mit den weiterführenden Röntgenaufnahmen aus der Hand von Rosalind Frankling versorgte. Nur so gelang es ihnen, ihr berühmtes Modell zu konstruieren, das bis heute als der Durchbruch zur Entdeckung der DNA-Doppelhelix gilt. Im Fachmagazin NATURE, in dem die Erstveröffentlichung geschah, wurden drei Artikel zusammenhängend gezeigt. Auch Rosalind Franklin hatte ihre Berechnungen soweit gebracht, dass sie mit ihrem Artikel das Watson-Crick-Modell „bestätigte“, wobei deren Modell ja tatsächlich eher darauf „basierte“. 1962 bekamen aber nur die Männer Watson, Crick und Wilkins den Nobelpreis dafür. Rosalind Franklin war zu diesem Zeitpunkt schon an Krebs verstorben.

Im English Theatre Berlin wird das verdrehte Stück, bei dem ständig Personen von ganz unterschiedlichen historischen Orten (London, Cambridge, Amerika, Paris, Schweiz) innerhalb von einzelnen Sätzen verschränkt auftreten, vor allem durch die Lichtinszenierung entwirrt. Dies ist eine grandiose Analogie zur auf der Bühne durchgeführten Forschung mit Röntgenaufnahmen, deren kristaline Fotoergebnisse fast wie die Grundskizzen zum Bühnenaufbau wirken. Ebenso verschränkt wie sich im Laufe des Stücks die DNA-Struktur zeigt, wird auch das Rennen darum, wer als erstes über das Thema publizieren kann, inszeniert. Die gesellschaftlichen Codes der 50er-Jahre-Forschergemeinde werden sichtbar. Es ist ein zügiger Einakter (erst 2008 von Anna Ziegler veröffentlicht), ein sich zuspitzendes Sprech-Stück, bei dem besonders über die Randfiguren amüsante Sidekicks eingeworfen werden.

Photograph 51 am English Theatre Berlin – noch bis zum 10 März (immer 20:00 Uhr außer sonntags und montags).

 
 

Autor:

Magnus Hengge

 

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