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26. Dezember 2010 02:01:40

… nicht Sarrazinland: Genetik, Religion und Teihabegerechtigkeit

jon beckwith about sarrazin

Vorhin sah ich die Weihnachtsansprache des Bundespräsidenten zwischen all den staatstragenden „Ehrenamtlichen“ und da fühlte auch ich mich von den warmen Worten angesprochen, ein paar abschließende Gedanken zusammenzufassen.

Der folgende Text bezieht sich auf verschiedene Gegebenheiten, Sendungen und Events, die alle schon ein bisschen länger zurückliegen, doch deren thematischer Zusammenhang am Ende dieses Jahres so aktuell ist wie nie. Bei den Veranstaltungen in Berlin war ich selbst in geringem Umfang beteiligt, oder zumindest anwesend, so dass ich mir erlaube aus eigener Sicht einen Beitrag zum großen Debattenthema des Jahres 2010 zu leisten. Das Thema könnte lauten: „Was wird aus dem unbestreitbaren Multikulti-Staat Deutschland?“ oder provozierend in sarrazinscher Manier: „Lassen sich Muslime in einen demokratischen Staat (wie die Bundesrepublik) integrieren?“In unserer Medienrepublik werden solche Fragen ja ausschließlich in Talkshows verhandelt und nicht, wo sie eigentlich hingehören in Parlamenten. Zum Beispiel am 30. November abends bei Meischberger kamen sie mal wieder zusammen, die üblichen Verdächtigen, zusammengecastet in den Rollen als „irrlichternder Aufrührer“ (Thilo Sarrazin), „untoter Wirtschaftsvertreter“ (Hans-Olaf Henkel), „grün migrierter Gutmensch“ (Tarek El-Wazir), „herausragende Aufsteigerin“ (Nazan Eckes), „versachlichender Bildungsbürger“ (Jörg Schönenborn), „Statistikversessener Kriminologe mit missionarischem Eifer“ (Christian Pfeiffer). Ruckzuck waren sich die Herrschaften einig, denn wo Christian Pfeiffer ist, gibt es zumindest einen, der weiß wie man statistische Zahlen zielgerichtet kombiniert:

  • Kindergartenpflicht für alle Kinder in Deutschland
  • Einführung der flächendeckenden Ganztagsschulen
  • Imamausbildung an deutschen Universitäten

Alles Punkte, die zum Ziel haben, eventuell vorhandene hermetische Parallelgesellschaften aufzubrechen, um die darin eingesperrten Kinder mit den Werten zu konfrontieren, die unsere westliche Gemeinschaftskultur ausmachen und zusammenhalten. Es wird die stärkere Präsenz des Staats in der individuellen und privaten Erziehnung gefordert. Prägnant formuliert: Mehr Staat und Bildung, weniger Stolz und Ehre.

Natürlich liegt auf der Hand, welche gesellschaftliche Fraktion gegen diese Forderungen das Wort erhebt. Nicht etwa die muslimischen Verbände begehren auf, sondern konservative Familienpolitiker/innen aus Bayern, kirchlichen Millieus oder der blondierten Linkspartei wollen keine staatlichen Erziehungsprogramme in ihren Familien. Sie wollen das genaue Gegenteil, den vollendeten Kosmos mütterlicher Wärme, der von außen möglichst unangetastet bleiben soll – quasi die Mama-Parallelgesellschaft für Kleinkinder, im Idealfall mit christlicher Färbung. Tatsächlich geht es in solchen Kreisen eher darum, den Nachwuchs elitentauglich zu streamlinen. Migrantische Hinter- oder Vordergründe in Peergroup-Nähe gelten da als Entwicklungshindernis bei der Vorbereitung auf den globalisierten Weltmarkt.

Gegen die drei genannten Punkte ist natürlich wenig einzuwenden, denn es ist vollkommen richtig, dass das Wissen darüber, was unsere demokratische, freiheitliche und rechtsstaatliche Grundordnung ausmacht und wie man sich aktiv in so einer Gesellschaft beteiligt, so früh wie möglich und so breit wie möglich in die Gesellschaft getragen werden muss. Da kann der libanesische Einwanderersohn sicher genauso wie der hamburgische Bankierssohn was dazulernen. Fraglich nur, ob schlecht ausgebildete und unterbezahlte Erzieher/innen für diesen Job geeignet sind? Die Lösung liegt also bestimmt (wie so oft) nicht im Gesetze machen, sondern im Verbessern von konkreten Bildungsangeboten.

Auffallend hingegen ist, dass sich die Lösungsvorschläge und -strategien allesamt auf zukünftigen Generationen beziehen, so als seien die hier bereits lebenden Migranten ohnehin verloren.

jon beckwith Vererbung von Intelligenz unter 10 %

Ich muss zugeben, Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ nicht gelesen zu haben, aber das Aufnehmen der medialen Reflexionen sei mir gestattet. Als besonderer Aufreger gilt die sarrazynische, genetische Beweisführung (Stichwort: „dumm geboren“). Dieser Zusammenhang ist nun tatsächlich durch die genetische Forschung nicht bewiesen, sondern im Gegenteil vollständig widerlegt. Es gab vor einigen Wochen einen Vortrag des renommierten Harvard Professors Jon Beckwith am English Theatre Berlin. Er stellte eindeutig klar, dass die These „Dummheit ist erblich“ nicht belegbar ist und deckte dazu genau auf, woher die angeblich gesicherte wissenschaftliche Quelle stammt, die auch Sarrazin herangezogen hat. Aktuelle Studien (von 2003) belegen, dass gerade in ärmlichen Millieus, von denen für Sarrazin die größte „Gefahr“ für das sich abschaffende Deutschland ausgeht, der Zusammenhang zwischen Bildung der Familie und den potenziellen intellektuellen Fähigkeiten der Nachkommen im Bereich von 0 – 10 % festzumachen ist. Dummheit, oder besser Ignoranz, Engstirnigkeit und Religiösität ist also nicht erblich, sondern wird beinahe vollständig (besonders in einkommensschwachen Familien) von der Umwelt bzw. Umfeld geprägt. Es kommt also auf die Umfeldgestaltung an, und wohl eher auf die geistige als auf die infrastrukturelle.

Dass auch Wissenschaft zeitweise völlig falsche Ergebnisse hervorbringen kann, diese aber auf lange Sicht dann gerade durch die Prinzipien der Wissenschaftlichkeit wieder korrigiert, wird übrigens hervorragend in der aktuellen Ausstellung „WeltWissen“ im Martin-Gropius-Bau gezeigt. (In der Ausstellung ist man allerdings ohne kundigen Führer fast völlig verloren – etwas, das im täglichen Leben glücklicherweise nicht der Fall ist.)

So falsch wie Sarrazins These ist, ist hingegen richtig, dass besonders Jugendliche mit Migrationshintergrund sich erst seit wenigen Jahren (seit diesem Jahrhundert) verstärkt den Kulturen zuwenden, die in den Ländern vorherrschend sind, aus denen ihre Familien vor teils mehreren Generationen gekommen sind. Seit dem amerikanischen Propaganda-Schlachtruf zum „Krieg gegen den Terror“, der Schlagrichtung gegen die islamistische Al-Qaida und der damit leider verbundenen allmählichen undklamheimlichen Umdeutung hin zu einem Krieg gegen den Islam, fühlen sich junge Menschen mit arabisch-türkischen Migrationshintergrund in den westlichen Kulturen ausgegrenzt. Welcher normale Tagesschauzuschauer weiß denn um den genauen intensionalen Unterschied zwischen einem islamistischen Anschlag in Bagdad und einer säkular-sunnitischen Friedensdemo in Berlin. Für Normalbürger sind das alles gefährliche islamische Phänomene, die ohne viel Federlesen in einen Topf geschmissen werden, in dem eine stinkende Suppe entsteht, die nach bürgerlicher Meinung nicht auf deutsche Tische gehört. In Gesprächen (und wahrlich nicht nur mit bildungfernen Mitbürgern) erlebe ich immer wieder, dass der Unterschied der Begriffe Islamismus (= politisierter, aggressiver, religiöser Extremismus, manche sagen Faschismus) und Islam (Bezeichnung der Weltreligion) überhaupt nicht verstanden wird.
Natürlich muss sich die deutsche Gesellschaft bewusst sein, dass sie mit einer ausgrenzenden Antihaltung (siehe Spiegel-Umfrage) gegen den Islam mindestens ebenso prägend auf Migranten der zweiten oder späteren Generation einwirkt, wie der importierte türkische Imam in einer Hinterhofmosche.

Das Schlagwort „Integration“ kann nicht nur als Forderung an die Migranten gemeint sein, sondern muss ebenso von der Mehrheitsgesellschaft als Aufruf verstanden werden, den Migranten auch Chancen zu eröffnen. Also das Anbieten von Bildungsmöglichkeiten, von Wohnungen, Arbeitsplätzen, Vereinsmitgliedschaften usw. und alles ohne Einschränkungen. Es geht um die Durchlässigkeit der sozialen Schichten und den Abbau von Hürden. Anfangen kann das mit einer Anerkennungskultur gegenüber den Integrationsleistungen der Migrationsgesellschaft.

Ein Beispiel dafür wie das aussehen kann fand Ende November im Heimathafen Neukölln statt. Der Berliner Ratschlag für Demokratie veranstaltete eine Prämierungsgala unter dem Motto „Respekt gewinnt!“. Unter vielen anderen Projekten wurden auch „Die Falafels“ ein deutsch-israelisch-palestinensisches Straßentheaterprojekt aus Berlin-Schöneberg ausgezeichnet. Nach der Preisverleihung konnte ich mit der Leiterin des Projekts und ein paar beteiligten Jugendlichen noch einige Worte wechseln. Die Jugendlichen äußerten dabei ganz klar ihr Gefühl, dass ihnen seit einiger Zeit, und im Speziellen seit dem Erscheinen des Sarrazin-Buchs, ein kalter Wind der Ablehnung entgegenbläst. Verändert habe sich, dass sich die Aufnahmegesellschaft in ihrer Ablehnung nun gewissermaßen neu bestätigt und um so mehr zur Ausgrenzung berechtigt fühle. Wenn das der Effekt des Buches ist, dann hat der Autor sein Ziel wirklich vollkommen verfehlt, denn er wird ja nicht müde zu betonen, dass es ihm darum gehe (als guter Sozialdemokrat), den Schwachen zu helfen. Ich glaube, die konkrete Prämierung eines beispielhaften Projektes, mit der dadurch quasi inbegriffenen offiziellen Anerkennung der Leistung aller Mitwirkenden, bringt den Jugendlichen (und nicht nur den paar wenigen) deutlich mehr, als ein kalt gerechnetes Buch eines risikofreudigen und Publicity-süchtigen (Ex)Bundesbankers. Die Aufgaben stellen sich immer im Konkreten und nicht im Allgemeinen.

Gerade zu einer Weihnachten, an der Sarrazins Buch sicher viel zu oft mit raunenden Befürchtungen unter Christäume gelegt wurde, sollten sich Menschen unseres Kulturkreises eines Grundsatzes der vorherrschenden Religion bewusst werden (wenn ich mir diesen Rat als traditionsbewusster Atheist erlauben darf): Die Nächstenliebe. Bei diesem Begriff ist weder ungewiss, wer als „Nächster“ in Frage kommt, noch was unter „Liebe“ zu  verstehen ist: Der Nächste ist derjenige (ungeschlechtlich gemeint), den du persönlich erreichen kannst und für den du direkt etwas tun kannst, damit ihm die Teilhabe an allem, was dir wichtig ist, ebenso eröffnet wird, wie sie dir selbst gegeben ist. Gemeint sind gerade nicht nur Menschen der gleichen Religion, Klasse, Hautfarbe, Gesinnung oder Herkunft. Natürlich weiß das auch ein jeder Christenmensch und die verbreitete „Fernstenliebe“ (z.B. in Form von Spendenbereitschaft bei humanitären Katastrophen überall auf der Welt) zeigt auch, dass es den Menschen bewusst ist.

Um auf die oben gestellten Fragen zurückzukommen: Natürlich lassen sich Gläubige aus allen Kulturen in diese demokratische Republik integrieren. Die Aufnahmegesellschaft muss nur so attraktiv sein, dass es die Teilhabenden auf allen Seiten auch wollen. Wer sich selbst als Teil der Gesellschaft versteht, trage dazu bei.

Vielleicht blitzt ja nicht nur jetzte beim Preisen der Geburt des berühmtesten, unehelichen jüdischen Palestinenserkindes ein frohlockender und verfänglicher Gedanke in möglichst vielen Hinterköpfen auf, sondern auch im nächsten Jahr, wenn man mal wieder zufällig mit einem Menschen mit für deutsche Zungen kaum aussprechbarem Namen zu tun hat.

Und vielleicht fällt dann auch dem Bundespräsidenten noch ein, dass natürlich auch der Atheismus zu Deutschland gehört. Ist aber beileibe nicht so wichtig.

 

Autor:

Magnus Hengge

 

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