Die Idee ist einfach und genial: Fast jeder Pianist hat zuhause einen Flügel oder mindestens ein Klavier stehen und es wäre doch super, wenn überall dort in den Wohnzimmern kleine Hauskonzerte stattfänden, mit Programmen, die die Pianisten am liebsten spielen. Gedacht getan – Piano City ins Leben gerufen. Inzwischen ist die Bewerbungsfrist abgelaufen (>Übersicht aller Bewerbungsvideos) und das Programm mit über 70 Hauskonzerten ist online. Am Samstag, 23. und Sonntag, 24. Oktober ist es soweit, aber Achtung: Man muss vorher die Tickets über die Website kaufen.
Was steht denn da für ein seltsamer Apparat am Straßenrand? Ist die Stasi wieder aktiv, diesmal nur ohne Tarnung? Werden wir wieder abgehöhrt?
Tatsächlich, da richtet einer seine Instrumente auf den Verkehr, der als Abbild der Bewegung Ausdruck unserer Leben ist. Florian Tuercke hört der Großstadt den Puls ab und macht aus dem Rauschen des Lebens halb akkustisch, halb elektronisch so etwas wie Musik. Mit einem kleinen Bus ist er unterwegs und nimmt mit seiner Drone-Unit je eine Stunde Field Recording.
Jetzt ist der Stadtakustiker auf Deutschlandtour und kommt nach Berlin:
Am 1.10. am Potsdamer Platz und am Tag der deutschen Einheit (3.10.) am Alexanderplatz. Auf dass der nationale Verkehr in in D-Dur erklinge …
Wir leben in einer Zeit, in der der hellste Stern am Himmel von Menschen gemacht ist. Gestern Nacht war er ganz in der Nähe des Mondes zu sehen: Die ISS.
Ich frage mich, was wohl das Auftreten dieses leuchtenden Eindringlings für die letzten menschlichen Ureinwohner bedeutet, die irgendwo in tiefen Wäldern noch von der Zivilisation verschont leben mögen. Sicherlich haben sie ihre eigenen Mythen und Erklärungen, wie die Lichter am Nachthimmel entstanden sind und wie deren Kreisläufe funktionieren. Kommt doch da plötzlich nach Millionen Jahren ein neues Licht hinzu. Nicht etwa ein kleines schüchternes, sondern gleich das hellste von allen. Ein neuer Stern dominiert und beschleunigt die Nacht. Wie wird er wohl eingeordnet, von Menschen, die nicht wissen wo er herkommt?
September. Literaturfestivalzeit in Berlin. Über 200 Autorinnen und Autoren sind es in diesem Jahr, die zwischen dem 15. und dem 25.9.2010 ihre Texte und Ideen im Haus der Kulturen der Welt, dem Deutschen Theater, dem Babylon, dem Collegium Hungaricum u.a. schönen Orten präsentieren. Gespräche, Lesungen, Debatten, Konzerte, eine Tagung zur Verfolgung der SchriftstellerInnen durch die Geheimdienste und die Aufarbeitung der Vergangenheit in Mittel- und Osteuropa. Das Angebot ist groß.
In den letzten Tagen hat mich ein privates Projekt sehr beschäftigt. Mein Vater inzwischen 85-jährig konnte eine vielleicht letzte Einzelausstellung in dem Ort machen, in dem ich aufgewachsen bin. Man wünschte sich im Heimatmuseum, dass ich doch die Laudatio für meinen Vater halten möge und das Angebot nahm ich gerne an. Im Folgenden veröffentliche ich die Rede zu Ehren meiner Eltern und zeige einige seiner Arbeiten, die sofern ich das aus der Sicht eines familiär Beteiligten beurteilen kann, wirklich außerordentlich bemerkenswerte Kunstwerke sind.
Bild: Thorsten Klapsch/Edition Panorama
Präsidentenplatz: Hinter diesem schlichten Schreibtisch saß zu DDR-Zeiten der Präsident der Volkskammer, zuletzt war dies Sabine Bergmann-Pohl.
Nachdem inzwischen auf dem Schlossplatz die Spuren der sozialistische Vergangenheit gründlich beseitig worden sind, und man statt dessen in noch älteren Schichten des Geschichtsbewusstseins zu graben pflegt, um jämmerliche Kelleranlagen des alten Stadtschlosses freizulegen, erhebt sich der einstige Palast der Republik in voller Pracht und architektonischer Kühnheit über die lausigen Planungen zur Neugestaltung dieses zentralen Stadtraumes.
Diesmal erstrahlt der DDR-Prachtbau allerdings nur auf Papier, als Bildband „Palast der Republik“ erschienen bei Edition Panorama, und die merkwürdige architektonische Mischung aus Vergnügungspark und Pseudo-Amtsitz eines Unrechtsstaates tritt in kühlen, menschenleeren Fotografien auf. Grandiose Einblicke, die der Fotograf Thorsten Klapsch vor 17 Jahren festhielt und seitdem unter Verschluss hielt. Um so größer ist die Wucht des Flashbacks nun.
Immer wieder das Problem mit den Erwartungen: Geht man mit schlechter Meinung zu einem Konzert, kann das tatsächliche Erleben fast nur besser werden als man vorher dachte und man genießt den Abend, geht man voller Vorfreude zu einem Konzert, …
Matthew Herbert hat manches gemacht, das mir wirklich außerordentlich gefällt. Z.B. seine Platten „Plat de Jour“ von 2006 oder die neue „One One“ sind Scheiben, die richtig glücklich machen können. Auch wenn er als Produzent aufgetreten ist, wie bei Roisín Murphy für „Ruby Blue“, entstand besondere Popkultur. Sein Ansatz Geräusche, die direkt aus der Umgebung der Künstler oder des Produktionsstandortes stammen, direkt als musikalisches Material zu verarbeiten, ist spannend, zumal er sich eine Art Kompositions-ethisches Manifest verordnet hat, das ihn dazu zwingt absolut alles originär neu zu generieren. Es gelingt ihm mit Field Recordings, neuartigen Programmierungen und Arrangements, die auch mal Big Bands und Orchester einschließen, Klangcollagen zu verdichten, die manchmal zu eingängiger Musik werden und vereinzelt beinahe Hit-tauglich scheinen.
Die Trabrennbahn Mariendorf, der ideale Ort um mit den Eltern einen typischen Berliner Nachmittag zu verleben. Im Hintergrund läuft aus knackenden Presslautsprechern Marschmusik, man kann für kleines Geld Wetten, für noch kleineres Geld trinken (Schulti für 1.20 €), kann sich vom Begleitwagen für Umme ganz nah ans Geschehen bringen lassen, den ganzen Tag echte West-Berliner angucken, ein unfreiwilliges Tribünenmuseum bestaunen und die nikotinschwangere Abluft der Spielsüchtigen vor ihren Tabellenmonitoren inhalieren. Auch wenn nicht viel los ist rund um die Bahn und man für Pferde kein Faible hat, ist es ein sehenswertes Schauspiel.
Eine gute Freundin rief an und sagte „lasst uns mal wieder was richtig krankes machen“. Kaum ein Vorhaben könnte einen schneller zu den Toten Crackhuren bringen!
Das Publikum war jung mit wahrnehmbarer Brandenburger Migrationsgeschichte, oder vielleicht sah es auch nur so aus. Jedenfalls muss man nicht schön sein, um auf ein Crackhuren-Konzert zu gehen. Ich fühlte mich willkommen.
Als die wilden Mädchen in Halloween-artigen Kostümchen ihr blasses Gekreische begannen, war ich mir sicher, dass ich es hier keine viertel Stunde aushalten würde, doch nach und nach gefiel mir die elektrolärmige Show immer besser. Mit dem Titel „Wir hassen Sport“ hatten sie mich dann entgültig auf ihrer Seite. So stand ich angenehm belustigt neben den gleichaltigen Eltern der Crackhuren und beobachtete das Lebensgefühl dieser nachfolgenden Teil-Generation: Selbstbewusst verunsichert, marketingresistent konsumfreudig, spaßbetont aufmüpfig, ziellos politisiert und verlustreich performativ. Diese Mädchen verschwenden ihre Jugend auf die bestmögliche Art. Live noch viel besser, als aus der Retorte.