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5. Januar 2014 01:27:42

… schwarzweißbunt. Barbara Klemm. Fotografien 1968-2013

<br />Brandt, Bonn, 1973  © Barbara Klemm

Bonn, 1973  © Barbara Klemm

Sie fotografiere nicht in Farbe, und nur analog, sagte sie einmal in einem Interview, das das fotoforum 6/2013 in einem Sonderdruck dokumentiert. Doch ihre Bilder sind von einer so unglaublichen Intensität, dass sie trotz ihres eleganten Schwarzweiß bunt wirken. Lebendig. Bewegt. Mit über 300 Aufnahmen aus fünf Jahrzehnten und zahlreichen Zeitungsseiten widmet der Martin-Gropius-Bau der 1939 in Münster geborenen Fotografin Barbara Klemm eine große Retrospektive, die mehr als einen Besuch lohnt.

Barbara Klemm. Fotografien 1968-2013 zeigt historische (politische) Momente – vom Gespräch Brandt/Breschnew beim Aushandeln der Ostverträge über Heinrich Böll bei Friedensaktionen in Mutlangen bis zum Mauerfall, präsentiert Künstlerportraits und Reisebilder. Auf faszinierende Weise verdeutlicht die Schau die Kunst der Pressefotografie. Es heißt, viele Originale von Klemms Bildern seien Zeitungsdrucke. Seit 1959 arbeitete sie für die FAZ, von 1970 bis 2004 war sie Bildreporterin des Blattes.

<br />Joseph Beuys im Martin-Gropius-Bau  Berlin, 1982  © Barbara Klemm

Joseph Beuys im Martin-Gropius-Bau, Berlin, 1982
© Barbara Klemm

Barbara Klemms Arbeiten wirken nicht wie Elemente kunstvoller Fotoreportagekompositionen, sondern jedes Bild erzählt eine eigene Geschichte, ist ein vollkommenes Werk. Fast magisch zieht es die Betrachterin in seinen Bann, wirft Fragen auf, lädt zum Verweilen und Weiterdenken ein: Was geht in Joseph Beuys’ Kopf vor, während er zwischen den Artefakten seiner Installationen im Lichthof des Martin-Gropius-Baus steht (1982)? Oder sind es schon vollendete Exponate, die im Hintergrund zu sehen sind? Wie kommt der (Beuys-)Schatten auf das Glasdach? Erinnere ich mich an seine Ausstellung? Erinnere ich mich überhaupt an den Wiederaufbau und die Eröffnung des MGB als Ausstellungshalle für Kunst und Fotografie Anfang der 1980er Jahre? Da lebte ich doch schon in Berlin …

<br />Gregor Gysi, Bärbel Bohley, Ulrich Mühe, Heiner Müller  Demonstration Berlin-Ost, 4. November 1989  © Barbara Klemm

Gregor Gysi, Bärbel Bohley, Ulrich Mühe, Heiner Müller.
Demonstration Berlin-Ost, 4. November 1989
© Barbara Klemm

Bilder als Einladung, die nicht nur Staunen hervorrufen (sollen), oder Überraschung und Bewunderung, sondern Mitfühlen, Miterleben. Bilder als Memoiren. Bilder als Zeugen der Vergänglichkeit: Von den vier Protagonisten des Fotos von der berühmten Großdemo auf dem Alexanderplatz am 4. November 1989 – Ulrich Mühe, Bärbel Bohley, Heiner Müller, Gregor Gysi – lebt nur noch letzterer. Und was wurde aus dem Ende eines ganzen Landes und dem Aufbruch in ein neues?

Das Reizvolle an der Retrospektive, die noch bis zum 9. März 2014 zu sehen ist, ist auch die Hängung. Fast scheint sie aleatorisch. Außer einem groben Raster – in den vorderen Räumen Fotografien aus Deutschland, dann Reiseaufnahmen, dann die Künstlerportraits – scheint es kein vorgegebenes Muster zu geben. Ähnlich wie eine Zeitung, die man in beliebiger Reihenfolge durchblättern (und lesen) kann, erlaubt auch die Schau den Blick ohne aufgezwungene Chronologie. Was an publikumsreichen Tagen nebenbei ein enormer logistischer Vorteil ist.

Fotografieren, insbesondere Pressefotografieren, war lange eine fast reine Männerdomäne. Barbara Klemms Alleinstellungsmerkmal geht jedoch weit über den Gender-Aspekt hinaus. Die Ausstellung mit einer „kleinen“ Auswahl aus ihrem vieljährigen Schaffen ist überdies eine feine Gelegenheit, noch einmal Arbeiten zu sehen, die entstanden, als medientypisches Bildschaffen schnell gehen musste und dennoch Intensität und Langlebigkeit generierte. Nicht verpassen!

16. November 2013 bis 9. März 2014
Öffnungszeiten
MI bis MO 10:00–19:00
Eintritt
Einzelticket € 9 / ermäßigt € 6
Eintritt frei bis 16 Jahre
 
 
 

16. Dezember 2013 19:21:51

…und nie intensiver

Man muss sich schon wundern darüber, dass Olivier Messiaen in der Lage sein konnte, sein Quartett auf das Ende Zeit / Quatuor pour la fin du temps 1940/41 im Kriegsgefangenenlager von Görlitz nicht nur zu komponieren und zu proben, sondern bei der Uraufführung vor den Internierten auch noch zu einem großen Erfolg zu machen – diese für ihre Zeit so extreme, so sperrige und für so gut wie alle Zuhörer dieser kuriosen Premiere völlig fremde Musik.

Mitsuko Uchida (Klavier), Daishin Kashimoto (Violine), Ludwig Quandt (Violoncello) und Wenzel Fuchs (Klarinette) gaben am Sonntagnachmittag im Kammermusiksaal der Philharmonie eine überzeugende Antwort: Es geht Messiaen einzig und allein um Intensität. Diese aufs Wesentliche reduzierte, auf intensive Versenkung hin - ob religiös fundiert oder nicht – komponierte Musik trieb vor über siebzig Jahren in einem verlausten Nazi-Lager eine Zuhörerschaft halb verhungerter und am Rande der Verzweiflung dahintaumelnder französischen Soldaten ohne weiteres über den Rand hinaus in die Verzückung, ganz egal ob sie ansonsten bei Edith Piaf, Beethoven oder Count Basie verpolt waren. Ein schlecht gestimmtes Klavier aus einer Baracke im Lager, Cello, Klarinette und Violine von minderer Qualität: belanglos, die Zeit blieb stehen. Natürlich spielten Uchida, Kashimoto, Fuchs und Quandt auf höchstem Niveau; Virtuosität und handwerkliches Können ersetzten die lausigen Umstände – und wieder blieb wenigstens für einen Moment die Zeit stehen.

Viele versuchen´s mit Drogen, manche mit Religion – die wenigen winzigen und schwer zu ortenden Öffnungen in den psychischen und körperlichen Panzerungen von uns Spätmodernen sind jedoch nur noch so zu finden.

 
 

Kategorie:

Musik

 

24. November 2013 18:31:21

…neugierig auf: Epochenwende

Zwei Tendenzen markieren das Ende einer kulturellen Epoche: einsetzende Historisierung und das Auftauchen des Eklektizismus als kultureller Leitstil. Nicht von ungefähr läutete Lady Gaga neulich das Ende einer solchen Epoche in Berlin ein, und zwar mit ihrem lächerlichen Feuerwerk unterschiedlichster Stile gekoppelt an ein tiefsitzendes Bedürfnis nach Anerkennung als Künstlerin, und schlau wie sie zu sein glaubt, meint sie zu wissen, dass sie nicht in New York, wo Geld und Kunst auf ewig untrennbar verwoben sind, sondern in Berlin, wo der Künstler noch als solcher reüssieren kann, geadelt werden würde. Da war sie zu spät dran, haucht jedoch ihren Odem über eine Szene, die mehr und mehr von dem lebt, was vor 20 Jahren als Menetekel an der Wand stand: anything goes. Hier in Berlin geht zur Zeit alles, und Hauptsache du bist dabei. Kein Fokus, keine gebündelte Energie, viel Spaß bei der Abendgestaltung entweder im abgefucktesten oder dem teuersten Loch der Stadt – das scheint die einzige verbliebene kulturelle Entscheidung.

Dazu erfährt das Nachtleben der Vor- und Nachwendezeit Berlins seine gründliche Historisierung, denn nichts hat hier offenbar so viel Eindruck hinterlassen, so viele Geschichten, Anekdoten und Histörchen produziert, Wunden geschlagen und Promis produziert wie die endlose Party Berlins. Keine Literaturgeschichte, keine Theatergeschichte, keine Baugeschichte, noch nicht einmal eine politische oder Sozialgeschichte Berlins der letzten 40, 50 Jahre liegt vor – aber eine detaillierte Historie von Sex,Drugs and Rock´n´Roll in der Mauerstadt vom ersten Westberliner Bundeswehrflüchtling bis zum jüngsten australischen Partymacher. Von Felix Denk / Sven von Thülen: Der Klang der Familie – Berlin, Techno und die Wende (Suhrkamp 2012) über Ulrich Gutmair: Die ersten Tage von Berlin – Der Sound der Wende (Tropen 2013) bis hin zu Wolfgang Müllers kompendiumhaft daherkommendem und schlitzohrig wegschleichendem Wälzer Subkultur Westberlin 1979-1989 (Philo Fine Arts 2013), (zu schweigen von Ulrike Sterblichs Kleinmädchen-Pipifax Die halbe Stadt, die es nicht mehr gibt – eine Kindheit in Berlin (West) (Rowohlt, 2012) – allesamt wuchten sie mehr oder weniger schwer wiegende Denkmäler der Berliner Feierkultur zwischen die Buchdeckel.

So könnte eine Geschichte Berlins in jeweils „angesagten Szene- Örtlichkeiten“ von 1974 bis heute aussehen: Chez Romy Haag -> Dschungel -> Cafe M -> Exil -> SO36 -> Fabrikneu -> Paris Bar -> Kumpelnest -> Ex´n´Pop -> Rumbalotte -> Kaffee Burger -> Risiko -> Penny Lane´s -> Metropol -> Eimer -> Tresor -> Bunker -> 90 Grad -> berlintokyo -> Cookie -> E Werk -> Sniper -> WMF -> Berghain -> WestGermany -> White Trash -> ://about blank -> King Size Bar ::: natürlich fehlen die und der und das, klar.

Das nagelneue Bilderbuch dazu fackelt nicht lange mit dem Titel: Nachtleben Berlin 1974 bis heute (hg. von Wolfgang Farkas, Stefanie Seidl und Heiko Zwirner |Metrolit 2013). Vierzig kurze Statements – mehr oder weniger launische Interviews, irrlichternde Essays, flackernde Auslassungen über Macher, Trends und Orte; von Romy Haags erstem Club in der Schöneberger Fuggerstraße bis zur King Size Bar in der Friedrichstrasse und alle legendären Etablissements dazwischen – und natürlich viele Photos, die zum größten Teil, der Sache und ihrer Dokumentation angemessen, mehr mit gelegentlichem Knipsen als mit Fotokunst zu haben. Wer sich allzu gut erinnert, war bekanntlich nicht dabei – dieser Band ist die Hilfestellung.
Es hat etwas Deprimierendes, die Macher der Szene(n) vor allem der letzten zehn Jahre in diesem Buch zu vernehmen: Entweder man ist stolz darauf, in heroisch-antibürgerlicher Attitüde das Abgefuckteste vom Dreckigsten als Ambiente anbieten zu können – oder umgekehrt, man kam im und mit dem Nightlife zu Karriere, Geld und Ruhm. Und im Zuge dieser Entwicklung hat das Partyleben Berlins einen entscheidenden Schritt gemacht – es ist vom Nebensächlichen zum Wesentlichen geworden: die Party dehnt sich über nahezu die gesamten 24 Stunden des Tages aus, sie hält so viele Leute wie nie zuvor in Brot, sie ist der Verkaufsschlager der Stadt, sie erobert endlos und krakenhaft einen Ort nach dem anderen, und nicht von ungefähr dämmert dabei einigen, dass eben dieses Nachtleben der vielbeschworenen und –verfluchten Gentrifizierung mehr als nur Vorschub leistet.
Eine Epochenwende vollzieht sich allerdings nur in den seltensten Fällen mit schlagartiger Radikalität wie etwa 1945; Überschneidungen sind die Regel, aufblitzende Zeichen, lesbare Signaturen. Wo zeigt sich also heute das Neue Berlin, wie könnte es aussehen? Man darf gespannt sein, wozu die mächtige Internationalisierung der Kulturszene im Verbund mit einer starken Segmentierung der Subkulturen – kleine Jazzclubs, Hauskonzerte, winzige Bars und Kaschemmen für eine Handvoll Leute, improvisierte Orte für Comedy oder Burleske oder Punk oder Bildende Kunst oder Kochkurse oder oder oder – führen werden. Wir bleiben am Ball!

 
 
 

9. November 2013 12:00:34

… Albert Camus 100

Albert Camus wäre vorgestern 100 geworden, hätte seinem Wagen am 4. Januar 1960 nicht ein absurd plazierter Baum im Wege gestanden, der ihn urplötzlich mit „der einzigen unausweichlichen Fatalität des Lebens“, dem Tod konfrontierte. Sein Appell, uns Sisyphos als glücklichen Menschen vorzustellen, verhallt im Zeitalter allumfassenden Hedonismus und flächendeckender Ironie eher ungehört.

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Camus’ Philosophie des Absurden war ein loderndes Leuchtfeuer in der gottlosen Steppe zwischen Auschwitz und Hiroshima. Als er starb, war sie bereits Auslaufmodell. Seine Romane hingegen sind kanonisiert.
Permanente Revolte? Keine Zeit, muss einkaufen. Obwohl gerade dieser Aspekt seines Denkens angesichts der Einlullstrategien des zeitgenössischen Konsumismus und einer ganz anders gearteten drohenden Zerstörung der Welt aktueller denn je ist.

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Und die Götter wohnen auch nicht mehr da, wo sie mal waren.

 
 
 

3. November 2013 23:42:02

… dreimal im Leben. Arturo Pérez-Reverte präsentiert seinen neuen Roman

Zur ersten Begegnung kommt es 1928 auf einem Kreuzfahrtschiff, der Cap Polonio, auf dem der umtriebige Argentinier Max Costa als Eintänzer arbeitet. Eigentlich hat er es auf den Schmuck der reichen Damen an Bord abgesehen. Doch bei der jungen und schönen Musikergattin Mercedes (Mecha) Inzunza ist es mehr als das Perlencollier, das ihn reizt. Sie ist unwiderstehlich, und er lässt sich bei der Ankunft in Buenos Aires nur allzu gern darauf ein, ihr und ihrem Mann, dem spanischen Komponisten Armando de Troeye, zu zeigen, wo der echte Tango, El tango de la Guardia Vieja (wie das Buch im spanischen Original heißt)  gespielt und getanzt wird. Für De Troeye geht es um eine Wette mit Maurice Ravel, der erklärte, er würde einen Bolero schreiben, wenn es dem Kollegen aus dem klassischen Fach gelänge, einen Tango zu komponieren. Während der Musiker sich der Musik hingibt, sinkt Mecha in die Arme des armen Tänzers Max, der sich am Ende – Liebe hin, Leidenschaft her – trotzdem mit den Juwelen aus dem Staub macht.
Ende der 1930er Jahre begegnen Max und Mecha sich wieder. Armando sitzt in Spanien im Gefängnis, ein Opfer der Faschisten, es ist die Zeit des Bürgerkriegs. Mecha wartet in Nizza auf ihn. Max, der sich mittlerweile hauptsächlich als Kleinganove in Italien verdingt, wird vom Geheimdienst Mussolinis angeheuert, ein wichtiges Dokument aus einem Safe an der Côte d’Azur zu stehlen. Viel Geld wird ihm geboten, und er kann, wie meist, nicht nein sagen. Auch der faszinierenden Mecha kann er ein weiteres Mal nicht widerstehen. Vielleicht ist sie die Liebe seines Lebens? Doch wieder trennen sich ihre Wege. Mecha wird, nach dem Tod Armandos, den chilenischen Diplomaten Ernesto Keller heiraten. Ihr Sohn, Jorge Keller, macht sich schon bald als Schachgenie einen Namen. Die dritte Begegnung ist Sorrento in Italien. Es sind die 1960er Jahre, und Jorge bestreitet die Vorwettkämpfe der Schachweltmeisterschaft gegen den russischen Großmeister Mijail Sokolov. Gekämpft wird jedoch nicht nur mit sauberen Mitteln. Was Max Costa zunächst ziemlich egal ist: Er hat sich zur Ruhe gesetzt und verdient sich seine Rente als Chauffeur des renommierten Schweizer Psychiaters Dr. Hugentobler. Doch Mecha etwas abschlagen? Max kann es nicht. Zumal ihr Leben durch mehr als unerfüllte Leidenschaft ganz eng miteinander verwoben ist.

Arturo Pérez-Reverte, ehemaliger Kriegsberichterstatter und einer der bekanntesten spanischen Schriftsteller, präsentiert mit diesem großen Roman ein Alterswerk im besten Sinn. Er habe, so sagt er in einem Interview, die Idee zu dieser bewegten und bewegenden Geschichte schon seit über zwanzig Jahren im Kopf. Doch erst mit sechzig konnte er sie wirklich schreiben. Wie wird man alt und dennoch nicht traurig? Wie lebt man konsequent genau so, wie man es möchte? Wir gelingt es, die Leidenschaft eines wahren Tangos und einer echten Liebe, nie zu vergessen, selbst wenn Jahrzehnte die Begegnungen trennen? Ein schönes, romantisches, humorvolles, figuren- und action-reiches Buch, das sich, und auch das muss gesagt werden, in der gelungenen deutschen Übersetzung von Petra Zickmann (mit einem bezaubernden Cover unter dem Titel Dreimal im Leben bei Suhrkamp erschienen) fast noch schöner liest, als im Original.

Am Montag, den 4. November präsentiert Arturo Pérez-Reverte seinen Roman im Babylon. Die deutschen Passagen liest Boris Aljinovic. Mit dem Autor spricht Frank Wegner.

 
 
 

30. Oktober 2013 12:38:58

… zählbar: Fakten zur Stadt

> Mehr dazu an offizieller Stelle

 
 

Autor:

Magnus Hengge

 

14. Oktober 2013 16:08:59

… Blog-Marketing: Lady Gaga möchte mich bestechen

Die Bestecherlis, die uns Bloggern angeboten werden, damit wir Promo-Inhalte übernehmen, werden immer gewitzter. Z.B. soll ich jetzt einen Artikel darüber schreiben, dass Lady Gaga in Berlin mit einem kleinen Club-Konzert ihr neues Album vorstellt, und wenn ich es mache (und was ich hiermit wirklich mache), kann dieser Artikel damit belohnt werden, dass ich als Verfasser 2 Tickets zu dem Konzert gewinnen kann. (>Hier der genaue Wortlaut der Einladung.) Man soll seine Erwartungen an das neue Album „Artpop“ beschreiben. Na dann …

Tatsächlich interessiert mich Lady Gaga durchaus, allerdings nicht im Ansatz als Musikerin, als die sie nun in Bezug auf ein neues Album promotet wird. Nein, sie interessiert mich als künstlerisches Pop-Phänomen. Kein anderer Popstar sucht die Nähe zur zeitgenössischen Kunst so sehr wie sie, und bei keinem anderen Pop-Künstler tritt die Kunst so demütig zur Seite. Musikalisch sind ihre Alben vollständig innovationsfrei (das neue wird da nicht anders daher kommen), aber performatorisch agiert sie sich hübsch wild aus. Sie bedient allerlei IT-Girl-Posen und überzogen stereotype Sex-Klischees. Mal in schlampigen Strapsen und Zottelhaar, mal als kühl-technoide Roboterfrau, mal schutzlos-verletzlich quasi überhaupt nicht aufgemacht und seit neuestem in Verbindung mit hautfarbenen Protesen. Vermutlich soll letzteres an ein Tabu rühren, das aber freilich schon lange keins mehr ist. Der ganze Sex-Tools-SM-Quark hat eine historische Borg-Variante (siehe „Metropolis“), die schon ziemlich abgenudelt ist. Nach Tattoos und Piercing spielt Lady Gaga nun mit dem glücklicherweise noch nicht ge-mainstreamt-en subversiv Trend des Amputating. Sie hat auch hier wieder die Zeichen der Zeit erkannt. Denn seit der letzten Olympiade in London, als die Paralympics irgendwie noch viel cooler waren, als die Spiele der Unversehrten, öffnet sich die allgemeine Vorstellung langsam dahingehend, dass auch fuß- oder arm-lose Körper sexy sein können. Man könnte doch zumindest mal drüber nachdenken, ob es nicht vielleicht sogar irgendwie besser wäre, wenn anfällige Biologie durch artifizielle Technik ersetzt würde. Der eigene Körper als schickes neues Gadget. Zusätzlich zum Silikon-Dekolleté könnte doch ein künstlicher Finger noch mehr Eindruck machen. Bei Bedarf kann man sich dann noch coole Software dafür runterladen, so dass man mit seinem Borg-Finger ultraschnell auf dem neuesten SmartPhone tippen kann oder bei GuitarHero alle Rekorde bricht. Klingt doch nicht schlecht, mal schnell googlen was so was kosten würde – vielleicht gibt es schon einen entsprechenden Online-Shop oder ein Video

Meine Frage an Lady Gaga ist folgende: Du hast selbst einmal gesagt, dass du dich früher „wie ein Freak gefühlt“ hast, weil du so anders warst als alle anderen (z.B. in deiner Schule). Nun bist du die „Queen of Pop“ und die „Mama Monster“ – irgendwas zwischen Mainstream und Avantgarde – sagen wir „Kommerz-Avantgarde“. Gleichzeitig werden auch die echten Freaks (gemeint sind Menschen, die z.B. bei den Paralympics antreten) zu Vorbildern für die Gesamtgesellschaft, weil sie – wie kaum jemand anders, außer vielleicht den beiden Pop-Queens Lady Gaga und zuvor Madonna, bei denen es viele biografische Parallelen gibt – für den individualistischen Traum stehen, dass man es schaffen kann, wenn man es nur hart genug versucht. Aber natürlich weiß jeder, dass die Ausnahme nicht die Regel bestätigt. Es gibt eben nicht unzählige Lady Gagas und auch nicht viele Paralympic-Stars. Glaubst du dennoch, dass diese Ideologie des Arbeits-Ethos (nennen wir sie nun neo-liberal, kapitalistisch oder evangelikal) wirklich für den Einzelnen unter den Vielen auszahlt? Oder kann es sein, dass du dich schon bald neuen Ideen zuwendest, ähnlich wie es Madonna machte, promotest dann das gegenteilige „Sich-annehmen-können“ und drehst dich Richtung Buddhismus? Oder sind dir dahinterstehende pseudo-religöse und gesellschaftliche Ideen ohnehin egal und es geht dir darum einen neuen Bild-ästhetischen Trend zu setzen?

Sorry – die Frage ist vielleicht ein bisschen komplex geraten. Darf ich trotzdem zum Konzert in der Halle am Berghain?

Hier das neue „Applause“ Video – wie immer ein Feuerwerk der verschiedenen Stlyes:

 
 

Autor:

Magnus Hengge

 
 
 
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