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18. September 2013 19:27:21

… unbeabsichtigt gegeneinander: Painting forever – To Paint Is To Love Again – 4 Frauen in der Kunsthalle Deutsche Bank

Im vom Land Berlin finanzierten Projekte „Painting forever“ arbeiten die vier wichtigsten Berliner Kunstinstitutionen zusammen. Das Motto zieht die Aktivitäten von der Berlinischen Galerie, der KunstHalle Deutsche Bank, des KW – Kunstwerke und der Neuen Nationalgalerie während der Berlin Art Week 2013 zusammen. Zwei der Ausstellungen sind zu Gegenpositionen geworden, ohne dass es recht geplant gewesen wäre.

In der Nationalgalerie gibt Direktor Udo Kittelmann Raum für vier äußerst marktkonforme deutsche Künstler. Unter dem genauso spielerischen, wie konsequent sinnlosen Ausstellungstitel „BubeDameKönigAss“ poltern vier konsequent konzeptionierte Monster-Egos einer Generation auf Großformaten: Martin Eder (*1968) Michael Kunze (*1961) Anselm Reyle (*1970) und Thomas Scheibitz (*1968). Natürlich war keiner der Typen bei der Pressekonferenz. (Mehr dazu in einem weiteren Artikel …)

In der KunstHalle Deutsche Bank lässt Kuratorin Eva Scharrer unter dem Titel „To Paint Is To Love Again“ vier Frauen unterschiedlicher Generationen säuseln: Jeanne Mammen, Antje Majewski, Katrin Plavčak und Giovanna Sarti. Sie malen Unsichtbares, Geheimnisvolles, Verborgenes und Ephemeres und standen alle (sofern noch lebend) den Journalisten für Fragen bereit. Man kann diese beiden Ausstellungskonzeptionen nur als Gegenpositionen sehen, die sich leider zuvorderst geschlechtlich verorten lassen, ohne dass sie sich so eigentlich positionieren wollten. Das ist besonders in Bezug auf die weibliche Zusammenstellung schade und ein Problem, denn es verstellt natürlich den Blick für die Kunst der bzw. des einzelnen.

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Jeanne Mammen, Verheißung eines Winters (1975)

Jeanne Mammen (1890–1976) – obwohl in der letzten Ecke der Schau – bildet mit bisher weitgehend unbekannten Arbeiten aus den 1950er – 7oer Jahren den Ausgangspunkt in der KunstHalle. Ihr Spätwerk steht stark in der Tradition von Klee einschließlich der verheißungsvollen Titel: „lyrische Abstraktion“ Symbolismus aus pasteuser Ölfarbe mit eingearbeiteten Glitzereffekten (Stanniolpappierchen von Bonbonverpackungen). Es ist ein trauriger Abgesang gegenüber den kraftvollen, vitalen und treffenden Zeichnungen, die sie in ihrer expressiven Phase z.B. im Simplizissimus veröffentlichen konnte.

Die anderen drei in Berlin lebenden Künstlerinnen haben sich nach eigenen Angaben bewusst auf den Dialog mit Mammens Werk eingelassen. Gefährlich bei einer so schwachen Vorlage.

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Antje Majewski (*1968) spüren Texten des Museumskurators Sebastian Cichocki nach. Sie illustriert Literatur – konkretisiert und kategorisiert Imaginäres. Sie zeigt in ihren Bildern Objekte, die aus bestehenden Wertesystemen. Unter anderem eine Bildreihe mit merkwürdig geformten Hundekörpern. Es sind Miniskulpturen gefertigt aus aus den Resten von Plastikzahnbürsten, die Frauen im KZ Ravensbrück als Geschenke für andere gefertigt haben. Ich bin mir unsicher, ob dabei nicht mehr Zauber verloren geht als geschaffen wird.

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Katrin Plavčaks (*1970) überträgt aktuelle Themen in den Bereich des leicht Surrealen. Sie arbeitet vielfältig mit Formaten und Materialien und deutlich aus weiblicher interpretativer Sicht.

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Giovanna Sarti (*1967) erarbeitet ihre Bilder kompositionslos. Im Ergebnis enttäuschend, geht es ihr ums Prozessuale, bei dem durch Handwerklichkeit und technisch bedingte Abfolgen Strukturen und Artefakte entstehen. Das hat man schon tausend Mal gesehen und hier wird leider nichts Interessantes hinzugefügt.

Leider gelang es mir nicht, dem Henry Miller entliehenen Motto der Ausstellung folgend, die Bilder mit dem Blick der Liebe zu betrachten. Ich empfehle die Ausstellung nur Menschen, die diese Fähigkeit besitzen.

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Autor:

Magnus Hengge

 

18. September 2013 14:18:32

… leuchtend: Franz Ackermann – Einzelposition der Berlinischen Galerie zum Gemeinschaftsprojekt Painting Forever zur Berlin Art Week 2013

Franz Ackermann in der Berlinischen Galerie Painting Forever

Thomas Köhler, der Chef der Berlinischen Galerie ist ein Coup gelungen. Seine kuratorische Position „seht her – das findet im Markt statt und es lohnt sich, diese Kunst auch im Museum zu zeigen“ geht auf.

Die 40 Meter lange und 10 Meter hohe Eintrittshalle des Museums für moderne Kunst ist als Gesamtraum von Franz Ackermann zu einem Farbmeer umgestaltet worden, in dessen Leuchtkraft man beinahe zu ersaufen droht. Wäre der Boden der Ausstellung mit dem Titel „Hügel und Zweifel“ auch noch in die Gestaltung eingebunden, gäbe es kein Halten mehr – das Farb- und Formspiel würde einen im vollendeten Environment überfluten. Ackermann entgrenzt das Tafelbild nach allen Regeln der Kunst, in die Fläche und in die Tiefe: flexible Rahmenformen, gestalterische Einbeziehung der Wand rund ums Bild, Abheben des Bildes von der Wand, Schichtung im Bild. Er sucht und findet neue Dimensionen im Spiel zwischen Abstraktion und Figuration. Inhaltlich arbeitet er sich im Spannungsfeld globalisierter Einflussnahmen ab. Der kolonisierende Aspekt des Tourismus, die Spannung zwischen den aufeinandertreffenden armen und reichen Menschen aus kulturell unterschiedlich geprägten Ländern und die dabei auftretenden Schäden. Stilistisch, farblich und vom Materialeinsatz her könnte es kaum aktueller sein. Neonfarben, Foto-Collagen, Alu-Dibond-Konstruktionen um Innenwelten, die an aufgeschnittene Organe erinnern, mit Äußerlichkeiten, die mit architektonischen Elementen visualisiert werden, zu kombinieren. Ein bisschen Neo Rauch reloaded mit großer Nähe zum Design.

Bis bis 31.03.2014.

 
 

Autor:

Magnus Hengge

 

15. September 2013 10:30:21

… leselustig: Salman Rushdie beim 13. internationalen literaturfestival berlin

Rezensiert man das jüngste Buch von Salman Rushdie als Literatur? Oder als Dokumentation von über Jahre geführten Tagebuchnotizen, Erinnerungen, Groll, Ängsten, Wut, Verzweiflung des Mannes, der die Satanischen Verse schrieb und dafür von einem längst verstorbenen Ayatollah mit einer Fatwa belegt wurde? Schwierige Frage. Denn ist es natürlich verständlich, dass ein junger Schriftsteller, dessen möglicherweise grandiose Karriere mit all dem Glamour, den eine solche mit sich bringt – Einladungen, Preise, Starrummel, Festivals, Geld – massiv ausgebremst wird, verbittert erinnert, wer in all den Jahren sein Feind, und wer sein Freund war. Und dabei hier und da Kritik und Unentschlossenheit – oder auch die Angst – anderer nicht souverän ignoriert, sondern offenbar akribisch notiert, um sie eines Tages in eine Autobiografie einfließen zu lassen, die aber nicht als „Salman Rushdies Memoiren“ erscheint, sondern mit dem fiktionalisierten Titel „Joseph Anton“. Joseph Anton war der Name, den Rushdie wählte, um für seine Personenschützer und andere ansprechbar zu sein in der Zeit, in der er ohne Bodyguards keinen Schritt machen konnte. Konsequenterweise erzählt er nun 720 Seiten lang die Geschichte des Joseph Anton.

Ich muss zugeben, dass mich die Lektüre enttäuschte und ich das Buch über weite Strecken eher langweilig fand. Spannend ist in der Tat die Geschichte seiner Familie, die schwierige Beziehung zum Vater und auch zur Mutter. Öde allerdings sind endloses Names-Dropping – wer wo bei welchem Empfang war, wer welchen Preis bekam oder hätte bekommen oder auch nicht bekommen sollen. Und geradezu unangenehm die zahllosen Einsichten in Rushdies diverse Ehen und die Abrechnung mit all seinen Ehefrauen. Man müsste schon begeisterte Leserin von Bild der Frau oder ähnlicher Blättchen sein, um sich daran ergötzen zu können.

Nach all den schönen Erzählungen und Romanen, die Rushdie in diesen vielen Jahren geschrieben hat – und ich habe fast alle seine Bücher mit großer Begeisterung gelesen, die Mitternachtskinder, Harun und das Meer der Geschichten, Der Boden unter ihren Füßen, Des Mauren letzter Seufzer, Wut, Shalimar der Narr … – erscheint Joseph Anton mehr Pamphlet denn Kunst zu sein. Wie gesagt: Es ist verständlich, dass jemand ein solches Buch schreibt, und doch ist es bedauerlich. Andererseits hat Rushdies schonungslose Offenheit in einer Zeit, in der wir permanent von Blendern umgeben sind, und in der viele erst checken, was man von ihnen hören will, bevor sie etwas sagen, auch etwas Faszinierendes. Überdies wird uns die Absurdität der Geschichte um die Satanischen Verse selbst noch einmal brutal in Erinnerung gerufen.

Insofern ist Rushdies „Autobiografie“ auch ein politisches Signal und ein Aufruf an alle – Leser wie Schreibende – sich nicht einschüchtern zu lassen. Manchmal muss man sich vielleicht im Kleiderschrank verstecken. Wichtig ist aber, dass man auch wieder herauskommt. Dass Salman Rushdie nie aufgehört hat zu schreiben ist ihm unbedingt hoch anzurechnen.

Salman Rushdie, „Joseph Anton – Die Autobiografie in der Übersetzung von Bernhard Robben ist 2012 im C. Bertelsmann Verlag erschienen (720 S., 24,99 Euro). Der Autor ist Gast des internationalen literaturfestivals berlin 2013. Ein Gespräch mit Rushdie und seinem deutschen Übersetzer Bernhard Robben gibt es heute am 15.9. um 11.00 Uhr im Haus der Berliner Festspiele.

 
 
 

8. September 2013 11:33:23

… leselustig: Helon Habila beim 13. internationalen literaturfestival berlin

Nach Waiting for an angel und Measuring time legt der in den USA und Nigeria lebende Helon Habila (Jg. 1967) eine weitere ebenso spannende wie bewegende Geschichte vor. Oil on Water (Öl auf Wasser, Verlag Das Wunderhorn, 2012) handelt von den verheerenden Folgen der Erdölförderung für die Natur, für den Menschen, für die Gesellschaft, und steht als internationaler Bestseller auch hier bereits auf Platz 2 beim Deutschen Krimipreis.

Zusammen mit seinem Idol, dem vom Alkohol zermürbten ehemaligen Starreporter Zak, ist der auf eine Karriere als Journalist hoffende Fotograf (und Ich-Erzähler des Romans) Rufus einer der wenigen Pressevertreter, der der Bitte eines für die Ölindustrie arbeitenden Briten, mit den Kidnappern seiner Frau zu verhandeln, nachkommt. Exklusive Berichterstattung aus den Lagern der Rebellen interessieren die beiden dabei zunächst (scheinbar) mehr, als das Schicksal der entführten Gattin. Doch Zak war immer schon ein Einzelgänger und mutiger Kämpfer, wie wir in den Rückblenden im Lauf des Romans lernen, und Rufus’ Story entwickelt sich völlig anders, als er erwartet: Erst geraten sie in einen Hinterhalt und in die Gefangenschaft des Militärs, dann in den „Schrein“, ein Camp einer religiösen Sekte, die mit der Guerrilla sympathisiert; Zak erkrankt am Dengue-Fieber, Boma, Rufus’ entstellte Schwester – auch sie ein Opfer des Krieges – folgt dem Bruder auf die Insel, und statt Karriere zu machen verliert dieser seinen Job, und verliebt sich in die Krankenschwester Gloria … Derweil fressen die Flammen der Bohrtürme die letzten Wald- und Weideflächen, und lassen Geisterdörfer zurück.

Helon Habila inszeniert seine gesellschaftliche Parabel als Abenteuerroman und Politthriller. Hier und da erinnern die fesselnden Bilder und Beschreibungen an Lohn der Angst, und das ist als Kompliment gemeint! Damit sollte es dem brillanten Erzähler gelingen, ein großes Publikum zu erreichen. Es wäre ihm zu wünschen. Und es wäre wichtig. Das Thema der skrupellosen Ausbeutung der Naturressourcen der Ärmsten ist – im wahrsten Sinn des Wortes – ein brennendes. Nicht nur in Nigeria.

Helon Habila liest am 12.9. um 19.30 im Haus der Berliner Festspiele.

Video: Helon Habila bei den Heidelberger Lesetagen 2012

 
 
 

7. September 2013 18:41:35

… eine Perle: Kurt Tucholsky »Zwischen gestern und heute«

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Auf dem Demeter Hof Klostersee am Ostseestrand, auf dem ich gerade ein wunderbares Wochenende verbringe, gibt es auch eine Bibliothek. Bücher, von mindestens zwei Generationen zusammengetragen. Reichlich anthroposophisch verbrämter Unrat, der gesammelte Schund aus drei Jahrzehnten Krimi-Belletristik und ein paar olle Klassiker. Aber – oh Wunder – dazwischen ganz unscheinbar, ein Band mit einer Sammlung an Prosa und Lyrik Tucholskys. Genau die richtige Urlaubslektüre für den Berliner in der Provinz, denn hier wird die Metropole aus der Innensicht aufs Korn genommen und ebenso klug wie treffend aber immer friedliebend geschossen.
Jeder einzelne Text könnte unverändert in heutigen Feuilletons abgedruckt werden – als hätte sich in der Zeit von den 20er-Jahren bis heute nichts verändert. Die Abhängigkeit vom Telephon (heute SmartPhone), Unschlüssigkeit vor der Wahl (heute Politikverdrossenheit), das ständige Anpreisen von viel versprechenden Projekten (heute CrowdFounding) – alles wie gehabt. In diesem Buch kann man sich selbst in der Geschichte erkennen und dann – vielleicht – was daraus lernen.

 
 

Autor:

Magnus Hengge

Kategorie:

Alltägliches | Literatur

 

7. September 2013 18:37:25

… abgedreht: FWTB 2013 – Tag 2

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Der zweite Abend des Newcomer-Festivals First We Take Berlin (FWTB) fing auf hohem Indie Pop Niveau im Fluxbau. Sebastian Lind aus Dänemark kommt total sympathisch mit überzeugenden Melodien über sauber strukturierten Songs. Einfach gute, aktuelle Pop Mukke.

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Mein persönlicher Topact des Abends fand im Postbahnhof statt. Kranke Kostüme, überbordende Körperlichkeit und konsequent für den Schrägen Dance Floor. Man könnte meinen es geht um P-Funk, aber tatsächlich ist. Es die nächste Stufe des ElektroSwings. Dirty Honkers pusten einem mit 2 Saxophonen und ner Menge Spielkonsolen den letzten Rest kritisches Auffassungsvermögen aus dem Hirn. Eine steile Blondine in Kunstlederbandage, ein Psychobilly in Silbershorts und ein schwabbeliger, kreativ körperbehaarter Mann können richtig geile Musik machen, wenn sie mit  JoySticks vor viel zu engen goldenen Höschen rumspielen. „Yeah move your body and take your cloths off!“ Let’s do a little workout!“

Dann kurz rüber ins Lido zu Braids, aber die warn nach den Dirty Honkers nicht wahrnehmbar. Also schnell wieder zurück zum Postbahnhof:

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Yalta Club mit deutlich Anleihen bei Afrobeats und Straßenmusik sorgen für ordentlich gute Laune und flüssige Bewegung bei Menschen, die auf handgemachte Musik stehen. Und englische Texte mit leicht französischem Akzent sind ja ausgewiesenermaßen unwiderstehlich (siehe Phoenix). Besonders nett: Zum letzten Song sollten sich das ganze Publikum auf den Boden setzen und die Musiker/innen kamen mit handverlesenen Instrumenten mitten in den Raum und spielten wirklich unpluggt. Ich hatte das Glück genau in der Mitte des Raumes zu hocken und so kam es, dass alle Musiker sich im Kreis um mich einfanden – so wurde der letzte Song mein ganz persönliches Ständchen ;-)

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Danach fand ich alles andere langweilig und so soll der Rest unerwähnt bleiben.

 
 

Autor:

Magnus Hengge

 

5. September 2013 14:10:40

… Club crawling: FWTB 2013 – Tag 1

Dieses neue Festival „First we take Berlin“ (FWTB) macht wirklich Spaß: 80 Newcomer Bands verteilt über 8 Locations an 2 Tagen. Alle Konzerte verteilen sich auf die bekannten Clubs rund um die Oberbaumbrücke, so dass das Wechseln zu Fuß oder mit dem Fahrrad überhaupt kein Problem ist.

Am Mittwochabend sah ich:

Bipolar sunshine
Bipolar Sunshine hatte im Magnet leider ein paar technische Probleme, doch ihre Songs entlohnten mehrheitlich für die Wartezeiten. In guten Momenten klingt ein bisschen Bloc Party durch wobei sie nie deren Raffinesse erreichen, aber die Grundstimmung ist bei diesen nämlich manisch-depressiven, tendenziell Richtung Mittelgrau zu verorten.

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Nebenan beim Dänenfest im Comet geht es offensiv poppig zu. Vorsätzlich glatt aber mit (zumindest live) interessanter Stimme Kadie Elder in Hosenträgern. In ihrem flachen Halbinselstaat haben sie sogar schon einen kleinen erhebenden Hit mit „Simple Guy“ gelandet.

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Weiter ins Lido zu Thomas Azier: Experimentieren mit den Grundbegriffen des Synthie Pop mit einem expressiver Sänger, der kontrolliert trifft, was er wünscht.

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Ab in den PrivatclubDort ging’s mit unplugged Bargesang mitten im Publikum los – gefolgt  von der Ansage „we play no love songs tonight“. Dann zwischen unterdrückten Rülpsern und Akkordanschlägen auf der Gitarre mit Bierflasche in der Hand vor nacktem, verschwitztem Oberkörper, werden extrem verhallte langsame Melodien gegröhlt. Das ganze ist durchaus gelungene Kunst von  M O N E Y.

 
 

Autor:

Magnus Hengge

 

1. September 2013 12:18:16

… leselustig: Mathias Énard beim 13. internationalen literaturfestival berlin

Mut zum Experimentellen bewies Mathias Énard 2008 mit Zone. Für die sympathische Novelle Erzähl ihnen von Schlachten, Königen und Elefanten erhielt er 2010 den Prix Goncourt des lycéens. Sein Roman Remonter l’Orénoque aus dem Jahr 2005 wurde 2012 von Marion Laine mit Juliette Binouche und Edgar Ramirez unter dem Titel A coeur ouvert verfilmt.

Vielfalt ist also ein Kennzeichen des französischen Autors und aktuellen DAAD-Gastes, der 1972 in Niort/Frankreich geboren wurde und zurzeit in Berlin lebt. So wundert es nicht, dass sein jüngstes Buch eine sehr politische Geschichte um Flucht, Migration und Marginalisierung ist. Sie spielt in Tanger und Barcelona und erzählt von Träumen und Hoffnungen, die sich nie erfüllen werden. Dennoch ist Straße der Diebe kein deprimierendes Buch. Enard scheint existenzialistisch inspiriert: Seine Helden leben dennoch, trotz aller Schicksalsschläge, trotz absurder Verwicklungen, aus denen es kein Entrinnen zu geben scheint.

Sein Protagonist, Lakhdar, der wegen einer jugendlichen Affäre mit seiner Cousine Meryem von seiner Familie verstoßen wird, schließt sich, gemeinsam mit dem naiv-gemütlichen Nachbarssohn Bassam, Sheikh Nourredines „Gruppe für die Verbreitung koranischen Denkens“ an. Doch weitaus weniger radikal als der Jugendfreund, und entsetzt von der fundamentalistischen Gewalt, für die die islamistische Szene steht, wendet er sich bald wieder seinem eigentlichen Ziel zu: Krimis und Europa. Als er die spanische Studentin Judit aus Barcelona kennenlernt, scheint sein Traum wahr werden zu können. Doch illegal in Europa ist keine wirklich Perspektive. So verdingt sich Lakhdar zunächst bei einem französischen Raubkopierer, der seine Leidenschaft für das Genre Noir teilt; dann heuert er auf einer Fähre an, die täglich die Strecke Tanger-Tarifa fährt. Als die Reederei Konkurs anmeldet, und das Schiff den Hafen von Algeciras nicht mehr verlassen darf, wagt Lakhdar endlich den Schritt auf den nahen und doch so fernen Kontinent. Und landet schließlich – ohne Papiere und verfolgt von der Polizei – in Barcelona, in der „Straße der Diebe“. Ob Judit, die mittlerweile zur militanten Aktivistin der Indignados wurde, ihn noch liebt, ist ungewiss. Als Bassam und Sheikh Nourredine aus dem fern gewordenen Orient ebenfalls in Spanien eintreffen, scheint der Showdown fast unausweichlich …

Mathias Énard ist ein wunderbarer Erzähler. Seine Worte und Beschreibungen lassen Menschen, nicht Klischees, vor den Augen der Leserin entstehen. Und darum geht es auch. Straße der Diebe ist ein Appell, wenn es sein muss auch gegen Windmühlenflügel zu kämpfen, und sich dabei nicht zu verlieren. Während Bassam zur Marionette der Islamisten wird, geht Lakhdar einen anderen, besonnenen, ehrlicheren Weg: „Ich bin kein Mörder, ich bin mehr als das. Ich bin kein Marokkaner, kein Franzose, kein Spanier, ich bin mehr als das. Ich bin kein Muslim, ich bin mehr als das. Machen Sie mit mir, was Sie wollen.“

Énard hat eine kluge Parabel über die Kraft der Nachdenklichkeit und den aufrechten Gang geschrieben. Mehr davon , bitte schön.

Mathias Énard liest am 11.9. um 21.00 Uhr beim ilb 2013.

 
 
 

26. August 2013 00:36:19

… leselustig: Raquel Palacio beim 13. internationalen literaturfestival berlin

Der zehnjährige August „Auggie“ Pullman ist ein smarter Junge, mutig, humorvoll, umgänglich. Eigentlich gäbe es keinen Grund dafür, dass er nur schwer Freunde findet oder dafür, dass er überhaupt erst mit zehn eingeschult wird. Und doch unterrichtete seine Mutter Isabel ihn zuhause so lange es irgend ging. Denn August ist mit einem genetischen Defekt geboren, und hat, trotz mittlerweile 27 Operationen, ein Gesicht, das so hässlich ist, dass andere Kinder vor ihm Angst haben oder ihn schlicht verspotten. So wundern sich weder seine Eltern, noch seine große Schwester Olivia („Via“) oder Mr. Tushman, der Schulleiter, dass er nur zögerlich einwilligt, doch letztlich zur Schule zu gehen. Und seine ersten Erfahrungen dort scheinen ihm Recht zu geben: Nur ein Mädchen, Summer, setzt sich beim Mittagsessen in der Schulkantine zu ihm, und nur Jack Will scheint sein Freund werden zu wollen. Die anderen, allen voran der arrogante Julian, meiden oder quälen ihn. In einem perversen Spiel, das sie „Pest“ nennen, bemühen sich seine Mitschüler, jede Berührung mit August zu vermeiden. Wem das nicht gelingt, muss sich schleunigst die Hände waschen. Da kann auch die zärtliche Nähe zu Daisy, der alten Hündin der Familie, kaum Trost spenden.

Behutsam, bewegend und trotz des traurigen Sujets mit Witz und pfiffiger Ironie erzählt Raquel Palacio in Wunder eine Geschichte mit einem glücklichen Ende. Dabei wechseln sich ihre Ich-Erzähler ab: August selbst erzählt, dann aber auch Via, Summer, Jack, Justin, Vias Freund, und Miranda, ihre Freundin. Und so entsteht ein perspektivenreiches Panorama, das dieses Kinder-/Jugendbuch, trotz des didaktischen Ansatzes, zu einem echten „page turner“ macht. Wunder ist die Geschichte eines Außenseiters, der mit Mut und Intelligenz seinen Platz im Leben sucht und behauptet. Gegen alle Widrigkeiten. Die Autorin, im wahren Leben Grafikerin und Leiterin der Kinderbuchabteilung bei Workman Publishing in New York (Raquel Jaramillo ist ihr richtiger Name) ist davon überzeugt, dass man viel mehr schaffen kann, als man glaubt, wenn man nicht aufgibt. Ein optimistisches Buch, das sehr viel Hoffnung macht. Und ein großer – leidenschaftlicher – Lesegenuss dazu.

Raquel Palacio liest beim 13. internationalen literaturfestival berlin. Am Montag, 26.8. um 19.30 in der Georg-Büchner-Buchhandlung am Kollwitzplatz, und am Dienstag, 27.8. um 9.30 im Haus der Berliner Festspiele.

Raquel Palacio, Wonder

 
 
 
 
 
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