Wahlabende sind wahre Fundgruben für schöne Wortkonstruktionen. Den bildhaftesten Satz des Tages sagte der Spitzenkandidat der SPD in Hessen Thorsten Schäfer-Gümbel:
„Dieser Spagat, den wir gegangen sind, hat viele auch in der Wählerschaft zerrissen.“
Man kann richtig mitfühlen, wie unangenehm das gewesen sein muss. Angesichts dieser Wortgewalt, ist es kein Wunder, dass selbst Franz Müntefehring den Kandidaten als „die Entdeckung“ des Wahlkampfes feiert.
Eine Wand, eine Weltkarte, dutzende von kinetischen Pappschaukästen. Globale Abhängigkeiten getriggert von Wii-Controllern, Mikroprozessoren und den dunklen Einflüssen der menschlichen Abgründe. Jim Avignon typisch plakativ, gewitzt und hintersinnig: „Der Aufstand der Dinge – You can’t beat the system.“
Liest man den Titel der Ausstellung „Bäuchlings wie der Hund verzückt an der Leiter blickt hinauf in die Achsel der Gehilfin“ kann man sich schon eine ganz gute Vorstellung bilden, wie es im performativ bespielten Raum bei der Vernissage zuging:
Die Gehilfin hockt, mit einem Gewehr bewaffnet, im Hochstand auf einer Kühlbox und observiert das Fußvolk mit ihrem Feldstecher. Erblickt sie ein Opfer, zielt sie genau, knallt einen reizenden Fangschuss ins Gewühl. Der bereits erlegte Künstler erlag ihr längst – an eine Leiter gefesselt. Er kriecht in hündischer Abhängigkeit zur Gehilfin bäuchlings durch die Niederungen des Kunstschaffens, unmöglich die Leiter zu nutzen, um zu ihr empor zu steigen. Lieber bleibt er unten, schaut ihr auf den Hintern, … Weiterlesen
Diesen Song „Marlene“ performt Dieter Landuris deutlich flotter, in einer Pappschachtel stehend, mit nichts als einem Stringtanga und einer Perücke begleidet. Echt pfiffig.
Dieter Landuris ist so einer, dessen Namen man nicht kennt, aber dessen Gesicht wohl fast jedem und jeder bekannt sein dürfte. Man hat ihn schon in gefühlten 128 deutschen Fernsehfilmen als verführerischen Latin-Lover, als Schönling, als sexy Hippie, als lieben Schwiegersohn und ähnliches gesehen. Er ist einer, der auf die Rolle des kleinen Mannes mit einfühlsamem Blick und Macho-Alluren abonniert ist.
Dieses Rollen-Klischee persifliert er nun mit einem kaberettistischen Soloprogramm, das er hauptsächlich mit schmissigen Songs bestreitet. Er tritt als sieben (oder mehr?) verschiedene Typen auf, darunter ein Zigeuner, ein Italiener, ein Russe, ein Franke, ein Passauer, ein Franzose, ein Zahntechnikassistent, die alle mit unterschiedlichen Akzenten und ein paar wenigen typischen Attributen gekenntzeichnet werden – also wie bei Comedy-Veranstaltungen üblich: ein Klischee toppt das nächste. Dieter Landuris bleibt in allen Rollen immer ein charmanter Unterhalter mit reichlich Selbstironie und einer Spur gebremster Frivolität. Es geht irgendwie immer um Affären und … Weiterlesen
Zwei Sprüche, auf die ich in der letzten Zeit gestoßen bin, blieben mir im Sinn:
„Das sehe ich erst, wenn ich es glaube.“
Aus Brooklyn Revue von Paul Auster.
„Dass der Mensch nach dem Bilde Gottes geschaffen wurde, bedeutet in Wirklichkeit, dass Gott nach dem Bilde des Menschen geschaffen wurde“.
Sinngemäß ein Aphorismus von Georg Christoph Lichtenberg aus Marcel Reich-Ranickis Mein Leben.
Auch die letzte besinnliche Weihnachtszeit hat wohl keinen Gläubigen aus mir gemacht.
Schaut man sich den neuen ROLEX-Kinospot an, wird man von Wehmut erfasst, Wehmut nach der guten alten Zeit, die jetzt ihrem Ende entgegengeht, nein: entgegenrast, denn hier steigt einer in sein Auto, um an der Tankstelle schnell noch was zu holen. Aber es wäre nicht Rolex, und es wäre nicht die gute alte Zeit, führe das Jüngelchen schnell vom Schlesischen zum Kottbuser Tor. Nein, fassungslos und voller Bedauern muss da ein italienischer Lebemann mit ansehen, wie dem Personal kurz vor dem Gala-Diner die Streichhölzer ausgehen und sein eigenes Feuerzeug dann auch nichts mehr hergibt. Kein Dinner aber ohne Candlelight, also springt er in den 12-Zylinder, lässt den Motor aufheulen, rast durch das nächtliche Rom auf die andere Seite der Stadt, wo die schönste Blondine südlich des Tiber … Weiterlesen
Am Montag Abend zeigte Denis Scheck in seiner ARD Literatur-Sendung druckfrisch ein Bild (ein ausblutendes Wildschwein, das Oliver mit dem Papa des kleinen Mädchens geschossen hat, deren Planschbecken als Auffangwanne für das Blut genommen wird), aus dem neuen Jamie Oliver-Buch „Jamie’s Kochschule – Jeder kann kochen“ und sagt dazu: „Was mir an Ihren Kochbüchern so imponiert ist zum Beispiel auf diesem wunderbaren Foto zu sehen. Mit solchen Bildern stürmen Sie gegen unsere kulinarische Amnesie an, gegen die Entfremdung von unserem Essen, und holen es zurück ins wirkliche Leben.“
Diese Aussage ist schon recht merkwürdig, weil Scheck sagt, man müsse unser Essen zurück ins wirkliche Leben holen. Als ob man außerhalb des wirklichen Lebens essen könnte. Ich nehme an er will sagen, dass er es begrüßen würde, wenn wir (Menschen in den postindustrialisierten Ländern) die Essensproduktion (sähen, ernten, füttern, schlachten) in unser unmittelbares Erleben brächten, und somit eine wirkliche Beziehung zu dem hätten, was wir essen. Das ist ein Ansatz, der mir sehr nahe ist und auch ich habe diesen Wunsch.
Was Jamie Oliver dann antwortet ist allerdings genau das Gegenteil dessen, was ich mir unter einem Ansturm gegen die Amnesie vorstelle. Nachdem er erzählt hat, wie er diesen „Zurück zur Natur Ansatz“ versucht zu leben, erklärt er warum er nur vor HardCore-Vegetariern Respekt und Hochachtung habe, nämlich weil … Weiterlesen