Die ersten Kritiken zu Alejandro González Iñárritus Digger reagieren teilweise mit erstaunlicher Gereiztheit. Tom Cruise schreit zu viel, der Film ist zu lang, die Satire zu plump, Sandra Hüller verschwendet. Vieles davon lässt sich nachvollziehen. Nach knapp drei Stunden kann man erschöpft aus dem Kino kommen. Auffällig ist eher, wie schnell bei vielen Kritiker*innen aus dieser Erschöpfung die Gewissheit wird, der Film selbst habe den Überblick verloren.
Digger macht es schwer, sich an irgendwas festzuhalten. Figuren kippen, Bedeutungen verschieben sich, vermeintliche Gewissheiten erweisen sich als provisorisch. Man glaubt, verstanden zu haben, was man sieht, und merkt kurz darauf, dass schon diese Sicherheit Teil der Inszenierung war.
Der doppelte Boden der Kulisse
Da sind wirkmächtige Bilder und trotzdem wackeln Wände, Übergänge stimmen nicht, technische Abläufe wirken sichtbar. Für eine Produktion dieser Größenordnung sieht manches verblüffend nach Panne aus. Also ordnet man die Zeichen: Filmset, Blick hinter die Kulissen, sichtbare Apparatur. Eine plausible Erklärung, schnell gefunden.
Später stellt sich heraus, dass wir die Probe eines Theaterstücks sehen. Tom Cruise spielt Curtis Markson, der Digger Rockwell spielt – die vermeintlichen Filmkulissen sind Bühnenbild, das vermeintliche Making-of gehört zur Konstruktion selbst. Interessant ist weniger die Meta-Ebene als die Geschwindigkeit, mit der man die erste brauchbare Erklärung akzeptiert. Ein paar Hinweise genügen, und schon steht eine Wirklichkeit.
Der Thunfisch
Im Privatjet wiederholt sich dieses Muster auf engstem Raum.
Digger sitzt mit Ganesh im Flugzeug und lässt sich Blauflossen-Thunfisch servieren. Ganesh lehnt ab. Die Bestände seien dramatisch zurückgegangen. Digger isst weiter und reizt ihn so lange, bis die höfliche Zurückhaltung kippt. Ganesh sagt ihm offen, dass er ihn und sein Unternehmen für mitverantwortlich hält. Sie hätten gewusst, was sie anrichten, weitergemacht und an einem System verdient, dessen Folgen inzwischen niemand mehr übersehen könne.
Genau diese Offenheit wollte Digger. Er wirkt zufrieden, fast erleichtert. Erst danach erzählt er die Geschichte von Yoshihiro Nakayama, einem achtzigjährigen Züchter und angeblichen Freund, der jeden einzelnen Fisch wie ein eigenes Kind behandle, für ihn bete, ihm vorsinge und die Schuppen massiere. Schon sein Vater und dessen Vater hätten es so gemacht. Die Geschichte ist fast zu perfekt gebaut: persönlich, konkret, handwerklich, traditionsgesättigt, voller Fürsorge.
Der Fisch verändert sich während dieser Erzählung. Eben lag dort noch ein Stück einer bedrohten Art, nun hängt daran ein alter Mann namens Yoshi, eine Familie, eine Tradition, eine Form von Nähe. Digger bietet Ganesh das letzte Stück an. Ganesh nimmt es. Kurz darauf erklärt Digger, dass er keine Ahnung habe, wo dieser Fisch herkommt.
Die Szene lebt von ihrer Reihenfolge. Ganesh fällt nicht auf irgendeine hübsche Nachhaltigkeitsgeschichte herein. Digger hat sich zuvor Glaubwürdigkeit verschafft, indem er ihn zur Offenheit gezwungen und diese Offenheit ausgehalten hat. Danach wirkt die Yoshi-Geschichte wie eine Fortsetzung desselben Gesprächs: Jetzt sagen wir uns die Wahrheit. Jetzt kann ich dir auch sagen, was du hier eigentlich isst.
Das reicht für Ganesh. Und für einen Moment auch für uns.

Scheingläubig
Das Wort „scheingläubig“ kam mir während des Films in den Sinn. Gemeint ist kein naiver Glaube. Es geht um diesen Zwischenzustand, in dem man Zweifel hat, sie aber nicht weiterverfolgt, weil die angebotene Geschichte gerade gut genug funktioniert. Man glaubt nicht vollständig, man lässt gelten.
Die Yoshi-Szene zeigt diesen Zustand sehr genau. Digger ist zu diesem Zeitpunkt längst als manipulativer, selbstherrlicher und rücksichtsloser Erzähler etabliert. Trotzdem bekommt seine Geschichte Kredit. Vielleicht sogar deshalb, weil er Ganesh kurz zuvor zur Schonungslosigkeit gedrängt hat. Wer die harte Wahrheit aushält, wirkt glaubwürdiger, wenn er anschließend etwas Schönes erzählt.
Die Lüge kommt auf dem Kredit der Ehrlichkeit.
Ehrlichkeit als Technik
Ganeshs Vorwurf wird von Digger sofort als Ressource verstanden. Später tritt er vor sein europäisches Publikum und übernimmt die Anklage selbst. Seine Firma wusste Bescheid. Es wurde weitergebohrt. Sein Geschäft hat zur Katastrophe beigetragen. Dann verschiebt er die Perspektive auf Nachfrage, Konsum, Komfort, Energie, Lieferketten, Klimaanlagen, Smartphones, Rechenzentren, KI. Ihr wolltet es. Ich habe geliefert.
Das funktioniert, weil Digger die Wahrheit nicht als Niederlage behandelt. Er macht sie zum Material. Wer die eigene Schuld selbst ausspricht, nimmt anderen einen Teil der Anklage aus der Hand. Rücksichtslosigkeit kann dabei als Konsequenz erscheinen, Zynismus als Klarheit, Selbstbezichtigung als Authentizität.
Der Film stellt Wahrheit und Lüge damit nicht sauber gegeneinander. Beide lassen sich erzählen, beide lassen sich einsetzen. Eine erfundene Geschichte über Yoshi kann beruhigen. Ein offenes Schuldbekenntnis kann Vertrauen erzeugen. Entscheidend bleibt, wer die Deutung führt und wie schnell sich ein Publikum in ihr einrichtet.
Die unsympathischen Erzähler
Tom Cruise übertreibt die ganze Zeit, aber das hat eine Funktion. Digger soll keine angenehme Figur werden. Seine Erzählmacht hängt nicht an Sympathie. Man hört ihm zu, obwohl man ihm misstraut, und merkt immer wieder, dass dieses Misstrauen keineswegs davor schützt, ihm zu folgen.
Auch außerhalb der Figur von Digger bietet der Film kaum eine verlässliche Position an. Curtis zweifelt am Stück, an seiner Rolle, an der Komik und daran, was es bedeutet, eine reale Katastrophe als groteske Unterhaltung auf die Bühne zu bringen. Hannah hält dagegen, treibt die Inszenierung weiter und lässt seine Einwände immer wieder auflaufen. Keine dieser Positionen bekommt vom Film dauerhaft recht. Selbst die Frage, ob diese Satire angesichts der wirklichen Katastrophe angemessen, notwendig oder vollkommen hilflos ist, bleibt in der Schwebe.
So entstehen fortlaufend brauchbare Deutungen, die kurz darauf wieder zu eng werden. Klimasatire, Kapitalismuskritik, Mediensatire, Selbstbefragung der Kunst, Film über Schuld, Film über Verdrängung – alles lässt sich am Material belegen. Keine dieser Beschreibungen hält den Film vollständig fest.
Digger selbst hat damit kein Problem. Er braucht keine geschlossene Wahrheit. Er braucht eine Geschichte, die in diesem Moment trägt. Manchmal ist sie erfunden, manchmal erschreckend wahr, manchmal gewinnt sie gerade dadurch, dass er offen sagt, was alle längst vermuten.
Seine Stärke liegt möglicherweise darin, dass er gar keinen dauerhaften Glauben verlangt. Ein paar Sekunden genügen.
Bei Yoshi jedenfalls haben sie gereicht.