Ein Samstag-Nachmittag im fsk-Kino in Kreuzberg. Draußen brennt schon seit Wochen die Sonne auf den Oranienplatz obwohl wir erst Mitte April haben, drinnen im dunklen Kino ist Überflutung angesagt. Es läuft „Flow“ – der Animationsfilm, der gerade einen Oscar gewonnen hat. Doch bevor es losgeht, überraschen die Kinobetreiber mit einem kleinen cineastischen Kunstgriff: Sie zeigen „Aqua“, einen frühen Kurzfilm desselben Regisseurs, Gints Zilbalodis, was dem Kinobesuch eine zweite Ebene verleiht.
„Aqua“ ist auf YouTube verfügbar.
Aqua wirkt wie ein Skizzenbuch für das spätere und bisherige Hauptwerk des Regisseurs. In beiden Filmen kämpft sich eine Katze durch eine überflutete Welt, ganz ohne Worte, ganz auf sich gestellt. Vieles, was in Flow später komplexer und größer wird, ist hier schon angelegt: das Flirren des Lichts, das tastende Tempo, das Gefühl von Verlorenheit. Wer beide Filme direkt hintereinander sieht, erkennt nicht nur die Handschrift, sondern auch den Mut zur Reduktion – und die Konsequenz, mit der Zilbalodis seine Vision über Jahre verfolgt hat.
Schnell gerendert, detailreich gedacht
Die Animation wirkt zunächst wie im Schnellmodus gerendert – als hätte man die Szene nur einmal grob durchlaufen lassen. Doch dieser Eindruck täuscht: Die Welt ist erstaunlich detailreich. Blätter, Fliegen, Staubpartikel – alles ist da, in irrer Fülle. Nur wirkt es durch die gewählte Shading-Technik reduziert, fast roh. Eine Ausnahme bilden die Augen der Tiere: hyperrealistisch glänzend, fast wie mit Taschenlampen ausgestattet. Diese visuelle Eigenart, vermutlich ein Nebeneffekt der Animationssoftware Blender, irritiert kurz – und funktioniert dann überraschend gut. Die Figuren bekommen dadurch eine emotionale Tiefe, die nicht aus Mimik, sondern aus Licht entsteht.

Arche Noah auf einem rostigen Boot
Flow selbst ist ein Märchen, das an viele andere erinnert und doch ganz eigen steht. Eine Mischung aus Arche Noah, „Schiffbruch mit Tiger“, Jona und der Wal und einem Hauch Bremer Stadtmusikanten. Die Welt ist untergegangen – oder zumindest vom Wasser verschluckt worden. Die Menschen? Offenbar verschwunden, ihre Tempel, Städte und Skulpturen halb versunken, Relikte einer gescheiterten Zivilisation. Die Tiere sind die Letzten, die übrig bleiben. Und auf einem klapprigen Kahn versuchen sie, miteinander klarzukommen. Katze, Hund, Vogel, Capybara, Lemur – eine Zweckgemeinschaft, wie sie gegensätzlicher kaum sein könnte.

Aber genau das ist der Punkt: Die Geschichte erzählt ohne Worte, dass Gemeinschaft möglich ist – auch ohne große Harmonie. Man muss einander nicht lieben, um einander zu retten. Die Welt draußen ist bedrohlich genug, da hilft es, sich nicht gegenseitig zu zerfleischen. Eine stille, poetische Parabel über Zusammenhalt in stürmischen Zeiten.
Was bleibt, ist das Gefühl, einen zutiefst gegenwärtigen Film gesehen zu haben, obwohl kein einziges Wort gesprochen wurde. Und die Erkenntnis, dass gute Kinobetreiber manchmal kleine Wunder vollbringen: durch die richtige Vorfilmwahl, durch den Mut, leise Geschichten zu zeigen, durch die Einladung, genauer hinzuschauen.
Flow läuft derzeit im fsk-Kino. Wer ihn sieht, sollte ein bisschen Geduld mitbringen – und die Bereitschaft, sich auf eine andere Form von Erzählung einzulassen. Es lohnt sich.
Zur Zeit läuft „Flow“ in vielen Kinos der Stadt. Ich hab den Film im fsk-kino gesehen, am Segitzdamm 2, 10969 Berlin