Lesezeichen setzen: RSS Feed abonnieren  Zu del.icio.us hinzufügen Zu Technorati Favoriten hinzufügen Diese Seite zu Mister Wong hinzufügen

14. Oktober 2013 16:08:59

… Blog-Marketing: Lady Gaga möchte mich bestechen

Die Bestecherlis, die uns Bloggern angeboten werden, damit wir Promo-Inhalte übernehmen, werden immer gewitzter. Z.B. soll ich jetzt einen Artikel darüber schreiben, dass Lady Gaga in Berlin mit einem kleinen Club-Konzert ihr neues Album vorstellt, und wenn ich es mache (und was ich hiermit wirklich mache), kann dieser Artikel damit belohnt werden, dass ich als Verfasser 2 Tickets zu dem Konzert gewinnen kann. (>Hier der genaue Wortlaut der Einladung.) Man soll seine Erwartungen an das neue Album „Artpop“ beschreiben. Na dann …

Tatsächlich interessiert mich Lady Gaga durchaus, allerdings nicht im Ansatz als Musikerin, als die sie nun in Bezug auf ein neues Album promotet wird. Nein, sie interessiert mich als künstlerisches Pop-Phänomen. Kein anderer Popstar sucht die Nähe zur zeitgenössischen Kunst so sehr wie sie, und bei keinem anderen Pop-Künstler tritt die Kunst so demütig zur Seite. Musikalisch sind ihre Alben vollständig innovationsfrei (das neue wird da nicht anders daher kommen), aber performatorisch agiert sie sich hübsch wild aus. Sie bedient allerlei IT-Girl-Posen und überzogen stereotype Sex-Klischees. Mal in schlampigen Strapsen und Zottelhaar, mal als kühl-technoide Roboterfrau, mal schutzlos-verletzlich quasi überhaupt nicht aufgemacht und seit neuestem in Verbindung mit hautfarbenen Protesen. Vermutlich soll letzteres an ein Tabu rühren, das aber freilich schon lange keins mehr ist. Der ganze Sex-Tools-SM-Quark hat eine historische Borg-Variante (siehe „Metropolis“), die schon ziemlich abgenudelt ist. Nach Tattoos und Piercing spielt Lady Gaga nun mit dem glücklicherweise noch nicht ge-mainstreamt-en subversiv Trend des Amputating. Sie hat auch hier wieder die Zeichen der Zeit erkannt. Denn seit der letzten Olympiade in London, als die Paralympics irgendwie noch viel cooler waren, als die Spiele der Unversehrten, öffnet sich die allgemeine Vorstellung langsam dahingehend, dass auch fuß- oder arm-lose Körper sexy sein können. Man könnte doch zumindest mal drüber nachdenken, ob es nicht vielleicht sogar irgendwie besser wäre, wenn anfällige Biologie durch artifizielle Technik ersetzt würde. Der eigene Körper als schickes neues Gadget. Zusätzlich zum Silikon-Dekolleté könnte doch ein künstlicher Finger noch mehr Eindruck machen. Bei Bedarf kann man sich dann noch coole Software dafür runterladen, so dass man mit seinem Borg-Finger ultraschnell auf dem neuesten SmartPhone tippen kann oder bei GuitarHero alle Rekorde bricht. Klingt doch nicht schlecht, mal schnell googlen was so was kosten würde – vielleicht gibt es schon einen entsprechenden Online-Shop oder ein Video

Meine Frage an Lady Gaga ist folgende: Du hast selbst einmal gesagt, dass du dich früher „wie ein Freak gefühlt“ hast, weil du so anders warst als alle anderen (z.B. in deiner Schule). Nun bist du die „Queen of Pop“ und die „Mama Monster“ – irgendwas zwischen Mainstream und Avantgarde – sagen wir „Kommerz-Avantgarde“. Gleichzeitig werden auch die echten Freaks (gemeint sind Menschen, die z.B. bei den Paralympics antreten) zu Vorbildern für die Gesamtgesellschaft, weil sie – wie kaum jemand anders, außer vielleicht den beiden Pop-Queens Lady Gaga und zuvor Madonna, bei denen es viele biografische Parallelen gibt – für den individualistischen Traum stehen, dass man es schaffen kann, wenn man es nur hart genug versucht. Aber natürlich weiß jeder, dass die Ausnahme nicht die Regel bestätigt. Es gibt eben nicht unzählige Lady Gagas und auch nicht viele Paralympic-Stars. Glaubst du dennoch, dass diese Ideologie des Arbeits-Ethos (nennen wir sie nun neo-liberal, kapitalistisch oder evangelikal) wirklich für den Einzelnen unter den Vielen auszahlt? Oder kann es sein, dass du dich schon bald neuen Ideen zuwendest, ähnlich wie es Madonna machte, promotest dann das gegenteilige „Sich-annehmen-können“ und drehst dich Richtung Buddhismus? Oder sind dir dahinterstehende pseudo-religöse und gesellschaftliche Ideen ohnehin egal und es geht dir darum einen neuen Bild-ästhetischen Trend zu setzen?

Sorry – die Frage ist vielleicht ein bisschen komplex geraten. Darf ich trotzdem zum Konzert in der Halle am Berghain?

Hier das neue „Applause“ Video – wie immer ein Feuerwerk der verschiedenen Stlyes:

 

Autor:

 

6 Reaktionen

  1. Magnus Hengge

    Mal sehen was passiert?

  2. Joachim

    … à propos Amputating«:

    Berühmter Vorreiter mit eisener Hand war der »Leck-mich-am-Arsch«-Götz von Berlichingen, fällt mir dazu ein.

    (Vielleicht gibt es dafür ein Wochenende zu zweit, gerne auch Nebensaison, in einem kuscheligen Hotel im malerischen Jagsthausen.)

  3. maik steinberg

    …im letzten Jahr hat sich Frau Gaga 2 Paar Schuh bei Iris Schieferstein / http://www.iris-schieferstein.de bestellt, letztlich hat Frau Gaga diese nicht getragen denn Frau Schieferstein wollte doch tatsächlich für ihre Kunst bezahlt werden. Für Frau Gaga scheint nur jene Kunst relevant zu sein die a) kommerziel verwertbar und b) viel wichtiger umsonst zu verwerten ist.
    … à propos Amputating! da Frau Gaga ja wohl aus der Gosse kommt (Legende/Wahrheit?) sollte sie eigentlich wissen das “ gratis“ PR super für einen Künsteler ist, sich aber in kalten Lofts schlecht arbeiten läßt.
    … für laulau würde ich trotzdem zur Gaga gehengehen

  4. steff

    zeichen der zeit?? gibt es doch gar nicht mehr… alles ist entropisch – auch lady gaga. man kann es nur noch nicht so richtig erkennen. aber das wird!

  5. Gabriele von Musical&Co

    Lieber Magnus,
    könntest du bitte Lady Gaga und ihrem Management ausrichten, dass wir von der jungen Mitmach-Website Musical&Co auch bestochen werden wollen. Unsere Junior-Journalist*innen möchten das Club-Konzert besuchen und würden auch freiwillig darüber berichten.
    Alternativ wären wir auch mit Pressekarten zufrieden. Damit würde Lady Gaga nicht nur junge Reporter*innen sonder auch ein gemeinnütziges Kinder- und Jugendprojekt unterstützen.
    Vielen Dank.

  6. Carsten Todt

    Für den Künstler bietet sich eine solche Vergütung an. Dies ist für sie sicher kostengünstig. Außerdem werden damit schon mal alle ausgeschlossen, die Lady Gaga als Musikerin überhaupt nicht mögen. Diese würden nicht zum Konzert gehen wollen.