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25. Mai 2008 18:54:00

… unverständlich: Medienkritik was Designkritik hätte werden sollen

Das IDZ (Internationale Design Zentrum) läd in die AdK (Akademie der Künste) zum Forum für international Designkritik. Auf dem Podium finden sich programmgemäß ein: Herlinde Koelbel (eine Feuilletonleserin > Fotografin, Autorin und Filmemacherin), Josef Lukas (ein Wahrnehmungspsychologe > Professor für Allgemeine Psychologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg), Uwe Loesch (ein Grafik-Zampano > Professor für Kommunikationsdesign an der Bergischen Universität Wuppertal), Hans Ulrich Reck (ein Virilio-Jünger > Professor für Kunstgeschichte im medialen Kontext an der Kunsthochschule für Medien Köln) und zur Moderation Wolfgang Welsch (ein Denkender, der vergessen hat, dass er nichts weiß > Professor für Theoretische Philosophie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena). Durchschnittsalter der Podiumsgruppe deutlich über 60. Zu diesem Anlass füllt sich der Plenarsaal fast bis zur Gänze mit Designern und Artverwandten aus den Berlinern Büros. Durchschnittsalter der Hörer um die 40. Die Bekanntschaftsverhältnisse im Raum verknüpfen sich über weitestens vier Ecken. In den Köpfen der Anwesenden sind Themen wie „Die Veränderung der Wahrnehmung durch Werbung, Kommunikation und Design“ tägliches Arbeitsfeld.

Diskutiert wird über die „Lage der Bilder“ zum Zeitpunkt einer globalisierten Rhetorik des Visuellen unter der Prämisse dabei so etwas wie die Kultur der Designkritik neu zu initialisiern. Natürlich fallen dabei sofort die Stichworte „Bilderflut“, „medialer Terror“, „Überreizung“ und beklagt wird (wie üblich) die fehlenden Qualität der neuen (unabhängigen) Medien, denen Irrelevanz unterstellt wird, die Abhängigkeit der Massenmedien von der zahlenden Werbung und die Konzentration auf wenige Verlage einschließlich der damit einhergehende Monothematisierung. Mit einem Wort: Die Experten hinter den Mikrophonen redeten bemüht am Thema vorbei.

Es ist schon äußerst verwunderlich, dass eine bedeutende Fotografin, wie Herline Koelbel, haltlosen Theorien …

… zur visuellen Bedeutung von Bildern anhängt. Sie sagte, dass aus der riesigen Bilderflut, die tagtäglich über uns alle hereinbricht, nur ganz wenige Bilder herausstechen, weil diese unmittelbar Emotionen zeigten und ihrerseits aus dem Bild heraus erzeugen würden. Als signifikantes Beispiel dafür nannte sie die Folterbilder aus dem irakischen Gefängnis in Abu Ghraib, die erschreckende Dokumente der Misshandlungen sind. Doch die ursächliche Rückführung der globalen Aufmerksamkeit, die diese Bilder auf sich gezogen haben, auf die ästhetische Qualität der Bilder (hier natürlich die Qualität des Schreckens!) zurückzuführen, ist falsch! Diese Bilder erschreckten nicht aus sich heraus, sondern sie erschrecken, weil sie für eine Geschichte stehen, deren Sinnzusammenhang unbedingt sprachlich-textlich-auditiv verbreitet/bekanntgemacht werden musste. Der zum Verständnis der Bilder (und zur Entrüstung darüber) notwendige Kontext der Bilder, ist das Wissen um die Falschheit des Krieges im Irak. Das Wissen über die Kriegsbegründungslüge eines Colin Powell (Sadam hat Massenvernichtungswaffen), das Wissen über die moralisch fehlgeleitete Rethorik des George Bush, der glaubt mit Gottes Gnaden zu handeln (im Kampf gegen die „Achse des Bösen“), das Wissen über die erlogene Kampagne, der Krieg im Irak sei ein „Krieg gegen den Terror“, das Wissen über die falsche Behauptung, der Krieg sei ein „sauberer Krieg“ der mit Präzisionswaffen geführt würde, das Wissen darüber, dass die Amerikaner nicht als Befreier gekommen sind und alles andere, was ich hier nicht noch über drei Absätze ausführen möchte. Die Bilder allein könnten ununterscheidbar auch in irgendeinem Keller in Californien (oder sonst wo) gemacht worden sein, weil sich die dortigen Bildgestalter in perverser Lust am Erzeugen und Verbreiten solcher Bilder ergötzen. Den Bildern als solche, ist sogar eher professionell zu misstrauen, denn weder die Art noch der Grund der Bilderzeugung ist dem Bild anzusehen. Natürlich fasst ein starkes Bild immer die Botschaft der dahinterstehenden Geschichte möglichst eindeutig zusammen, es ist aber trotzdem immer von der Aufmerksamkeit gegenüber der Geschichte dahinter abhängig.
Zur Stütze ihrer These warf Frau Koelbel noch das Bild des Fußabdrucks des Moonboots im Staub der Mondoberfläche aufs Tablett, doch auch dieses Bild wäre nichts ohne Neil Armstrongs im kollektiven Unterbewusstsein verankerter Satz „Ein kleiner Schritt für mich, aber ein großer Schritt für die Menschheit““, wie ein Zuhörer sofort (richtigerweise) repetierte.

Solche signifikanten Bilder, die für eine Geschichte stehen, sind aber sicher nicht die Bilder, die wir als störende Bilderflut empfinden. Das sind eher die austauschbar verwendbaren Bilder, die wir (Designer) manchmal noch nicht mal selbst produzieren, sondern in den vielen zu Verfügung stehenden Stock-Fotoagenturen kaufen und mit möglichst positiven Botschaften kommerziell verbreiten, um wie auch immer gearteten Konsum zu befördern. Diese Bilder sind es, die nicht für eine Geschichte stehen, sondern ganz rein für ein Gefühl. Man nehme zum Beleg dieser These eine Broschüre einer beliebigen Krankenkasse zur Hand und blättere sie durch. Beinahe alle Bilder darin, verbreiten gute Gefühle: Bist du hier versichert und befolgst du die Tipps deiner Versicherung, geht es dir besser und besser. Du bist auf dem richtigen Weg. Du hast alles richtig gemacht oder du kannst es schaffen.
Die von den Nazis (und Frau Riefenstahl im Speziellen) inszenierten Bilder der Paraden (militärisch oder sportlich), der glücklichen Familien und des gemeinsamen Anpackens, die auch von Frau Koelbel ins Gespräch gebracht wurden, stehen hingegen genau auf der Kippe der kognitiven Interpretation. Damals kommunizierten sie, nach einer Zeit der kollektiven Depression, den Aufbruch im starken Miteinander. Sie standen für die faschistische Idee (=Geschichte), der völkischen Überlegenheit (Rassentheorie) und der damit verbundenen Zuversicht, dass nun alles wieder gut würde. Aus heutiger Sicht (Bedeutungswandel!) stehen die gleichen Bilder für den Untergang der Ethik und die abendländische Katastrophe schlechthin (=Geschichte), weil wir wissen, wer damals angepackt wurde (insgesamt ca. 50 Mio Tote durch den Zweiten Weltkrieg, einschließlich der verfolgten und ermordeten Juden, Sinti und Roma, Schwulen usw.). Trotzdem spüren und fürchten wir die Kraft der Bilder (den manipulativen Impuls) auch heute noch (=Gefühl).

In der Diskussion wurde aus theoretischem Interesse lange über den kulturell geprägten Bilderhass gesprochen, der sich wie ein roter Faden des Ikonoklasmus durch die Geschichte aller Kulturen zieht, und der sich als Bilderverbot in einigen Religionen verfestigt hat. Dies in thematischer Selbstverliebtheit der Philosophen und Kunsthistoriker bei völliger Ignoranz gegenüber dem Thema des Abends, der eigentlich designkritisch geprägt sein sollte. Auch hier trat das Publikum als Korrektiv gegenüber dem Podium auf.

Auch das einhellige Beklagen des Qualitätsverlusts der Medien und der ursächliche Zusammenhang zur Form der neuen Medien (internetgestütze Medien), der von der Runde als gültig angenommen wurde, ist falsch! Dabei wird üblicherweise unterstellt, dass in den alten Medien Qualitätsjournalismus betrieben würde und aus dem Internet Looser Generated Content schwappen würde. Man denke nur einen kleinen Moment geschichtlich an das, was heute idiotischer Weise „Killerapplikation“ genannt wird, also an das, was dem jeweils neuen Medium zum Durchbruch verhalf. Es gibt zwei klare Impulse im Verhalten der Menschen, die alle Medien vorantrieb: Sex und Macht. Der Hunger nach Porno hat die Fotografie, den Zeitungsdruck, den Film, das Fernsehen und alles andere durchgesetzt. Und der Wunsch nach Macht die technische Qualität (Einsatz zur Kriegsunterstützung) verbessert. Genauso auch im Internet. Im Zeitungsmarkt lässt sich die Pornografie nur leichter von Qualitätsartikeln dividieren, als im all-inclusive-Medium Internet, wo potenziell alles für jeden gleichwertig präsent ist und deshalb kann man auch dem Irrtum aufliegen, es handle sich dabei um einen medienimmanenten Qualitätsverlust.

Tatsächlich gibt es aber medienimmanente Nutzungen und die sind nie, wie es zum Beispiel Herr Reck in der Diskussion auffasste, „virtuell“. Er sprach von den erschreckenden Handlungen mancher Jugendlicher, die unter dem Begriff „Happy Slapping“ (übersetzt etwa „fröhliches Dreinschlagen“) zusammengefasst werden. Dabei filmen sich Jugendliche, wie sie andere Menschen misshandeln, um diese Videos in prahlerischer Absicht in ihren Pier Groups zu verbreiten. Man frage nur einmal ein blutendes Opfer wie virtuell das ist, und man erkenne den keineswegs virtuellen, sondern tatsächlichen Machtzuwachs (bzw. -verlust bei Verweigerung) der Jugendlichen in ihrem sozialen Umfeld. Dass ein kluger Kopf, wie Herr Reck, so etwas nur einen Moment als virtuell verstehen kann, finde ich bezeichnend für das große Unverständnis, das die Generation, die an diesem Abend auf dem Podium saß, gegenüber dem Internet aufbringt und trotzdem glaubt, es zu begreifen.

Nur der Wahrnehmungspsychologe Josef Lukas brachte mich auf einen inspirierenden Gedanken. Er erzählte von Hans Ulrich Reck thematisch auf die Spur gesetzt („Visionen in der Wüste“), was passiert, wenn unsere Sinne, die die einzige Verbindung zur Umwelt darstellen, keine Impulse von außen bekommen, die das Gehirn zu Informationen verarbeiten kann. Dann beginnt das Gehirn, diese permanent laufende Sinnkonstruktionsmaschine, selbst Content zu generieren. Wir sehen Bilder, hören Stimmen, riechen, schmecken usw., wir machen uns unsere eigene Bilder- oder besser Informationsflut, die wir entweder als Traum (beim Schlafen) oder als Vision/Kreativität verstehen. Das heißt, dass uns die mediale Informationsflut mit einer Art Traum versorgt, den wir nicht selbst träumen müssen. Wir können die Vision konsumieren und uns von den mannigfaltigen Bildern weich umspülen lassen. Das mag für manche Menschen ein Grauss sein, für andere ist es sicher ein Segen.

Zusammenfassend kann man sagen, dass der Abend zwar interessant und anregend war, aber sicher kein Beispiel dafür, wie so etwas wie Designkritik glücken könnte.

Hinterher trafen sich die Podestler in einem Restaurant unter den Linden, das seinen Insassen das Gefühl vermittelt, wichtig zu sein. Da unsere kleine Gruppe von Protestlern von der eigenen Wichtigkeit auch ohne aufwertende Widerspieglung, der uns umgebenden Lokalität überzeugt ist, zogen wir uns in den Kreuzberger Würgeengel zurück, wo wir uns in die Hände des fürsorglichen Barpersonals begaben. Leider nahmen die ihren Job so ernst, dass es zur leichten Überversorgung kam, die, zumindest mir, heute das Konzentrationsvermögen etwas einschränkt.

 

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