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19. April 2008 19:08:45

… was Schülertheater sein kann: Kasimir und Karoline an der Waldorfschule Kreuzberg

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Anna Drexler und Frederik Schmid als Karoline und Kasimir

Schülertheater muss ja eigentlich nicht durch inszenatorische Geniestreiche oder besondere Einzelleistungen der „Schauspieler“ überzeugen, sondern man freut sich als verwandter oder bekannter Zuschauer einfach über die gemeinsame Anstrengung aller Beteiligter und sieht fast ein bisschen mit Schrecken, mit welch großen Schritten sich die Kleinen von gestern zu den Großen von heute entwickelt haben. Jetzt läuft in der Waldorfschule Kreuzberg allerdings ein Stück, bei dem noch echtes Erstaunen über die wirklich sehr aktuelle und überaus ideenreiche Inszenierung hinzukommt. Diese Zwölftklässler spielen da richtiges Theater, bringen exakt herausgearbeitete Charaktere auf die Bühne und machen (bzw. haben) richtig Spaß. Über kleine Wackler im Ablauf und kurze Texthänger ist da absolut hinwegzusehen – ich kann mich an nichts derartiges erinnern!

Die Schüler suchten sich selbst das Volkstück Kasimir und Karoline“ von Ödön von Horwárt aus, das sie in Regie von Josefine Wüst und mit aktiver Unterstützung der Schauspielerin Bettina Drexler (selbst „Waldorfmutter“) zur Inszenierung erarbeiteten. Dabei sind dem Team eine ganze Reihe guter Einfälle und Aktualisierungen gelungen, die dem jugendlichen Naturell der Akteure sehr entsprechen. So gibt es …

… einen fröhlichen kleinen Prolog (zwei Mädchen bringen sich zu Discomusik tanzend beim Ausprobieren von allerlei Klamotten in Partylaune), der (schon damals: 1932) grassierende Egoismus wird mit dem heute zur Pflicht gewordenen Fitnesskult verbunden (die Männer betreiben zwischendurch Bodyforming) und der gesamte Saal wird mehrfach als Bühne genutzt, indem Handlungsstänge auch räumlich von außen ins Stück eingeführt werden oder sich in den Raum verlieren. Auch in der Deftigkeit des Stücks wurde nicht auf gewohntes Waldorfniveau heruntergekuschelt. So breitet sich z.B. der Landgerichtsdirektor Speer in seiner widerlichen Verderbtheit und besoffenen Lüsternheit richtig aus und das Thema Sex (bzw. körperliche Verfügbarkeit) als Ware steht absolut im Zentrum der Inszenierung. Eine Thematik, die angesichts der mehr als niedlichen Teenies, die sich hier sehr sexy und lustvoll auf der Bühne in Szene setzen, auch genau in dieser Alterklasse diskutiert werden muss. Mit dem Rosenstolz-Hit „Liebe ist alles“ und der flehenden Textzeile „Lass es Liebe sein“ (live gespielt und gesungen), wird die nie ganz verschwindende Unsicherheit gegenüber der eigenen Motivation in einer Beziehung angesprochen. Es ist die Frage nach dem Warum der Liebe, und dabei ist man schnell beim Aspekt des Profits, den man aus einer Beziehung zieht oder ziehen könnte. In Horváts Kasimir und Karoline geht es auch immer um den finanziellen und gesellschaftlichen Profit, der den Protagonisten aus dem Liebesgeschäft erwächst, den sie bewusst einkalkulieren, geschickt ausnutzen oder der ihnen verwehrt wird, obwohl sie sich mit Leib und Seele eingebracht haben. Nach den Wirren der Weltwirtschaftskrise von 1929 zeigte Horvát damit, wie auch auf die aller privatesten Angelegenheiten im Industriekapitalismus als Handelsware zugegriffen wird, wie Sehnsüchte nach persönlicher Anerkennung und Wohlstand verhandelt werden. Ein Geschäft, das auch heute noch in Form von medial aufgebauschten Talentshows, betrieben wird.

Zum Schluss sagt Karoline:
Man hat halt oft so eine Sehnsucht in sich -
aber dann kehrt man zurück mit gebrochenen Flügeln
und das Leben geht weiter,
als wäre man nie dabei gewesen.

Nur noch heute und morgen!!
Ritterstraße 78, Eintritt frei, Spenden erbeten.

Angesichts der immer noch aktuellen Thematik findet auch das Deutsche Theater Horváts Stück derzeit spielbar.

 

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2 Reaktionen

  1. Sabine Schellhase

    als Mutter von einem der spielenden Schüler war es ein muss zu der Premiere am Donnerstag zu gehen. Ich muß sagen, ich war mehr als begeister, was die „Kids“ da auf die Beine gestellt haben. Das hatte schon Profiniveau. Bravo.
    Ich habe sehr oft geschmunzelt, gelacht einiges hatte mich sehr berührt. Die zwei Stunden Spielzeit vergingen wie im Fluge. Das Bühnenbild war mit einfachen Mitteln sehr gelungen. Das habt ihr echt Klasse gemacht. Ich sehe den/die eine/n oder andere/n der Schüler/in später als Bühnenschauspieler. Ihr habt echt Talent. Weiter so 🙂

  2. Pingback: Karolin klapsch | Allenunlimtedw