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Archiv der Kategorie ‘Alltägliches‘

26. Dezember 2012 13:58:14

… exzellent: Killer Country von Mike Nicol

<;br />;An einer Stelle des neuen Thrillers „Killer Country“ von Mike Nicol muss Mace Bishop, Security Guard in Kapstadt, für ein paar Tage nach Berlin, es ist natürlich kalt und regnerisch, und dieses miese Wetter wird auch im weiteren Verlauf des Romans zum Synonym für Berlin: Ein harter Wind weht durch Kapstadt, ganz so schlimm wie in Berlin wird’s aber nicht kommen.

Nicol war 1997 ein Jahr lang als DAAD-Fellow in der Stadt, er weiß, wovon er redet, und das glauben viele andere auch zu wissen, die jetzt anderswo vom neuen Berlin erzählen, der australische Musiker Robert F. Coleman z. B. neulich in der New York Times , für den die Kreativhauptstadt zum Desaster wurde, weil er und seine Jungs vor lauter Sex and Drugs and Parties keinen Rock´n´Roll mehr hinkriegten und nach einem Jahr frustiert die Stadt wieder verließen. Jetzt schiebt Coleman es auf das hedonistische Berlin. Man muss den Kopf schütteln über so viel Naivität, manche tun das ernsthaft, andere mit einem Augenzwinkern.
Schaut man aus dem Fenster oder geht vor die Tür, muss man sogar über das Wetter des neuen Berlins den Kopf schütteln: Weihnachten und 10 Grad plus.

„Killer Country“ ist übrigens ein exzellenter Thriller, es ist Nicols Versuch, die katastrophale Situation der Post-Apartheid-Gesellschaft Südafrikas, die aus einem Strudel von Korruption und Gewalt, von Vorurteilen und fataler sozialer Ungleichheit nicht wieder herausfindet, über die Geschichte von Mace Bishop und seinem schwarzen Partner Pylon Buso zu erzählen, zweier ehemaliger Waffenhändler, die den Versuch unternehmen, im bürgerlichen Leben anzukommen und dabei immer wieder mit den offenen Wunden der Vergangenheit konfrontiert werden.
Mike Nicol ist nicht ganz so brutal und skeptisch wie sein südafrikanischer Kollege Roger Smith, für dessen bislang vier Kriminalromane das gilt, was man früher von der BILD-Zeitung sagte: Hält man sie hoch, läuft unten Blut heraus. Smiths Realismus ist schonungslos und drastisch, Nicols Hang zum Radikalen hält sich in Grenzen – Skeptiker allerdings sind sie beide, nicht nur was das Berliner Wetter angeht (Smith war Mitte Oktober auf Lesereise in Deutschland: Berlin 10 Grad, leichter Regen…)

Mike Nicol: Killer Country / Thriller / dt. Von Mechthild Barth / btb-Verlag München 2012 / 510 S. / €14,99
Alle Romane von Roger Smith beim Tropen Verlag bzw im Taschenbuch bei Heyne

 
 

Kategorie:

Alltägliches | Literatur

 

1. Dezember 2012 11:45:12

…flächendeckend: Die Nackten und die Stadt

<br />

Kaum haben wir Vorweihnachtszeit und es ist kalt genug, schon sind sie da – die Nackten. Bevölkern Bushaltestellen, Litfaßsäulen, Plakatwände. Sie kommen jährlich um diese Zeit, sie kommen massiv und sie kommen in Schüben – zuerst waren es die C&A-Flittchen, jetzt lungern die H&M-Miezen überall herum, demnächst kommen dann die Dessous-Damen der Wäschemarken. Sie frieren nicht wie wir, sie müssen nicht zur Arbeit, sie machen lediglich ein unzweideutiges Angebot – sie offerieren eine Geschenkidee, denn sie wissen, wir haben keine Zeit, über Weihnachtsgeschenke nachzudenken, und werden diese dann wieder einmal kurz vor Heiligabend mit all den anderen zusammen von den Stapeln reißen, verpacken lassen und ab damit unter den Weihnachtbaum.

Warum also, mein Süßer, nicht mal einen BH samt Höschen für die Dame deines Herzens – nein, vom Leib reißen kannst du mir´s nicht, also ab in den Laden …

Sie sind hässlich. Sie erschrecken mich mit ihrem Überfleisch, Übersex, sie sind die drei Meter hohe Verkörperung jener doppelten Pornographisierung unserer Zeit – der Erotik und der sogenannten „Märkte“ – , die grimmig und ungehemmt versucht, alles aber auch wirklich alles dem Diktat des Konsumismus zu unterwerfen. Und ich will auch das nicht verschweigen: Mit den Kosten für die Körbchenkampagne könnte man locker zwei Jahre lang das Krankenhaus in Ierapetra auf Kreta finanzieren, das neulich wegen flächendeckender Krise geschlossen wurde. Aber das ist die bekannte Milchmädchenrechnung .

Oder?

 
 

 

13. September 2012 09:08:08

… kantig: Genau wie Josef Joffe

Will mal schreiben wie der Joffe. Das Orakel der Zeit. Sätze, die stehen bleiben. Wie eingemeißelt. Geschrieben wie geschrieen. Gespickt mit einem „Bonmot“ hier und einem Präsidentenzitat da. „Yes we can“.
Denn es ist Krise. Da braucht es klare Aussagen. Das Volk will wissen woran es ist. Wir haben keine Zeit mehr. Andere ziehen vorbei und wir warten auf Karlsruhe. Dabei ist alles wie immer. Alle haben es gewusst und keiner hat was getan. Auch Angela Merkel nicht. Dabei stand es doch schon lange in der Zeit. Immer wieder in jedem Artikel von Joffe konnte und kann man es lesen.
So viel zum Theoretischen, jetzt mal konkret: So könnte es gehen: Erstens: Lesen muss sein. Man muss es nur wollen. Jetzt und in Zukunft. Und zweitens: Wer liest muss Joffe lesen. Da steht es. Steht alles – das Problem, die Wahrheit, die Lösung.
Komplexität ist überbewertet, wir brauchen was zum Festhalten. Einen Knüppel. Nur nicht in den Händen der EZB. Diese Bank, die vergessen muss, was ihre Aufgabe ist. Denn Aufgeben geht nicht. Dranbleiben ist das Motto. Frau Merkel weiß das.

Ach könnte ich doch nur so schreiben … Mein Blog würde bestimmt von irgendwem gelesen.

 
 

Autor:

Magnus Hengge

Kategorie:

Alltägliches | Politik

 

2. September 2012 15:25:49

… 775: Das Mittelalter ist unter uns

Spuren des Mittelalters zur 775 Jahrfeier in Berlin

Eher zufällig entdecke ich die Bodenbeschriftung mitten auf dem Gehweg: „Hier lag im 13. Jahrhundert der Hafen von Berlin.“ Sieh an, denke ich mir da. Ein paar Meter weiter auf dem Mühlendamm ist zu lesen: „Heute haben etwa 27 % der Berliner einen Migrationshintergrund. Vor 775 Jahren waren es 100 %.“ Holla, so viele. Na dann gehnwer doch ma ins Internet und schaunwer nach, watn dit nu wieder allet is, wa:

Web App Spuren des Mittelalters

Zum 775 Jahre Geburtstag Berlins wurden zahlreiche Botschaften im Zentrum der Stadt versprüht, die mal einfach nur informativ sind und mal die Auflösung einer Schitzeljagdt darstellen, die man mittels Web-App beim Stadtspaziergang bepirschen kann. Auf der Website „Spuren des Mittelalters“ bekommt man eine Vorstellung davon, wie Berlin einmal ausgesehen haben muss, denn in der heutigen Stadt lassen sich tatsächlich nur noch minimale Überbleibsel erkennen.

Alles sehr informativ, geschickt verschränkt zwischen realer Welt und Info aus dem Web und nett zusammengestellt. Mir gefällt’s!

 
 

Autor:

Magnus Hengge

 

29. Dezember 2011 12:00:34

… so oder so: Missverständliches

„Engel“ -Bestattungen, Invalidenstraße 1a, 10115 Berlin und Engel-Bestattungen, Schönstraße 1a, 13086 Berlin. http://www.engel-bestattungen.de/kontakt.html

 
 

Autor:

Jürgen Pahl

Kategorie:

Alltägliches

 

23. Dezember 2011 21:39:32

… ein Kurzkrimi: Lissy’s Sturz

Roy hatte etwas Jungenhaftes und Gutmütiges an sich. Beides war erkennbar in seinem Gesicht vereint. Er nahm das Leben (auch in seinem Beruf als Programmierer, in dem er sehr gut verdiente) so wie es kam. – Dieser Dezembersonntag ließ sich gut für ihn an, denn die Wege waren schneefrei, die Luft feucht, aber nicht kalt. Seiner üblichen Runde mit dem Mountainbike stand also nichts im Wege. Von der Invalidenstraße bog er hinter dem Bundeswirtschaftsministerium auf den Weg entlang des Berlin-Spandauer-Schifffahrts-Kanals ein und fuhr, vorbei an den westwärts der Wasserstraße gelegenen Lagerhallen - teilweise alten, dennoch schönen Klinkerbauten, zwischen denen das Unkraut seit Jahren wuchert – zügig Richtung Wedding. Roy passierte den Invalidenfriedhof und obwohl ihn Geschichte eigentlich kaum interessiert, wollte er sich schon längst einmal mit einigen der auf den Grabsteinen verewigten Namen, mit sehr unterschiedlicher Herkunft, beschäftigen. Dann radelte er an den Vierstöckern in der Kieler Straße vorbei, wo ihn die Drahtgitter der Balkone jedes Mal wieder an die Käfighaltung von Hühnern erinnerten. Schon kamen rechterhand die, selbst heute noch modern wirkenden, Bauten der ehemaligen Schering AG in den Blick. An der Stelle, wo der Weg die Brücke an der Sellerstraße unterquert und zum Wasser hin stark abschüssig wird, fuhr er langsamer. Unmittelbar hinter dem Brückenfundament sprang plötzlich ein vermummter Mann aus dem Gebüsch hervor, stieß ihn mit voller Wucht um, so dass er mit seinem Rad auf den Uferbeton stürzte und beinahe in den trüben Kanal gefallen wäre.

Lissy – Krankenschwester von Beruf – tastete mit beiden Händen vorsichtig Hals und Wirbelsäule des muskulösen Mannes ab. Ihre Hände gingen sehr sanft vor, was mit ihrem Gesichtsausdruck korrespondierte, der beinahe so etwas wie Erleichterung ausstrahlte.“Ich muss trotz des Helmes irgendwas abbekommen haben, kann den Kopf nicht mehr richtig heben“, flüsterte Roy und ein leises Stöhnen erfüllte den Raum, der von Kerzen erleuchtet war. „Wenn ich den Kerl nur erkannt hätte, aber als ich wieder zu mir kam, war er weg.“ Lissy küsste den Nacken des vor ihr liegenden Mannes an verschiedenen Stellen, als ob sie dadurch den Schmerz lokalisieren und lindern wollte. Roy liebte diese aparte Frau mit der sportlichen Gestalt und sie wusste es. Nur ihr deutliches Interesse für schönes Leben und Luxus verstörte ihn manchmal, genauso wie ihr zuweilen rätselhafter oder abwesender Blick. – „Du musst nochmal zum Arzt; wenn der Notarzt auch keine Gehirnerschütterung festgestellt hat – es ist zu riskant - man wird eine MRT-Untersuchung von Hals und Wirbelsäule machen müssen. Wir dürfen“, lächelte Lissy ihren Freund hingebungsvoll an, „unseren Urlaub nicht gefährden – es wird jetzt schwierig, noch einen Termin zu bekommen, aber ich rede mal mit Torsten.“ Roy zuckte bei diesem Namen zusammen. „Ausgerechnet dein Ex, dieser Besserwisser“, kam es aus ihm heraus. Lissy lachte jetzt laut auf. „Er weiß nichts von dir, aber es wird sein letzter Dienst für uns beide. Und vergiss nicht: Torsten ist ein guter Arzt.“ Roy wusste das, aber er ahnte auch, warum Lissy immer noch an diesem Mann hing.

Der Termin im Krankenhaus Friedrichshain kam erwartungsgemäß noch kurzfristig zustande. Die Schwester gab Roy einen Fragebogen zum Ausfüllen und wies anschließend darauf hin, dass die Untersuchung ca. 20 Minuten dauern würde. Außerdem: Da diese Technik - Roy war, immerhin war es neue Medizintechnik der Firma Siemens, über die Aussage der Schwester etwas erstaunt – nicht unerhebliche Geräusche produzieren würde, müsse er während der Untersuchung Ohrstopfen tragen, die ihm die Schwester aushändigte. Als er sich dann auf den Schlitten legte, wurde sein Kopf arretiert und trug nun eine Art Helm. In diesem Moment kam Torsten herein, begrüßte höflich den vor ihm liegenden Patienten und übernahm nun selbst das weitere, während sich die Schwester in das Wochenende verabschiedete. Kurz bevor der Schlitten  in die Anlage, die wie ein offener Rachen auf Nahrung zu warten schien, einfuhr, hörte Roy den Arzt noch fragen: „Haben Sie denn inzwischen etwas über diesen Mann erfahren, der Sie vom Fahrrad gestoßen hat?“ Obwohl Roy die Stimme von Torsten akustisch bereits leicht verzerrt wahrnahm, glaubte er einen ironischen Unterton heraus zu hören. Aber da war er bereits mit seinem Oberkörper in der Maschine.

In den ersten Sekunden war es totenstill. Roy konnte sich nicht bewegen. Es war extrem eng in dieser Röhre und der Abstand von seinem Gesicht bis zur oberen Wandrundung betrug höchstens zehn Zentimeter. Der Mann musste seinem Gehirn befehlen, Ruhe zu bewahren, um seine Platzangst zu überwinden. Dann setzte das rhythmische Klopfen der Maschine, verursacht durch elektromagnetische Wellen und Magnetfelder, ein – es war trotz der Ohrstopfen noch erschreckend laut. Dann änderte sich schlagartig die Frequenz der Klopftöne, aber die Lautstärke war nicht weniger unangenehm. Dann folgte erneut ein Wechsel der Klopfrhythmik.- Roy war angespannt, aber er konnte kein System heraushören und spürte, wie Beklemmung in ihm aufstieg. – Woher wusste dieser Torsten eigentlich von diesem Detail, er hatte in der ärztlichen Voruntersuchung doch einen ganz anderen Grund für den Sturz angegeben?? – Plötzlich hörte Roy die Geräusche kaum noch, etwas anderes, furchtbar Schreckliches erfasste ihn, trieb ihm den Schweiß aus allen Poren und lähmendes Entsetzen befiel ihn …

Torsten und Lissy waren auf dem Weg zum Flughafen Tegel. Sie war, was er natürlich sofort merkte, an diesem Tag in ambivalenter Stimmung. Um sie aufzumuntern, erzählte er ihr von dem Weihnachtsbaum-Kauf für seine Mutter: „Der hatte nur elende Krücken auf seinem Platz zu liegen. Dann hat mir der Verkäufer – ich glaube, ein Pole, während die Bäume aus Dänemark sein sollen, ich glaub’s nicht – einen brauchbaren gezeigt. Die Chefin wollte mir, da ich sie zappeln ließ, 15% Rabatt geben. Ich sag zu ihr, die nehm ich gern, aber der Verkäufer soll mir noch das Stammende dünner hacken, denn der Baumständer meiner Mutter ist ein uralter. Was meinst du, wie die Cheftanne geguckt hat.“ Das waren diese Geschichten, die Torsten liebte und manchmal auch Lissy. – „Hast du sein Konto abgeräumt“, fragte er nach kurzer Pause und sein ebenmäßiges, intelligentes Gesicht blieb völlig regungslos dabei. „Ja“, antwortete sie zögernd und schaute ihn dabei nachdenklich an, was ihrem schönen Gesicht etwas Klassisches verlieh. „Du brauchst keine Angst haben. Da, wo wir hinkommen, hab ich vorgesorgt.“ - „Er ist ein ehrlicher Mensch“, schob Lissy nach. „Und ein Dummkopf dazu“, trompetete ihr Ex-Freund nun plötzlich, sonst hätte er nicht auch noch seine Lebensversicherung zu deinen Gunsten ergänzt.“ Ich muss diese Frau halten, schwor er sich.

In Tegel hatten sie noch etwas Zeit und obwohl sie die Sicherheitskontrollen überzogen fanden und das Getue der dort Beschäftigten ihnen regelmäßig auf die Nerven ging, nahmen sie sich die Zeit, vor dem Abflug noch ein Bier zu trinken, denn die kostenfreie Bewirtung während der Flüge hatte inzwischen ein homöopathisches Niveau erreicht. Lissy schaute aus den Augenwinkeln in Torstens Gesicht. Sie hatte ihn, obgleich ihr nie der Gedanke an Heirat kam, immer bewundert ob seines Selbstbewusstseins, seiner Klugheit, seines sicheren Geschmacks und ein wenig auch wegen seiner Arroganz, die er immer dann zeigte, wenn etwas total von seinem Standard abwich. Dieser Mann, soviel war ihr klar, war rigoros, aber er könnte ihr auch für die Zukunft etwas bieten. Nun, sie hatte sich jetzt entschieden.

Als die Polizei beide am Check-in-Schalter festnahm, ging sein Blick sofort zu ihr. Der Gesichtsausdruck war der gleiche verächtliche wie damals, als ein erfahrener Kollege aus seinem Krankenhaus die einfache Operation verpfuscht hatte, was wirklich niemand für möglich gehalten hätte. „Ich war im Krankenhaus“, entgegnete Lissy fast tonlos. Das war’s dann für dich. Außerdem liebe ich Roy.“

Aufgrund Fluchtgefahr blieben jedoch beide in Untersuchungshaft. Torsten wegen Mordverdacht, zumindest schwerer Körperverletzung in zwei Fällen und Lissy wegen Beihilfe. Dass sich diese schöne Frau in letzter Minute für Roy entschieden und ihn aus dieser MRT-Anlage befreit hatte, belastete sie nun schwer. Der Mann, der sie einmal liebte, hatte sich entschlossen, bei der Polizei zu allen Punkten auszusagen und dabei auch erwähnt, wie sie sich seine finanziellen Ersparnisse erschlichen hatte. Für Lissy, deren gewollt flirrendes Doppelleben zwischen zwei Männern nun zu Ende ging, war all das zum Jahresende ein Sturz aus ungeahnter Höhe.

 
 

Autor:

Jürgen Pahl

 

23. Dezember 2011 00:20:54

… Friedrichstraße: Halblange Anbahnung

Der heutige Donnerstag, tagsüber ein nichtwinterlicher, mutierte zum Abend hin in einen beinahe frühlingshaften, nieselregnerischen. Die Bürgersteige entlang der Friedrichstraße sind dennoch leidlich ausgelastet und – um den Bahnhof herum – sieht man auch heute wieder die Anbahner. Sie bringen Protest, Mitleid, Interesse und anderes vor und an den Vorbeigehenden. Sie machen auf die geschundene Natur aufmerksam oder zeigen mit Fotos auf Unrecht und Unmenschlickeit. Die Anbahner werben um die Aufmerksamkeit der Passanten und ihr Geld.

Unmittelbar am U-Bahn-Eingang steht ein baumlanger, junger Mann, der die Berliner Zeitung anpreist. Vor ihm, sie reicht ihm nicht mal bis zur Brust, eine junge Frau, modern gekleidet, Typ Annett Louisan. Sie muss den Kopf mächtig in den Nacken legen, um zu dem Anbahner aufzublicken. Er kann, so ich ihn von weitem sehe, unmöglich von einem Zeitungs-Abo reden, dazu schaut sie viel zu verzückt nach oben. Irgendetwas Nettes süßholzraspelt ihr der Dirk Nowitzki unter den Abo-Werbern vor. Erst als ich – auf Höhe der beiden – an ihnen vorbeimarschiere, kommt die entscheidende Frage: „Na, was hälts Du denn nun von einem Probe-Abo der Berliner Zeitung?“

Da ich hinten keine Augen habe und meine Ohren mit denen der Fledermäuse nicht konkurrieren können, bleibt das Ende dieser Anbahnung leider offen.

 
 

Autor:

Jürgen Pahl

 

17. Dezember 2011 22:05:51

… sakra: Der blaue August oder Bayern in Berlin

Bayern hatte bis vor noch gar nicht so langer Zeit den einzigen Ministerpräsidenten unter den Kabarettisten. Diese Auftritte sind leider vorbei, jetzt kommt nur noch Bierernstes von dort unten. Die heimatdurchtränkte CSU verlor über den rauchgeschwängerten Tischen der Bierzelte in den letzten Jahren die absolute Stimmenmehrheit (einzig vergleichbar mit dem Aussterben der Dinosaurier) und selbst der einst nach Berlin und in die weite Welt entsandte KT wirft nur noch undankbare Schatten auf seine bergige Heimat.

Des ungeachtet ist die bayrische Exportoffensive nach Berlin, befördert durch die bayrische Vertretung in der Hauptstadt, nie zum Stillstand gekommen. Dass auf der diesbezüglichen Website das Wort Botschaft in Anführungszeichen gesetzt wurde, soll Ironie vortäuschen, ist aber ein krachlederner Fehler. Denn: Nirgends ist das Selbstwertgefühl so ausgeprägt wie in Bayern und wo sonst noch kann man derart fein ziselierte Meinungsäußerungen hören, wie von bayrischen Politikern oder Funktionären des FC Bayern München. Dennoch: Was wäre Berlin ohne bayrische Küche, ohne den preußisch zurechtgestutzten Ableger des Oktoberfestes, was wird Hertha ohne den bayrischen Trainer (der Klubleitung stünde etwas mehr Selbstbewusstsein gut) und wie sähen die Berliner inbesondere ohne ihn aus – August?

Der blaue August, Nachname Lenz, ist so um die 1,70 m groß. Man findet ihn, obwohl er kaum auffällt, - gleichzeitig – zu Dutzenden in Berlin – auf Bahnsteigen, an Hausecken, in Warenhäusern oder Supermärkten. Neben dem Blau finden sich noch andere Farben in seinem roboterhaften Erscheinungsbild, manchmal leuchtet er wie ein durchgeknallter Spielautomat. Er ist der eigentliche bayrische Favorit in Berlin, ohne ihn geht vieles nicht, daher sollten wir – zumal er immer die Klappe hält - darüber nachdenken, ihm die Ehrenbürgerwürde anzutragen. Die Anfrage wäre zu richten an das Bankhaus August Lenz in München, dessen Geldautomaten dafür sorgen, dass wir flüssig bleiben.

 
 

Autor:

Jürgen Pahl

Kategorie:

Alltägliches | Freizeit

 

14. Dezember 2011 19:04:13

… dezemberlich: Bekennerschreiben

Leute, schaut auf diese Stadt! Der Berliner Senat, mühelos in verborgener Kleinarbeit vorbereitet, nach außen hin aber gewohnt lässig – proudly presents: Eine neue Maßeinheit – das Braun. Ein Braun (in Zahlen: 1) ist die Zeit zwischen der Ernennung und dem Ausscheiden eines Senators und wurde nach dem Eichometer, das im Keller des Roten Rathauses installiert wurde, auf genau elf (in Zahlen: 11) Tage festgelegt. Wie wegweisend und kooperativ Berlin wieder arbeitet, zeigt sich daran, dass diese neue Einheit auch für Minister, Parteivorsitzende und Generalsekretäre, Trainer aller Art, Intendanten, vor allem aber für die Bearbeitungszeit in der Verwaltung genutzt werden kann. Für die Prüfung einer Steuererklärung (also, wenn der Bürger ein Rückzahlung erwartet) könnte man zehn Braun in Ansatz bringen. Ja, hier wurde know how kreiert, dass andere Bundesländer übernehmen könnten, wenn sie  nicht selbst schon genug Ärger haben. Wie geht es nun, dezemberlich gefragt, in unserer Stadt weiter: Rot (+Purpur!)/Schwarz oder sexy?

Keine Ahnung, denn Berlin ist ja vor allem die Stadt der Touristen. Wir anderen leben hier nur und schätzen die alltäglichen Abläufe und Höhepunkte. So gefallen mir z. B. die DPD-Fahrer ausnehmend gut. Die klingeln eine Nanosekunde an der Haustür, aber noch vor Ablauf dieser Zeitspanne sind sie wieder weg, drücken einem Kioskbesitzer die Sendung in die Hand und vergessen dabei, den Zettel im Briefkasten des eigentlichen Empfängers anzubringen. Denn: Die Bewegung ist alles, das Ziel nichts. Oder unsere Politessen mit ihren schmucken Uniformen und adretten Frisuren: Sie machen einen großen Bogen um Firmenfahrzeuge, die Eingänge blockieren und um Kampfhundebesitzer, deren Lieblinge ihre Beißerchen maulkorbfrei zeigen. Nur der private Falschparker steht auf ihrer cash-Liste und hat eine reale Chance für die Aufnahme in eine Sünderdatei.

Ich bekenne weiterhin: In dieser Stadt der Kreativen und Think Tanks soll der Teufel all jene holen, ob Firma oder Behörde, die – obwohl sie es sich leisten könnten - junge Leute und Absolventen für Praktika, Wochenendarbeit und Überstunden gar nicht oder nur erbärmlich bezahlen, ihnen nicht mal einen Arbeitsvertrag geben. Weiter: Sollen doch Hauseigentümer und Vermieter auf ihren notdürftig sanierten Wohnungen, die sie von Auszug zu Auszug immer teurer vermieten, sitzenbleiben. Und: Ich wünsche allen ein nachdenkliches Weihnachtsfest, die ihre Kunden betrügen, ob sie Banker, Arzt oder Gemüsehändler sind oder jene, die, national berauscht, vermeintlich Schuldige bei Minderheiten suchen und die wirklichen Übeltäter nicht sehen wollen.

Schließlich: Welcher Stellenwert für diesen Senat, mit dem wir noch viel erleben werden, und seinen Kultursenator große deutsche Literatur und das deutsch-deutsche Kulturerbe besitzt, zeigt die Nichtanwesenheit offizieller Vertreter bei der Beerdigung von Christa Wolf. - Für Ignoranten hilft vom Weihnachtsmann nur noch die Rute und am besten für 2012 vorsorglich gleich mit!

 
 

Autor:

Jürgen Pahl

 

10. Dezember 2011 11:19:30

… letzte Runde: Heidekraut und Tannengrün

Ab und an haben wir uns beim Training im Jahn-Sportpark oder bei einem Wettkampf getroffen. Achim war aufgrund seiner Länge, seines großen, mit wenigen, hellen Haaren bedeckten Kopfes und des, durch den nach vorn gebeugten Körper, besonderen Laufstils schon von weitem zu erkennen. Irgendwann aber kam diese Krankheit und sprang ihn an wie ein wildes Tier. Aber er lief weiter, als wollte er es abschütteln. Als es nicht mehr ging, war auch kein Laufen mehr. Vor einigen Monaten ist Achim gestorben - lange vor der Zeit für Menschen seines Alter, für jemanden wie ihn. Der Tod hatte sich einen von denen geholt, die immer aktiv waren und ihren Körper stählten. Er wollte sich nicht nachsagen lassen, dass man ihm auf diese Art und Weise entkommen könne. Gerecht wollte er erscheinen, der doch immer Ungerechte. – Am Rand der Tartanbahn im Sportpark haben Lauffreunde für Achim einen kleinen Stein beschriftet, umgeben von Heidekraut und Tannengrün. Und Runde um Runde laufen wir nun daran vorbei, diejenigen, die ihn kannten und jene, für die er fremd bleiben wird.

 
 

Autor:

Jürgen Pahl

Kategorie:

Alltägliches

 
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