Lesezeichen setzen: RSS Feed abonnieren  Zu del.icio.us hinzufügen Zu Technorati Favoriten hinzufügen Diese Seite zu Mister Wong hinzufügen

Archiv der Kategorie ‘Alltägliches‘

18. Juni 2011 14:52:35

… interkulturell: Menschen und Tiere

Das Haus, in dem ich wohne, ist ein ruhiges. Selbst Geburtstagsfeiern oder andere Feten verlaufen zumeist mit gedämpftem Geräuschpegel. Vielleicht ist der Bildhauer aus dem Vorderhaus symptomatisch für das gesamte Klima unter den Leuten. Wenn wir uns mal im Treppenhaus begegnen, wird zurückhaltend, aber freundlich, gegrüßt. Dabei würde mich schon mal interessieren, warum er immer die Frauen in seine Wohnung abschleppt. Genauer gesagt, sind es Skulpturen, oft lebensgroß, die dann irgendwann in seinem Zimmer, welches man von der Straße aus sehen kann, erscheinen und zu denen der Beobachter – wenn er nicht genau hinschaut – denken könnte, Menschen hätten sich im zweiten Stock zu einer Ausstellungseröffnung in unterhaltender Runde versammelt.

Mein Gegenüber im Hinterhaus pflegt das Multikulturelle: Zu seinem Haushalt zählen diverse Fische in einem prächtigen Aquarium und zwei edle Katzen - tippe auf Perser. Alle scheinen sich prima zu verstehen. Jedenfalls war noch nie Lärm zu hören, der darauf schließen ließe, dass die Katzen, die sehr mondän erscheinen und ungestört sowohl Tisch, als auch Kühlschrank meines Nachbarn zu ihrem Laufsteg auserkoren haben, den Fischen zu nahe getreten wären.

Des Nachbarn Fenster zum Hof ist allerdings mit einem Netz gesichert, welches mich an ein Handballtor erinnert. So sitzen die Damen Katzen des öftern auf dem Fensterbrett und betrachten von höherer, vernetzter Warte das Hofgeschehen. Ab und zu geht ihr Blick zu dem Grünfinken, der, insbesondere morgens, sein einfallsloses und monotones Fiepen ertönen lässt oder nach oben zum Mauervorsprung, wo der Amselhahn abends sein reichhaltigeres Repertoire in – zumindest für Ohren menschlicher Zweibeiner – wohlklingender Weise vorträgt. Einige Jahre brüteten die Amseln auf dem Hinterhof an der Wand mit dem stark gewachsenen Efeu. Nun hat der Wohnungsverwalter das Grün zurückschneiden lassen, weil es bereits in die Fenster hineinwuchs. Diese Aktion der Menschen kostete die Amseln ihren Nistplatz. Einmal waren Elstern über das Gelege der Amseln hergefallen und hatten eines der, noch nicht flugfähigen, Jungvögel totgepickt. Der, das mehrfache Anfliegen der Elstern und das aufgeregte Käckern der Amseln beobachtende, Mensch hatte einige Male mit lauten Rufen zugunsten der Amseln eingegriffen, konnte aber, da nicht ständig vor Ort, letztlich am Gang der Dinge nichts mehr ändern.

 
 

Autor:

Jürgen Pahl

 

14. Juni 2011 23:20:16

… sprachlos, oder: English for all?

Am Zeitungsstand im Bahnhof Friedrichstraße gab es heute nachmittag einen kleinen Aufreger. Ein dürres, kleines, leicht angedudeltes Männchen von vielleicht 65 Jahren, bekleidet mit einem karierten Hemd und einem Strohhut, wollte von der Verkäuferin wissen, warum sie kein Englisch spreche! „Why don’t you speak English“? blubberte der Mann die junge Frau mehrfach an, bis diese sich männliche Verstärkung holte. Auch ihn befragte der fidele Brite lautstark, ob er Englisch könne. „Do you speak English“?. „Yes, a little bit“, lautete die Antwort und nach der wiederholten, identischen Frage des Touristen dann: „Immer noch – a little bit“. „Why don’t you have english papers“?, bohrte der kleine Mann weiter. „Yes, we have – which do you want?“, so der Verkäufer. „Daily Telegraph“, wiederum der Mann von der Insel. Dieses Blatt war jedoch nicht im Sortiment, aber andere englische Zeitungen, von denen er dann eine kaufte. Vor der Kasse stehend redete er nochmal auf die Verkäuferin ein: „Why don’t you speak English. We are the Greatest. We have The Queen“. Dann zog er ab.

Die Financial Times Deutschland berichtete heute, dass laut Untersuchung eines Wirtschaftsprofessors aus dem Saarland bei 30 großen deutschen Unternehmen Anglizismen über Gebühr in den Geschäftsberichten vorkämen und dass dies sogar juristische Konsequenzen nach sich ziehen könne, da laut Handelsgesetzbuch der Jahresabschluss in deutscher Sprache zu erstellen sei.

Also: „Wat den Eenen sin Uhl, is den Annern sin Nachtigall“. (Fritz Reuter)

 
 

Autor:

Jürgen Pahl

Kategorie:

Alltägliches

 

13. Juni 2011 21:35:56

… zu Pfingsten: Originales und Originelles

Es ist immer interessant, nach dem Denken, Fühlen und Handeln der Menschen zu fragen. Was bewog zum Beispiel den Hauseigentümer in der Revaler Straße, an seine Hauswand den, aus einem Ovid-Zitat herrührenden, Spruch „Tempora si fuerint Nubila solus eris“ (Wikipedia: „Im Unglück wirst du allein sein“) anbringen zu lassen? Hatte er, um nur zwei Möglichkeiten anzuführen, bereits beim Kauf die Vorahnung, dass er seinen Kredit nie würde zurückzahlen können oder schwante ihm bereits zu diesem Zeitpunkt, dass seine Frau ihn verlassen würde?

Ebenso unbekannt sind die Motive jenes Sprayers, in erwähnter Straße auf einem Hausdach, dass von der Fussgängerüberführung am S-Bahnhof Warschauer Straße gut sichtbar ist, den Spruch „DEUTSCHLAND VERRECKE!!! KOPI BLEIBT!“ für die lesende Nachwelt zu hinterlassen. Vielleicht hat der Mann weder Arbeit noch Wohnung und seine Wut ist groß. Möglicherweise führt er aber auch ein ganz zufriedenes Leben und zieht mit seinen Spraydosen durch’s Land.

Auf dem vormaligen RAW-Gelände, südlich der Revaler Straße, welches den Eindruck eines in Auflösung befindlichen Lagerplatzes macht, scheint es überwiegend glückliche Menschen zu geben. Während sich am gestrigen, frühen Abend einige gutgelaunte Bewohner, mit einer Flasche Bier in der Hand, von der Sonne den Nebel des Vorabends aus den Köpfen vertreiben ließ, gingen andere ihrem Beruf nach und bedienten Gäste. Dass auf dieser besonderen friedrichshainischen Enklave deutsche Edelautos u.a. mit den Kenzeichen WI… und ERH… herumstanden, irritierte nicht nur auf den ersten Blick.

Beeindruckend war der Menschenstrom, der sich – ameisenkolonnengleich – vom S-Bahnhof Warschauer Straße hin zum gleichnamigen U-Bahnhof, weiter über die Oberbaumbrücke nach Kreuzberg und andererseits die Warschauer hoch bewegte, wobei  ein kleiner Teil der Menge auch in die touristisch überfrequentierte Simon-Dach-Straße abbog. Nur vereinzelt waren Pfingstausflügler hingegen in der Oberbaumcity vertreten. Hier, an der leider geschlossenen Zwinglikirche und den historisch interessanten, sanierten Industriebauten (heute BASF, früher NARVA, ganz früher Osram und Wasserwerke) mit dem ersten Hochhaus Berlins in der Rotherstraße, waren die Bewohner des Viertels überwiegend unter sich.

Sehr eng unter sich war man am Sonnabend im Schienenersatzverkehr von Storkower Straße Richtung Schönhauser. Der Busfahrer gab sich große Mühe, mitfahrende Touristen, vielleicht auch ein paar neue Zuzügler zu erschrecken. Er fuhr schnell, bremste scharf und brachte seine Durchsagen mit Grabesstimme und ohne jede Emotion über das Mikrofon. Busfahrer und Politessen sorgen ja ab und zu dafür, dass die Begeisterung der Einheimischen und Besucher für Berlin auch mal abgekühlt wird. Zu Stadt-Originalen werden beide Berufsgruppen damit aber noch lange nicht.

 
 

Autor:

Jürgen Pahl

 

9. Juni 2011 21:41:55

… Augenblicke: Jenseits von EHEC

Das Wartezimmer des Berliner Internisten war nur spärlich gefüllt. Eine etwa 40-jährige Frau mit leicht hervortretenden Augäpfeln, struppigem Haar und leidendem Gesichtsausdruck lag beinahe auf ihrem Stuhl und wartete anscheinend sehnlichst darauf, aufgerufen zu werden. Zwei Stühle weiter hatte sich ein 65-jähriger Mann mit schütterem Haar und einem markanten Schwimmringbauch niedergelassen und wurde kurz darauf von der, unentwegt redenden, Schwester zum Blutabnehmen ins Labor gebeten. Von dort konnte man das Ergebnis der vorgesehenen Prozedur akustisch mit verfolgen: Es klappte nicht. Nach zwei Versuchen brachte die Schwester den Mann wieder in das Wartezimmer zurück, gleichzeitig die übrigen Ausharrenden darüber aufklärend, dass „man ja nicht beliebig oft zustechen kann“. In der Zwischenzeit hatte eine korpulente 50-jährige Frau, deren optisches Erscheinungsbild durch verschiedene, nicht zueinander passende, Rottöne gekennzeichnet war, den Wartebereich betreten um sogleich der Schwester einen mitgebrachten Blumenstrauß zu überreichen. Ansonsten waren alle mit sich beschäftigt und starrten vor sich hin. Auf den Tischen lagen Image-Broschüren der Krankenkassen bzw. irgendwelche Werbeprospekte herum. Wer sich krank fühlt, hat kein Interesse an Krankenkassengelaber, noch weniger an Belehrung, höchstens an Unterhaltung und Ablenkung. Solche Zeitschriften fehlten aber in dieser Arztpraxis.

Als ich nach einer Stunde aufgerufen wurde und dem Arzt die Hand geben wollte, murmelte dieser etwas von EHEC, Grippe, Viren und ließ seine Hand stecken. Im Eiltempo wurde dann die Diagnose gestellt und die Anweisung für diverse Überweisungsscheine in den PC gehämmert. Sein Hinweis, dass es mit einem Termin beim Radiologen sehr schwer werden würde, erwies sich später als Volltreffer. Das deutsche Gesundheitswesen, welches den Menschen vom Patienten zunehmend in einen Kunden verwandelt hat, lebt (u.a.) vom flächendeckenden Einsatz der nun mal vorhandenen Medizin- und Labortechnik – gleichzeitig macht es damit alles immer teurer und irgendwann unbezahlbar. Bei der Quellensuche – die wie das Hornberger Schießen ausgehen könnte, denn man wird keinen Schuldigen finden – für den EHEC-Erreger hilft diese hochqualifizierte Technik offensichtlich aber auch nicht weiter. Vielleicht setzt sich ja auch mal die, selbst für medizinische Laien leicht nachvollziehbare Erkenntnis durch, dass man nicht vier Millionen Jahre menschliche Evolution (und damit Krankengeschichte) durch 50 Jahre Laborforschung kompensieren oder gar aushebeln kann!

 
 

Autor:

Jürgen Pahl

 

1. Juni 2011 18:41:07

… fremdreferenziell: Die Blaubeere

Bald ist es wieder soweit. Hartnäckige Beerenfreunde begeben sich in die waldreiche Umgebung Berlins, dem Fuchsbandwurm und der Zecke trotzend. Das bei einer solchen Pirsch auch philosophische Erkenntnisse in den Sammlerkorb purzeln, zeigt das nachfolgende Naturprodukt, welches gleichermaßen durch gemobbte Arbeitnehmer, unglücklich Verliebte, Copy and Paste-Opfer, unentdeckte Talente und politische Hinterbänkler bedenkenlos konsumiert werden kann. Nebenwirkungen sind nicht bekannt.

Was lernt der Mensch beim Blaubeerpflücken?
Zunächst einmal muss er sich bücken!
Muss wenigstens zwei Stunden suchen
für einen guten Blaubeerkuchen.

Gut sichtbar sind die kleinen, hellen,
die sollen uns den den Weg verstellen,
hin zu den dunklen, großen, schönen,
Blaubeeren, die uns dann versöhnen.

Erkenntnis Nummer Zwei kommt später:
Die Blaubeer ist nur ein Vertreter.
Ein Gleichnis für das Menschenleben
hat uns hier die Natur gegeben:

Bemerkt werden die lauten Leute.
Das Grelle drängt nach vorn – bis heute.
Versteckte Klasse kann beglücken,
nur selten – wie beim Blaubeerpflücken.

 
 

Autor:

Jürgen Pahl

Kategorie:

Alltägliches | Freizeit

 

31. Mai 2011 13:24:54

… selbstreferenziell: Berlin ist, wenn die Berliner Morgenpost eine Kampagne macht

morgenpostkampagne

Es ist unter Gestaltern und Werbern weit verbreitet, zu behaupten, man hätte eine Idee vor einem anderen, meist größeren Player gehabt, und der andere hätte die Idee bei einem geklaut. Es ist dies eine in der Regel schwer erträgliche From des Selbstmitleids, des Haderns mit den eigenen Möglichkeiten des Publizierens und dazu fast immer auch unbelegbar in der Behauptung.

Nun möchte ich in dieses jammernde Horn blasen und zeigen, dass dieses Blog namens „Berlin ist …“ für zwei Werbe- bzw. Marketingkonzepte in dieser Stadt inspirierend zu sein scheint.

Zunächst muss ich darauf hinweisen, dass natürlich die Namensgebung für das Blog von der ultimativ spießigen und unfassbar erfolgreichen Liebe-ist-Comic-Reihe inspiriert ist, die schon seit den 70er in der Bild-Zeitung und in vielen anderen Publikationen erscheint. Damit sollte von Anfang an die naive Herangehensweise an diese Stadt angedeutet werden, mit der ich und andere auf diesem Blog unsere Stadtsicht in Textbeträge umformulieren. Zweifelsfrei ging es im November 2006 los mit Berlin-ist.de (Link zum ersten Artikel „Braucht die Welt noch einen Blog?).

Nach einigen Jahren hat einer von der Online-Redaktion der Berliner Morgenpost mal bei mir angerufen und gefragt, ob sie meinen Blog auf ihrem Blogverzeichnis der besten Berlin-Blogs aufnehmen dürfte? „Klar warum nicht“ war meine Antwort und das Link war dort jahrelang verzeichnet. (Habe diese Seite jetzt leider nicht mehr im Web gefunden). Nun wirbt eben diese Zeitung seit längerem mit dem Slogan „Berlin ist, wenn …“ und bindet mit Claim „Das ist Berlin“ ab (Link zu den Kampagnenmotiven und Imagefilm der Morgenpost) und sie haben damit – sieh an – einen ADC-Award gewonnen. Die Kampagne ist nicht auffällig schlecht gemacht, wenn auch für das Produkt selbst recht unglaubwürdig, da die Leserschaft der Morgenpost (in Berlin eher „Mottenpost“ genannt) kaum so cool und frisch ist, wie die abgebildeten Motive es vermuten lassen sollen. Aber es soll ja verjüngend wirken – tut es vielleicht ja sogar.

Ein anderes Printprodukt, das sich frech an der Grundidee dieses Blogs bedient, ist das Shopping-Heftchen „Berlin ist …“, das seit etwa einem Jahr bei den teilnehmenden Geschäften ausliegt. Ein langweiliges kleinformatiges Heftchen mit bezahlten Einkauftipps aus den Kiezen. Lahmes Konzept, lahmes Design.

„Ja verdammt nochmal: Könnt ihr euch denn nicht’s eigenes ausdenken?!“ sollte ich schreien, aber irgendwie fühle ich mich auch geehrt, andere Menschen mit der Idee dieses Blogs zu beflügeln. Ihr müsst halt damit rechnen, irgendwann auch hier verarbeitet zu werden.

 
 

Autor:

Magnus Hengge

 

24. Mai 2011 18:24:26

… Augenblicke: Marathongeschichten

Der 26. September 2010 war ein kühler und regnerischer Tag. Von der Abgabe der Laufbeutel bis zum Starterfeld des 37. Berlin-Marathon brauchte man ca. 25 Minuten Wegezeit, was ich für zu lang halte (ähnlich wie die Wartezeit im „Zieltrichter“, bis einem die Medaille umgehängt wurde). Das Starterfeld der ca. 40000 war in sechs große Blocks eingeteilt, die sich auf der Straße des 17. Juni, mit Gittern zum Tiergarten hin abgegrenzt, aufgebaut hatten. Die Läufer standen sehr beengt und nach Abgabe des Startschusses vergingen, wie bei allen Großläufen, einige Minuten, ehe alle Teilnehmer mit ihrem Chip die Startlinie und somit den Beginn der elektronischen Zeitmessung, erreicht hatten. Für mich war 2010, trotz vieler Vorsätze, der erste „heimische“ Marathon. Meine bisherige Abneigung resultierte vor allem aus der Tatsache, dass die Strecke vollständig auf Asphaltbelag zu absolvieren ist. Trotz einer für mich akzeptablen Zeit von 4:06:03 war ich mit dem Verlauf nicht zufrieden, da meine Beinmuskeln bereits ab km 27 „fest“ waren. Da konnte mich auch die begeisterte Anteilnahme der Berliner, wie der Touristen und die dichte Atmosphäre eines Stadt-Marathons nur noch teilweise aufmuntern.

In einem weniger großvolumigen Rahmen startete am 21. Mai 2011 der 39. GutsMuths-Rennsteiglauf in Thüringen – insgesamt waren 14220 Teilnehmer dabei, darunter 2011 auf der Super-Marathon-Strecke (72,7 km), 2812 Läufer beim Marathon (43,5 km) und 5881 auf der Halbmarathon-Distanz. Der Rennsteiglauf – auch größter Cross-Marathon Europas genannt – war bereits vor 30 Jahren ein Kultlauf und er ist es noch heute. Wer ihn einmal mitgelaufen ist - auch viele Berliner sind jedes Jahr mit Begeisterung dabei – wird immer wieder kommen und sich neben der sportlichen Herausforderung, der perfekten Organisation, der stets guten Stimmung auch am Maiengrün des Thüringer Waldes erfreuen. Der diesjährige Marathon, traditionsgemäß mit dem Schunkeln des „Schneewalzers“ zehn Minuten vor dem Start in Neuhaus am Rennweg eingeleitet (und am Abend nach dem Lauf immer mit einer gewaltigen Sause im Zielort Schmiedefeld beendet) war wettermäßig ebenfalls nicht einfach, da es auf den ersten Kilometern sehr schwül war und auf dem letzten Abschnitt wolkenbruchartige Niederschläge auf das Läuferfeld niedergingen. Für mich war es der 23. Marathon auf dem Rennsteig, den ich diesmal auf dem 1350. Platz beenden konnte. Übrigens: Die schnellsten Berliner bei diesem Lauf - Katrin Schütze mit 4:10:30 bei den Frauen und Stephan Splanemann mit 03:28:24 bei den Männern.

Den beeindruckendsten Moment erlebte ich - schon als Zuschauer - im Stadion von Schmiedefeld, als auf der 73 km-Strecke nach 11 Stunden nochwas zwei Läufer aus dem Gehörlosenlaufverein Essen auf die Zielgerade einbogen. Während der eine mit seinen Kräften am Ende war und nur noch mit Mühe seine Beine voreinander setzen konnte, lief sein Sportsfreund ein paar Schritte vorneweg und versuchte ihn mit lebhafter Mimik und Gestik zu animieren, auch die letzten Meter noch zu schaffen, was auch gelang. Im Ziel angekommen konnten sich beide vor Freude kaum lassen und umarmten einander minutenlang.

 
 

Autor:

Jürgen Pahl

 

17. Mai 2011 21:02:39

… lautstark: Blau Weiss Berolina und andere Verdächtige

Kürzlich las ich an einer Haustür am Koppenplatz: „Sehr geehrte Anwohner, am Sonntag, den 15.05.2011 spielen wir in der Zeit von 14.00-16.00 gegen den FC Nordost. Es ist ein Spitzenspiel und dieses Spiel entscheidet final über den Aufstieg in die Landesliga. Die Mannschaft ihre(s) Kiezes ist Tabellenführer und würde mit einem Sieg in die Landesliga aufsteigen. Das wäre der größte Erfolg in der 62-jährigen Vereinsgeschichte! Wir rechnen mit 400-500 Zuschauern und es kann folglich etwas lauter, als bisher gewohnt, werden. Wir bitten schon heute um Verständnis …“

Sehr rücksichtsvoll, Blau Weiss. Aber Sapperlot und Donnerlittchen, wo leben wir denn?! Wo, wenn nicht bei einem Fußballspiel, kann auch mal gebrüllt und voller Leidenschaft auf die Pauke gehauen werden. Berlin ist eine Großstadt und wer hier die sonntagnachmittägliche Friedhofsruhe eines Dorfes oder einer Kleinstadt sucht, muss sich in der Adresse geirrt haben. Außerdem ist Mitte eben nicht Marienfelde oder eine Villenkolonie am Wannsee. Für Immobilienscouts und andere Ermittler hier eine kleine Liste der üblichen, bekannten Geräuschverdächtigen, die ggfs. zu verhaften oder wenigstens zu verklagen sind: Durch Kurven quietschende Straßenbahnen. Von Ampel zu Ampel jagende, wolfsrudelähnliche Autopulks. Große und kleine Touristengruppen - mit oder ohne Alkoholspiegel – per pedes oder Rad. Eingezäunte Baustellen, die dennoch öffentliche Konzerte im Rammen, Kranen, Baggern oder Gerüstbauen veranstalten. Orangefarbene Müllkutscher, die durch Hauseinfahrten poltern. Dröhnendes oder (je nach Entfernung) schnurrendes S-Bahn-Klackern. Flugzeugbrummen, welches vom Himmel über Tegel nach Mitte tönt. Aufheulende Krankentransporte – auf dem Weg zur Charite - die Häuserschluchten für die Schallverstärkung nutzend. Lautsprecherbewehrte Demonstranten, die vor der FDP oder dem Weltuntergang warnen. Ein Led Zeppelin-Fan, der seine Nebenstraße selbstlos am „Immigrant Song“ teilhaben lässt. Liebende oder streitende Geschlechter. All das ergibt eine veritable Geräuschkulisse, die erst am Sonnabend morgen erlischt. Aber dann beginnt das Wochenende und da ist schließlich Fußball!

Übrigens: SV Blau Weiss Berolina Mitte 49 e.V. gegen FC Nordost – 1:0. Gratulation zum Aufstieg!

 
 

Autor:

Jürgen Pahl

 

16. Mai 2011 11:59:03

… gemischtsprachig: Schlecker mit dem neuen Claim an vorderster front der Kulturvernichtung.

schlecker

Natürlich ist die Erfindung eines Claims immer ein Spiel mit extremen Verkürzungen, assozierten Aufladungen und sprachlichen Doppeldeutigkeiten, das manchmal lustige Ergebnisse erzeugt. Nun haben sich die Schlecker-Drogeriemärkte an einem neuen Logo samt neuem Werbespruch versucht und herausgekommen ist: „For you. Vor Ort.“ Was soll man dazu sagen?

Es sind jedenfalls die zwei schlimmsten Textermoden der letzten Jahre vereint:
1) english if you can.
2) So viele Satzzeichen wie möglich.

Die HORIZONT hat den Marketingchef Volker Schurr gefragt was das soll:

Schlecker führt mit „For You. Vor Ort“ erstmals einen Claim ein. Fürchten Sie nicht, dass dieser Mix aus Deutsche und Englisch die Leute verwirrt? Der Claim soll mit einem Augenzwinkern vermitteln, was Schlecker ist: Der sympathische Nahversorger. Nein, mit Verwirrung rechnen wir nicht. Der Claim polarisiert, keine Frage. Das soll er aber ganz bewusst. Wir wollten keinen glattgelutschten, „geföhnten“ Claim. Wir haben verschiedene Claims getestet und dieser hat mit Abstand am besten abgeschnitten.

Dagegen hat die selbe HORIZONT ihre Online-Leser befragt und dabei kam heraus, dass 77 % den Claim „furchtbar“ finden.

Ich gehöre in diesem Fall zur Mehrheit.

 
 

Autor:

Magnus Hengge

 

16. Mai 2011 11:20:15

… wo der Müll singt: Das Park Sound Project soll unsere Parks schöner machen

<br />

Sie stehen einfach so am Wegesrand, wie kleine orangene Männchen mit breiten Mäulern, die zeitlebens beharrlich versuchen, den ihnen anvertrauten Müll aufzunehmen, auch wenn ihr Fassungsvermögen fast jedes Wochenende über die Maßen belastet wird. Über Nacht aber bekamen ein paar von ihnen im Schnelledurchlauf neue Kleider und eine Gesangsausbildung, wodurch sich ihr Arbeitsalltag ab heute nun deutlich verändert. Den Einwurf von jeglichen Materials müssen die nun grün gewordenen Männchen mit dem Trällern einer fröhlichen Melodie quittieren. Aus den Müllschluckern wurden Sängerknaben. Das ist das Park Sound Project.

Technisch gesprochen hört sich das so an: Es funktioniert mit Solarstrom. Ähnlich wie bei einem Parkscheinautomaten ist oben auf dem Mülleimer ein Solar-Panel. Die Abspielautomatik wird durch einen Wärmesensor ausgelöst, welcher leichte Veränderung der Temperatur wahrnimmt. Bei den Mülleimern ist das die Hand des Einwerfenden. Im Grunde genommen das gleiche Prinzip wie der Sensor einer Haustürbeleuchtung. Wenn Die Mülleimer voll sind, verändert sich die Temperatur nicht mehr, also erklingt keine Musik bis der Eimer wieder geleert wurde.

Bei meinem morgendlichen Hundespaziergang durch den Görli sah ich zwei grüne und 15 orangene Mülleimer. Die Musiker unter den Abfallbehältnissen stehen in der Nähe der Eingänge, so dass möglichst viele Menschen an ihnen passieren. D.h. die Aktion dürfte tatsächlich vielen Menschen auffallen, doch sind die Eingänge nun gerade die Orte, an denen die wenigsten Menschen etwas wegzuschmeißen haben. Erfahrungsgemäß quellen die Mülleinmer im Inneren des Parks nach den Wochenenden über und versinken in einem stinkenden Berg von Grillabfall, der ab Montag von den Krähen langsam abgetragen wird, bis dann irgendwann die Müllabfuhr kommt, um die Reste einzusammeln.

Das Park Sound Project möchte die Botschaft geben: „Lasst uns abfallfreie Flächen hinterlassen, denn auch morgen sitzt, singt oder spielt hier niemand gern im Müll.“Diese Botschaft ist sicher unterstützenswert, doch habe ich das Gefühl, dass es die Abfallsituation im Görli und im Mauerpark noch viel mehr entlasten würde, wenn man mehr und vor allem andere Abfallcontainer aufstellen würde. Wer die Mengen schon mal gesehen hat, die nach einem heftigem Grill-Wochenende im Park liegen, weiß, dass da nicht nur mehr kleine Eimer her müssen, sondern dass ganz andere Müllkonzepte erdacht werden müssen. Ich glaube mit zusätzlichen größeren Containern (getrennt nach Müllsorten, und einem extra Container für die oft noch heiße Kohle, um die regelmäßigen Müllbrände zu vermeiden) wäre dem Park mehr geholfen. Was nach einer Win-Win-Situation aussieht (für Parkbetreiber und Musiker), ist vielleicht doch leider eine letzlich wirkungslose Imagekampagne, wenn nicht gar eine akustische Lärmbelästigung.

Nachtrag (am 31.5.2011):

muellschutz
Leider glaube ich nicht an einen all zu großen Einfluss, des hier Niedergeschriebenen auf die Welt außerhalb des Blogs, doch oh Wunder, wenige Tage nach dem Post erschien im Park eine neuartige Form von Müllbehältnis. Oben mit Krähenschutzklappe, ansonsten ganz aus verzinktem Gitter. Das entspricht fast genau meiner Empfehlung! Diese Form von Müllbehältnis sollte flächendeckend und in verschiedenen Farben zum Sortieren des Mülls (vorallem in Asche und Restmüll) aufgestellt werden. Weiter so!

 
 

Autor:

Magnus Hengge

 

Letzte Beiträge

 

Themen

 

Berliner Bezirke

 

Beitragsarchiv

Suche

 

Text ohne Takt
von Joachim A. Buroh

4. Juli 2014

… unerhört

nicht in der Leitung
bleiben
durchs Bild
gehen und
lauter
schreiben

 
 

6. Januar 2014

… Tagesform

<br />

 
 

23. November 2013

… am Zug

U1 – U4

 
 
 
Berliner Ratschlag für Demokratie