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19. Juli 2014 12:53:29

… zu kurz gedacht: zu „Ran an die Buletten“ von Elisabeth Raether

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Im Zeit Magazin vom 17. Juli schreibt die Berliner Autorin Elisabeth Raether über ihre Gedanken zum eigenen und globalen Fleischkonsum und steift dabei ein paar philosophische Ideen, die sich aufdrängen sobald man ethische Fragen zum Thema Tiertöten stellt.

Zuerst werden die ganz großen Geschütze aufgefahren – „Speziesismus“. Soll bedeuten: Darf der Mensch überhaupt eine ethische Grenze hinter sich ziehen und den Tieren Rechte absprechen, die er für sich selbst reklamiert. Zugegeben, das ist tatsächlich eine der letzten philosophischen Fragen, an der sich die Zunft die Zähne ausbeißt. Im Fall der Argumentation für die Rechtfertigung von Fleischkonsum ist es ein geschickter Schachzug, eine Streitfrage ins Zentrum über die Entscheidung für oder wider das Fleisch-Essen zu stellen, die derart ungeklärt und stark emotional überlagert ist. Der/die Fleischesser/in darf sich derweil ausruhen und Braten-schmausend abwarten, bis sich die Gelehrten besonnen und die Erregten abgekühlt haben. Aber so leicht kommen sie da nicht raus. Die Welt verändert sich derweil in Richtung mehr Fleischkonsum und es ist geboten, eine Haltung dazu zu finden, die es erlaubt, das eigene Agieren in dieser Lage ethisch zu rechtfertigen. Natürlich ist das nicht gleichzusetzen mit dem Weggucken unter sozialem Druck, der in modernen großstädtischen Milieus vielleicht Richtung Fleischverzicht wirkt.

Zur Findung der eigenen Haltung ist es auch vollkommen egal, ob jemand Tiere liebt oder nicht, oder ob jemand den Kontakt zu Tieren kennt oder nicht. Man muss kein Tierfreund und kein Tierrechtler sein, um zu erkennen, dass eine Sau, die sich nie in ihrem Kastenstall bewegen konnte, nie Tageslicht sah, nie gewachsenes Futter, sondern von Medikamenten durchsetzten Proteinschlamm bekam, nie mit anderen Tieren sozial interagieren konnte, und dann von Automaten getötet wurde, nicht viel vom Leben hatte. Wer z.B. billiges Schweinefleisch konsumiert, nimmt billigend in Kauf, dass millionenfach in den Ställen gequält wird. Das gilt natürlich in besonderem Maße für die ganze Kette der Produktion, des Transports und des Handels! Man sollte sich dessen bewusst sein, beim Biss ins Filetstück, das vorher merkwürdigerweise zur Hälfte in der Pfanne verdampfte.

Ein anderer beliebter Versuch, Vegetarier zu belächeln, ist es, zu behaupten, Vegetarier seien alles Asketen. Was für ein Quatsch! Ich bin seit 25 Jahren ein Fleisch-Nichtesser und dabei ein großer Genießer. Ich liebe es zu kochen, zu essen – zu schlemmen. Und die anderen mehr-oder-weniger-Veggies in meinem Umfeld sind genauso gestrickt. Enthaltung und Boykott sind unsere Sache nicht. Wohl aber leiten wir aus Überzeugungen Verhaltensweisen ab, die wir sozialverträglich für uns und andere, versuchen zu leben. Radikale Forderungen zu konsequent veganem Leben sind tatsächlich nur mit erhöhten (vor allem sozialen) Belastungen umsetzbar, und deshalb nicht unbedingt angemessen. Schon gar nicht taugt darum die Umkehrung „wer nicht total vegan lebt, handele inkonsequent und unlogisch“ dazu Menschen zu diskreditieren, die bewusst den Konsum von tierischen Produkten einschränken.

Die Forderung nach vollständiger Konsequenz ist sowieso immer ein argumentativer Fehler. Soll man, wenn nach einem Autounfall drei Menschen schwer verletzt herum liegen, bei keinem erste Hilfe leisten, nur weil man es nicht schaffen kann, allen zu helfen?

Ebenso verhält es sich mit dem Argument, es würde der Welt (ökologisch und sozial) nicht helfen, wenn alle landwirtschaftliche Produktion auf vegane Erzeugung umgestellt würde, weil dann große Flächen, die nur als Weidefläche dienen können, ungenutzt verödeten und man die fehlende Düngewirkung, des dann nicht anfallenden Tiermistes nur mit künstlich hergestelltem Phosphordünger ausgleichen könne. Das mag ja stimmen, aber die Agrarwirtschaft ist so unendlich weit davon entfernt, komplett vegan zu sein, dass diese Hypothese vollständig irrelevant ist. Etwa so nützlich wie die Frage, was passierte, wenn weltweit kein Erdöl mehr verbraucht würde. So etwas ist vielleicht ein nettes Gedankenspiel, aber man kann daraus keinerlei Maxime für das eigene Handeln ableiten.

Die Realität ist, dass zwar in hochentwickelten Industrieländern wie in Deutschland, eine moralisch aktive und ethisch gut bewaffnete Vegetarierfront mediale Aufmerksamkeit genießt, diese aber weltweit gesehen auf das Ausmaß des tatsächlichen Fleischkonsums keinerlei Einfluss hat. Es ist sogar so, dass in Gesellschaften, die bis ins letzte Jahrhundert traditionell stark vegetarisch lebten (Indien, China), der Fleischkonsum extrem stark anwächst. Er gilt dort als erstrebenswerter westlicher Luxus. Die Agrarproduktion sieht sich im globalen Maßstab herausgefordert, mehr Fleisch zu produzieren und nicht weniger. Es ist darum absurd, die ökologische Belastung von rein veganer Produktion als Argument für Fleischkonsum zu verwenden. Es gibt keine vegane Agrarproduktion, die in irgendeiner Weise über das Versuchsstadium hinausgeht. Wer damit argumentiert, spielt den industriellen Agrarkonzernen in die Hände und unterstützt alles was damit zusammenhängt: Börsenhandel von Futtermitteln, die als garantierte Grundnahrungsmittel für Menschen dienen sollten, globale Ungleichheit bei der Rentabilität von Landwirtschaft durch Subventionen in den Industrieländern und vieles mehr.

Was die Gesellschaft, die Politik und jede/r einzelne deshalb im Auge behalten muss, sind die ökologischen und sozialen Belastungen, die durch Fleischproduktion und -konsum entstehen. Es geht um Massenproduktion, die den allergrößten Teil der Agrarproduktion ausmacht und die überall, sowohl gesetzlich gefördert, wie behördlich nur mangelhaft bis gar nicht kontrolliert wird. Es wäre nichts dagegen einzuwenden, wenn weltweit jede/r Verbraucher/in in der Nähe eines Bio-Bauernhofs lebte, dort mit dem Fahrrad hinführe, um Fleisch von einem Tier zu kaufen, das zu Lebzeiten einen eigenen Namen hatte. Vielleicht würden dann sogar Innereien, Hoden oder Haxen wieder gekauft. Ein solches Szenario ist eine reine märchenhafte Wunschvorstellung, die ebenso wenig hilfreich ist, wie andere Maximal-Szenarien. Was soll man daraus ableiten können?

Wir sind derzeit in einem Stadium, in dem man als Verbraucher nicht mehr tun kann, als Bewusstsein zu schaffen. Das kann man mit dem eigenen Kaufverhalten machen, das vielleicht in Form von Nachfrage beim Handel und bei den Produzenten ankommt, das kann man bei der Grillparty tun, in dem man den Fleischgrillern beibringt, wie man Gemüse so grillt, dass es super schmeckt (nämlich vorher mariniert, kurz im vollen Feuer und natürlich nicht mit Alufolie drunter!) und, in dem man öffentliche Foren dazu verwenden, keinen Scheiß zu verbreiten.

Darum, Frau Raether, ist ihr Text nicht mehr als die versuchte Ausrede einer Fleischesserin – nicht mehr als großer Käse.

(Der Text aus dem Zeit Magazin ist leider nicht inzwischen auch im Netz. Es gibt dazu noch eine argumentative Zusammenfassung, die sich aber im Kontext doch ziemlich anders liest.)

Andere etwas knackigere Entgegnung vom Graslutscher …

 

Autor:

Magnus Hengge

 

6 Reaktionen zu “… zu kurz gedacht: zu „Ran an die Buletten“ von Elisabeth Raether”

  1. karl (selektiv/temporärer carnivor)

    danke für diesen beitrag. wenn auch als kritik gedacht liest sichs wie ein für mich annehmbares manifest der ernährung

  2. b tü

    danke, lieber magnus,
    das klingt ja ziemlich schlimm, ein grund mehr, sich weniger zeit zu nehmen…
    b-grü

  3. Andreas Credo

    Frau Raether ist ein Herdentier. Sie denkt und argumentiert stets über breite Masse.

    Durch Leute, die für sich individuell bisherigen Verhaltens-Mainstream in Frage zustellen, fühlt sie sich selbst in Frage gestellt, ja geradezu bedroht:
    „Nur weil andere es modern und großstädtisch finden, kein Fleisch zu essen, muss ich nicht Vegetarierin werden. “ Ach, dieser Rechtfertigungsdruck.

    Und da diese Andersdenker – wie sie schreibt – bei ihr ein schlechtes Gewissen erzeugen (warum eigentlich?), wird als nächstes ausführlich beschrieben, wie sie bei Gudrun und Herrmann auf Pellworm auch mal ein Bioei kauft. Einmal im Jahr. Im Urlaub. An Ostern. Ja, so einfach ist der Eintritt in die Gruppe der guten Menschen. Aussenstehen ist eben nicht Frau Raethers Sache.

    Tja und weil Dabeisein alles und das Individuum nichts ist, wird sogar die Tiertötung nach diesen Kriterien entschuldet.
    Dabei, Frau Raether, ist es beim Töten völlig irrelevant, ob es andere Schafe auf der Weide kümmert. Es geht darum, ob es das getötete Tier kümmert.
    Man schaffte übrigens auch nicht die Todesstrafe wegen den anderen Menschen ab, sondern wegen dem Delinquenten.

  4. zilti

    „Dabei, Frau Raether, ist es beim Töten völlig irrelevant, ob es andere Schafe auf der Weide kümmert. Es geht darum, ob es das getötete Tier kümmert.“ Was für ein Blödsinn. Wenn das Tier tot ist, kümmert es das Tier nicht mehr, denn weder tote Tiere noch tote Menschen kümmert irgendwas, sie sind ja tot und haben weder Gefühle noch Gedanken.

    Zum Kommentar: „Das mag ja stimmen, aber die Agrarwirtschaft ist so unendlich weit davon entfernt, komplett vegan zu sein, dass diese Hypothese vollständig irrelevant ist.“ genau darum ging es aber: Viele Veganer begründen ihr veganes Leben damit, dass es zu wenig Essen gibt, und durch Fleischverzicht so viel zusätzliches Land für Pflanzenanbau zur Verfügung stünde. Um dieses Argument, und sonst nichts, ging es da.

    Gibt noch mehr, aber meine Zeit ist begrenzt… Ich habe nichts gegen Vegetarier und Veganer, und ich esse auch nicht dauernd Fleisch. Aber ich habe etwas gegen Leute, die mit ihrem Veganismus unter Zuhilfenahme von Bull****argumenten herummissionieren.

  5. ANDREAS CREDO

    @ ZILTI: Das Bepöblen anderer („Blödsinn“, „Bullshit“) geht ja schon mal wesentlich flotter von der Hand als das eigene Denken. Hier eine Denknuss:
    Ihnen ist es egal, wenn Sie morgen sterben müssen, denn Sie sind dann ja eh … nunja… tot eben?
    Übrigens bezieht sich auch der zweite Kommentar explizit auf eine Textstelle Raether und nicht, wie Sie denken, auf zusätzliches Ackerland. „Der vegane Landwirt will den Planeten retten und setzt auf Dünger, der Chinesen und Fische vergiftet.“ Darum geht es und sonst nichts.

  6. Steffen H.

    Ich finde der Artikel ist sehr gelungen, da er, glaube ich, die Gefühls- und Gedankenwelt vieler Menschen betrifft. Man muss wohl differenzieren zwischen der ethisch philosophischen Frage ob es vertretbar ist Tiere zu töten um sie zu essen und der eher ökologischen, moralischen Frage auf welche Art das heute stattfindet und was diese Art und Weise für Konsequenzen hat. Massentierhaltung ist ein Symptom unserer Wirtschaftsform. Sobald ein Produkt in Konkurrenz zu anderen Produkten steht (dabei ist es egal ob Rindersteak oder Saitan), werden irgendwo in der Produktionskette Sparmaßnahmen ergriffen, die negative Folgen haben. Obst oder Gemüse aus Almeria in Südspanien belastet die Umwelt stark. Es kann durchaus sein, dass das Obst und Gemüse aus Almeria im Vergleich zum billigen Schweinefilet, ökologisch gesehen, das geringere Übel ist. Nichtsdestotrotz ist es ein Übel. Spannend wird es wenn man das Gemüse mit dem Hühnerei vom „Bauern nebenan“ vergleicht. Da fällt die Frage nach dem kleineren Übel nicht so eindeutig aus. Wenn man die ethisch philosophische Frage außer Acht lässt, kommt man daher schnell auf einen Nenner. Die „Wertigkeit“ des Produkts, egal wie vegan, biologisch oder tierisch es sein mag, steht und fällt mit der Produktion. Sobald der „Preiskampf“ beginnt verblassen Nachhaltigkeit und Ethik zu reinen Marketinginstrumenten. Bei jedem Produkt. Aufgrund der leider viel zu komplexen Zusammenhänge unserer globalisierten Welt, bedeutet vegan zu leben noch lange nicht keine Tiere auf dem Gewissen zu haben. Dass Merinowolle, Daunenschlafsäcke negative Auswirkungen haben können ist offensichtlich. Was Palmöl und Agrarwirtschaft für Auswirkungen auf die Tierwelt haben weniger. Damit will ich nicht sagen „Es bringt eh nichts“. Ich will sagen, dass vegan leben alleine nichts bringt. Sondern, dass eine Umstellung des Konsums immer auch eine Stärkung anderer Branchen bedeutet und dass hinter 99,99% aller Waren negative Auswirkungen stecken. Vegan leben ist also grundsätzlich positiv, da es vor Allem das Bewusstsein für Umweltproblematiken stärkt und mit Sicherheit ein kleineres Übel darstellt als Discounterfleisch. Aber ein kleinerer Fußabdruck ist leider noch immer ein Fußabdruck. Vielleicht sollten wir uns deshalb eher um den Nährboden der Massentierhaltung und der Sojaproduktion kümmern. Ewiges Wachstum in einem insichgeschlossenen System scheint einfach nicht praktikabel zu sein.

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