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9. November 2011 19:01:12

… nachgefragt: Der öffentliche Raum I

Es ist Zufall, aber ich greife ihn gern auf: Im vorhergehenden Beitrag  war u.a. von den Berlinern die Rede, die ihre Stadt noch mehr bewohnen müssen. Ich greife mal einen speziellen Aspekt dazu heraus.

Wer hat es nicht selbst schon x-mal erlebt! Da wird an einem historisches Gebäude ein hässliches oder/und kommerzielles Riesenplakat aufgehängt; da besetzen Gastwirte mit ihren Tisch- und Stuhlbatterien die Bürgersteige, so dass niemand mehr vorbeikommt; da reserviert sich ein Unternehmen Parkplätze im öffentlichen Raum; da sperrt eine Baufirma die Straße ab, okkupiert Flächen und macht die Anwohner faktisch zu Geiseln, weil die nicht mehr wissen, wo sie entlang laufen, wie sie mit ihrem Auto aus der Straße herauskommen und wo sie schließlich parken sollen. Was passiert in Berlin eigentlich so mit öffentlichen Stadträumen und -flächen und wie verhält sich dazu die Verwaltung?

Ich habe mir mal drei Beispiele aus dem Stadtbezirk Mitte herausgesucht und am 26.10.11 per Mail beim Bürgeramt Mitte folgende Fragen gestellt:
1. Haben die genannten Betreiber bzw. Investoren eine Genehmigung vom Bezirksamt Mitte, öffentlichen Raum für ihre eigenen, privaten, geschäftlichen Zwecke teilweise oder auf Dauer zu nutzen?
2. Bezahlen die genannten Betreiber/Investoren dafür eine Gebühr an den Stadtbezirk und wenn ja, in welcher Höhe?
3. Welche gesetzlichen Grundlagen werden für die private Nutzung von öffentlichem Raum zugrunde gelegt und sollen diese beibehalten werden?

Am 8.11.11 kam die Antwort-Mail aus dem Büro des Bezirksbürgermeisters mit der Information, dass meine Anfrage an den Bezirkstadtrat für Stadtentwicklung und Ordnungsamt zur Beantwortung weitergeleitet wurde. Fortsetzung folgt.

 
 

Autor:

Jürgen Pahl

 

8. November 2011 23:51:45

… schön. Der Berliner Flaneur Franz Hessel

Flughafen Tempelhof 2009 @LiAGeese

Ein „Memorieren im Schlendern“ nennt Walter Benjamin, der Autor des Passagenwerks, Franz Hessels 1929 erschienenes Buch Spazieren in Berlin. Wie Benjamin ist Hessel ein Flaneur und feinsinniger Beobachter, der kompromisslos subjektiv eine Stadt beschreibt, die nicht mehr und zugleich doch immer ist. Faszinierend, und selbst für intime Kenner der Berliner Stadtgeschichte lehrreich, sind dabei nicht nur seine liebevollen Beschreibungen des Alltags – Märkte, Mode, Manufakturen – und touristischer Highlights – Dom, Schloss, Dampferfahrt –, sondern die Parallelen, die sich, zwanzig Jahre nach dem Mauerfall, zum heutigen Berlingefühl ergeben.

Hessel erzählt von einer Stadt im Aufbruch, in der der Erste Weltkrieg Erinnerung zu werden beginnt, die boomt, die geprägt wird vom architektonischen Übergang von der Gründerzeit zur Moderne, in der „Groß-Cafés“ entstehen, und in der er Heldendenkmäler nur noch als hässliche Anachronismen wahrnehmen möchte. Zentrale Plätze ändern ihr Gesicht, das Scheunenviertel verschwindet, der Alexanderplatz entsteht, neben den Bauten Schinkels manifestieren die prächtigen „Tempel der Arbeit“, die Peter Behrens für Borsig und Siemens errichtet, die Metropole im Werden. Hessels Begeisterung für die urbane Dynamik und den Nonkonformismus, die auch das heutige Berlin wieder auszeichnen, stecken an. Gleichgültig ob man mit ihm über „die weite Fläche“ des Flughafens Tempelhof spaziert, den „alten Westen“ der Maaßen-, Derfflinger- und Kurfürstenstraße besucht, der „aus der Mode gekommen ist“, weil die Wohlhabenden „jetzt“ am Ku’damm und im Westend leben, oder „die Budenstadt eines Marktes“ ansteuert, „der das ganze Maybacher Ufer bedeckt“: Man kann sich der unbändigen Sehnsucht des Autors nach dem Bestehenden nicht entziehen.

Und doch sieht die Leserin heute natürlich auch die Vorboten des Grauens, das nur vier Jahre nach dem Erscheinen des Buches die Gesellschaft zu durchdringen begann und vor dem der Romancier, Lyriker und Rowohlt-Lektor Hessel am Ende selbst fliehen musste. Im Rückblick erschauert man, wenn man seinen Bericht über den Schöneberger Sportpalast liest: „Mit unparteiischem Echo dröhnen seine Wände ‚Hakenkreuz am Stahlhelm’ und ‚Auf zum letzten Gefechte’ wider wie die Zurufe der Sportfreunde. Es ist ja alles Überschwang derselben ungebrochenen Lebenslust.“

Wie rasch diese „Lebenslust“ bei den Nazis zur Mordlust wurde, spürte der 1880 geborene Sohn eines jüdischen Bankiers bald am eigenen Leib. Bis kurz vor den Novemberpogromen 1938 blieb er trotz Berufsverbots in Deutschland. Dann kehrte er – widerwillig – nach Paris zurück, wo er bereits während des Ersten Weltkriegs gelebt hatte. 1940 flieht er von dort vor der vorrückenden deutschen Wehrmacht ins südfranzösische Sanary-sur-Mer, wo er bald nach seiner Freilassung aus dem berüchtigten Internierungslager Les Milles, 1941 stirbt.

Im Geleitwort zur 2010 erschienenen Neuauflage des Buches seines Vaters schreibt Stéphane Hessel (Indignez-vous!): „Heute bin ich viele Jahre älter, als mein Vater gelebt hat. Mehr denn je scheint es mir nun notwendig, seine Botschaft weiter zu tragen. Jahr um Jahr kommt sie mir näher. Ohne sie, so erscheint es mir heute, können wir die bedrohliche, gefährliche, zerbrechliche Gesellschaft unserer Zeit nicht bewältigen. Aus der Erschütterung, die er nicht überlebte, trifft sein Lächeln mich tiefer als jeder Schrei.“

Franz Hessel formulierte eine eigene Botschaft speziell für die Berliner, denen er das Nachwort widmet: „Bisher wurde Berlin vielleicht wirklich nicht genug geliebt.“ Und er fordert seine Mitbürger auf: „Wir Berliner müssen unsere Stadt noch viel mehr – bewohnen“, was gar nicht so leicht sei „bei einer Stadt, die immerzu unterwegs, immer im Begriff ist, anders zu werden und nie in ihrem Gestern ausruht. … Wir wollen es [Berlin] … so lange anschauen, liebgewinnen und schön finden, bis es schön ist.“ Vielleicht wäre der Versuch, sich dieser Aufgabe anzunehmen, auch eine Form, das Gedenken an einen der vielen, die der Nationalsozialismus ins Exil und in den Tod trieb, wachzuhalten. Inspiriert von einem zauberhaften Buch, dessen Lektüre Vergänglichkeit ebenso wie die schönen Seiten vergangener Welten evoziert. Die Gegenwart birgt schließlich die Vergangenheit ebenso wie die Zukunft.

 
 
 

8. November 2011 17:04:29

… Krautrock: Jaki Liebezeit im Festsaal Kreuzberg und Can im Künstlerhaus Bethanien

Als mir vor drei Jahren der Schauspielintendant der Wuppertaler Bühnen Christian von Treskow erzählt hat, dass er sich derzeit sehr für alles Kraurrockige interessiere, war mir dieses Interesse noch sehr fremd. Kraurock ist was für Ü50 Menschen dachte ich, doch als dann Jaki Liebezeit in Wuppertal spielte, hörte ich mich in dessen heutige Musik ein und wurde im Handumdrehen zum „Fan“. Als Ex-Drummer liegen die verdrehten und ungeraden Rhythmen des ehemaligen Can-Schlagzeugers natürlich voll auf meiner Wellenlänge und der in den 60er-Jahren geschulte Elektromusiker Burnt Friedmann bringt so viel Ideenreichtum mit, dass es gegenüber seinen technoiden 90er-Jahre Nachfolgern eine wahre Wonne ist.

Das Duo spielt am 15. Dezember wieder mal in Berlin im Festsaal Kreuzberg. Schon letztes Jahr traten sie in der Volksbühne auf. Damals war es doch sehr meditativ und ruhig, wenn nicht schon einschläfernd. Besonders auch, weil die dazu gebeamten Videobilder so mitreißend waren, wie das ausgedehnte Betrachten einer blubbernden Lavalampe. Ich hoffe das wird diesmal etwas lebhafter visualisiert (oder gar nicht).

Ebenfalls dem Krautrock verpflichtet ist die kommende Ausstellung (ab 24. November) über die Band „Can“ im Künstlerhaus Bethanien. Wahrscheinlich ist die 50+ Generation inzwischen einfach als bestimmende Kuratoren-Generation angekommen und beschäftigt sich nun öffentlich mit der Aufarbeitung ihres jugendlichen Musikgeschmaks. Da sich dies derzeit gut mit  gewissen, nerdigen Jugendvorlieben verbindet, scheint die Zeit reif dafür.

Im Allgemeinen empfehle ich zur gesamtgesellschaftlichen Krautrock-Einfinung diesen BBC-Film (auf englisch). Da lässt sich nachvollziehen, wie eine ganze Musikergeneration nach eigenständig deutschen, von der Vergangenheit unbelasteten Ansätzen suchte.

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Autor:

Magnus Hengge

 

6. November 2011 19:35:36

… dramatisch: Selbstmord eines Dichters

Es war heute beinahe schon unheimlich still im Zuschauerraum. Sekunden vergingen, ehe sich der Bühnenvorhang hob und die Grande Dame des Deutschen Theaters, Inge Keller, mit der Lesung begann. Darin ging es, kurz gesagt, um eine alleinstehende Frau mit zwei Kindern, die nun zum dritten Mal schwanger wird, jedoch den Vater nicht kennt. Um ihn zu ermitteln, setzt sie eine Annonce in die Zeitung und fordert ihn auf, sich bei ihr zu melden, um ihn zu heiraten. Die Erzählung beginnt wie folgt:

In M…, einer bedeutenden Stadt im oberen Italien, ließ die verwitwete Marquise von O…., eine Dame von vortrefflichem Ruf, und Mutter von mehreren wohlerzogenen Kindern, durch die Zeitungen bekannt machen: daß sie, ohne ihr Wissen, in andre Umstände gekommen sei, daß der Vater zu dem Kinde, das sie gebären würde, sich melden solle, und daß sie aus Familien-Rücksichten, entschlossen wäre, ihn zu heiraten …“

Inge Keller weiß, wie nur wenige deutsche Schauspieler, ihre Worte, Pausen, Gesten und Mimik wohl zu setzen. Trotz des anspruchsvollen Textes ist es ein Genuss, ihr zu lauschen. Natürlich ist auch der Autor der Erzählung, der präzise Sprache mit komplizierten Satzkonstruktionen bewundernswert unfallfrei verbindet, daran nicht unbeteiligt. Er erzeugt Spannung, obwohl die Handlung Jahrhunderte zurück liegt, wie auch bei dieser Erzählung, die wie folgt beginnt:

An den Ufern der Havel lebte, um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts, ein Roßhändler, Namens Michael Kohlhaas*, Sohn eines Schulmeisters, einer der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit …“ (Hier geht es im folgenden um das Recht des Einzelnen im Staat und seine schließliche Durchsetzung durch Selbstjustiz)

Beide Erzählungen – „Die Marquise von O….“ und „Michael Kohlhaas“ – stammen aus der Feder von Heinrich von Kleist (1777-1811), deutscher Dramatiker (u.a. „Der zerbrochne Krug“) und Erzähler. Die in jenen beiden gewählten Sujets lassen bereits erahnen, dass er ein „Außenseiter im literarischen Leben seiner Zeit“ war. Immer wieder setzte sich Kleist künstlerisch mit dem Verhältnis von Bürger, Obrigkeit, Recht und Moral auseinander, doch scheiterte er immer wieder am Staat, u.a. durch Aufführungsverbot für „Der Prinz von Homburg“. Dieses, Krankheit und materielle Not führten schließlich zu dem verhängnisvollen Ende. Am 21.11.1811, also vor fast genau 200 Jahren, schied Heinrich von Keist, gemeinsam mit einer Freundin, am Kleinen Wannsee aus dem Leben. Ob der dort befindliche kleine Gedenkstein inzwischen restauriert wurde, ist mir nicht bekannt.

* An die historische Figur des Michael Kohlhase oder Michael Kohlhaas erinnert der kleine Ort Kohlhasenbrück am südwestlichen Zipfel Berlins gelegen.

Nachtrag 19.11.11: Lt. Berliner Zeitung von gestern wurde die Grabstätte am Kleinen Wannsee erneuert und wird am 21.11.11 übergeben.

 
 

Autor:

Jürgen Pahl

 

4. November 2011 21:22:38

… never for money: Indie-Kino mit Sean Penn und David Byrne

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Sean Penn in Cheyenne. This must be the place. [© Delphi Filmverleih]

Never for money. Always for love! So lautet das Motto des neuen Films des italienischen Filmemachers Paolo Sorrentino, der 2008 mit Il divo in Cannes den Jurypreis gewann. Nie für Geld – aber Geld hilft. Und Geld hat Cheyenne, der gealterte Rockstar der 1980er Jahre - genial zottelig, drömelig und slow gespielt von Sean Penn – dessen beste Jahre als Musiker, Junkie und Alk hinter ihm liegen. Heute residiert er im Vakuum seiner Erinnerungen, glücklich verheiratet mit Jane (Frances McDormand) in einer prächtigen Villa im ewig grünen Irland. Mit wasserlosem Swimmingpool („Hier spielen wir Pelota …“) und Designerküche, an deren Wand in großen Lettern CUISINE steht, in der Cheyenne Tiefkühlpizza im Backofen aufwärmt. Opulenz, Dekadenz – und Langeweile, gepaart mit Zynismus, Selbstironie und wilder Entschlossenheit, das alte Leben auf der Überholspur mit dem Phlegma der zugedrönten Schnecke zu konterkarieren. Vom einstigen Ich geblieben sind Schminktipps („Ein Hauch Puder auf die Lippen, und dein Lippenstift hält den ganzen Tag.“) und ein Rollkoffer, der farblich abgestimmt auf den jeweiligen Zweck zum Einkaufen ebenso mitgenommen wird, wie zum Briefkasten, auf den Friedhof oder zur Schiffspassage auf der Queen Mary nach New York („Ich bin 30 Jahre nicht in ein Flugzeug gestiegen.“).

Dreißig Jahre ist es her, dass Cheyenne zum letzten Mal mit seinem Vater sprach, der sich als Ausschwitzüberlebender in Amerika ganz der Verfolgung seines Peinigers im KZ verschrieben hatte, und ohne ihn zu finden starb. Wie das Verschwinden des Sohnes seiner Nachbarin (Olwen Fouéré) und die Bindungsunfähigkeit deren Tochter Mary (Eve Hewson) lässt Cheyenne das Leiden der anderen scheinbar unberührt. Zunächst jedenfalls. In seinem Mikrokosmos herrscht die Gleichgültigkeit des ein für alle Mal Übersättigten. Kenn ich, war da, alles schon gehabt. Cheyenne ist Nabel der Welt, und sich selbst genug („Ich weiß nicht, ob ich die Tesco-Aktien verkaufen soll …?“). Und doch treffen der Tod des Vaters und dessen nie vollzogene Rache am Agenten des Holocaust einen Nerv beim Sohn. Fern vom irischen Idyll macht sich Cheyenne mit Hilfe des Nazijägers Mordecai Miller (Judd Hirsch) auf die Suche nach dem KZ-Wächter Alois Lange (Heinz Lieven) – via Michigan und New Mexico bis Utah. Den bizarr schönen Stadtansichten aus Dublin folgt das Roadmovie im Pick-up durch grandiose amerikanische Landschaft. Und weil die 1980er auch New Age und Esoterik waren, findet Cheyenne am Ende … auch sich selbst. Nicht da, wo er sich irgendwann einmal verloren hatte, und doch authentisch.

Cheyenne. This must be the place ist ein sympathischer Film, der vom Charisma seiner bis in die kleinste Nebenrolle optimal gecasteten Darsteller und dem Soundtrack von David Byrne und Will Oldham ebenso lebt, wie von seinen zahlreichen zarten Ideen, untergründigem Humor, minimalistischen Dialogen und exquisiten Bildern (Kamera: Luca Bigazzi). 118 Minuten voll Witz und Tragik, Wehmut und Optimismus, und sehr viel Gefühl. Am 10. November kommt die irisch-französisch-italienische Koproduktion ins Kino. Gerade rechtzeitig, um uns unterlegt von sonnigem Postpunk und New Wave Klängen den beginnenden Winter in Deutschland zu versüßen.

 
 

Kategorie:

Geschichte | Kino | Musik | Pop

 

4. November 2011 20:23:18

… und transparent: Der kleine Luther

Immer wieder wird über mangelnde Transparenz geklagt: In der Politik, in der Wirtschaft, ja selbst im Sport und in der Kultur. Ex-Parteivorsitzender K. ließ darüber im unklaren, woher das Spendengeld kam. Minister G. wollte nicht erkennen, wen er in seiner Doktorarbeit verarbeitet hat. Manager H.v.P. war zwar immer für Transparenz, aber in seinem Konzern wurde bestochen, dass die Heide wackelte. Baufirma D. klagt gegen eine undurchsichtige Auftragsvergabe. Kollegin K. kann nicht begreifen, warum er nun Abteilungsleiter geworden ist und nicht sie. Dichter Z. verliert seine letzten Haare, weil die Jury wiederum nicht ihm den lange ersehnten und verdienten Preis zuerkannt hat. Chefredakteur H., siegesgewiss, wird nicht Indendant, sondern die Frau W., dazu noch Ostdeutsche! Bewährter, harter Polizeiführer muss vorerst weiter von seinem neuen Posten träumen. Ergo: Wie viele liegen vor einem Pöstchen auf der Lauer; dann kommt plötzlich ein Dritter aus dem Gebüsch und ist Sieger. Wo liegt die Ursache für all den Gram? Nun: Keiner kennt die Spielregeln richtig, insbesondere aber nicht ihre Auslegung. Das muss nicht sein.

Ganz anders dagegen mein Hausmitbewohner R. Er nimmt das große Eingangstor unseres Mietshauses, in dem eine Menge Leute wohnen, sozusagen als Kirchentür von Wittenberg und schlägt dort, nein Thesen sind’s nicht, sein Vergabepersonaltableau an. Der Herr R. hat wirklich was zu vergeben, nämlich die Leitung von Weihnachtsmärkten in brandenburgischen Städten. Dazu lädt er die Bewerber – einer von ihnen wird dann der Glückliche – zu Personalgesprächen ein. Also 14.00 – Herr B., 14.30 – Frau C., das geht bis abends durch. All das ist fein säuberlich mit Klarnamen auf eine DIN-A4-Seite geschrieben und auf das Eingangstor zur Straße hin geklebt. Seien wir ehrlich: So transparent haben wir uns die Demokratie und die Marktwirtschaft immer erträumt.

Ich gehe nun davon aus, dass R. das Ergebnis seiner umfangreichen Gespräche morgen früh am Tor aushängen wird. Ob die unterlegenen Kandidaten mit einem (öffentlichen) Frühschoppen abgefunden werden, ist noch nicht bekannt.

* Auf evtl. Nachfragen gebe ich vorab bekannt: Selbstverständlich existiert von diesem Aufruf ein Foto. Dieses kann aber leider aus Geheimhaltungsgründen nicht veröffentlicht werden.

 
 

Autor:

Jürgen Pahl

 

1. November 2011 20:26:29

… mutig: Alexis Sorbas soll nun abstimmen!

Vergleiche hinken. Dennoch: Einmal angenommen, der sich gerade konstituierende Berliner Senat würde beschließen, dass aufgrund der großen Schulden des Landes Berlin die Gehälter der Landesbediensteten um 15% gesenkt werden, dass ein großer Teil der Mittel für Soziales und Kultur gekürzt wird und dass sich die Preise für den ÖPNV deutlich erhöhen. Man nehme weiter an, dass der gleiche Senat diese Maßnahmen zum Gegenstand einer Volksabstimmung machen würde, an deren Ergebnis er sich gebunden fühlte. Man ahnt, was herauskommt.

Über die Einführung des Euro, der definitiv – Warenkorb hin oder her – zu einem Teuro geworden ist, wurde in Deutschland nie abgestimmt. Auch da ahnt man, zu welchem Votum das geführt hätte. De Facto hat die sich seit 1990 mit voller Wucht ausbreitende Globalisierung, die Produktivität und das Know how der deutschen Wirtschaft und die seit 1999 bestehende gemeinsame Währung für die deutschen Konzerne und Mittelständler, insbesondere im Export, durchaus positive Auswirkungen gebracht, aber welchen Preis haben das Gemeinwesen, die Beschäftigten, Arbeitslosen, Steuerbürger und Konsumenten in Deutschland dafür zahlen müssen? Zum Beispiel: Wachsende Staatsschulden, Klamme Kommunen, die ihre einfachsten Aufgaben kaum noch finanzieren können, immer mehr prekäre Arbeitsverhältnisse, stagnierende und viele Jahre sogar sinkende Reallöhne und – einkommen von Arbeitnehmern (Banker und Finanzmakler gehören dagegen zu den Gewinnern), Milliardenverluste, die durch das Agieren wildgewordener Banken, ja auch Landesbanken, entstanden sind, ein zurückgebliebenes Bildungssystem und eine ständig wachsende Kluft zwischen Arm und Reich hierzulande.

Griechenland ist gleichfalls Mitglied der Eurozone, hat aber größere Probleme, die inzwischen ganz Europa beschäftigen. Nun wird im tatsächlichen Mutterland der Demokratie das Volk abstimmen. Über das Sparprogramm seiner Regierung, über den Euro und letztlich über Europa. Erst protestierten und streikten die Griechen gegen die drastischen, wirtschaftlichen Einschränkungen und ihre Führung. Jetzt werden sie von der Regierung an die Wahlurne gerufen. Das Ergebnis der Abstimmung soll bindend für deren weiteres, politisches Handeln sein. Alexis Sorbas hat es in der Hand. Und was wird mit Lieschen Müller?

 
 

Autor:

Jürgen Pahl

 

30. Oktober 2011 21:01:37

… Zeit(en)umstellung: Knopfler, Dylan und Richards

Gestern brachten Mark Knopfler und Bob Dylan ihr groß angekündigtes Konzert in der O2-Halle Berlins über die Bühne. Manche werden dies später vielleicht einmal als legendäres Treffen stilisieren. Für mich passt es jedoch haargenau zu diesem Wochenende: Zeit(en)umstellung. Man hörte bei diesem Musikereignis, das faktisch ein Doppelkonzert war, keine Tageshits, sondern Jahre überdauerndes.

In der nahezu ausverkauften Mehrzweckhalle begann Knopfler pünktlich auf die Minute seine wunderbaren Gitarrensoli zu zelebrieren und – gemeinsam mit seiner Band – satten Klangteppiche auszubreiten. Während die ersten drei Titel rythmisch-rockig mit Blues-Elementen daherkamen – es ist einfach ein prägendes Bild und ein wunderbarer Klang, wenn fünf Gitarren zugleich auf der Bühne tätig sind – wurden anschließend einige Songs mit Folkklängen gespielt. Die Zuhörer, insbesondere die Dire Straits-Fans, waren aber doch beglückt, dass dann „Brothers in Arms“ zu hören war. Knopfler, die ganze Zeit sanft und freundlich, spendierte am Ende eine Zugabe.

Nach der Pause erschien Dylan, seine Bandmitglieder mit dunklen, er mit einem hellen Hut und legten sofort los. Mark Knopfler spielte während der ersten vier Titel mit, u.a. bei „It’s all over now, Baby Blue“. Beide agierten zusammen, vermieden es aber, nach vorn an die Rampe zu gehen. Der Abgang Knopflers von der Bühne war dann ein kurzer, davon huschender Schatten. Dylan und seine Band spielten einfach nur großartigen Rock‘n Roll. Daran änderte auch seine krächzende Stimme und der abgehackte Bellgesang, der an einen gereizten, wütenden Dorfköter erinnerte, nichts. Vielleicht wollte er damit nur jene hinausbegleiten, die das Konzert vorzeitig verließen. Fast am Ende gab Dylan dem Publikum mal wieder eine neue Version von „Like a Rolling Stone“ zu Gehör. Warum gefällt mir die ursprüngliche Fassung immer noch am besten? Zum Abschluss stellte Bob Dylan seine Band vor, verbeugte sich mit ihr vor dem jubelnden Publikum und verließ, ohne eine Zugabe zu gewähren, die Bühne.

Die Zeit(en) nagt an den Menschen und ihrem Tun - obwohl man es bei manchen nicht glauben mag. Neben Bob Dylan könnte man dafür auch die Rolling Stones nennen. Im Grunde ist man jedoch dankbar, dass die alten Helden immer noch spielen. Was bleibt? Keith Richards unterschrieb auf dem Bucheinband zu seiner Autobiografie „LIFE“ diesen Satz: „This is the life. Believe it or not. I haven’t forgotten any of it. Thanks+Praises.“ Manchmal muss man nicht glauben, sondern kann sehen oder hören.

 
 

Autor:

Jürgen Pahl

 

23. Oktober 2011 13:34:34

… Man in Black: Der Geselle

Der Mann hatte Ähnlichkeit mit Matt Damon und er trug komplett Schwarz. Nach der Farbe hätte es auch Johnny Cash sein können, aber die Gitarre fehlte. Die goldglänzenden Knöpfe seiner Kluft trugen das alte Innungswappen. Auch der Spruch „EINER FÜR ALLE-ALLE FÜR EINEN“ (bisher dachte ich dabei immer an die Musketiere) ist nicht mehr aktuell. Nun prüfte er die Heizungsanlage, von der er bis zu diesem Tag nicht wusste, dass es sie überhaupt gab. Er war der Geselle – aber wann trifft man in Berlin schon noch auf einen; das ist so selten wie eine Erdölquelle in Brandenburg - aber sein Chef, der Schornsteinfegermeister, wusste auch nichts von dieser Heizung.

Im Jahr 1935 wurde die deutsche Gewerbeordnung, § 39, geändert und erhielt eine neue Fassung, wonach im Deutschen Reich Kehrbezirke für Schornsteinfeger einzurichten seien. Fortan sollten Kehrarbeiten nur von Bezirksschornsteinfegermeistern oder deren Gesellen ausgeführt werden. Nach 1945 gab es in der BRD und DDR neue Gesetze über das Schornsteinfegerwesen, das Monopol blieb. Einige Leute, speziell Hausbesitzer, waren, bis in die heutige Zeit, sauer auf die Männer in Schwarz, die regelmäßig kamen, prüften, kassierten. Manche meinten, so oft müsse man doch nicht fegen und andere, dass wäre wie eine Lizenz zum Gelddrucken.

Mit dem Jahr 1990 wurden auch die Karten in der Schornsteinfegerbranche neu gemischt. Man begann im Ostteil Berlins Häuser zu sanieren, alte Kohle-Kachelöfen abzureißen und neue Heizungen – auch Etagenheizungen in Miethäusern – auf Basis Öl oder Gas zu installieren. Dafür gab es anfangs sogar Investitionszuschüsse des Landes Berlin. Die Schornsteinfeger mussten diese neuen Feuerstätten prüfen und abnehmen. Es gab aber auch Wechsel der Hauseigentümer und der Kehrprofis und bei letzteren verschwand der eine oder andere Kunde – Karteikarten und PC waren nicht immer kompatibel – aus den Listen, wie der Rauch aus dem Schornstein. Dann wurde 2008 das Schornsteinfegerrecht geändert, das Kehrmonopol wackelte – der Tag X für die Men in Black. Ab 1.1.2013 gilt nun Niederlassungs- und Dienstleistungsfreiheit.

Matt Damon war freundlich und hat seine Arbeit ordentlich gemacht – die Heizungsanlage funktioniert einwandfrei - und er hat das mit einem Protokoll bestätigt. Nebenbei ging’s noch um die ausländischen Schornsteinfeger, die jetzt in Berlin eingekehrt sind. Die Rechnung für die Prüfung kommt per Post, aber vielleicht ist sie ja nicht so hoch, wie angekündigt. Denn: Wer einen Schornsteinfeger sieht – und sei es ein Geselle – der hat bekanntlich Glück!

 
 

Autor:

Jürgen Pahl

 

19. Oktober 2011 18:42:43

… im Vorübergehen: Das Elend der Welt

Ja, die Menschen bleiben stehen; manche schauen mit erstarrten Gesichtern auf die Fotos, andere kauen weiter an ihrem Döner. Hier legt der Mann seiner Frau die Hand auf die Schulter, dort kichern Mädchen über irgendein fotografisches Detail. WORLD PRESS PHOTO 11 zeigt im Bahnhof Friedrichstraße ausgewählte und mit Preisen ausgezeichnete Fotografien über uns und unser Elend.

Die Foto-Auswahl würde ich so kategorisieren – Tierwelt, Mensch und Natur, Sport, Mensch und Politik. Was auch immer für diese Wanderausstellung ausgewählt wurde, ergibt es doch ein überwiegend trauriges, zweifelndes und pessimistisches Bild. Selbst bei den Sportfotos, wie den Aufnahmen von Chris Keulen über das, in unwirtlicher Gegend stattfindende, Eritrea-Radrennen, sieht man zwar die große Begeisterung der Einheimischen und das Nebeneinander von Tradition und Moderne, aber man ahnt auch, wohin alles einmal führen wird.

Die Ohnmacht des Menschen gegenüber der Natur und dem Wüten der Elemente nimmt in dieser Ausstellung breiten Raum ein. Da sind z. B. die Arbeiten von Kemal Jufri über den Vulkan-Ausbruch auf Java, die jene von der Katastrophe getöteten Menschen als ascheüberzogene, plötzlich erstarrte Figuren zeigen, die wie Plastiken eins werden mit dem Gestein um sie herum. Man mag es nicht aussprechen, aber hier gebärt sogar der Tod Schönheit. Ein weiteres Beispiel sind die apokalypsehaften Fotos von Olivier Laban-Mattei und Daniel Morel über das Erdbeben in Haiti, dass uns Mitteleuropäern keinen Vergleich mit dem erlaubt, was wir hier an Naturkatastrophen schon erlebt haben.

Besonders trostlos sind die Aufnahmen, in denen es um das Wirken des Menschen gegenüber seinesgleichen geht. Beim Betrachten der Fotos von Fernando Brito, der in Mexiko die Opfer von Bandenkriegen zwischen den Drogenkartellen festhielt – Tote liegen wie vergessene Feldsteine in der Landschaft - kommen einem die einfachen Worte Menschenrecht und -würde in den Sinn.

Abschließend sei auf zwei, bemerkenswerte und dennoch unterschiedliche, Aufnahmen verwiesen. Einmal das Foto von Vincent Yu, dass den nordkoreanischen Staatschef mit seinem jüngsten Sohn in der Öffentlichkeit zeigt. Hier ist, abseits alles Politischen, ein Foto gelungen, dass den Vater mit Verschlossenheit, Misstrauen und sogar Trauer auf seinen hochmütigen Sohn blicken lässt. Und schließlich nenne ich noch das bekannte, geradezu hypnotisierende Foto von Gustavo Cuevas, der den Moment des Kampfes festhält, als der Stier dem Matador das Gehörn durch den Kopf schlägt.

Die Ausstellung ist noch bis 24.10.11 im Bahnhof-Friedrichstraße zu sehen.

 
 

Autor:

Jürgen Pahl

 
 
 

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Berliner Bezirke

 

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