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21. November 2016 15:43:39

… noch demokratisch: Das Ergebnis des globalen Wahljahrs 2016

Persönlichkeit entscheidet

„Wahlkampf“ – dieser Begriff steht seit dem Jahr 2016 für etwas anderes als zuvor. Bislang ging die Gesellschaft davon aus, dass wahlkämpfende Politiker/innen von Dingen reden, die sich auf ihr politisches Handeln beziehen, oder zumindest auf das ihrer Gegner/innen. Das ist vorbei. Ab jetzt ist Wahlkampf einfach die Zeit, in der manche alles tun, um zu gewinnen. Inhalte, Fakten, Programme sind unwichtig geworden, es geht nur noch um Übereinstimmung von Form und Mensch. Wer Dinge so sagt, dass man das Gefühl hat, der meint das so wie er/sie es sagt, ist im Vorteil. Dabei ist vollkommen gleichgültig was gesagt wird. Egal ob absurder Blödsinn, ausgrenzende Ideologie oder groteske Vorhaben – Glaubwürdigkeit hat sich von Vernunft gelöst.

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13. November 2016 21:38:50

…gottseidank: Auch der Teufel nicht.

mephisto_wilson_2016

Vielleicht war es die erste Einlassung zum Thema auf einer Berliner Bühne, vielleicht nicht, als der Schauspieler Christopher Nell in seiner Rolle als Mephistopheles in Robert Wilsons Faust-Inszenierung am Berliner Ensemble am Sonntag in der Studierzimmer-Szene („Das also war des Pudels Kern!“) den Namen des frischgewählten US-Präsidenten unterbrachte: „Das Etwas, diese plumpe Welt / So viel als ich schon unternommen. / Ich wusste nicht ihr beizukommen / Mit Wellen, Stürmen, Schütteln, Brand – / Geruhig bleibt am Ende Meer und Land!“ Aus Brand wurde Trump, der Reim war dahin, aber eines klar – noch nicht einmal wenn der Teufel sich seiner annimmt, wird er der Welt beikommen. Das ist tröstlich. Ob am Ende Meer und Land ruhig bleiben, hängt auch von anderen ab: Du musst dich um die Demokratie kümmern, sonst wird sie dich verlassen.

Im übrigen war es eine Freude, Robert Wilson wieder dabei zuzuschauen, wie er mit seinem Konzept der vollen Gleichwertigkeit aller Elemente – Licht, Ton, Text, Bühnenbild, Kostüme, Maske, Musik – immer erneut den Kampf aufnimmt gegen die gängige diktatorische Dominanz des Textes auf den Bühnen. Und auch mit diesem Faust I + II trägt er einen gloriosen Sieg davon. Möglicherweise ist diese stark durchironisierte Version jedoch der Abgesang einer Epoche; es scheint nämlich ernst zu werden, die ironische Haltung der vergangenen dreißig Jahre wird da nicht mehr die richtige sein.

 
 
 

18. September 2016 19:05:33

… politisch: die linke Mehrheit in der Hauptstadt

Die Wahl in Berlin 2016 ging genau so aus, wie erwartet und genauso erwartbar sind die Fehler, die nun bundespolitisch gemacht werden – besonders bei den Parteien der C-Union.

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Alles auf Grün? – Nicht ganz. Aber alle wollen: Alles auf menschlich und alles fair und vor allem, endlich alles besser machen!

Die Berliner*innen waren – bis auf die kleine Gruppe der verwirrten AfD-Wähler*innen – durchaus in der Lage die politischen Felder zwischen der Bundes- und Landesebene zu trennen. Eine übergroße Mehrheit wollte ein Ende des rot-schwarzen Koalitionsfilzes und vor allem wollten nicht mal mehr CDU-Wähler*innen Frank Henkel im Senat haben. Das bestimmende Thema war eben nicht die Innere Sicherheit, sondern das Interesse der Menschen, ihre Stadt menschlich zu gestalten. Darum haben jetzt folgerichtig SPD, Grüne und Linke den gemeinsamen Regierungsauftrag für unsere Stadt.

Die Gegner von Angela Merkel in der Union werden jetzt bundesweit alles falsch machen.

Sie werden sagen, dass das Abstrafen der Berliner CDU als Folge der Flüchtlingspolitik zu lesen sei, doch als jemand mit dem Ohr am politschen Puls dieser Stadt, kann ich sagen, das ist eine grobe Fehleinschätzung. In Berlin wurde vor allem die katastrophal provinzielle und intellektuell völlig unterbemittelte Henkelpartei abgewählt. Die einzige Chance, von den eigenen Fehlern in Senatsverantwortung abzulenken, wäre es gewesen, sich demonstrativ hinter Merkel zu stellen. Doch für Haltung war die Großstadt-CDU noch nie bekannt. Genau der Versuch den rechtspopolistischen Schwachsinn (Stichworte „Burkaverbot“ und „Doppelpass“) zu übertreffen, wollen auch Konservative in Berlin nicht mitmachen.

Wie kann sich Merkel nun vor der eigen Partei retten?

Wahrscheinlich gar nicht. Leider ist damit aber auch dem Land nicht geholfen, denn sowohl eine innerhalb der eigenen Partei total geschwächte Kanzlerin, wie ein tumb-dummer Horst aus Bayern, führen zur Aufwertung von AfD und FDP – schlimmer kann es nicht kommen.

Darum hier von mir exklusiv die Lösung für die Kanzlerin und Deutschland: Frau Merkel möge in die SPD eintreten, alle progressiven Teile der CDU-Wählerschaft mitnehmen, die K-Frage für die SPD klären und nach der Wahl, nach dem Vorbild des Wahlergebnis aus Berlin, mit einer Rot-Grün-Roten Koalition dieses Land so gestalten, wie es die existierende Mehrheit der linken Mitte möchte. Nur Mut. Das Volk hat ihn ganz sicher!

 
 

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Deutschland | Politik

 

18. September 2016 00:59:17

… österreichische Übernahme: abc art berlin contemporary

abc – art berlin contemporary, til Sunday!

Ein von Eva Grubinger (@evagrubinger) gepostetes Foto am

Die abc wird bestimmt von Österreicherinnen: Eva Grubinger dominiert den Bereich der Installationskunst, die fast gänzlich von einer Bondage-Affinität infiziert zu sein scheint und Lisl Ponger führt mit großer ästhetischer Präzision die notwendige selbstkritische Aufarbeitung westlicher Überheblichkeit gegenüber aller nicht-europäischen Kunst seit der Zeit des Kolonialismus an, wobei sich auch Künstler*innen nie zu schade waren, sich hemmungslos am „Exotischen“ zu bedienen.

 

 
 

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17. September 2016 21:27:47

… außerhalb der Kategorien: Die Kunstmesse Positions in der Berlin Art Week 2016

Texte zur Promotion von Kunstmessen sind meistens Kunstwerke im Verbinden des Unverbundenen und in sofern ganz nah am eigentlich Wortsinn des Textens – dem Schaffen von Texturen. Auf der Website des Berlin Art Week steht über die „Positions Berlin“: „Bei den hier ausgestellten Kunstwerken geht es nicht darum, den Trends hinterher zu laufen, sondern um Relevanz und Aktualität. Starke junge und etablierte zeitgenössische Arbeiten sowie Werke der klassischen Moderne werden nebeneinander präsentiert, überholte Kategorisierungen schüttelt die Messe somit ab und eröffnet lieber neue Perspektiven.“

Auffällig beim Gang über die Messe sind ganz klassische Galerien, die trotzdem neu Perspektiven anbieten:

Die Sardac Gallery aus London baut in der Präsentationsbox einen überzeugenden Kunstraum für Stephen oder Steve Goddard. Seine versehrten Schädel bringen die menschlichen Wundmale des frühen letzten Jahrhunderts eindrücklich mit den menschlichen Verwerfungen der Gegenwart zusammen. Die Menschen, die heute vor den traumatisierenden Kriegen flüchten, kommen genau aus den Ländern, die am Ende des 1. Weltkriegs nach den Machtinteressen des Westens auf dem Reißbrett entworfen wurden. Der Schrei nach Empathie kommt einem in der dunkelbraunen Galeriebox trotz des ganzen Kunsttrubels drumherum erstaunlich nahe.

Baby by Steve Goddard

Ein von galerie sardac (@sardacgallery) gepostetes Foto am

Die kleine Galerie Mönch aus der Berliner Vorstadt beim Übergang nach Spandau zeigt einen jungen interessanten Künstler, der offene Fäden von Moholy Nadge und Roman Signer aufnimmt. Friedrich Gobbesso baut Experimentieranlagen in denen Wasser, Licht, Töne undSchwarzpulver aufeinandertreffen und erzeugt so Fotogramme, die Abbilder des Unsichtbaren sind: Wir sehen Schwingungen und Kraftlinien.

fritzgobesso-wellenstrukturen

Ich freue mich auf die Vernissage im Nachgang zur Positions in der Galerie schon am 1. Oktober.

 
 

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16. September 2016 14:42:42

… arty: Zum Reinkommen in die Berlin Art Week 2016 – Die Berliner Liste 2016

Wie fast in jedem Jahr arbeite ich mich bei den Kunstmessen während der Berlin Art Week von Tag zu Tag qualitativ nach oben. D.h. der Weg führt dieses Jahr vom Kraftwerk mit der nicht offiziell zur Art Week gehörenden “Berliner Liste“, die sich als „Kunstmesse für Endecker“ versteht über den Postbahnhof, wo die „Positions Berlin Art Fair“ stattfindet zur „abc art berlin contemporary“ in den Hallen am Gleisdreicek. Das fühlt sich dann an wie eine Wanderung, bei der man im Tal anfängt und aus dem man manchmal einen schönen Blick genießen kann, dann über Pässe und Höhenwege geht, die schon viel Schönes haben, um dann später in der Gipfelregion ein paar wirklich spektakuläre Ein- und Aussichten zu genießen.

Im Sinne einer Wanderkarte für Nachgehende erwähne ich kurz die bisherigen Höhepunkte des ersten Teils der Route:

Über die Berliner Liste sollten Interessierte schnellen Schrittes gehen und können gezielt ein paar Galerien und Künstler aufsuchen, ohne sich lang ablenken zu lassen. Mir sind aufgefallen:

Kalashnikovv Gallery aus Johannesburg, South Afrika – Die Galerie wird demnächst in Berlin neu eröffnen und ausschließlich Künstler/innen aus Afrika vertreten. Damit füllt die Galerie wahrscheinlich die letzte existierende Lücke im Berliner Kunstmarkt und dafür wird es in diesem Fall auch endlich Zeit! Die Galerie zeigt auf der Berliner Liste unter anderen den Künstler Jason Bronkhorst, dessen Bilder mühelos aus allen anderen herausstechen. Für mich die stärksten Bilder auf der ganzen Messe! Ich bin sehr gespannt auf die Eröffnung der Galerie im Herbst.

 

Die Künstlerin Marie-Lou Desmeules dürfte schon einigen bekannt sein, weil ihre Kunst schon ziemlich durch die sozialen Netze gepusht wurde. Sie ist eine der Vertreterinnen des neueren Body Paintings, das grundsätzlich die Kleidung mit als Malgrund verwendet. Bei Ihren Promi-Portraits wird wunderbar überhöht, in welch selbstsüchtigen Abhängigkeitsverhältnis die Beteiligten (Promi und Künstlerin) bei diesem Prozess stehen. Künstliche Bedeutungsaufladung durch Kunstüberformung. Eigentlich verlieren alle dabei einschließlich der Betrachtenden und das hat gemeinsame Größe, denn wir sind ja alle längst jenseits der Peinlichkeit.


Bei Urban Spree Galerie ist Hendrik Czakainski zu sehen, der in Berlin auch schon im Rahmen des Andropozän Projekts im HKW prominent zu sehen war. Seine Modellbauten von ausufernden Slam-Siedlungen sind gleichermaßen faszinierend und bedrückend. Für mich einer der Künstler, der den Trend zur stark dreidimensional erweiterten Leinwand überzeugend anführt.

Und ich möchte auf Xavier Krylik aufmerksam machen, der in streng konzeptioneller Kühle mehrere Ebenen der urbanen Gegenwart in seinen Bildern übereinander schichtet. Den Grund bilden entweder die eher abseitige Architektur Berlins oder gleich vermüllte Ecken in den Kiezen. Dort gefundene Gegenstände – oder sind sie doch eher aus der großen 3D-Datenbank des Web? – legt er präzise frei, sortiert sie säuberlich nebeneinander und projiziert darauf omnipräsente (Marken-) Zeichen unserer Warenwelt und der Protestkultur.

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5. September 2016 13:50:52

… ein Diagramm: Wie sind Nichtwähler*innen zu verstehen?

Wahlergebnis-MeckPomm-2016-mit-Nichtwaehlern

Wenn die „Nichtwähler*innen“ in den Grafiken zum Wahlergebnis in Mecklenburg-Vorpommern dargestellt würden, fielen die Analysen der Politprofis vielleicht etwas realistischer aus. Überall ist zu hören, dass „die Bürgerinnen und Bürger dieses Landes“ kein „weiter so“ mehr wollten, weswegen sie ihren Unmut dadurch ausdrückten, dass sie die AfD wählten – nicht um deren Politikvorstellung zu unterstützen, sondern um den „etablierten Parteien“ einen Denkzettel zugeben.

Was für ein Quatsch: Mehr als 85 % der Menschen hatten kein Bedürfnis Rechtsextreme zu wählen. Sie wollten weder einen umständlichen Denkzettel verfassen, noch sonst wie ihre Dummheit ausstellen. Die allergrößte Gruppe scheint der Politik einfach keine Aufmerksamkeit zu schenken, was man eher mit einer generellen Zufriedenheit und nicht mit dem Gegenteil erklären kann. Umfragen, die repräsentativ alle Bürger*innen im Land erfassen – und nicht nur die, die zum Wählen gehen! – haben für MeckPomm bestätigt, dass eine übergroße Mehrheit mit der Entwicklung des Landes zufrieden ist. Diese Menschen sind zuversichtlich genug, sich einfach nicht um Politik zu kümmern.

Damit will ich auf keinen Fall das Problem kleinreden, dass immer mehr Menschen in Deutschland offen rechtsextreme Positionen vertreten, sondern deutlich machen, dass die üblich gewordene Verallgemeinerung „das Volk“ hätte die Politik generell abgewatscht, nicht zutrifft. 

Wir alle dürfen der sprachlichen Verzerrung der Fakten nicht auf den Leim gehen. Die Medien reden immer den Skandal und den Umbruch herbei – das war bei den Höchstergebnissen der Piraten nicht anders. Nur dass es bei den rechten Recken ungleich gefährlicher ist. Wenn es in zwei Wochen in Berlin ein Ergebnis zu beurteilen gibt, mögen wir daran denken …

Artikel dazu bei Die Welt lesen …

Um die Relationen zu wahren

Ungefähr zwei Promille der Deutschen haben in Mecklenburg-Vorpommern AfD gewählt. Das ist zwar nicht schön, aber es zeigt vor allem, dass nicht einmal im Ansatz das Gerede von „der Bevölkerung, die in großen Teilen gegen die praktizierte Flüchtlingspolitik aufgestanden ist“ gerechtfertigt ist.

MV-Wahlergebnis-2016

Also liebe Politstrategen: Ganz ruhig bleiben, schön auf dem Boden des Grundgesetzes bleiben und bestenfalls zum Wohle aller Menschen, die in Deutschland sind, weiterarbeiten!

 
 

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Alltägliches

 

21. Juni 2016 15:56:08

… überspitzt: Not und Spiele – Flüchtlinge fressen

Das Zentrum für Politische Schönheit inszeniert gesellschaftliche Skandale als herausfordernde Show-Events, die bewusst polarisierend und umstritten sind. Wie immer man das moralisch finden mag, die Aktionen bringen auf jeden Fall brennende Themen in den Diskurs. Als neuestes „Projekt“ haben sie sich einen Missstand vorgenommen, bei dem Recht nicht im Sinne der Gleichheit aller Menschen gilt, sondern explizit zur Unterscheidung von Menschen in welche mit und andere ohne Rechte. Es geht darum, warum es Menschen, die laut Flüchtlingskonvention eindeutig als Kriegsflüchtlinge bei uns und in allen anderen EU Ländern Asyl bekommen müssen, nicht direkt nach Deutschland (oder in ein anderes EU-Land) eingeflogen werden können. Warum können solche Flüchtlinge nicht einfach in der Izmir einen regulären Flug nach Stuttgart buchen und herfliegen – zu ganz normalen Preisen, ohne Schlepper bezahlen zu müssen, und ohne ihr Leben auf einer ungewissen Flucht erneut zu riskieren?

Analogie zum politischen Handeln

Bei der Aktion „Flüchtlinge fressen – Not und Spiele“ wird daraus eine Art Mitmach-Reality-Container-Show, bei der die vermeintlichen Protagonisten wie Stars aufgebaut werden, in deren Leben man als Mitspielende hineinschlüpfen kann. Auf allen Ebenen können Menschen Teil der Aktion werden:
Ganz oben als Imperator – „Jetzt können Sie Thomas de Maizière sein“ – so werden Unterstützende angeworben, die in seine Rolle schlüpfen sollen, um 100 Flüchtende auszuwählen, die eingeflogen werden könnten. Die Anzahl begründet sich darin, dass der Innenminister im April dieses Jahres Deutschland nicht in der Lage sah, mehr als 100 Menschen pro Monat aufzunehmen.
Ganz unten als Schlachtvieh – „Wir suchen Flüchtlinge, die […] bereit sind, sich öffentlich fressen zu lassen“ – so werden Menschen mit „Flüchtlingshintergrund“ gesucht, die „ihr Leben für eine größere Sache opfern“. In Berlin ist zu diesem Zweck eine Arena aufgebaut, in der vier libysche Tiger darauf warten mit Menschenfleisch gefüttert zu werden. Die Tiere sollen “Gastgeschenke des großmütigen türkischen Sultans“ sein, die dieser „zur Feier des EU-Türkei-Deals“ nach Berlin bringen ließ.

Der Bundespräsident Joachim Gauck wird als der mögliche Retter aufgebaut, der Messias-gleich gemeinsam mit dem Papst die unmenschliche Abweisepraxis mit einer einzigen Rede am 24. Juni 2016 (siehe Tagesordnung der 180. Sitzung des Deutschen Bundestages – letzter Punkt) beenden könnte. “Wird er die Flüchtlinge vor den Tigern retten?“ Für das erwartete Ausbleiben der Rettungstat, ist nun alles hergerichtet. Das Blut wird fließen.

Der Aufbau von „Not und Spiele“ ist als Analogie zum politischen Handeln gedacht, das von den Medien geradezu lüstern begleitet wird, doch die Vergleiche hinken gewaltig. Natürlich ist der EU-Türkei-Deal ein Skandal, denn spätestens die praktische Realität der Verfahren zeigt deutlich auf, dass der Deal kein Pakt für Menschenrechte ist, sondern ein Pakt zur Entrechtung von Menschen. Das Ziel der Politiker*innen, die diesen Deal ausgehandelt haben, ist es, Menschen aus der EU rauszuhalten und diese aktive Ausgrenzung den Bürger*innen im eigenen Land als Erfolg „gegen den Flüchtlingsstrom“ zu verkaufen. Besonders die konservativen Parteien (in Deutschland) haben fürchterliche Angst, dass „das Volk“ (tatsächlich ist es nur eine Minderheit von nationalistisch eingestellten Dummköpfen) sich gegen die Regierung erheben würde. Der Deal ist ein Versuch, dem dunkel-deutschen „Merkel muss weg“-Geschrei ein „wir haben verstanden“-Slogan entgegenzustellen und das ist zweifellos ein zutiefst unmenschlicher – vielleicht sogar unpolitischer – Schachzug, der sicher nicht zum Gewinn der Partie führt. Ja, auch durch den EU-Türkei-Deal wurde alles so hergerichtet, dass jetzt wieder das Blut fließen wird.

Eventisierung menschenverachtender Politik

Dennoch: Bedarf es wirklich dieser Inszenierung um das Thema „medial heiß“ zu machen? Werden mit der Überhöhung der Politik in die Sphäre des reinen Show-Biz nicht Rollen-Stereotypen weiter zementiert und wird durch den offensichtlichen Zynismus der Aktion der politisch überformte Zynismus nicht eher verdeckt als entblößt? Die Aktion ist in ihrer krassen Erscheinungsform so widerlich und abstoßend, dass viele Menschen sich eher vor dem Politischen weiter abwenden, statt sich mit der Thematik zu befassen. Niemand will, dass Tiger eingesperrt sind. Keine*r will einzelne Menschen auf einer Kandidatenliste bevorzugen und andere abweisen. Wer will dabei zusehen, wie sich Menschen opfern und gefressen werden? Theaterpublikum vielleicht?
Ich denke, die Aktion soll den Menschen zeigen, dass Politik und Medien symbolischen Aktivismus vortäuschen, doch ich werde ich das Gefühl nicht los, dass die Aktion selbst eine Vortäuschung von politischem Aktivismus ist. Die Realpolitik bleibt „leider“ nicht im Symbolischen, die Aktion aber ganz bestimmt.

Die rechtliche Grundlage ist Unrecht

Ich habe den Eindruck, auch die Macher*innen des Polit-Event-Designs sind von ihrer Inszenierung selbst nicht ganz überzeugt, denn sie ziehen in ihre Aktion dann doch noch eine Ebene ein, die ganz ohne Überhöhung auskommt und genau hier treffen sie auch das Niveau der sachlichen Auseinandersetzung: Die rechtliche Grundlage, die verhindert, dass Flüchtlinge mit einem normalen Linienflug nach Europa kommen können, ist der eigentliche Skandal aber der Zusammenhang mit dem EU-Türkei-Deal ist leider sehr konstruiert.

Paragraph-63-Auszug

Der Passus im deutschen „Aufenthaltsgesetz“ §63 ist die Umsetzung einer EU-Richtlinie, die Europa-weit die Flüchtlingsentrechtung in geltendes Recht verwandelt. Die Staaten verschieben mit dieser Richtlinie (2001/51/EU) die Verantwortung von den Regierungen auf die Fluggesellschaften. Faktisch wird die Einzelfallprüfung, ob es sich bei den Einreisenden um geschützte Flüchtlinge handelt oder eventuell doch um Menschen, die versuchen illegal einzureisen, auf die Fluggesellschaft abgewälzt. Wenn eine Fluggesellschaft eine Person nach Europa bringt, bei der sich später herausstellt, dass sie keinen Anspruch auf Asyl hatte (durch Ablehnung des Antrags), muss sie „die entstandenen Kosten tragen“. Die Fluggesellschaft muss für alles aufkommen – Unterkunft, Verwaltung, Gerichts und Reisekosten.
Mit der dargestellten Regelung im deutschen Aufenthaltsgesetz werden die Fluggesellschaften zusätzlich bestraft, in dem es ein „Zwangsgeld für die Beförderungsunternehmen“ vorsieht. Durchschnittlich ca. 2000 Euro müssen diese bezahlen, wenn der Asylantrag einer zuvor transportieren Person abgelehnt wird. In der Folge nehmen alle Fluggesellschaften keine Flüchtlinge mit an Board. Der Berliner Ratschlag für Demokratie hat zur Aufklärung über das Thema „Flugverbot für Flüchtlinge“ von studio adhoc ein Video produzieren lassen.

Protest könnte auch Lösungen aufzeigen

Will die EU ein Verbund von Gesellschaften sein, die sich auf die ratifizierten Werte der Menschlichkeit gründet, die z.B. in der Flüchtlingskonvention festgehalten sind, dann muss die EU-Richtlinie überarbeitet werden. Wir alle brauchen eine praktische Regelung, damit Menschen sicher und direkt aus den Krisengebieten, oder aus unmittelbar angrenzenden Regionen, ausgeflogen werden können. Die Einreiseländer müssen in Eilverfahren vor dem Transport und Vorort die Beförderung der Menschen als Flüchtlingsbeförderung einstufen, so dass nicht länger den Fluggesellschaften das finanzielle Risiko aufgebürdet wird. Es geht tatsächlich nur um einen Stempel im Pass, der den Flüchtenden den Weg eröffnen würde.
Die Kosten, die Flüchtende derzeit aufbringen müssen und das Risiko, dem sie sich aussetzen müssen, um sich in Sicherheit zu bringen, stehen in keinem Verhältnis zu den Kosten, die eine menschenwürdige Lösung verursachen würde. Außerdem kann mit einer Neuregelung dem illegalen Geschäft der Schlepperorganisationen endlich nachhaltig etwas entgegengesetzt werden. Dem Geschäftsmodell wäre der Boden entzogen und den Menschen auf der Flucht blieben viele zusätzliche Traumata und Verluste erspart.

Zugegeben: Dieser eher juristisch begründete Protest macht lange nicht so viel Wirbel, wie vier Tiger in einem Käfig in Berlin Mitte, denen Flüchtlinge zum Fraß vorgeworfen werden sollen. Allerdings bezweifle ich stark, dass der Wind, der hier gesät wird, eine tragfähige Lösung zum Fliegen bringt. Ich hoffe nur es verunsachlicht den Diskurs nicht noch unnötig, indem es den Bundespräsidenten in eine Lage zu bringen versucht, die diesem nicht zusteht. Die Politik braucht keinen Erlöser im Gauckschen Format, sondern die existierende Mehrheit in der Gesellschaft, die menschliche und faire Verfahren wünscht, muss erfahren mit welchen Tricks bei uns Recht verbogen wird, um Flüchtende zu entrechten.

Termine

6.6.-28.6.2016, täglich. Die Arena ist jeweils von 10h – 22h geöffnet und es gibt ein umfassendes Programm.
Es gibt mehrere Web-Cams über YouTube.
18.45 Uhr: Not und Spiele – Die Show (Arena)
19.30 Uhr: Zentrums-Salon: Intellektuelle, Politiker, Künstler und Journalisten im Gespräch zur Aktion (Garten Maxim Gorki Theater). Mehr auf www.gorki.de

 
 

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25. Mai 2016 17:25:42

… jenseits: Miriam Vlaming zeigt die Ausstellung „Eden“ in Leipzig

„Eden“ – ein Begriff, in dem der Ursprung der Welt (Genesis) und die unendliche Ewigkeit (Apokalypse) paradiesisch zusammenfallen. Er repräsentiert den Ort, wo alles herkommt und alles hingeht und die Kunstgeschichte ist voll von Interpretationen dieses Gedankenbildes. Miriam Vlaming zeigt in vielen Bildern Bezüge zu berühmten Werken etwa von Lucas Cranach d. Älteren mit „Adam und Eva im Paradies“Hieronymus Bosch mit dem Tryptichon „Garten der Lüste“ oder Henry Rousseau mit „Der Traum“ und stellt sich damit selbst-bewusst in die Reihe dieser Meister-Künstler.

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Sie zieht das entrückte Sujet aber auch auf die Schlachtfelder des aktuellen irdischen Paradies’, an den Ort, der von den abrahamitischen Religionen als Wiege der Menschheit angesehen wird und im heutigen vorderen Orient verortet wird: Israel – Syrien – Persien. Diese „fruchtbarer Halbmond“ genannte Region erscheint aus heutiger Sicht alles andere als paradiesisch, sondern zeigt sich als Schauplatz erbitterter Glaubens- und Systemkriege, vor denen Millionen von Menschen fliehen, weil fanatischer Hass, Rassismus und Menschenverachtung ein friedliches Zusammenleben zwischen den Kulturen derzeit dort unmöglich machen. Der Frieden scheint nun im tendentiell ungläubigen Westen zu finden zu sein, wo allerdings trotz überbordendem Wohlstand eine großer Teil der Menschen mit Angst und Ablehnung auf die Ankommenden reagiert. Fremdheit, Selbstentfremdung und Fremdschämen treffen aufeinander.

Bei Miriam Vlaming kulminiert solcherlei menschliche Historie und moderne Geichzeitigkeit in überlagernden Schichtungen. Alltägliche Familienfotos und mythische Traumbilder fallen als phänotypische Geschichte zusammen auf die Leinwand. Sie fokussiert dabei auf Handlungsweisen, deren prozessuale Gesetzmäßigkeiten eine ewige Konstante in der Menschheitsgeschichte darstellen. In merkwürdig exotischen und doch vertrauten Ritualen sehen wir Menschen, die sich gemeinsam schmücken, verkleiden, baden, feiern oder auch mal ganz im Jetzt zusammen „chillaxen“.

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Sie verwischt das Merkmal Herkunft und macht dadurch eine Zuordnung der Dargestellten unmöglich: Sehen wir auf dem Bild mit dem Titel „Initiation“ Afrikaner beim traditionellen Stammestanz, eine besoffene Gruppe junger Männer beim Jungesellenabschied im Rheinland, eine extreme Gruppe des Ku-Klux-Can, oder eine gemischte Gruppe von Einheimischen und Geflüchteten bei einem Willkommensfest einer dörflichen katholischen Kirche? Man weiß es nicht – alles wäre möglich – vielleicht auch alles auf einmal, denn sie zeigen sich höchst komplex als einfache Menschen.

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Mit der Arbeit „Human Nature“, die aus zwölf Gesichtsstudien besteht, die unsere Menschlichkeit in unterschiedlichen Melanin-Dichten auffächert, wagt sich Miriam Vlaming auf das verminte Feld der Physiognomik. Doch reflektiert sich hier keine verquere Rassenlehre, die sich an Unterschiedlichkeiten festbeißt, sondern die tiefere gemeinsame Natur, wenn nicht gar gemeinschaftliche Spiritualität, tritt hervor.

Noch bis 20 Juni 2016 in der Galerie Dukan, Spinnereistraße 7, Halle 18.I in 04179 Leipzig

 
 

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Kunst | Malerei | Skulptur/Plastik

 

24. März 2016 12:33:48

….kühl: Roland Schimmelpfennigs erster Roman

Man sagt, es gebe außer historischen Krimis keine guten neuen Berlin-Romane. Hier ist einer: Roland Schimmelpfennigs „An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts“ – ein Blitzlichtroman, der für einen kurzen Moment eine Luke aufmacht, durch die wir das Gewusel der großen Stadt sehen, bevor sie wieder zugleitet. Dahinter gehen, schlendern, laufen, schießen, stolpern vorbei: ein Junge und ein Mädchen auf der Flucht aus Brandenburg, Agnieszka und Tomasz aus Polen, Jacky und Charly aus dem Späti, die zornige Nadine, die Väter, die Mütter, und und und, allesamt Getriebene und Festgezurrte gleichermaßen, denn die Gegenwart pulsiert, während die Vergangenheit eine Last ist, von der sich niemand befreien kann. Nur der Wolf aus dem Osten schnürt frei.

<br />Der Zufall regiert, nur der Wille hat ihm etwas entgegenzusetzen. So ergeben sich Geschichten, wie sich in Schimmelpfennigs Stücken immer Geschichten erst langsam zusammenfügen, aus Hingetupftem, aus Begegnungen, aus dem Zusammenspiel von Zufall und Notwendigkeit, the possibilities are endless, wie Onkel Lou singt, hier herrscht die Demokratie der Möglichkeiten, bedroht nur – Schimmelpfennig ist nicht naiv – von Egoismus, Gier und den sozialen Fliehkräften. Der angemessene Stil ist ein kühler impressionistischer Realismus des Partikularen, seine Begleitmusik ein untergründiges Vibrieren. Man muss Geduld haben mit diesem Schreiben, es ist nicht hektisch, es gleitet, es liest Dinge auf unterwegs, es verharrt – nichts ist endgültig, panta rhei, jemand macht kurz das Licht an, wir werfen einen Blick, machen uns ein Bild, dann wird es erneut dunkel.

<br />Von Roland Schimmelpfennig waren in Berlin seit der Uraufführung von „Vor langer Zeit im Mai“ im Jahr 2000 an der Schaubühne zahlreiche Stücke zu sehen, zur Zeit hat das Deutsche Theater noch „Wintersonnenwende“ und „Idomeneus“ im Repertoire. (Foto: Heike Steinweg)

 
 

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Text ohne Takt
von Joachim A. Buroh

4. Juli 2014

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6. Januar 2014

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<br />

 
 

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