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Archiv der Kategorie ‘Alltägliches‘

8. August 2011 08:50:02

… neu: Schwejk am Helmholtzplatz oder Wahlen in Berlin

Der diesjährige, lausige Sommer hatte vorgestern in der Stadt nochmal einen erfreulichen Auftritt, denn die Sonne schien kräftig und alles strömte ins Grüne. Wenn die Geburtenrate in Deutschland immer weiter sinkt, so geht das zwar auch am Prenzlauer Berg nicht spurlos vorüber, aber aufgrund der Altersstruktur ist die absolute Zahl der Kinder hoch. Auf dem Helmholtzplatz herrschte daher am Sonnabend sehr reges Treiben. Kinder spielten, Erwachsene unterhielten sich über die Fortschritte ihrer Kleinen, die Erziehung im Allgemeinen und vergaßen beim Leeren einer „Rivella“ – die ein bayrischer Comedian nicht werbemüde wird, als das Nonplusultra der Erfrischungsgetränke anzupreisen – auch nicht, besondere Kinder-Fahrradanhänger, die nicht unter 500 € über den Ladentisch gehen, zu bemerken.

Eher unbemerkt, obwohl farbig, sind die mittlerweile überall herumhängenden Wahlplakate der Parteien, denn der Inhalt ist – wie immer – mager. Die Grünen machen es sich ganz einfach, bieten jedem etwas und versprechen die Schaffung einer Menge von Arbeitsplätzen, die Rot-Rot nicht erreichte, nun einfach selbst. Über CDU und FDP braucht man in Berlin nicht zu reden – beide sind so gut wie scheintot. „Berlin verstehen“ steht unter dem SPD-Plakat. Das in den vergangenen Monaten festzustellende Zurückweichen, Herumeiern, Verschleiern, die Konzeptionslosigkeit, vor allem aber die Ergebnisse des Senats bei wesentlichen Problemen für die Stadt Berlin, nämlich Beschäftigung, Wohnen, Flughäfen, S-Bahn, Kosten/Dauer von Bauvorhaben und Wasserverträge lässt an der Losung zweifeln und wird wohl dazu führen, dass SPD/Linke Stimmen und die Mehrheit verlieren. (Hinzu kommt, dass die Bürger des Landes Berlin – wie die Deutschen insgesamt – zunehmend die Lasten von Banken- und Finanzkrisen, aber auch sinnloser militärischer Auslandsmissionen zu tragen haben). Zu welchen Ergebnissen hingegen das Gedankengut der Rechten und einiger strammkonservativer „wahrer Europäer“ führen kann, hat der Massenmord von Oslo, der auf ein gedeihliches und friedliches Zusammenleben von Menschen zielte, gezeigt.

Abseits demokratischer Parteien ist zukünftig der verantwortungsbewusste und aktive Bürger gefragt, wichtige Belange der Gemeinschaft bzw. Gesellschaft mehr und mehr selbst in die Hand nehmen. Da es aber nun vorläufig noch so ist, dass der Amtsgaul zwar gut wiehert, frisst und verdaut, aber nicht so richtig zieht, wäre die sofortige Einführung einer Amtshaftung für Regierung und Verwaltungen durchaus angebracht.

Was nun Schwejk, den Trottel, eigentlich aber unsterblichen Helden, aus dem berühmten Roman des Jaroslav Hasek, betrifft, hat der - neben Karel Gott-Fotos, der Biene Maja, dem Maulwurf aus dem Zeichentrickfilm, dem Becherovka – und anderen tschechoslowakischen Spezialitäten, unweit des Helmholtzplatzes eine neue Heimstatt gefunden. Genehmigt man sich nämlich in der Schliemannstraße 38 ein Bier der äußerst wohlschmeckenden Sorte „Svijany“ vom Fass, so erscheint selbst die bevorstehende Berliner Wahl kurzzeitig in einem ganz anderen, bernsteinfarbenen Licht.

 
 

Autor:

Jürgen Pahl

 

29. Juli 2011 08:34:35

… philosophisch: Wochenendfrage

Am Dachfirst hockt geduldig eine Taube -
seit Stunden regnen sich die Wolken leer.
Ich seh es schon, doch fehlt mir jeder Glaube!
Wo nimmt der Vogel diesen Gleichmut her?

 
 

Autor:

Jürgen Pahl

Kategorie:

Alltägliches

 

26. Juli 2011 08:48:28

… Stadtführer: Ecke Brunnenstraße

Die Brunnenstraße, die Invalidenstraße und auch die Veteranenstraße, gleichfalls der Ursprung ihrer Namen, gehen auf das 18. Jahrhundert und Friedrich II zurück. Die Quelle Gesundbrunnen einerseits und die militärischen Gegebenheiten Preußens andererseits führten schließlich zur Namensgebung. Für die Brunnenstraße - im Wedding war die Industriealisierung (z.B. AEG) Anfang des 20. Jahrhunderts besonders stark sichtbar – wurde um 1910 die erste und einzige Schwebebahn Berlins geplant, dann aber doch die U-Bahn gebaut. Heute ist die Brunnenstraße tatsächlich weder für das Einkaufen, noch für das Flanieren besonders zu empfehlen, höchstens für das Durchfahren. Die querende Invalidenstraße ist in ihrem westlichen Abschnitt zur Zeit Dauerbaustelle, während die kurze Veteranenstraße die Verbindung zur quirligen Kastanienallee und beginnenden Touristenzone herstellt.

An der Ecke Brunnen/Invalidenstraße dämmert ein leeres, dreigeschossiges Haus mit graubraunem Putz, der bereits an einigen Stellen abgefallen ist, vor sich hin. Direkt im Erdgeschoss - die hellbraun gefliesten Außenwände bilden den einzigen Schmuck dieses Gebäudes - befand sich ein Geschäft, in dem man Tischdecken aus Kunststoff kaufen konnte. Der Verkäufer muss ein wahrer Eremit gewesen sein, denn Kunden habe ich in diesem Laden nie gesichtet. Nun dienen die Schaufenster nur noch als Plakatwand. In Nachbarschaft dieses trostlosen Eckgebäudes befinden sich in der Invalidenstraße zwei leidlich sanierte Häuser, mit einem Bestattungsgeschäft (Jestorben wird imma) und einem Optiker, die beide die jüngsten Zeiten überdauert haben. Einige Meter weiter hat uns Meister Schinkel die architektonisch eher schlichte Elisabethkirche hinterlassen.

An der beschriebenen Kreuzung befindet sich nördlich der Veteranenstraße das 1904 als Warenhaus am Weinberg (einzige Berliner Kaufhaus von Jandorf, das den zweiten Weltkrieg unbeschadet überstand) erbaute prächtige Gebäude, welches zu DDR-Zeiten das Modeinstitut beherbergte. Wohl gibt es einen neuen Eigentümer; aber das Gebäude steht jetzt seit 21 Jahren leer. Kein Wunder, dass der gegenüber, am Rande des Weinbergsparkes sitzende Heinrich Heine, leicht spöttisch dreinblickt. Der kleine Park hinter ihm, in dem vor Jahren noch Drogendealer für Unruhe sorgten - ganz verschwunden sind sie nicht - ist inzwischen wieder stark frequentierter Erholungsort für die im Dreh wohnenden Berliner aller Art, insbesondere die Neuberliner, geworden. Wer sich im Sommer auf der westwärts abschüssigen Wiese sein Abendbier von der Sonne bescheinen lässt, wird die grüne Umgebung mit dem kleinen Seerosenteich schätzen.

Die südliche Brunnenstraße hat ihren Charakter noch nicht gefunden. Während der nördliche Teil, jenseits der Bernauer, bereits seit Jahren einen Mix aus mehr oder weniger florierenden Gaststätten, Internet- und Telefonläden, sowie Lebensmittel- und Friseurgeschäften anbietet, taumelt der südliche Abschnitt zwischen Geschäftseröffnung und -aufgabe, Gyros und Galerie, Antipasti und Antikapitalismus hin und her. Während es auf den Hinterhöfen der Nummer Sieben z.B. heißt: „REFUGEES WELCOME. TOURISTS PISS OFF“, hat nebenan im Vorderhaus das Geschäft einer größeren Bio-Kette eröffnet. Derweil an der Fassade der Hausnummer Zehn in übergroßen Buchstaben zu lesen ist: „DIESES HAUS STAND FRÜHER IN EINEM ANDEREN LAND“, werden in der Nummer Fünf viele derjenigen durch die Sozialstation Mitte/Prenzlauer Berg und die Volkssolidarität betreut, die in diesem teurer werdenden Berlin immer weniger eine Chance haben.

 
 

Autor:

Jürgen Pahl

 

18. Juli 2011 09:39:38

… beobachtet: Männer vom Bürgerpark

Alle zehn Minuten donnerten gestern Nachmittag die Flugzeuge über den Bürgerpark. Meistens waren es die rot-weißen Maschinen der Air Berlin, deren Schriftzug von unten deutlich zu lesen war. Die auf der Wiese lagernden Menschen schienen sich an das dauernde Geräusch hier längst gewöhnt zu haben. Kaum einer hob noch den Kopf, wenn wieder so ein Vogel den Park überflog.

Unweit der dort durchfließenden Panke, die in Berlin an einigen Stellen wieder renaturiert werden soll - wann hat es je so ein schönes, urberlinerisches Projekt gegeben – saß ein alter Mann auf einer Parkbank, die er in sein kleines Wohnzimmer verwandelt hatte. Die mitgebrachten Siebensachen, wie Zeitungen und etwas zu essen, waren fein säuberlich auf der ganzen Bank verteilt. Neben ihm stand ein Kofferradio uralter Bauart und spielte Musik. Wenn man vorbeiging, blickte der Mann nicht auf, so sehr war er mit seinem kleinen Reich beschäftigt. - Auf der großen Wiese, unweit des mit Klinkern ummauerten, kleinen Springbrunnens, lagerten vor allem Familien mit Kleinkindern, die sich dort, wo auch keine Hunde zu sehen waren, frei bewegen konnten. Plötzlich erschienen zwei schlaksige Basecapträger auf der, von den reichlichen Niederschlägen der letzten Tage sattgrünen, Rasenfläche und brachten zwei große Modellautos mit. Sie hatten auch etwas zu trinken dabei – für sich in der Bierflasche und für die Autos im Kraftstoffbehälter. Als sie mit ihren knatternden Startversuchen begannen, reckten sich die Köpfe des halben Parks in ihre Richtung. Nachdem sie ihr Fahrtraining dennoch aufnahmen, redete ein 35-jähriger Mann energisch auf sie ein. Ergebnis: Boxenstopp. Mit hängenden Ohren verließen die Rennfahrer wenig später den Park. - Wie ein kleiner Cowboy sah der Junge mit dem gelben T-Shirt (Mommys Rock Legend) und dem Halstuch aus. Den anderen, älteren Jungen sah er mit seinen hellblauen, aufmerksamen Augen nach. Vor allem ihren Bällen, die größer waren als seiner, lief er auf wackligen Beinen hinterher. Gerade mal ein Jahr ist der kleine Kerl geworden. Wenn die Flugzeuge heranbrummten ging sein Kopf nach oben, obwohl er dieses Geräusch schon kannte. In zwei Jahren, zu seinem dritten Geburtstag, wird es den Lärm über dem Bürgerpark endlich nicht mehr geben.

 
 

Autor:

Jürgen Pahl

 

13. Juli 2011 20:49:03

… Live-Reportage: Ein Bürgeramt

Zeit: Mittwoch, 13.7.11 / Ort: Bezirksamt Spandau – Rathaus / Grund des Besuches: Beantragung eines Reisepasses / Voranmeldung bzw. Reservierung für den Termin: Nein.

Bürgerämter stehen, so war zumindest in einigen Tageszeitungen zu lesen, zur Zeit in der Kritik vieler Berliner. Hier nun ein Live-Eindruck vom Stadtrand: Spandau – ein paar Zahlen vorab – hatte am 31.12.09 – 215444 Einwohner (also ca. 6,4% der Gesamtbevölkerung Berlins), davon 49129 im Alter über 65 Jahre. Zum angegebenen Zeitpunkt lebten 21231 Ausländer in diesem Stadtgebiet.

Im offiziell noch nicht geöffneten Rathaus mit dem mächtigen Turm warten um 6:20 zehn Personen, positioniert als lockerer Haufen aber mit Klarheit über die Reihenfolge des Eintretens, vor dem Bürgeramt. Nach zehn Minuten kommen weitere Besucher hinzu, einige von ihnen mit dem -Ichfragnichtwerderletzteistundstellmichvornean-Syndrom. Um 6:45 beginnt die Vergabe der Wartenummern durch einen höflichen, aufmerksamen, das Anliegen und notwendige Unterlagen abfragenden, Mitarbeiter. Gegen 6:50 sitzen 20 Personen im Warteraum, wenige lesen Zeitung, einige checken ihre Mails, dritte versenden SMS und wieder andere dösen vor sich hin. Exakt 6:58 schaltet sich der Monitor ein, auf dem Informationen des Bezirksamtes, aber auch Werbung und aktuelle Nachrichten abgespielt werden. Sieben Minuten später sind die ersten beiden Nummern dran. Inzwischen befinden sich 30 Personen im Warteraum. Wir werden um 7:20 aufgerufen und von einem freundlichen Herrn erwartet. Vorzeigen des alten Passes und des Personalausweises, Übergabe von zwei biometrischen Passfotos, Abscannen des Fingerabdrucks beider Zeigefinger (je fünf Sekunden) auf einem Gerät mit der Aufschrift: Bundesamt für Sicherheit und Informationstechnik. Die Bearbeitungszeit für den Pass soll 3-4 Wochen betragen. Die Kosten für die Ausstellung des Dokumentes, das zehn Jahre Gültigkeit besitzen wird, betragen 59 Euro pro Person. Unterschreiben des Antrages. Der Mitarbeiter rät in zwei Wochen anzurufen, da der Pass evtl. auch früher kommen könnte. Um 7:42 verlassen wir das Bürgerbüro – im Wartebereich sitzen jetzt ca. 40 Personen. Nun noch ein Blick auf die Figurengruppe „Eselreiter“ - die im Vestibül des Rathauses zu bewundern ist - des einst berühmten Tierbildhauers August Gaul, Freund von Heinrich Zille. Die 1912 geschaffene Skulptur, die ursprünglich im Park von Neu-Kladow stand und auf verschlungenen Wegen ins Rathaus kam, zeigt einen nackten Jungen auf einem Esel reitend, beide in natürlicher Haltung und mit müdem, stoischem Gesichtsausdruck, alles zusammen von schlichter, zeitloser Schönheit. Und: Der Esel steht für Anspruchslosigkeit, dienende Ausdauer und friedfertige (wenn er nicht gerade mal bockt) Dienstausübung - kein schlechtes Gleichnis für ein Rathaus und die in ihm arbeitenden Menschen.

 
 

Autor:

Jürgen Pahl

Kategorie:

Alltägliches

 

11. Juli 2011 22:15:11

… Sommerzeit: Auf dem Weg zu ihr

Der Weg zu ihr erfüllt mich mit Vorfreude. Zunächst fährt man mit der Regionalbahn nach Rheinsberg (Preußen-Prinzen! Fontane! Tucholsky! Musik-Sommer!). Der Spaziergang durch das Städtchen am Wasser, der Besuch des malerisch gelegenen, kleinen, aber feinen, Schlosses verführt zur Ruhe. Dann geht es, auf autofreien Wegen, noch einige Kilometer mit dem Fahrrad über Land. Der Blick fällt dabei auf verschlafene Dörfer, Wiesen und Feldränder, die jetzt vom Weiß der Schafgarben, dem Blau der Kornblumen und dem Rot der Mohnblumen gesäumt werden. Weiter führt der Kurs über schattige, schmale Asphaltstraßen bis zu dem Ort, wo die Natur übernimmt. Dort geht es zu Fuss hinein in den Wald, der sich selbst überlassen blieb. Hier stehen schmale Eichen neben starken Kiefern, d e m Baum der Mark Brandenburg, deren schieferförmige, braune Rinde von weitem manchmal wie der Panzer eines Schuppentieres aussieht. Buchen und Birken wachsen, auf zum Schilfgürtel hin abfallendem Gelände, eng durcheinander. Schließlich liegt sie vor uns: Eine Perle von See, an dessen bewaldeten Ufern, wenn die Zeit heran ist, Stein- und Birkenpilze aus der Erde hervorkommen. Still ist es hier: Kein menschengemachter Laut dringt an das Ohr. Selbst Handynetze schließen sich der Ruhe an und versagen ihren Dienst. Das Plätschern der Wellen, der gelegentliche Ruf eines Reihers, das aufgeregte Schnattern der Wildenten, das Krächzen einer Krähe und das Rauschen des windbewegten Schilfes gehören an diesem Tag zum akustischen Repertoire dieser Landschaft. Sonst nichts.

Warm liegt die Nachmittagssonne über dem großen Waldsee mit dem unglaublich klaren Wasser. Einige der, am Ufer befindlichen und in die Jahre gekommenen oder vom Blitz niedergestreckten, Bäume haben sich bereits der Wasseroberfläche zugeneigt. Hier entsteht und vergeht Natur; der Mensch ist vor allem Beobachter. Wenn man den Ort dieses Sees hier verraten würde, so wäre das, als plauderte jemand in aller Öffentlichkeit den Namen seiner heimlichen Geliebten aus.

 
 

Autor:

Jürgen Pahl

Kategorie:

Alltägliches | Freizeit

 

7. Juli 2011 22:05:28

… alltäglich: Fabelhafte Begegnungen

In jener Nebenstraße parken die Autos beidseitig, einerseits quer, auf der anderen Seite längs zur Fahrbahn. Daher füllt das Müllauto mehr als die Hälfte der noch verbliebenen Straßenbreite aus. Hinzu kommt, dass einige Meter weiter ein PKW in zweiter Reihe hält. Orangegewandete, kräftige Männer bewegen die fahrbaren Kunststoffbehälter mit einigem Lärm – man hat bei ihnen immer das Gefühl, dass sie bemerkt werden wollen – über die Straße zu den Hauseingängen bzw. zurück. Vor und hinter der Müllkutsche staut sich der Verkehr. Keiner kann vorbeifahren, solange das BSR-Fahrzeug seine Position nicht verändert und der Fahrer des haltenden PKW nicht wieder erscheint. Eine Minute verharrt alles auf seinem Platz, dann kommt Bewegung in die Blechschlange. Ein Audi fährt unter Hupen zurück und ermöglicht damit seinem Gegenüber das Passieren des Müllfahrzeugs. Der BMW auf der anderen Seite rückt jetzt nach. Da setzt sich der Mülltransporter überraschend in Bewegung, obwohl gerade einer der Männer zwei Tonnen aus dem Hauseingang schiebt. Der etwas verdutzt dreinblickende Kollege brüllt seinem eigenen Fahrer hinterher, der wieder retour muss. Die PKW-Lenkradmatadore bewahren alle ihre Ruhe; kein lautes Wort ist von ihnen zu hören. Irgendwann ergibt sich wieder eine Lücke und ein weiteres Auto kann vorbei. Deren Fahrer verhalten sich wahrlich nicht so unnachgiebig wie „Die beiden Ziegen“ aus der Fabel des Jean de la Fontaine. Dennoch müssen sie alle gemeinsam akzeptieren, dass die Orangenen hier die Kings auf der Straße sind.

 
 

Autor:

Jürgen Pahl

 

6. Juli 2011 17:57:07

… wieder mal in Charlottenburg: Georg Schramm

georgschramm

Wie vermisse ich ihn!

Vor einem Jahr entfernte er sich aus dem Medium Fernsehen und ließ uns zurück: Georg Schramm – für mich Deutschlands bester politischer Kabarettist. Er hatte den „Scheibenwischer“ (ARD) verlassen und dann später auch „Neues aus der Anstalt“ (ZDF) für sich beendet. In letztgenannter Sendung gab Schramm – sein kabarettistisches Tun ist von einmaliger Schärfe und seltener Qualität – den bösen Rentner Dombrowski und den Oberstleutnant Sanftleben. Dombrowski, die Figur mit dem Gesicht und Image eines ewig unzufriedenen, weil erfolglosen, Versicherungsvertreters und Sanftleben, mal ehrlich, nachdenklicher, dann ganz forscher Militär, der – im Gegensatz zu seinem zwischenzeitlichen, abgedankten, großen Chef – zu seinem Wort stand. Dieser Oberstleutnant, der in „bester“ preußischer Tradition, aber modern gewandelt, das Wort Kollateralschaden mit bellendem Lachen bedenkenlos an jedem Sonntagnachmittagskaffeetisch fallenlassen würde, der das (auch deutsche) Drama in Afghanistan lange vorher sah und mit schnoddriger Verachtung sezierte, ging uns verloren. Beide Figuren und ergo Schramm selbst haben dem deutschen Zuschauer, also uns, insbesondere aber einer besonders fehlentwickelten Spezies, dem Politiker, respektive seiner, ihn tragenden, Parteien, ihre Wahrheiten um die Ohren gehauen. Das Gift, dass seine Figuren versprühen - in Wahrheit ist es ein Antibiotikum - soll in seiner Zielgruppe nur die Blutbahn und den Kopf von all den Keimen der Dummheit, Verlogenheit und Gier reinigen, gegen die das EHEC-Bakterium vergleichsweise nur ein vorübergehender, zumeist friedlicher, Besucher ist.

Georg Schramm, 1949 geborener Arbeitersohn, Offiziersschüler, zwölf Jahre Psychologe in einer Reha-Klinik, ist – berufsmäßig – ein Sucher nach Leuten und Ansichten, die seine Wut, seinen Abscheu, aber nicht Ignoranz verdienen. Ab heute tritt der Kabarettist wieder für einige Tage in den „Wühlmäusen“ auf. Sein Programm heißt „Meister Yodas Ende“. Natürlich ist alles ausverkauft. Wer noch eine einzelne Karte ergattert, kann sich glücklich schätzen.

 
 

Autor:

Jürgen Pahl

 

29. Juni 2011 16:49:50

… Filmkritik: „Beginners“

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Bei diesem sonnigen Wetter sitzen viele lieber im Park, als ins Kino zu gehen. Einige haben sich aber gestern im Filmtheater am Friedrichshain dennoch den Streifen „Beginners“ – Regie Mike Mills – angesehen. Um es vorweg zu nehmen: Dieser Streifen ist unpathetisch, unspektakulär, ohne vordergründige Botschaft - durchaus untypisch für amerikanische Filme - und dennoch sehenswert.

Erst nach dem Tod der Mutter erfährt Oliver (Ewan McGregor) von seinem Vater Hal (Christopher Plummer), dass dieser schwul ist. Für den Sohn, der als Kind unter der ständigen Abwesenheit seines Vaters gelitten hat, was auch die liebende, unkonventionelle Mutter nicht ausgleichen konnte, ist das ein später Mosaikstein, der zu seinen bisherigen, unverarbeiteten Erlebnissen hinzukommt. Der Vater will in seinem weiteren Leben - nun als geouteter - neu durchstarten und lässt sich dabei auch von der Nachricht der Ärzte, dass er Krebs habe, nicht aus der Bahn werfen. Der Sohn lernt in dieser Zeit die junge Französin Anne kennen (Melanie Laurent), die bezaubernd aussieht, aber auch etwas aus einer ungeklärten Vater-Tochter-Beziehung mit sich herumschleppt. Das leise Tasten der beiden Menschen, die Annäherung auf einander zu, aber immer wieder auch die Hilflosigkeit, mit der Leere und Last umzugehen, wird in diesem Film von beiden Schauspielern glaubhaft dargestellt. Die berührenste Szene erlebt der Zuschauer jedoch, als der Vater, kurz vor seinem Tod, dem Sohn das Kennenlernen und die Heirat mit der Mutter schildert.

„Beginners“, den die Kamera in ruhigen Bildern vorführt, hat etwas sperriges, manchmal trostloses und selten hoffnungsvolles – darüber kann auch der Filmtitel nicht hinwegtäuschen. Er hinterlässt dem Zuschauer nicht nur Sichten auf die Homosexualität, ihre Eigenheiten, Beklemmungen im Zusammenleben , alles bezogen auf die letzten 40 Jahre des 20. Jahrhunderts, sondern vor allem Fragen zum Verhältnis von Eltern zu ihren Kindern. Es gibt auch heute noch tausende, die, selbst wenn sie darüber kaum sprechen und inzwischen schon erwachsen, davon – im doppelten Sinne des Wortes – betroffen sind.

 
 

Autor:

Jürgen Pahl

 

26. Juni 2011 21:55:55

… auf See: Abenteuerreisende

Das schwimmende Blockhaus mit dem Restaurant lockt immer wieder Leute an. Unweit des Spreetunnels in Friedrichshagen liegt es vor Anker und wartet das ganze Jahr über auf Gäste. Auf dem Anlegesteg befindet sich eine Klingel, die vom Ankömmling betätigt werden kann. Wenige Minuten später erscheint dann der Bootsmann und holt über.

Solche Häuser kennen die meisten eigentlich nur aus Western oder den Indianerfilmen der DEFA. Dort sind sie der Wohnort friedliebender Menschen, die dann irgendwann von Bösewichten überfallen werden. Hier läuft alles friedlich ab. Gestern hatten es sich, trotz des bedeckten, kühlen Wetters, einige auf dem schwimmenden Lokal gemütlich gemacht. Je weiter der Tag fortschritt, umso mehr Verkehr war auf der Müggelspree zu beobachten. Zum frühen Nachmittag legte ein rustikal aussehender Dampfer am Holzhaus an, 15-20 Mittfünfziger enterten unter großem Stimmengewirr, Lachen und offensichtlich guter Laune die Lokalität und besetzten einen vorbestellten Tisch.

Die Frauen und Männer hatten sich Jahrzehnte nicht gesehen und trafen sich nun zu einem Klassentreffen. Dennoch war keine Fremdheit zwischen ihnen zu spüren. Als sie wieder abfuhren, griff einer von ihnen zur Gitarre und begann ein Lied, in das die anderen mit einstimmten. Wie viele von ihnen hatten in der Kindheit vielleicht von Piraten und der Eroberung einer Insel gelesen oder geträumt und haben in der Jugend an das Gute geglaubt? Jetzt, wo sie wissen, dass Märchen nur selten wahr werden, dass Wünschen allein nicht hilft und sie das Unverfälschte und Vertraute mehr denn je schätzen, sind sie gemeinsam nochmal in die Vergangenheit zurückgekehrt.

 
 

Autor:

Jürgen Pahl

 
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