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18. Februar 2012 00:19:48

… ein Entwurf: Anna Huber und Yves Netzhammer – Aufräumarbeiten im Wasserfall

Geometrie, Orthogonalität, Radien, Gelenkverkettungen in großer Präzision, Quadrate, Kugeln, Flächen, Räume.
Alles ist mit grundlegenden 3D Körpern bespielt, alles hat seine Ordnung, scheint in Ordnung. Kitschige Projektionen machen den Anfang: Eine große Sonne über einer heilen Welt – Kraniche fliegen über Berge, Dörfer, Einfamilienhäuser. Aber es ist eine kalte Konzeptwelt des Scheins, in der keine echten Menschen leben, sondern Gliederpuppen eingesetzt wurden, überwacht von Hubschraubern, umstellt von Gerüsten und Zäunen, die die Kulissen zusammenhalten. Hier ist nichts gewachsen, sondern alles gemacht und manches dabei nichts geworden. Diese Welt muss im Detail nachgearbeitet werden, mit riesigen Zahnbürsten geschrubbt werden, als wäre ihr Schöpfer unzufrieden mit dem gegenwärtigen Stand der Dinge. Und dann plötzlich ist da in mitten der Kunstwelt-Projektion ein Schatten von etwas Lebendigem, ein Mensch dringt darin ein, oder taucht vielmehr aus ihr auf, tritt in Kontakt und in den Dialog mit einer der Gliederpuppen. Diese zeigt voller Übermut gleich ein Kunststückchen, lässt ein paar ihrer Gliedmaßen fernab ihres Körpers durch den Raum tanzen, und doch ist gleich zu spüren, dass die echte Lebendigkeit der Tänzerin so viel mehr zu bieten hat. Die Tänzerin übernimmt nun die Eckigkeit der Gliederpuppe erkundet den Konzeptraum, als wolle sie ihn vermessen und austesten. Es wird eine Art Belastungsprobe für Mensch und Material, die so anstrengend ist, dass die lebende Tanzpuppe zwischendurch doch ganz aus der Rolle fällt, Pause machen muss, um sich um die körperlichen Bedürfnisse zu kümmern. Sie muss essen, trinken und darf dabei ganz Mensch sein. Die 3D-Puppe sieht in einer Mischung aus Irritiertheit und Neid dabei zu. Letztlich verliert die menschliche Tänzerin auch die Nerven, rafft die gesamte Geometrie der Bühneninstallation zusammen und gibt der Gliederpuppe den ganzen Konzeptmüll wie ein getragenes Kleid zur Wäsche zurück.

Die Zusammenarbeit der Tänzerin und Choreografin Anna Huber und des Bildenden Künstlers Yves Netzhammer erwies sich als sehr ergänzend und ungemein fruchtbar. Beide künstlerischen Handschriften sind deutlich und unverfälscht sichtbar und wirken zusammen gegenseitig erhellend. Das Tanzstück „Aufräumarbeiten im Wasserfall“ ist eine intensive Performance auf der Schnittstelle zwischen darstellender und bildender Kunst, mit reichlich Zitaten aus der Kunstgeschichte. Für Momente scheinen Oskar Schlemmers Figurinen, Luise Bourgeois Spinnen und Alexander Calders Kinetische Objekte mit in dieser verdrehten M. C. Escher-Welt zu sein, doch die formale Sprache der beiden Zeit- und Eidgenössischen Künstler ist immer stark genug, um die Performance zu einem eigenständigen Ästhetischen Erlebnis zu machen.

Sehenswert: in den Uferstudios im Wedding

 
 

Autor:

Magnus Hengge

 

16. Januar 2012 13:37:50

… Ort der Umwandlung: Sarrazins Buch wird abgeschafft

<br />

Das in voller Gesellschaftsbreite durchdiskutierte und trotzdem wenig gelesene Buch (auch von mir nicht) von Thilo Sarrazin „Deutschland schafft sich ab“ ist inzwischen das meiste verkaufte Sachbuch eines deutschen Autors in der Nachkriegszeit. Rund 1,3 Millionen Exemplare haben es in die deutschen Buchregale geschafft, wo sie nun vermutlich neben anderen ungemein sachdienlichen Büchern von Hans-Olaf Henkel oder Karl Theodor zu Guttenberg stehen. Weil derartige Belastungskörper natürlich besser schnellst möglich anderen Nutzungen als der allgemeinen Volksverblödung zugeführt werden sollten, hat nun anlässlich der kommenden siebten Berlin Biennale der tschechische Künstler Martin Zet die Buchsammel-Aktion „Deutschland schafft es ab“ gestartet, deren Ziel es ist, möglichst viele der Sarrazinischen Schriften zusammenzubringen, um sich so davon zu entledigen. Die Berlin Biennale wird in dieser Angelegenheit organisatorisch unterstützend tätig und wird deutschlandweit den Büchertransport übernehmen.

Die Aktion wurde am 12. Januar veröffentlicht und bereits jetzt gibt es einen erwartungsgemäßen Aufschrei von Menschen, die eine zentrale, politisch motivierte Büchervernichtung erwarten. Das seien „Nazimethoden“ ist als einhellige Meinung zu hören und alle befürchten eine Bücherverbrennung, als könnte ein zeitgenössischer Künstler keine kreativere Strategie entwickeln, als alle Bücher auf einen Haufen zu werfen und ein bisschen mit dem Feuer zu spielen.

Ich finde die Aktion sehr spannend, gerade weil die politischen Lager so wunderbar aufgemischt werden:
Heftige Sarrazingegner werden zu Gegnern einer Gegen-Sarrazin-Aktion. Sarrazinbefürworter, die vermutlich auch schon mal den Koran einer organisierten Verbrennung zuführen würden (böses Vorurteil!), dürfen sich als Opfer einer politischen Säuberungsaktion begreifen. Und die ganze Aufregung schon im Vorfeld, bevor überhaupt irgendjemand weiß, was aus den hoffentlich vielen Büchern entstehen wird, die Martin Zet einsammeln kann. Vielleicht baut der Künstler ja ein Haus der Verständigung daraus, oder er lässt sie in einem Meer der Tränen schwimmen – wer weiß …

Die Berlin Biennale hat jedenfalls schon drei Tage nach der Erstveröffentlichung der Aktion folgende Klarstellung verbreitet:
„Martin Zet ruft Personen, die sich aus unterschiedlichsten Gründen von dem Buch „Deutschland schafft sich ab“ von Thilo Sarrazin trennen möchten, auf, es einer künstlerischen Aktion zu spenden. Entstehen soll eine Installation, deren Größe und Ausdruck abhängig ist von der Anzahl der gespendeten Bücher. Während der 7. Berlin Biennale für zeitgenössischen Kunst wird Martin Zet gemeinsam mit dem Publikum an der Frage arbeiten, welchem Zweck die Bücher anschließend zugeführt werden. Das Kunstprojekt hat nicht eine Büchervernichtung zum Ziel, sondern der Künstler verbindet mit der Spende und der Transformation der Bücher einen Akt des Widerstandes gegen den anti-migrantischen und polarisierenden Inhalt des Buches mit künstlerischen Mitteln.“

Das ist leider enttäuschend: Muss wirklich das Publikum in einer Basisdiskussion über den Verbleib der Bücher entscheiden? Warum dieses Einknicken? Ich wünschte mir stattdessen einen wirklich selbstbestimmten, künstlerischen Akt. Martin Zet soll einfach bestimmen, was mit den Büchern zu passieren hat und dann auch persönlich dafür grade stehen. Aber wie es aussieht wird man an einem kleindiskutierterten Konsens mit womöglich paritätischer Aufteilung nicht vorbeikommen. Doch dafür hätte ich natürlich auch gleich eine Lösung parrat: 98 % der Bücher werden dem Wertstoff-Recycling zugeführt und der Erlös dafür einer Vielzahl von Organisationen zur Förderung von Kindern mit Migrationshintergrund gespendet (ein Bewerbungsverfahren für die Organisationen kann unverzüglich eingeleitet werden) und 2 % dürfen von einer radikalen Minderheit öffentlich und fröhlich verbrannt werden.

Übrigens: Das private und einzelne Buchverbrennen ist im Gegensatz zur politisch motivierten, öffentlichen Autodafé ein Akt der inneren Reinigung und im Falle der Verbrennung im heimischen Ofen auch noch eine relativ nützliche Angelegenheit, sofern es im Winter geschieht. Das kann ich aus eigener Erfahrung sehr empfehlen.
Die reguläre und täglich praktizierte Art des massenhaften Bücher-Recylings ist hingegen ein sehr unterkühltes Verfahren: kleinhäckseln, einweichen, vermengen und zu minderwertigem Papier verarbeiten. Mit solchem kann man sich dann entweder den Hintern abwischen oder Paperback-Auflagen drucken. Ob es zwischen diesen möglichen Nutzungen eine moralische Wertigkeit gibt, sein dahingestellt.

 
 

Autor:

Magnus Hengge

 

29. Dezember 2011 12:00:34

… so oder so: Missverständliches

„Engel“ -Bestattungen, Invalidenstraße 1a, 10115 Berlin und Engel-Bestattungen, Schönstraße 1a, 13086 Berlin. http://www.engel-bestattungen.de/kontakt.html

 
 

Autor:

Jürgen Pahl

Kategorie:

Alltägliches

 

23. Dezember 2011 21:39:32

… ein Kurzkrimi: Lissy’s Sturz

Roy hatte etwas Jungenhaftes und Gutmütiges an sich. Beides war erkennbar in seinem Gesicht vereint. Er nahm das Leben (auch in seinem Beruf als Programmierer, in dem er sehr gut verdiente) so wie es kam. – Dieser Dezembersonntag ließ sich gut für ihn an, denn die Wege waren schneefrei, die Luft feucht, aber nicht kalt. Seiner üblichen Runde mit dem Mountainbike stand also nichts im Wege. Von der Invalidenstraße bog er hinter dem Bundeswirtschaftsministerium auf den Weg entlang des Berlin-Spandauer-Schifffahrts-Kanals ein und fuhr, vorbei an den westwärts der Wasserstraße gelegenen Lagerhallen - teilweise alten, dennoch schönen Klinkerbauten, zwischen denen das Unkraut seit Jahren wuchert – zügig Richtung Wedding. Roy passierte den Invalidenfriedhof und obwohl ihn Geschichte eigentlich kaum interessiert, wollte er sich schon längst einmal mit einigen der auf den Grabsteinen verewigten Namen, mit sehr unterschiedlicher Herkunft, beschäftigen. Dann radelte er an den Vierstöckern in der Kieler Straße vorbei, wo ihn die Drahtgitter der Balkone jedes Mal wieder an die Käfighaltung von Hühnern erinnerten. Schon kamen rechterhand die, selbst heute noch modern wirkenden, Bauten der ehemaligen Schering AG in den Blick. An der Stelle, wo der Weg die Brücke an der Sellerstraße unterquert und zum Wasser hin stark abschüssig wird, fuhr er langsamer. Unmittelbar hinter dem Brückenfundament sprang plötzlich ein vermummter Mann aus dem Gebüsch hervor, stieß ihn mit voller Wucht um, so dass er mit seinem Rad auf den Uferbeton stürzte und beinahe in den trüben Kanal gefallen wäre.

Lissy – Krankenschwester von Beruf – tastete mit beiden Händen vorsichtig Hals und Wirbelsäule des muskulösen Mannes ab. Ihre Hände gingen sehr sanft vor, was mit ihrem Gesichtsausdruck korrespondierte, der beinahe so etwas wie Erleichterung ausstrahlte.“Ich muss trotz des Helmes irgendwas abbekommen haben, kann den Kopf nicht mehr richtig heben“, flüsterte Roy und ein leises Stöhnen erfüllte den Raum, der von Kerzen erleuchtet war. „Wenn ich den Kerl nur erkannt hätte, aber als ich wieder zu mir kam, war er weg.“ Lissy küsste den Nacken des vor ihr liegenden Mannes an verschiedenen Stellen, als ob sie dadurch den Schmerz lokalisieren und lindern wollte. Roy liebte diese aparte Frau mit der sportlichen Gestalt und sie wusste es. Nur ihr deutliches Interesse für schönes Leben und Luxus verstörte ihn manchmal, genauso wie ihr zuweilen rätselhafter oder abwesender Blick. – „Du musst nochmal zum Arzt; wenn der Notarzt auch keine Gehirnerschütterung festgestellt hat – es ist zu riskant - man wird eine MRT-Untersuchung von Hals und Wirbelsäule machen müssen. Wir dürfen“, lächelte Lissy ihren Freund hingebungsvoll an, „unseren Urlaub nicht gefährden – es wird jetzt schwierig, noch einen Termin zu bekommen, aber ich rede mal mit Torsten.“ Roy zuckte bei diesem Namen zusammen. „Ausgerechnet dein Ex, dieser Besserwisser“, kam es aus ihm heraus. Lissy lachte jetzt laut auf. „Er weiß nichts von dir, aber es wird sein letzter Dienst für uns beide. Und vergiss nicht: Torsten ist ein guter Arzt.“ Roy wusste das, aber er ahnte auch, warum Lissy immer noch an diesem Mann hing.

Der Termin im Krankenhaus Friedrichshain kam erwartungsgemäß noch kurzfristig zustande. Die Schwester gab Roy einen Fragebogen zum Ausfüllen und wies anschließend darauf hin, dass die Untersuchung ca. 20 Minuten dauern würde. Außerdem: Da diese Technik - Roy war, immerhin war es neue Medizintechnik der Firma Siemens, über die Aussage der Schwester etwas erstaunt – nicht unerhebliche Geräusche produzieren würde, müsse er während der Untersuchung Ohrstopfen tragen, die ihm die Schwester aushändigte. Als er sich dann auf den Schlitten legte, wurde sein Kopf arretiert und trug nun eine Art Helm. In diesem Moment kam Torsten herein, begrüßte höflich den vor ihm liegenden Patienten und übernahm nun selbst das weitere, während sich die Schwester in das Wochenende verabschiedete. Kurz bevor der Schlitten  in die Anlage, die wie ein offener Rachen auf Nahrung zu warten schien, einfuhr, hörte Roy den Arzt noch fragen: „Haben Sie denn inzwischen etwas über diesen Mann erfahren, der Sie vom Fahrrad gestoßen hat?“ Obwohl Roy die Stimme von Torsten akustisch bereits leicht verzerrt wahrnahm, glaubte er einen ironischen Unterton heraus zu hören. Aber da war er bereits mit seinem Oberkörper in der Maschine.

In den ersten Sekunden war es totenstill. Roy konnte sich nicht bewegen. Es war extrem eng in dieser Röhre und der Abstand von seinem Gesicht bis zur oberen Wandrundung betrug höchstens zehn Zentimeter. Der Mann musste seinem Gehirn befehlen, Ruhe zu bewahren, um seine Platzangst zu überwinden. Dann setzte das rhythmische Klopfen der Maschine, verursacht durch elektromagnetische Wellen und Magnetfelder, ein – es war trotz der Ohrstopfen noch erschreckend laut. Dann änderte sich schlagartig die Frequenz der Klopftöne, aber die Lautstärke war nicht weniger unangenehm. Dann folgte erneut ein Wechsel der Klopfrhythmik.- Roy war angespannt, aber er konnte kein System heraushören und spürte, wie Beklemmung in ihm aufstieg. – Woher wusste dieser Torsten eigentlich von diesem Detail, er hatte in der ärztlichen Voruntersuchung doch einen ganz anderen Grund für den Sturz angegeben?? – Plötzlich hörte Roy die Geräusche kaum noch, etwas anderes, furchtbar Schreckliches erfasste ihn, trieb ihm den Schweiß aus allen Poren und lähmendes Entsetzen befiel ihn …

Torsten und Lissy waren auf dem Weg zum Flughafen Tegel. Sie war, was er natürlich sofort merkte, an diesem Tag in ambivalenter Stimmung. Um sie aufzumuntern, erzählte er ihr von dem Weihnachtsbaum-Kauf für seine Mutter: „Der hatte nur elende Krücken auf seinem Platz zu liegen. Dann hat mir der Verkäufer – ich glaube, ein Pole, während die Bäume aus Dänemark sein sollen, ich glaub’s nicht – einen brauchbaren gezeigt. Die Chefin wollte mir, da ich sie zappeln ließ, 15% Rabatt geben. Ich sag zu ihr, die nehm ich gern, aber der Verkäufer soll mir noch das Stammende dünner hacken, denn der Baumständer meiner Mutter ist ein uralter. Was meinst du, wie die Cheftanne geguckt hat.“ Das waren diese Geschichten, die Torsten liebte und manchmal auch Lissy. – „Hast du sein Konto abgeräumt“, fragte er nach kurzer Pause und sein ebenmäßiges, intelligentes Gesicht blieb völlig regungslos dabei. „Ja“, antwortete sie zögernd und schaute ihn dabei nachdenklich an, was ihrem schönen Gesicht etwas Klassisches verlieh. „Du brauchst keine Angst haben. Da, wo wir hinkommen, hab ich vorgesorgt.“ - „Er ist ein ehrlicher Mensch“, schob Lissy nach. „Und ein Dummkopf dazu“, trompetete ihr Ex-Freund nun plötzlich, sonst hätte er nicht auch noch seine Lebensversicherung zu deinen Gunsten ergänzt.“ Ich muss diese Frau halten, schwor er sich.

In Tegel hatten sie noch etwas Zeit und obwohl sie die Sicherheitskontrollen überzogen fanden und das Getue der dort Beschäftigten ihnen regelmäßig auf die Nerven ging, nahmen sie sich die Zeit, vor dem Abflug noch ein Bier zu trinken, denn die kostenfreie Bewirtung während der Flüge hatte inzwischen ein homöopathisches Niveau erreicht. Lissy schaute aus den Augenwinkeln in Torstens Gesicht. Sie hatte ihn, obgleich ihr nie der Gedanke an Heirat kam, immer bewundert ob seines Selbstbewusstseins, seiner Klugheit, seines sicheren Geschmacks und ein wenig auch wegen seiner Arroganz, die er immer dann zeigte, wenn etwas total von seinem Standard abwich. Dieser Mann, soviel war ihr klar, war rigoros, aber er könnte ihr auch für die Zukunft etwas bieten. Nun, sie hatte sich jetzt entschieden.

Als die Polizei beide am Check-in-Schalter festnahm, ging sein Blick sofort zu ihr. Der Gesichtsausdruck war der gleiche verächtliche wie damals, als ein erfahrener Kollege aus seinem Krankenhaus die einfache Operation verpfuscht hatte, was wirklich niemand für möglich gehalten hätte. „Ich war im Krankenhaus“, entgegnete Lissy fast tonlos. Das war’s dann für dich. Außerdem liebe ich Roy.“

Aufgrund Fluchtgefahr blieben jedoch beide in Untersuchungshaft. Torsten wegen Mordverdacht, zumindest schwerer Körperverletzung in zwei Fällen und Lissy wegen Beihilfe. Dass sich diese schöne Frau in letzter Minute für Roy entschieden und ihn aus dieser MRT-Anlage befreit hatte, belastete sie nun schwer. Der Mann, der sie einmal liebte, hatte sich entschlossen, bei der Polizei zu allen Punkten auszusagen und dabei auch erwähnt, wie sie sich seine finanziellen Ersparnisse erschlichen hatte. Für Lissy, deren gewollt flirrendes Doppelleben zwischen zwei Männern nun zu Ende ging, war all das zum Jahresende ein Sturz aus ungeahnter Höhe.

 
 

Autor:

Jürgen Pahl

 

23. Dezember 2011 00:20:54

… Friedrichstraße: Halblange Anbahnung

Der heutige Donnerstag, tagsüber ein nichtwinterlicher, mutierte zum Abend hin in einen beinahe frühlingshaften, nieselregnerischen. Die Bürgersteige entlang der Friedrichstraße sind dennoch leidlich ausgelastet und – um den Bahnhof herum – sieht man auch heute wieder die Anbahner. Sie bringen Protest, Mitleid, Interesse und anderes vor und an den Vorbeigehenden. Sie machen auf die geschundene Natur aufmerksam oder zeigen mit Fotos auf Unrecht und Unmenschlickeit. Die Anbahner werben um die Aufmerksamkeit der Passanten und ihr Geld.

Unmittelbar am U-Bahn-Eingang steht ein baumlanger, junger Mann, der die Berliner Zeitung anpreist. Vor ihm, sie reicht ihm nicht mal bis zur Brust, eine junge Frau, modern gekleidet, Typ Annett Louisan. Sie muss den Kopf mächtig in den Nacken legen, um zu dem Anbahner aufzublicken. Er kann, so ich ihn von weitem sehe, unmöglich von einem Zeitungs-Abo reden, dazu schaut sie viel zu verzückt nach oben. Irgendetwas Nettes süßholzraspelt ihr der Dirk Nowitzki unter den Abo-Werbern vor. Erst als ich – auf Höhe der beiden – an ihnen vorbeimarschiere, kommt die entscheidende Frage: „Na, was hälts Du denn nun von einem Probe-Abo der Berliner Zeitung?“

Da ich hinten keine Augen habe und meine Ohren mit denen der Fledermäuse nicht konkurrieren können, bleibt das Ende dieser Anbahnung leider offen.

 
 

Autor:

Jürgen Pahl

 

22. Dezember 2011 14:12:25

… drauf: Glücksstück von Helena Waldmann im Radialsystem

Man wird vorweihnachtlich empfangen: der Blick fällt in eine Art Manege überstanden von einem gold glitzernden Beduinenzelt, ein fröhlich gepfiffener Loop aus dem Intro von Mr. Bojangles ertönt. Es ist ein Ort zum glücklich sein. Die Tänzer treten auf, lächeln charmant, alles swingt verführerisch, alles ist ganz leicht. Doch irgendwann wird dieses Glück doch ein bisschen langweilig, man fragt sich, ob das schon alles war, was an Glück möglich ist und so allmählich verändert sich die Wahrnehmung des Angenehmen in eine Endtäuschung. Wut kommt auf, darüber, dass andere vielleicht noch glücklicher sind, dass man das eigene Glück nicht halten kann, oder auch darüber, dass man es sich selbst durch Zweifel, Ehrgeiz oder Neid zerstört. Diese gesellschaftlich verordnete Pflicht zum Glücklich-sein kann schön richtig nerven. Überall diese Ratgeber und das allgemeine Streben nach Glück, koste es was und schade es wem es wolle. Man kann wahnsinnig werden darüber …

Besonders gefallen hat mir die Musikauswahl und die Interpretationen von einzelnen Stimmen oder Stimmsätzen: da wird eine Trompete zum Weinen eines Babys, um das sich ein Vater fürsorglich kümmert, ein Bläsersatz zur wütenden Publikumsbeschimpfung und ein Gesang zu gnadenlosen Befehlen von erbarmungslos glücklichen Nussknackern. Auch die Einzelleistungen des vier Tänzer (André Soares, Brit Rodemund, Moo Kim und Tobias M. Draeger) waren ebenso mitreißend dynamisch wie sinnlich gefühlvoll, wobei besonders Moo Kim nicht von dieser Welt zu sein scheint: er tanzt einfach grandios energetische Solos.

Es war ein großes Glück, dieses Stück zu sehen und es bleibt zu wünschen, dass es wieder mal zu sehen sein wird.

 
 

Autor:

Magnus Hengge

 

21. Dezember 2011 13:12:26

… wortklauberisch: Der Gott des Gemetzels von Roman Polanski

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Vier gepflegte New Yorker, jeweils als Elternpaare von zwei Jungs, treffen sich in der Wohnung des einen Paares, um die Probleme zu klären, die dadurch entstanden, dass der eine Junge dem anderen bei einer Rauferei unter Freunden mit einem Stock zwei Zähne ausgeschlagen hat. Schon nach wenigen Sätzen ist klar, dass dabei sehr unterschiedliche Ansichten zu den Themen Schuld, Verantwortung und Erziehung aufeinander treffen. Hinter einer ausnehmend höflichen und vorsätzlich freundlichen Fassade dreht sich das Gespräch recht schnell ins ebenso persönlich Verletzende wie grundsätzlich Ideologische. Ein brillant ätzender Satz toppt den vorigen und bald lösen sich die paarweise verteilten Fronten auf: man solidarisiert sich mal nach Geschlecht, Herkunft, sozialer Schicht bis sämtliche Bande feinsäuberlich zerrissen sind. Es wäre an sich furchtbar deprimierend, wie mies diese Großstädter aufeinander losgehen, wenn nicht die Schauspieler allesamt großartig und die Dialoge dieser Theateradaption von Yasmina Reza so treffen komisch wären.

Gesehen im Kino International

 
 

Autor:

Magnus Hengge

Kategorie:

Kino

 

17. Dezember 2011 22:05:51

… sakra: Der blaue August oder Bayern in Berlin

Bayern hatte bis vor noch gar nicht so langer Zeit den einzigen Ministerpräsidenten unter den Kabarettisten. Diese Auftritte sind leider vorbei, jetzt kommt nur noch Bierernstes von dort unten. Die heimatdurchtränkte CSU verlor über den rauchgeschwängerten Tischen der Bierzelte in den letzten Jahren die absolute Stimmenmehrheit (einzig vergleichbar mit dem Aussterben der Dinosaurier) und selbst der einst nach Berlin und in die weite Welt entsandte KT wirft nur noch undankbare Schatten auf seine bergige Heimat.

Des ungeachtet ist die bayrische Exportoffensive nach Berlin, befördert durch die bayrische Vertretung in der Hauptstadt, nie zum Stillstand gekommen. Dass auf der diesbezüglichen Website das Wort Botschaft in Anführungszeichen gesetzt wurde, soll Ironie vortäuschen, ist aber ein krachlederner Fehler. Denn: Nirgends ist das Selbstwertgefühl so ausgeprägt wie in Bayern und wo sonst noch kann man derart fein ziselierte Meinungsäußerungen hören, wie von bayrischen Politikern oder Funktionären des FC Bayern München. Dennoch: Was wäre Berlin ohne bayrische Küche, ohne den preußisch zurechtgestutzten Ableger des Oktoberfestes, was wird Hertha ohne den bayrischen Trainer (der Klubleitung stünde etwas mehr Selbstbewusstsein gut) und wie sähen die Berliner inbesondere ohne ihn aus – August?

Der blaue August, Nachname Lenz, ist so um die 1,70 m groß. Man findet ihn, obwohl er kaum auffällt, - gleichzeitig – zu Dutzenden in Berlin – auf Bahnsteigen, an Hausecken, in Warenhäusern oder Supermärkten. Neben dem Blau finden sich noch andere Farben in seinem roboterhaften Erscheinungsbild, manchmal leuchtet er wie ein durchgeknallter Spielautomat. Er ist der eigentliche bayrische Favorit in Berlin, ohne ihn geht vieles nicht, daher sollten wir – zumal er immer die Klappe hält - darüber nachdenken, ihm die Ehrenbürgerwürde anzutragen. Die Anfrage wäre zu richten an das Bankhaus August Lenz in München, dessen Geldautomaten dafür sorgen, dass wir flüssig bleiben.

 
 

Autor:

Jürgen Pahl

Kategorie:

Alltägliches | Freizeit

 

14. Dezember 2011 19:04:13

… dezemberlich: Bekennerschreiben

Leute, schaut auf diese Stadt! Der Berliner Senat, mühelos in verborgener Kleinarbeit vorbereitet, nach außen hin aber gewohnt lässig – proudly presents: Eine neue Maßeinheit – das Braun. Ein Braun (in Zahlen: 1) ist die Zeit zwischen der Ernennung und dem Ausscheiden eines Senators und wurde nach dem Eichometer, das im Keller des Roten Rathauses installiert wurde, auf genau elf (in Zahlen: 11) Tage festgelegt. Wie wegweisend und kooperativ Berlin wieder arbeitet, zeigt sich daran, dass diese neue Einheit auch für Minister, Parteivorsitzende und Generalsekretäre, Trainer aller Art, Intendanten, vor allem aber für die Bearbeitungszeit in der Verwaltung genutzt werden kann. Für die Prüfung einer Steuererklärung (also, wenn der Bürger ein Rückzahlung erwartet) könnte man zehn Braun in Ansatz bringen. Ja, hier wurde know how kreiert, dass andere Bundesländer übernehmen könnten, wenn sie  nicht selbst schon genug Ärger haben. Wie geht es nun, dezemberlich gefragt, in unserer Stadt weiter: Rot (+Purpur!)/Schwarz oder sexy?

Keine Ahnung, denn Berlin ist ja vor allem die Stadt der Touristen. Wir anderen leben hier nur und schätzen die alltäglichen Abläufe und Höhepunkte. So gefallen mir z. B. die DPD-Fahrer ausnehmend gut. Die klingeln eine Nanosekunde an der Haustür, aber noch vor Ablauf dieser Zeitspanne sind sie wieder weg, drücken einem Kioskbesitzer die Sendung in die Hand und vergessen dabei, den Zettel im Briefkasten des eigentlichen Empfängers anzubringen. Denn: Die Bewegung ist alles, das Ziel nichts. Oder unsere Politessen mit ihren schmucken Uniformen und adretten Frisuren: Sie machen einen großen Bogen um Firmenfahrzeuge, die Eingänge blockieren und um Kampfhundebesitzer, deren Lieblinge ihre Beißerchen maulkorbfrei zeigen. Nur der private Falschparker steht auf ihrer cash-Liste und hat eine reale Chance für die Aufnahme in eine Sünderdatei.

Ich bekenne weiterhin: In dieser Stadt der Kreativen und Think Tanks soll der Teufel all jene holen, ob Firma oder Behörde, die – obwohl sie es sich leisten könnten - junge Leute und Absolventen für Praktika, Wochenendarbeit und Überstunden gar nicht oder nur erbärmlich bezahlen, ihnen nicht mal einen Arbeitsvertrag geben. Weiter: Sollen doch Hauseigentümer und Vermieter auf ihren notdürftig sanierten Wohnungen, die sie von Auszug zu Auszug immer teurer vermieten, sitzenbleiben. Und: Ich wünsche allen ein nachdenkliches Weihnachtsfest, die ihre Kunden betrügen, ob sie Banker, Arzt oder Gemüsehändler sind oder jene, die, national berauscht, vermeintlich Schuldige bei Minderheiten suchen und die wirklichen Übeltäter nicht sehen wollen.

Schließlich: Welcher Stellenwert für diesen Senat, mit dem wir noch viel erleben werden, und seinen Kultursenator große deutsche Literatur und das deutsch-deutsche Kulturerbe besitzt, zeigt die Nichtanwesenheit offizieller Vertreter bei der Beerdigung von Christa Wolf. - Für Ignoranten hilft vom Weihnachtsmann nur noch die Rute und am besten für 2012 vorsorglich gleich mit!

 
 

Autor:

Jürgen Pahl

 
 
 
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